Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman). Kapitel 1: Siebenhufen

Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel eins:

Siebenhufen

Johann Bernd der Ältere, Kohlgärtner seines Zeichens, legt das linke Ohr an die Tür seines kleinen armseligen Hauses, nicht mehr als eine Bretterbude in einer der Vorstädte Breslaus, Siebenhuben oder auch Siebenhufen geheißen, mal so und mal anders, je nachdem. Er ist eben aus der Stadt zurück, an diesem letzten Märztag des Jahres 1676. Über Nacht hatte es noch einmal strengen Frost gegeben, so als wolle der Winter einen letzten Gruß senden. Johann mußte dringend pissen, er hatte einiges vertilgt, doch er wollte, wenn er denn schon einmal zurückgekommen war, auch nicht den Moment verpassen, wenn denn der Odem des Lebens dem neuen Menschenkind eingegeben wurde, wenn es also zu plärren begann. Die Hebamme mußte, überlegte Johann, seiner Frau wohl inzwischen Bier oder Branntwein eingeflößt haben, denn jetzt fluchte Elisabeth, die alle Elisa nannten, nur noch leise vor sich hin. Er konnte kaum etwas hören, manchmal klapperte etwas, dann mal ein Jaulen wie von einem Köter, dem man in die Seite tritt, dann wieder nichts oder nur seinen Namen, Johann. Monatelang hat sie mich verflucht, dachte er, nicht Gott oder die Kirche oder Jesus Christus hatte sie stundenlang mit Flüchen belegt, nein, sie verflucht, denkt Johann, immer nur mich, weil ich und kein anderer sie durch meine Wollust in diesen Zustand gebracht habe. Dabei ist es Gottes Wille, Kinder in die Welt zu setzen, denkt er weiter, während er nun doch hinter das Haus geht und in einen Busch pinkelt, denn daß ein Mann auch im fünfzigsten Lebensjahr gelegentlich den Wunsch in den Eingeweiden verspürt, mit seiner noch jungen Frau ein Kind, einen Sohn, zu zeugen, darin konnte er nichts Falsches sehen. So hat Gott uns erschaffen, lallte er halblaut vor sich hin, die Hosen wieder zubindend und entschlossen zurückstampfend, oder etwa nicht?

Jetzt ist vollkommene Stille eingetreten, es war womöglich noch stiller als zuvor, nichts mehr ist aus dem Innern der Hütte zu hören. Johann legt das Ohr wieder an die Tür, zuckt aber sogleich zurück. Ein Splitter hatte sich in die Ohrmuschel gedrückt. Verflucht sei der Hund von einem Schreiner, der Papistenbock, bölkt Johann los, verdammter Mist! Jammernd, eine Hand gegen das Ohr drückend, läuft er ziellos ein paar Schritte, gerät dabei auf eine große, zugefrorene Pfütze und rutscht aus. Zum Teufel, schreit er und versucht, sich auf den Beinen zu halten, doch vielleicht hatte er doch ein wenig zu viel getrunken in dieser Schenke, die ein junger Kerl aus dem Welschland betreibt, aber wohin hätte er sonst gehen sollen, ich bin nicht vonnöten, hatte er sich gesagt und war losgestiefelt, denn immer wenn es um die Geburt geht, ist der Mann der Gehörnte, nur Jesus steht in der Kammer und hält Händchen, wenn die Frau eine neue Seele in die Welt entläßt, doch daran denkt er jetzt natürlich nicht, wie er so hin- und herschwankend auf den Beinen zu bleiben versucht, fast findet er, die Füße schräg und gerade und vor und zurück führend und die Arme wie kaputte Windmühlenflügel in die Luft werfend, sein Gleichgewicht wieder, doch dann rutscht er doch mit beiden Füßen gleichzeitig aus, wirft die Arme synchron in die Höhe und knallt auf den Hinterkopf. Benommen bleibt er liegen, ein Sausen ist in seinem Schädel und er sieht Sterne, kein Mensch in der Nähe, ihm zu helfen, naja, denkt er also, wenn ich schon nicht wieder auf die Beine komme, müde wie ich bin, warum dann nicht ausruhen, bis die Frau das Balg geboren hat? Konnte nicht jeden Augenblick die Tür aufgehen, die der vermaledeite Schreiner für teuer Geld erst vor einigen Tagen eingesetzt hatte, und dann käme ein würdiger Herr und bloß nicht so eine Schlampampe von Hebamme und brächte ihm seinen Sohn, nicht so eine Schlampampe, begann er laut zu singen, so schmutziges Weib, wohnt in den Winkeln und stiehlt Männern die Zeit, kämmt nicht die Haare, voll Flecken das Kleid, halte dich ferne, sonst tut es dir leid! Ich hätte Dichter werden sollen, dachte er und sah hoch, und tatsächlich stand da plötzlich ein Mann, der etwas in den Armen hielt und da sprach er auch schon. Es ist Dir ein Sohn geboren worden, sagt der Mann, ein prächtiges Kind, wie ich es mir prächtiger nicht zu wünschen vermag, und der fremde Herr legt ihm das Kind, eingewickelt in eine purpurne Decke, in den Arm, ein schönes Kind, ja, das sieht der stolze Vater sofort, es lächelt ihn an, auch der würdige Herr lächelt, nein, er lacht sogar, lacht schallend, seine Augen blitzen, nun sind auch deutlich die Hörner auf seinem Kopf zu sehen, und das Lachen schwillt weiter an, auch das Kind scheint zu lachen, und hat nicht auch das Kind, sein Kind, sein Sohn, Hörner, Teufelshörner, Satanszacken? Es lacht, hell und schrill, der alte Johann will sich die Ohren zuhalten, doch er hat ja das Kind in den Armen. Es ist unerträglich. Endlich aber hält das Balg inne. Es sieht ihn besorgt an, eine ganze Weile lang, dann sagt es laut und deutlich: Vater, Vater, wie ist Dir? Ihm treten die Tränen in die Augen, sein Sohn spricht mit ihm, nennt ihn Vater, liebster Vater. Ich habe einen Sohn, ruft er, ich habe einen Sohn, einen Königssohn!

Endlich gelingt es Elisabeth und Johann, den Vater hochzuheben und, ihn mehr ziehend als tragend, in das Haus eines Nachbarn zu bringen. Die Wunde am Kopf muß versorgt werden, aus der nun, in der warmen Stube, mehr Blut austritt und in einem stetigen Rinnsal Johann, der leise vor sich hin jammert, in den Kragen läuft. Von der anderen Seite der Gasse her ist gedämpft Schreien und eine Art Jaulen zu hören, doch drüben sind genügend Frauen, die helfen. Bleib hier, sagt Johann zu seiner Schwester, der Vater braucht uns, er ist durchfroren und blutet. Elisabeth nickt und murmelt ein Gebet wider den Teufel, der im Vater wütet, und der auch der Mutter zusetzt, wie es aussieht, so als würde er beide bestrafen wollen, in beide hineinfahren und mit Wahnsinn schlagen. Die Geschwister sahen sich über den auf einem Hocker sitzenden Vater wissenden Blickes an, sagten aber nichts. Schließlich finden sich im Haus ein paar Lappen, die sie dem Vater um den Kopf binden. Dann will er wieder hinaus und verlangt Schnaps, den er bekommt. Zum Teufel, schreit er, als er in die Dämmerung hinaustritt, will denn die Brut nicht hinein in die Welt! Will sie nicht?

Bereits gestern war mit der Niederkunft gerechnet worden, die Wehen hatten eingesetzt, ebbten dann jedoch wieder ab. Man legte die Schwangere wieder zu Bett und versuchte sie zu beruhigen, doch je weiter die Nacht voranschritt, desto mehr litt sie an Schmerzen, selbst die Fußfesseln schwollen an und ebenso die Handgelenke, die Ohren, die Augen, der Kiefer, alles tat ihr empfindlich weh, ja der ganze Körper wurde immer öfter überschwemmt von Wellen des Schmerzes, denen sie nichts entgegenzusetzen hatte. Sie erbrach das Wenige, was sie zu essen vermochte, selbst das Bier kotze sie gleich wieder aus. Die Hebamme, eine trotz ihrer jungen Jahre recht erfahrenen Frau, die ihren Mann erst kurz zuvor im Krieg verloren hatte und selbst schwanger war, tat derweil ihr Bestes, wußte aber kaum noch weiter. Sie fuhrwerkte schwitzend und immerzu vor sich hinmurmelnd hin und her, stellte Elisa immer wieder auf und versuchte, die Geburt einzuleiten, streichelte über den prallen, rotglänzenden Bauch, das Kind lebt, sagte sie immer wieder, es bewegt sich, doch auch sie hatte Angst, es sei der Deibel persönlich, der aus der armen Frau fahren werde, und dann sagte Elisabeth schließlich selbst, sie werde sich auf die Füße stellen und sich nicht eher wieder zu Bett legen, bis das Kind heraus sei. Die Hebamme veränderte nun beständig die Position der an einem Pfosten stehenden Frau, rückte mal die Füße ein wenig auseinander oder vor und zurück, befühlte den Bauch oder griff der Schwangeren mit zusammengeschobenen Finger tief in die Vulva hinein, beließ dann die Hand dort eine Weile, um sie dann schließlich eingehend zu beriechen und den Schleim zwischen den Fingern zu verreiben. Nein, sagte sie ein ums andere Mal, noch will das Kind nicht hinaus in Gottes Welt, noch nicht.

Da stand Elisa nun, an einen Pfosten gelehnt, mitten in der Stube, während ihr besoffener Mann in der Dunkelheit vor dem Haus stand und lauschte, der Nachbar hatte ihm einen ganzen Krug Schnaps mitgegeben, und wenn er pissen muß, so geht er nicht mehr hinter das Haus, zu gefährlich, er ist ja nicht dumm. Schon am frühen Morgen hatte er bei der Eiseskälte, stocknüchtern noch, hier gestanden, sechs oder sieben Nachbarinnen mußten wohl drinnen sein in seinem Haus, aus dem er ausgesperrt war. Immer wieder kam eine der Frauen, erschöpft und irgendwie geistesabwesend heraus, um Wasser zu holen oder einfach ein wenig Luft zu schnappen. Ein Schwall Wärme quoll dann aus der Türöffnung, ein scharfer Geruch von Schweiß und Kotze, doch alle hatten ihn, den Vater, nur böse und durchdringend angesehen und kein Wort gesagt, er wagte nicht einmal, den Mund aufzutun, und da war er eben nach Breslau gelaufen und in eine Schenke gegangen, statt in der Kälte zu warten. Es ist nicht meine Schuld, hatte er gedacht, daß eine Frau unter Schmerzen gebären muß, es ist der alte Adam, der die Sünde in die Welt gebracht hat, doch keine ihrer Geburten war so schwer verlaufen, niemals waren die Wehen so stark gewesen, und je länger diese dauerten, das wußte er, desto mehr schwoll das Gerede in Siebenhufen an, das Kind sei vom Teufel besessen, nur eine Nottaufe würde helfen können, die die Hebamme vornehmen müsse, wenn es tot zur Welt käme oder gar zuvor schon, bevor der kleine Leichnam aus der Frau herausgezogen würde. So redeten die Leute, das hatte er selbst schon oft gehört, und auch seine eigene, innere Stimme war schrill und böse, denn wie sollte er wissen, was es zu bedeuten hatte, daß seine Frau nicht niederkam. Vielleicht, dieser Gedanke kam ihm wieder und wieder, war es ja doch nur des Teufels Wollust gewesen und nicht der Wunsch Gottes, als er das Kind zeugte.

Er konnte sich gut an die Nacht erinnern, es war warm und lau, keine Wolke am Himmel und auch nicht recht dunkel werden wollte es. Tagsüber hatte es Streit gegeben, wie so oft, es ging um Johann, der Kretschmar werden wollte mit seinen bald sechzehn Jahren, doch die Mutter sagte, ein Säufer in der Familie sei genug, sie erlaube es nicht, daß ihr Sohn sein Leben im Wirtshaus zubringt. Am Ende hatte man sich wieder vertragen und ein Gebet gesprochen. Als aber alles bereits schlief und schnarchte, nicht nur seine Frau, sondern auch der Sohn und die vier Töchter, da gab Gott Johann Gedanken ein, die seine Wollust steigerten, und er betete, es möge nicht die Schwüle der Luft sein oder eine Versuchung des Teufels, die sein Glied aufrichtete und pulsieren ließ, so daß es schmerzte. Aber nachdem er leise noch ein weiteres, langes Gebet wider den Teufel und die Wollust verrichtet hatte, die sich eben dadurch noch zu steigern schien, schlich er im grauen Zwielicht in die Kammer und holte das Beischlaflaken. Seit drei Jahren war es nicht benutzt worden. Sich das Hemd über den Kopf ziehend weckte er seine Frau und bedeutete ihr, sie möge sich bereithalten. Glaube mir, liebe Frau, flüsterte er, Gott der Herr gab mir einen Fingerzeig. Er half ihr, das Hemd auszuziehen und legte das Laken über sie, so daß nur unten die Füße herausragten und oben der Kopf. Dann suchte er die kleine Öffnung, führte sein Glied hindurch und drängte hinein. Doch er bemerkte den Schmerz, den er ihr bereitete, löste sich und schlich wie ein Satyr, nur mit seiner Männlichkeit bewaffnet, durch das wie mit angehaltenem Atem verharrende Haus. Er suchte eine Weile tapsend an der Feuerstelle herum und fand endlich den Krug mit Schmalz, schlich zurück und reichte das Gefäß seiner Frau. Es war, dachte er später, wirklich viel Wollust in mir gewesen, und mochte es am Schmalz gelegen haben oder daran, daß er kein junger Mann mehr war, es wollte zu keinem Ende kommen. Er fuhr ein und aus, wieder und wieder, er geriet in Schweiß, kaum noch spürte er sein Glied, ja er glühte geradezu am ganzen Leib. Aber auch seine Frau geriet in Hitze, strampelte das Laken von sich und starrte ihn an wie ein waidwundes Tier, schmerzhaft gruben sich ihre Fingernägel in seinen Rücken. Nie zuvor war ihnen in all den Jahren so etwas geschehen. Die Geschwister lagen lange schon wach und lauschten erregt und ängstlich. Elisa war bald nur noch ein einziges langgezogenes, auf- und abschwellendes Jammern, sie vermochte sich nicht zu wehren gegen das Zittern und Wogen in ihrem Leib, gegen das Aufbranden all der Glut, und erst als sie wie besinnungslos auf ihn einschlug, mit der flachen Hand auf seinen Hintern, entlud er endlich, japsend und kehlig keuchend, als täte er seinen letzten Atemzug auf Erden.

Hatte nicht der Teufel feixend an ihrer Bettstatt gestanden in dieser Nacht und sich die Hände gerieben, daß ihm so unverhofft zwei Seelen geschenkt werden? Das Laken verbrannte Elisabeth am nächsten Tag vor aller Augen, und in den Wochen darauf lief sie am Abend in freien Stunden oftmals in die katholische Kirche vor dem Nicolai-Tor, die Siebenhufener waren ungeachtet ihrer Religion in die nächstgelegene Kirche eingepfarrt worden, um dort inbrünstig zu beten und um Vergebung zu bitten. Nicht selten aber ging sie sehr früh am Morgen auch bis zum Schweidnitzer Tor, um in St. Salvator, der Kirche für die Kräuterdorfer südlich der Stadt, mit dem Prediger dort zu sprechen, der ihr zuhörte und Trost zusprach. In jedem Mann steckt der Teufel, das jedenfalls pflegte sie seit dieser Nacht zu sagen, selbst wenn sie nur junge Leute sah, die sich neckten und miteinander Späße trieben, und überhaupt duldete sie nun noch weniger als zuvor, selbst nicht bei Kindern, wenn Scherz und Narretei getrieben wurden. Ich, sagte sie oft, will nicht in der Hölle landen wie die Juden und Papisten, und wenn ihr Mann, der diese Dinge anders sah, widersprach, stand Streit ins Haus.

Das alles fiel ihm wieder ein, als er mit seinem dicken Verband um den Kopf vor der Tür seines Hauses stand und lauschte. Nichts war zu hören im Moment, es war still. Der Gedanke, seine Frau könnte vielleicht tot sein, tauchte nun aber plötzlich wie aus einem Hinterhalt in ihm auf, denn das war, Gott möge ihm verzeihen, schon oft sein Wunsch gewesen. Der Zank nahm in letzter Zeit überhand, und wenn sie einmal damit aufhörte, ihn zu beschimpfen wegen seines unrechten Glaubens oder weil er mal ein Gläschen Schnaps trank oder seine Zeit mit Kartenspiel verbracht hatte, dann prügelte sie stattdessen heulend auf ihn ein, ohne ein Wort zu sagen. Er würde sie begraben, dachte er, in ihrem sechsunddreißigsten Lebensjahr, aber das Kind, das sollte leben, wenn es denn einen Gott gibt.

Die Wunde unter dem Verband begann empfindlich zu schmerzen. Inzwischen war es wirklich ganz dunkel geworden, man sah die Hand vor Augen nicht. Manchmal erschien am ein oder anderen Ende der Straße ein schwaches Licht, ein Nachbar kam zu ihm mit einer Ampel in der Hand, um ihm Mut zuzusprechen und dann auch schnell wieder allein zu lassen. Gott wird’s schon richten, sagten die meisten, aber es hörte sich nicht sehr überzeugt an. Sein Sohn und die vier Mädchen waren wohl, nach allem was er mitbekam, zum Dom jenseits der Oder gelaufen, um dort zu beten, aber da es eine katholische Kirche ist, überlegte er, wird das nicht helfen können. Doch vielleicht war das Unsinn, wer begriff schon die Unterschiede. Kinder beten und sprechen, wie es ihnen gezeigt worden ist, mal von diesem und mal von jenem Prediger, dachte er, und das Lesen hatten die Kinder mehr recht als schlecht mit Arndts Paradiesgärtlein und Wahrem Christentum gelernt. Wo er jetzt daran dachte, da auch wieder dieses Jaulen einsetzte und auch Gepolter und Stimmengewirr zu hören war, kam ihm sogar der ein oder andere Trost in den Sinn, denn auch wenn er selbst des Lesens unkundig war, so hörte er doch genau hin, wenn vorgelesen wurde. Gab es ein Gebet, er überlegte scharf, die ihm das Kind rettete, wenn die Frau stürbe, doch es fiel ihm partout nichts ein. Er nahm noch einen tiefen Schluck und setzte sich auf die Türschwelle, ja, ein Gebet, dachte er, das die Frau zum Teufel schickte, ihm aber das Kind ließ! Dann sackte er langsam in sich zusammen und nickte weg.

Johann schreckte hoch. Eine der Nachbarinnen trat aus der Tür, eine Ampel in der Hand. Sie verschwand im Haus gegenüber und kam bald mit einem Eimer heißen Wassers zurück. Er rappelte sich mühsam hoch und öffnete ihr die Tür, die sie, ihm einen bösen Blick zuwerfend, hinter sich mit einem Tritt zuzuwerfen versuchte, die jedoch wieder aufsprang. Johann trat, als er sein Haus offen sah, über die Schwelle und tat unwillkürlich ein, zwei Schritte hinein, ganz gebückt und dann stehend hin und her wankend wie auf dem Deck eines Schiffes, das einem Sturm zu trotzen hat. Die Augen zusammengekniffen und den Kopf vorreckend versuchte er, etwas zu erkennen im diffusen Schein zweier Laternen, die von der niedrigen Decke hingen. Nach und nach schälten sich ihm die Frauen aus der gelbbraunen Lichtsauce heraus, die die Schwangere in ihrer Mitte, die breitbeinig auf den Fersen stand und mit nach hinten gelegtem Oberkörper auf und ab bebte, festhielten, während die Hebamme zwischen ihren Beinen auf dem Boden hockte und mit beiden Händen rhythmisch auf die Oberschenkel der Gebärenden einhieb. So jedenfalls sah es aus. Elisabeth biß sich, leise jammernd, in die Unterlippe, daß es blutete. Der Leib, an dem ein altes Nachthemd klebte, als sei es graue und zerschlissene Haut, war angeschwollen, das Haupt der armen Frau krebsrot, die Haare wirr und naß. Voller Angst wollte Johann, als er sie so sah, das Weite suchen und den Teufel nicht sehen, den sie gebären mußte, doch er konnte den Blick nicht wenden, so sehr er sich auch entsetzte. So tat er, ganz gegen seine Absicht, weitere wankende Schritte in sein Haus hinein, und er sah hin, starrte hin, so als sei dies die süßeste Anfechtung. Da hob Elisabeth, die ihn bisher nicht bemerkt hatte, den Kopf. Etliche Minuten schienen zu vergehen, während das seltsame Wesen in ihr sie weiter zucken und beben ließ und die Frauen sie hielten, schweißgebadet auch sie. Böse war ihr Blick, nie wieder würde ein Mensch ihn so ansehen, das wußte er, und plötzlich kam mit einem Male ein Laut aus ihrer Kehle, leise erst, brüchig, knatternd, doch dann schrie Elisabeth, schrie, wie sie nie geschrien hatte, ja es brüllte aus ihr heraus, wie der Verderber selbst schrie und schrie sie, und dann endlich, endlich, griff die Hebamme energisch zu und hatte bald den Kopf des Kindes in Händen. Nun ging alles sehr schnell, Johann sah es mit Entsetzen, das Kind, rot und über und über mit Schleim bedeckt, die Abnabelung, ratz, mit einer Hand hielt die Hebamme es zur Decke empor, wie ein Jagdbeute, dachte Johann, dann der Schrei, Odem des Lebens, Teufelshörner, Teufelszacken, es hat Hörner, denkt Johann, Elisabeth ein Gebet zum Schöpfer lallend, ein Sohn, es ist ein Knabe, das hörte Johann noch, doch dann fällt er einfach um und schlägt mit dem Kopf auf die Türschwelle und bleibt dort liegen. Der Verband verhindert eine weitere Platzwunde.

Nach dieser Begebenheit mußte Johann, wann immer in der Vorstadt Siebenhufen eine Geburt anstand, einige Scherze über sich ergehen lassen, ja man schickte ihn sogar mit ein paar gesammelten Münzen in die Stadt, damit er sich seine gute Gesundheit nicht ruinierte durch den Anblick einer Frau und eines Neugeborenen. Daß auch die edlen Spender ihn dabei begleiteten, versteht sich von selbst, so daß bald ein schöner Brauch daraus entstand.

Die ersten Monate, die der kleine Adam auf der Welt verbrachte, tat er nichts anderes als zu schreien, es sei denn, er hing an der Brust einer der jungen Frauen in Siebenhufen, denn Elisa hatte keine Milch. Bei der Taufe, die zum Unwillen der Mutter in der katholischen Kirche vor dem Nicolau-Tor stattfand, brüllte er herzzerreißend, doch wenigstens das konnte sie auf den lieblosen Erz-Priester schieben, der zudem ein schlechter Redner war, wie alle Papisten, und der sich auch ganz bestimmt keine sonderliche Mühe gab, Lutheraner zu beeindrucken. Mit der Zeit aber wurde der kleine Adam ein wenig ruhiger, selbst wenn sich seine Eltern bei jeder Gelegenheit in den Haaren lagen. Während Elisa strenger und strenger mit sich und anderen wurde und alle Mitteldinge, selbst harmlose Spiele, immer vehementer ablehnte, verschwand ihr Mann immer öfter und betrank sich. Was Wunder also, daß die Fetzen flogen. So übernahmen seine Geschwister die Betreuung, besonders Johann und Elisabeth, die zweitjüngste Tochter, hatten einen Narren gefressen an ihrem kleinen Bruder und taten alles, damit es ihm gut ginge, so auch an einem sehr warmen Sommertag, als Adam fast schon anderthalb Jahre alt war. Johann hatte früh am Morgen hinter dem Haus eine kleine Mulde gegraben, sie mit Tonerde und einem Wachstuch ausgekleidet und dann Wasser hineingefüllt. Die Sonne erwärmte es, und als es lauwarm war, setzte Elisabeth ihren kleinen Bruder hinein. Zum ersten Mal im Leben quiekte er vor Vergnügen. Ein Holzschiffchen zum Spielen bekam er auch noch, nach dem er etwas ungelenk tapste, es dann aber in die Hand nahm und immer wieder ins Wasser fallen ließ. Elisabeth beobachtete das lachend, dann legte sie sich wieder zu dem Nachbarsjungen unter den Baum. Mutter und Vater waren fortgegangen, und das sollte schließlich ausgenutzt werden. Johann, der immer noch Kretschmar in Breslau werden wollte und oft heimlich in einer Schenke aushalf, saß derweil in aller Ruhe vor dem Haus, um das Gewehr des Vaters, das dieser vor drei Jahren, als Kriegsgefahr herrschte, bekommen hatte, zu putzen und zu ölen. Er wußte natürlich, daß die Schwester hinter dem Haus mit dem Jungen Dinge treiben mochte, die die Mutter nicht würde durchgehen lassen. Er sollte, das hatte sie ihm streng befohlen, in jedem Fall ein scharfes Auge auf die Beiden haben und jede Annäherung und jede Form von Albernheit unterbinden. Doch eine Weile sollten sie ruhig machen, was sie wollten. Er überlegte, wie er sich einen Spaß daraus machen würde, mit dem Gewehr aufzutauchen, wenn beide sich halbnackt befingerten, denn das würden sie sicherlich tun. Natürlich, die Schwester war hübsch geworden, überall taten sich mit einem Male Rundungen hervor, doch zeigen mochte sie davon nun nichts mehr. Das aber lag wohl kaum daran, daß die Mutter strenger und unnachgiebiger in allem Weltlichen war als jemals zuvor. Noch vor wenigen Monaten hatte das Schwesterchen ihren hübschen Hintern stets freigiebig hergezeigt, wenn die Eltern fort waren und er sie darum bat. Natürlich, er hatte die Anfechtung erkannt und bereut, der Teufel hockt eben in jedem Loch, wie es hieß, doch heute wollte er auf jeden Fall die Gelegenheit nutzen und einen Blick erhaschen. Zum Schlimmsten aber durfte es nicht kommen, das wußte er wohl, denn das würde die Mutter weder ihm noch der Schwester jemals verzeihen. Ich werde sie eine Weile beobachten, dachte er, und dann früh genug dazwischengehen.

Johann wischte sich den Schweiß von der Stirn und setzte sich wieder in den Schatten. Noch war er nicht zufrieden mit seiner Putzarbeit. Elisabeth und den Jungen hörte er immer noch hinter dem Haus herumquieken. Wahrscheinlich versuchten sie, sich gegenseitig zu fangen, stellte er sich vor, Elisabeth ließ sich kitzeln, entkam wieder, wurde abermals gefangen und so weiter und immer fort. Der Nachbarsjunge, der den massiven Schädel seines Vaters und die kleinen blauen Äuglein geerbt hatte, würde natürlich nicht aufhören, nach ihr zu haschen. Man sah ihm jedesmal die Erregung an, wenn er in die Nähe der kleinen Schwester kam. Auch er selbst war ja schon länger hinter jedem Rock her, und in der Schenke, in der er manchmal aushalf, machten ihm die Bedienerinnen schöne Augen und manch eine hatte ihn schon mal hier und da getätschelt. Daß der alte Kretschmar und seine Frau sich vor Lachen bogen, wenn er, puterrot im Gesicht, nicht wußte, was sagen, störte ihn nicht, nicht sehr jedenfalls. Wieder hörte er die kleine Schwester quieken, und langsam würde er wohl mal nachsehen müssen, bevor das kleine Luder sich nahm, was sie wollte. Schade nur, daß er das Gewehr nicht laden konnte, Feuerstein war wohl im Haus, aber kein Zündkraut. Das würde ein Erwachen geben, wenn er in die Luft feuerte, um sie auseinander zu treiben!

Johann rieb noch ein paar Stellen blank, da konnte er sehr penibel sein, stand dann schließlich auf und ging, das frisch geputzte Gewehr im Anschlag, ums Haus herum. Vorsichtig schielte er um die Ecke, doch niemand war zu sehen. Auch in den Gärten der Nachbarn war kein Mensch, nicht mal Hühner oder einer dieser blöden Köter liefen herum. Es war einfach zu heiß. Johann spitzte die Ohren. Irgendwo in der Nähe mußten die Beiden doch sein. Die Stille war verdächtig, das auf jeden Fall. Nichts bewegte sich, kein Lüftchen ging, nicht einmal das Holzschiffchen drüben in der Bademulde bewegte sich. Vielleicht sollte er rufen. Es war wirklich nichts zu hören. Verdammt, dachte er, warum habe ich nicht früher Acht gegeben. Natürlich hatte die Mutter recht mit ihrem Mißtrauen gegen Elisabeth, auch er hatte ja bemerkt, daß ihre Ausdünstungen schon längst die einer Frau sind. Womöglich, überlegte er jetzt, sind sie zum Fluß gelaufen, da konnte er lange suchen. Irgendetwas aber mußte er tun. Vielleicht, fiel ihm ein, waren sie im Stall, dann aber müßten die Tiere unruhig sein. Er stellte das Gewehr gegen die Hauswand und überlegte, was zu tun sei. Das Holzschiffchen hatte ein wenig Schlagseite, es war schlecht geschnitzt. Wo war eigentlich Adam, wollte Elisabeth ihn nicht in der Mulde baden? Und da sah er schon den kleinen Körper, leblos, mit dem Gesicht nach unten im Wasser liegen. Warum nur hatte er ihn nicht früher gesehen, das fragte er sich später immer wieder. Der Teufel mußte ihm die Sicht genommen haben mit all den brünstigen Gedanken. Er riß das Kind hoch. Was sollte er tun? Adam, schrie er, Adam, doch der reagierte nicht. Der Kopf hing nach hinten, der Leib des kleinen Wesens war schlaff und bleiern. Kein Zweifel, Adam war tot. Johann stand bewegungslos, er hielt das Kind auf Armeslänge vor sich und starrte es an. Er betete wirr und ohne Sinn, zitternd in der Gluthitze, allein, völlig allein mit seinem kleinen, toten Bruder. Das erste, was er endlich wahrnahm, war ein Rascheln, und weit hinten, in einem der anderen Gärten, konnte er Elisabeth erkennen, Hand in Hand mit dem Nachbarsjungen. Er sah, wie sie zu laufen begann. Der Junge blieb zurück. Johann hörte seine Schwester rufen und schreien, aber sie kam nicht näher, sie lief, er sah sie stürzen, er konnte ihr verzerrtes Gesicht erkennen, doch sie war noch immer nicht bei ihm. Dann war da plötzlich ein Geräusch, ein Glucksen, das sich wiederholte und wiederholte, und als die Schwester ihm den kleinen Bruder aus den Händen nahm, lebte er. Seit diesem Tag hatte Johann mit Elisabeth ein Geheimnis, und noch auf ihrem Sterbebett erwiderte sie seinen Händedruck und nickte ihm zu. Der kleine Adam war wundersam gerettet worden. Seine Geschwister aber konnten ihm davon nie erzählen, denn ihre Zungen waren wie gelähmt, wenn sie es versuchten.

Adam nahm, sobald er laufen konnte, jede Gelegenheit wahr, Siebenhufen zu erkunden. Er kannte bald fast alle Gärten und Häuser, die auf der westlichen Seite des Sandwegs lagen, den zu überqueren er sich nicht traute, doch je älter er wurde, desto mutiger wagte er sich vor. Die hohen Mauern Breslaus aber, die meisten sagten Brassel statt Breslau, verbargen für ihn eine andere Welt, und wenn er in Richtung Stadtmauer ging, verließ ihn allzu schnell der Mut, worauf er, wie von der Tarantel gestochen, zurücklief. Als er aber zum ersten Mal allein nach Breslau gelangte, wenige hundert Schritte sind für ein vier- oder fünfjähriges Kind fast eine Weltreise, da trottete er einfach hinter einer von einem Ausflug heimkehrenden Bürgersfamilie samt Gästen her, die gemächlichen Schrittes und in einer fremden Sprache sich angeregt unterhaltend durch die Vorstadt kam. Kein Torwächter achtete auf ihn, und dann war er mit einem Male mitten im Trubel. Er bestaunte nun, sich immer nah und natürlich auch ein wenig ängstlich an die Wände drückend, einfach die neue Welt, die Häuser, die bis in den Himmel wuchsen, sah eine Weile staunend den Kaufleuten an der Großen Stadtwaage zu und ging dann mit kleinen Schritten weiter, hin und her, geriet in die Weißgerbergasse und die Büttnerstraße, wo ihm eine alte Frau einen Apfel schenkte, bis er schließlich, weil er von überall her den Turm sah, zur Elisabeth-Kirche lief. Dort aber bekam er es erst richtig mit der Angst zu tun, als aus dem Schulhaus des Elisabeth-Gymnasiums dutzende Schüler herausliefen, doch die Jungs strömten wie Wasser um ihn herum und waren schnell wieder verschwunden. Kurz darauf griff plötzlich eine blinde Bettlerin mit ganz weißen Augen, die am Kirchenportal vor sich hin jammerte und der er sich vorsichtig genähert hatte, nach ihm und betastete seinen Leib, worauf ein Mann mit einem gewaltigen Bauch hinzueilte und die Frau in einer Sprache beschimpfte, die Adam nicht verstand. Er lief davon und verirrte sich bald wieder in den Gassen, er lief immer weiter und weiter und bemerkte nicht einmal, wie er drei Mal die Grüne-Baum-Brücke über der Ohle überquerte, jetzt hatte er wirklich Angst, und wenn er doch wenigstens zu einem Stadttor käme, dann würde er wieder nach Hause laufen können, und bis es einem Kaufmann, der ihn weinend vor der Dorotheen-Kirche fand, gelungen war, ihm seinen Namen zu entlocken, war es fast dunkel geworden. Wie heißt denn der kleine Mann, fragte der Kaufmann immer wieder, wo kommst Du fort, doch er sprach einen eigentümlichen Dialekt, ganz spitz und ganz hell, Adam verstand ihn nicht. Erst mit Hilfe einer Magd der Herberge, in der der Kaufmann immer nächtigte, wenn er in Breslau seinen Geschäften nachging, gelang es endlich, ihm zu entlocken, wo er wohnte. Du bist also, sagte die Magd, Adam aus Siebenhufen, fortgelaufen bist Du, Deine Eltern ängstigen sich zu Tode, sag einmal, schämst Du Dich nicht? Adam nickte einfach nur, auch als sie sagte, sie werde ihn morgen früh mit dem ersten Sonnenstrahl nach Siebenhufen bringen, der Kaufmann solle ihr aufschreiben, was geschehen ist, damit sie selbst nicht beschuldigt würde. Adam mußte also bei der Magd schlafen, die ihn immer wieder fest an sich drückte und schwer atmete und jammerte, ihn auch ganz naß auf den Mund küßte und wie wild streichelte. Mein Adam, murmelte sie immer wieder, mein kleiner Adam, behalten möchte ich Dich! Schließlich aber schlief sie ein, auch Adam fielen die Äuglein irgendwann zu.

Am anderen Morgen in aller Frühe brachte dann der Kaufmann selbst den Jungen nach Siebenhufen zurück. Er fand die Familie in heller Aufregung vor. Der betrunkene Vater dankte dem Fremden unter Tränen, die Mutter aber prügelte auf Adam ein, bis die Mädchen und Johann sie fortzogen, worauf auch sie in Tränen ausbrach. Der Kaufmann aber stahl sich davon und dachte sich seinen Teil. An die Strafe, die Adam erleiden mußte, erinnerte er sich sein Lebtag. Tagelang durfte niemand ein Wort an ihn richten, und niemand tat es, nicht einmal sein Bruder Johann. Man stellte ihm sein Essen hin, steckte ihn in seine Kleider, setzte ihn in eine Ecke, alles ohne ein Wort, selbst nicht, wenn der Kleine noch so unglücklich dreinblickte. So verfiel Adam darauf, mit Gott sprechen zu wollen, so wie die Mutter es oft tat, doch der wollte ihm vom Himmel aus nicht antworteten, wie er feststellen mußte, weil ja niemand mit ihm sprechen durfte. Zum Glück aber redete, als er am dritten Tag des Schweigens spät am Abend traurig auf seinem Lager lag, Jesus ihn ganz leise an, der ein Kind war, wie Adam selbst, pst, sagte er, wir wollen ein wenig miteinander reden, aber sage es niemandem, hörst Du, das ist unser Geheimnis, und auch wenn Adam unversehens erwachte, weil der Vater wieder einmal herumpolterte, stand das Jesuskind immer neben seiner Schlafstelle und setzte sich lächelnd zu ihm.

Späterhin behauptete Adam immer wieder, er könne überhaupt sehr weit zurückdenken, selbst bis ins dritte Lebensjahr, also sich nicht nur an diese Bestrafung und andere einschneidende Ereignisse erinnern, sondern an nahezu alles. Er wußte aber selbst, daß er das meiste aus den kruden Erzählungen seines Bruders Johann hatte. Eine Anekdote, an die sich Adam selbst gut erinnerte, gerade weil sie ihm sein Leben lang peinlich war, stach aus diesen Erzählungen aber hervor. Johann gab sie bei jeder Gelegenheit zum besten, wenn auch nur einer in der Runde sie noch nicht kannte. Adam muß damals wohl etwa sechs Jahre alt gewesen sein. Es war ein kühler Tag im Frühherbst, er half Möhren und Krautköpfe auf die Radeber, die Schubkarre zu laden, worauf Johann dann die Fuhre zum Lagerschuppen brachte, wo die Schwestern und die Mutter alles abwogen und verpackten, wie es bestellt worden war. Als Johann nun, nach der dritten oder vierten Fuhre mit der leeren Karre zurückkommt, ist Adam nicht zu finden. Adam, ruft Johann. Keine Antwort. Wo konnte das kleine Aas nur stecken? Am Abend wollte er in Breslau einem Kretschmar beim Bierausschenken helfen, denn auch wenn die Mutter es nicht gerne sah, Kohlgärtner wollte er nicht bleiben. Adam, rief er noch mal, wo steckst Du kleine Kröte? Vielleicht war er hinüber zur Mutter gelaufen, doch das war unwahrscheinlich. Mehr als eine Ohrfeige würde er dort nicht ernten können. Johann sah hinter jeden Strauch und lief sogar zu den Nachbarn. Schließlich entdeckte er ihn hinter einer Hecke. Er hockte auf dem Boden, unter ihm ein ansehnlicher Haufen, denn zu essen gab es zu dieser Zeit genug, und daneben ein Kohlblatt, mit dem er sich den Hintern abgewischt hatte. Doch Adam bemerkte den Bruder nicht, er war still in Gedanken versunken und murmelte, mit einem seligen Lächeln auf dem Gesicht, irgendetwas vor sich hin. Adam, sagte Johann laut und bestimmt, aber es dauerte, bis der Kleine endlich mit den Augendeckeln klimperte, den Bruder erkannte, sich die Hosen hochzog und ohne ein Wort zu sagen mitging, immer noch träumend. Irgendwie, dachte Johann, ist er noch in seiner anderen Welt, wie das bei Kindern eben so ist. Kurz darauf, er streifte eben eine Nacktschnecke von einem Kohlkopf, kam ihm eine Idee. Hast Du auch gut achtgegeben, fragte Johann wie nebenbei, daß keine Schnecke auf dem Blatt saß, mit dem Du dich abgewischt hast? Adam sah verständnislos zu seinem Bruder auf. Natürlich hatte er nicht darauf geachtet. Es wäre nämlich nicht zum ersten Mal passiert, setzte Johann wieder an, daß so eine possierliche Schnecke in so ein Loch aus purer Neugierde hineinkriecht, und weil es nicht wieder hinauskommen kann, kriecht es also durch all Deine Gedärme, bis hinauf in den Kopf. Daraufhin klopfte er dem Kleinen dreimal gegen das Kopfstübchen, als Zeichen dafür, daß das nicht ernst gemeint sei. Adam jedoch verspürte im selben Augenblick die Schnecke in sich. Sie war in seinem Bauch, ohne jeden Zweifel! Jetzt komm, rief Johann, der sich wieder an die Arbeit machte, wir haben noch viel zu tun. Doch er kam die nächste halbe Stunde kaum zum Arbeiten, und im Lagerschuppen drehte man Däumchen, denn er mußte lange seinen weinenden Bruder trösten, dem nur schwer begreiflich zu machen war, daß keine Schnecke durch ihn hindurchkroch. Zum Kretschmar kam Johann zu spät und er bekam nicht den Lohn, den er sich erhofft hatte. Und alles nur wegen einer neugierigen Schnecke, die unserem Kleinen in den Hintern gekrochen ist, so schloß Johann immer seine kleine Erzählung, worauf alle in Lachen ausbrachen, selbst die Mutter, alle außer Adam.


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*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

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