Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman). Kapitel 3: Nach Breslau

Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel drei:

Nach Breslau

Das alles wäre aber nur bedingt der Rede wert und allenfalls für die Stadt- und Kirchenchroniken von Wichtigkeit, hätte sich nicht noch etwas anderes ereignet. Die in Richtung Osten abreisenden Calvinisten führten nämlich, ohne daß sie es ahnten, eine seltsame Fracht mit sich. Nur Dorothea wußte davon, denn sie war es, die ihre dreizehnjährige Tochter Cara auf dem Wagen der Breslauer Calvinisten versteckte, weil sie in ihrer Blödheit immer noch glaubte, die fremden Männer seien reiche Kaufleute. Ohne überhaupt nur daran zu denken, wie viel Cara zum Lebensunterhalt beisteuerte, war Dorothea zur Tat geschritten, irgendwelche Bilder vor Augen, die Cara als Ehefrau zeigten, so etwas in der Art, ausgelöst womöglich durch die erste Blutung ihrer Tochter grad am gestrigen Tag. Also war sie den Fremden bei deren Abgang an jenem Tage gefolgt und noch eine ganze Weile bettelnd um sie herumgestrichen, ohne daß ihr jemand auch nur die geringste Beachtung schenkte. Alle waren sehr damit beschäftigt, so schnell wie möglich die Weiterreise vorzubereiten, denn man war allgemein der Ansicht, in dieser verstockten Stadt nichts mehr ausrichten zu können. Außerdem befürchteten sie einen baldigen Wintereinbruch in den Bergen, die nicht zu umgehen waren, es sei denn, man wählte den Weg über Paderborn, doch eben dort hatte es auf dem Hinweg heftigen Streit gegeben.

Als schließlich alles aufgebunden und verstaut war, nur die Pferde würden dann in wenigen Stunden noch anzuschirren sein, gingen die Breslauer zu ihrem Quartier, eng beieinander in fast völliger Dunkelheit. Dorothea, die sich zusammen mit den Kindern auf dem Friedhof hinter der Kirche versteckt hatte, hörte das Geschlurfe der Schritte. Sie weckte also die neben dem kleinen Heinrich schlafende Cara, nahm die Schlaftrunkene fest bei der Hand und schlich sich in der Dunkelheit vorsichtig bis zu dem Wagen der Fremden vor, der auf einem kleinen Hof stand. Niemand schien Wache zu halten. Sie drückte ihre Tochter zu Boden und hieß sie flüsternd, dort sitzen zu bleiben, dann tastete sie den Wagen ab, so als befühle sie ein ungeheures Tier, das jeden Augenblick zum Leben erwachen könnte, fand endlich die Verschlußriemen, öffnete alle vier und griff hinein. Wachstuch lag obenauf, dann fühlte sie Decken oder Mäntel und darunter Gerätschaften, einen Topf, dann Radspeichen, Werkzeug, eine kleine Kiste und was wohl sonst noch in einem solchen Wagen zu finden ist. Behutsam schob sie alles ein wenig auseinander, hielt eine Weile inne, zog und drückte weiter, hielt wieder inne, bis sie endlich einen kleinen Hohlraum geschaffen hatte, in der Cara Platz finden könnte. Komm, Cara, komm, komm, stieß sie also hervor, komm, packte ihre Tochter wie ein Karnickel am Nacken und schob sie auf den Wagen, die alles still mit sich geschehen ließ, denn sie begriff durchaus, was die Mutter wollte – sie würde verborgen unter all dem Kram mit den Fremden Schwerte verlassen. Wie oft hatte sie nicht schon davon geträumt, zusammen mit dem kleinen Bruder das Weite zu suchen und die Mutter in der armseligen Hütte zurückzulassen! Unter den Decken der Pilger versteckt überlegte sie, wie sie es anstellen könnte, Heinrich zu holen, doch das war unmöglich, denn die Mutter hatte die Riemen wieder geschlossen und war dann, nachdem sie noch irgendetwas von Paradies und Schlaraffenland, das ihrer warte, gelallt hatte, verschwunden. Was die Männer wohl mit mir tun werden, wenn sie mich entdecken, überlegte Cara, wegjagen wahrscheinlich werden sie mich, dachte sie, doch dann würde sie mit Heinrich fortgehen, ohne die Mutter. Wenn sie nur den Weg zurück fände zu der Hütte, denn wer wußte schon, wo die fremden Männer hinzögen und wann sie herauskäme aus diesem Gefährt? Oder sollte sie versuchen, bei ihnen zu bleiben, als Magd vielleicht, die Mutter war auch Magd gewesen, daran konnte sie sich noch erinnern, in einem Verschlag neben dem Stall hatten sie gelebt beim Schichtmeister, zu essen hatte es gegeben jeden Tag. Der scharfe Geruch ihres Blutes drang ihr in die Nase, es lief wieder aus ihr heraus, wie gestern, als ihr plötzlich schlecht wurde und sie das Blut entdeckte, das ihr die Beine hinunterlief, doch die Mutter hatte immer nur is gut, is Gottes Wille, is gut, kannst nun gebären geflüstert und ihr einen alten Lumpen gegeben, den sie zwischen die Beine klemmte und der bald ganz voll war mit Blut, auswringen konnte sie den.

Sie döste ein und wurde erst wach, als sie die Pferde schnauben hörte und die Stimmen der Männer, es mußte noch dunkel sein, dann ein Disput, wohl schon am Tor, Flüche und Verwünschungen, der Wagen schaukelte hin und her, mußte alsbald aus einem Schlammloch befreit werden, lange ging es mit Hauruck vor und zurück, endlich aber war die Ruhr überquert auf knarzender Brücke, der ansteigende Weg trocken, und so war der Zug der schlesischen Calvinisten bereits mehr als eine Meile von Schwerte entfernt und schon tief in den Bergen, als die Männer Cara auf dem Wagen entdeckten. Wortlos starrten sie das ängstlich zusammengekauerte Wesen an, beschlossen dann aber nach nur kurzer Beratschlagung, sie einfach nach Breslau mitzunehmen. Gott war, daran glaubten sie unwiderruflich, weder ihnen noch diesem Mädchen Barmherzigkeit schuldig, und es lag nicht in ihrer Macht, über des Allmächtigen Gerechtigkeit zu befinden. Sie gaben ihr ein wenig zu essen und ließen es auch zu, daß sie fortging, wenn sie sich in Städten oder Dörfern aufhielten, fragten aber nicht einmal nach ihrem Namen und kümmerten sich auch sonst nicht um sie. Wenn einer der Männer sie eine Weile ins Auge faßte, zog sie sich auf den Wagen zurück, wo sie schlafen durfte. Der dritte Prediger hatte ihr einmal erzählt, böse Männer trieben Unzucht und Gewalt, wenn eine Frau ungeschützt sei, und so war sie vorsichtig. Doch nichts geschah, nichts Gutes und nichts Böses.

Endlich erreichten sie, das Wetter war bereits winterlich, nach gut fünf Wochen Schlesien. Sie überquerten die Neiße bei Görlitz und quälten sich dann bei Schneeregen und Kälte tagelang bis Breslau, um schließlich erschöpft und müde durch das Nicolai-Tor in die innere Stadt zu gelangen. Niemand nahm Notiz von der Gruppe, auch nicht, als sie auf der Kreuzung der Nicolai- und der Reuschestraße in Streit gerieten, was denn mit dem Kind anzufangen sei. Schließlich nahm einer der Männer, der nach einem bösen Sturz in Holland noch immer ein Bein nachzog, Cara entschlossen und ohne auf seine Glaubensbrüder zu achten bei der Hand und ging mit ihr, die viel zu durchfroren war, um sich zu wehren, wieder zum Tor hinaus. Er wandte sich resolut nach links, denn er hatte eine Idee, die die vielen Streitgespräche mit den Lutheranern krönen würde, so dachte er. Er wollte, so sein Einfall, einem ihrer hiesigen Gegner das Balg aus Westfalen andrehen und danach die Gerüchteküche in Gang setzen! Was genau er in die Welt setzen sollte, wußte er zwar noch nicht, und am Ende würde ihm womöglich nichts einfallen, doch die Gelegenheit war günstig, keine Frage. Durch all den Dreck patschend und allerlei zwielichtigem Volk begegnend erreichten sie bald die Schweidnitzer Vorstadt und standen auch schon vor dem Haus des Morgenpredigers Andreas Acoluth von St. Salvator. Schwer atmend sah der Calvinist sich um. Niemand achtete auf ihn und das Mädchen, nicht der Hufschmied gegenüber und auch keine der Mägde, die allein oder in kleinen Gruppen mit leeren Körben in Richtung Schweidnitzer-Tor gingen. Jetzt mußte alles sehr schnell gehen. Er hieb laut und vernehmlich gegen die Tür, niemals würde er den Türklopfer eines Lutheraners auch nur anrühren, und entfernte sich dann so eilig er konnte, nachdem er dem Mädchen mit grimmiger Geste bedeutet hatte, sich nicht vom Fleck zu rühren. Er ließ Cara also dort stehen und verbarg sich, schief und bösartig grinsend, hinter einem dem Haus gegenüber abgestellten Fuhrwerk, während Cara still auf die Tür starrte und vor Angst fast verging. Schritte waren zu hören, und dann war es die Acoluthin selbst, die alte Mutter des Predigers, die die Tür des Hauses öffnete und unfreundlich und ein wenig überrascht auf das Mädchen blickte, das steif und ängstlich schauend vor ihr stand. Wer bist Du, fragte sie. Cara, sagte Cara. Der strenge Herr Prediger, der zu ergründen suchte, wer sie sei und warum sie ausgerechnet bei ihm geklopft habe, bekam nach einer Weile immerhin heraus, daß sie aus dem fernen Schwerte kam, und da ahnte er, daß ihm seine Gegner etwas unterschieben wollten. Was nur soll ich mit Dir tun, sagte er immer wieder zu Cara, und als sie schließlich zu weinen begann, eher aus Müdigkeit denn aus Verzweiflung, übergab er sie einer jungen Magd mit rosafarbener Haut und schlichtem Gemüt, die sich um sie kümmern sollte.

So also geriet Cara Holzkötter aus Schwerte in Westfalen, Tochter einer ehrlosen Frau und eines dahergelaufenen französischen Soldaten, nach Breslau. Sie wurde in der kleinen Dachkammer der Magd, die von allen Tete genannt wurde, einquartiert, denn sonst war kein Platz in dem nicht eben weitläufigen Haus. Sie mußte im Haushalt helfen und Gänge besorgen für den Prediger und die Acoluthin. War man unzufrieden mit ihr, so stieß man sie oder gab ihr Ohrfeigen. Besonders die Acoluthin, die wenige Wochen nach Caras Erscheinen einen Schlagfluß erlitt und halbgelähmt immerfort im Sessel saß, schimpfte unaufhörlich, zuerst lallend und leise, dann, nach einer leichten Erholung, wieder mit lauter Stimme. Einzig und allein Tete und ein im Haus lebender Gymnasiast, der aber bald schon zum Studium nach Wittenberg abreiste, waren gut zu ihr. In ruhigen Minuten erzählte sie manchmal stockend und ohne die rechten Worte zu finden von ihrem kleinen Bruder Heinrich, verlor aber kein Wort über die Mutter, nicht weil sie sich ihrer schämte, sondern weil sie für die Erinnerung an sie überhaupt keine Worte hatte.


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*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

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