Das sich selbst erhellende Bewußtsein als poetisches Ich. Von Adam Bernd zu Karl Philipp Moritz, von Jean Paul zu Sören Kierkegaard.
Eine hermeneutisch-phänomenologische Untersuchung.
Die Arbeit wurde mit „magna cum laude“ (sehr gut) bewertet und ist im Wehrhahn Verlag Hannover in der von Brunhilde Wehinger und Günther Lottes herausgegebenen Reihe Aufklärung und Moderne erschienen.

Verteidigung der Dissertation – Text des Vortrages vom 7. Dezember 2009:
Das poetische Ich ist mitten unter uns. Einmal in die Welt gesetzt, lebt es seiner Potenz nach ewig, wenn auch nicht in Ewigkeit und schon gar nicht im Garten Eden. Es hat die selben Wünsche und Hoffnungen, die selben Ängste und ist den selben Deformationen ausgesetzt wie ein Mensch, der „einen fünf Fuß hohen Körper mit Häuten und malpighischem Schleim und Haarröhren“ sein eigen nennt, so wie dies einmal Jean Paul in seiner Selberlebensbeschreibung ausdrückte. Auf welche Art und Weise aber kam das poetische Ich in die Welt, wer hat es wie erschaffen, oder hat es sich gleichsam selbst erschaffen?, und vor allem auch: welcher Geist und welche kulturelle Praxis stand Pate bei seiner Entstehung?
Ich habe den zeitlichen Bogen meiner Untersuchnung vom späten 17. Jahrhundert bis zur Zeitenwende 1914 gespannt, einerseits also eine Epoche beleuchtet, in der das poetische, eigenständige, selbstreflektierende und eine erkennbare persönliche Entwicklung vollziehende Ich als ein Wesen in literarischen Texten noch nicht, und in der Wirklichkeit als aufgeklärter, sich selbst bewusster Mensch noch nicht sehr häufig auftaucht, während ein solches Ich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert selbstverständlicher Bestandteil der Wirklichkeit und der Literatur geworden ist. So ist die Arbeit, wie schon aus dem Unter-Titel ersichtlich, gleichsam, auch wenn die Übergänge naturgemäß fließend sind, zweigeteilt, ohne daraus eine konkrete und einengende Systematisierung herzuleiten. Vielmehr veränderte sich meine Herangehensweise mit ihrem Gegenstand nach Maßgabe der notwendigen Textnähe und der zunächst sehr, später aber kaum noch notwendigen Kontextualisierung suksessiv, denn die Ungeheuerlichkeit eines nicht mehr typisierten, sondern unberechenbar eigenständigen Ichs, etwa in einigen wenigen noch eher autobiographischen Texten, weicht nach und nach der Erkenntnis, es im dann literarischen Roman-Text mit einem quasi menschlichen Gegenüber zu tun zu haben, dessen Seins-Berechtigung auf den Möglichkeiten und Bedingungen des Menschseins schlechthin beruht. So war das poetische Ich als einer sich erst langsam offenbarenden Möglichkeit zunächst unbedingt mit den soziokulturellen Gegebenheiten des späten 17. und des frühen 18. Jahrhunderts zu konfrontieren, wo nötig auch sehr kleinteilig und sowohl auf Konventionen bezogen, die der Entwicklung des Einzelnen hin zu einem selbstbewussten und eigenständig handelnden Subjekt im Wege stehen, als auch in Bezug zur Aufklärung, der ein solch eigenständig-selbstbewusstes Ich bereits innewohnt als Grundvoraussetzung und zugleich Ziel autonomen Seins. Mit der Entwicklung eines aufgeklärten Ich und der immer häufiger genutzten Möglichkeit, dieses Ich als ein poetisches, menschlich-individuell erscheinendes in der Literatur auftreten zu lassen, verschiebt sich der Fokus meiner Untersuchung hin zu den Erscheinungsformen und den Bedingungen der „technischen Geburt“ eines poetischen Ich und zu Texten als einzelne, künstlerisch entworfene Welten mit eigenen, ihnen innewohnenden Kontexten, deren Brisanz sich letztlich aus den Handlungen und Gedanken innovativ-eigenständiger Ichs ableitet und nicht mehr, wie noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, allein aus der Darstellung säkular-eigenständigen Lebens, wie es sich in Autobiographien äußert. Die souveräne Nutzung aller notwendigen Untersuchungsmethoden, die ich unter dem Begriff einer hermeneutisch-phänomenologischen Methodik subsumiere, ist mitunter die Grundlage dafür, den Texten ihre besondere Bedeutung abzuringen, die sicher nicht immer bewusst hineingelegt worden ist, durchaus aber herausgelesen werden kann, wenn es denn gelingt, sich in die Texte einzufühlen nicht nur nach Maßgabe eines Wissensvorsprungs bezüglich des übergeordneten Kontextes oder späterer Erkenntnisse, sondern vor allem nach Maßgabe des Menschlich-Allzumenschlichen, soll heißen, eher als Mensch denn als einer Wissenschaftsmaschine zur Herstellung von Texten aus Texten. So war es nicht nur nicht notwendig, aus einer gleichsam sicheren Distanz zu arbeiten, sondern es wäre meiner Sache sogar abträglich gewesen, das Wagnis der Anteilnahme zu scheuen aus der Angst heraus, sich mit einem Erreger zu infizieren, der Schaden an der Erkenntnis anzurichten in der Lage ist. Solch ein Einfühlen in Texte jeglicher Art bedarf eines besonderen Vermögens und eines absoluten Vertrauens in die eigenen Fähigkeiten, und es wäre sicher fahrlässig und unverzeihlich gewesen, statt mit allen Kräften an der Bewältigung meiner Aufgabe zu arbeiten, mich mit der Anwendung in Mode stehender Methoden zufrieden zu geben. Es hieße aber einem Missverständnis aufsitzen, ein Einfühlen in Texte und Kontexte zu verwechseln mit einer unkritischen oder parteilichen Herangehensweise, mit einer Übervorteilung seiner selbst durch sich selbst, denn mit dem Verfassen des die Erkenntnisse darstellenden eigenen Textes ist schließlich eine Distanz vorhanden, die zuvor falsch gewesen wäre. Die Interpretation ist am Ende das Ergebnis der besonderen Nähe zum gleichsam lebenden Text, ohne dass die dem zugrunde liegende Arbeit noch durchschiene. Nur so kann das Erkannte in einen lesbaren und in jeder Hinsicht sinnvollen wissenschaftlichen Text überführt werden, der sich nicht allein selbst genügt in seiner sicher normierten Wissenschaftlichkeit, sondern der Wissbegier eines jeden Lesers so viel wie nur möglich bietet. Diese, meine Herangehensweise steht sicher quer zu Methoden, die allein aus der Distanz zu beschreiben versuchen, um was es in Verlautbarungen aller Art geht. Doch wie der Ethnologe die Welt bereist, um mit seinem Forschungsgegenstand in Tuchfühlung zu kommen, so muss auch der Kulturwissenschaftler die Welt der Medien, die Welt der Literatur mutig und eigenständig durchschreiten, um schließlich und endlich wissenschaftlich angemessen darüber berichten zu können. Sich in vorauseilendem Gehorsam für eine solche Herangehensweise zu rechtfertigen oder aufwändig anderen gegenüberzustellen, halte ich für nicht sinnvoll innerhalb einer Untersuchung wie der meinigen. Ich habe also, um dies hier klar zu sagen, ohne Rückgriff auf fremde, oftmals in einem Übermaß technokratische Methoden die der Arbeit gemäßen Methoden und Werkzeuge jeweils so gewählt, dass der Bau von unten nach oben die notwendige Stabilität und Form erhält und der letzte Nagel nicht mit dem Vorschlaghammer eingeschlagen werden muss.
Ich möchte an dieser Stelle, damit es nicht untergeht, noch einmal kurz betonen, dass diese Arbeit sich dem poetischen Ich widmet, nicht etwa dem normativen, dem Helden alter Schule, der sicher alles hat, nur kein Innenleben. Auch das reale Bewusstsein realer Menschen ist nur insofern Gegenstand, wie es Material zur Verfügung stellt und gleichsam Texte aller Art möglich macht, die der Entstehung des poetischen Ich auf welche Art auch immer förderlich sind. Ich unterscheide zwischen dem inventarischen und dem inventorischen Ich, also dem normativen und dem poetischen. So bewegte sich auch von Anfang an alles auf den dann isoliert zu betrachtenden literarischen Text zu, denn dass ein poetisches Ich im Regelfall in einer reinen Autobiographie keinen Platz findet, ergibt sich allein schon durch die ausschließliche Bindung an den Autor, die jede anzunehmende Freiheit eines durch Text entstehenden Bewusstseins unterbindet. So war es also unabdingbar, Texte zu untersuchen, die die Entstehung des aufgeklärten, sich selbst reflektierenden realen Ich zum Inhalt haben und eben dieses zu ihrer Zeit beförderten, ohne diese Aufgabe schon einem textimmanenten Ich zu überlassen, welches eigenständig-menschlich erscheint wie ein reales Ich. Dies war vor Mitte des 18. Jahrhunderts kaum denkbar, kein Autor, kein Leser hatte überhaupt eine Vorstellung davon, wie die individuelle Entwicklung eines Individuums durch Text adäquat dargestellt werden kann. Es fehlten noch fundamentale Techniken der Darstellung wie etwa der innere Monolog, der den subjektiven Gedankengang einer Person offenbart. Eine Ausnahme ist, gleichsam als Frühform des poetischen Ich, Shakespeares Bühnenfigur Hamlet, der auch bezeichnenderweise in Karl Philipp Moritz’ autobiographisch angelegtem Roman Anton Reiser eine Rolle spielt, da der Protagonist als ein nahezu vollständiges poetisches Ich in Hamlet einen Leidensgenossen erkennt und darüber hinaus, dass er sein Leiden quasi mit der Menschheit gemein hat. So wird ein Ich exemplarisch und für den Leser zugleich fassbar und erlebbar, denn es handelt sich bei Anton Reiser eindeutig nicht mehr um ein normatives Ich, das die Ereignisse eines Lebens unreflektiert qua Text gleichsam nur dokumentierte.
Da es also in meiner Untersuchung darum geht zu ergründen, wie sich das sich letztlich jeweils selbst erhellende Bewusstsein als poetisches Ich zeigt und entwickelt, ausgehend von den realen Bedingtheiten der Frühaufklärung, war es unabdingbar, das poetische Ich vor seiner Zeit als ein sich anbahnendes zu zeigen. Die in der Frühaufklärung aufgeworfene Frage, wie ein Mensch sich selbst sieht und erlebt, welche Entwicklung er vollzieht und welche Folgen sich aus Angst und Leid, aber auch aus der Möglichkeit eines gelingenden Lebens ergeben, läßt sich für den Zeitraum des frühen 18. Jahrhunderts und für den deutschen Sprachraum meiner Überzeugung nach am besten bearbeiten mit der Eigenen Lebensbeschreibung des Leipziger Predigers Adam Bernd von 1738. Auf diesen Text gehe ich umfänglich ein, denn die Lektüre zeigt schnell, wie intensiv Bernd das eigene Selbst einer Beobachtung aussetzt mit dem Ziel, Ängste, Sorgen und Zwangsgedanken aus ihren Ursachen heraus zu begreifen, ohne religiös konnotierte Antworten akzeptieren zu wollen. Hier ist in besonderem Maße der zeithistorische Kontext zu berücksichtigen, der die Enstehung eines rationalen Priestertums im protestantischen Bereich befördert, sich wesentlich ergebend aus der Ablehnung einer dogmatisch-verkrusteten protestantisch-orthodoxen, sich in alle Lebensbereiche erstreckenden Herrschaft und der Zuwendung zu den damit in Konkurrenz stehenden relativ neuen Erkenntnissen der Philosophie der Aufklärung, die auch und besonders von Christian Thomasius der Welt außerhalb enger Wissenschaftlichkeit vermittelt werden. Um diesen Kontext kurz anzudeuten: Die sich Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts herausbildende Bewegung des Pietismus steht der protestantischen Orthodoxie als Gegner gegenüber, da der Pietismus zunächst die Mündigkeit des einzelnen Christen nach Maßgabe der lutherischen Doktrin des allgemeinen Priestertums ebenso betont wie die Notwendigkeit eines individuell-emotionalen Zugangs zu Glauben und Gott; dem Menschen soll so ein Zwiegespräch mit Gott ohne Vermittlung einer kirchlichen Obrigkeit ermöglich werden, vor allem durch intensive Bibellektüre und eine nach Innen gerichtete Frömmigkeit. Wenn auch letztlich die Selbstaufgabe, die Ertötung des eigenen Selbst als einer Wiedergeburt zu Lebzeiten Ziel des Pietisten ist, so ist zur Beschreitung des Weges und zur Führung eines christlichen Lebens zunächst eine ständige Selbstkontrolle und ständige Selbstbeobachtung notwendig. Im Falle Adam Bernds und vieler Zeitgenossen werden die nötigen fundamentalen Techniken des Sich-selbst-Sehens bereits in der Kindheit mittels einer überaus strengen Erziehung entwickelt, die es zum Ziel hat, das Säkular-Alltägliche als unchristlich zu brandmarken, um schon dem Kind die Tugenden christlichen Lebens gleichsam einzubläuen und es von den sogenannten Mitteldingen fernzuhalten, die da vor allem sind: Tanz, Theater, Musik und Kartenspielen; sogar das Lachen wurde dem Kind Adam Bernd verboten. Die Begabung Bernds führt ihn schließlich über das Elisabeth-Gymnasium in Breslau zum Studium nach Leipzig, wo er einige Jahre nach Studienende schließlich die Stelle eines Predigers an der Peters-Kirche erhält. Die uns überlieferte Autobiographie entstand nach seiner 1728 vollzogenen Suspendierung, deren Grund darin liegt, dass er nach Ansicht der orthodoxen Leipziger Fakultät in einer Schrift die protestantische Rechtfertigungslehre angegriffen hat, indem er die Verstandesleistung des Menschen auch als Leistung in Bezug auf die Freisprechung durch Gott ansieht. Doch erst durch diesen Einschnitt in ein bis dahin recht erfolgreiches Leben kommt Bernd in die Lage, sich selbst nicht nur in Tagebüchern, sondern ganz offen in einer Rücksichtslosigkeit zu beschreiben, die bis dahin unbekannt ist und die seine Bewusstseinszustände nahezu seziert, aufbauend auf psychologische und medizinische Kenntnisse seiner Zeit.
Bernd steht hier sicher exemplarisch für ein zuvor nicht mögliches Bewusstsein seiner selbst, exemplarisch deshalb, weil er als Teil einer gesellschaftlichen Gruppe fungiert, die in der Lage, willens und oft auch gezwungen ist, sich über das eigene Leben Rechenschaft abzulegen, um so vor sich selbst und auch der Welt zu bestehen. Bernd ist dem modernen Denken deutlich zugewandt und besitzt ein hohes Maß an Wissen, ohne dabei jedoch aufzuhören, Priester zu sein, ein Tatbestand, der sich als einer der Hauptgründe erweist für seine innere Zerrissenheit. Der von mir an einer Stelle verwendete Begriff des Kollektivbewusstseins weist im Wesentlichen darauf hin, dass der Mensch zwar als eigenständiges und unverwechselbares Individuum zu sehen ist, dennoch aber auf eine von den Umständen seines Daseins herrührende Art und Weise von dem beseelt ist, was Hegel den Geist der Zeit nannte, so dass davon auszugehen ist, dass eine jede gewichtige Äußerung nie allein für sich steht, allen Geniekults und Helden-der-Kunst-Propaganda zum Trotz. Adam Bernd steht unter dieser Voraussetzung sicherlich als ein exemplarischer Denker der Frühmoderne da. Doch der Zeitgeist weht nicht in allen Gassen gleich, so dass selbstverständlich eine auf ähnlichen Voraussetzungen beruhende Denk- und Lebensweise sich nur auf Kollektive beziehen lässt, deren Zusammensetzung sehr homogen ist, ohne dabei aber eine große Anzahl von Mitgliedern aufweisen zu müssen. Dass dies heißen muss, ganze Bevölkerungsgruppen nicht einbeziehen zu können in ein solches Kollektivbewusstsein, wesentlich auch aufgrund fehlender Quellen, muss dabei allerdings als historisch bedingte Tatsache akzeptiert werden, die zur Folge hat, dass in dem untersuchten Zeitraum das männliche Bewusstsein einer priviligierten Schicht das Sein bestimmt und etwa das weibliche als reales oder poetisches Ich nur sehr bedingt in Erscheinung tritt; ich gehe in einem kapiteleinleitenden Text und an einigen Stellen der Untersuchung auf diesen Umstand kurz ein.
Noch einmal zusammengefasst und deutlich gesagt: die im Titel versprochene Untersuchung des sich selbst erhellenden Bewusstseins findet im ersten Teil der Arbeit noch nicht in Bezug auf das poetische, sondern auf das reale Ich statt, das sich in autobiographischer oder philosophischer Diktion offen oder vermittelt zu Wort meldet. Ein eigenständig erscheinendes und eigenständig handelndes, vom Leser nicht mehr nur als Idee des Autors oder als reiner Ideenträger begriffenes poetisches Ich, das im Lesevorgang als sich selbst bewußt erscheint gleich einem Menschen aus Fleisch und Blut, findet sich dann, noch mit einer gewissen Einschränkung, bei Karl Philipp Moritz und seinem Roman Anton Reiser. In dieser auf autobiographischen Fakten basierenden Entwicklungsgeschichte lernt Anton Reiser auf schmerzhafte Weise, vor allem bedingt durch den Quietismus des Vaters, die Technik der Selbstbeobachtung und Selbstprüfung. Ziel ist es, wie im Pietismus, zu erkennen, wie weit die Ertötung aller Leidenschaften und Eigenheiten gediehen ist, wenn auch im Quietismus an sich Selbstversenkung vorherrscht, im Pietismus dagegen zielbewusster Wille. Bei Anton Reiser bzw. Karl Philipp Moritz wird der Blick so nach “innen” gelenkt, ähnlich wie dies bei Adam Bernd der Fall war. Die Vorgehensweise von Moritz, quasi ein Aufspalten des Ich in ein „kalt“ beobachtendes und ein beobachtetes, kann somit auch zur Erschaffung eines poetischen Ich führen, denn eine jede a posteriori vorgenommene Beschreibung ist immer auch inventorisch, das heißt, sie hat über die wissenschaftlichen Fakten hinaus notwendig einen erfundenen Anteil durch die Umsetzung in Sprache. Für einen in dieser Art vorgehenden wissenschaftlichen Autor ist es zunächst immer wichtig, die ersten Keime zu entdecken, die sich im Innersten einer Seele entwickeln, und auch der Romanschriftsteller geht so vor, wenn er lebendige, sich entwickelnde Charaktere beschreiben will.
Nach Moritz ist das poetische Ich dann aber schon in souveräner und spielerisch-ironischer Ausformung bei Jean Paul zu finden, bis es schließlich in der deutschsprachigen Literatur ganz und gar möglich ist. So kann Jean Paul aus einer beliebigen Personen-Idee ein poetisches Ich schöpfen, unter anderm deswegen, weil er die Erzählebene so verzahnt, dass poetische Ichs poetische Ichs setzen, auf die dann wieder der Autor Jean Paul ebenso reagiert wie etwa ein Doppelgänger Jean Pauls, der ebenfalls nicht selten in den Texten auftaucht. Alle Figuren gewinnen so an Eigenständigkeit, auch wenn Jean Paul im Roman Siebenkäs direkt darauf verweist, dass ein Ich „nur“ durch Buchstaben erschaffen wird, was der Leser aber quasi vergessen muss, um ein beschriebenes Ich als ein poetisches zu empfinden und in Bekanntschaft mit diesem zu treten. Die Gleichberechtigung aller Ichs, gleich ob sterblich oder literarisch, ist für Jean Paul Garant für die weltverändernde Wirkung der Phantasie, vorausgesetzt, das literarische Ich ist so lebendig wie möglich. Die Herstellung und die Freisetzung poetischer Ichs beschreibt Jean Paul dann in seiner Vorschule der Ästhetik und gibt so Einblick in seine Werkstatt, und erst von hier aus war es dann mir tatsächlich möglich, das sich selbst erhellende Bewusstsein des poetischen Ich und vor allem als poetisches Ich unter die Lupe zu nehmen; eine Kontextualisierung und der unmittelbare Einbezug soziokultureller Entwicklungen als solcher würde sich nun aber, das erscheint mir sicher, als wenig ergiebig erweisen in einer Untersuchung, die das Inwendige behandelt anhand literarischer Texte, die auf ihnen gemäße Weise in Bezug auf das in ihnen Erscheinende zu durchleuchten sind.
In der Folge zeigen sich diese neuen Möglichkeiten der Darstellung und der Verlebendigung des im Text erscheinenden Ich etwa bei E.T.A. Hoffmann und seiner Figur des Johannes Kreisler, vor allem aber bei Sören Kierkegaard, der vom deutschen Geistesleben stark beeinflusst ist, insbesondere von Friedrich Wilhelm Schelling. Dieser zeigt, zeitgleich mit der Etablierung des poetischen Ich in der deutschsprachigen Literatur, auf, dass dem Menschen ein individuelles Sein und Werden notwendig ist. Der Mensch entzieht sich laut Schelling der Einheit mit Gott und wird ein lebendiges, selbstverantwortliches Wesen; das Böse bleibt so immer die eigene Wahl des Menschen, ungeachtet der grundsätzlichen Notwendigkeit desselben. Auch der von Schelling beeinflusste
Kierkegaard sieht Freiheit, notwendig verknüpft mit Sünde und Angst, als einen wesentlichen Begriff, und so sucht, ähnlich wie Hoffmanns Kreisler, auch Kierkegaards Pseudonym Vigilius Haufniensis mit dem Text Der Begriff der Angst von 1844 nach den Grundbedingungen des Individuums, angesiedelt zwischen Unschuld und Schuld, Freiheit und Unfreiheit, Gut und Böse.
Kierkegaard geht davon aus, dass eine einseitige Figur, wie sie auf der Bühne möglich ist, eigenständig und lebendig erscheint und ist, wenn sie sich in einem Text selbst äußert; eben dies ist möglich durch das Einsetzen eines Pseudonyms, das als Behauptung auf dem Titel prangt und sich als Ich im oft essayistischen, manchesmal auch erzählenden Text endgültig setzen kann. Als Kierkegard schließlich das „Geheimnis“ seiner Pseudonyme lüftet, stellt er klar, dass er selbst als Sören Kierkegaard die Texte so nicht hätte schreiben können, da sie unter anderm wegen der Vielfalt der Ansichten nicht glaubwürdig gewesen wären, würde nur ein Autor verantwortlich zeichnen. So spaltet er je ein poetisches Ich von sich ab, das sich dann, mit seiner Hilfe als „Soufleur“, entäußert. Er baut darauf, dass der Leser das Spiel mit der Verfasserschaft mitspielt und so den gesamten Text des schreibenden poetischen Ich, des Pseudonyms, ernst nimmt. Dies gilt auch für Der Begriff der Angst von Vigilius Haufniensis, in dem es um die grundsätzliche Bestimmung des Individuums geht. Dies ist selbstredend ein fiktiver Text, doch der fiktive Autor betont selbst, wie sehr der Erforschung des Individuellen die lebendige Beobachtung fehle; den Psychologien, so heißt es, fehlt es an eigentlichem psychologisch-poetischem Gewicht, ein erfundenes eigenes Beispiel, getragen von einem Ich, sei besser als empirische Fakten. Dies gilt auch für Die Wiederholung von Constantin Constantius, einem weiteren Pseudonym des uneigentlichen Autors Sören Kierkegaard, und hier wird tatsächlich eine von Charakteren getragene Geschichte erzählt, in der der Ich-Erzähler Constantius mit dem Versuch scheitert, einen namenlosen jungen Mann eine Wiederholung leben zu lassen; letztlich scheint es Constantius fast so, als sei er selbst der junge Mann, der zudem auch eine auffallende Ähnlichkeit mit dem uneigentlichen Erzähler Kierkegaard hat und auch Dichter sein bzw. werden will. Als eine Schlussfolgerung stellt Constantius fest, dass sowohl Wiederholung als auch Erinnerung die gleiche Bewegung darstellen, einmal als Erinnerung in rückwärtiger Richtung, zum andern als Wiederholung in Richtung nach vorn, so dass er schließt, die Wiederholung sei Wirklichkeit und Ernst des Daseins, mithin eine neue, zu entdeckende Kategorie und die Voraussetzung, mit dem aus der Vergangenheit heraus Wiederholten in Augenschein zu leben, um es gegenwärtig, auch als poetisches Ich in der Literatur, erfahren zu können. Desweiteren sieht der von Sören Kierkegaard erschaffene Constantius sich selbst als Erschaffer eines Dichters und somit als Schriftsteller, erkennt aber auch im Leser ein poetisches Ich im dualen Verhältnis von Du und Ich, wie der eingeschobene Text An Euer Wohlgeboren Herrn N.N. zeigt. Folgerichtig kann von einem wechselseitigen Imaginieren gesprochen werden; der tatsächliche Leser findet sich so, als stellvertretendes, aber lebendig-eigenständiges Ich, auf der Umlaufbahn wieder, die sich um den „uneigentlichen Verfasser“ Kierkegaard bewegt, samt aller erdichteten Figuren.
Die Bedingungen der realen Außenwelt erscheinen somit in den Texten ab dem frühen 19. Jahrhundert zwar auf, vermittelt oder direkt, doch es sind nicht mehr so sehr spezifische Eingriffe einer herrschenden Schicht, ob der orthodoxen Kirche oder später der pietistischen Bewegung, die ja beispielsweise in Preußen großen Einfluss hatte, sondern unspezifische Bedingtheiten, die mehr in der Luft liegen als dass sie konkret fassbar erscheinen. Das durch die Moderne mehr oder weniger verursachte Unbehaustsein des Einzelnen zeigt sich nun immer mehr im zerrissenen Ich, ob vielfach reflektiert und als lebendiger Ideenträger bei Kierkegaard, der noch sowohl den religiös bedingten Zwängen als auch bereits denen der urbanen Moderne ausgesetzt ist, oder als unverortetes Ich in Kellers Grünem Heinrich oder Rilkes Malte Laurids Brigge. Diese Vereinzelung des Menschen mitsamt seiner in literarischer Form offen zutage liegender Selbstreflektion unmittelbar auf die Bedingungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts anzuwenden nach dem Muster des ersten Teils, hieße aber eine andere wissenschaftliche Arbeit zu verfassen als die gewollte. So wie aus guten Gründen in der ersten Hälfte der Arbeit die oft nicht literarischen Texte im Kontext der Zeit untersucht werden mussten, so findet aus ebenso guten, sich nicht zuletzt aus den Inhalten der untersuchten Texte ergebenden Gründen im zweiten Teil eine Konzentration auf den Bewusstwerdungsprozess der Protagonisten statt, denn durch die souveräne Gestaltung der Texte werden die poetischen Ichs ja Teil der Wirklichkeit mittels der Belebung durch den Leser, der sie in sein Leben gleichsam hineinlässt. Da zudem in kurzen Kapiteln die Eckpunkte soziokultureller und politischer Entwicklungen aufgezeigt sind, ergeben sich Verknüpfungsansätze, die der Rezipient und Leser, da dies den eigentlichen Rahmen des Themas überschreitet, selbst herstellen kann.
Mit einer abschließenden relativ kurzen Untersuchung einiger ganz selbstverständlich erscheinender poetischer Ichs schließe ich diese Forschungsarbeit also ab. Hier, Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, ist der Kontext gleichsam endgültig textimmanent, was aber auch heißt, dass die Wirklichkeit mit einem poetischen Ich als einer Möglichkeit nachgebildet werden kann. So kann ein gleichsam lebendiger Mensch in die oder eine Wirklichkeit wieder hinein wirken, da der Leser das handelnde poetische Ich einem wahren Ich gleich wahrnimmt und begleitet und sich von ihm gleichsam begleiten lässt. So erscheint das poetische Ich als ein vitales und wirksames und bereicherndes, ein dem Autor, dem Leser und auch sich selbst aber immer nur teilweise bekanntes Wesen, dem eben deswegen unbedingt ein Menschlichsein zukommt, wenn es denn ein gelungenes poetisches Ich ist im Gesamtkontext von Erzähltem und Gelesenem. Die Entwicklung hin zu dieser Möglichkeit und Wirklichkeit habe ich in meiner Arbeit aufgezeigt; die abschließenden Kapitel sind dabei auch als ein Übergang zu begreifen zu einer möglichen und sicher notwendigen Untersuchung des poetischen Ich im 20. Jahrhundert, in der das literarische Ich als solches dann wieder einiger Veränderung unterworfen ist.
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Norbert W. Schlinkert