Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman). Kapitel 4: Auf dem Hof

Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel vier:

Auf dem Hof

Nach dem Verschwinden Caras kauerte der kleine Heinrich oft in der hintersten Ecke der kleinen Hütte auf altem Stroh und schnitzte mit kindlicher Sorgfalt, wenn auch noch ungelenk, kleine Figuren. Das Messer, er hatte es eines Tages auf dem Schwerter Marktplatz gefunden, ist sein einziger Besitz. Von der Mutter war ihm umständlich und unter Verwendung von Bibelstellen, die ihr im Gedächtnis staken, erklärt worden, seine Schwester sei mit den guten Herren gegangen, die ihr die neun Geldstücke gegeben hatten. Doch der kleine Heinrich begriff nicht, um welche Männer es ging, er konnte sich nicht erinnern an den Tag, von dem die Mutter sprach, denn alle Tage, die sie in der Stadt bettelten, waren ihm gleich. Cara aber war fort, das begriff er, und so mußte er allein in den Wald, um Beeren und Wurzeln zu suchen, so viel Angst er auch haben mochte. Weinte er deswegen, so schlug ihn die Mutter mit der linken, der heilen Hand, doch waren diese Schläge ungenau und weichlich. Auf die Idee, statt der rechten für alle Verrichtungen die linke Hand zu benutzen und so geschickter zu machen, kam die Halbverrückte nicht. Der linke Arm hing sogar meist kraftlos an ihr herab, während sie mit der rechten Hand Dinge versuchte, die kaum gelingen konnten.

Da der dritte Prediger lange mit Fieber zu Bett lag, kümmerte sich niemand um Heinrich und seine Mutter, die bald kaum noch in der Lage war, den Weg nach Schwerte oder Dortmund zu bewältigen. Stattdessen setzte sie sich an die nahe Straße und bettelte die wenigen Handelsreisenden an oder schickte Heinrich zu den Bauern. So war er oft halbe Tage unterwegs. Da ist ja der kleine Daubenfüßer, sagten manche der Bauern spöttisch und oft auch ärgerlich, wenn er wie aus dem Nichts auftauchte und sie erschreckte. Sie gaben ihm meist ein wenig zu essen, für die Mutter jedoch gaben sie ihm nichts. Doch Dorothea überlebte den ersten Winter, nachdem ihre Tochter, wie alle Welt annahm, fortgelaufen war, denn ein wohltätiger Geist legte immer wieder Brennholz vor ihre Hütte und steckte etwas Eßbares in einen Beutel, den noch Cara dort hingehängt hatte. Im folgenden Winter jedoch fand Dorothea im Wald den Tod. Am Abend zuvor war sie ohne ein Wort durch die Schneeverwehungen am Waldrand gestapft und nicht mehr zurückgekommen. Heinrich, der voller Angst und frierend die ganze Nacht kaum ein Auge zugetan hatte und bei jedem Geräusch aufgeschreckt war, fand seine Mutter schließlich am Morgen mitten auf einem zugefrorenen Tümpel und betrachtete sie lange. Die Augen weit aufgerissen zu den kahlen Baumkronen hin, die Lippen und Teile der Wangen weggefressen, der Leib aufgerissen, roh und blutig, lag sie inmitten ihrer zerrissenen Lumpen auf dem stumpfen Eis. Nach allen Richtungen zogen sich zum Rand des Tümpels hin die Blutspuren und verloren sich in Gestrüpp und Schnee. Fort waren sie, die Tiere des Waldes, die die Mutter fressen mußten, doch Heinrich verspürte keine Angst, es war hell und ruhig im Wald, dort lag die Mutter, tot, er war nun allein. Endlich ging er zurück zur Hütte, nahm die neun Geldstücke aus dem Versteck neben der Feuerstelle und machte sich auf den Weg. Der Schnee war an vielen Stellen sehr tief, und er kam mit seinen kurzen Beinen nur schlecht vorwärts. Oben auf dem Krainberg, da war er schon Stunden unterwegs gewesen, setzte er sich für einen Moment unter den Galgen, der lange nicht benutzt worden war. Das zugeschneite Ruhrtal lag vor ihm, er konnte das dunkle Band des sich durch die Sumpfwiesen schlängelnden Flusses erkennen und den schiefen, ganz und gar schwarz sich abhebenden schiefen Turm von St. Viktor. Von hier aus war es zu den Bauernhöfen, die er kannte, etwa gleich weit, nur einer lag jenseits der Ruhr. Heinrich ging in Gedanken die Wege und versuchte, sich die Bauern ins Gedächtnis zu rufen, die gut zu ihm gewesen waren. Oder sollte er zum dritten Prediger gehen, der aber schon eine Weile sich nicht mehr hatte blicken lassen? Wenn er nur wüßte, wo Cara ist, so würde er so lange gehen, bis er sie gefunden hätte! Es begann wieder zu schneien, bald schon war nichts mehr zu sehen außer dem Gewirr und Geworre der Schneeflocken.

Ein Knecht, der den frierenden und völlig erschöpften Jungen neben der Scheune stehen sah, nahm ihn, wortlos am Ärmel packend, mit ins Haus, wo die Bauersleute und das Gesinde auf der Tenne im Halbdunkel zusammensaßen. Nur das Feuer erhellte flackernd den Raum. Niemand sah auf, als die Beiden eintraten, denn alle blickten wie gebannt zu einem gutgekleideten Mann mit schmalem Gesicht und bis auf die Schulter fallendem Haar, der auf einem Hocker vor der Feuerstelle saß und etwas aus einem Buch vorlas. Mit offenem Mund starrte Heinrich zu dem Mann hin, der mit dunkler Stimme langsam Worte formte, die keinen Sinn ergaben. Nachdem nun der Vorleser nach einer Weile mit dem Satz Welcher Beschluß einem fleischlichen Menschen närrisch däucht, aber einem Gottweisen zeigt er das ganze Werk der Erleuchtung und himmlischen Weisheit geendet hatte, sah er in die Runde der still Dasitzenden und entdeckte zu seiner nicht geringen Überraschung Heinrich, der wie ertappt zu Boden sah. Du bist der, den manche spöttisch Daubenfüßer oder auch Herrn Daubenfuß nennen, sagte er endlich mit einem Lächeln in die Stille hinein, ich habe Dich schon einmal gesehen, aber es war keine Frage, nur eine Feststellung. Heinrich nickte, am ganzem Körper zitternd. Ein alter Knecht holte ihn zum Feuer und half ihm aus den nassen Kleidern, er wurde in eine Decke gehüllt und ihm ein Lager nicht weit von der Feuerstelle bereitet. Niemand richtete eine Frage an ihn, und noch während im Halbdunkel die Bauersleute leise mit dem Herrn redeten, wurde er müder und müder. Die Worte Franzosenbrut und Teufelsbalg und auch Daubenfüßer hörte er noch heraus, bevor er in tiefen, traumlosen Schlaf fiel.

Man ließ Heinrich in den ersten Wochen all die Arbeiten auf dem Hof verrichten, die ein etwa sieben- oder achtjähriges, nicht sehr kräftiges Kind tun konnte. Er war meistens dafür zuständig, daß der Brunnen nicht einfror, und so sah man ihn Tag und Nacht mit einem Stecken in der Tiefe herumstochern. Eines Tages aber, als endlich Tauwetter eingesetzt hatte, überall tröpfelte und gurgelte es, sandte man ihn frühmorgens mit einem Brief, den der Fremde, der immer noch auf dem Hof weilte, für den Bauern geschrieben hatte, nach Schwerte hinüber. Der Bauer hatte Angst, das zugelaufene Kind einer Hure ohne Wissen und Erlaubnis des Rates zu behalten, denn auch wenn es inzwischen der ein oder andere wußte, so war es doch wichtig, sich nach allen Seiten abzusichern. Dem Grafen von Hohen-Limburg, Friedrich Moritz zu Bentheim-Tecklenburg, von dem der Bauer das Land gepachtet hatte, würde der Fremde bei einem geplanten Besuch in dessen Haus persönlich berichten. Insgeheim hoffte der Bauer, man würde den kleinen Heinrich abholen und in ein Waisenhaus stecken, denn so ein Kind aß mehr als es einbrachte.

Heinrich trottete los. Seine schlechten Schuhe waren schon nach wenigen Schritten durchnäßt, der Weg war schlammig, doch er beschloß trotzdem, nicht direkt nach Schwerte zu gehen, sondern einen großen Umweg zu machen. Die Hütte, die er nach gut drei Stunden erreichte, in der er mit seiner Mutter und Schwester gelebt hatte, war inzwischen zusammengebrochen, und als er zu dem Tümpel im Wald kam, war von der Leiche seiner Mutter nichts mehr zu sehen. Nur die kahlen Äste der Bäume spiegelten sich im trüben, toten Wasser, in dem hie und da noch Eisbrocken schwammen. Er warf einen Stein hinein, dann noch einen und noch einen, und als er keine Steine mehr fand, verließ er den Wald und ging hinunter nach Schwerte. Er wollte, auch das hatte er sich fest vorgenommen, den dritten Prediger fragen, wo Cara hingegangen ist.

Den Brief legte er, als auf sein schüchternes Klopfen niemand öffnete, vor die Tür des Rathauses. Dann ging er hinüber zur Kirche und fand den dritten Prediger lesend in der Sacristei sitzen. Heinrich, rief dieser überrascht und legte die Broschüre zur Seite, ich habe Dich und Deine Mutter gesucht. Was ist geschehen? Heinrich wagte kaum aufzublicken und schwieg. Deine Mutter ist also tot, sagte der Prediger nach einer Weile, und die Teufel haben deine Schwester nach Breslau mitgenommen! Daß Cara nicht zufällig im Oktober des Jahres 1687 an diesem einen Tag verschwunden ist, ahnte er natürlich längst. Heinrich warf einen Blick auf die Krücke, die neben dem Prediger gegen die Wand gelehnt stand, und ging, ohne noch etwas zu sagen. Der Prediger sah ihm erstaunt hinterher, schwieg aber ebenfalls und vertiefte sich wieder in den Bericht, der vor einer neuen und zunehmend um sich greifenden religiösen Bewegung warnte, dem Pietismus, dem streng zu begegnen sei. Derweil lief Heinrich alle Wege ab, die er kannte, doch niemand in der Stadt beachtete ihn, niemand sah ihn an, es war, als wäre er unsichtbar, als ginge er wie ein Geist durch die Welt, der Geist eines kleinen Jungen, dem nichts anderes übrigblieb, als weiterzuleben und an seine Schwester zu denken, die jetzt, das immerhin wußte er nun, in Breslau bei den Teufeln ist, wo immer das auch sein mochte. Breslau! Das durfte er nicht vergessen.

Der Fremde, der Bauer sagte, er heiße Andreas Alberti und sei ein gebildeter und gottesfürchtiger Lutheraner, ein Schreib- und Rechenmeister, der selbst beim Adel hoch angesehen ist, war noch immer auf dem Bauernhof. Er hatte nun, auf seinen dringlichen Wunsch hin, seine eigene Stube bekommen, um zu arbeiten. Seinetwegen schliefen die Mägde in der kleinen Scheune, die in guten Zeiten zusätzlich errichtet worden war, und die Knechte in einer Hütte neben dem Stall, während Heinrich sich sein Lager nach wie vor meist nahe der Feuerstelle suchte oder vorne beim Haupttor in einer kleinen Kammer schlief. Seit einer Weile lief Heinrich, wann immer er konnte, heimlich zu Alberti. Er nahm dann einen Hocker, stellte ihn neben den Meister und kletterte hinauf, um besser sehen zu können, wie Albertis Hand mit der Feder über das Papier fuhr, wie Kreise, Kringel und Haken entstanden. Wenn Heinrich den Meister bat, vorzulesen, so tat er dies ohne zu zögern. Für Heinrich war es ein Wunder. Er nahm sich vor, diese Kunst des Schreibens und des Lesens zu lernen, auch wenn natürlich niemand auf die Idee kam, ihn etwa auf die kleine Schule zu schicken, die einige Jahre zuvor in Schwerte vom dritten Prediger unter Mithilfe des zweiten eingerichtet worden war. Auch Alberti wäre sicher nicht darauf gekommen, daß ausgerechnet dieser zugelaufene Bengel, das Balg einer Hure, wie der Bauer dies selbst in Anwesenheit des Jungen sagte, überhaupt etwas lernen wollte. Heinrich erwies sich zur Überraschung Albertis aber als recht gelehrig. Er konnte nach wenigen Wochen schon alle Buchstaben aufmalen und las ganze Sätze ohne Hilfe, wenn auch natürlich stockend, stotternd und mit falscher Betonung. Vielleicht würde er sogar, das stellte Alberti ihm in Aussicht, einmal den Bauersleuten und dem Gesinde aus Arndts Werken Gebete vortragen dürfen. Das spornte Heinrich, wie beabsichtigt, noch mehr an. Wo immer er war übte er nun, schrieb mit einem Stock in den tonigen Lehm den Namen seiner Schwester Cara und die Worte Breslau und die Teufel. Als Alberti einmal sah, wie er den Namen der Stadt in den Staub schrieb, wunderte er sich nicht wenig und berichtete, als dieser nicht sagen wollte, wo er das Wort aufgeschnappt hat, seinem Schüler einiges über Breslau, wo er selbst mit seinen Eltern gelebt habe und auf das Elisabeth-Gymnasium gegangen sei. Dort habe er viel Nützliches gelernt, auch das Lateinische und das Hebräische, ja sogar das Italienische, das Französische und Englische. Auf die Frage seines verwirrten Schülers, ob denn da auch die Teufel lebten, sagte er lächelnd, der Teufel sei überall, er niste sich überall ein, wo er nur könne, das würde Heinrich wohl noch zu spüren bekommen.

Vom Rat der Stadt Schwerte war endlich, nach mehr als einem halben Jahr, ein Brief gekommen. Man sei, so hieß es, für das zugelaufene Kind des Namens Heinrich Holzkötter, gemeinhin Daubenfüßer genannt, nicht zuständig. Alberti hatte Heinrich den Brief sofort vorgelesen, noch bevor der Bauer ihn zu Gesicht bekam. Am selben Abend tauchte Heinrich bei Alberti in dessen Studierstube auf. Warum, begann er leise, nennt man mich den Daubenfüßer? Alberti sah ihm an, daß diese Frage schon lange in ihm brennen mußte, und auch in dem Brief hatte es ja geheißen, er werde Daubenfüßer genannt. Der Meister lachte. Nun, sagte er, Du wirst so genannt, weil Du Dich gemeinhin leise und ohne ein Wort an die Menschen heranschleichst, weil Du ihnen nicht gegenübertrittst. Und da die Menschen in diesem Landstrich und wahrscheinlich überall auf Gottes Erde so etwas für dumm und seltsam ansehen, nennen sie dich eben Daubenfüßer. Er nahm den Jungen beim Kinn und zwang ihn, aufzusehen. Hättest du meine Stube, fuhr er fort, mit einigem Lärm betreten, dich geräuspert oder mit den Füßen gescharrt, oder etwa an die Tür geklopft, hätte ich mich zu dir umgedreht. So aber hast du mich eine Weile unentschlossen beobachtet, und erst als du Mut gefaßt hast, mir diese Frage zu stellen, bist du zu mir herangeschlichen. Heinrich, das sah Alberti deutlich, hatte Mühe, dem Gesagten zu folgen, doch er beließ es dabei und schickte den Jungen ohne weitere Erklärung fort, die er doch nicht begreifen würde. Alberti wußte recht sicher, wo der Begriff herkam, denn taub hieß in dieser Gegend oft auch so viel wie wertlos oder überflüssig, ein Mensch, der nicht arbeiten konnte, eine Frau, die keine Kinder gebahr. Wie schnell war der gemeine Christenmensch bereit, andere abzutun! Heinrich würde sich nun jedenfalls in einen Winkel zurückziehen und grübeln, und das mochte nicht das Schlechteste sein.

Im Herbst des selben Jahres, seit einer Woche hatte es fast ununterbrochen geregnet, erreichten Fremde zu Pferd, bis über die Knie mit Schlamm bespritzt, den Hof. Sie trugen sichtbar Säbel und Pistolen bei sich, so daß dem Knecht, dem sie zuerst begegneten, überdeutlich eine gewisse Furcht anzumerken war. Mach Dir nicht ins Hemd, sagte einer lachend, doch es war zu spät. Den herbeieilenden Bauern fragten sie nach Meister Alberti, der aber war auf die Jagd gegangen mit dem Grafen von Hohen-Limburg, Friedrich Moritz zu Bentheim-Tecklenburg, denn von diesem nämlich, berichtete der Bauer ungefragt und ebenfalls ängstlich auf die Waffen schielend, habe er den Hof für fünfzehn Jahre privat gepachtet, die Abgaben und Lasten seien sehr hoch, nicht zuletzt weil der Graf jährlich zusätzlich ein gut gemästetes Schwein und außerdem häufige Fuhrdienste verlangte, selbst auch in der Erntezeit. Nach kurzer Beratschlagung beschlossen die Herren, auf Alberti zu warten, und so kam es, daß selbst die Bauersleute in der Scheune schlafen mußten, während sich die Fremden, fünf Männer im besten Alter, in den Stuben hinter der Feuerstelle einrichteten. Auch sie schienen gebildete Leute zu sein, denn als Heinrich am Morgen nach ihrer Ankunft ins Haus schlich, fand er neben einigem Gerät, das er noch nie gesehen hatte und das in rot ausgeschlagenen Holzkästchen lag, auch einige Bücher. Als er eines mit klopfendem Herzen aufschlug, stellte er zu seiner Enttäuschung fest, daß er die Schrift nicht lesen konnte, denn die schmalen und fremdartig aussehenden Striche und Kreise besaßen zwar eine entfernte Ähnlichkeit mit den ihm bekannten Buchstaben, aber das war auch schon alles. Heinrich kam zu dem Schluß, dies müßten wohl geheime Bücher sein.

Der Bauer erzählte den Knechten und Mägden mit geheimnistuerischer Miene, die Fremden seien Kaufleute und auf dem Weg von Köln nach Leipzig, doch er sei mißtrauisch und glaube ihnen nicht, da sie nur wenig Ware, Wein und Hartwurst, und auch kein Geld mit sich führten. Doch da täuschte sich der gute Mann, denn nicht nur besaßen sie, eingenäht in ihre Gewänder und Decken, einiges an Geld, sondern auch zwei wertvolle und ganz neuartige Mikroskope und zudem die recht teuren Bücher, die Heinrich schon begutachtet hatte. Nach zwei Tagen kam Alberti endlich mit nur geringer Jagdbeute zurück. Herzlich begrüßte er die fünf Männer, die er, wie er erklärte, noch aus seiner Leipziger Zeit kannte. Dann zog er sich zurück, um sich zu waschen und umzukleiden, doch er beeilte sich, da er es kaum erwarten konnte, die Gerätschaften und die Bücher in Augenschein zu nehmen. Vor allem die Mikroskope und das Micrographia Nova, erst vor drei Jahren gedruckt, machten dann sichtlich den größten Eindruck auf ihn. Auch ein weiteres Buch betrachtete er mit leuchtenden Augen, und als Heinrich, den bisher niemand bemerkt hatte, fragte, was das für ein Buch sei, da las er ihm einfach den Titel vor, nämlich Vierzehnte Schiffart, oder Gründliche und warhafte Beschreibung des Neuen Engellandts, einer Landschafft in America, unter dem Capitein Johann Schmidt, Ritter und Admiral derselben Landtschafft, auch dem glücklichen Fortgang so er mit Sechs Schiffen deren Orts gehabt. Beneben einem kurzen Discurs, wie es ihm auf der Reise ergangen, von den Franzosen gefangen und der Gefangenschaft erlediget, und wie es itzo daselbst beschaffen, alles nechst abgelaufenen 1616. Jahres, durch einen Liebhaber der Historien aus dem Englischen in Hochteutsch versetzt im Jahr 1628. Heinrich begriff nichts, nickte aber wie ein Großer. Alles lachte natürlich und schlug sich auf die Schenkel, Heinrich aber blieb ernst.

Den ganzen Abend über saß man schließlich noch bei Wein, den die Herren beisteuerten, und frischem, wohlschmeckendem Brot im Hof. Das Wetter hatte sich gebessert, die Sonne war gegen Abend noch durch die Wolken gestoßen, so daß die Luft lau und schwül wurde und selbst das einfache Herumsitzen allen den Schweiß auf die Stirn trieb. Trotzdem holte ein Knecht, als es schon fast dunkel war und nur noch das Feuer die Gesichter erhellte, seine Flöte und blies einige schiefe Lieder, zu denen die Fremden, im Matsch herumstampfend, mit den Mägden tanzten, daß es nur so spritzte, all das sehr zum Unwillen der Bäuerin, von deren bösen Blicken sich aber keiner der Kerle abhalten ließ, den Frauen ordentlich in die Hintern zu kneifen. Als Alberti, der dem Treiben weintrinkend und lächelnd zugesehen hatte wie ein mildes altes Väterchen, dann spät und ein wenig betrunken in seine Stube kam, fand er Heinrich über der Micrographia Nova, völlig starr und mit offenem Mund hineinblickend. Anstatt böse zu reagieren, weder sollte Heinrich ein Schwefelholz noch eine Kerze entzünden, und wertvolle Bücher aufschlagen sollte er auch nicht, lächelte Alberti. Das ist noch gar nichts, mein Freund, sagte er, denn das sind nur die kleinen Wunder. Diesmal war es am Daubenfüßer, heftig zu erschrecken. Am nächsten Tag reisten die Kaufleute wieder ab.

Natürlich war es ein Glück für Heinrich, an diesem Platz der Welt mit Andreas Alberti einen gebildeten Menschen zu haben, der sich um die Herkunft des Knaben nicht scherte und sich einfach die Freiheit nahm, ihn zu behandeln, wie er es für richtig hielt. Immerhin war er, Alberti, ohnehin aus seinem Stand gefallen und ging inzwischen, wenn er sich selbst seiner Situation wegen Rechenschaft ablegte, sogar davon aus, den orthodoxen Lutheranern als Ketzer, den Reformierten und den Calvinisten als Indifferentist und den Katholiken als heidnischer Höllenhund zu gelten. Selbst die Anhänger Philipp Jacob Speners, der ein zurückhaltender, fast schüchterner Mann gewesen war, den er selbst noch vor wenigen Jahren auf seiner bisher letzten Reise in Dresden gesehen hatte, waren wohl denkbar schlecht auf ihn zu sprechen, das jedenfalls stellte er sich vor, weil er das weltliche Leben und die Liebe zur Wissenschaft gegenüber einem Leben in Gott verteidigte, dessen einziges Ziel laut Spener die Wiedergeburt zu Lebzeiten, die vollkommende Christwerdung ist. Er saß hier also fest, im Niemandsland, weil er unschlüssig war und seit geraumer Zeit keine Nachrichten erhalten hatte, denen er trauen konnte. Ich werde, dachte er oft, der erste Mensch sein, der auf einem Bauernhof eine Bibliothek zusammenstellt, und tatsächlich lagen bereits mehrere Dutzend Bücher auf dem einfach gezimmerten Holztisch. Neben dem eben erst neu erworbenen Werk fanden sich solche über Heil- und Pflanzenkunde und Theologie, vor allem aber Konvolute mit theologischen Streitschriften, denen eine Weile sein besonderes Augenmerk gegolten hatte. Auch Briefe lagen stapelweise herum, unter anderem die seines Leipziger Mitstudenten und guten Freundes Johann Georg Böse, den es jetzt nach Soltau verschlagen hatte. Mit ihm korrespondierte er noch immer regelmäßig. Zuletzt erst hatte er erfahren, daß Böse an einem Tractat arbeitete, in dem die ursprünglich von Spener wieder aufgeworfene Frage behandelt wurde, ob Gott dem Menschen zu Lebzeiten einen diesem nicht erkennbaren Termin setzt, nach dessen Überschreitung dieser Mensch sich nicht mehr werde bekehren können. Für ihn, Alberti, war diese Frage nicht wichtig, ja er erachtete sie sogar eigentlich für recht lächerlich. So kleinlich, davon ging er aus, würde Gott schon nicht sein! Niemand aber, und am wenigsten Andreas Alberti, der seinen Böse zu kennen glaubte, konnte ahnen, daß sich der bitterböse Terminismusstreit Jahre später aus eben dieser Schrift Böses entwickeln würde, und ebensowenig, daß der Verfasser darüber sterben müßte. Tatsache aber ist, überlegte er jetzt, daß nicht der brave Johann aus Leipzig verwiesen worden ist, sondern ich, Alberti, nicht nur weil ich mich als Student der Theologie in aller Öffentlichkeit den Mitteldingen, Kartenspiel, Tanz und ein wenig auch den Frauen hingegeben habe, sondern vor allem auch, weil ich wohl als ein Anhänger des Cartesius galt! Tatsächlich hatte Alberti damals trotz eines ausdrücklichen Verbots die Privatvorlesungen des Christian Thomasius besucht, doch Böse schrieb ihm indes nicht zum ersten Mal, es könne trotzdem keine Rede davon sein, Alberti, werde verfolgt, vielmehr sei er nichts weiter als ein abgebrochener Theologiestudent, den niemand kenne und der langsam alt und eigenbrötlerisch werde, dort in der westfälischen Diaspora. Und hatte er nicht recht? Auch der Graf von Hohen-Limburg, dem er seinen Werdegang nicht vorenthalten hatte, war entschieden dieser Ansicht, ja er lachte sogar über die Blödheit eines wackeren Gelehrten, der statt im Schloß, die Einladung stehe, lieber auf einem schmutzigen Bauernhof sein Leben fristete. Aber habe ich hier nicht alle Freiheiten, dachte er immer wieder, denn wenn es auch an Bequemlichkeit mangelte, so konnte er, so lange nur seine Mittel reichten, nach Lust und Laune Gottes Welt studieren. Natürlich, er könnte die Stelle eines Informators übernehmen, irgendwo bei der weitverbreiteten Verwandtschaft des Grafen, da hegte er keinerlei Zweifel. Doch etwas hatte ihn immer zögern lassen, und nun wußte er auch warum, denn Gott hatte ihm Heinrich Daubenfüßer gesandt, einen Knaben, den er noch nie hatte lachen sehen, der aber dennoch bei aller Geselligkeit zu finden war, aufmerksam und wissbegierig im Hintergrund alles beobachtend. Manchmal sah er ihn angestrengt lesen in Arndts Wahrem Christenthum oder in dessen Paradies-Gärtlein, und er fragte sich, ob er ihm nicht ein weltliches Buch geben sollte, mit dem sich doch ebenso gut das Lesen lernen lasse. Doch Caspar von Lohensteins Werke oder diejenigen Grimmelshausens wären sicher ungeeignet, und für galante Romane, die er selbst in freien Augenblicken gern zur Hand nahm, war Heinrich zu jung. So blieben nur Arndts Erbauungsbüchlein, und das mochte dann wohl ausreichen.

Die Lektüre Heinrichs blieb also recht einseitig, so daß er sich demzufolge mit kaum etwas mehr beschäftigte als mit der Frage nach dem Teufel und dessen Erscheinung auf Erden, denn dies war notwendigerweise eines der Hauptthemen in Arndts Schriften. In jedem Fall, überlegte Heinrich, hat der Teufel viele Namen und kann in vielerlei Gestalten auftreten. Die Bauersleute und die Knechte und Mägde sprachen vom Deibel, Meister Alberti nannte ihn auch Beelzebub, Luzifer oder Antichrist. Im Wahren Christenthum wurde er meist nur Teufel oder Satan genannt, er galt für einen grimmigen Menschenfeind, so schrieb Arndt, der wie ein brüllender Löwe umhergeht und sucht, welchen armen Sünder er verschlingen könne. Der Meister hatte eine dieser Stellen vor nicht langer Zeit vorgelesen, und in allen Gesichtern war Furcht zu sehen gewesen. Erst als er eine tröstliche Stelle über das Leben Jesu vortrug, faßten sich alle wieder und gingen friedlich schlafen. Wenn nur, dachte Heinrich immer öfter, der Meister mich zum Vorleser bestimmen würde, so wäre mir leichter ums Herz, denn ihm war aufgefallen, wie gleichmütig Meister Alberti während seiner Lesungen immer blieb. Doch Heinrich wußte auch, daß der Teufel diejenigen, die sich zu sicher fühlten, heimsuchen würde, um sich in deren Herz einzunisten. Er hatte schon lange vor, den Meister wegen all dieser Dinge zu fragen, denn er fand, so sehr er auch suchte, kein Gebet für seine Schwester Cara, an die er so oft denken mußte und die ja schließlich von den Teufeln geraubt worden war. Aber auch die kleinen Teufel, so nannte Alberti sie, des Micrographia Nova, all die Fliegen und Mücken und Flöhe, beeindruckten ihn, und zwar so sehr, daß er einmal träumte, wie sie aus Wunden herauskrochen, die sich überall an seinem Leib auftaten.


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*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

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