[Hören & Sagen (Arbeitstitel), zur Zeit 350 Normseiten]
© Norbert W. Schlinkert 2008ff. – Alle denkbaren Rechte beim Autor
(Manuskript S.1ff., Stand April 2011)
ES GEHT LOS
(Möglicher Beginn)
In einer Sprechblase steht: Das wird ein Heidenspaß, wie ich so rücksichtslos einfach drauflos schwadronniere, Seite um Seite – immer weiter, immer weiter: fällt er in den Graben – schreit er. Leider fehlt der Kopf zur Blase, der Text steht einfach in ihr, sonst ist die Seite weiß. Natürlich fehlt auch der Körper, und niemand sitzt an einem Tisch mit der Feder in der Hand, um diese Seite zu füllen, sei es mit einer Figur, die spricht, einer Landschaft, einer Straße mit Gründerzeitmietskasernen – mit was auch immer. Immerhin, die Sprechblase ist mit schönem Schwung und einem spitzigen Ende gezeichnet, und irgendjemand muß diesen Text hineingeschrieben haben, handschriftlich. Das Blatt mit der Sprechblase liegt oben auf einem Stoß von Blättern, und macht man sich die Mühe, sie einzeln anzusehen, so stellt man fest, sie sind leer. Schneeweiß. Die gleiche Menge Papier ergäbe als Schriftrolle sicher gute hundert Meter, wenn nicht mehr, und man müßte sich solch eine Rolle wohl so ähnlich vorstellen wie diese bösartigen Autobahnen, die ja keineswegs nur von einem einzelnen Mann gebaut worden sind, die aber trotzdem viel zu oft stur geradeaus verlaufen, obgleich ja links und rechts meist genügend Platz ist. Von A nach B, immer nur von A nach B, nie auch nur einen Meter weiter, nie.
Mäßig gutes Stichwort für das, was kommt, wahrscheinlich ein wenig zu kurz gedacht. Nun, es geht nicht um Autobahnen, sondern darum, jemanden zu besuchen, von dem er, der da spricht, schon viel gehört hat, den er gut kennt. Auf die Suche gemacht hat er sich, so kann man sagen, nach einem alten Freund, der ein suspendierter Prediger und ein Gelehrter vor dem Herrn ist, ein Gebildeter, ein Aufgeklärter, mit allen Wassern gewaschen. Getroffen haben sie sich nie. Einen Freund um die Ecke, noch dazu quicklebendig, kann ja jeder haben. Jedenfalls verspürt der, der da spricht, der mit der Sprechblase, so etwas wie Sehnsucht nach diesem Kerl, ein Verlangen geradezu nach seinem verwirrten und dennoch klaren Geist.
Sehen wir genauer hin, so findet sich auf der Rückseite des einzig beschriebenen Blattes eine zweite Sprechblase: Geboren ist Adam Bernd im Jahr 1676 in Breslau, dem heutigen Wroclaw, in einer Vorstadt, die Siebenhufen geheißen hat. Gut möglich, daß hier heute eine Datsche steht oder Eisenbahngleise liegen, dort wo sein bescheidenes Elternhaus gestanden haben muß. Das hört sich dozierend an, kein Wunder also, daß auch dieses Rückseite sonst leer ist, kein Kopf, kein Körper, kein Mund, nicht mal eine Brille. Wer spricht, bleibt unbekannt, vorläufig jedenfalls, vielleicht für immer. Daraus folgt, daß alles, was sonst Text ist, eigens geschrieben werden muß, geschöpft aus einem Fundus, der mit jeder Entnahme weniger Fundus ist, während der Text immer mehr Text wird.
Auf der Fahrt von Berlin nach Wroclaw, mit einem dieser unästhetischen Kleinwagen der Zukunft, denkt Leonard, genannt Leo, seines Zeichens Geisteswissenschaftler, der nun endlich sein Thema gefunden zu haben glaubt, durchaus nicht an Adam Bernd aus Wratislaviensis, der dort unversehens als ein junger Gymnasiast auftauchen könnte, hätte man sich nur gute drei Jahrhunderte früher auf den Weg gemacht, zu Fuß, per pedes, auf Schusters Rappen, oder mit einer Kutsche, herrlich voll gefedert vielleicht, für viele ein unbezahlbarer Luxus. Alles gut vorstellbar, und auch Schwierigkeiten, uns diesen Kleinwagen der Zukunft vorzustellen, haben wir keineswegs, denn wir leben in ihr, der Zukunft.
Im Wagen sitzt also, und nicht allein, der Breslau-Reisende Leo. Der Name hört sich gemütlich an, vielleicht auch ein wenig kämpferisch, wenn es sein muß, doch er selbst weiß nicht mehr, wer zuerst ihn so rief, er sich selbst jedenfalls nicht, und am Ende war die Kurzform praktisch und besser als jeder andere Name. Lange Zeit sah er sich in seinen Tagträumen als eine coole Figur in einem amerikanischen Spielfilm, oder besser noch in einem amerikanischen Comic, lässig in einem Straßenkreuzer schaukelnd, denn leben wir denn nicht, denkt er eben jetzt, wir fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn, noch 50 Kilometer bis Cottbus, ebenso amerikanisch wie die Amerikaner, und galt nicht Berlin Anfang des 20. Jahrhunderts als das Chicago Europas? Oder werfen wir einmal einen scheuen Blick auf das Ruhrgebiet, Ruhr wirkt amerikanisch herausgerollt gemütlich wie der Indian Summer, und blicken auf all die Autobahnen, die wie Adern durch einen gewaltigen, unförmigen Körper laufen, auf denen all die allgegenwärtigen Vororte und Vorstädte gleich Organen fließend zu erreichen sind. Und wohnen nicht in all den Vororten Vorortmenschen, nah am Geschehen, selbst wenn nichts geschieht, das klassenlose Kleinbürgerglück, Mittelklasseleben in Mittelklassehäusern mit Mittelklasseautos und Mittelklassekindern? Nasebohrend auf sommerlich erhitzten Terrassen sitzend und die Sonntagszeitung oder einen jener Kriminalromane lesend, die die dem Menschen notwendige Grausamkeit ins Zuhause bringen, ohne daß das Nasebohren ein Ende haben müßte. Nichts, so scheint es, kann also geschehen, es bleibt auf immer, wie es immer war, die Geschichte hat aufgehört zu sein. So jedenfalls der Eindruck, während hunderte von Hochleistungspumpen, das hat Leo erst kürzlich gelesen, ohne die das Ruhrgebiet innerhalb weniger Jahre absaufen und versumpfen würde, pumpen und pumpen, tagaus, jahrein, ansonsten eine neue Sintflut unvermeidlich wäre, langsam heraufkriechend, für Molche und Salamander ein Zuhause, eine Heimat. Doch das bleibt ohne Ton und Bild, Zukunftsmusik. Aber so lange die Pumpen Arbeit verrichten, ist Nasebohren ein schönes Hobby, wenn auch die Luft zu sauber, der Himmel zu blau geworden ist, um wirklich Bedeutendes zu Tage zu fördern. Oder werfen wir, wo wir schon einmal dabei sind, einen Blick auf Leipzig, denkt er weiter, immer weiter, denn wie gerne wäre es amerikanisch wie Dortmund oder Essen oder gar Frankfurt am Main, und es mag ein Trost sein, daß der Bahnhof würdig ist, in Paris zu stehen. Die neuen Messehallen sind natürlich erste Sahne, keine Frage, nach spätestens zehn Minuten ist man müde, nach zwanzig mit den Nerven fertig, nach dreißig zu jeder Untat bereit. So muß das Gehirn eines Wahnsinnigen von innen aussehen, in dem ich, ein einzelner Gedanke, nach Erlösung suchend, umherschweife, ohne jemals einen Ausweg zu finden.
Ein junger Mann mit dem Taufnamen Heinrich, und da greift Leo in seiner Erzählung, von der wir nur die weißen Seiten sehen, vor und gleichzeitig zurück, schleicht jedenfalls fasziniert durch die Straßen und Gassen Leipzigs, in denen dazumal die Messe stattfand, lange bevor die Stadt versucht, amerikanisch zu werden – sie wird gerade erst pariserisch. In knapp zwei Jahren werden hier Deutschlands erste Straßenlaternen installiert und am 24. Dezember 1701 auf der Basis von Rüböl in Betrieb gesetzt. Noch aber ist es am Abend und in der Nacht dunkel, und wer eine Handlaterne besitzt, nimmt sie mit. Man weiß ja nie.
Zwei Jahre vor dieser Erleuchtung, nämlich Ende 1699, läuft besagter Heinrich, auch Dauben- oder Täubenfüßer genannt, erst einmal um die ganze Stadt. Er will erkunden, wie er am besten hineinkäme. Er marschiert schließlich, nach abermaliger Durchschreitung des Großbosischen Gartens, wo gutgekleidete Spaziergänger ihn mißtrauisch mustern, vorbei an teils mit Tüchern verhängten Vogelhäusern, trockenen Brunnen und winterlich verwaisten Tiergehegen, durch das Grimmische Tor in die Stadt ein. Wenige Monate zuvor, aber das weiß er natürlich nicht, war ein anderer junger Mann, Adam Bernd, durch das selbe Tor unbehelligt ins Innere gelangt. Die Nacht vor seiner Ankunft hatte Heinrich noch auf dem nackten Boden eines Gasthauses geschlafen, wenn man das Schlafen nennen kann, denn es wurde Unzucht getrieben und einem jungen Kerl im Streit wohl ein Auge ausgestochen, jedenfalls schrie einer wie am Spieß, alles in tiefster Finsternis. Der Wirt war am Morgen hereingekommen und hatte das Blut mit einem alten Lumpen verwischt und Sand darübergestreut. Heinrich war froh, als er fortkam, kaum daß er ein wenig Brot bekommen hatte, um es ins Bier zu brocken. Er hatte noch eine gutes Stück Weg vor sich, nach Leipzig, von wo aus er nach Breslau weiterzureisen gedachte. Ein Salpetersieder, ein eher windiger Bursche, hatte ihm geraten, nach Leipzig zu gehen, bevor er sich auf den Weg nach Schlesien machen würde. Er hatte geschwärmt vom Essen und vor allem von der Weibern in Sachsen, er verstünde schon.
Und nun, denkt Heinrich, sich umblickend, bin ich hier und stehe auf dem Markt in Leipzig wie ein Bürgersmann. Gut, daß er sich Seidenstrümpfe hatte verschaffen können, denn eine noch so zerschledderte Kleidung wurde fast anständig, waren die Strümpfe von feiner Machart und ansprechender Farbe. (Im 21. Jahrhundert gilt das Gleiche für Schuhe, auch wenn dies viele Menschen nicht wissen oder nicht beherzigen. Dabei hängt der Erfolg so mancher Unternehmungen allein von der Schuh-Kunde ab, eine Unterdisziplin der Menschenkenntnis, nicht zu verwechseln mit der Psychologie, denn wie oft wird ein ganz und gar falscher Mensch für eine Arbeit engagiert, für die er nicht im geringsten geeignet ist. Und das alles nur, weil ein Personalchef nicht auf die Schuhe sieht. Weltfirmen können so vor die Hunde gehen.) Dem jungen Mann im Jahr 1699 sind die seidigen Dingerchen jedenfalls das Eintrittbillet in eine jede Stadt. Als Versuchung waren sie ihm geradezu vor die Nase plaziert worden, frisch gewaschen und tropfnaß, ein ungeheurer Glücksfall. Die Perücke, die ihm ebenfalls zugeflogen war, ist ihm allerdings ein wenig zu groß und verrutscht jedesmal, wenn er sich am Kopf kratzt, und er kratzt sich oft am Kopf, doch es war die einzige, die er sich, eher zufällig und im letzten Moment, hatte verschaffen können. Kaum zwei Meilen vor Leipzig, noch früh am selben Morgen, war es gewesen, da führte ihn der siebte Sinn des armen Wanderers, der keinesfalls die Orte von Tod und Verwesung meiden darf, über einen Seitenpfad zu einer umgestürzten Kutsche alter Bauart, deren Verhängnis ohne Zweifel die Spurbreite der hiesigen sächsischen Wagen geworden ist. Sie muß, ohnehin schräg fahrend, umgeschlagen sein. Zwei Räder waren zerborsten, die beiden Pferde tot, wie Pferde nur tot sein können. Auf den aufgerissenen Flanken saßen dutzende von Krähen, die nicht einmal aufflogen, als Heinrich sich näherte. Menschen waren auf den ersten Blick nicht sehen, und da die Fuhre in Richtung Leipzig unterwegs gewesen war, sind wohl alle, Männlein wie Weiblein, zu Fuß weiter, überlegte Heinrich, anderfalls sie ihm ja auf dem Weg von Halle nach Leipzig hätten begegnen müssen. Um die Kutsche herum war der Boden übersäht mit Fußabdrücken, kleinen wie großen, denn seit Tagen war es recht warm und der zuvor gefrorene Boden war tief und matschig geworden.
Als er ein wenig näher herantritt, sieht er, daß ein einzelner Schuh, schwarz und mit einer silbernen Spange versehen, aus dem offenen Verschlag der Kutsche herausragt. An ihm hängt ein Bein, und an diesem einen Bein ein Leib und obenauf ein Kopf mit weit geöffneten Augen. Aber mit dem Kopf stimmt etwas nicht, das sieht Heinrich sofort, es ist, als sei er an der falschen Stelle angewachsen. Er ruft einen Gruß, einige Krähen flattern kurz auf, fallen dann aber aus geringer Höhe wieder in die offenen Wunden hinein. Vorsichtig nähert er sich noch ein Stück, nicht so sehr aus Ehrfurcht vor einem vermeintlich Toten als vielmehr aus Angst vor den Vögeln, die weiter unbeeindruckt, ihn aber gleichwohl beobachtend, Fleischbrocken aus den Kadavern reißen. Die Kreatur ist unberechenbar, das weiß Heinrich aus manchem Erlebnis. Doch der Einbeinige tut nichts, der liegt nur da, während Heinrich unschlüssig eine Weile am Ort des Geschehens steht, einmal auf dem linken, dann wieder auf dem rechten Bein balancierend, wie das wohl ist, so einbeinig zu sein, denkt er, die Vögel beobachtend, die emsig ziehen, zerren, reißen und vertilgen, als das Gewitter, das sich den ganzen Morgen bereits mit Grollen angekündigt hatte, endlich losbricht. Der Wanderer klettert also, was bleibt ihm übrig, in die in einem 45°-Winkel im Graben liegende Kutsche hinein, gerade rechtzeitig, denn er wollte noch heute Leipzig erreichen, und das am besten in ansehnlicher Verfassung. Der Aufbau gab beim Einsteigen ein wenig nach und knarrte bedrohlich, sonst geschah nichts. Der Tote, ein nicht ohne Geschmack gekleideter älterer Mann von einiger Leibesfülle, schöne Knöpfe prangten an seinem Rock, schien ihm mit aufgerissenen Augen interessiert dabei zuzusehen, wie er es sich in der hintersten Ecke einigermaßen gemütlich zu machen versuchte. Zu hören waren nur die Krähen, und das Prasseln des Regens, wähernd sich Blitz und Donner nach und nach näherkamen. „Nur keine Angst“, sagte Heinrich, der den Blick nicht von dem Toten wenden konnte, laut, doch je öfter er „Nur keine Angst“ sagte, desto lebendiger schien die Leiche zu werden und desto dunkler die Welt. Das wäre nicht der erste Tote, den der Teufel wieder zum Leben erweckte. Was also tun? Sich naßregnen lassen und am Ende nicht eingelassen werden, weil ein Torwächter ihn für einen Landstreicher hält? Manch einer hatte ihm unterwegs von Leipzig geschwärmt, und nun wollte er auch hinein, das stand fest. Bald tropfte es auch noch durch das Dach ins Innere, nur an einer Stelle zwar, doch dabei geradewegs auf das linke Auge des Toten, so daß er, der Einbeinige, einäugig zu weinen schien. Tropf-tropf-tropf machte es, und vielleicht war es dieser Rhythmus, der Heinrich daran erinnerte, wie er als junges Kind immer ein Lied hat singen müssen vor lauter Angst, wenn er im Dunkeln von einem Botengang nach Schwerte zurückgehen mußte zum Hof, auf dem er so lange gelebt hatte. Doch er kannte nur zwei oder drei Lieder, und so sang er einfach das erste, das ihm einfiel, zuerst ein wenig verzagt, er konnte sich selbst kaum hören, dann lauter. (…)
Norbert W. Schlinkert
Hören & Sagen (Arbeitstitel)
(Romanauszug)
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