Hörspielvorlage von Norbert W. Schlinkert
© Norbert W. Schlinkert 1997, 1998/2006 – Alle denkbaren Rechte beim Autor
PERSONEN:
- Arthur Trotzmann
- Max Böse
(Schnelles Wählen am Tastentelefon, Tuten, besorgtes Ein- und Ausatmen, Abnehmen des Hörers auf der anderen Seite)
MAX: (Telefonstimme) Max Böse.
ARTHUR: Max? Ich bins! (geht mit dem Telefon im Zimmer auf und ab)
MAX: Arthur! Wie gehts?
ARTHUR: Ja, ganz gut.
MAX: Und Anna?
ARTHUR: Weiß ich nicht, sie ist nicht hier. Das wollte ich dich fragen; du weißt auch nicht wo …
MAX Wie lange ist sie denn weg?
ARTHUR: Seit drei Tagen.
MAX: Ich glaub, da brauchst du dir …
ARTHUR: Nein, ich mach mir ja auch keine Sorgen! Du weißt, wir haben vereinbart, uns nicht anrufen zu müssen. Anna und ich sind selbständige erwachsene Menschen.
Trotzdem …
MAX: Ich komm vorbei!
ARTHUR: Ja okay, wenn du magst. Bis später also. Etwas zu Trinken habe ich im Haus. (Auflegen des Hörers, Arthur geht auf und ab, spricht mit sich selbst) Mein Gott. Dieser blöde Job. Immer auf der Jagd. Sensationen. Aber sie darf mir nichts sagen, angeblich. (Geht in den Keller, öffnet eine Tür, dreht das Licht an, nimmt Flaschen aus dem Regal, prüft sie, nimmt schließlich eine, dreht das Licht aus) Moment mal? Wieso ist die Kühltruhe an? – da ist doch nichts drin! (Er stellt die Flasche auf den Boden, dreht das Licht wieder an und öffnet den Deckel – lautes ersticktes Luftholen , er läßt den Deckel los, – Keuchen) Was, was soll, – - – ruhig, Arthur, ganz ruhig! (Pause, lautes Luftholen, dann erneutes Öffnen des Deckels) Ich glaubs einfach nicht! (Läßt den Deckel los, hebt die Weinflasche auf, dreht das Licht aus und geht hinaus, die Tür fällt hinter ihm zu, er geht hinauf, öffnet nervös die Flasche, nimmt ein Glas, schenkt sich ein und trinkt in einem Zug) Rotwein soll eigentlich atmen. – Unglaublich. Ich öffne dieses alte Scheißteil von Kühltruhe, und wer glotzt mich an – ein Toter. (Es klingelt, Arthur geht zur Tür und öffnet)
MAX: Wie siehst du denn aus? Komm, sie ist doch öfter weg. Laß uns was trinken!
ARTHUR: Max, es ist etwas Fürchterliches passiert – nein, nicht was du denkst. Du wirst es nicht glauben – bei mir liegt ne Leiche im Keller, genauer gesagt: in der Kühltruhe.
kurze Zwischenmusik in Moll
MAX: (Herausziehen des Korkens, Eingießen) Überlegen wir einmal: in deinem Haus findet sich ein Toter. Wer ist der Tote? Es scheint ein uns Unbekannter zu sein; obwohl, ehrlich gesagt, er kommt mir schon bekannt vor. Nun ja, tiefgefroren sieht ein Mensch nunmal nicht so frisch aus.
ARTHUR: Keine Witze bitte, Max.
MAX: Schon gut. Also: wer ist der Tote, ist er eines natürlichen Todes gestorben, ist er ermordet worden, und wenn ja: wie und von wem? Und wer hat ihn in der Truhe deponiert. Fragen über Fragen! (beginnt die Anfangsmelodie vom Tatort zu singen)
ARTHUR: Max, ich sagte doch: keine Witze. Was sollen wir jetzt tun? Die Polizei rufen?
MAX: Eine Möglichkeit. Die andere ist die, selbst tätig zu werden, die Leiche zu entsorgen, nicht mehr an die Sache zu denken, den Lieben Gott nen guten Mann sein lassen! Jedenfalls müssen wir die Leiche untersuchen. Nun schau nicht so dumm aus der Wäsche! Angucken reicht nicht. Vielleicht hat er einen Ausweis bei sich, du weißt schon: (singt erneut die Anfangsmelodie vom Tatort) Schon gut! Möglicherweise stellen wir fest, dass er wohlmöglich garnicht ermordet worden ist. – Ich glaube, Anna hat recht, wenn ich dich so sehe.
ARTHUR: (scharf) Was meinst du damit?
MAX: Sie meinte, du drückst dich vor unangenehmen Dingen. Naja, immerhin ist das fast ein Beweis, dass du ihn nicht ermordet hast. – Wenn ich nur wüßte, wo ich ihn – überleg doch mal – du kennst ihn nicht? ARTHUR: (genervt) Nein!
MAX: Ich bin sicher, wir haben ihn schon einmal gesehen.
ARTHUR: Mag sein. – Ja, er kommt mir bekannt vor; trotzdem …
MAX: Sicher kennt Anna ihn. Sie könnte …
ARTHUR: Sie könnte was? Sie ist nicht hier! Max, was sollen wir tun?
MAX: Also: denken wir mal nach. Auf Annas Geburtstagsfeier! Es waren eine Menge Typen hier. Erinnerst du dich? Und viele hübsche Mädchen, sogar einige schöne Frauen. Diese Kleine zum Beispiel, mit dem zu kurz geratenen Röckchen, die dort am Kamin gesessen hat, die …
ARTHUR: (laut) Wir haben einen Toten da unten, verstehst du. Ich, ich, ich …
MAX: Danke, das genügt. Jetzt weiß es auch der entfernteste Nachbar. Seis drum. Es war sicher einer von diesen Typen. Bestimmt! Ja, mmh, das scheint mir sehr wahrscheinlich. Du weißt natürlich garnichts, du warst ja sturzbetrunken. – Jetzt weiß ich’s: du hast ihn angehaucht und er ist tot umgefallen; wir haben ihn zum Frischhalten in die Truhe gelegt. So wars!
ARTHUR: Zum allerletzten Mal: keine Witze! Wenn du glaubst, durch Reden herauszubekommen, wer das da unten ist, so tu das. Ich jedenfalls bin völlig durcheinander! – Wenn ich daran denke, dass ich seit Tagen, was sag ich, wahrscheinlich seit Wochen mit einem Toten im Haus … Annas Geburtstag: vor zweieinhalb Wochen. Ja, stimmt, ich war besoffen. Du hast recht. Alle möglichen Leute waren da – alles Langeweiler. Mit den Männern wollte ich nicht reden, und mit den Frauen zu flirten war ja schließlich nicht drin, auf Annas Geburtstagsparty. Was sollte ich anderes tun als Trinken! – Als ich am nächsten Tag aufwachte, lag Anna neben mir im Bett. Aber sie hatte sich erst kurz zuvor hingelegt, da bin ich sicher. – Aber, warte, jetzt fällt mir etwas ein: sie wartete den ganzen Abend auf Jemanden, ja, einen Typen, den sie im Studium kennengelernt hatte. Meinst du, der da unten …
MAX: Stimmt: sie wartete auf, wie nannte sie ihn, warte, ich habs gleich: – den Finnen! Ja, auf den Finnen, auf den wartete sie! Sie sagte immer nur: der Finne. Sie sagte, er kommt noch vorbei, wenn er früh genug ein wichtiges Geschäft zum Abschluß bringt. – (leise) Vielleicht hat Anna ihn …
kurze Zwischenmusik in Moll
MAX: Kein Ausweis. Nichts. Italienischer Anzug. Italienische Schuhe. Und er ist mindestens einsachtzig und blond; der kann überhaupt nicht Italiener sein. Ein Wunder, dass er so gut in deine Truhe paßt. Jetzt sieh doch mal richtig hin! Ich jedenfalls bin jetzt sicher! Legen wir ihn zurück! (Geräusche) Ja, so, zieh noch ein bißchen. Okay. Gehen wir hinauf. Überlegen wir weiter. (Sie drehen das Licht aus, die Tür fällt ins Schloß)
kurze Zwischenmusik in Moll
MAX: (Öffnen der Weinflasche, Eingießen) Wir haben keinen Ausweis gefunden. Keine Spuren von Gewalteinwirkung. Er ist korrekt gekleidet. Erstaunlich, denn auf der Party ging es hoch her! – Gut, der Mann dort unten ist der Finne! Er war also auf der Party. Wir sollten ihn vielleicht auftauen, vielleicht bekommt er dann Ähnlichkeit mit sich selbst! Jedenfalls erinnere ich mich, dass Jemand sehr spät noch mit einer Limousine vorfuhr. Ich habe draußen gesessen, mir war nicht gut. Ich habe mehr auf den Wagen geachtet als auf den Typen. (gedämpftes Partyrauschen, deutliches Motorgeräusch und Halten des Wagens. Anschwellen des Partyrauschens und Schritte auf Kies) Jedenfalls begrüßte er Anna, die ihm um den Hals fiel. (Abblenden Partyrauschen) Ich sah sie noch einigemale zusammenstehen. Mehr weiß ich auch nicht. Jedenfalls ist dieser Finne jetzt tot und Anna fort! Hej, was ist los?
ARTHUR: (leise) Ich erinnere mich: Ich stand am Fenster meines Schlafzimmers. Mir war übel, trotzdem wollte ich rauchen und auf den Wald sehen. Der Mond schien hell. Ich erinnere mich. Gib mir die Flasche rüber. (Eingießen, Aufblenden Grillenzirpen und gedämpftes Partygemurmel) Ich hielt Ausschau nach Rehen. Du weißt, man kann sie mit bloßem Auge von hier aus sehen. Die Streichhölzer lagen auf der Fensterbank. Ich griff nach ihnen. Mir fiel die Zigarette aus dem Mundwinkel und ich bückte mich. In diesem Augenblick kam ein Pärchen Arm in Arm um die Hausecke geschlendert. Ich trat einen Schritt zurück. Ein großer, blonder Mann und eine Frau – Anna. Ich wollte es zuerst nicht glauben. Wie konnte sie so leichtsinnig sein. Sie weiß doch, wie eifersüchtig ich bin. Sie sprachen leise miteinander. – Ja, es muß wohl der Kerl gewesen sein, jetzt bin ich auch ziemlich sicher. Aber an mehr kann ich mich nicht erinnern. (trinkt) Wenn Anna nur zurückkäme!
MAX: Ja.
Kurze Zwischenmusik in Moll
ARTHUR: Max, was sollen wir nur tun? Ich halts nicht mehr aus. Rufen wir die Polizei! – Nein, rufen wir nicht die Polizei. Wann hast du Anna zuletzt gesehen? Hat sie dir etwas gesagt. Ich ruf jetzt an! Nein, nicht die … in der Redaktion.
MAX: Ich geh mal auf die Terrasse, eine rauchen. (Schritte, Öffnen einer Tür, Anzünden der Zigarette, mehrmaliges Inhalieren und besorgtes Ausstoßen des Rauchs)
ARTHUR: (im Hintergrund telefonierend) Ja, Arthur Trotzmann hier. Könnte ich den Chefredakteur sprechen! Danke. – Ja Arthur Tr…, – ja, genau. – Urlaub? – Welche wichtige Sache? – Ja, verstehe. Könnten sie …, ja danke!
MAX: (kommt wieder hinein) Was ist los? Sag schon!
ARTHUR: Sie hat Urlaub genommen, angeblich um eine wichtige Sache zuende zu bringen. Er wußte es nicht genau – oder er wollte es mir nicht sagen. – Mein Gott, Max, ich versteh das nicht. Was ist passiert und was passiert hier und jetzt? Wo kann Anna nur sein? Hast sie dir wirklich nichts gesagt?
MAX: Nein. Über die wirklich wichtigen Dinge sprechen Frauen nur im Bett, danach. Mir hat sie nichts erzählt.
ARTHUR: (steht auf, geht herum) Wir haben einen Toten im Haus, Anna ist nicht …
MAX: Du hast einen Toten im Haus.
ARTHUR: Schon gut: ich habe einen Toten im Haus. (setzt sich wieder) Schönen Dank für den Freundschaftsdienst. Du kannst ja gehen, wenn es nicht dein Toter ist. Bitte!!! Da ist die Tür. Los, hau schon ab. – Ach scheiße!
MAX: Tschuldigung. Komm, trink ein Glas. (Eingießen) Sag mal, Arthur: du bist ganz sicher, dass du oben in deinem Zimmer geblieben bist? Ich meine, du bist nicht hinuntergegangen? – Naja, könnte ja sein: du gehst nach unten, sturzbetrunken, findest ihn alleine hinter dem Haus, pöbelst ihn an, er stürzt, fällt unglücklich, du drehst dich um und torkelst ins Haus zurück. Später findet Anna den Finnen tot im Gebüsch. Sie ahnt, dass du der Täter bist, (Eingießen, hastiges Trinken) und um dich zu schützen, bringt sie, – nein unmöglich,das schafft niemand alleine. (Flasche zerspringt an der Wand) Hej, was ist los, das ist nur eine Theorie. Reg dich nicht auf.
ARTHUR: (angetrunken) Ich soll mich nicht aufregen!? Mein bester Freund bezichtigt mich des Mordes, und ich soll mich nicht aufregen! Und dann habt ihr, Anna und du, die Leiche in die Kühltruhe gelegt, um mich zu retten, was? Dann hättest du die ganze Zeit gewußt, dass da unten der Finne tot in der Truhe liegt. (verächtlich) Außerdem bist du doch schon lange scharf auf Anna, meinst du, ich wüßte das nicht. Aber sie will nicht, was? Sie liebt mich nämlich! Ob dir das paßt oder nicht. Sie …
MAX: Beruhig dich. Du hast zu viel getrunken. Leg dich dahin. Ich hol dir eine Decke. Es ist spät. Wir reden morgen weiter. Komm schon! -
ARTHUR: Max! Bleib hier. Bitte.
MAX: Schon gut.
Kurze Zwischenmusik
(Kaffeemaschine, Küchengeräusche)
MAX: Arthur!!! Komm schon, steh auf.
ARTHUR: Ich komme!
MAX: Na, wieder fit?
ARTHUR: Fitter als der da unten.
MAX: Offensichtlich! – Pass auf: ich hab einen Plan. – Niemand würde unseren Freund da unten suchen. Ergo: dann kann er auch gleich hierbleiben. Ich meine, der hat es hinter sich, der läßt sich dort oben von schönen Finninen verwöhnen, der lacht sich nen Ast, dass wir son Terz machen wegen seiner sterblichen Hülle. Wir graben ein Loch, legen ihn rein, dazu ein paar Grabbeilagen, damit die in ein paar tausend Jahren was zu grübeln haben, wenn sie ihn finden. Du hast doch noch ein paar mittelalterliche Münzen, die …
ARTHUR: Mensch, Max! Das ist doch kein Spaß hier. – Ich habe lange nachgedacht. Ich benachrichtige die Polizei. Das wird das Beste sein.
MAX: Wie du willst. – (Arthur geht zum Telefon, wählt. Telefonstimme: Polizeidirektion 7) Und wenn Anna ihn … Dann kannst du dir ne neue Freundin suchen. Am besten mit gleichen Maßen, das spart ne Menge. (Telefonstimme: hallo, wer spricht da, melden sie sich bitte, hallo. – Arthur legt auf) Du weißt schon. Wie war doch gleich ihre Körbchengröße?
ARTHUR: Verdammt! Wie redest du eigentlich über Anna.
MAX: Ich rede nur über ihre Vorzüge. Wenn ich nur – Aber das ist ja das Feld, das du beackerst. – Schon gut. Reg dich nicht auf. – Also, unter die Erde muß er ohnehin. Wenn wir es nicht tun, dann tuts die Polizei. Und wer weiß, wen die verdächtigen. Indizien gibt es genug. Außerdem, wie kann ich sicher sein, dass du ihn nicht tatsächlich umgebracht hast und mir nun eine Komödie vorspielst? Dass du eifersüchtig bist, weiß jeder. Naja, Anna ist schön, eigentlich ist so ziemlich jeder hinter ihr her. Aber keine Sorge: im Grunde ist sie dir treu. – Hej, was ist los! Willst du mich umbringen! Arthur! (schweres Atmen Arthurs) Beruhige dich! Halt jetzt lieber den Mund. Je weniger ich weiß, desto weniger ist aus mir herauszubekommen.
ARTHUR: Anna! Wenn Anna nur hier wäre. – Sie war es nicht. Nie. Vielleicht ein Unfall. – Warum läßt sie uns – mich -, warum läßt sie mich mit dem toten Finnen zurück? – Der Wagen! Wo ist der Wagen des Finnen geblieben? – Hier steht kein Wagen. – Anna weiß von dem Toten. Max? Hat Anna … Nein! Unmöglich. Vielleicht ein Gast: er sieht, dass der Finne viel Geld bei sich trägt, bringt ihn um und … Und Anna? Sicher! Sie wartet noch einige Tage, anderthalb Wochen, um genau zu sein, und reist ihm nach. Mich läßt sie mit dem Toten zurück. Max!? Ist das möglich? Ich liebe sie. Zu wem ist sie verschwunden? – Max!!! Ist das möglich? (scharf) Ist das möglich, Max?
MAX: (betont ruhig) Arthur. Wir sollten den Toten in den Garten umbetten, einen Segen sprechen und den Lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Was ist, wenn du – , wenn wir uns in Anna getäuscht haben? Was ist dann? Wir sollten nicht auf dem toten Finnen sitzen bleiben, verstehst du! – Komm. Iß etwas, trink deinen Kaffee. Ich hab mal einen Film gesehen, da ist auch ein Mann auf einer Leiche sitzengeblieben, während seine Frau … Schon gut, reg dich ab.
Kurze, stakkatoartige Violinmusik
(Man hört Schnaufen und das Knirschen von Spaten und Schaufel)
MAX: Wie im Western: statt ‘Hängt ihn höher’ ‘Legt ihn tiefer’. – Schon gut, Arthur. Also, wenn ich dein Gesicht so sehe. – Pass mal auf. Sobald wir fertig sind, taucht Anna auf, sagt Danke Jungs und macht ne Flasche Champagner auf. – Arthur! Du weißt doch, sie erzählt dir nichts, damit die Konkurrenz dich nicht ausfragen kann. Sie kann jeden Moment hier auftauchen! – Los, in zwei Stunden ist die Sache erledigt, in zwei Tagen vergessen.
ARTHUR: Das sagst du so einfach. – Ich muß immer daran denken, dass Anna mit dem toten Finnen etwas zu tun haben könnte. Die schöne Mörderin, sozusagen. Eine Paraderolle. Mensch Max. Ich liebe diese Frau. Was soll ich nur tun?
MAX: Graben und dir weniger Gedanken machen. Selbst wenn Anna den Finnen – naja, möglicherweise hatte er wirklich viel Geld dabei. Vielleicht kommt bald ein Anruf aus Südamerika und du darfst nachkommen. Hört sich doch reizvoll an. Oder? – Na gut, der Tote ist echt. – Aber wer sagt, dass er gewaltsam gestorben ist? Wenn du es nicht warst und ich war es nicht, und Anna auch nicht, dann ist er vielleicht eines natürlichen Todes … wer weiß. Wir jedenfalls haben keine Spuren gefunden. Und Anna, unser schlaues Biest, hat die Gelegenheit genutzt und ist abgezwitschert. Dich hat sie nicht eingeweiht, weil du der typische Grübler bist. Sie wartet, bis wir die Sache erledigt haben und meldet sich dann bei dir. Und dann, ab nach Südamerika.
ARTHUR: Ich weiß garnichts mehr.
MAX: Noch ein bißchen tiefer und das Problem ist gelöst!
ARTHUR: (leise) Ich glaubs einfach nicht. Ich stehe hier in einem Loch, einem Grab, das ich selbst schaufele, in meinem Garten, für einen Typen mit Nadelstreifenanzug und teuren Schuhen. – Mensch Arthur! Was redest du da. (wieder lauter) Möglicherweise stimmt das mit dem Geld garnicht. (schweres Atmen) Andereseits, wenn du nicht mein Freund wärst …
MAX: Ich dachte, wir machen jetzt besser weiter.
ARTHUR: Ja … ist nur so: ich hab irgendwie das Gefühl, mein eigenes Grab zu schaufeln, weißt du.
MAX: Ich helf dir! – Schon gut, ich sag ja nichts mehr. – Außerdem, was soll ich denn sagen? Wenn du den da unten … da bin ich ja Mitwisser, und sobald das Loch tief genug ist, zack! Ja, guck nicht so, meinst du, ich finde das witzig. Außerdem, wer sagt, dass nicht wirklich Anna hier auftaucht, sobald wir den Toten im Loch liegen haben. Sie sagt Hallo Jungs, schönen Dank auch und schießt uns ins Herz! Oder nur einem von uns. – Wen sie wohl lieber mag? Na? – Aber keine Sorge, sie schießt uns beide ins Herz. Anna ist gerne unabhängig. Stell dir mal vor, wie erotisch das aussieht, Anna in Pumps und Mini, wie sie das Loch mit drei toten Männern wieder zuschaufelt. Können wir dann leider nicht mehr sehen.
ARTHUR: (packt Max am Kragen und schüttelt ihn) Wenn du nicht endlich dein verdammtes Maul hälst, dann muß Anna dich garnicht mehr erschießen! (beide schnaufen heftig) – Los, weiter jetzt.
Sehr kurze, heftige Klaviermusik
ARTHUR: Du nimmst die Füße, ich geh voran. (nehmen den Toten auf, die Tür fällt hinter ihnen ins Schloß, sie stapfen keuchend die Stufen hoch, erreichen den Garten) Niemand zu sehen. Wenn jetzt bloß kein Spaziergänger … Na, wo’s für einen reicht …
MAX: Jetzt machst du aber die blöden Witze! – Los: eins, zwei, drei! (Aufschlagen des Körpers) Und zuschaufeln!
Sehr kurze, heftige Klaviermusik
MAX: Anna wäre stolz auf dich. Kein Lamentieren mehr, kein Zögern, erfolgsorientiertes Handeln. Bravo! Whisky? Mitohne Eis? Alles klar. (Eingießen) Bin mal gespannt, wieviel Geld der bei sich hatte. Ich meine, wenn er überhaupt … Sollte Anna wirklich, dann muß sich das ja schon gelohnt haben! – Jedenfalls haben wir jetzt die Drecksarbeit gemacht. Sie wird sich schon melden. Vielleicht aber weiß sie auch von nichts und hält uns für verrückt. Wer weiß. – Übrigens, Arthur: wenn du den Finnen umgebracht hast, dann kannst du mir das ruhig sagen, jetzt, wo er unter der Erde ist. Ich meine ja nur, es wäre okay, wenn es sich gelohnt hat, geldmäßig, meine ich.
ARTHUR: (leicht betrunken) Das gleiche könnte ich dich auch fragen: (äfft Max nach) hast du den Finnen kalt gemacht, kannst du mir ruhig sagen, jetzt wo er unter der Erde ist. Ich meine ja nur … Mensch Max: ich weiß von nichts. Und du auch nicht. Wir sollten beide die Schnauze halten, bis Anna zurückgekommen ist. Wenn sie zurückkommt. Sonst sitzen wir hier bis wir schwarz werden. Gib mir noch nen Schluck. – So eine blöde Sache. So was kann man sich garnicht ausdenken. So etwas passiert entweder garnicht oder in schnöder Wirklichkeit. – Ich versteh das alles nicht. Irgendjemand muß doch den Wagen weggefahren haben. Wäre doch ein Einfaches gewesen, ihn in den Kofferraum und schwupp, zusammen mit dem Wagen, irgendwo versenkt. Bevor der gefunden wird … wenn überhaupt. Uns mit dem Toten hier sitzen zu lassen. Warum meldet die sich nicht!? Sag doch auch mal was! – Ich muß an die frische Luft!
MAX: Gehst du in den Garten?
ARTHUR: Nee, auf’en Friedhof!
MAX: Vergiß dein Glas nicht. – Soll ich -
(Aufblenden Grillenzirpen, Partygeräusche, Wiederausblenden, -allenfalls Windgeräusche-, dann Telefonklingeln im Hintergrund, dann Stille)
MAX: Arthur!? – Telefon! Für dich. Anna!
© Norbert W. Schlinkert 1997, 1998/2006 – Alle denkbaren Rechte beim Autor