SCHLINKERT

Nicht etwa, daß ich Namensforschung betreiben will! Doch es kann sicher nicht schaden, sich ein paar Gedanken über den eigenen Namen zu machen, vor allem da dieser nicht in einem einzigen Namenslexikon zu finden ist. Sicher, man könnte als SCHLINKERT einfach beleidigt sein, man könnte sich leise oder lauthals beschweren – aber wäre das angemessen? Aber ja doch!

Ich habe mir den Namen naturgemäß nicht selbst ausgesucht, und wahrscheinlich habe ich sein Vorhandensein ohnehin erst bemerkt, als ich mein erstes Zeugnis bekam. Bis dahin kannte ich nur die Wendung “Hegeners Norbert”, bezogen auf den Mädchennamen meiner Mutter. Aber SCHLINKERT? Kannte ich nicht!

In der katholischen Grundschule, in die ich mich plötzlich hineingeworfen sah, ohne den Namen Heidegger auch nur mal gehört zu haben, fiel mir mein Nachname dann wohl erst wieder auf, als ich ihn im zweiten Schuljahr auf ein Schulheft schreiben sollte. Gut, daß mir ein Nachbar geholfen hat, denn früher gab es noch gemischte Klassen, in denen Töchter und Söhne von Ärzten und Rechtsanwälten ebenso zu finden waren wie Unteremittelklasse- und Arbeiterkinder. Der Nachbar konnte prima alles schreiben, aber ich wußte nicht warum. Und überhaupt konnten die meisten in meiner Klasse Dinge, die ich nicht konnte, und das war auch gut so. Aber ich holte schnell auf, nicht nur in Bezug auf das Nachnameschreiben, sondern auch im Diktat. Doch daß das dem kleinen SCHLINKERT zum Vorteil gereicht hätte, kann man nun auch nicht behaupten.

Und wenn wir schon beim Thema Schule sind, dann sollte noch vermerkt werden, daß ein Nachname mit S nicht schlecht ist, weil er ziemlich weit hinten im Alphabet thront, aber eben nicht ganz hinten. Muß man ja wohl nicht erklären!

Auch ein SCHLINKERT verläßt eines schönen Tages die Schule. Dann wird alles besser, der Name wird nicht mehr gebellt, sondern genannt, und manchesmal wird der SCHLINKERT, jedenfalls dieser hier, gefragt, was das W. in seinem Namen zu bedeuten hat und warum er es dereinst einfügte. Eins nach dem anderen. Im Frühjahr 1945 fiel der ältere Bruder meines Vaters, und so bekam der erstgeborene Sohn den Zweitnamen Wilhelm, und auch das Einfügen des W. hat mit dem selben verbrecherischen Krieg° zu tun, denn wenn ein unter- oder überforderter Realschüler (wer weiß das schon?) sein Kürzel in Hefte malt, statt dem Unterricht zu folgen, dann ist dasjenige mit zwei Buchstaben von Anfang an tabu, so daß ihm, dem SCHLINKERT, das W. einfallen muß und auch eingefallen ist. Seitdem zeichnet dieser SCHLINKERT all seine Bilder und seine Zeichnungen und was sonst noch so anfällt bei Bedarf mit N.W.S.

° Jeder Krieg ist, ausgehend von einem Verbrechen, fortgesetzt verbrecherisch, aber das ist eine andere Diskussion.

Das gelingende Leben, ein Idealbild der alten Griechen, erfordert eine Form der Meditation, die man auch allgemein Aufmerksamkeit-auf-das-was-man-im-Augenblick-tut nennen kann. Hört sich einfach an, gehört aber zum Schwierigsten. Der SCHLINKERT arbeitet dran, immer!

Nichtsdestowenigertrotzalledem steht nicht im Wörterbuch, ist aber für den SCHLINKERT immer dann Ausgangspunkt aller Überlegung, wenn die Frage nach dem Sinn des eigenen Tuns und Trachtens im Raum steht. Und die Frage steht oft im Raum, wie ein Kleiderständer. Auf die Frage eines Zeitgenossen, was denn dieses kulturwissenschaftliche und künstlerische Getue für einen Sinn habe, respektive welchen Wert es besitze, mußte der mit allen Wassern gewaschene SCHLINKERT antworten: Keinen. Das hat der auf diese Weise Fragende nicht erwartet. Er schwankte zwischen Sichverarscht- und Sichbestätigtfühlen, während der Befragte innerlich aufatmete. Das soll einer verstehen!

Apropos Verstehen: Ich verstehe und begreife bis heute nicht, warum so viele Künstler und Intellektuelle 1914 mit Freude in den Ersten Weltkrieg zogen, um auf dem Schlachtfeld Künstler und Intellektuelle anderer Nationen umzubringen. Hier und da liest der SCHLINKERT, der Krieg hätte in der Luft gelegen wie eine Gewitterstimmung, das Losmarschieren sei vielen Menschen unvermeidlich erschienen, natürlich nicht nur den Künstlern und Intellektuellen, sondern auch den Angestellten und Arbeitern, die mit Freude in die Schlacht zogen, um Angestellte und Arbeiter anderer Nationen umzubringen. Am Ende hat man sich dann kreuz und quer umgebracht, ohne überhaupt auf solche Dinge achten zu können, selbst wenn man gewollt hätte. Das erklärt dann den Krieg aber auch nicht.

Im Grunde hilft nur Lesen! Nur so kann das Selbst mit all seinen Möglichkeiten konfrontiert werden, kann ihnen auf Zeit ausgeliefert sein. Der SCHLINKERT hat das Lesen nie als Zwang empfunden und auch Glück gehabt, denn der ihm in seiner Jugend zuteil gewordene Deutschunterricht hat ihm das Lesen nicht verderben können. Der Trick ist natürlich der, das zu Lesende schon längst gelesen zu haben, ohne zu wissen, daß es bald zum Zwang wird. Wie gesagt, Glück gehabt. Natürlich habe ich so nicht lernen können, und das ist schon ein Pech, Texte unter Zwang zu lesen, so daß ich am Ende einen Beruf aus meiner Unfähigkeit, Texte zu lesen, die mich nicht interessieren, machen mußte. Ich lese folgerichtig nur Texte, die mich interessieren, und da ist es kein Wunder, daß alle Welt darüber böse ist, denn wo kämen wir denn hin, wenn alle nur machen würden, was ihnen gefällt. Ja, wo kämen wir da hin, fragt man sich, aber ich bin sicher, die Antwort wird schon irgendwo stehen, in irgendeinem Text. Ob der Leser sich aber über die Antwort freut, das hängt dann wieder wesentlich davon ab, ob er den Text freiwillig liest. Und ob!

War das nicht dieser Schlingensief, der Name fängt ja gut an, aber dann …, der immer vom Scheitern gesprochen hat. Paßt nicht schlecht, denn bei mir haben sowieso viele Begriffe, die eine Rolle für mich spielen, immer mit Sch angefangen. Da kann man jetzt natürlich tolle Witze draus machen, is’ ‘ne tolle Vorlage, aber ich mach nix draus, so im Sinne von knapp vorbei ist auch daneben, oder so. Schu schade.

Da fällt einem nix mehr zu ein! Kann einem SCHLINKERT allerdings nicht passieren, dem fällt immer was ein, wenn auch manchmal nur überlebensnotwendige Verbalreaktionen auf das Leben selbst, “Arschlecken zweifünfzig” zum Beispiel, heutigentags natürlich in Euro. Man muß ja mit der Zeit gehen.

Kürzlich ein Anruf. Tenor der Mitteilung ist es gewesen, dem SCHLINKERT zu helfen und zu raten. Ich sei ja immer ein Freak gewesen, aber das könne aufgrund des Armutsrisikos nicht so bleiben, ergo müsse ich mir eine gute Anstellung verschaffen, zeitgemäßerweise durch Beziehungen. Aha. Soso. Nicht mehr Nettworking sondern Networking. Verstehe. Soll mein Leben ändern und mich mit dem Gedanken anfreunden, mich fortan im Büro auszuruhen, gut bezahlt natürlich. Mein Wissen versilbern, ohne es preiszugeben, soll das wohl heißen. Der Gedanke gefällt mir nicht, da müßte ich ja plötzlich ein ganz Anderer sein. Man soll die Dinge nicht übertreiben, auch nicht als Freak.

Gestern Termin bei der Zahnärztin geholt. Wäre nicht der Rede wert gewesen, wenn da nicht völlig neue Gestalten gewesen wären, Zahnarzthelferinnen ihres Zeichens. Seit wie vielen Jahren bin ich dort nicht mehr nach meinem Namen gefragt worden? Fast hätte ich ihn vergessen gehabt, doch dann fiel er mir wieder ein: SCHLINKERT. Mmh.

Hat der SCHLINKERT gemeinhin eine Art, die der Müller, Meier oder Schmidt nicht hat? Alle über einen Leisten zu schlagen hieße natürlich, alle unter einen Hut bringen zu wollen. Dennoch scheint der SCHLINKERT zumeist eher bodenständig zu sein, selten also seine heimatlichen Gefilde zu verlassen, es sei denn, er tut einen Sprung, etwa über den großen Teich nach Amerika, denn dort gibt es auffallend viele SCHLINKERTs. Doch wie spricht man den Namen dort aus? Als ich mir vor etlichen Jahren, als ich mir mit viel geringeren finanziellen Mitteln noch deutlich mehr leisten konnte, mal im Irland-Urlaub einen Wagen gemietet habe, begrüßte mich in einem Dubliner Vorort der Vermietungsmensch, sprach lässig meinen Vornamen, stockte dann aber bei meinem Nachnamen. Auf mein “it’s very easy” und die folgende Verbalisierung reagierte er lächelnd wortlos, händigte mir Papiere und Schlüssel aus, und schwupps war ich weg. Wahrscheinlich gibt es keine Schlinkerts in Irland, denn wer sollte wohl aus armen deutschen Landen annotuck ins arme Irland ausgewandert sein? Eher haben sich dann wohl ein Seumas O’Faolain aus Dún Laoghaire und ein Fürchtegott Schlinkert aus Schmallenberg in Massachusetts getroffen.

Meistens bin ich zusammengezuckt, wenn so einer, so ein Mensch, meinen Namen aussprach. Das ist lange her. Dieser Mensch stand fast immer, während ich saß. Mußte ich so etwas nicht als eine Anmaßung empfinden, so von oben herab angesprochen zu werden? Ja! Bin ich etwa besonders empfindlich? Nein! Heutigentags zucke ich nicht mehr zusammen, denn wer meinen Namen ausspricht und mich meint, der steht wie ich oder sitzt wie ich, es sei denn ich stehe und er oder sie sitzt. Oder umgekehrt. Ist aber auch nicht wichtig, Hauptsache Augenhöhe.

So langsam gewöhn ich mich dran, daß der Name SCHLINKERT hier und da auftaucht, im Netz oder gedruckt. Passiert zwar selten genug, aber dafür steckt auch Arbeit dahinter, ohne gleich einen auf protestantische Arbeitsethik zu machen! Gott bewahre!

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