Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman). Kapitel 2: Schwerte

Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel zwei:

Schwerte

Es ist noch sommerlich warm an diesem 24. Oktober des Jahres 1687. Schönwetterwolken ziehen gemächlich ihre Bahn, die Sonne steht hell und strahlend am Himmel, während die Bürger der Stadt Schwerte an der Ruhr sich auf dem Markt vor St. Viktor übellaunig um die wenigen Stände mit armseligem Gemüse und grobgewebten Stoffen drängeln. Inmitten des Gewühles hängt der kleine Heinrich mit der einen Hand an der seiner Schwester Cara und mit der anderen am Rockzipfel seiner Mutter. Sie sind notdürftig mit dreckigen und stinkenden Lumpen bekleidet. Heinrich wird hin und her gestoßen, niemand achtet auf ihn, und wenn er aufsieht, ist da immer die rechte Hand der Mutter, die sich bettelnd den Menschen entgegenstreckt. Daumen und Zeigefinger stehen steif von der Handfläche ab, der Mutter fehlen drei Finger der rechten Hand. Warum das so ist, weiß Heinrich nicht, nur daß es, wie seine Schwester sagte, Gottes Wille gewesen sei.

Seine ältere Schwester Cara hatte damals in der offenen Halle des Rathauses gestanden und der Bestrafung der Mutter zugesehen, ihren kleinen Bruder in ein Tuch gehüllt bei sich tragend. Nur der dritte Prediger von St. Viktor, ein kleiner, schmalschulteriger Mann mit melancholischen Gesichtszügen und ganz glatten, immer irgendwie naß wirkenden schwarzen Haaren, hatte sich zu ihr gesellt und ihr ein paar tröstende Worte gesagt. Die Mutter hatte mehrere Tage nacheinander stundenlang am Pranger stehen müssen, weil sie zum zweiten Male unsittlich gehandelt und mit einem französischen Soldaten Unzucht getrieben habe. So jedenfalls lautete die ursprüngliche Anklage gegen die Magd Dorothea Holzkötter. Als die Heere Ludwig des XIV. im Jahre 1673 die kleine, nicht einmal tausend Einwohner zählende Stadt brandschatzten, war es ihr noch gelungen, eine Notzucht glaubwürdig zu machen, denn daß die papistischen Teufel zu allem fähig sind, war ausgemachte Sache. Einer der Schichtmeister nahm sie sogar mitsamt ihrer kleinen Tochter als Magd in sein Haus auf. Als dann jedoch wenige Jahre später die Franzosen wiederum plündernd in Schwerte einfielen, wurde Dorothea erneut schwanger. Sie konnte zwar sowohl die Schwangerschaft verheimlichen als auch die Geburt, doch als Ende des Jahres 1680 der Große Komet am Himmel stand, war sie zum ersten Mal mit dem nur wenige Wochen alten Kind auf dem Markt gesehen worden. Das muß kurz vor dem Weihnachtsfest gewesen sein, und es war wohl eine gewisse Trine Wullenweber, eine strenggläubige Jungfer, die ihr statt eines weihnachtlichen Almosens eine Ohrfeige versetzte und sie überdies noch bei der Obrigkeit anzeigte. Am selben Tag wurde Dorothea bei dem Versuch ertappt, ein Brot zu stehlen. Das machte die Sache nicht besser. So nahm der Prozeß seinen Lauf, begleitet von Mutmaßungen aller Art, von denen aber natürlich nichts in den Akten des Schwerter Richters zu finden ist. Doch wer weiß, darüber dachte der ein oder andere nach, ohne den Kometen, der auch tagsüber deutlich am Himmel zu sehen war und allerlei Ängste auslöste, hätte jene Jungfer womöglich still gebetet statt offen geohrfeigt und angezeigt. Nach einer peinlichen Befragung, die wegen des Gesundheitszustandes der Angeklagten vorzeitig abgebrochen wurde, folgte am nächsten Tag das Geständnis, der Richterspruch dann aber erst im nächsten Frühjahr. Als dann das Urteil kurz darauf höheren Ortes bestätigt worden war, stand der Bestrafung nichts mehr im Wege. Die drohende Verbannung, die wohl Dorotheas sicheren Tod bedeutet hätte, würde allerdings ausgesetzt werden, der zweite Prediger von St. Viktor, ein massiver, schon älterer und wortgewaltiger Mann, hatte dies erwirkt, so daß es beim Abschneiden dreier Finger der rechten Hand bleiben würde. Dorotheas weinend vorgebrachte Klage, sie könne dann aber doch nie wieder zu Gott beten, wenn drei Finger fehlten, tat er ab, indem er den Zeigefinger seiner rechten Hand vor seine Lippen hob und zugleich die Augen schloß. Dann bete, so lange Du noch zu beten vermagst, sagte er salbungsvoll und verließ die kalte Zelle, um sich zum Mittagstisch zu begeben, es sollte Kutteln geben, er freute sich schon darauf. Das Urteil bestimmte zudem, Dorothea dürfe sich in Zukunft nur während der Tagesstunden in der Stadt aufhalten, ausgenommen alle Feiertage, nächtigen aber müsse sie außerhalb der Stadtmauern.

So stand sie also an den Tagen vor dem Vollzug der Strafe am Pranger, aufrecht gehalten allein durch Holz und Strick. Das Mitleid der Schwerter, die dieser Tage gerne einen kleinen Umweg über den Markt machten, hielt sich in engen Grenzen, auch wenn die Schichtmeister und die Prediger von St. Viktor es verhindern konnten, daß die arme Frau noch zusätzlich gequält wurde. An sich hätte man ihr, allein des Diebstahls des Brotes wegen, die ganze Hand abschlagen müssen, das wußte jeder. Doch man ließ eben Gnade vor Recht ergehen, allerdings zum Verdruß des Abdeckers und Scharfrichters Vogt, der eben lieber eine ganze Hand abschlug als nur ein paar Fingerchen. Am liebsten waren ihm natürlich Köpfe, und diese Vorliebe vererbte er an all seine Söhne. In solch einem Falle, der nur leider zu selten vorkam, wäre es zum Kreinberg gegangen, nördlich der Stadt, wo es eine ansehnliche und weitbekannte Richtstätte gab mit einem massiven Holzblock und auch einem schönen Galgen.

Obwohl es also nur um Finger und, wie üblich, Ohren gehen sollte, war Vogt an jenem Tag höchstselbst in der Stadt erschienen, ein vierschrötiger Mann mit einem schweren Gang, ganz in Leder gekleidet und mit dichtem dunkelblonden Haar und einem ebensolchen Vollbart gesegnet. Er hauste mit seiner Familie auf einem Gehöft südlich der Ruhr, mitten im Wald gelegen, ein Ort, der für die Bauern schwer zu erreichen war, wenn sie, wie vorgeschrieben, die Kadaver von Rindern und Pferden zu ihm zu bringen hatten. Auch die beiden jüdischen Kaufleute der Stadt, die mit Vieh und mit Fellen handelten, machten sich wenn nötig auf den Weg zu ihm, allerdings ebenso ungern wie die Seifen-, Leim- und Salpetersieder und die Gerber, die Knochenmehl, verfaultes Fleisch und Häute bei dem anrüchigen Kerl kauften. Diejenigen aber, die nicht ihres Gewerbes wegen in diesen Wald mußten, mieden das Gehöft wie die Pest, denn in einem Punkt war man sich einig, daß es nicht einmal in der Hölle schlimmer stinken konnte als dort.

Vogt wurde begleitet von seinem Jüngsten, auch ganz in Leder gekleidet, der etwa zwölf Jahre alt sein mochte und an dem festgesetzten Tag zum ersten Mal überhaupt in der Stadt war und nun zusehen sollte, wie der Vater sein Handwerk auszuüben pflegte. Schwungvoll betrat Vogt nun also um die Mittagsstunde, nachdem in Anwesenheit des Schwerter Richters, dem hochverehrten Johann Christoph Gräving, das Urteil verlesen worden war, das Podest. Alles reckte die Hälse, um nichts zu verpassen. Zwei junge Mädchen fielen in Ohnmacht, bevor auch nur das Werkzeug präsentiert war. Man ließ sie liegen, bis sie sich von selbst wieder aufrappelten. Die Axt, da jedenfalls konnte man Vogt keinen Vorwurf machen, war offensichtlich scharf, die vorn Stehenden sahen das sofort und gaben es nach hinten weiter, und auch sein reichverziertes Messer war sicher geeignet, Haare damit zu spalten. Vogt wußte natürlich, wie schnell sich die Wut des Volkes gegen ihn richten würde, wenn er es versäumte, sauber zu arbeiten. Das bläute er auch seinen Söhnen ein. Als er an diesem Tag zu seiner ersten Amtshandlung schritt und der verurteilten Magd Dorothea Holzkötter mit je einem Schnitt beide Ohren abtrennte, sah er also seinem Sohn zuvor tief in die Augen, der dem Blick aber standhielt; er wußte, was für ihn auf dem Spiel stand. Dorothea gab, als der erste Schnitt vollzogen war, nur einen erstickten, langgezogenen Laut von sich, der bald zu einem hohen, kaum vernehmbaren Wimmern sich verflüchtigte, das auch nicht wieder anschwoll, als der zweite Schnitt getan war. Alles hielt den Atem an. Dann nahm Vogt zwei Nägel aus der Tasche seines Mantels und nagelte die Ohrmuscheln mit der stumpfen Seite der Axt an das Holz des Prangers. Manch ein Scharfrichter tut dies, bevor er sie abschneidet, da hat jeder seine eigene Art. Nun packte des Scharfrichters Sohn, der mit zwei großen Schritten zur Stelle war, ohne weitere Umstände die Frau, zog die instinktiv Widerstrebende nach vorne zu dem Holzklotz und preßte den rechten Unterarm der auf die Knie sinkenden Magd mit beiden Händen auf den Klotz, ergriff dann mit seiner Linken den Zeigefinger von Dorotheas Hand, zog ihn, tagelang hatten Vater und Sohn das geübt, nach außen, worauf sofort ein einziger gezielter Schlag folgte, mit großer Präzision ausgeführt, nur eine Fingerbreite an den Fingerkuppen der Sohneshand vorbei. Totenstille. Eben deswegen schlug Vogt lieber Köpfe ab, dann entlud sich all die Anspannung mit einem Aufschrei. Die abgehackten Finger warf Vogt nun, seinen Blick über die bewegungslose Menge schweifen lassend, mit beleidigter Miene, so jedenfalls schien es den meisten, den Hunden vor, deren Gekläff das leise Jammern der armen Frau lange noch übertönte. Doch die Hunde bekamen die Fingerchen nicht, denn ein ganz Gewiefter, ein noch junger Kaufmann namens Thorbecke, der neuerdings eine Familie ernähren mußte, hatte sich hinter dem Podest aufgehalten und sprang nun mit einem Satz auf die drei Finger zu und beförderte sie mir nichts dir nichts in seine Tasche. Die Köter verjagte er mit Tritten. Thorbecke kannte den Aberglauben seiner Zeitgenossen, und nachdem er einige Tage Gerüchte gestreut hatte, verkaufte er die Finger zu einem guten Preis als Talisman an zwei Kaufleute aus Dortmund und an einen Brauereibesitzer aus Unna. So ein Fingerchen in der Geldbörse versprach nämlich, daß diese niemals leer würde. Eine ganze Hand hätte ihm natürlich mehr eingebracht.

Langsam zerstreute sich die Menge. Einige sprachen überlaut von Gottes Gerechtigkeit, während andere betroffen schwiegen, denn wenn sie sich ein solches Spektakel auch nicht entgehen ließen, am Ende bereuten sie es dann doch. Manch einer brachte die Bilder nie wieder aus seinem Gemüt, nicht die todgeweihte Frau und auch nicht den Scharfrichter, den sie manchesmal im Traum wiedersahen, wie er über ihnen stand, ein starker und schwerer Mann mit einer blinkenden Axt in den Händen, die nur darauf wartete, niederzusausen.

Der Früh- und Nachmittagsprediger von St. Viktor, der als dritter Prediger mehr schlecht als recht entlohnt wurde, ließ indes die zwischen Leben und Tod hin- und herschwebende Frau zu sich tragen und durch den Medicus versorgen. Zwei Wochen später brachte er sie, auf Druck der Obrigkeit, die die Frau außerhalb der Stadtmauern sehen wollte, mit einem Karren, den er mit Hilfe eines Tagelöhners zog, zu einem erst seit kurzem verlassenen Gehöft auf einer bewaldeten Anhöhe, dem sogenannten Ardeygebirge zwischen Schwerte und Dortmund, fast eine halbe Meile entfernt. Cara, die inzwischen mit ihrem Bruder wer weiß wo gewesen war, trottete müde hinterher. Niemand in der Stadt interessierte sich für die Kinder, niemand wollte ein Franzosenbalg haben, geschweige denn zwei. Der Medicus sah in den ersten Wochen nach der Kranken, wenn er es irgendwie einrichten konnte. Es mußte ihnen allen wie ein Wunder dünken, daß die arme Frau die Torturen überlebt hatte und sogar wieder zu Kräften kam. Ihr Verstand hatte allerdings Schaden genommen, sie saß oft stundenlang vor ihrer Hütte und sah mit blöden Augen ins Nichts, während Cara im Wald und auf den Feldern Nahrung suchte. Am Ende blieben sie am Leben durch das Mitleid des dritten Predigers, der so oft es ihm möglich war die schlimmste Not linderte.

Manches Mal ging Dorothea mit ihren Kindern nach Dortmund, um zu betteln. Dann saß sie, die verstümmelte Hand fordernd jedem hinstreckend, stundenlang zusammen mit Cara und Heinrich bei Wind und Wetter vor dem Neutor und hoffte auf die Mildtätigkeit von Reisenden. Meist aber mußten sie ohne Ertrag und hungrig den mühsamen Rückweg antreten. Immer öfter jedoch entschloß sie sich, nach Schwerte zu gehen, so auch an diesem 24. Oktober des Jahres 1687. Ihr und den beiden Kindern war vom mürrischen Torwächter des Hüsingtores, der im Schatten saß und zusammen mit dem Schreiber ein Bier trank, ohne weiteres erlaubt worden, die Stadt zu betreten. Ist Markt heute, sagte er und spuckte ihr vor die Füße, ist ohnehin viel falsches Volk da. Dann spuckte er noch einmal in Richtung der neu erbauten katholischen Marienkapelle, nahm eine tiefen Schluck aus seiner Kanne und rülpste in die selbe Richtung. Damit hatte er seiner Ansicht nach deutlich genug kundgetan, daß er ein aufrechter und rechtgläubiger Lutheraner ist, und selbst wenn niemand es gesehen haben sollte, dachte er, Gott sieht ja doch alles.

Während Dorothea sich mit den beiden Kindern bettelnd durch die Menge bewegt, ohne auch nur das kleinste Almosen zu bekommen, geraten in der offenen, ebenerdigen Halle des Rathauses und vor der unweit gelegenen Stadtkirche St. Viktor Einheimische und einige der gestern in Schwerte eingetroffenen Fremden in Streit. Zu Fuß waren diese, insgesamt etwa zwei Dutzend Männer, hinter einem mit zwei kräftigen Pferden bespannten Wagen in die Stadt eingezogen und hatten bei den Reformierten Quartier gesucht und gefunden. Vereint waren sie dann nach kurzer Nachtruhe in den frühmorgendlichen Gottesdienst der Lutheraner in St. Viktor gelaufen und hatten mit Zwischenrufen gestört, auf die der dritte Prediger, wenngleich tiefrot anlaufend, jedoch nicht reagierte. Einige Bürger, die sich aus religiösen Streitigkeiten heraushielten, auch wenn sie sonst keinem Zwist aus dem Wege gingen, wunderten sich, nun Stunden später die Szenerie beobachtend, daß nicht die Fäuste flogen. Unter den Neugierigen standen auch die beiden jüdischen Familienväter der Stadt, die nur den Kopf schüttelten und sich ihren Teil dachten. Auch Dorothea wurde neugierig, was denn da los sei, wer da so laut spreche, und drängelte sich dreist bis vorne zum Rathaus durch. Wäre sie nun in der Lage gewesen, die Reden, die an ihre verstümmelten Ohren drangen, nicht nur zu verstehen, sondern auch zu deuten, so würde sie schnell mitbekommen haben, denn einer der Fremden tat dies im Augenblick deutlich kund, daß es sich um durchreisende Breslauer Calvinisten handelte, die zu Studien bei ihren Glaubensbrüdern in Holland geweilt hatten und nun auf der Rückreise nach Schlesien ihren Glauben in die Städte trugen. Das aber begriff sie überhaupt nicht und hielt die Fremden, trotz ihres bescheidenen Habits, für reiche Kaufleute, warum auch immer. Sie lallte ihrer Tochter etwas über reiche Herren ins Ohr und sprach von Almosen, die diese sicher geben würden, sah sich dann grinsend um und entdeckte den dritten Prediger von St. Viktor, der ihr noch nie ein solches verweigert hatte. Er stand nur ein paar Fuß weiter mit einigen Männern direkt vor der offenstehenden Kirchtür, durch die hindurch man die neue Kanzel schemenhaft erkennen konnte und auch den Antwerpener Flügelaltar. Er hatte eine Weile ungeduldig den Reden eines der Calvinisten zugehört und setzte eben zur Gegenrede an, als sich Dorothea mit Heinrich und Cara im Schlepptau mit Trippelschritten näherte. Beschwörend die Hände über den Kopf hebend rief er mit gepreßter Stimme, die Kinder Gottes seien dazu bestimmt, Gutes zu tun, ansonsten das Wirken Jesu keinen Sinn gehabt hätte. Nun, was habt ihr dazu zu sagen, Herr Calvinist, setzte er noch mit zusammengekniffenen Äuglein nach, eben als Dorothea ihm die Hand hinstreckte, den Kopf zwischen den Schultern ihn flehentlich ansehend, doch noch bevor der Prediger ihrer gewahr wurde, hob der Calvinist, ein blasser und hohläugiger Mensch, so als sei ein Kommando ergangen, sehr laut zu sprechen an. Dorothea zuckte heftig zusammen und sah sich ängstlich um. Tut nur, rief der Calvinist mit kräftiger Stimme, die über den ganzen Marktplatz schallte, eure guten Taten. Gott hat sein gerechtes Urteil über euch bereits gefällt. Ihr, und damit meinte er den vor ihm stehenden Prediger, der mit hochrotem Kopf seinen Gegner anstarrte, Ihr seid in Eurer Verblendung nicht weniger schuldig als dieses Weib, er hatte Dorothea entdeckt, und nicht weniger verderbt als diese. Dorothea hatte nicht verstanden, was der Calvinist sagen wollte, für sie waren es nur heftige Streitworte, aber sie hatte begriffen, daß es um sie ging. Schnell tat sie einen Schritt auf den Fremden zu und hielt ihm die verstümmelte Hand entgegen, und noch ehe der dritte Prediger eingreifen konnte, nahm der Calvinist die Bettelnde zur Seite und zog sie und den kleinen Heinrich, der den Rockzipfel nicht loslassen wollte, in die Gasse zwischen Kirche und Rathaus. Dorothea hielt noch immer ihre Hand ausgestreckt, doch der seltsame Mensch wollte nicht reagieren. Erst als er sicher war, daß möglichst viele der Einheimischen die Szene beobachteten, packte er das Handgelenk der ehrlosen Frau mit seiner linken, griff mit der rechten in sein Kleid und beförderte einige Münzen hervor. Dann drückte er ihr laut zählend neun Geldstücke in die Handfläche. Der dritte Prediger sah sofort, daß es nur neun Deut waren, die der armen Frau nicht viel weiterhelfen würden. Auch der Calvinist wußte das natürlich, nahm aber trotzdem eine gewichtige Pose ein und schleuderte dem Lutheraner sein sola gratia, nur durch die Gnade Gottes wird der Mensch errettet werden entgegen, so als sei dies einem Protestanten, gleich welcher Couleur, gar so fremd. Kaum hatte er das ausgerufen, drehte er sich, Dorothea stehenlassend, auf dem Absatz um und eilte in Richtung Brücktor, gefolgt von seinen Glaubensbrüdern, die sich einfach von ihren Gegnern ohne ein weiteres Wort abwandten. Dorothea starrte derweil auf die neun Münzen und klappte krampfhaft Daumen und Zeigefinger ein, so als könne sie das Geld sicher umschließen. Wirr und seltsam lächelnd blickte sie um sich, doch niemand achtete auf sie, nur der kleine Heinrich starrte sie mit offenem Mund von untern an. Der dritte Prediger nahm derweil diesen seltsamen Abgang innerlich fluchend als Kapitulation seines Gegners, den er jedoch nie wiedersehen sollte, denn in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages verließen die Calvinisten, argwöhnisch beobachtet von zwei noch oder schon wieder betrunkenen Ratsherren, die die Abreise zu beglaubigen hatten, die Stadt durch das Ostentor und zogen in die Berge Richtung Iserlohn, nach allem, was man hörte.

Die Schlesier hatten also die kleine Stadt an der Ruhr, von deren alter Bedeutung nur noch die Kirche mit dem Altar, das Rathaus und einige Patrizierhäuser zeugten, nach nur einem Tag verlassen. Als aber am frühen Morgen, nur Stunden nach der Abreise der Breslauer, das Leben der Stadt erwachte, fand der Kaufmann Thorbecke, der immer früh auf den Beinen war, um ein paar Minuten des Tages für sich zu haben, den dritten Prediger ohne Bewußtsein, stark blutend und mit zerschlagenen Knochen auf dem Friedhof seiner Kirche. Dem herbeigerufenen Medicus gelang es, das Leben des Mannes zu retten, doch blieb das linke Bein verkrüppelt, so daß der Geistliche einen Gehstock benutzen mußte, so lange er auf Gottes Erdball weilte. Natürlich sorgte die Angelegenheit für einiges Aufsehen, die Tore wurden bis zum Abend verschlossen gehalten, denn da die Breslauer zum Zeitpunkt des feigen Überfalls bereits die Stadt verlassen hatten, suchte man den Täter unter den Einheimischen. Leider aber, der Angriff erfolgte aus dem Hinterhalt, gleich der erste Schlag wurde gegen den Kopf geführt, hatte der Prediger niemanden gesehen, so daß der Schwerter Richter zu seinem Bedauern am Ende nicht einmal Anklage erheben konnte. Die wenigen Katholiken und die beiden jüdischen Familien aber hatten für eine Weile einigen Gesprächsstoff und viele Argumente für ihre jeweils eigene und in ihren Augen natürlich bessere Sache.

An diesem 24. Oktober des Jahres 1687 geschah übrigens, ohne daß nur irgendjemand in dem kleinen westfälischen Städtchen dies auch nur zu ahnen vermochte, eine revolutionäre Tat in Leipzig. Dort nämlich kündigte Christian Thomasius, seines Zeichens ein in der Jurisprudenz und auch in der Philosophie bewanderter Kopf, in deutscher Sprache eine Vorlesung am schwarzen Brett der Universität an, die er auch auf deutsch halten würde – ein ungeheurer Skandal. Thomasius hatte somit handstreichartig, so könnte man sagen, in seinem Feld, dem des Wissens und dem der Wissenschaft, die Einheit eines wenigstens gesprochenen Vaterlandes gleichsam vorgegeben, und das mitten in dem von hundert Territorialfürstentümern zerrissenen Reich. Aber das ist eine andere Geschichte, nämlich die von Muttersprache und Vaterland, und soll hier nicht erzählt werden, wenn auch ein aus Westfalen stammender Schreiber all dies späterhin von einem gewissen Adam Bernd erfuhr, der es ihm berichtete als eine Besonderheit aus der Geschichte der Universität. Der selbe Adam Bernd war es auch, der als elfjähriger Knabe in eben diesem Jahr 1687 auf dem Felde, als er Möhren und Krautköpfe mit dem Schubkarren heimführen wollte, das sogenannte kleine Compendium latinae linguae am Wegesrand fand, so daß er, noch bevor er endlich und nach vielen Bitten an seine Eltern und mit Hilfe des Bruders auf dem Elisabeth-Gymnasium in Breslau angemeldet wurde, sich die lateinischen Grundbegriffe selbst hat beibringen können. Aber das steht auf einem anderen Blatt.


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Kapitel 3 =>

*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

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