Niederkünfte

[Symkronisations-Niederkünfte]
© Norbert W. Schlinkert 2007/2008- Alle denkbaren Rechte beim Autor

Welch’ Lied die Sirenen sangen oder welchen Namen Achill
annahm, da er sich unter Frauen verbarg, sind wohl verwirrende
Fragen, doch liegen sie nicht jenseits aller Mutmaßung.
(Edgar Allan Poe, Sir Thomas Browne zitierend)

Die hier eingestellten Texte sind ursprünglich handschriftlich in einem Schreibbuch der Größe 26×18 cm aufgezeichnet. Auf einigen Seiten sind Zeichnungen ausgeführt, die nicht immer der Illustration dienen. Diese sogenannten Symkronisations-Niederkünfte / Textur-Geschichten sind im eigentlichen Sinne “aus dem Handgelenk heraus” geschrieben. Beginn der Arbeit am ersten Band war der 5. September 2007, abgeschlossen wurde das Projekt mit dem dritten Band am 18. März 2009; die Seitenzahl beläuft sich insgesamt auf etwa 380 Seiten. Die ersten Seiten des ersten Bandes werden hier auszugsweise als Abschrift dokumentiert. Das Original ist in jedem Fall die Handschrift.

Lange Zeit hatte ich Angst vor den Menschen. Ich habe weder begriffen, was sie taten, noch was sie sprachen. Am wenigsten aber habe ich ihr Lachen begriffen. Es kam fast immer von ganz weit unten, viele halbe und ganze Treppen waren zu überwinden, barfuß, und erst wenn ich die teppichbelegten Stufen unter den Füßen spürte, ließ die Angst ein wenig nach. Oben im Dachzimmer hatte sie auf mir gelegen, in Form eines Federbetts, über dem nichts zu sehen war als der schwere Schrank und die schmutziggelbe, fleckige, mit Insektenleichen angefüllte Lampe, eine nach oben offene Schüssel. Nie war mir richtig warm geworden, die klamme, dreiteilige Matratze mit ihren harten Kanten, das Federbett, die grauen Heiligenbilder, das Kruzifix, all das war kalt, und selbst im Dunkeln glomm grauer, nebliger Lichtschimmer, der zu wandern schien, über mir; er füllte mal die sauber tapezierte Dachschräge aus, der Großvater ist Malermeister, da sind auch die Dachkammern in bester Ordnung, war dann wieder über der Tür, die einen Spalt breit geöffnet ist, versackte manchmal und geriet unter das Fensterbrett, war aber immer da, immer in Bewegung und konnte jeden Augenblick sich verdichten, Augen und Mund bekommen, mich ansehen, zu mir sprechen. Ich wußte natürlich, wie weit es bis zur Treppe ist, eine linoleumbeklebte Stiege, wie viele Schritte es sind, vorbei an der Dachbodentür rechts, dann hinunter, die Tür, glänzend weiß, noch zwei Stufen bis zum Absatz, hier war es schon deutlicher, das Lachen, der graue Nebel konnte mir nicht folgen, es war wärmer, lebendiger schon, hier hätte ich schlafen können. Ich hielt inne, jedesmal, wenn ich hinuntermußte, wegen der Angst, die mich oben belagerte, horchte, roch auch schon den Duft der Zigarren, schwach erst noch, aber unten würde er stark sein, sich zeigen als grauer, warmer Dunst, hörte brummende, tiefe Stimmen, die immer nur „hoh” zu sagen schienen, unterbrochen von spitzen, schrillen Schreien, ein gefährliches Gemisch von Tönen erzeugend, das ich für Lachen hielt, eben weil ich sie oft schon so gesehen hatte, die Menschen dort unten, die Verwandtschaft. Das Schlafzimmer der Großeltern mit dem Waschtisch, in dem mir der Großvater ein letztes Mal die Hand gedrückt hat, bevor er starb, in dem Bett, denke ich heute, in dem meine Mutter gezeugt wurde, aber das wirkt wie ein unstatthafter Gedanke, den ich damals nie hätte denken können, denn ich begriff noch nichts von der Welt, wie gesagt, nicht einmal das Lachen, auf das ich mich zubewegte, die Toilette auf halber Treppe, das Treppenhausfenster mit den Figuren, Wappen und Mustern, und jetzt sah ich auch schon den langen Flur, eine der Tanten mochte mit verklärtem Blick hinüber in die Küche eilen, um mit Flaschen zurückzukommen, ohne mich zu sehen. Man hatte mich, ohne Zweifel, vergessen, und jetzt stand ich hier zwischen zwei Ängsten, der Angst vor dem kalten Federbett und dem grauen Gespenst dort oben, und der Angst vor dem Lachen, das mit dem Aufstoßen der Tür angeschwollen war und mit dem Schließen nur leicht gedämpft wurde. Wohin. Eine Pinkelpause konnte die Entscheidung aufschieben, die warmen Urinspritzer auf meinen bloßen Füßen erinnerten mich an das Fluchen der Frauen über die Männer, in der Küche, wenn kein Mann dort war, außer mir, aber mich beachteten sie nicht, weil ich noch klein war, wenn auch nicht zu klein, um neben die Schüssel zu pinkeln. Jetzt aber schien dies alles vergessen, jetzt lachten sie gemeinsam dort im Wohnzimmer, in der Wohnstube, der Großvater in seinem Sessel, die Söhne und Töchter, und die Schwiegersöhne und Schwiegertöchter, sie lachten, während ich eine halbe Treppe höher lauschte und nicht wußte, wohin die Angst mich treiben will. Alle werden auf mich herabblicken, den Kopf wenden, das Lachen wird aufhören für einen Moment, bis meine Mutter mich hochnimmt, damit ich sehe, was geschieht, wie die Feuerzangenbowle wie ein Zaubertrank auf dem Tisch vor sich hinzüngelt, wie die Männer mit rotem Gesicht und glänzenden Augen den wasserscharfen Inhalt kleiner Gläschen sich in den Hals werfen, jetzt schon wieder lachend, hoho, wie die Frauen die glühende Bowle in Gläser füllen und nippen, auf ein Wort hin plötzlich aufkreischen und Stöße mit den Ellenbogen vollführen, in speckige oder knochige Rippen hinein, wie der Großvater ruhig rauchend sein Bier trinkt. So wird es sein, ich werde sehen, wie sie lachen, wie es hergestellt wird, aber ich werde es nicht begreifen, ich kann nicht sehen, aus welchem Grund sie lachen, und bald schon flüstert mir die Mutter ins Ohr, ich sei müde, ob ich alleine ins Bett ginge, und plötzlich bin ich froh, gehen zu können, hinauf zu meinem grauen Gespenst und dem klammen Bett, dorthin, wo meine Angst auf mich wartet, geduldig, denn sie weiß, daß ich bald kommen muß. Ich nicke, vielleicht ist die Mutter überrascht, daß ich allein gehen will, aber sie bleibt sitzen, ihre Wangen glühen, sie sagt noch etwas, dann gehe ich, fliehe vor dem Lachen, stapfe die Treppen hinauf, öffne die Dachbodentür, es ist still vor mir, während hinter mir das Lachen, das ich nicht verstehe, zurückbleibt, unten bleibt, bei denen, die es haben. Im Zimmer liegt sie schon im Bett, meine Angst, ich lege mich in sie, und bald schon ist auch das graue Licht wieder da, doch bevor es Augen bekommt, schlafe ich ein, wie ich viel später feststelle, kaum bin ich erwacht. Auch das Lachen ist nicht mehr zu hören. Ich weiß, daß unten im Haus jetzt ein geschäftiges Treiben sein muß, und als die Glocken der Kirche losdröhnen und zur Messe rufen, weiß ich wieder nicht, warum. Alles was ich weiß, ist aus mir.

Der Mensch kann nicht mehr gut verschwinden heute, es sei denn als Mensch in sich. So, oder so ähnlich war mein erster Gedanke, als ich von ihr erfuhr, er sei nicht mehr bei sich. Das Gegenteil ist gemeint, der Mensch ist nur noch bei sich, es sei denn, er ist bei Gott, was allerdings unwahrscheinlich ist. In einem solchen Fall steht die Gemeinschaft, in der der Insichgegangene lebte, beklommen um ein imaginäres Bett, in dem eine Hülle liegt. Sicher war Philipp noch allerbester Dinge gewesen, bevor er abreiste, auch wenn er sehr angespannt sein muß – innerlich. Er war einige Monate fort und hinterließ keine wirkliche Lücke, nicht mal seine Wohnung stand leer. Der Zwischenmieter kann die Wohnung, wenn er sich einig wird mit dem Hausbesitzer, übernehmen, nur der Vormund Philipps muß noch zustimmen. Denke ich mir. Einmischen will ich mich nicht.

Katharina ist sehr gefaßt. Auch als sie es mir sagte. Die deutsche Botschaft in Argentinien hat den Rückflug organisiert. Mein erster Gedanke war, das wird sicher in Rechnung gestellt, aber das sagte ich nicht. Ich schwieg. Wir standen uns gegenüber, es rief Zurückbleiben bitte über den Bahnsteig, so daß mein Schweigen keine Lücke hinterließ, denn als die Bahn Richtung Alexanderplatz kaum noch zu hören war, ratterte die der Gegenrichtung ein. Is’ viel zu regeln, hatte Katharina gesagt und war eingestiegen. Wo will sie hin, dachte ich.

Solange er sie nicht erkennt, ist sie seine Ex-Freundin. Wir, wir Anderen, waren keineswegs begeistert, wenn Katharina Philipp mitbrachte. Eine sogenannte Weltreise würde ihn reifen lassen, dachten wir wohl alle, sicher auch Katharina, die so einen wie Philipp nicht nötig gehabt hätte. Jetzt war sie ihn ja los, dachte ich, jetzt kann sie sich wieder frei bewegen. Ich lade sie ein zu einer kleinen Feier, selbst wenn ich sicher bin, sie bringt Philipp mit, auf eine Weise.

Der kleine, alte Mann würde das Bild verderben, doch man bemerkt ihn nicht. Ich suche unwillkürlich nach dem Hund, vor ihm, hinter ihm, aber es scheint keinen Hund zu geben. Eine Gruppe von mehreren Mädchen Anfang 20, im sixties-look, weichen ihm aus, ohne ihr Gekicher zu unterbrechen. Sie sehen auch mich nicht, der ich hier sitze und „einen Dichter lese”, doch wenn sie mich entdeckten zwischen all den Gästen auf der sommerlichen Kaffeehaus-Terrasse, ich wäre Gesprächsstoff bis zur nächsten Kreuzung, hoffe ich. Der alte Mann aber verschwindet im Dunkeln. Eine Umfrage unter den vielleicht 100 Gästen hätte nur einen Treffer ergeben. Ja, würde ich sagen, ein kleiner alter Mann in blauen Badelatschen und verwaschenen hellgrauen Socken, er war deutlich zu erkennen im Lichtschein der farbigen Glühlampen, eine ausgebeulte Jogginghose, hellgrau, ein kurzärmeliges helles Sommerhemd, unter dem ein Unterhemd zu sehen war. Das Haar licht, ein kleiner Kopf, ein Gesicht ohne besonderen Ausdruck. Er ist mir aufgefallen, mir fallen oft Menschen auf, die nicht passen können, selbst wenn sie wollten, sie stören jedes Bild, indem sie einfach nur vorübergehen, ohne zu sehen oder gesehen zu werden. Sicher gibt es Tage, an denen sie kein Wort sprechen. Die Kassiererin im Supermarkt, in der Kaufhalle, nimmt vorsichtig das Geld aus der zittrig hingehaltenen Geldbörse und wirft, laut den Betrag rufend, das Wechselgeld Münze für Münze hinein. Ungeduld kommt auf, doch niemand wagt, sie zu zeigen. So weit will man nicht kommen.

Sie erscheint fast durchsichtig, wie aus Milchglas, dünn wie Pergamentpapier. Weil sie pünktlich ist, ist sie die erste. Ihre Fingernägel wirken wie gebogene Rasierklingen, wir umarmen uns flüchtig, wie immer, seit Philipp zu ihr gehört. Die Brustwarzen zeichnen sich deutlich ab unter der Bluse, und sind ihre Haare heute nicht fast feuerrot. Philipp ist tot, sagt sie, ihre Stimme ist ein wenig rauh. Jetzt sehe ich auch die lindgrünen Stiefel mit den hohen Absätzen. Sie sind neu. Er hat sich umgebracht, fügt sie hinzu. Als ich erwache ist es drei Uhr fünfzehn in der Nacht. Neben mir liegt Katharina mit aufgelöstem Haar. Ich erwache erneut.

In der Staatsbibliothek Unter den Linden kommt der Tod durch die Fenster. Es zieht, aber ich will nicht übertreiben. Vorsichtig wende ich die Seiten um, auch wenn das Buch keineswegs brüchig wirkt, obgleich es von 1728 ist und Vorsicht verlangt. Ich lese, aber das tun sie hier alle. Die Bibliothekarin geht jetzt nach hinten, an mir vorbei und schließt die Fenster. Im selben Augenblick höre ich ein Donnern, halb abgeschnitten durch das Schließen, und dann bricht es auch schon los, der Regen schließt uns ein, ohne uns am Lesen zu hindern. Hier muß ich keine Angst haben.

Die Wahrscheinlichkeit einer Heilung liegt nicht sehr hoch, sagt sie am Telefon. Der Zwischenmieter will Philipps Sachen loswerden, er will eine leere Wohnung, die er neu streichen kann. Er hat Kräuter gekauft und eine Schale, in der er sie verbrennen kann, um den Geist Philipps auszutreiben. Ich verspreche beim Ausräumen zu helfen. Der Arzt rät davon ab, persönliche Gegenstände in die Klinik zu bringen, da Philipp sie nicht erkennen würde. Vielleicht nehmen ihn die Eltern auf, sagt sie. Vielleicht auch nicht.

Im Garten, direkt am Gemüsebeet, war ein großes Becken aus Stein, tief und geheimnisvoll, obwohl man auf seinen Grund sah. Ja, es mag sein, daß eben hier das Faszinierende liegt, denn so wirkte das Wasser immer klar und rein und frisch, selbst im Sommer bei großer Hitze. Man schöpfte das Wasser mit großen Eimern oder mit Gießkannen, während neues, frisches Wasser nachplätscherte aus einem Hahn, der nie richtig schloß, der auch nachts tropfte und ein leises, feines Pling erzeugte, das man deutlich hören konnte, wenn man am Fenster stand und lauschte. Dann war alles in Ordnung.

Ich muß den Traum nicht erzählen. Katharina sitzt mir gegenüber und berichtet, sie dürfe Philipp nicht mehr sehen, die Eltern hätten das so entschieden. Sie wirkt erleichtert. Eigentlich, sagt sie, war die Beziehung am Ende, nur daß es nicht ausgesprochen war. Bleiben wird wohl dieser staunende und doch abwesende Blick, den Philipp ihr zuwarf, bevor er die Hausschuhe von den Füßen streifte und begann, an seinen Zehen zu hantieren, als wolle er sie neu ordnen. Die Eltern kannte ich nur von einem Foto im Flur seiner Wohnung, die Eltern kümmern sich. Sicher tapsen sie mehr oder weniger hilflos in Berlin herum, sagt sie mit einem Unterton, der Absicht sein muß. Obwohl es regnet und langsam kühl wird, trägt sie diese offenen Schuhe mit den hohen Absätzen und ihre Business-Hose mit Nadelstreifen. Sie weist, als wir in die Hauptallee des kleinen Friedhofs einbiegen, auf einen Grabstein, Franz Schmitt, Fleischermeister, so kann ein Leben zusammenschnurren, auf einen winzigen Rest, dem nichts mehr zu eigen ist. Allenfalls rührt sich Mitleid. Als wir den Friedhof verlassen, bricht die Sonne durch und wärmt ein wenig. An der nächsten Kreuzung hält Katharina ein Taxi an, mit einer so lässigen Geste, daß ich eine Minute später wie zurückgeblieben dastehe und dem Wagen hinterherblicke. Mein Gott, bin ich ein Idiot, dachte ich.

Neugierde, Verzweiflung, Fatalismus: Gebrauchsgegenstand Mensch, Verbrauchsgegenstand Mensch, Zerbrauchsgegenstand Mensch. Ich selber neige zum Hedonismus, spüre aber leider die Angst, in ihm siechend, und dabei völlig ahnungslos, zugrunde zu gehen, etwa wie der berühmte Wasserfrosch, der so stumpf und stumm sitzenbleibt, bis das Wasser kocht. Woher soll er auch wissen, daß der Mensch Wasser zum Kochen bringen kann. Der Frosch weiß garnichts.

Katharina wird immer magerer, und obwohl es Herbst wird, scheinen ihre Sommersprossen sich zu vervielfältigen. Sie sagt, daß das Klingelschild bereits geändert sei, nicht provisorisch offensichtlich, sondern offiziell oder so. Sie wirkt fahrig, sie muß direkt aus dem Büro gekommen sein. Wir umarmen uns über den Caféhaustisch hinweg, sie riecht etwas nach Schweiß, nach Kunststoffbluse. Ich weiß nicht, sagt sie nach einer Weile, ob überhaupt irgendjemand dort meinen Namen weiß. Ich glaube, dem Arzt habe ich nur gesagt, ich sei die Freundin. Ich gebe zu bedenken, daß doch jemand sie benachrichtigt hat; sie berichtet von dem Telefonanruf aus der Klinik, ihre Nummer hat man gefunden, auf einem Zettel im Rucksack. Mehr nicht, es war ein Zufall, sagt sie. Ich sehe deutlich, daß sie friert, ohne ihr meinen Pullover anzubieten, der nutzlos neben mir liegt. Ich bin doch ganz schön durcheinander, sagt sie noch, bevor sie geht.

Zu der Feier kommt sie nicht. Niemand fragt nach ihr, niemand vermißt sie. Die Gespräche drehen sich im Kreis, alle haben recht, ohne darauf zu beharren. Um halb zwölf gehen die Letzten, einige müssen am Samstag arbeiten, andere haben Kinder. Niemand hat geraucht, nichts hat sich geändert, allenfalls hängt ein schwacher Dunst von Parfüm in der Luft. Später finde ich im Teppich, tief im Flor, einen einzelnen, billigen Ohrring. Aber der kann auch schon ewig da gelegen haben.

Sie wird immer durchsichtiger; schon schlagen Schatten anderer Menschen durch sie hindurch auf den Gehweg, wenn sie steht und mir entgegenschaut. Wir sehen uns, aber unsere Augen haben nicht die selbe Wellenlänge, ganz abgesehen davon, daß (ich blaue und) sie grüne Augen hat. Die schon sehr tief im Westen stehende Sonne über der Danziger Straße veranlaßt sie, die Augen zu schließen. Wie eine friedlich schlafende Elfe wirkt sie jetzt auf mich, ich darf das sagen, denn ich hasse Kitsch, aber was kann ich dafür, denke ich, wenn Katharina weder Kanten noch Ecken hat; sie fügt sich sacht in jedes Bild. Später im Café erzählt sie mir, daß sie drei lindgrüne Badeanzüge besitzt. Wird auch sie jetzt verrückt, denke ich.

Der überflüssige Zeitgenosse kommt einem kaum noch unter. Er wird nicht mehr erwähnt, die Angst ist zu groß. Dabei wäre es ehrlicher sich einzugestehen, daß die meisten Menschen nicht mehr sein können als Zeitgenossen; sie bilden die Masse derer, die unsere Existenz ermöglichen, und dabei kommt es auf die Masse an, nie auf den Einzelnen. Der Nutzen einer Masse kann nur darin liegen, in ihr unterzugehen, sich innerhalb seiner Zeitgenossenschaft zu bewegen. Der überflüssige Zeitgenosse ist eben nicht notwendigerweise Teil der Masse, er ist abgesondert; trotzdem aber schadet er, nicht der Masse selbst, sondern dem Einzelnen, der in seiner Besonderheit den Schutz der Masse nötig hat. Im besten Falle nimmt die Masse den Überflüssigen auf und neutralisiert ihn, im denkbar schlimmsten Falle lenkt der Überflüssige die Masse, zu Ungunsten des Einzelnen. Es kommt darauf an, immer rechtzeitig zu sagen, was ist.

Ich bin sicher der Einzige, der noch an Philipp erinnert wird. Zwar spricht auch Katharina nicht mehr über ihn, geschweige denn von ihm, aber allein ihr verändertes Wesen spricht Bände. War sie zuvor darauf bedacht gewesen, zusammen mit ihm vorteilhaft zu erscheinen, sie beobachtete immer ziemlich unverhohlen, wie wir auf ihn und sein Gerede reagierten, so ist sie jetzt nur noch allein auf sich fixiert. Sie ruft gelegentlich noch aus dem Büro an und wir treffen uns im immer gleichen Kaffee-Haus. Sie erscheint mit streng nach hinten gebundenem Haar, rot nachgefärbt, das sie beim ersten Kaffee auflöst und so praktisch freiläßt. Zaghaft, als könne es die Freiheit noch garnicht fassen, liegt es auf ihrem grünen Rollkragenpulli. Die Badeanzüge erwähnt sie nicht mehr, doch als sie einmal ein Steinchen aus ihrem – grünen – Schuh entfernt, sehe ich, daß sie grüne Strümpfe trägt. Die grüne Katharina, denke ich und erinnere mich an Heinrich, der den Vater verlor und in die Fremde ging.

Vielleicht liegt es an mir. Zwar lächelt sie manchmal, doch tatsächlich lachen – nein, schon lange nicht mehr. Im Büro vielleicht, aus beruflichen Gründen, das mag sein, aber hier mit mir nicht. Sicher graut ihr vor der Weihnachtsfeier, denke ich, aber als ich sie frage, lacht sie dann doch; ich wußte nicht, daß die Beiden sich auf einer solchen Feier kennengelernt hatten. Ein Wunder, sagt sie, daß er mich genommen hat, damals, ich war stockbetrunken und er vollkommen nüchtern. Er hat mich nach Hause gefahren und ins Bett gebracht. Den Rest kannst Du Dir denken. Ihr Blick sagt so etwas wie, ihr Männer seid eben so, aber ich ignoriere das gekonnt und sage nichts. Katharina denkt sich ihren Teil.

Ich erkenne auf dem Display ihre Nummer, die des Büros. Ich hebe nicht ab. Auch später nicht. Das schlechte Gewissen suggeriert mir, gerade heute sei es wichtig gewesen. Einen Moment sehe ich sie mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Wanne liegen, in ihrem grünen Kostüm und aufgelöstem Haar. Aber ich hebe nicht ab. Ich gewöhne mich an sie und ihre Lücke im Leben, die ich nicht ausfüllen kann. (…) Alle passen sich an, es gibt nur noch den Standard, der die Abweichung bereits beinhaltet. Privates und Öffentliches fließt ineinander, so daß ich mich immer selbst beobachte, weil ich andere beobachte. Natürlich wird dabei alles unscharf, der Andere ebenso wie ich. Die Frage “wer ist da” mit “Ich” zu beantworten, ist heute ein Statement ohne Selbstreflexivität. Die richtige Antwort wäre gewesen “Gott”, aber wer kommt denn auf sowas.

(…)

Eines Tages sehe ich sie, etwas unbeholfen, auf einem Rennrad. Als sie mich sieht lacht sie und hält an. Ich ahne schon, was sie mir sagen wird. Es endet damit, daß sie mehrmals sagt, sie wisse ja nicht, wo sie es hinschicken soll. Und sicher stünde es dort nur im Keller. Ich sehe ihr nach. Ihr kleiner Hintern ragt in die Luft und ich denke, ein Königreich für ein Rad. Unsinn, natürlich.

Ich nehme meine Arbeit wieder auf, die ich wegen des Verrücktwerdens unterbrochen habe, nicht mit Absicht zwar, aber leichthin. Ich lese alles noch einmal durch und bestelle mir die Bücher, auf die sich alles gründet, in den Lesesaal. Man sieht ihnen die knapp dreihundert Jahre nicht an, und den Gedanken in ihnen schon garnicht, denke ich. Ich fühle mich wohl. So ein Gedanke kann doch ordentlich wärmen, selbst wenn die kalte Selbstbeobachtung sein Inhalt ist. Einmal in der Welt, ist ein Gedanke zeitlos, er wird oft geboren und begraben, aber er stirbt nicht, im Gegenteil, er lebt für immer. Allein das Denkbare ist das Lebendige, denke ich.

Sie zeigt mir einen Artikel. “Fragwürdige Experimente” ist er überschrieben. Es geht um Versuche mit einer neuen Art Wahrheitsdroge, die die Behörden in Argentinien erprobt hätten. Ich verstehe nicht. Sie rennt fast die Bedienung um, als sie aufspringt und andere Zeitungen holt. Überall stehts, sagt sie. In geheimem Auftrag der US-Regierung wird die Droge erprobt, sie zeigt mit dem Finger auf die Überschrift im Tagesspiegel, und da, und da, und da. Viel fehlt nicht, und sie wird hysterisch; als sie aber plötzlich ruhig wird, ahne ich Schlimmes. Die Härchen über der Oberlippe flimmern im Licht, die Nasenflügel beben, langsam nähert sie sich mir, meinem linken Ohr, ich erstarre: ich habe Angst. Philipp, sagt sie, er war in Argentinien. Verstehst Du, fragt sie. Ich nicke, aber in Wirklichkeit verstehe ich nichts.

Eher, daß die Erinnerung schmeckt, riecht sie. Kein Lindenblütentee. Oder wenigstens selten, sehr selten. Wer gibt Kindern schon Lindenblütentee. Natürlich, hat man ihn geliebt, weil er verbunden war mit Wohlgefühl und Freiheit, dann darf es auch Lindenblütentee sein. Die Art der positiven Anmutung ist fast gleichgültig. Frisch gebügelte Wäsche, lehmige und verschwitzte Sportklamotten, natürlich auch Wassereis. Schmecken, Riechen, weniger das Gesehene, das man fast ausschließen kann, ja sogar auf die andere Seite zu stellen hat, zu den Entzauberungen. Alles so klein, miefig und piefig, kein Paradies, nimmermehr. Worte zu finden ist wesentlich. Ernst Jünger fand schnell eine zumeist distanzierte Sprache, die aber besonders viel Raum läßt für das Eigentliche, das Menschliche, Wut und Mordlust ebenso wie Zärtlichkeit und Mitleid (In Stahlgewittern). Ernst Maria Remarque zeigt das Grauen als Arbeit an der eigenen Vernichtung; der Glaube reduziert sich auf die Kameradschaft mit all den Todgeweihten, von denen einige nur den halben Tod sterben, d. h., sie überleben (Im Westen nichts Neues).

Katharina bittet mich, ihr die Kriterien aufzuzählen, nach denen Männer Frauen beurteilen, vor allem in bezug auf die Partnerwahl. Sie sieht mich an, als könne sie jeden Augenblick den Bleistift zücken. Ich hätte mich rausreden sollen.

Nehmen wir das Äußere, hilft sie mir. Wie gehst Du vor. Als ich schweige, wird sie konkreter. Du sitzt, sagt sie, im Foyer der Staatsbibliothek am Potsdamer Platz. Du wartest, aber Du hast kein Buch dabei. Die Menschen kommen herein, gehen zur Garderobe oder zu den Schließfächern, dann schließlich die lange Freitreppe zum Lesesaal hinauf. Du beobachtest insbesondere die Frauen, und da das Foyer eine Halle für sich ist, tust Du es offen und intensiv. Nicht alle Frauen gefallen Dir, naturgemäß, gleich gut. Also: -

Ich betone, daß ich zunächst nur das Äußere beurteilen kann. Dazu gehört, ich sage es bewußt grob, der Kopf, Oberkörper und Unterleib, hier beginne ich fast eine Diskussion, warum es oben Körper und unten Leib heißt, beherrsche mich aber, dann sind der Gang zu beurteilen, die Kleidung, das Gehabe als solches. Und dann, sage ich, gefällt mir eine, oder nicht. Katharina ist nicht zufrieden. Sie trägt ein Goldkettchen mit einem Delphin. Sicher ein Geschenk.

Ich gebe zu, daß ich bei größerer Entfernung zuerst auf den Hintern sehe; winzig oder fett, beides ist unmöglich. Hoffentlich, denke ich, fragt sie mich nicht, wie ich sie sehe. Katharina sieht mich herausfordernd an; ich finde, sie ist aggressiv, selbst wenn sie lächelt. Weiter, sagt sie.

Zuhause denke ich nach über die Sache mit der Wahrheitsdroge. Sie hat das nicht mehr erwähnt, aber lieber hätte ich darüber gesprochen als über Kriterien der Partnersichtung. Ab heute ist sie auf Dienstreise und nicht erreichbar, wie sie ausdrücklich sagte. Oder fährt sie zu Philipp. Weiß sie etwa, wo er ist.

„Sagen Sie die Wahrheit.” Und, das frage ich mich, sage ich sie dann, wenn mir vorher ein Mittel gespritzt wurde. Drogen, die zum Lügen verleiten, gibt es immerhin auch, denke ich, auch wenn ich nicht sicher bin. Was ist mit Wein, frage ich.

Ob sie noch daran denkt, an das, was ich gesagt habe über die Frauen. Sie lächelt. Käme man, setzte ich wieder an, näher, sind Geruch und solche Dinge wie Nasenhaare wichtig, auch bei Frauen. Käme man dann noch näher heran … Ich weiß, sagt sie. Ich atme auf. Vielleicht wird auch sie verrückt, denke ich, dann können Philipps Eltern sie adoptieren – zwei Stumpfsinnige als Paar. Weiß sie, wo Philipp ist. Vielleicht doch ‘ne Dienstreise. Ich weiß von nichts.

Meine Wahrheit bleibt meine Wahrheit. Da reicht kein Satz wie: ja, ich habe den Rentner P. die Kellertreppe hinunterfallen sehen, nein, ich habe ihn nicht gestoßen. Natürlich ist das die beste Wohnung im Haus.

Wahrheit soll immer positive Wahrheit sein. Eine Verneinung ist enttäuschend. Nein, war ich nicht. Glaubt dir eh keiner. Die Ja-Lüge nimmt jeder. Mein Gott, ja, wenns der Wahrheitsfindung dient. Endlich entdeckt jemand schmerzhaft, daß da auf der Stufe was übersteht. Rest von Irgendwas. Armbruch, Prellungen, Schwellungen. Warum hammse das nicht gleich gesagt, fragt man mich. Irreführung der Justiz. Kommt aber nicht durch. Schöne Wohnung.

Wieder von Katharina geträumt. (…) Schweißgebadet aufgewacht. Wie zum Hohn Karte aus Brüssel, Rathaus. Hotel mit allem Pipapo, schreibt sie. Einsam, abends Bar, Schlipsmänner. Könnte auch Japan sein. Grüße.

Ich bin nicht dressiert. Man hat mich meist gelassen, wenn ich wollte; oder nicht wollte. Ich konnte nicht in den Kindergarten gehen, ich mußte auf meine Mutter aufpassen. War so. Wirklich. Die paar Stunden Schule am Tag – später – hat man gut rumgekriegt, meistens jedenfalls. Kein Vergleich zur Kinderquälerei heute. Natürlich hat man versucht mich fertigzumachen, aber dressiert bin ich nicht.

Der Rentner P. hat Hohlräume unter den Schwellen, an allen fünf Türen. Fußboden einfach übergestrichen, hellgrau.An der ersten Türschwelle platzt mir die Farbe ab, dann arbeite ich mit einem Teppichmesser vor. Das erste was ich finde ist ein Karl-May-Band vom Herbst 1989, Neuausgabe. Warum versteckt einer sowas, denke ich.

Wer jetzt gehofft hat, die alten Leiden des Rentners P. zu finden, wird enttäuscht. Trotzdem erstaunlich: Ostgeld, wertlos jetzt. Ich zähl’s erst garnicht. Der Rentner P., denke ich.

Wir Jungs haben im Hof vor aller Augen ein Feuer gemacht. Die Streichhölzer lagen neben der Zigarrenkiste. Ärger gab’s letztlich nur, weil wir Klopapier verbrannten. Die Drohung, wir müßten uns mit Schleifpapier den Arsch abwischen, folgte die Dankbarkeit, es nicht tun zu müssen.

Katharina ist zurück. Gut, sagt sie, als ich sie frage, gut. Weiter nichts. Sie ist überrascht, daß ich umgezogen bin. Vielleicht hätte ich sie einladen sollen, in die Wohnung.

Im Lesesaal II ziehts mal wieder. Der Japaner neben mir zieht seine Schuhe aus; Japaner eben. Ich setze mich woanders hin. Bloß keinen Krieg. Als mir die Bücher gebracht werden, werde ich ruhig. Ich und das Buch. Es hat nur auf mich gewartet, über zweihundert Jahre lang. Hier liegt es. Ich bin da.

Ja, ich bin da. Nur wenige hundert Meter liegen zwischen mir und dem Ort, an dem dies Werk geschrieben worden ist. Zerstört, Luft, Neues in sie hineingebaut, neuer Ort. Trotzdem.

Verdacht der Humorlosigkeit. Zumindest im Werk. Sollte der Humor erst durch Jean Paul und E.T.A. Hoffmann in Literatur gegossen worden sein. Bei Goethe gibt es nichts zu lachen, dafür aber doch bei Lessing; Frage. Auch bei Kleist, eindeutig. Und bei Tieck, nun ja, dafür aber bei Novalis und bei Hölderlin auf keinen Fall. So wie es bei Thomas Bernhard keine Geschlechtlichkeit gibt, die auch bei Karl Philipp Moritz nicht auftaucht. Beim Aufklärer de Sade ist Sexualität als Bestialität zu haben, bei E.T.A. Hoffmann als Hund-und-Katz-Erotik. Spaß allerdings kann einen auch in den Kerker bringen, siehe Mörike und seinen Helden, dem alles zur Tragödie wird. Am Ende bleibt Jean Paul, und das bedeutet Arbeit am Humor.

Am Abend bin ich mit Katharina verabredet. Bin ich der Einzige, mit dem sie privat Kontakt hat. Ist sie die mit dem Verrückten. Wahnsinn galt lange als ansteckend. Ich würde ihr gerne berichten über all die alten Gedanken, die so alt nicht sind und dann wieder doch. Als ich warte, bemerke ich den Geruch der Stabi, er hängt mir in den Kleidern. Die Touristen, die im Sommer im Innenhof sitzen, bleiben davon verschont. Alle anderen riechen. Als Katharina endlich kommt bin ich so müde, daß ich durch sie hindurch zu sehen meine. Sie trägt bauchfrei, und er ist weiß wie Schnee. Dann sehe ich, daß es ein weißes T-Shirt ist und muß lachen. Sie erschrickt, läßt sich aber nichts anmerken.

Sie geht früher als ich, so bestimmt, daß ich sie nicht hätte begleiten können. Ein Schal bleibt liegen. Als ich morgens erwache, liegt er neben mir. Wie nur bin ich nach Hause gekommen. Dann fällt es mir wieder ein. Es war mir entfallen, ich habe geträumt. (…) Wieder geträumt wieder ohne Erinnerung. Unter der Oberfläche zivilisierten Daseins lauert die satyrhafte Geschlechtlichkeit. Gegen Abend in der Bibliothek spüre ich sie wieder. Sie hat nichts von einer Bestie. Es ist ein Spiel mit Regeln.

Wer ist dieses Ich in meinen Träumen. Es erlebt viel, aber selbst plötzliches Bemerken eines üblen Zustandes bringt es nicht aus der Ruhe. Bin ich das, frage ich mich. Wohl kaum, denke ich, träume dann aber wieder, ohne mich von außen sehen zu können, ruhig, gelassen, selbstgewiß. Bin ich das, frage ich mich, abermals. Im wirklichen Leben bleibe ich selten ruhig. Bin ich das, frage ich wieder, die Antwort muß Ja sein, denke ich, denn ich spüre es. Im Traum lebe ich nur mich selbst, im Leben sonst dringt anderes Leben in mich. Träumen ist kein Leben.

Ich empfinde die Anrufe Katharinas als eine Belästigung. Ich gehe nicht dran. Mag sein, sie erinnert sich an die Zeit vor Philipp, als ich, was ich heute bereue, mich um sie bemüht habe. Sie nutzt das jetzt aus. Vielleicht habe ich sie jetzt in der Hand, denke ich. Ich war schon immer so, leicht mal beleidigt und rachsüchtig. Aber ich bin nicht verrückt. Und ich würde auch nicht verrückt werden, wenn ich die Wahrheit sage. Das nächste Mal nehme ich ab.

Die Nähe zu anderen Menschen muß, je älter man wird, umso mehr organisiert werden. Die selben Empfindungen bei einem anderen Menschen zu finden, ist leicht, wenn man noch in der selben Umwelt, dem selben Alltag, von Schule etwa, lebt. Seit sicher mehr als 250 Jahren, seit dem „Zeitalter” der Empfindsamkeit, steckt man die Köpfe zusammen, um zu singen oder zu lesen, um „Shakespearenächte” zu erleben. Irgendwann aber ist das vorbei, dann muß man lernen, die in Szene gesetzte Wiederholung zu genießen. Wenn sich wer findet.

Ich sage, es geht mir gut. Ich habe den Hörer abgenommen, obwohl ich gesehen habe, wer anruft. Sie scheint enttäuscht. Für ein Treffen hat sie keine Zeit. Doch am selben Abend ist sie im Kaffeehaus.

Ich sage, warum soll ich bei einer Frau ein Verhalten mögen oder auch nur akzeptieren, das ich bei Männern abstoßend finde. Ja, gebe ich zu bedenken, eine ganze Generation ist so verloren, die Männer sowieso, die Frauen nicht minder. Ich hielte mich wohl für was Besseres, fragt sie spitz, obwohl sie jünger ist als ich. Meine Antwort ist Schweigen.

Das Besondere hat mich früh verlassen; seitdem laufe ich ihm hinterher. Das Hinterherlaufen ist, so denke ich heute, falsch. Besser wäre es, das Nichtbesondere zu lieben, wie die Wiederholung. Am Kreuz hängt ein Mann und fühlt sich elend, sage ich noch, bevor ich gehe. Jetzt hält sie mich für verrückt, doch als ich meine Wohnung betrete, geht es mir gut.

Die Sache mit den Schneeflocken. Am Fenster sitzen, auf dem Fensterbrett, mit 14 Jahren, und die Schneeflocken zählen. Was auch sonst hätte ich tun sollen. Immerhin ist mein Großvater zuhause gestorben, im Winter, während Schneeflocken die Gegend unsichter machten. Danach war dann alles anders.

Die Entzauberung der Welt durch Zauberei hält an, wird fortgesetzt und begeistert die Massen. Alle wissen alles; jeder weiß nichts. Bevor ich die Lage weiter beleuchten kann, sagt sie, sie bringe noch jemanden mit. Dann hängt sie ein, wie man früher sagte. Ich ahne das Schlimmste. Als ich ankomme, sind sie schon da. Beide trinken Kaffee, normalen, bei dessen Bestellung die Bedienung sicher gefragt hat, ob wirklich normaler Kaffee gewünscht sei. Sie stehen auf, Katharina umarmt mich inniger als je, dann zeigt sie auf ihn. Das ist Moritz, sagt sie. Hallo, gurgelt er mir entgegen. Ich bestelle, mit voller Absicht, einen Fiaker, und einen Gin-Tonic. Katharina sieht mich seltsam an. Moritz macht bei uns ein Praktikum, sagt sie. Um ihm eine Freude zu machen, spreche ich über Ästhetik im Sport. Leider führt das dazu, daß sie bald über das Segeln diskutieren. Das habe ich nicht gemeint. Als ich meinen dritten Gin-Tonic bekomme, gehen sie plötzlich. Auf dem Heimweg stelle ich mir vor, wie Moritz an ihr (…) [herum]nagt. Mir wird schlecht, aber ich beherrsche mich.

Homer hat sich alle Zähne ziehen lassen, um doch noch seine Erblindung zu verhindern. Das ist nur eine Spekulation, da am anderen Ende der Skala auch James Joyce genau das getan hat, aber immerhin haben beide die Odyssee geschrieben.

Als ich Moritz das nächste Mal sehe, trinkt er wieder Kaffee, diesmal aber mit einer anderen Katharina. Er grüßt flüchtig und schaut weg, bevor ich nicke. Immerhin, er scheint auf Rothaarige zu stehen, auch wenn sie ruhig ein bißchen mopsig sein dürfen, wie’s aussieht. Als ich ein paar Minuten später quer durch den Raum blicke, knutschen sie wie die Teenies. Angwidert reiße ich die Zeitung hoch, daß es knallt.

Der Zustand der größten Einfalt steht dem der größten Einsicht und Bildung gegenüber. Voller Einsicht die Lage richtig einzuschätzen und dann vom Zufall überrascht zu werden ist ebenso möglich, wie aus Unkenntnis den falschen Weg zu wählen, um durch den selben Zufall, alle Zufälle sind sich gleich, sein Ziel zu erreichen. Das Wissen um die Umstände ist allenfalls später zu haben, wenn überhaupt. Das muß wohl mit Zuversicht gemeint sein.

Klartext sprechen heißt eine Wirkung zu erwarten, die schmerzt.

Johann Gottlieb Fichte wäre zweihundert Jahre später Thomas Bernhard gewesen. Einer lacht. Er hat mich nicht verstanden, aber er hat recht. Dann sprechen alle über Kino. Ich sage nichts mehr.

Katharina erwähnt Moritz oft, allerdings nur in Nebensätzen: aber das macht dann der Praktikant – oder so. Sie trägt einen Hosenanzug mit Nadelstreifen, lindgrün mit kanariengelb, tiefer Ausschnitt mit Golddelphin. Den Job in Brüssel habe sie abgelehnt, ihr sei nicht nach Karriere. Auffällig die knallroten Stiefel und der passende Lippenstift. Als ich gehe, bleibt sie noch. Ich bezahl für Dich mit, sagt sie. Später ärgere ich mich.

Sprache kann nur Teil sein von Wirklichkeit. Der Begriff der bitteren Armut, der auftaucht im Zeitungsartikel oder im Kommentar im Radio, kann er mich dazu führen, dankbar und demütig zu sein, weil es mich nicht trifft, schon garnicht im Vergleich. Die Frage stellt sich allein durch die Tatsache des Empfangs dieses Befundes, aber die Antwort kann nur Nein sein. Die Zusammenhänge sind abstrakt, sie bewegen meinen Geist, nicht aber mein Gemüt. Anders sieht es aus im Exemplarischen, im umfangreich Dargestellten, wo es nicht des plakativen Begriffs bedarf, wo Menschen tatsächlich zu Wort kommen, wo die Zeit nicht durch Schlagworte getaktet wird.

Ich glaube, sie ist beleidigt, oder sogar gekränkt. Wahrscheinlich denkt Moritz, sie sei zu alt, auch wenn nicht mehr als sechs, sieben Jahre zwischen ihnen liegen können. Vielleicht hat er Angst vor ihr, und außerdem ist sie seine Vorgesetzte, gewissermaßen, auch wenn im Büro, nach allem was Katharina erzählt, jeder alles macht. Das mit den roten Stiefeln ist seitdem nicht mehr vorgekommen, sie geht wieder Ton in Ton. Warum, frage ich sie noch, sie nicht nach Brüssel gegangen sei, das wäre doch ein richtiger Schritt gewesen. Sie zieht die Stirn kraus, so daß man einen Hut aufschrauben könnte. Denk Dir was aus, sagt sie.

In der Staatsbibliothek ist der gleiche Baustellenlärm wie bei mir zuhause, aber eben nicht der selbe; es ist nicht mein Lärm, ich hab nicht das Recht, ihn als zu mir gehörig zu begreifen. Ich lese über die Natürliche Religion, die eine Abschaffung der Religion sein will, wie sie als Menschenlebenbestimmung Mitte des 18. Jahrhunderts besteht. Bismarck hat dann ein Jahrhundert später den Rest besorgt. Als ich das Haus verlasse, beginnt es zu regnen. Ich beschließe, das Rad zu schieben; ja denke ich, ich habe einen Schirm dabei. Aus der Humboldt-Universität strömem hordenweise Studenten und zerstreuen sich. Zehn Minuten später komme ich bei der Agentur vorbei, in der Katharina arbeitet. Ohne groß zu überlegen, so als ginge ich hier täglich ein und aus, steige ich die enge Stiege des 3. Aufgangs in Haus B hinauf und stoße die Glastür auf. Als erstes sehe ich Moritz. Er grüßt kühl. Dann sehe ich Katharina in ihrem Kabuff, sie sitzt rittlings auf einem Bürostuhl und raucht. Seit wann raucht Katharina, frage ich mich.

Sie tut, als sei es völlig normal, daß ich hier so reinschneie. Dabei ist niemand sonst im Raum. Auf einem Tisch vor dem Fenster liegen Plakate in verschiedenen Farben, jeweils dicke Stapel. Das Foto eines Politikers, dynamisch und doch herzlich, ist zu sehen, darunter ein Zitat. Ich sehe den Fehler sofort. Ja, ich weiß, sagt Katharina, man schreibt das mit g und dann mit t am Ende. Rückrad ist Quatsch.

Ihr ist nicht zum Lachen zumute, doch nach dem dritten Whisky lacht sie trotzdem. Der Typ vom Pizzaservice hat’s als Einziger erkannt, sagt sie. Die Plakate werden neu gedruckt, der Termin ist zu halten; trotzdem peinlich. Wir verlassen gemeinsam die Bar. An der Kreuzung winkt sie einem Taxi. Als der Wagen hält, küßt sie mich hastig, trifft aber meine Schneidezähne. Der erste Kuß, und dann sowas, denke ich, winke aber trotzdem.

Der Mensch ist schwerfällig; zur Entlastung ist ihm Geist zu eigen. Diesen aber anzuwenden heißt, sich befreien können. Schwer.

Ich wandere durch Deutschland, wenn auch nur in Gedanken und mittels einiger angestaubter Bücher. Dazumal waren die Städte festumrissene Gebilde, wo man entweder in der Stadt war oder außerhalb. Das muß herrlich gewesen sein. Heute, jetzt, gelingt es kaum noch, nicht innerhalb zu sein. Wenn es auch im 18. Jahrhundert so etwas wie Privatleben nicht gab, man konnte doch zu Fuß raus ins Alleinige. Hätte man damals bereits das Fahrrad gekannt, es wäre nahezu perfekt gewesen. Wäre.

Geträumt von Philipp. Zusammen Rad gefahren, waren plötzlich in sehr großer Höhe und schwebten langsam nach unten in eine Stadt, in der allerlei Müll haushoch getürmt war. Landen sanft, Philipp wird herzlich empfangen von altmodisch gekleideten Honoratioren; ich stehe daneben, auf mein Rad gestützt, und keiner beachtet mich. Aufwachen. Ratlosigkeit.

Leere Tage. Feiertage. Kann keine Eier mehr sehen. Straßen ziemlich leer, Touristen mit Anoraks und blonden Kindern. Leer, von allem zu wenig. Nicht mal ein Anruf. Auf dem Gehweg ein paar zermatschte Schokoladeneier. Selbst die Sonne sieht aus wie ein Ei.

Es ist keine Willensfrage, ob ich krank bin. Ich bin krank, zumindest erkältet. Zum Glück bin ich heiser, sonst glaubt das ja keiner, heutzutage. Die telefonischen Genesungswünsche Katharinas wirken irgendwie beleidigt. Sie legt auf. Als könne sie sich über die Telefonverbindung anstecken. Seltsam.

Der Mensch ist ein träges Tier. Nicht ein PrivaTier, das meine ich nicht. Der Mensch ist in aller Öffentlichkeit ein Faulpelz. Kommt er als defekter, deformierter Mensch daher, ist er lästig; nur als Künstler hat er die Chance, trotz seiner Trägheit Achtung hervorzurufen, als ein Jemand anerkannt zu werden. Leider ist aber auch die Kunst anstrengend, vor allem die, wie ein träges Tier zu wirken.

Klar war ich früher verrückt. Was denn sonst. Als Kind hatte ich allerhand Zwangsvorstellungen, ich hatte Vorstellungen eines (nahezu) perfekten Seins in Ewigkeit. Es ging um mich, nie um andere. Sicher auch ein Grund, nicht an einen Gott zu glauben, nicht mal an einen kindlichen: War man ja selber, irgendwie.

Der Mann ohne Geigenkasten.

Muckertum und Gottesfurcht gehören zusammen, nicht zwingend zwar, doch so häufig, daß hier eine Regel aufgestellt ist, die ohne Ausnahme ohnehin nicht gelten würde. Dieser Gedanke kam mir in den Sinn, als die beiden Gestalten vor meiner Wohnungstür auftauchten, die Käsige, und die Junge, die Frische. Vielleicht, dachte ich, sollte ich beide hereinbitten, die Alte bewußtlos schlagen, um dann der Jungen die Vorzüge … Das dachte ich, wirklich, aber das war ein Notwehrgedanke, der mir half, diese Zeugen von Dummheit und Beschränktheit loszuwerden. Der geprügelte Blick der Jungen, die mich von einer Position weit hinter der Alten scheu anblickte, hätte es mir ohnehin nicht möglich gemacht, ihr wie auch immer geartete Vorzüge nahezubringen. Wie gesagt, Muckertum und …

„Komisch, dachte er, daß ich ausgerechnet dieses Leben habe und kein anderes.” Wieder ein Buch, das ich nicht kaufen würde. Ist es denn zuviel verlangt, einen Roman in die Hand zu nehmen, einen guten Satz zu lesen, am besten gleich den ersten, und dann dieses Buch kaufen zu können, weil ich Interesse habe. „Mein Vater war ein Kaufmann” ist so ein Satz, denke ich. Ein Satz, ein Buch. Vielleicht im Antiquariat. Als ich eintrete, sehe ich Katharina. Sie steht auf Zehenspitzen und versucht, ein großes, rostrotes Buch aus dem obersten Fach zu nehmen. Sie trägt einen halblangen Rock, und ich sehe mehr als ich ahne, daß sie einen wunderbaren Hintern hat, so klein er auch ist. Als ich Hallo sage, obwohl der Antiquar nicht zu sehen ist, dreht sie sich um. Ich atme auf.

Am nächsten Morgen fahre ich mit der Tram zur Staatsbibliothek, das heißt, bis zu ihrem Hintereingang, der kein Eingang ist, aber vielleicht (wieder) einer werden wird. Ich weiß, daß ich in einigen Stunden bereuen werde, nicht mit dem Rad gefahren zu sein. Obgleich ich die Zeiten im Kopf habe, ist die Angst, die Bahn führe mir vor der Nase weg, groß. Ungeduld, ich gehe zu Fuß bis zur Oranienburger, dort nehme ich die nächste Tram, doch sind die besten Plätze dann längst belegt. Kein Mensch nimmt so etwas wichtig, alle sind gelassen, nur ich habe meine E-Motions-Ästhetik im Kopf. Doch die Tram kommt pünktlich, ich steige ein, besetze meinen Platz und bin glücklich. Ob die hübsche Antiquarin heute wieder da ist. Ich steige eine Station früher aus, werde aber enttäuscht. Ich kaufe trotzdem ein Buch. „Bei dreiunddreißig Grad im Schatten lag der Boulevard Bourdon vollständig verlassen da.” Bingo.

Ein Fahrradkurier sei in sie verknallt, sagt Katharina plötzlich wie aus dem Nichts. Ich stelle mir gleich einen ausgezehrten Mitdreißiger vor, der täglich in die Agentur kommt und vor sich hinstinkt. Sicher lächelt er sie an, oder versucht es zumindest, wenn sie ihm die Rollen mit den Entwürfen in die Hand drückt. Ich täusche mich, ich sehe es, sie zeigt mir eine Aufnahme auf dem Foto-Handy. Der ist doch kaum zwanzig, sage ich. Er hat ‘n knallrotes Rennrad, sagt sie. Dann kommt der Kuchen. Sie hat mich eingeladen. Jahrestag, sagt sie, aber sie sagt nicht, um welchen Tag es geht. Ich zerbreche mir den Kopf, komme aber nicht drauf. Ich komme einfach nicht drauf.

Manchmal kommen mir Dinge oder Handlungen plötzlich absurd vor. Motorradfahren zum Beispiel, oder in einen „Hörer” sprechen, wenn ich mich unterhalte. In solchen Momenten taucht so eine Art schiefer Ebene auf, hinunter in den Wahnsinn. Vorsicht, bitte. [...]

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