Hörspielvorlage von Norbert W. Schlinkert
© Norbert W. Schlinkert 1998/2006 Alle denkbaren Rechte beim Autor
PERSONEN:
- Hugo von Stramm, Präsident der Europäischen Union, Vorsitzender der Christlich Charismatischen Partei Europas
- Charlotte (Charlie) von Stramm, Tochter des Präsidenten
- Lenya von Stramm, Frau des Präsidenten
- van Streich, Vorsitzender der Humanistisch Europäischen Union
- Strull, Chefarzt im Berliner Präsidialkrankenhaus
- Catherine Sautier, Ärztin im Präsidialkrankenhaus (franz. Akzent)
- Harry Hegener, Radiomacher beim illegalen Sender Radio Freies Europa / RFE
- Becker, Offizier und Hubschrauberpilot der Luftwaffe
- Sanitäter
- Kommandant der Luftwaffe
- Journalist
- Arbeiter
- versch. Offiziere
- Nachrichtensprecher
- Nachrichtensprecherin
- Liftstimmen / Lautsprecherstimmen / Stimmen über Funk
Lautes Zischen, Donnern, Prasseln, Sirenengeheul, Hubschrauberbollern
- Stille -
Rollen eines Krankenhausbettes auf dem Flur eines Krankenhauses
Stramm: Was ist mit meinen Augen? Wo bin ich? Wieder oben?
Sanitäter: Bleiben Sie ruhig. Sie waren ohnmächtig. Ihre Augen sind verbunden. Der Chefarzt Dr. Strull ist auf dem Weg.
Stramm: Ich bin in seiner Klinik?!
Sanitäter: Bleiben Sie ruhig!
Zischen, Donnern, Prasseln – abruptes Ende
gleichmäßiges kühles Piepen medizinischer Geräte
Strull: Mein lieber von Stramm! Da sind Sie ja wieder! Und auch bei vollem Bewußtsein, nicht wahr? Exakt berechnet. Was täten wir Ärzte ohne die Technik!
Stramm: Strull!? Sie? Was ist passiert?
Strull: Attentat, Blitzbombe. Sie war sicher auf Sie programmiert. Trotzdem explodierte sie in Kopfhöhe eines Ihrer Leibwächter. Er stand zum Glück am weitesten entfernt von Ihnen. Ist nicht mehr viel von ihm übrig. Armer Junge.
Stramm: Ja. Jaja. Wir haben ihn ausgesucht, weil er mir ähnlich sieht – sah. Er trug außerdem einen abgelegten Anzug von mir.
Strull: Ich verstehe: Gefahrenminimierung. Stehen Sie jetzt auf. Ihnen ist nichts geschehen. Vielleicht noch ein wenig Kopfschmerzen. Gehen wir in mein Arbeitszimmer.
Stramm: Ja, tun wir das. Haben Sie eine Zigarre für mich?
Aufstehen, Schritte
Strull: Immer zu Diensten. Wer wie ich nur die ranghöchsten Politiker Europas behandelt, der hat bestimmte Dinge immer im Haus. Cognac?
Stramm: Ja bitte …
Anrauchen der Zigarre, Eingießen des Cognacs
… Ah, die Nachrichten! Machen Sie mal lauter.
NACHRICHTENSPRECHER: Berlin, 17. August 2025: Die Kurznachrichten (Jingle) Auf den derzeitigen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Europa, Hugo von Stramm, ist während einer Wahlkampfveranstaltung in Berlin ein Blitzbombenattentat verübt worden. Nach bisher unbestätigten Angaben ist Präsident von Stramm verletzt aber nicht getötet worden. Tote und Verletzte soll es aber unter den Leibwächtern gegeben haben. Es ist eine Nachrichtensperre verhängt worden. Eine Erblindung des Präsidenten ist aber nach Augenzeugenberichten nicht auszuschließen. Vertreter aller europäischen Parteien haben ihre Bestürzung geäußert.
Weitere Meldungen: Der Staatlichen Polizei und dem ESS sind weitere Festnahmen in den Unruheprovinzen Mitteldeutschlands gelungen. Eine Zerschlagung des illegalen Senders ‘Sender Freies Europa’ steht nach Angaben aus Sicherheitskreisen kurz bevor. Mitglieder dieses Senders sollen auch an Planung und Ausführung von Attentaten mit den berüchtigten Blitzbomben beteiligt sein.
Ausführliche Nachrichten zur vollen Stunde. Sie bleiben dran! (Jingle)
Werbung! (Jingle): European Security Service ESS – wir sorgen für Sicherheit: Hier die Daten des subjektiven Sicherheitsempfindens in ausgewählten deutschen und europäischen Metropolen:
Berlin 92%
Hamburg 93%
Ruhrgebiet 97%
München 95%
Köln 92%
Stuttgart 100%
Madrid 84%
London 89%
Rom 88%
Moskau 54%
St. Petersburg 66%
Paris 92%
Stockholm 97%
Athen 74%
Lissabon 98%
Dublin 97%
Wir arbeiten daran!
Bleiben Sie uns gewogen – mit Sicherheit! (Jingle)
parallel zur Verlesung der Prozentzahlen:
Stramm: Sehen Sie, Strull. Die Daten sprechen für sich.
Strull: Wer würde Ihre Wiederwahl anzweifeln!
Stramm: Vor allem als blindes Opfer eines Terroranschlags. Nicht wahr? Nach der Wahl gibt mir eine vom genialen Arzt Dr. Strull durchgeführte Operation das Augenlicht zurück. Ganz einfach. Sie verstehen, Herr Doktor Strull?
Strull: Aber ja, mein lieber von Stramm. Eine gute Idee in unser aller Sinn.
Stramm: Sprechen Sie bitte auch in diesem Sinne mit der Presse. Prost!
Strull: Sie verstehen Ihr Geschäft, Herr -
Empfangsstörungen, Rauschen, Fiepen, kurze Stille
amtliche, männliche Stimme vom Band: Die Europäische Medienanstalt macht Sie darauf aufmerksam, daß Sie auf dieser Wellenlänge soeben den Beitrag eines illegalen Senders empfangen haben, gegen den polizeilich vorgegangen wird und dessen Mitglieder der Unterstützung, Planung und Ausführung von Terrorakten verdächtigt werden. Das Abhören eines illegalen Senders ist strafbar und wird gegebenenfalls mit Geld- und/oder Haftstrafen geahndet.
Kleine Pause
amtliche, weibliche Stimme (live): Hier ein weiterer Hinweis: Das soeben illegal vom sogenannten SFE gesendete Hörspiel, mutmaßlich das Werk eines untergetauchten 61jährigen Autors, begann zeitgleich mit dem Blitzbombenattentat auf den beliebten Politiker der Christlich Charismatischen Partei Europas und Präsidenten der Europäischen Union Hugo von Stramm. Nach gleichlautenden Pressemeldungen verschiedener Agenturen ist Präsident von Stramm schwer verletzt worden. Er wird zur Zeit operiert, mit einer Erblindung muß gerechnet werden. Mehrere Leibwächter von Stramms kamen bei dem Attentat ums Leben. Umso zynischer muß es uns erscheinen, wenn eine solch menschenverachtende Tat bereits vorher bei der Aufnahme zu einem Hörspiel dargestellt wird. Den Sicherheitsbehörden ist nun die direkte Verbindung und Personalunion von Mitgliedern des illegalen Senders und der Terrorgruppen deutlich vor Augen geführt worden. Die staatliche europäische Polizei und die Sicherheitsdienste des ESS tun alles in ihrer Macht stehende, der Terroristen habhaft zu werden. Bitte unterstützen Sie Polizei und Sicherheitsdienste. Hinweise nimmt …
Catherine: Stell den Mist ab! Sie haben wieder den Sendeballon erwischt!
Harry: Oder die Station!
Catherine: Nee, Harry. Glaub ich nicht; nein, nein, bestimmt nicht. Aber ein weiterer Ballon ist doch bald startbereit; wir wiederholen die Sache!
Harry: Wie lange dauert das Hörspiel?
Catherine: XX Minuten (wirkliche Länge dieses Hörspiels), soweit ich weiß.
Harry: Naja, vielleicht klappt’s dann. Wir werden sehen. Ob von Stramm tot ist?
Catherine: Ich denke, er lebt. Und er ist sicher noch nicht einmal verletzt, weder in der Fiktion noch in der Realität. Solche Leute haben immer Glück.
Harry: Das mit den Attentaten ist trotz allem nicht der richtige Weg! Jedenfalls zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht.
Catherine: Du hast recht. Aber es bleibt die alte Frage: wann ist die Zeit gekommen?!
Harry: Die Diskussion hatten wir schon. Laß uns zurückfahren. Es wird dunkel. Der Olymp wird sichtbar. Nicht einmal in den Himmel kann man gucken, seit diese vermalledeiten Raumstationen dort oben kleben. Und es sind weitere geplant.
Catherine: Tja. So wird halt die Schönheit eines bedeckten Himmels erst so richtig deutlich! Ich fahr zur Klinik. Sicher sitzen Strull und Stramm dort tatsächlich und rauchen und trinken.
Harry: Catherine! Du kommst da nicht rein!
Catherine: Ich arbeite dort!
Harry: Ja, aber nur als Ärztin in der Abteilung für Lokalpolitiker!
Catherine: Strull hat ein Auge auf mich geworfen.
Harry: Laß Dich nicht antatschen.
Catherine: Keine Sorge. (Kuß) Aber ich war heute in seinem Büro und hab mein Adressbuch, das harmlose, dort liegenlassen. Ich versuch’s mal.
Harry: Gut. Aber sei vorsichtig!
Catherine: Vielleicht sitzt von Stramm schon längst in seinem Shuttle oder ist bereits wieder im Olymp. Wer weiß. Ich versuch, so viel wie möglich heraus zu bekommen. Ciao.
sich entfernende Schritte auf einem Flur
Raumstation: Andocken, entsprechende Geräusche, Türenzischen
Empfangsoffizier: Herr Präsident. Wir waren, wenn Sie mir die persönliche Bemerkung erlauben wollen, in großer Sorge. Sie haben ihr Augenlicht …?
Stramm: Ja. Aber ich mache weiter. Das bin ich Europa und der Welt schuldig. Wo sind meine Frau und meine Tochter?
Empfangsoffizier: Auf der fünften Ebene. Sie erwarten Sie bereits. Herr Doktor van Streich erwartet Sie ebenfalls; auf der Konferenzebene.
Stramm: Gut. Streich zuerst. Führen Sie mich hin.
Empfangsoffizier: Jawohl, Herr Präsident.
Betreten des Lifts; Liftstimme: “Guten Tag, Herr Präsident; Tür schließt”, Fahrgeräusche des Lifts; Liftstimme: “Konferenzebene; Tür öffnet; einen schönen Tag noch, Herr Präsident”; Schritte, eine Tür öffnet sich zischend
Streich: Mein Lieber von Stramm. Ich habe alles gehört. Das muß ja schrecklich…
Stramm: Lassen Sie uns allein.
Empfangsoffizier: Jawohl, Herr Präsident.
Stramm: Ja, mein lieber Streich. Und im Augenblick sehe ich wirklich nichts. Diese Blindenbrille ist tatsächlich blickdicht. Nun aber …
Streich: Soll das heißen …?
Stramm: Sie sehen, ich vertraue durchaus auch einem Politiker der Humanistisch Europäischen Union. Natürlich nur einem aus echtem Schrot und Korn. Ich zähle auf Ihre Verschwiegenheit, Streich. Ich bin tatsächlich nur ohnmächtig geworden, mehr nicht. Als ich bei Strull aufwachte, Sie kennen ja Strull, habe ich mir zuerst eine Zigarre und einen Cognac gegönnt.
Streich: Sie denken, Ihre Wahlchancen steigen, wenn Sie als Opfer auftreten?
Stramm: Ich bin Opfer! Schön war das nicht, das kann ich Ihnen flüstern, Streich. Aber Sie haben recht. Und außerdem läßt sich so eine harte Linie gegen die Terroristen in den Unruheprovinzen besser rechtfertigen. Vor allem müssen auch die Unterstützer in den Städten eingeschüchtert werden.
Streich: Die überall sitzen können!
Stramm: Na, unser Olymp ist ja wohl frei von solchem Geschmeiß! Und noch etwas: nach der Wahl sollten wir endlich das Anti-Terror-Ministerium auf den Weg bringen. Kommt es wieder zu einer Koalition zwischen der Christlich-Charismatischen-Partei und der Ihrigen: Sie wären der richtige Mann für das Ministeramt, Streich!
Streich: Sie vergessen die Kräfte aus Ost- und Südeuropa. Die wollen auch ein Wörtchen mitreden.
Stramm: Sollen sie, sollen sie, mein lieber Streich, aber wenn wir beide zusammenhalten … Sie werden sehen.
Sprechanlage: “Herr Präsident! Ihre Frau und Ihre Tochter erwarten Sie auf Ebene 5.”
Stramm: Ich muß; die Familienpflicht ruft. Wir sehen uns!
Streich: Ihre Brille!
Stramm: Danke.
Empfangsoffizier: Herr Präsident, ich führe Sie. In Kürze erhalten Sie den elektronischen Blindenstock mit Audiofunktion.
Stramm: Tja, der Fortschritt und der Geschäftssinn. 2011 die Blitzbombe erfunden, 2012 den multifunktionalen elektronischen Blindenstock. Die schwäbischen Erfinder sind und bleiben die besten!
Streich: Keinen Zynismus bitte, mein lieber von Stramm. Nichts gegen meine Landsleute.
Stramm: Gehen wir.
Empfangsoffizier: Jawohl, Herr Präsident.
Türenzischen, Schritte, Liftstimme: “Ebene 5, Tür öffnet; schönen Gruß an die Frau Gemahlin und das Fräulein Tochter, Herr Präsident.” Türenzischen
Stramm: Wer hat nur diesen Lift programmiert!?
Lenya Stramm (betrunken und daher etwas lallend): Da hätte es Dich ja fast erwischt, Du Präsident Du!
Stramm: Lenya, Liebes. Du bist ja ganz aufgeregt. Aber Du hast recht: fast hätte es mich erwischt. Der Blitz der Bombe hat mich geblendet. Dr. Strull sagte, es bestünde Hoffnung, in einigen Wochen wüßten wir mehr. Ist Charlie hier?
Lenya: Charlie! Sag etwas zu Deinem Vater!
Charlie: Tach!
Lenya: Charlie!!!
Charlie: Was soll ich sagen? Vielleicht: vielen Dank, Vater, daß ich in diesem goldenen Käfig leben darf! Oder was! Ich hab’ fast mein halbes Leben hier oben verbracht. Und seit Wochen war ich nicht mehr auf der Erde. Ich will nach unten!
Lenya: Das ist jetzt wohl nicht der richtige Zeitpunkt, um …
Stramm: Charlie! Nach den Wahlen. Es ist zu gefährlich. Sieh, was mir passiert ist; trotz aller Sicherheitsvorkehrungen. Ein Leibwächter ist tot, ich bin geblendet. Denk doch mal darüber nach, bevor Du …
Charlie: Ich will zur Erde. Ich will unter normalen Menschen leben.
Lenya: Charlie, sei vernünftig. Dein Vater hat recht. Die Wahlen stehen bevor! Sie sind sehr wichtig. Danach machen wir dann einen schönen Ausflug, versprochen!
Charlie: Du lebst doch im Alkohol- und Tablettennebel und sitzt den ganzen Tag auf der Panoramaebene und glotzt auf die Erde! Ich aber bin 18 Jahre alt und lebe unter alten Säcken, Berufsjugendlichen und pickeligen Jungs! Ich will mich verlieben, ich will Sex und ich will zur Erde!
Stramm: Das reicht, Charlie! Auf Dein Zimmer, Du hast Stubenarrest!
Charlie: Ha,ha,ha!
Lenya: Geh schon. Sei vernünftig.
Schritte, Türenzischen
Charlie: Nicht mal Türenschlagen kann man hier!
Liftstimme: Guten Tag, Fräulein Charlie. Zur Präsidentenebene!?
Charlie: Halt’s Maul! Ich werd’s denen schon zeigen. Stubenarrest!!!
Liftgeräusche
Liftstimme: Präsidentenebene! Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag, Fräulein Charlie.
Charlie: Halt Dein verdammtes Maul! Und hör mit dem Fräulein auf!
Liftstimme: Entschuldigung.
Stille
Strull (über Sprechanlage): Catherine?!
Catherine: Herr Doktor! Ich muß mein Adressbuch bei Ihnen liegengelassen haben.
Strull: Kommen Sie hoch!
Fahrstuhl, Schritte, Tür
Strull: Meine liebe Catherine! Immer herein. Und hier ist auch Ihr Adressbuch. Steh ich auch darin?
Catherine: Sie wissen doch, daß private Beziehungen in Präsidialkrankenhäusern quasi verboten sind.
Strull: Naja, theoretisch. Auch einen Cognac? Sie kommen zu spät. Eben war der mächtigste Mann Europas hier: Der Präsident persönlich. Hier, der Zigarrenstummel: von ihm.
Eingießen, Trinken
Catherine: Sie hätten mich während seiner Anwesenheit nicht hereinlassen dürfen, das wissen Sie doch. Und der Zigarrenstummel muß weg. Die Speichelreste reichen zur Programmierung einer Blitzbombe. Apropos: stimmt es, daß …
Strull: Eigentlich darf ich es Ihnen ja nicht sagen. Es bleibt unter uns: er ist unverletzt! Für die Öffentlichkeit aber ist er erblindet. Sie wissen schon: Wahlkampf. Außerdem läßt sich so ein härteres Vorgehen gegen die Terroristen rechtfertigen. Ist ja in unser aller Sinn, nicht wahr? Und nach der Wahl eine Operation und er ist wieder sehend, so daß Europa frohlocke!!! Aber das bleibt unter uns!
Catherine: Selbstverständlich. Es muß etwas getan werden.
Strull: Noch einen Cognac? Präsidentencognac!
Catherine: Gerne. Noch einen auf die Schnelle. (Eingießen, Trinken)
So, nun muß ich aber.
Strull: Schade. Sehr schade. Ach, nehmen Sie doch bitte den Aschenbecher mit und kippen Sie alles in den Entsorger. Sie haben recht: kein Risiko. Und mein Speichel ist ja sicher auch gefragt bei der Terroristenbrut. Bis bald also; wir sehen uns.
Stille, dann anschwellender Kneipenlärm
Harry: Und wenn es ein Trick war? Der Entsorger ist sicher kameraüberwacht. Und außerdem bin ich gegen die Bomben, das weißt Du.
Catherine: Ich weiß, ich weiß. Aber ich glaub nicht, daß mich jemand dort in Verdacht hat. Und schon garnicht Dr. Strull. So wie der mir auf den Busen glotzt! Also, beruhige Dich. Also: die Zigarrenstummel. Der kürzere: Stramm; der längere: Strull.
Harry: Okay. Aber ich werde sie erstmal nicht weitergeben.
Catherine: Ja, schon gut. Ich bin ja auch gegen diese Methoden. Aber irgendwann kommt der Tag, da bleibt nichts anderes mehr übrig. Wir sollten nicht so naiv sein. Ist der neue Sendeballon startklar?
Harry: Noch nicht. Morgen Abend bringe ich ihn hoch. Es wird noch eine neue Schutzfolie aufgezogen, die die Ortung zumindest verzögern soll. Die Aktion dauert ja nun XX Minuten (wirkliche Länge dieses Hörspiels), so lange muß der Ballon unentdeckt bleiben. Wir fangen wieder von vorne an, also mit dem Attentat auf den Präsidenten. Sollte der Ballon länger als XX Minuten unentdeckt bleiben, so legen wir noch ein Feature nach über den neuen Feudalismus in Europa. Der Startplatz wird mir über einen toten Briefkasten mitgeteilt. Tja, wie im letzten Jahrhundert, aber wirkungsvoll. Der Sender bleibt übrigens weiter mobil, in dreifacher Ausführung; außerdem ist die Anpeilung des Ballons verbessert worden. Auch wir rüsten auf.
Catherine: Sag mal, hast Du gewußt, daß das Hörspiel ein wirkliches Attentat sozusagen vorwegnimmt?
Harry: Nein. Das wußte ich nicht. Doch da sind Kräfte am Werk, die nutzen alles aus, wie es aussieht. Das rückt uns natürlich in ein schlechtes Licht. Aber wir machen weiter, auf unsere Art!
Catherine: Ja. Morgen Abend also, sagst Du. Ich hab Frühdienst. Ich könnte also mitkommen!
Harry: Das ist kein Ausflug, Catherine! Nein, nein, das Risiko ist zu groß. Aber ich muß jetzt. (Kuß) Paß auf, daß Dir niemand folgt.
Catherine: Sei vorsichtig!
Abblenden Kneipenlärm
Stille
Geräusch von Förderbändern und Transportmaschinen
Becker: Mensch, Charlie. Bleib doch hier oben. Das kann mich meinen Kopf kosten.
Charlie: Übertreib nicht, Becker. Deinen Job vielleicht. Komm einfach mit nach unten und laß diese Tagung sausen. Du bist ohnehin der einzig interessante Mensch hier oben. Du wirst ja nicht umsonst Störtebecker genannt. Und Du weißt ja, was ich Dir versprochen habe. Also!?
Becker: Komm jetzt mit. Und denk dran: erst wenn alle Passagiere von Bord sind, aber noch vor der Neubeladung mit Ware, mußt Du raus. Du mußt selber sehen, wie Du das hinbekommst.
Charlie: Keine Sorge, ich schaff’ das schon.
Becker: Okay. Viel Glück! Wir sehen uns.
Startgeräusche und dann Übergang zu Landegeräuschen des Shuttle
Arbeiter: Moment. Ja, hier. 30 Kisten. Alle leer? Okay.
Offizier: Ja.
Arbeiter: Was ist mit diesem Raum?
Offizier: Laut Liste ist der leer. Hier bitte.
Zischen der Tür
Arbeiter: Hmh. Sehen Sie mal. Die Kontrollleuchte! Erhöhte Luftfeuchtigkeit, erhöhte Temperatur. Hier ist mindestens ‘ne Ratte drin!
Offizier: (geht in den Raum) Oho! Was haben wir denn da! He Mädchen, was machst Du hier? Komm mal her!!!
(Charlie rennt los)
Festhalten! (Ins Funkgerät:) “Team 129a: Landeplatz 14. Fliehende Person Richtung Hauptlager. Festnehmen. Personenbeschreibung: Mädchen, kurze, blonde Haare, schlank. Keine unnötige Gewalt! Ende.”
Sicher die Tochter eines Hauptgottes. Gut, daß wenigstens die Kinder der Herrschaften noch menschlich sind.
Arbeiter: Sagen Sie das mal nicht zu laut! Ich dachte immer, so ein Job wie ihrer als Transportoffizier ist so begehrt!
Offizier: Trotzdem habe ich ja wohl das Recht auf eine private Meinung!
Arbeiter: Wenn Sie’s sagen!!!
über Funk: Festnahme der flüchtigen Person. Verletzung der Person. Kennung: 24.01.07. Charlotte von Stramm. Allerhöchste Priorität. Alarmstufe 1. Abriegelung des Flughafens.
Offizier: Das gibt Ärger!
über Funk: Transport in Präsidentenklinik. Bereitschaftsteam ESS bereits angefordert. Abfahrt in 15 Minuten. Wiederhole: Abfahrt in 15 Minuten. Ende.
Sirenengeheul, Rollen eines Krankenhausbettes wie zu Beginn,
Türenzischen, Pause, Türenzischen, schnelle Schritte
Strull: Meine liebe Charlotte! Was machen wir denn für Sachen!
Charlie: Was ist mit mir?
Strull: Na Gehirnerschütterung, Prellungen, Schürfwunden. Bei der Festnahme. Sie hatten Glück. Ihre Eltern sind natürlich schon benachrichtigt.
Charlie: Ich will hier raus!
Strull: Sie bleiben selbstverständlich hier! Bei bester Pflege, versteht sich. Übermorgen geht’s wieder hoch zum Olymp. Sie sollten solch einen Unsinn nicht noch einmal machen!
Charlie: Lassen Sie mich einfach in Ruhe!
Strull: Bitte! Ich sehe später noch ‘mal rein.
Schritte, Tür auf
Strull (laut, bei noch geöffneter Tür): Und bleiben Sie hier im Raum. Sie kämen ohnehin nicht weit.
Sprechanlage: Herr Doktor Strull wird auf Station 4b erwartet.
Strull: Komm ja schon, komm ja schon. Also ich verlaß mich auf Sie! Schlafen Sie einfach ein wenig, Charlotte.
Tür zu
Charlie: Mist. Aua. Verflucht! Wie komm ich hier jetzt raus. Mal Radio hören. Vielleicht bin ich jetzt ‘ne Meldung.
Amtliche weibliche Stimme im Radio: … machen Sie darauf aufmerksam, daß illegale Sender reguläre Sendungen kopieren. Unter anderem werden in diesen Sendungen infame Behauptungen aufgestellt, die offensichtlich die Integrität der gewählten Volksvertreter in Frage stellen sollen. So wurde unter anderem behauptet, die Blitzbombenattentate seien von staatlichen Stellen gesteuert, um Stimmung gegen die sogenannte demokratische Opposition zu machen. Die Europäische Medienanstalt weist Sie darauf hin, daß …
Charlie stellt das Radio aus
Charlie: Mist!
Lift, Liftstimme: “Station 4b, Sie werden erwartet.”, Schritte
Strull: Ah, meine liebe Catherine. Was gibt’s?
Catherine: Die Visite. Präsident von Stramm hat mitteilen lassen, daß Sie die verletzten Leibwächter persönlich …
Strull: Gut! Gehen wir.
Schritte
Schön, mal mit Ihnen zu arbeiten! Man sieht sich zu selten!
Catherine: Nun, auf der Präsidentenstation darf ich nicht arbeiten. Sie müssen also zu mir kommen.
Strull: Ja. Leider fehlt mir die Zeit. Aber vielleicht sollte ich mal eine Ausnahme machen. Ich habe da gerade einen Problemfall; ein junges Mädchen. Sie macht einen auf stur; Sie als Frau kommen vielleicht besser an Sie heran.
Catherine: Ein Mädchen!? Auf der Präsidentenstation!? Muß ja schon ein Götterkind sein, nicht wahr?
Strull: Kann man wohl sagen! Mehr dürfen Sie vorerst nicht wissen. Kommen Sie doch später zu mir hoch.
Catherine: Gut.
Schritte
Sprechanlage: “Fräulein von Stramm: Ihre Visite.”
Türenzischen, Schritte
Charlie: Ich will hier raus! Scheiß Visite! Wer sind Sie denn?
Catherine: Nenn mich Catherine. Und Du bist Charlotte? Ich darf Dich doch duzen, nicht wahr?
Charlie: Nennen Sie mich Charlie.
Catherine: Gut, Charlie. Wie geht’s Dir?
Charlie: Scheiße geht’s mir. Ich will hier raus!
Catherine: Du bist die Tochter von von Stramm, nicht wahr?
Charlie: Auf dem Bildschirm dort steht meine Kennung.
Catherine: War ‘ne rethorische Frage. Also: Du bist abgehauen, sozusagen?
Charlie: Sozusagen, ja. Back to reality! Ich will da nicht wieder hoch!
Catherine: Und Deine Eltern? Die machen sich sicher Sorgen.
Charlie: Ja, sicher. Vor allem mein Vater um seine Wahlchancen!
Catherine: Und Deine Mutter?
Charlie: Tja, ich konnte sie schlecht mitbringen; sie ist ständig voll mit Alkohol und Tabletten. Und den ganzen Tag ist sie auf der Panoramaebene und starrt auf ihr Juwel, wie sie die Erde nennt. Sie ist die Gräfin von Monte Christo. Und viel zu jung zum Versauern.
Catherine: Na, vielleicht kann ich wenigstens Dir helfen.
Charlie: Sie? Mit Tabletten und Salben, oder wie?
Catherine: Nicht nur! So, jetzt mach Dich mal frei. Ich dreh mal das Radio an, wenn’s Dich nicht stört. Mit Musik ist die Sache weniger klinisch. (Radiomusik) Du hast schöne Brüste, Charlie.
Charlie: Ja, vielleicht, aber keiner kümmert sich darum. Jedenfalls nicht auf die Art. Dort oben gibt’s eh nur Drecksäcke, mein Vater eingeschlossen. Und pickelige Jungs natürlich. Ich will hier unten bleiben.
Catherine: Naja, aber wo willst Du hin?
Charlie: In eine der Unruheprovinzen!
Catherine: Du weißt davon!?
Charlie: Sicher! Und wenn mein Vater seine Wutanfälle hat, erfährt man so einiges noch zusätzlich! Aber er redet ohnehin viel. Immer wenn ich ein Bad nehme, kommt er unweigerlich rein und labert mich voll. Wäre er nur draufgegangen bei dem Attentat!!!
Catherine: Man sollte keinem Menschen so etwas wünschen, Charlie! Und außerdem weiß niemand, wer wirklich hinter den Attentaten steckt. Es ist alles sehr durcheinander, auch wenn die Oberfläche so geputzt aussieht.
Charlie: Jedenfalls will ich nicht zurück!
Catherine: Nun, wie willst Du es schaffen bis zu einer der Provinzen. Die nächste, naja: sichere, ist in Mitteldeutschland, nach allem was man so hört. Und außerdem, Du mit Deiner Kennung. Notfalls orten sie Dich!
Charlie: Dann muß der Chip eben raus!
Catherine: Pst. Leise. Dreh Dich auf den Bauch. ‘nen hübschen Popo hast Du auch.
Charlie: Wie man’s sieht. Aber schließlich bin ich ja auch erst 18.
Catherine: Mmh. War ich vor zwanzig Jahren auch.
Charlie (unbeholfen): Heute sind Sie sicher schöner als damals!
Catherine: Danke für’s Kompliment. Ah, hier. Hier ist der Kennungschip eingesetzt worden. Er wird ein wenig gewandert sein. Moment. (Geräusch eines Gerätes) Ja, hier. Mmhm, ja, kein Problem.
Charlie: Holen Sie das Ding raus? Sagen Sie schon!
Catherine: Pst. Ja, ich hol’s raus. Aber ohne Kennung ist es fast ebenso schlecht wie mit, das weißt Du doch?
Charlie: Raus damit! In den Provinzen gibt es doch sicher neue, die einen neuen Menschen aus mir machen, oder?
Catherine: Ich weiß davon nichts. Ich will Dir nur einfach erstmal helfen, auch wenn’s unvernünftig ist. Also: Morgen. Ich diagnostiziere eine Zyste. Also Charlie! Bis morgen.
Charlie: Bis morgen, Frau Doktor!
Die Radiomusik “füllt” sich mit Kneipenlärm
Harry: Was!!! Die Tochter vom Präsidenten.
Catherine: Brüll noch lauter!
Harry: Tschuldigung. Und sie will in eine freie Zone fliehen!?
Catherine: Na, zuerst einmal muß sie natürlich aus dem Krankenhaus raus. Morgen, direkt nach dem kleinen Eingriff versuche ich, sie in mein Büro zu bekommen. Von da aus könnte es klappen. Strull vertraut mit, wie es aussieht.
Harry: Mensch, das muß klappen.
Catherine: Hör mal, Harry: sie ist keine Geisel!
Harry: Es wird so oder so auf diese Art dargestellt werden.
Catherine: Es wird garnicht dargestellt werden! Diese Blöße geben sie sich nicht, vor den Wahlen. Bis jetzt kein Ton in den Medien. Na, jedenfalls haßt sie ihren Vater!
Harry: Keine besondere Leistung! Aber wir nehmen sie auf jeden Fall mit.
Catherine: Meine Aufgabe im Krankenhaus ist damit beendet. Wir geben damit sehr viel auf.
Harry: Naja, wir waren uns immer einig, daß wir Dich bei Bedarf rausholen. Auch wenn’s Deiner Karriere schadet! Aber im Ernst: so eine Chance bekommen wir nicht noch einmal . Morgen Nacht also: wir nehmen das Motorrad mit Seitenwagen.
Catherine: Das Ding ist aus dem letzten Jahrhundert!
Harry: Aber es ist am sichersten. Außerdem muß der Ballon präpariert werden; da müßt ihr mit, läßt sich nicht ändern. Trennen können wir uns später, wenn notwendig. Die Sache dauert nicht lange. Ich stelle die Anlage ein; die Puppen müssen in den Korb, damit es wie ein bemannter Flug aussieht, ich geb das Funksignal und laß das Ding dann steigen. Fertig.
Catherine: Nun gut. Ich tu mein Bestes! Ich krieg die Kleine schon da raus!
Abschwellen Kneipenlärm
Anschwellen Motorradgeräusche
Wind
Catherine: War einfacher als ich dachte.
Harry: Was?
Catherine: Einfacher als ich dachte!!!
Harry: Wir müssen da links rein in den Wald. Festhalten, es wird holprig. Geht’s noch Charlie?
Charlie: Muß!
Harry: Festhalteeeen! (Rumpeln) Dort hinten steht alles. Der Ballon muß noch gefüllt werden. Oh, Mist.
Catherine: Was ist?
Harry: Hörst Du nicht? Abfangjäger.
Düsenjägergeräusch in der Ferne
Wir lassen die Maschine besser erstmal hier stehen.
Catherine: Wann soll gesendet werden?
Harry: Naja, das Auffüllen des Ballons dauert. Ich geb ein Funksignal, wenn das Ding hochgeht. Kurz danach beginnt das Hörspiel. So, da wären wir.
Charlie: Hier sieht’s ja aus wie bei Robinson Crusoe!
Harry: Wir fangen halt vorne an. Oh, sie kommen näher!
lautes Düsenjägergeräusch
Stramm: Sehen Sie, Streich. Modernstes Gerät. Die haben keine Chance mit ihren vorsintflutlichen Ballons.
Streich: Hoffentlich. Die werden immer gefährlicher. Hört sich zwar zuerst lächerlich an: Widerstand per Hörspiel: wo gibt’s denn sowas!? Aber so läßt sich wohlmöglich die Bevölkerung dann irgendwann doch beeinflussen, besonders die Jugend ist da gefährdet. Unten in Spanien gibt es ähnliche Probleme, ebenso in England, Irland, Tchechien, Polen, Frankreich; wahrscheinlich überall! Da ist schon wieder dieser Journalist!
Journalist: Herr Präsident, Herr Doktor van Streich! Es wäre ein Live-Interview möglich. In zwanzig Minuten? In Ordnung? Geht über drei TV-Sender und acht Radiosender. Hier die Fragen.
Düsenjägergeräusch
Harry: So: aufdrehen! (Zischen) Okay. Und die Puppen! Charlie? Alles klar?
Charlie: Ging mir nie besser! Wo ist Catherine?
Harry: Auf dem Hügel. Ah, da kommt sie.
Catherine: (außer Atem) Zwei Panzerwagen, ein Jeep. Auf der Straße. Sie fahren langsam. Sie suchen Spuren.
Harry: Weit weg?
Catherine: Mit Fernglas gut zu erkennen. Einige wenige Kilometer, mehr nicht.
Harry: Wir müssen ruhig bleiben. Es wird bald dunkel sein. Sobald der Ballon in der Luft ist, verschwinden wir. Oh, schon wieder!
Düsenjägergeräusch
Stramm: Waas!!!
Journalist: Zusammen mit einer Ärztin. Sie sind flüchtig.
Stramm: Das darf ja nicht wahr sein! Schon schlimm genug, daß – wie heißt die Ärztin?
Journalist: Catherine Sautier, so viel ich weiß.
Stramm: Catherine Sautier, auch das noch!
Streich: Kennen Sie die Frau?
Stramm: Ja. Flüchtig.
im Hintergrund: “Die Live-Schaltung steht: noch drei Minuten.”
Journalist: Sollen wir die Meldung veröffentlichen, Herr Präsident? Die Nachrichtensperre besteht noch.
Düsenjägergeräusch
Harry: Okay. Ich geb das Funksignal.
Catherine (außer Atem): Sie kommen näher! Vielleicht haben sie schon das Motorrad entdeckt.
Charlie: Wir nehmen den Ballon!
Harry: Unmöglich. Die schießen uns ab!
Charlie: Hier im Wald schießen sie uns auch ab.
Catherine: Der Wind kommt aus Nord-Ost! Wir sollten’s riskieren.
Motorengeräusch Jeep, Panzerwagen in einiger Entfernung; Düsenjäger
Journalist: Herr Präsident. Wie soeben bekannt wurde, ist Ihre Tochter Charlotte entführt worden. Mutmaßliche Entführer sind Harry Hegener, ein gesuchtes Mitglied einer illegalen Radiostation, sowie die in der Präsidentenklinik tätige Ärztin Catherine Sautier. Charlotte von Stramm hatte sich zu einer Untersuchung in der Präsidialabteilung des Krankenhauses aufgehalten. Herr Präsident!
Stramm: Nun, lassen Sie mich in dieser schweren Stunde, und Sie sehen auch mich hier als Opfer eines Attentats, lassen Sie mich zuallererst an die Entführer appellieren, besonders an Frau Doktor Sautier, die mir persönlich, wenn auch flüchtig, bekannt ist. Offensichtlich steht Frau Doktor Sautier schon seit längerer Zeit in Diensten der Terroristen: nun, als mein Kind in der Präsidentenklinik in Behandlung war, sah sie offensichtlich ihre Stunde gekommen. Frau Doktor Sautier: lassen Sie unverzüglich meine Tochter frei. Sie haben keine Chance!
Journalist: Herr Doktor van Streich! Sie haben, über alle Parteigrenzen hinweg, bereits mit Herrn von Stramm über Maßnahmen beraten. Dürfen wir erfahren, wie diese aussehen werden.
Streich: Nun, wie Sie bereits sagten, spielen hier Parteigrenzen keine Rolle, ein gemeinsames Handeln ist dringend erforderlich. Näheres können wir natürlich nicht sagen, da wir das Leben der Geisel nicht gefährden dürfen. Eines jedoch sei hiermit angekündigt: die laufenden Aktionen gegen die illegalen Sender werden nicht unterbrochen. Da jedoch eine Zusammenarbeit, ja eine Personalunion von Radiobetreibern und den terroristischen Mördern mehr als wahrscheinlich ist, so werden … (Düsenjägerlärm) … so werden die Aktionen der Sachlage selbstverständlich angepaßt, um eine Gefährdung der Geisel nach Möglichkeit auszuschließen. Auch ich appelliere hiermit dringend …
Düsenjägerlärm
Charlie: Streich ist genau so ein Schwein wie mein Vater. Dreh das ab.
Harry: Ihr habt Nerven. Jetzt Radio zu hören! (Zischen) In etwa zwei Minuten heben wir ab. Vielleicht sollten wir doch die Puppen in den Korb setzen. So denken sie sicher …
Schuß in einiger Entfernung
Megaphon in einiger Entfernung: Ergeben Sie sich. Meine Scharfschützen haben Sie im Visier.
Catherine: Die bluffen! Die sind noch weit weg. Los jetzt!
Düsenjägergeräusch, sich entfernend
Stramm: Befehl an alle eingesetzten Bodentruppen und den ESS: kein Schußwaffengebrauch. Das Leben der Geisel hat Priorität! Die Suche nach dem Sendeballon ist fortzusetzen. Ende. Streich: ist der Hubschrauber startklar?
Streich: Startet in Kürze. Die Abfangjäger sind zurück.
Stramm: Schon gut, schon gut. Ist der Hubschrauberpilot zuverlässig?
Streich: Der beste der Staffel. Für diesen Einsatz von einer Tagung zurückbefohlen.
Stramm: Gut. Sehr gut. Und man weiß, wo dieser Ballon aufsteigt?
Streich: Ziemlich präzise sogar.
Stramm: Sehr gut! Der Ballon muß weg. Dieser Scheißsender!!! Diese Spinner gefährden meine – unsere Wiederwahl.
Offizier: Herr Präsident! Der Kommandant der Luftwaffe ist eingetroffen.
Stramm: Ich komme.
Hubschrauber steigt auf
Charlie: Hej. Wir heben ab.
Harry: Es dämmert bereits. Bestens.
Catherine: Wenn nur der Wind nicht dreht.
Windrauschen
Harry: Ich glaub nicht. Mit ein bißchen Glück kommen wir durch. Und im Moment sind auch keine Abfangjäger zu hören.
Charlie: Jetzt bin ich ‘ne Geisel und doch freier als vorher.
Catherine: Red’ keinen Unsinn! Du bist keine Geisel!
Harry: Wir haben die notwendige Höhe. Die Sendung kann beginnen. Hörspiel ab. Wir können leise mithören. Wichtig ist, daß wir jetzt mindestens XX Minuten (wirkliche Länge des Hörspiels) etwa in dieser Höhe bleiben.
Charlie: Ihr seid ja nicht gerade auf dem neusten technischen Stand! Über Satelit könntet ihr doch vom anderen Ende der Welt senden!
Harry: Ja, könntet, Du kleine Klugscheißerin. Aber sagen wir mal: wir arbeiten dran. Hauptsache ist doch, die Sache läuft erstmal. Ah, es beginnt. (leise der Beginn des Hörspiels) Sagt mal, Ihr sehr Euch aber ziemlich ähnlich, Ihr Beiden. Ich meine, das fällt schon sehr auf: Die Nase, die Augen …
Catherine: Ja.
Charlie: Ja. Wie Mutter und Tochter. Oder was? (lacht)
Harry: Hej, Catherine. Was ist los? Weinst Du?
Charlie: Catherine?
Hubschraubergeräusch in einiger Entfernung
Stramm: Schießen Sie diesen Ballon ab, Herr Kommandant. Wer weiß was die noch senden!
Kommandant: Herr Präsident. Hier spricht der Kommandant Wir können nicht mit Sicherheit ausschließen, daß die Entführer und ihre Tochter an Bord sind.
Streich: Er hat recht. Wir dürfen kein Risiko eingehen.
Stramm: Ich sehe kein Risiko. In den bisher abgeschossenen Ballons waren jeweils Puppen, um einen normalen Ballonflug vorzutäuschen. Warum sollte es diesmal anders sein? Also: runter damit!
Sprechanlage: Herr Präsident. Herr Dr. Strull hat eine dringende Mitteilung an Sie. Er erwartet Sie im Foyer des Towers.
Stramm: Der schon wieder! Sie entschuldigen mich. Nein, nein, lassen Sie. Ich gehe ein Stück zu Fuß, ich hab ja diesen Blindenstock.
Windgeräusche
Catherine: Schon gut Charlie. Die Aufregung. Aber wenn wir das hier überstehen, dann habe ich auch etwas im Rundfunk zu berichten. Es gibt da jemanden, der hat davor sicher mehr Angst als wir jetzt vor Polizei und Militär.
Harry: Nun sag schon, Catherine.
Charlie: Ja.
Pause
Catherine: Nicht jetzt. Ich habe nie darüber gesprochen und jetzt erscheint mir alles so melodramatisch, so unglaublich.
Charlie: Catherine! Bitte!
starker Wind
Stramm: Strull? Sind Sie das? Ja? (Prasselndes Geräusch) Passen Sie auf, pinkeln Sie nicht gegen den Wind.
Strull: Oh! Entschuldigung!
Stramm: Gehen wir hinein. Es kommt Regen auf.
Geräusch Reißverschluß
Strull: Das Klo im Foyer ist kaputt.
Stramm: Wollten Sie mir etwa das mitteilen?
weiter starker Wind
Catherine: Nun gut, Charlie. Es ist eine kurze Geschichte. Ich war etwa so alt wie Du, ich stand kurz vor dem Schulabschluß und war natürlich nicht sehr glücklich damals. Meine Eltern waren im diplomatischen Dienst und häufig unterwegs. Nun, ihr Flugzeug stürzte ab und die Trümmer wurden niemals gefunden. Ein Parteifreund nahm sich meiner an, ein jovialer Mensch, Mitte vierzig. Er versprach, mir zu helfen. Ich vertraute mich ihm an. Er stand kurz vor seiner Heirat mit einer jungen Frau, nur wenige Jahre älter als ich. Ich zog zu Ihnen, es war, so dachte ich, Glück im Unglück. – Oh, es beginnt gleich zu regnen.
Wind, Regen
Stramm: Kommen Sie. Wir werden ja klatschnaß.
Tür auf, Schritte, Aufklacken des Blindenstocks, Tür zu
Stramm: Nun?
Strull: Schlechte Nachrichten, Herr Präsident. Ihre Frau hat einen weiteren Selbstmordversuch unternommen. Sie ist bereits bei mir auf der Station.
Stramm: Auch das noch! Sehen Sie zu, daß die Presse keinen Wind davon bekommt. Ich verlaß mich auf Sie!
Strull: Wollen Sie nichts Näheres wissen. Es ist ernst, Herr Präsident.
Stramm: Nun, tun Sie alles, was in Ihrer Macht steht. Sie entschuldigen mich jetzt, ich habe noch mit Streich zu reden.
Schritte, Blindenstock, Tür auf, Wind, Regen
Catherine: Er, er – ich war ja noch ein Kind, fast jedenfalls. Kurz: ich war naiv, gutgläubig und dumm genug, um schwanger zu werden. Ich bekam das Kind, er wurde etwa zur gleichen Zeit in ein höheres Staatsamt berufen und sie, seine Frau, wurde Mutter, ohne je schwanger gewesen zu sein. Mir blieb die – großzügige – Finanzierung eines Medizinstudiums und die Zusage einer guten Position als Ärztin. Die Gegenleistung war Schweigen – bis heute hab ich mich daran gehalten.
Charlie: War das Kind ein Mädchen?
Harry: Wir verlieren an Höhe! (Zischen) Oh Mist! Das Hörspiel läuft noch wenige Minuten. Diesmal muß es klappen.
Zischen, Liftstimme: “Tür öffnet”, Schritte, Blindenstock
Stramm: Streich! Wir müssen die Sache nochmal durchsprechen. Gehen wir hinaus: hier haben die Wände Ohren.
Wind
Windgeräusche, Zischen und Rauschen
Harry: Glück gehabt. Wir unterschreiten gleich die Mindesthöhe, aber das Hörspiel ist zuende. Was jetzt kommt ist die pure Realität. So: Charlie, Catherine, runter kommen wir so oder so, aber wir sollten versuchen, dort hinten auf der Lichtung zu landen. Wenn ich mich recht erinnere, sind die drei Tannen dort als Zeichen gedacht.
Charlie: Ich seh kaum was bei der Dunkelheit! Hast Du Adleraugen, oder was? Und wo sind wir überhaupt? Haben wir schon eine der befreiten Zonen erreicht?
Harry: Na, den richtigen Jargon hast Du ja schon drauf.
Charlie: Ja oder nein!?
Harry: Noch nicht. Aber dort unten ist ein Stützpunkt, eine Jagdhütte. Wir finden dort Verpflegung, ein Funkgerät und … und Waffen, für den Notfall.
Catherine: Na ich hoffe, so ernst wird es nicht. Hört ihr!?
entferntes Hubschrauberbollern
Streich: Sie gefährden das Leben Ihrer Tochter! Lassen Sie uns einen anderen Weg suchen. Sicher melden sich die Entführer bald.
Stramm: Und wenn Sie sich zuerst bei der Presse melden? Man weiß nie, was die machen: Richtlinien hin oder her. Nein, nein: wir sollten unser gemeinsames Ziel nicht gefährden. Auch wenn es zynisch klingt: Vater bei Attentat erblindet, Tochter entführt! Das bringt Stimmen! Und außerdem ist Charlie ein cleveres Mädchen. Der Luftraum wird mit allen Mitteln überwacht, die Bodeneinheiten sind ebenfalls auf Spurensuche; und vergessen Sie nicht den Hubschrauber. Sollten die Entführer und meine Tochter wirklich in diesem verfluchten Ballon sein, was ich nach wie vor bezweifele, dann wird der Hubschrauberpilot sie zur Landung zwingen. Sind nur Puppen an Bord, so schießt er das Ding ab. Aber die haben so oder so keine Chance: ein Ballon gegen Hubschrauber, gegen Radar, gegen Nachtsichtgeräte: daß ich nicht lache! Wichtig ist nur, daß die Bande vor Erreichen einer der Unruheprovinzen geschnappt wird.
Streich: Nun, vielleicht haben Sie recht. Dieses Machwerk, dieses Hörspiel, ist allerdings, so weit ich informiert bin, über den Sender gegangen. Alle Störversuche sind fehlgeschlagen!
Stramm: Verflucht! Diese Kanallien!!! Es kommt Sturm auf, wie es aussieht. Gehen wir hinein.
Sturmwind, Rauschen, Streifen der Baumwipfel, Aufschlagen
Harry: Schnell!
Hubschrauberbollern direkt über ihnen
Catherine: Charlie!!!
Harry: Dort in den Wald!
Charlie: Catherine!!! Schnell!
Laufen, Knacken von Ästen, Keuchen – ein Pfeifen und Explosion und Abbrennen des Ballons
Stramm: Ein Gewitter. Das paßt zur Lage.
Streich: Hoffen wir, daß es die Situation bereinigt. Blitz und Donner haben schon einiges bewirkt in der Weltgeschichte.
Streich: Sie sagen es! Kommen Sie, der Kommandant der Luftwaffe erwartet uns. Und sicher auch die Presse.
Blitz, Donner
Charlie: Ich kann nicht mehr.
Harry: Es kann nicht mehr weit sein. Irgendwo dort hinten. Wir schaffen es.
Catherine: Ja, wenn uns nicht der Himmel auf den Kopf fällt.
Harry: Dort. Da ist sie, die Station. Geschafft! (Schritte) Leise. (schiebt die Tür auf, Musik aus dem Radio ist zu hören)
Becker Immer herein, wenn’s kein Schneider ist!
Charlie: Störtebecker!!!
Becker: Ich dachte, ich helf Dir, Dein Versprechen zu halten.
Charlie: Wo – Woher wußtest Du …
Becker: Ich habe lange gewartet, den Befehl, den Ballon zu vernichten, auszuführen. Über Funk kam vom Präsidenten persönlich der Befehl, den Ballon mitsamt der Puppen abzuschießen.
Catherine: Hallo Störtebecker.
Harry: Störtie! Alles klar!?
Becker: Alles klar! Ihr seid auf der Flucht, oder tot, wie man’s nimmt, warten wir die Nachrichten ab, und ich, ich bin ein Held; ein toter allerdings. Nach dem Abschuß des Ballons hatte ich technische Probleme und bin abgestürzt. Tragisch, nicht wahr!?
Charlie: Machen wir eben den Club der toten Helden auf. Oh, dreh mal lauter!
Radionachrichten (Sprecherin): (Jingle) Die europäische Medienanstalt mit den Nachrichten: zunächst der Überblick: EU-Präsident hält Kandidatur für eine neue Amtszeit aufrecht. Möglicherweise tragisches Ende des Geiseldramas: noch ist unklar, ob die Tochter des Präsidenten unter den Opfern ist. Sport: Bayern München schafft den Wiederaufstieg in die 2.Fußballbundesliga. Das Wetter: Eine Gewitterfront überzieht Mitteleuropa und bringt vor allem Deutschland ergiebigen Regen. Die Meldungen im einzelnen: ……………