Naturgemäß unrealisierbares Hörspiel
Hörspielvorlage von Norbert W. Schlinkert
© Norbert W. Schlinkert 1998/2006 – Alle denkbaren Rechte beim Autor
PERSONEN:
Im “Vordergrund”:
- A & B deutlich unterscheidbare Stimmen zweier Männer, um die 60 Jahre alt
- die Stimme (auf dem Anrufbeantworter) ist die einer sehr alten Frau
Im “Hintergrund”:
- Regisseur (Wiener Akzent)
- Bühnenmeister
- Kapellmeister
- mehrere Bühnenarbeiter (1,2,3)
- Führer einer Besuchergruppe
I
A: (leise, geheimnisvoll) Vor nicht langer Zeit ist mir diese Karteikarte hier in die Hand gespielt worden. Für die Bühne, sagte eine Stimme. Hier, auf beiden Seiten vollgekrakelt. Kaum leserlich. Aber es geht. Ich lese dir vor, warte.
(Arbeitsgeräusche der Bühnenarbeiter, Stimmen)
B: (laut, fordernd, betont theatralisch) Eine Stimme? Wie sah sie aus? Ich meine, wer -
(Stimmen der Instrumente im Orchestergraben)
1: Welchen Prospekt brauchen wir? Fahr uns runter. Vorsicht!
A: (sachlich) Über der Doppellinie steht ‘Hörspiel’. Darunter: A und B auf der Bühne, sie reden darüber, daß sie auf der Bühne sind. A sagt: “Wir sollen das Spiel spielen”. Daraufhin sagt B: -
3: Für die Proben brauchen wir keinen.
2: Wie sieht’s an der Front aus? Schon was gehört?
1: Was?
B: Wir sind auf der Bühne! Und wir sollen spielen. Aber alles ist schwarz. Nur wir, wir sind angestrahlt. Nur Dunkel, sonst. Wer ist A? Bist du es? Oder bin ich es? Wir müssen uns einigen. Es sei denn, jemand käme und sagte es uns. Alles schwarz! Sind Zuschauer da? (…) Hallo, ist da wer?
A: Auf der Karteikarte steht weiter: A und B sollen nicht schauspielern! Was das nun wieder heißen soll!
1: Im Schnürboden hängt der blaue.
2: Zum Einleuchten aber brauchen wir den richtigen.
B: (eifrig) Geh mal ein paar Schritte!
(A geht schlurfend und lustlos ein paar Schritte, macht kehrt und geht zurück)
A: Und? Zufrieden?!
(Ende des Stimmens im Orchestergraben)
B: Hast du es nicht bemerkt? Das Licht ist dir gefolgt! Dort muß doch jemand sein! (…) Hallo, ist da wer?
A: (eifrig) Paß mal auf! Hier steht: Regieanweisung: Den Kern, das Thema, die Idee mit einer Armee von Worten einkreisen und belagern. Nach und nach die Armee verkleinern und die Aufmerksamkeit erhöhen.
(Arbeitsgeräusche, Stimmen)
B: Das ist doch Unsinn! (…) Hallo, ist das wer? (…) Ich geh mal ein paar Schritte. Siehst du! Es folgt mir!
A: Und dann steht hier noch: Telefon. A nimmt den Hörer ab, hört und sagt dann: “Ja, sicher, nein, ist in Ordnung, gut!” Hörst du! Ein Telefon wird klingeln! Wir müssen also warten.
3: Frag den Bühnenmeister.
2: Zum Einleuchten brauchen wir den richtigen Prospekt!
B: Ich sehe kein Telefon. Es müßte ein eigenes Licht haben.
1: Der ist oben. Ich ruf mal an.
2: OK!
A: Ich gehe dem Klingeln nach. Ich hebe den Hörer ab und sage: Ja, sicher, nein, ist in Ordnung, gut! B, das bist dann du, fragt: “War das Mutter?”
3: Die Tonprobe für den ersten Akt auf Band. Fahr mal die Musik hoch!
(Spulen des Bandes, dann: schmissige Kirmes-/Zirkusmusik mit Akkordeon und Blasinstrumenten)
B: (genervt) Es klingelt nicht! Was steht noch auf der Karteikarte? (…)
A: (…) Ich sage nichts. (…) Auf deine Frage, ob das Mutter gewesen sei, sage ich nichts. (…) Zuerst.
B: Wessen Mutter? Sind wir Brüder? Gib mir die Karte!
A: Dann aber sage ich: “Sie kann es nicht sein, das Hörspiel wird aufgezeichnet, es ist die Zukunft, jetzt hier: Mutter ist tot!”
B: Das wäre mir neu! Seit wann?
(abruptes Ende der Musik)
A: Seit Beginn der Zukunft. Ihr letzter Atemzug war gerade eben noch Gegenwart.
Ka: Das Orchester wäre bereit.
B: (bestimmt) Wer gab dir die Karteikarte?
A: Dann klingelt es ein zweites mal. B, das bist du, geht hin. Er sagt. ” Ja, sicher, nein, ist in Ordnung, gut!” A, also ich, fragt: “War das Mutter?” Darauf sagst du: Sie kann es nicht sein, das Hörspiel wird aufgezeichnet – war es nicht so? – es ist die Zukunft, jetzt hier: Mutter ist tot!
1: Wer ist im Schnürboden?
B: (genervt) Worauf du sagst: ‘Das wäre mir neu! Seit wann?’
1: Was! Was tut der auf der Unterbühne!?
A: Davon steht hier nichts! Wie kommst du darauf?
B: (atmet schwer aus und ein, genervt) Für ein Hörspiel brauchen wir keine Bühne!
2: Also los! Beeilung bitte! Wir müssen einleuchten!
A: Wer spricht von einem Hörspiel? Ich sehe nur dich. Und wenn ich an mir runtersehe, sehe ich meine Füße! Ich sehe keine Bühne!
Bü: Wozu mache ich eigentlich Pläne?
2: Wer sind die Beiden da. Proben die was?
B: (betont ruhig, sachlich) Aber auf deiner Karteikarte steht: ‘Hörspiel. A und B auf der Bühne, sie reden darüber, daß sie auf der Bühne sind.’
Bü: (gleichgültig) Die sind harmlos.
A: Ja.
B: Steht noch etwas drauf?
A: Nicht viel!
B: Und das wäre?
A: Hier, lies selber.
B: (liest betont langsam) B sagt: “Das erinnert mich an die Stücke eines irischen Autors französischer Abstammung – nein! eines französischen Autors irischer Abstammung.
(Taktklopfen, dann Einsetzen der Orchestermusik / wie vorher, nur live)
A: Was sage ich darauf?
B: Davon steht hier nichts.
A: Gut!
B: Was: gut!?
A: Was soll ich dazu sagen?
B: Wie soll ich das wissen? (atmet schwer aus und ein) Hallo, ist da wer?
A: Da ist niemand.
(Musik verklingt in auslaufenden, schiefen Tönen; Gemurmel)
B: Wie willst du das wissen? (…) Wenn wenigstens das Telefon klingelte.
1: Wo bleibt der Regisseur?
A: Welches Telefon?
2: Ach weißt du: Künstler!!!
B: (resigniert) Wir drehen uns im Kreis. Oder wenn das Licht ausginge!
Bü: Der taucht schon auf. Keine Sorge, mach du deine Arbeit!
A: Dann ständen wir in völliger Finsternis.
(Wiedereinsetzen der Musik)
B: Oder wenn das Licht den Weg beleuchtete!
A: Welchen Weg?
B: Wie soll ich das wissen! (…) Wenn nur jemand käme!
A: Wer?
B: Wie soll -
(abruptes Ende der Musik / Telefonklingeln, beim ersten Klingeln überlaut)
A: Das Licht!!! Es ist erloschen!
B: (leise, in eine Klingelpause hinein) Es ist völlig finster.
A: Eben noch wolltest du es. Und du wolltest, daß das Telefon klingelt. Also!
B: Das Klingeln kommt von dort.
A: Ich sehe nichts.
(Beide kriechen herum, tasten)
weiter A: (triumphierend) Da! (hebt ab) Ja, sicher, nein, ist in Ordnung, gut! (legt auf)
B: (…) War es Mutter?
A: Ich sage nichts! Und außerdem: Sie kann es nicht sein, das -
B: Das hatten wir schon!
A: Ja, aber jetzt ist es ernst! Wir sprechen unsere Rollen.
Re: (klopft aufs Mikro) 1,2,3 – Meine Herren. Beginnen wir mit – warum hängt der Prospekt nicht?
B: Hieß es nicht: ‘A und B sollen nicht schauspielern!?’ (…) War es Mutter?
Re: Und die Damen und Herren Schauspieler?
A: Ich sagte bereits: sie kann es nicht sein, das -
(Beginn Musik von der Stelle an, an der der kurz zuvor abgebrochen wurde)
B: Ich unterbrach dich!
A: Richtig!
B: Ich wies dich darauf hin, daß wir uns wiederholen.
A: Nun, niemand hört uns.
(abruptes Ende der Musik)
B: Ich höre dich gut!
A: Kein Grund, sich zu wiederholen!
B: Richtig! (…)
Re: Ich warte auf eine Antwort!
A: Immer noch völlige Finsternis!
B: Und völlige Stille: jetzt!
Re: Und überhaupt: wer sind die Beiden da?
A: Ja. (…)
(Telefonklingeln wie eben. Beide kriechen herum, tasten)
B: Da! (hebt ab) Ja, sicher, nein, ist in Ordnung, gut! (legt auf)
A: War es Mutter?
(Arbeitsgeräusche, viele Stimmen: “Und zugleich!” / weiter Arbeitsgeräusche)
B: Sie kann es nicht sein, das -
A: Das hatten wir schon!
B: Und nicht nur einmal!
A: Ja. (…) Was sagte sie?
B: Wer?
A: Mutter!
B: Mutter ist tot!
A: Das wäre mir neu. Seit wann?
B: (genervt, abgehackt) Seit Beginn der Zukunft. Ihr letzter Atemzug -
A: Das hatten wir schon!
Re: (laut) Streik!? Wer streikt? Ich glaub mein Schwein pfeift!
B: Ja.
(Stille)
II
A: Das Telefon ist fort. Ich kann es nirgends sehen.
B: Wir müssen geschlafen haben. Aber ich bezweifle, daß es je da war.
A: Ich habe alles abgesucht. Alles.
B: Auch dort hinten, dort wo es dunkler wird?
A: Nein.
B: Erwartest du einen Anruf? (…) Sag: erwartest du -
A: Nein.
B: Warum suchst du dann das Telefon?
A: Vielleicht ruft Mutter an.
B: Mutter ist tot. (…)
Fü: Meine Herrschaften! Bitte hier entlang! (Geschlurfe, Gemurmel)
A: Was tun wir? Was ist in der Schachtel?
B: Diese meinst du?
A: Ich sehe nur diese eine! Also: was ist in der Schachtel?
B: Karteikarten. Sie wurden mir zugespielt. Für die Bühne, sagte eine Stimme. Wie gehabt.
Fü: Hauptbühne. Dort sehen sie die Seitenbühne, auf der, wie sie sehen, äh, meist fleißig gearbeitet wird. Dort im Hintergrund, hinter dem Prospekt, befindet sich die Hinterbühne.
A: Das sagst du mir erst jetzt!
B: Du hast ja -
A: Geschenkt! Wieviele sind es?
B: Einige Dutzend!? Vielleicht.
A: Und?
B: Nichts: und!
A: (genervt) Steht etwas auf den Karten?
B: Ja.
A: Ja? Ja, und was!?
B: Hier auf der ersten: ‘Hörspiel’: A und B
A: Mmh.
B: Hör mal: Regieanweisung: Auf eine Bühne fällt nie Tageslicht. Der natürliche Zustand einer Bühne ist Dunkelheit.
Fü: Dort oben die Beleuchterbühne. Nicht alles kann per Computer gesteuert werden, so daß … (leiser werdend)
A: Hier ist Licht. Hier vorne jedenfalls.
B: Dort oben, die Funzel.
A: Steht da etwas von einem Telefon?
Fü: (lauter werdend) … wenn sie mir bitte folgen wollen. Vorsicht, der Orchestergraben, da ist schon mancher hinein… (leiser werdend)
B: Nein. Aber hier, warte mal, hier steht: Regieanweisung: Telefon durch Anrufbeantworter ersetzen.
A: Das ist doch Unsinn!
B: Nein, das ist die Regieanweisung.
Re: (laut schimpfend) Streik! Hier wird nicht gestreikt. Hier geht es um Kunst!
(Spulen des Bandes: Musik vom Band setzt ein)
A: Ich meine, ein Anrufbeantworter ohne Telefon ist Unsinn.
(Musik stop, Spulen, Musik)
B: Nun, wenn es hier steht. Ich halte mich daran.
A: Er müßte ein Licht bekommen.
B: Haben wir denn Licht?
A: Nun ja. (betont): Offen-sichtlich!
B: Sicher um lesen zu können. Allerdings, bei der Funzel!
A: Lies trotzdem weiter!
Re: (polemisch) Streikt sonst noch wer?
B: Ah, hier scheints weiter zu gehen: Regieanweisung: A und B löschen die Bühnenbeleuchtung.
A: Nun, löschen wir sie!
Re: Pfeif ich mir halt eins! (Pfeift: Always look on the bright side of life)
B: Ich sehe keinen Schalter.
A: Vielleicht, vielleicht müssen wir etwas sagen: ein Wort vielleicht.
B: Unsinn!
A: Versuchen wir es!
B: (lustlos) Guuut! Also: 1,2,3:
A&B: (leise, zweifelnd) Licht aus.
(Ende des Pfeifens / Stille)
A: (überrascht) Siehst du, es hat geklappt!
Fü: Der eiserne Vorhang dient der Zurückhaltung aufgebrachter Zuschauer: kleiner Scherz. Im Ernst: in erster Linie geht es hier um Sicherheitsaspekte in bezug … (leiser werdend)
B: Ja.
A: Und nun?
Fü: Und dort der bereits erwähnte Orchestergraben. Wir wollen nicht bei der Probe stören.
B: Ich weiß nicht. Ohne Licht kann ich nicht leben.
A: ‘Lesen’ meinst du?
B: Ja lesen, wieso?
Re: Gut. Also: technische Probe! III. Akt.
Bü: Mittagspause. Tut mir leid.
A: Aber auf der Karte stand doch: löschen die Bühnenbeleuchtung?
B: Die Karteikarten sind sicher durcheinander geraten. Es wird wohl die letzte gewesen sein! (…)
Re: Ich bitte sie: wir wollen doch alle gemeinsam -
Bü: Sie wollen. Wir müssen! Und die Schauspieler sitzen in der Kantine und diskutieren. Gehen sie doch mal hin. Also: Pause!
A: Hörst du etwas?
B: Nein. (…) Du?
Re: Ich glaub – : ach scheiße!
A: Nein.
(Taktklopfen. Einsetzen der Musik)
B: Licht. Wir brauchen Licht.
A: Versuchen wir es.
Fü: Im Theater wird nicht gepfiffen. Das hat zu tun mit einem Aberglauben, der noch … (leiser werdend)
B: Was? Ach so!
A: 1,2,3:
A&B: (skeptisch) Licht an!
(abruptes Ende der Musik / Stille)
B: Es funktioniert nicht.
A: (schnell, hastig) Erinnerst du dich: ‘Der natürliche Zustand einer Bühne ist Dunkelheit’. Wir sind also jetzt in einem natürlichen Zustand. Sicher, wir können die Karteikarten nicht mehr lesen, aber -
B: Quatsch keine Opern! Ich brauche Licht, auch wenn es noch so unnatürlich ist! (…) Sag mal: hörst du nichts?
Fü: (lauter werdend) … ein Pfeifen signalisierte also eine undichte Gasleitung, was größte Gefahr bedeutete. Mit der Umstellung auf elektrische Beleuchtung wurde die Gefahr zwar gebannt, das ungeschriebene Gesetz jedoch … (leiser werdend)
A: Doch!
B: Ein Rauschen! Es pfeift ein bißchen. Ein pfeifendes Rauschen. Ein rauschendes Pfeifen.
(es klackt, mehrmaliges Piepen, Bandrauschen, nach einigen Sekunden die Stimme vom Anrufbeantworter)
Stimme: Nie ist jemand da. Hallo, geht niemand ans Telefon? Hier ist Mutter!
(Stille)
A: (leise, ehrfürchtig) Das war Mutter. Auf dem Anrufbeantworter.
B: (betont sachlich) Ich sehe keinen Anrufbeantworter! Außerdem: Die Stimme war mir fremd.
Re: (polemisch) Und wenn nicht alle bis zur letzten Maus pünktlich an ihrem Platz sind, dann gehe ich auch noch in die Gewerkschaft!
A: Aber nein. Es war Mutter. Sie hat es doch gesagt.
2: Wir leuchten ein!
B: Wer hat den Anrufbeantworter betätigt? (…) Hallo, ist da jemand?
Re: Ja! Es wird also doch noch gearbeitet! Es geschehen noch Zeichen und Wunder in diesem Hause!
A: Sicher per Fernbedienung! Wir leben in einem Jahrhundert der Technik.
Re: (ironisch, nervöse Stimme) Und die Herren Bühnenarbeiter! Ich bin entzückt! Willkommen!
B: (ironisch) Also wir leben in einem natürlichen Zustand. (…) Aber trotzdem: ich brauche Licht.
(elektrisches Sirren)
A: Da! Du hast Licht! Ein eigenes Licht. Nur für dich.
B: Schnell: sag, das du Licht brauchst.
A: Wozu? (…) Gut: (theatralisch) Ich brauche Licht.
(elektrisches Sirren)
B: Siehst du.
A: Gut: Licht. Lies weiter. Was sollen wir tun?
B: Ja, hier: A und B gehen auf der Vorderbühne hin und her, ihr Licht folgt ihnen. Sie treffen sich in der Mitte und zögern jedesmal, so als würden sie stehenbleiben wollen. Beim fünften Aufeinandertreffen bleiben sie stehen.
Re: Die technischen Proben gleich mit Musik, wenn’s geht. Geht das? I. Akt bitte! Musik bitte!
A: Gut. Gehen wir zur Vorderbühne.
B: Gehen wir aber nun in der Mitte los, oder gehst du, zum Beispiel, links los und ich rechts, oder – gehen wir!
(akustische Darstellung des Gehens und Fast-Anhaltens bis zum Anhalten, mit der Kirmes- / Zirkusmusik, diesmal aber in der Qualität einer Anrufbeantworteraufnahme!
Im Moment des Anhaltens: abruptes Ende der Musik.)
Stimme: (die selbe Aufnahme wie vorher) Nie ist jemand da. Hallo, geht niemand ans Telefon? Hier ist Mutter. (Rauschen, Klacken)
B: Hast du ein Telefonklingeln gehört?
Re: Vielleicht daß die Damen und Herren Schauspieler eventuell doch … Nein? Auch gut!
A: Nein (…) Es war wieder Mutter.
B: Auf Band, sozusagen.
Re: Ich muß wohl in einem Irrenhaus gelandet sein!
A: Der Anrufbeantworter braucht Licht. Vielleicht …
B: Wir sollten ihn vielleicht suchen.
Re: (mit neuem Mut) Nun, Zum Einleuchten jedenfalls brauchen wir keine Schauspieler. Dürfte ich einige der Herren Bühnenarbeiter bitten! Ein herzliches Dankeschön!
A: Er ist sicher dort hinten im Dunkeln.
Bü: Mit Sarkasmus kommen wir auch nicht weiter!
B: Und wenn wir ihn finden?
Re: Bitte mehrmals und untertänigst um Entschuldigung!
A: Wir könnten Mutter eine Nachricht aufsprechen. Wenn sie dann das nächste mal anruft, dann -
(Stimmen der Instrumente)
B: Mutter ist tot!
A: Seit wann?
B: Das hatten wir schon!
A: Unser Licht, unser Licht fällt auf das zu Suchende!
B: Schön gesagt!
A: Nicht wahr!?
B: Also!
A: Also was?
B: Suchen wir!
(Stille)
III
Stimme: (weiterhin die selbe Aufnahme) Nie ist jemand da. Hallo, geht niemand ans Telefon? Hier ist Mutter. (Rauschen, Klacken)
Re: (polemisch) Vielleicht könnte ich die Kampfschrift bekommen von der Streikfront!
A: Mmh.
B: Mmh.
Stimme: Nie ist jemand da. Hallo, geht niemand ans Telefon? Hier ist Mutter. (Rauschen, Klacken)
B: Tja.
A: Ja.
(Mehrmaliges Abspielen: bei jedem Abspielen früheres Unterbrechen, bis nur noch “Nie” zu hören ist. Dazwischen Gemurmel und Tjas und Jas von A und B)
A: Ich glaube, Mutter ist tot.
B: (traurig, resigniert) Ja.
Re: Aaah! Die Damen und Herren Schauspieler! Seien sie mir auf das allerherzlichste willkommen. Ich hoffe, der Text ist ihnen erhalten geblieben!
A: Hast du die Stimme erkannt?
Bü: Ich bitte sie! Wir wollen doch das Arbeitsklima nicht weiter vergiften!
B: Nein. (…) Du?
(Gemurmel, Arbeitsgeräusche)
A: Nein.
B: Sagtest du nicht, es wäre Mutter?!
A: Die Stimme sagte es.
Re: So ein kleiner Warnstreik hebt es doch ganz besonders, das Arbeitsklima!
B: Und du hast es geglaubt!
A: Wenn sie es sagte, Mutter meine ich.
B: Ja aber -
A: Ich weiß!
B: Und nun?
Re: Man hat eine Menge Zeit, sich eins zu pfeifen. Das hebt die Stimmung! (beginnt wieder zu pfeifen wie vorher)
A: Nimm eine Karteikarte und lies!
B: Du hast sie.
A: Nein.
(Ende Pfeifen)
B: Aber ich dachte -
Fü: Wir wollen nicht stören! Also, neben dem Verbot des Pf- (…) , aber das hatten wir schon, gibt es noch andere ungeschriebene Gesetze, die … (leiser werdend)
A: (bestimmt) Du hattest sie!
B: Ich kann mich nicht so recht erinnern.
A: Dann also ohne! Aber das Licht bleibt uns immerhin.
Re: Also! Die Premiere wartet nicht.
B: (beschwörend) Beschwör es nicht!
(Arbeitsgeräusche)
A: Wir müssen eine Geschichte erzählen.
B: Spielen. Wir müssen eine Geschichte spielen.
A: Wir kommen ja nicht dazu. Aber sei’s drum: spielen wir!
B: Ohne Text?
Re: Also!?
Bü: Wir können!
A: Spielen wir die Geschichte von A und B auf einer Bühne! Eine Stimme hat A, also mir, oder dir, egal, also mir, eine Karteikarte in die Hand ge-ge-:gespielt. (…) Warte, ich erinnere mich: Ich sage: “Wir sollen das Spiel spielen.” Dann sagt B:
Re: Und jetzt die Musik bitte! I. Akt.
B: Das Spiel haben wir schon gespielt. (…)
Ka: Pause!
A: Dann sind wir am Ende?
Re: (tief Luft holend, nach Worten ringend. Schließlich:) Da sagt ich grad nichts mehr dazu!
B: Ich weiß nicht! Noch haben wir Licht.
A: Hast du nicht selbst gesagt: “Beschwör es nicht!”
Ka: (lakonisch) Tut mir leid.
B: Ja.
Re: Also: dann ohne Musik. Ist das Licht so weit?
A: Wußtest du, daß wir spielen? Ich meine: War es dir bewußt?
2: Schichtwechsel!
B: Wir sind auf einer Bühne!
Re: (müde) Ja, selbstverständlich.
A: Ja. Auf einer Bühne. Und wenn das Licht ausginge? Nur mal angenommen!
B: Dann wären wir immer noch auf einer Bühne. Die Regieanweisung besagte doch: ‘Der natürliche Zustand einer Bühne ist Dunkelheit’.
Re: Machen wir doch alle eine Pause. Bis wann -
A: Mit Licht ist es mir doch lieber.
Bü: Mit Musik vom Band ginge es auch.
B: Gehen wir also. Vielleicht im Kreis. Gegenläufig. Und wenn wir uns begegnen zögern wir einen Augenblick. Beim fünften Aufeinandertreffen bleiben wir stehen.
Re: Also: meinetwegen.
A: Um was zu tun?
B: Wir könnten miteinander reden.
Re: Alles auf Position. Wo bleibt die Musik.
A: Über was?
(Spulen des Bandes, setzt ein, bricht ab, setzt wieder ein)
B: Über Mutter!?
A: Mutter ist tot.
(Musik bricht ab)
B: Das ist mir neu. Seit wann?
A: Seit -
B: Geschenkt! Gehen wir.
(Musik wie zuvor, wieder in Anrufbeantworterqualität. Im Moment des Anhaltens: abruptes Ende der Musik)
A: Das Licht. Es ist erloschen.
B: Warte: ich berühre dich.
A: Ja. (…) Laß los! Ich bin ja da!
B: Wir rühren uns besser nicht vom Fleck!
A: Ja, es ist völlig finster!
B: Wolltest du das nicht?
A: Das ist lange her. (…)
B: Probieren wir es.
A: Was? Ach so.
B: 1,2,3:
A & B: (leise) Licht an! (…)
(Musik wie zuvor in Anrufbeantworterqualität)
A: (flüsternd) Nichts.
(Ende der Musik)
B: (flüsternd, geheimnisvoll) Ja, völliges Nichts!
A: (nüchtern, normal laut) Ich wollte sagen: es passiert nichts!
B: Was tun wir jetzt?
A: Was wollten wir tun?
B: Das Spiel spielen.
A: Laß uns die Aufnahme noch einmal hören. Wo ist das Gerät?
B: Dort irgendwo.
A: Ich sehe nichts.
(Tastgeräusche von A & B)
B: Ich finde nichts.
A: Ich finde auch nichts. (…)
(Weiter Tastgeräusche, dann: Telefonklingeln, beim ersten Klingeln überlaut. Mehrmaliges Klingeln, weiter Tastgeräusche. Dann Ende der Tastgeräusche, weiterhin Telefonklingeln, dann langsames Ausblenden. / Abspann mit der Musik in Anrufbeantworterqualität unterlegt.)
##Zur möglichen Gestaltung / Stichworte:
-”Psycho”-Effekt bezüglich der Mutter
-Clownskomik
-Biederkeit
-Warten
-Mutlosigkeit, den eigenen Weg mit dem eigenen Licht zu gehen
-Ausnutzen des schwarzen Raumes der Stille (schwarzer Bühnenraum = Stille im Hörspiel)
-die Vorgeschichte der Personen bleibt im Dunkeln, durch die Stimmen aber bekommen sie eine (begrenzte) Persönlichkeit, ebenso wie durch ihr Reagieren auf die Stimme, die behauptet, Mutter zu sein. Obgleich ihr Verstand ihnen sagt, daß es nicht Mutter ist, sie sich das sogar gegenseitig dann doch bestätigen, reagieren sie auf die Bedrohung durch die vordernde Stimme mit “Zerhacken” der Aufnahme bzw. der Stimme, sie töten also im übertragenen Sinne die Mutter. Am Ende bleiben sie mit ihren Ängsten zurück, die Bedrohung ist jetzt das Telefonklingeln im “Nichts”.
© Norbert W. Schlinkert 1998/2006 – Alle denkbaren Rechte beim Autor