Schweigen

Heraklitischer Fließtext / Skizze einer Nacht

[Schweigen; ca. 140 Seiten]
© Norbert W. Schlinkert 2003ff. – Alle denkbaren Rechte beim Autor

An jenem Tage spürte er deutlich, die Hoffnung ist aufgebraucht. Nicht etwa alle Hoffnung, wie es so oft heißt, nein, einfach seine Hoffnung als solche. Eben noch hatte er am Fenster des kleinen Erkers gestanden, die Hände in den Taschen einer Hose, die er nur daheim trug. Er dachte, wie früh es nun dunkel wird, im November, dem trübsten, wenn auch nicht dem dunkelsten Monat des Jahres. Die Straßenlaternen hatten bereits den ganzen Tag versucht, die Trübnis etwas aufzuhellen, die dadurch aber nur noch bedrückender geworden war. Wie trüb es ist, hatte er schon den ganzen Tag über gedacht, immer wieder zum Fenster tretend und auf die Straße blickend, und eben dies denkend. Jetzt aber war es dunkel, und die Laternen, dessen Köpfe an langgezogenen Hälsen hingen und die Straße zu beleuchten vorgaben, hatten einen Kranz aus Nebel und Dunst, der gelblich erschien und eine fast cremige Konsistenz besaß. An der Apotheke schräg jenseits der Kreuzung flammte jetzt ein Licht auf und übergoß das Trottoir mit Helligkeit, eine Werbemaßnahme ohne Zweifel, deren Wirksamkeit sicher wissenschaftlich belegbar ist. Man müßte nur, dachte er, mit der größtmöglichen Genauigkeit Umsatzsteigerung und alle notwendigen Werbekosten, also Kauf und Installation der Lampe sowie die zusätzlichen Stromkosten, miteinander in Beziehung setzen. Natürlich würde der Effekt verpuffen, zögen andere nach, denn eines Tages wäre sicher der gesamte Gehsteig auf das grellste beleuchtet, was aber durchaus, möglicherweise, dachte er jetzt, im Gegenteil vielleicht doch einen Gesamteffekt und Gesamteindruck machte, der dann vielleicht sogar positive Auswirkungen haben könnte. Aber das sind unnütze Gedanken, dachte er, die Schultern hochziehend. Er wandte sich vom Fenster ab, durchschritt das Wohnzimmer und ging, am Telefon vorbei, in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Wohlgeordnet lagen Butter, Käse und abgepacktes Brot bereit. Die Milch würde ausreichen. Notfalls könnte er auch am Sonntag Milch kaufen gehen, oder morgen schon, am Samstag, am Sonnabendmorgen. Er nahm einen Apfel aus dem Gemüsefach, auch Äpfel waren genügend vorhanden, und steckte ihn in die Tasche seiner Hausjoppe, ein Vorgang, der zu nichts gut war außer dem Gefühl, auf alles vorbereitet zu sein. Jetzt kann Dir nichts mehr geschehen, jetzt kannst Du um die ganze Welt reisen, sagte sein Großvater immer wieder, wenn er, der Enkel, einen besonders schönen Apfel, den der Großvater, auf der Leiter stehend, herunterreichte, in die Jackentasche gleiten ließ. Das Gefühl stellte sich ein, das Gefühl, gerüstet zu sein, allen Widrigkeiten trotzen zu können. Er ging, wieder am Telefonapparat vorbei, zurück ins Wohnzimmer und stellte sich wieder ans Fenster. Der Apfel, der noch zu kalt war, um ihn zu essen, steckte in seiner Tasche. Eine alte Frau zog sich am Haltebügel die Stufe zur Apotheke hoch. Diente die Beleuchtung vielleicht doch eher der Sicherheit als der Werbung, überlegte er. Bei Gelegenheit müßte er das erfragen, jetzt aber, heute Abend, aus diesem Grunde hinunter zu gehen, kam nicht in Frage, er benötigte nichts. Zudem war die Frage nicht wichtig, er stellte sie sich, das war alles. Nicht jede Frage ist es wert beantwortet zu werden, dachte er. Unwichtig, ob der gewissenhafte Apotheker eher seinen Gewinn oder die Gesundheit seiner Kundschaft und der anderer Passanten im Sinn hatte, als er sich entschied, das Flutlicht anzubringen, welches ja tatsächlich den Gehsteig überflutet wie ein unendlich dünner Film aus gleißendem Licht, leichter als Wasser und schwerer als Gas. Unwichtig, dachte er, diesmal fast unwirsch, jetzt einen Handwerker beobachtend, der, aus einem Firmenwagen ausstieg und dem Fahrer zunickte, vielleicht ein Bis Montag mit den Lippen formend, ohne tatsächlich die Stimmbänder in Schwingung zu versetzen. Alles unwichtig, dachte er wieder. Der Mann verschwand im Hauseingang neben der Apotheke. Möglicherweise steht auch er in wenigen Minuten am Fenster, um, noch in Arbeitskleidung, hinauszuschauen, auch wenn er anstelle der Apotheke und der Bäckerei den Zeitungsladen und das Wäschegeschäft sehen muß. Er selbst brauchte nur das Fenster zu öffnen, sich nur ein wenig hinauszulehnen und nach rechts zu blicken, über die Hochbahnbrücke hinweg, auf der im Augenblick zwei gelbe U-Bahn-Schlangen, den Blick versperrend, sich begegneten, um das Licht des Wäschegeschäfts zu sehen, wie es den Gehweg gelblich überzog, so wie der Handwerker, wohnt er tatsächlich dort ihm schräg gegenüber, ebenfalls nur das Fenster zu öffnen brauchte, um, nach links blickend, das Apothekenlicht zu sehen. Unwichtig, unwichtig, dachte er wieder, alles von außen Betrachtete ist unwichig! Aber sobald nur ein Gedanke an das Geschehen angeheftet wird, was fast automatisch geschieht, erscheint es auf einmal wichtig. Aber selbst wenn kein Gedanke, keine Überlegung und keine Frage auf ein Geschehen folgt, es belegend und kommentierend, so erfordert allein das Nichtbedenken, Nichtüberlegen und Nichtbefragen wieder einen solchen Vorgang, so daß letzten Endes das Geschehen seine Gedankenfortsetzung doch hat finden müssen, dachte er, wenn auch im Nicht-daran-Denken. Ohne Belang, all das, dachte er weiter, nur um nicht das Wort gleichgültig denken zu müssen, welches ihm gleichzeitig in den Kopf geschossen war. Ohne Belang also, dachte er noch einige Male. Der Apfel wanderte mehrfach von der einen in die andere Hosentasche. Wieder begegneten sich zwei U-Bahnen auf der Brücke, exakt, wie er glaubte erkennen zu können, auf Höhe der Brückenmitte, paßgenau. Unwichtig, dachte er unwillkürlich, unwichtig. Alles, was er beobachtete, was er mit Sätzen belegte, war ohne jeden Belang. Und auch der Mann, der im Türrahmen der Apotheke stand und sich den Adamsapfel rieb, bedurfte keiner Kommentierung. (…)

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.