[Eine erfundene Geschichte; 56 Seiten]
© Norbert W. Schlinkert 2005-2007 – Alle denkbaren Rechte beim Autor
Dies ist eine erfundene Geschichte. Es ist leicht, eine Geschichte zu erfinden. Sie besteht aus Personen, die möglich sind. Selbst Hexen, Zauberer und gestiefelte Kater sind möglich. Alles ist möglich. Lassen Sie sich nicht einreden, es gäbe eine Grenze des Denkbaren. Denkbar ist alles. Haben Sie einmal versucht, nichts zu denken? Sehen Sie, das ist unmöglich. Unendlich unmöglich. Ebenso unmöglich ist es, alles zu denken. Haben Sie es einmal probiert? Es geht nicht. Es grenzt an das Nicht-Denken, dieses Alles-Denken. Das beweist nichts, außer vielleicht, daß die Welt runder ist als man gemeinhin denkt. Warum erzähle ich Ihnen das? Sehen Sie, ich bin ein alter Mann (aber selbst das ist nicht wahr und einfach erfunden), der etwas erzählen zu wollen vorzugeben sich genötigt sieht, denn was soll ein alter Mann heute noch zu schaffen haben mit der Welt, wenn er nichts zu erzählen hat? Die Welt als solche, wie sie ist, entschwindet immer mehr mit jeder noch so kleinen technischen Revolution, denen sich anzupassen der alte Mensch nicht mehr bereit ist, irgendwann. Stattdessen sieht er sich, wie gesagt, in die Lage versetzt, erzählen zu müssen, koste es, was es wolle. Der Preis ist hoch, gleich, ob man etwas zu erzählen hat oder nicht, gleich, ob es sich um eine sogenannte Kollektiverfahrung handelt oder um eine, die nur ich durchlebt habe, was natürlich nicht stimmen kann. Es ist an der Zeit, einen Absatz einzufügen, um die Geschichte beginnen zu lassen.
Das Eis der Z-I-V-I-L-I-S-A-T-I-O-N ist dünn, es bricht jeden Augenblick, und nur durch Eiseskälte schließt sich der Bruch. Ich bilde mir nicht ein, etwas zu erzählen zu haben, das diesen Bruch zustande bringt, noch diesen Bruch heilt. Ich gehe – heute, jetzt – einige Zeit in eine Richtung und erreiche den nahezu kreisrunden See, den es, das weiß ich aus einer Lektüre, seit der Steinzeit gibt. Der Mensch ist älter, denke ich, bin aber dennoch beeindruckt. Dann lenkt mich das Getöse des Verkehrs ab, der kaum zweihundert Meter entfernt vorüberbraust, und ich denke, auch eine besonders explosive Weltkriegsbombe hätte diesen See erschaffen können. Dagegen aber sprechen die Altbauten in unmittelbarer Nähe. Also doch die Steinzeit, denke ich. Einmal im Jahr kommt die Stadtreinigung und entfernt all den Müll, also die mutwillig hineingeworfenen Fahrräder und Kinderwägen, all die Sachen, die der See aus der Steinzeit nicht haben will, die er nicht schluckt. Sogar ein Schwimmer ist zu sehen, der einzige jetzt, denn es ist Herbst (sagte ich es schon?), die Kastanien prasseln von den Bäumen, die Nächte sind kalt. Ich denke, verschwände der Schwimmer jetzt im See, ich würde kaum hinausschwimmen, ihn zu retten. Vielleicht käme er, wie durch ein Wunder, von sich aus wieder an die Oberfläche, allerdings (warum denn nicht?) in einem früheren Jahrhundert oder gar in der Steinzeit oder kurz danach, als die Eisplatten abgeschmolzen sind. Ich bin ein alter Mann, ich bin nicht verpflichtet, Herbstschwimmer vor dem Ertrinken zu retten. Tatsächlich ist der Kopf des Schwimmers jetzt nicht mehr zu sehen, ein Wadenkrampf, ein Herzinfarkt, ein Steinzeitstrudel vielleicht, der nur alle Jahre auftritt und nur selten einen hinabzieht? Wer weiß.
Es dämmert, mich friert, der lange Spaziergang hier hinaus hat mich erschöpft. Zwischen Hemdkragen und Nacken liegt der kalte Schweiß wie ein nasser Lappen. Ich werde die Straßenbahn nehmen. Ein letzter Blick auf den See, die Wasserfläche ist leer und nur leicht gekräuselt, nicht einmal eine Ente ist zu sehen. Sicher werde ich in der Zeitung davon lesen, von dem ertrunkenen Schwimmer, auch wenn das zum Glück nur erfunden ist. Mag er weiterleben. [...]
In Babettes Wohnung ist eingebrochen worden, die Polizei ist schon da. Man fragt mich, ob ich mir erklären könne, warum der Hausmeister tot, und noch dazu nackt und mit einem Damenhöschen im Mund, auf dem Bett liegt. Daneben steht zu allem Überfluß auch noch ein Schneidbrenner. Ich erkläre den Beamten, der Hausmeister sei ein perverses Schwein gewesen, der fremder Frauen Höschen benutzte, um sich seine billige Befriedigung zu verschaffen. Sicher sei er von den Einbrechern überrascht worden, die den Safe hätten aufbrechen wollen. Die Beamten lachen, vielleicht, weil es hier überhaupt keinen Safe gibt, aber dann werden sie wieder ernst. Ob ich, fragen sie, die Mieterin der Wohnung erreichen könne, denn vielleicht, der Beamte zieht mich näher an sich heran, habe sie ja die Tat begangen, getarnt durch einen vorgetäuschten Einbruch. Oha!, sage ich, da sagen sie was. Dann legt der Beamte mir Beweise vor, die zeigen, daß Babette in eine Mafiageschichte verwickelt ist, in deren Verlauf bereits einige Menschen zu Tode gekommen sind. Hierbei wurden, so sagt er, nicht nur Methoden angewandt, wie man sie aus einschlägigen Filmen kenne, mitnichten, vielmehr würden jetzt auch Menschen vor einfahrende Straßenbahnen gestoßen, ihnen wie Pastetendosen aussehende Handgranaten in die Jackentaschen gesteckt, und was der perfiden Methoden mehr seien. Alle, die in Kontakt stünden mit der Dame, seien gefährdet. Ich sage wahrheitsgemäß, daß ich nichts weiß, betone aber, daß, wenn ich gefährdet sei, ich besonderen Schutz benötige, vor allem, da ich kürzlich erst Vater von zwei gesunden Töchtern geworden sei. Eine Beamtin, die mit einem Ohr zugehört hatte, während sie dem toten Hausmeister das Höschen aus dem Mund zog und in eine Plastiktüte steckte, sah mich erstaunt an. Großvater meinen Sie doch wohl, sagt sie, hält aber sofort den Mund, als Dieter-Thomas sie anknurrt. Dann gehen wir. Im Treppenhaus kommt uns heulend die Hausmeistersgattin entgegen. Über dem Arm trägt sie einen Anzug, sicher seinen besten, aber ich bezweifle, ob sie ihren Mann ankleiden darf. Immerhin ist das Höschen bereits entfernt.
Larah und Sarah entwickeln sich prächtig. Selbst Babette ist begeistert, als ich ihr Fotos postlagernd nach Island schicke, wo sie nach der Aufregung um den Tod ihres Mannes eine Kur macht. Die heißen Quellen täten ihr sehr gut, schreibt sie, und sie überlege bereits, hier eines dieser schmucken Häuschen zu mieten und länger zu bleiben. Dann könne ich sie auch besuchen, vielleicht mit meinen Töchtern und deren Müttern, und selbst Dieter-Thomas solle mit, wenn das keine Probleme mache wegen irgendwelcher Vorschriften. Sie bezahle auch alles, da müßte ich mir keine Sorgen machen, denn das sei ja das einzig Gute am Tod ihres Mannes, nämlich seine Hinterlassenschaft. Mehr schreibt sie nicht. Ich lese den Brief einige Male, dann vernichte ich ihn. Besser ist besser.
Von einem Tag zum anderen wird es sehr kalt. Allerdings liegt diesmal kein Schnee. Ich baue Kufen an den Amphibienkinderwagen, denn sogar der See ist schließlich zugefroren. Alles scheint erstarrt in diesen Tagen. Selbst die Zeiger an der großen Uhr des Rathauses frieren fest. Das ist der hiesigen Tageszeitung ein Foto und einen Artikel wert, der größer ist als der über die Totgefrorenen, die es ja zum Glück nicht gäbe, so die Zeitung, weil die Bahnhöfe über Nacht geöffnet seien, edlen Verwaltungsmenschen sei dank. Ich freue mich.
Apropos Erfrorene. Sarah und Larah haben eine stille Freude am Amphibienkinderwagengleiten. Sie quieken und schreien aber nicht, sondern blicken glücklich und mit roten Bäckchen in die Welt. Dieter-Thomas allerdings darf nicht mit hinein in das Gefährt, da sind sie rigoros. Oft gehen wir spät abends noch zum See, der jetzt bereits drei Wochen zugefroren ist. Auch heute machen wir uns auf den Weg. Klara und Mara stehen etwa in der Mitte des Sees, ich fast am Rand. Der Amphibienkinderwagen schießt von mir zu Klara und Mara und dann wieder von Klara und Mara zu mir. Sarah und Larah werden immer glücklicher, und bald schon rufen sie immer wieder Mehr, Mehr. Dann aber trifft der Wagen auf halber Strecke auf ein Hindernis. Er dreht sich mehrmals um die eigene Achse, fast kommt es sogar zu einem Umkippen des Gefährts. Endlich aber steht es still. Schnell laufen und schlittern wir hin. Die Kinder schauen etwas ängstlich und irritiert aus der Wäsche, sagen aber nichts. Dann erkennen wir den Grund des Hängenbleibens. Es ist eine menschliche Hand, die aus dem Eis herausragt. Klara will einen Witz machen und nimmt die Hand, schüttelt sie und sagt Guten Tag. Wahrscheinlich will sie nicht, daß die Kinder Angst bekommen, und das immerhin scheint zu gelingen. Ich sehe mich genötigt, es Klara gleich zu tun. Da muß ich jetzt wohl durch, denke ich, greife die Hand, sage Guten Tag und schüttele sie. Dabei bricht die Hand ab. Sarah und Larah lachen, als sie mein blödes Gesicht sehen. Wieder zuhause legt Mara die Hand in das Tiefkühlfach, und als ich des nachts auf dem Weg zum Klo an der Küche vorbeigehe, sehe ich, wie sie der Hand die Fingernägel reinigt, schneidet und poliert. Ich beobachte sie eine Weile, wie sie hingebungsvoll arbeitet, dann aber gehe ich ins Bett, weil mir kalt ist. So ist Mara, denke ich, als ich wieder im Bett liege. Klara schnarcht mal wieder wie ein Sägewerk. Trotzdem schlafe ich schließlich ein.