Der Spaziergang; Erzählung 62 Seiten, 11 Kapitel; von Kapitel zehn bis null
© Norbert W. Schlinkert 2004 – Alle denkbaren Rechte beim Autor
Zehn
Als er vor die Tür und damit aus dem Haus trat, allein, spürte er die Sonne warm an seiner linken Wange. Sie würde bald hinter dem Bergkamm verschwunden sein, und die einzige Möglichkeit, dies hinauszuzögern lag in einem zügigen Bergaufschreiten, auch wenn wir noch nie, Ruth und ich, so dachte er jetzt, in die untergehende Sonne blinzelnd, den Wettlauf gewonnen haben in all den Jahren. Wir hätten tatsächlich laufen müssen und haben uns das ja auch so oft vorgenommen, statt in Straßen- oder Freizeitbekleidung wären wir in Sportbekleidung aus dem Haus getreten, hätten uns nach rechts gewandt, um den Berg hinaufzulaufen, hinauf zu joggen, aber es ist nie dazu gekommen. Morgen also laufen wir den Berg hinauf, sagten wir uns, wir verlassen das Haus zehn Minuten bevor die Sonne, vom Westbalkon aus betrachtet, hinter dem Berg versinkt. Die von Ruth umständlich erstellte Tabelle neben der Balkontür verzeichnet den Zeitpunkt für jeden Tag des Jahres, wenn ich auch nicht mehr weiß, warum wir damit begannen, ausgerechnet zehn Minuten vor der gesetzten Zeit das Haus zu verlassen, dachte er, aber wir taten es, wann immer wir gemeinsam im Haus gewesen sind, zuweilen auch, wenn Gäste da waren. Wir nahmen also den Wettkampf immer wieder an, um ihn immer wieder zu verlieren, im letzten Moment. Einmal sagte Ruth, als wir bereits auf dem Rückweg waren, es gibt hier sicher keine Täler, in die die Sonne garnicht hineinscheint, im Herbst, Winter oder Frühjahr, so etwas, sagte sie, ist typisch fürs Hochgebirge, im Mittelgebirge ist es selten, so Ruth.
Er zog das Gittertor auf und betrat die schmale Straße, die hier oben nur noch auf der bergan liegenden Seite bebaut war. Vor ihm lagen Wiesen, die nicht einmal eingezäunt sind. Mit dem leisen Klacken des Törchens hinter ihm wandte er sich nach rechts und ging in kleinen Schritten bergauf. Die Sonne lag warm in seinem Nacken, eine warme, ihn liebkosende Hand, die noch eine Weile bleiben würde, bis er die Wegstelle kurz unter dem Gipfel erreicht hätte, wo der Weg steiler und beschwerlicher wird. Er lächelte vor sich hin. Ruth kannte ja die vermeintlichen Sonnenuntergangszeiten fast auswendig, sie waren von ihr in langen Jahren aufgezeichnet worden, im Sessel sitzend, den sie zuvor an die richtige Position stellen mußte, und wenn die Sonne dann auf dem Geländer saß, so sagte sie immer, sah sie hinüber zur Uhr und schrieb die Zeit auf, tagelang die genau selbe Zeit, dann aber eine Verschiebung um mehrere Minuten, doch das schien Ruth nicht zu stören. Mein Vorschlag, dachte er jetzt, die Zeiten genau zu errechnen, man könne bei der Sternwarte anrufen oder einfach vorbeifahren, um die Zeiten zu erfragen, lehnte sie, ich erinnere mich, brüsk ab, darum geht es doch nicht, sagte sie, und so saß sie bei schönem Wetter gegen Sonnenuntergang fast immer eine Weile oben im Sessel und wartete, bis sich die Sonne auf das Geländer setzte. Sie benötigte mehr als drei Jahre, um für jeden Tag des Jahres die Zeit, wie sie sagte, zu haben.
Warum wir im ersten Jahr nicht spazierengingen, weiß ich nicht, dachte er jetzt plötzlich, und warum wir dann damit begannen, weiß ich ebenso wenig. Ich glaube Ruth sagte einmal, ohne Hund geht man hier, auf dem Lande, nicht spazieren. Ja, das sagte sie, dachte er, ein wenig seinen Schritt beschleunigend, damit die liebkosende Hand in seinem Nacken blieb. Irgendwann gingen wir aber einfach los, eines Tages, auch ohne Hund, wir Städter, die wir in der Stadt so häufig zu Fuß unterwegs gewesen sind. Keine fünf Minuten warteten wir auf die Straßenbahn oder die U-Bahn, dann gehen wir eben zu Fuß, sagten wir uns, trotz der schlechten Luft, die wir nicht als schlechte Luft empfanden, und selbst wenn, atmen müssen wir so oder so, sagten wir uns wohl, wenn wir überhaupt darüber nachdachten, dachte er. Als wir endlich auf dem Land, in den Bergen wohnten, gingen wir aber plötzlich nicht einen Meter mehr zu Fuß, jeder Weg mit dem Auto, nicht einmal mit dem Rad, nein, mit dem Auto fuhren wir, wir hatten uns einen zweiten Wagen gekauft, zur Arbeit in die Stadt und wieder zurück zu fahren, aber auch die kleinsten Wege, hinunter ins Dorf, noch einen Becher Sahne oder Joghurt zu kaufen für den Salat, der Griff automatisch zum Autoschlüssel am Haken neben der Tür, die Schritte automatisch zur Garage, der Vorgang lief ab, ohne daß Ruth und ich uns fragten, ob die wenigen hundert Meter nicht auch zu Fuß zu bewältigen wären, keineswegs fragten wir uns das, es stand nicht zur Debatte, selbst wenn das mit der Sahne oder dem Brot oder wer weiß was noch Zeit hatte, es wurde trotzdem mal eben erledigt, fährst Du kurz, fragte sie meist, erinnere ich mich, statt zu fragen, ob ich gehen wolle, vielleicht wäre dann der Griff zum Autoschlüssel ausgeblieben und ich hätte im Garten gestanden, mit leeren Händen, um dann vielleicht, denke ich heute, dachte er, achselzuckend einfach zu Fuß loszugehen, aber darauf bin ich nie gekommen, und vielleicht hat Ruth immer recht gehabt, mit einem Hund wäre das eine mit dem anderen zu verbinden gewesen, aber wir haben nie einen Hund haben wollen, in der Stadt nicht und auch hier nicht, im Dorf, auf dem Dorf, im Oberdorf mit seinen Stadtvillen aus der Gründerzeit, wer da wohnt, hat Geld, habe ich einmal sagen hören, unten im Dorf, wo die Fachwerkhäuser wie durcheinandergepurzelt herumstehen, man wundert sich, sagte ich einmal zu Ruth, ganz zu Beginn, wir waren gerade einmal eingezogen, daß keines der Häuser auf der Seite oder dem Dach liegt, es sollte ein Witz sein, natürlich, aber Ruth ist aus irgendeinem Grunde böse geworden, ich sei ja so ein Pedant, sagte sie, erinnerte er sich jetzt, ich versuchte noch, es zu erläutern, aber das war erst recht ein Fehler, denke ich, und fast hätte sie die folgende Nacht in einem anderen Zimmer geschlafen, Platz haben wir ja jetzt mehr als genug, sagte sie, das Bettzeug schon in der Hand, aber schließlich beruhigte sie sich, wenn sie auch, aus Rache, im Bett rauchte, ich sagte nichts, aber sie wußte natürlich, wie sehr ich es hasse, Rauchen im Bett, im Schlafzimmer oder im Auto, im Badezimmer, aber sie tat es, wie nebenbei, ganz heiter plötzlich, und erst als sie die Zigarette ausdrückte, sagte sie, ich könne ja in einem anderen Zimmer schlafen, Platz wäre ja genug. So ist Ruth. Immer gewesen.
Der Weg beschreibt einen Bogen. Noch waren die Bäume nicht voll belaubt, aber in wenigen Tagen schon würde die Sicht auf die Burg wieder verdeckt sein, bis zum Herbst. Die Burg, achthundert Jahre alt, die Gäste gingen eigentlich immer sofort, kaum daß sie ihre Koffer abgestellt hatten, hinauf, wie schön, sagten sie, doch Ruth war nie dort gewesen, auch wenn es nur wenige hundert Meter Luftlinie von unserem Haus sind. Sie liegt grau-weiß und imposant zwischen zwei vorgelagerten Hügeln, er bleibt einen Moment stehen, eine Burg, sagt er sich mehrmals, halbleise und wie ein wenig dümmlich, so als sei sie nicht wirklich und stünde nicht dort auf dem Berg, der in wenigen Tagen von hier nicht mehr zu sehen sein wird, es sei denn, dachte er, ein Frühjahrssturm rasierte die Tannen oder Fichten oder was immer sie sein mochten einfach ab, so wie im letzten Jahr, auf der anderen Talseite, jenseits des Flusses, drüben, wie man unten im Dorf sagte, drüben habe der Sturm getobt, sagten sie, so als habe er nicht hier sondern nur dort getobt, was nicht stimmte, wie alle gewußt haben, auch hier waren Schäden zu verzeichnen gewesen, wenn auch nicht ganze Berghänge kahlrasiert worden waren, aber das ein oder andere Dach war schon beschädigt, ein paar Autos arg zerbeult worden, und ein Mann war, als er seinen Wagen in die Garage bringen wollte, von einem Ast schwer getroffen und verletzt worden, Schädelbruch, er leide noch immer daran. [...]
Neun
Geh! habe ich zu ihm gesagt, und er ging. Geh spazieren, sagte ich. Ich weiß nicht, war er erleichtert? Er ging ohne Widerrede. Wäre die Lebensmittellieferung noch nicht da gewesen, er wäre nicht gegangen. So banal. Aber der Junge ist schon hier gewesen, er kommt ja immer erst im Laufe des Nachmittags, mal früher, mal später. Ganz der Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten. Den Laden wird er übernehmen, fehlt nur noch die Frau. Die wird sich finden. Er stellt den Karton wie immer in die Küche, legt mir die Quittung auf den Tisch und wünscht einen schönen Abend noch. Ich drücke ihm zwei Euro in die Hand. Für Sie, sage ich. Ich bin sicher der einzige Mensch hier, der ihn siezt. Süße sechzehn. Sechs Mal die Woche zwei Euro. Nicht schlecht für kurz mal den Berg hinauffahren mit dem Rad und dann wieder runter. Oder siebzehn. Spielt Handball, erzählte er mir einmal, als ich ihn fragte wegen seines blauen Auges. Das einzige Mal, daß er wirklich lächelte. Ich hätte ihn bitten können, den Badezusatz nach oben ins Bad zu bringen. Erster Gedanke, ein Schlüpfer könnte herumliegen, oder Socken. Ich wollte aber nicht Burkhardt fragen. Ich werde mir die Flasche dann in die Jackentasche stecken, wenn ich hochgehe, mich hochquäle, eine Hand auf dem Geländer, die andere hält den Stock, sicherheitshalber. Hübscher Junge, gibt sich hier keine Mühe irgendwie cool oder anziehend zu erscheinen, natürlich nicht. Ich bin für ihn eine alte Frau, älter als seine Mutter. Burkhardt im selben Alter wie ich. Glatze, Hang zur Gemütlichkeit, auch wenn er mir die Badewanne persönlich herunterbrächte, wenn er könnte. Er sieht, wie ich mich quäle, auch jetzt noch. Aber es geht, wenn auch nur mühsam und langsam. Es geht alles. Die Berge. Jetzt sind wir mittendrin in den Bergen, gleich wechselt das Licht, die Sonne verschwindet. Selbst wenn er liefe, selbst wenn er am Ende die Treppen des Turms hinaufstürmte in bestechender Geschwindigkeit, er sähe nicht einen Zipfel der Sonne. Sie ist fort. Wettlauf verloren.
Wie sehr war das alles unser Wunsch gewesen, wie sehr wünschten wir, eines Tages die Stadt zu verlassen, nach jedem Theaterbesuch, nach jedem Kneipenabend sprachen wir davon, und zunächst noch war es die Variante mit der Stadtwohnung und dem Haus auf dem Land. Dann glaubten wir uns entscheiden zu müssen. Keine Kompromisse, sagten wir, sagte ich, dann fahren wir eben zur Arbeit in die Stadt, ein Wahnsinn, trotz der Autobahn, aber die paar Jahre, sagte dann Burkhardt, bekommen wir auch noch rum. Die Frühpensionierung lag in der Luft, zehn Alte frühpensionieren und fünf Frische einstellen, das war doch der Trend, die Richtung von Anfang an, das ahnte doch jeder, und genau so ist es ja auch gekommen. Ruth, sagte er eines Abends zu mir, ich kann mich pensionieren lassen, ich muß mich nur entscheiden. Entscheide Dich, sagte ich. Ich selbst hätte gerne noch ein paar Jahre gearbeitet, wie alle wußten. Würde ich an Gott glauben, so würde ich jetzt sicher sagen, er habe sein Veto eingelegt. Aber ich glaube nicht. Es ist nicht Gott, der die Menschen gebar, es sind die Menschen, die Gott gebären. Am Sonntag immer die Glocken, den ganzen Tag immer wieder die Glocken, erst recht an Feiertagen, aber hier oben ist das Dorf nicht Dorf, hier oben kann man sich entziehen, man muß keineswegs in den Gottesdienst, glaube ich, für die Menschen unten wohnen hier keine Dörfler, die Städter wohnen dort, auch wenn es längst so ist, daß auch die Dörfler zur Arbeit in die Stadt müssen, ohne Auto sind nicht mal die Arbeitslosen, nicht mal die.
Wir sollten den zweiten Wagen verkaufen. Ich gebe es nicht zu gegenüber Burkhardt, aber selbst wenn es ein Automatikwagen wäre, führe ich nicht gern damit, auch wenn die Pedale in einem solchen Wagen allein mit rechts zu betätigen sind, nein, auch dann führe ich nicht gern, ich habe Angst. Zwei leichte Schlaganfälle sind ein schwerer, sagte der Arzt noch, um mich, nach dem ersten, zu warnen, und ich hörte auf ihn, ließ mich krankschreiben, war wochenlang in der Reha, das Grobe wieder zu verfeinern, wie gesagt wurde, Sprechübungen wie für Schauspieler, damit die Unschärfe und das leichte Lallen bald ein Ende habe, und an diesem Ende, so schien es doch, war alles wieder in Ordnung. Nur ein Schuß vor den Bug, das war es gewesen, ich drehte also ab, in ruhigere Gewässer sozusagen, ließ es ruhig angehen. Vielleicht war das der Fehler, ich weiß es nicht. Im Spiegel sehe ich eine alte Frau mit Stock.
Spätberufene sind wir, sagten wir immer, nicht nur unter uns, auch gegenüber den Freunden, ein Paar, daß mit fünfundvierzig heiratet, da haben doch beide die Stürme des Lebens hinter sich, denkt man. An Kinder war aber nicht mehr zu denken, nicht an eigene und nicht an angenommene, zu alt, ich in doppelter, Burkhardt in nur einfacher Hinsicht. Im Institut machte man Witze, aber ich hatte nur zugenommen, achtete nicht mehr auf mich, aß mehr, trank mehr, rauchte wie ein Schlot, selbst im Institut, auch im Auto schließlich, als die tägliche Fahrt von hier zur Arbeit den Reiz des Neuen verloren hatte. Dein Wagen stinkt wie ein Aschenbecher, sagte Burkhardt eines Morgens, als ich ihn mitnahm, in die Stadt, kurz vor seiner Pensionierung, ich erinnere mich, sein Wagen war zum Ölwechsel bei der Dorftankstelle, und er behauptete, kotzen zu müssen und steckte sich den Finger demonstrativ in den Hals, und tatsächlich erbrach er bröckelige Flüssigkeit in den Fußraum und auf seine Hose. Er starrte mich an, als habe er seine Galle ausgekotzt. Schließlich hielt ich auf der Autobahn an einem Rastplatz an, damit er die Gummifußmatte säubern konnte und seine Hose, und als er wieder einstieg, sagte ich, daß Kotze auch nicht weniger stinke als Zigarettenrauch, er sagte nichts, und als ich ihn an der Uni rausließ, sagte er nur, er habe noch eine andere Hose im Schrank in seinem Zimmer, die werde er anziehen. Der Geruch von Magensäure verflog schnell, und als ich ihn am Nachmittag abholte, nicht an der Uni sondern in einem Café in der Nähe, trug er tatsächlich die andere Hose. Kein Ton natürlich über den Zigarettengestank in meinem Wagen. Ich setzte ihn dann an der Tankstelle im Dorf ab. Ich wartete, bis er bezahlt hatte. Als er in seinen Wagen stieg, atmete er deutlich auf, daß heißt, tief ein, aber nicht zur Verdeutlichung eines Tatbestandes, er tat es ganz unwillkürlich, ohne zu ahnen, daß ich ihn beobachtete, er war ganz bei sich, während er in meinem Wagen, glaube ich, sich immer angegriffen fühlt. Sicher war es ein Schock für ihn, dieses plötzliche Erbrechenmüssen, dieses drei- oder sogar vierfache Erbrechen, die Behauptung, kotzen zu müssen, die Geste und Andeutung des Fingerindenhalssteckens und endlich das Kotzen an sich und der Geruch und der Geschmack im Mund danach. [...]