Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman). Kapitel 5: Das Gebälk

Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel fünf:

Das Gebälk

Nachdem zu Beginn des Winters ein vom Grafen beauftragter Zimmermann das gemästete Schwein abgeholt hatte, war kein Fremder mehr auf dem Hof gewesen. Anfang Februar aber erscheinen bei einbrechender Dunkelheit drei reisende Musikanten und bitten, vor Kälte zitternd und schon ganz blaugefroren, um Unterkunft. Der Bauer hat zwar keinen Sinn für dererlei Leute, doch eine Aufheiterung mochte wohl nicht das Schlechteste sein. Vor lauter Langeweile häuften sich die Streitigkeiten in der kleinen Gemeinschaft, wie immer in den Wintermonaten. Was sollte man schon tun, wenn alles unter einer alten, festgefrorenen Schneedecke lag, abgesehen von den üblichen Arbeiten im Stall und dem Flachsspinnen. Erst gestern hatten sich zwei wutentbrannt gegenübergestanden, er mußte mit dem Knüppel dazwischengehen. Besser wäre es gewesen, das sagte er immer wieder zu seiner Frau, alle Männer, mit Ausnahme von Engelbert, nach Ablauf der Verträge Ende Oktober fortgeschickt zu haben. In den Tod wirst Du sie schicken, war von ihr eingewandt worden, und natürlich hatte sie recht, das sah er schon ein, sagte es jedoch nicht. Streit aber gab es natürlich immer nur wegen der Weiber, das wußte der Bauer, so daß er ein strenges Auge darauf hatte, daß kein Vergnügen zu weit ging. Ein wenig Musik und Tanz sollte nun aber noch angehen.

Er erlaubte den Spielleuten also mit mürrischer Miene, sich für einige Tage auf dem Hof aufzuhalten. Auch Meister Alberti, der nach wie vor stillvergnügt den lieben langen Tag über seinen Büchern saß, wenn er nicht Heinrich im Lesen und Schreiben unterrichtete, schien einer Abwechslung nicht abgeneigt zu sein. Die Musiker packten also Radleier, Fidel und Flöte aus und legten los, nachdem sie sich ein wenig am Feuer aufgewärmt hatten. Bald schon waren ein paar Lieder gefunden, die alle kannten, die Musiker, die wohl aus dem Hessischen stammten, gaben in ihrer Mundart manche Strophe dazu, was Anlaß genug war, sich halb totzulachen. Alberti beteiligte sich nicht, sondern machte sich Notizen zu den Liedern, ließ sich aber immerhin überreden, einen Krug Wein aus seinem Vorrat zu holen, was die Stimmung weiter verbesserte. Eine der drei Mägde, sie hießen alle Anna, nötigte schließlich auch den still in der Ecke hockenden Heinrich zum Tanz, und natürlich lachte man über ihn, weil er sich dumm anstellte und über die eigenen Füße stolperte. Mit hochrotem Kopf lief er unter dem Johlen der Knechte hinaus und zur Scheune, wo er hoch oben im Gebälk einen Platz hatte, den niemand kannte. Dort lag in einer Aussparung sein Messer, immer noch sein einziger Besitz, und Lindenholzstücke, aus denen er Figuren schnitzte. Er huschte also, nachdem er sich versichert hatte, daß niemand ihn sah, hinein und zog sich geschickt und schnell an einem Strick bis zum Heuboden hoch, um von da aus behände wie ein Äffchen ins Dachgebälk hinaufzuklettern. Hier war er sicher, in fast völliger Finsternis zusammengekauert auf seinem Balken sitzend. Der Schnee schimmerte ein wenig durch die Ritzen der Verschalung, von der Musik war hier kaum etwas zu hören, nur ab und an drang ein schriller Flötenton zu ihm herauf. Er ärgerte und schämte sich, beides zugleich, denn wie sollte er denn das Tanzen gelernt haben, und dann kam diese Anna und zog ihn einfach mit! Die dumme Hexe, sagte er laut, die soll sich in Acht nehmen! Einen Augenblick später drang die Musik laut in den Hof, doch wurde die Tür zum Haus sogleich wieder geschlossen. An den näherkommenden Stimmen erkannte er jetzt Anna, die ihn so bloßgestellt hatte, und die ältere Anna, die den linken Fuß ein wenig nachzog, dennoch aber von allen die fleißigste war. Jetzt bloß keinen Mucks von sich geben, dachte Heinrich, als die beiden Frauen die Scheune betraten, sonst ist es aus mit meinem Versteck. Er hielt den Atem an, doch mehr als stoßweises Keuchen der Jüngeren war aus dem Stockfinsteren zunächst nicht zu hören. Dann übergab sie sich drei oder vier Mal und würgte fürchterlich dabei. In Deinem Zustand so wild zu tanzen, hörte Heinrich dann endlich die Ältere sagen, das kann nicht gut gehen. Schweigen, doch heftiges Atmen. Meinst du etwa, fuhr sie fort, ich wüßte es nicht. Einer der Herren Kaufleute, die im letzten Sommer wegen dem Meister hier waren, hat in der Nacht die Kammer verlassen. Ich habe es gehört! Wieder Schweigen, endlich ein leises Weinen, das zu einem Wimmern wird. Ich wußte genau, hört Heinrich bald sagen, daß er zu einer von uns will, auch ich habe gewartet, leider vergebens. Ein kleines Kichern, ein Rotz-in-der-Nase-Hochziehen, dann lachen beide, leise erst, dann lauter, bis es wieder still ist. Er hat mir, sagt nach einer Weile die Jüngere mit seltsam belegter Stimme, wie ein Kater einer Katze über das Fell geleckt, bis mir ganz anders wurde, Wein hat er mir ins Loch gegossen und wieder herausgeschleckt, ganz ausgezogen hat er sich, sein Schwanz stand hart und mächtig dabei, kann ich Dir sagen. Darauf konnte man reiten, bis ins Schlaraffenland!

Heinrich wurde ganz heiß, als er das hörte. Schon war sein kleiner Pimmel hart und steif und stieß gegen das Hemd, so daß es weh tat. Das hatten natürlich die so seltsam gesprochenen Worte gemacht, die Anna gesagt hatte. Nach einer Weile, die Frauen schwiegen, wurde sein Pimmelchen wieder so, wie er immer war. Die Fut hat er mir geleckt, von oben bis unten, und die Brüste hat er gerieben und seine Rute dazwischengesteckt, kam dann aber plötzlich Annas Stimme wieder aus der Tiefe, die nun noch absonderlicher klang, ganz kehlig und rau. Schon reckte sich Heinrichs Pimmel wieder auf. Und dann, hörte er weiter, fuhr er mir in den Mund und er keuchte, so daß ich Angst bekam, der Bauer würde es hören. Bald entlud er sich, und ich mußte husten und würgen, doch er blieb bei mir, und als ich später wieder erwachte, stell Dir vor, da stak er schon in mir drin und entlud noch einmal. Pause. Ja, und bald, sagte die ältere Anna leise, kommt der Herr Kaufmann an der selben Stelle als ein neuer Mensch wieder heraus! Nun drang wieder Weinen und Schluchzen zu Heinrich herauf. Der Bauer wird mich, hörte er noch, vom Hof jagen, sobald er’s sieht, und wenn’s der Bauer nicht tut, dann tut’s die alte Hexe, wirst schon sehen. Schließlich gingen die beiden Annas zurück ins Haus, immer noch wurde musiziert, während Heinrich auf seinem Balken saß und darauf wartete, daß sein Pimmel wieder so würde wie immer, denn diesmal war er steif geblieben. Vielleicht, überlegte er ängstlich, bräuchte es dafür so eine Art Gegenzauber.

Von nun an richtete sich, wann immer er an diese Worte dachte, sein Pimmel auf, steil nach oben, steif wie ein Ast. Auf seinem Balken liegend betastete er dieses Wunder in der folgenden Zeit so oft er konnte, denn hier in der Scheune gelang es am besten, hier waren die Worte gesprochen worden. In Gedanken hörte er die Stimme Annas geheimnisvoll aus der Dunkelheit, er konnte sich an sich selbst erinnern, heiß glühend in eiskalter Nacht im Gebälk der Scheune. Irgendwann kam ihm die Idee, sich mit dem steifen Pimmel auf den Bauch zu pinkeln, aber mehr als ein paar Tropfen wollten, trotz aller Anstrengung, nicht herauskommen. Er wußte aber, daß es da ein Geheimnis geben mußte, was diese Sache betraf, doch wen hätte er fragen sollen, und mit welchen Worten? Natürlich, er hätte Anna, überlegte er, die bald schon mit einem dicken Bauch über den Hof schlich und nur noch sitzend arbeitete, darauf ansprechen können, doch würde er damit nicht den Zauber zerstören, denn ihre Worte waren ja noch in seinem Kopf. Er würde, nahm er sich schließlich fest vor, von selbst hinter all das kommen.

Meister Alberti ging Ende März, als das Wetter milder wurde, auf Reisen, er hatte sich endlich dazu durchgerungen. Es zog ihn nach Amsterdam, um, wie er sagte, die neuesten Bücher der Wissenschaft zu sehen und zu studieren. Das war nicht gelogen, doch der Hauptgrund lag in der zunehmenden Langeweile, die ihn immer mehr einzwängte und ihm oft sogar das Lesen vergällte. Böse, sein guter Freund, mochte schon recht haben mit der Einschätzung seiner Lage. Ich bin also, sagte sich Alberti, nichts weiter als ein verkrachter Student, ein unbeschriebenes Blatt, und wer weiß, vielleicht würde er sogar in Leipzig freundliche Aufnahme finden. Doch ihn zog es zum Meer, zu den Häfen, zu Menschen aller Herren Länder, mit denen interessantere Gespräche möglich waren. Die Oberaufsicht über die wenigen verbliebenen, für ihn selbst unwichtigen Bücher gab er Heinrich, außerdem drückte er ihm ein handschriftliches Glossar in die Hand, das er einmal in Leipzig bei einer Haushaltsauflösung billig erworben hatte und das die deutschen Worte für zwei- oder dreihundert lateinische Begriffe alphabetisch auflistete. Das war sein Abschiedsgeschenk an den Jungen. So würde er eine Art von Besitz haben. Er hatte ihm wie einem Mann all seine Beweggründe genannt, selbst wenn Heinrich es nicht wirklich begriff, hatte ihm von Breslau und auch von Leipzig gesprochen, wo er wohl ebenso gut hätte hingehen können, doch seine Wahl sei nun mal auf Amsterdam gefallen, auch, und da knuffte er dem Jungen in die Seite, der hübschen Frauen wegen, denn schließlich konnten ja wohl nicht nur die im Osten die schönsten sein. Heinrich nickte nur ernst und ging dann ohne Gruß hinaus. Ein seltsamer Vogel ist das, dachte Alberti und packte weiter seine Habseligkeiten, doch mit ein wenig Glück und Gottes Hilfe bringt er es zu einer guten Stellung.

Als das Pferd, eine Gabe des Grafen, nun gesattelt und alles Gepäck aufgebunden war, sah sich Alberti nach Heinrich um, er wollte sich in aller Form verabschieden, doch der Junge war nicht zu sehen. Sicher hockt er in irgendeinem Versteck, dachte er, und beobachtet meine Abreise. Und tatsächlich saß Heinrich oben im Gebälk und sah durch einen Spalt, wie der Meister Alberti mit den Bauersleuten sprach, auch mit der schwangeren Magd, der er zum Abschied die Hand auf die Stirn legte, die über und über mit Flecken besprenkelt war. Dann zog er mehrmals kräftig an den Zügeln, um das nervöse Pferd zu beruhigen, und ritt schließlich, ohne sich noch einmal umzuwenden, langsam davon. Heinrich ahnte, daß sein Lehrer nicht zurückkommen würde. Die Reise wird ihn über Osnabrück nach Amsterdam führen, das hatte er ihm gesagt, und dann wird er wohl, dachte Heinrich, weiterreisen in fremde Länder, über das Meer nach America, in eine andere Welt.

Wie gewöhnlich wurde das Leben auf dem Hof im Frühjahr wieder lebhafter, es stand viel Arbeit an. Der Daubenfüßer wurde rangenommen wie all die anderen, er sei ja nun beileibe kein Kind mehr, wurde ihm gesagt, er müsse sich schon sein Brot verdienen. An Sonntagen aber las nun er, nach der Abreise Albertis, allen vor, denn jetzt war Heinrich der einzige Mensch auf dem Hof, der überhaupt ein wenig lesen konnte. Der dritte Prediger von St. Viktor hatte ihm erst kürzlich die richtigen Stellen aus dem Paradies-Gärtlein aufgezeigt, als er auf einem Botengang in Schwerte war. Das Buch hatte er heimlich mitgenommen, niemand durfte es merken, denn es war, von den wenigen, die Alberti zurückgelassen hatte abgesehen, das einzige Buch auf dem ärmlichen Bauernhof und wurde in der Stube, in die die Bauersleute jetzt wieder ihre Butze eingebaut hatten, auf dem Wandbrett verwahrt, neben allerlei Gegenständen wie kleinen Holzkreuzen, einer Holzperlenkette und was der Dinge mehr sind, denen eine Bedeutung zugeschrieben wird. Am meisten wunderte sich Heinrich aber über die zwei Puppen aus Leder, ganz nackt und bloß, die nebeneinander auf dem Bord saßen und mit Glasaugen in die Welt schauten.

Eines Tages war Anna verschwunden. Einige hatten sie noch am frühen Morgen gesehen, wie sie breitbeinig zum Brunnen watschelte und Wasser holte. Mit Einbruch der Nacht, die Schweine waren eben wieder in ihren Ställen, traf man sich am Feuer, aß seinen Brei und trank Bier. Niemand sprach. Schließlich stand der Bauer auf, holte das Buch und drückte es Heinrich wortlos in die Hand, auch wenn er wußte, daß es seiner Frau nicht recht war, daß nun der Daubenfüßer vorlas, jetzt, wo Meister Alberti abgereist war und wohl auch nicht zurückkehren werde. Doch es war eine schöne Gewohnheit und auch ein willkommener Trost geworden, sonntags und eben auch gelegentlich am Ende eines mühsamen Tages ein christliches Wort zu hören. Warum ausgerechnet das Hurenbalg, dieser Tunichtgut, das Lesen hatte lernen dürfen, konnte allerdings nur Gott wissen, das dachte auch der Bauer, doch Gott sei Dank ist er wenigstens getauft, das jedenfalls hatte ihnen der erste Prediger von St. Viktor gesagt, den sie einmal bei Gelegenheit befragt hatten, auch wenn es womöglich eine Nottaufe gewesen war. Eben daran mußte auch die Bäuerin jetzt denken, wie sie ihn mit dem Buch in der Hand ansah, und daß doch sein Vater ein welscher Hurenbock ist und die Mutter eine Hure. Doch warum las er denn jetzt nicht, diese Ausgeburt der Hölle? Doch nicht etwa, überlegte sie, ihn scharf ansehend, weil diese Anna fort ist, das Miststück? Alle blickten jetzt zu ihm hin und warteten, doch Heinrich blätterte in aller Seelenruhe das Buch durch, denn er suchte eine Stelle, die er einmal zufällig aufgeschlagen und gelesen hatte. Er war ganz sicher, sie würde passen zu Anna mit ihrem dicken Bauch. Endlich fand er die Stelle, las sie still für sich, und da raste sein kleines Herz plötzlich wie ein galoppierendes Pferd, doch er mußte das jetzt vorlesen, er konnte nicht anders. Siehe, begann er angestrengt, er mußte die Worte geradezu mit Gewalt hinauspressen, siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn, und Leibesfrucht ist ein Geschenk. Weiter kam er jedoch nicht, denn die Bauersfrau sprang auf, riß ihm das Buch aus den Händen und spukte ihm ins Gesicht. Hurensohn bleibt Hurensohn, schrie sie mit haßerfüllter Stimme, die hinten im Rachen zu brechen schien wie ein trockener Ast, Du bist des Teufels, ja, des Teufels! Auch der Bauer funkelte ihn mit ängstlich kleinen Augen an, murmelte aber nur sein ewiges Satansbraten und nahm ihm das Buch aus den Händen. Schweigend ging man auseinander.

Den Juli und fast den ganzen August regnete es nahezu ununterbrochen. Weder Emmer noch Hirse waren zu retten, die Sensen lagen lange unbenutzt herum. Die Bauersfrau gab dem Daubenfüßer, den Huren auf dieser Welt und dem Deibel persönlich die Schuld für den Ernteausfall. Sie fluchte und jammerte fortwährend vor sich hin. Als es endlich Ende August klar und trocken wurde, war es zu spät, auch wenn nun Tag und Nacht gearbeitet wurde. Ein Großteil der Ernte war verdorben, so oder so, und wo sonst mehrere Dutzend Garben aufgestellt waren, fanden sich in diesem Jahr nur ganz wenige. Es war ein Elend und alle litten darunter. Zu allem Überfluß erschien an einem Abend Anfang September bei einbrechender Dämmerung der Graf von Hohen-Limburg höchstselbst auf dem Hof. Mit ihm kam ein pockennarbiger Riese auf einer alten Mähre. Der Graf ritt standesgemäß, wenn auch ein wenig schwankend und mit schiefsitzender Perücke. Er hatte auf jedem seiner Höfe feststellen müssen, daß das Getreide noch nicht eingebracht worden war, doch auch wenn er wußte, daß dafür allein das kalte und regnerische Wetter verantwortlich ist, wurde seine Laune doch übler und übler, denn wie sollte er nun seine Schulden begleichen, fragte er sich. Seit gestern hatte er nicht weniger als sieben Bauern ordentlich verdroschen. Er selbst schlug immer nur ins Gesicht, was sollte er mit einem Bauern beginnen, dem die Knochen entzweigeschlagen worden waren, doch das pockennarbige Ungetüm, Knu mit Namen, dem Zunge und Ohren fehlten, hielt sich in seiner Einfalt nicht an diese Regel. Er war der Mann fürs Grobe, den man vorbeischicken konnte, wenn alles Verhandeln oder Drohen nichts half, oder wenn mal wieder klar gemacht werden mußte, wer Herr und wer Untertan ist. Das war nun mal eine alte Sitte, die sicher nie aussterben wird.

Der Graf schimpfte laut auf das faule Pack, blieb aber diesmal hoch zu Pferd, trank Wein aus der Flasche und sah zu, wie Knu, der ebenfalls ziemlich betrunken war, über den Hof lief, in die Scheune und die Ställe und auf alles eindrosch, was ihm in den Weg kam. Auch die Bauersfrau bekam einige Hiebe ab. Schlagt nicht mich, rief sie in ihrer Angst, schlagt das Franzosenbalg, den Hurensohn, er hat alle Schuld. Nur die Hunde, die wie wild bellten, ließ er in Ruhe. Heinrich saß derweil im Gebälk der Scheune und hörte das Schreien und das Krachen der Knochen, so als geschähe da etwas in einer fernen, anderen Welt. Am Ende war das Einbringen der Ernte noch unmöglicher geworden, sie verrottete auf dem Feld. Nur die beiden verbliebenen Annas und Engelbert hatten sich rechtzeitig verstecken können und waren wie Heinrich unversehrt geblieben.

Es gingen zwei, drei Jahre ins Land. Heinrichs Kräfte wuchsen zusehends. Außerdem war er der einzige, der mit gutem Erfolg Lachse aus der Ruhr fischen konnte, ohne dabei zu ertrinken. Manche sagten sogar, er könne schwimmen wie ein Fisch. So wurde er nach und nach unentbehrlich. Eines schönen Sommertags jedoch trat er, schwer beladen, in ein Loch und verstauchte sich den linken Fuß. An Arbeiten war nicht zu denken, das Geschrei war groß. Die Bäuerin sagte zwar immer wieder, da hat er ja nun seinen Klumpfuß, der Deibel, doch auch sie wußte, daß Heinrichs Arbeitskraft bitter fehlen würde. Der lag inzwischen auf seinem Strohsack und las alles, was Meister Alberti damals zurückgelassen hatte, selbst ein Buch über das Rechnen. Einige Bücher las er sogar mehrmals, denn sein Fuß war auch nach zwei Wochen noch steif und geschwollen und dabei noch immer dunkelblau, trotz allerlei Einreibungen. Ein Medicus aus Schwerte sah sich die Sache an, verschlang eine ausgedehnte Mahlzeit, ordnete jedoch nichts weiter an. Wird schon, sagte er immer wieder und empfahl sich, satt und munter, wird schon werden, immer fleißig einreiben und den Fuß hochlegen. Doch es wurde nicht besser, ganz im Gegenteil, denn wenn auch die Schwellung leicht zurückging, so wurde der Fuß von Tag zu Tag unbeweglicher. Schließlich waren über drei Wochen seit dem Fehltritt vergangen, als gegen Abend die Hunde anschlugen und ein jüdischer Krämer, ein kleines Männlein in einem alten, braunen Rock, auf dem Hof erschien. Den leichten zweirädrigen Karren, auf dem sich eine Art Kommode mit kleinen Schubfächern befand, zog er selbst, was ihm einige Mühe bereiten mußte. Sicherlich hätte der Bauer ihn vom Hof gejagt, wäre da nicht die Sache mit Heinrich gewesen. Er trat also freundlich auf ihn zu, wünschte ihm einen guten Tag und führte ihn umstandslos zu Heinrich, damit er sich den Fuß einmal ansehe. Bald jedoch tauchte die Bauersfrau, die den Karren gesehen hatte und der Übles schwante, im Kabuff auf, starrte den alten Mann mit offenem Mund an und begann, ihn mit sich überschlagener Stimme zu beschimpfen, die Juden hätten den Heiland getötet, vertilgen sollte man die Brut, doch weiter kam sie nicht, denn der Bauer verabreichte ihr ohne Vorwarnung eine schallende Ohrfeige und beförderte sie mit einem Tritt in den Hintern hinaus. Schimpfend zog sie von dannen und der Jude staunte. Das hatte er seinen Lebtag noch nicht gesehen, sowas. Lag es nun an dieser Ohrfeige oder daran, daß der Krämer einfach helfen wollte, jedenfalls winkte der Alte den Bauern nah an sich heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Heinrich verstand alles, sein Gehör war scharf wie nie, seit er in diesem Verschlag liegen mußte. Wenn es denn hilft, dachte er, soll es mir recht sein, denn für immer einen steifen Fuß zu haben, war keine schöne Aussicht. Der Medicus aus Schwerte hatte sogar davon gesprochen, den Fuß gegen einen kleinen Obolus, das verstehe sich von selbst, abschneiden zu können, wenn es wirklich nicht besser würde damit, denn das helfe immer. Dagegen war die Heilungsmethode des alten Krämers eine wirklich gute Aussicht!

Der Bauer nahm die Sache sofort selbst in die Hand. Er stiefelte los, stampfte quer über den Hof, ging ins Haus, lief auf der Tenne an den jetzt im Sommer leeren Buchten vorbei und verschwand schließlich in einer der kleinen Kammern vorne am Haupttor. Schwer atmend horchte er noch eine Weile in das stille Haus hinein, dann räumte er eine Kiste mit zerbrochenem Werkzeug zur Seite, zog eine weitere, kleinere Kiste hervor und entnahm ihr eine schöne, große, dicke Blutwurst, um schließlich an der Feuerstelle im Hinausgehen einen schweren Ast zu greifen und wieder in den Hof zu treten. Die beiden Wachhunde, die schnell wie der Wind auftauchten und an ihren Leinen zerrten, vertrieb er mit Tritten, doch als ein vor einiger Zeit zugelaufener Rüde langsam, zögernd und aus schlechter Erfahrung ganz mißtrauisch dreinblickend näher heranschlich, hielt er den Leckerbissen etwas tiefer. Er ließ die Wurst fallen. Nun ging alles ratzfatz, denn bevor der Hund die Wurst auch nur im Maul hatte, traf ihn ein Keulenhieb, Heinrich und der Jude hörten das Jaulen deutlich, ihre Blicke trafen sich, dann noch ein Hieb und der Hund war tot. Kurz darauf erschien der Bauer mit dem Kadaver, den er mit einer Hand von sich gestreckt hielt, im Kabuff. Er reichte dem Juden generös die Wurst, der sie jedoch, einen Schritt zurücktretend und die Hände hochreißend, entsetzt ablehnte. Achselzuckend steckte der Bauer sie wieder ein, umso besser, dann behalte ich sie, dachte er, und legte den Hund neben Heinrich. Der Schädel des Tieres war komplett zertrümmert, ein Auge blickte Heinrich triefend und halb heraushängend an. Niemand sprach ein Wort. Nun hieb der Bauer sein Messer mehrmals in den Brustkorb des Hundes, bis ein großes, blutiges Loch entstanden war, das er, hineingreifend und kräftig ziehend und zerrend, so daß es ordentlich knackte, noch vergrößerte. Ohne Erstaunen sah Heinrich zu und steckte endlich auf Geheiß des Krämers, der dem Prozedere lächelnd zugesehen hatte, seinen kranken Fuß so weit es ging in den Kadaver. Er schrie auf vor Schmerz, dann aber steckte der Fuß bis über dem Knöchel in Blut und Eingeweiden. Der Bauer nahm das alte Männlein nun beim Arm und führte es hinaus. Zum Dank kaufte er ihm ein paar Tinkturen ab, die ja vielleicht sogar helfen mochten. Wer konnte das schon wissen?

Heinrich machte es sich derweil wieder bequem. So ein herrliches Gefühl, das wußte er sofort, würde er sicher nie wieder erleben! Und war der Fuß nicht schon besser? Bald schlief er vollends ein und träumte, wie er sinnlos über den Hof lief, einfach hin und her, vom Haus zur Scheune und von der Scheune zum Stall, vom Stall zum Haus und von da zur Scheune und immer so weiter. Als er aufwachte, war er völlig erschöpft und rang nach Luft. Sein Fuß steckte immer noch in dem toten Hund, der langsam kalt wurde.

Nach der wundersamen Heilung, Heinrich sprang nach wenigen Tagen tatsächlich herum wie ein Hitteken, wuchs der Unwille der Bauersfrau immer mehr an. Es war ihr suspekt, daß der Junge nicht von einem christlichen Arzt geheilt worden war, sondern von einem jüdischen Quacksalber. Sie glaubte jetzt umso mehr, Heinrich habe nachts Umgang mit dem Teufel und bespringe die Mägde, von denen jetzt vier auf dem Hof waren, die beiden verbliebenen Annas und die Schwestern Margarethe und Tine, die kurz vor Einbruch des Winters von Verwandten aus dem Norden hergeschickt worden waren. Die Ankunft der Mädchen, die etwas jünger als Heinrich waren, hatte ihn natürlich in gehörige Aufregung versetzt, denn er war ja nun endgültig dem Kindesalter entwachsen. Seine Eier baumelten in einem ansehnlichen Hodensack, seinen Schwanz konnte er auf Kommando aufrichten, und wenn er es nicht mehr aushielt, so kletterte er in sein Gebälk und rieb sein Gestänge, bis der Saft herausspritzte. Schon länger kannte er den Gegenzauber, es war ganz einfach gewesen, das herauszufinden. Mit dem Teufel jedoch hatte er noch keine Bekanntschaft gemacht, und das hatte er auch nicht vor, da konnte die Bäuerin krakeelen wie sie wollte. Die beiden jungen Mädchen aber beobachtete er, ohne es sich anmerken zu lassen, denn er begriff instinktiv, daß ein offen zur Schau gestelltes Interesse nicht zum Ziel führen würde, ein vermeintliches Ignorieren der weiblichen Reize seine Chancen aber erhöhte. Zwar hatte er von den Knechten einige tolldreiste Geschichten gehört, je betrunkener sie waren, desto ausschweifender ihre Erlebnisse, doch stieß die allzu grobe Art ihn eher ab, als daß es ihn befeuerte. Immerhin war er nun alt genug zu wissen, was er wollte.

Heinrich und die anderen verstanden die ersten Monate kaum ein Wort von dem, was Tine und Margarethe sagten, wenn sie zusammenkluckten. Sie kicherten viel, und manchesmal ging ein Knecht oder eine der beiden Annas lautstark dazwischen, damit die Arbeit getan wurde. Heimweh war wohl der Grund dafür, daß sie so oft wie möglich in ihrer eigenen Sprache sabbelten, eine Mischung des Plattdeutschen ihres Dorfes mit eigenen Ausdrücken, die sonst niemand kannte. Je öfter sie aber mit anderen zusammenarbeiteten, desto mehr befleißigten sie sich einer für alle verständlichen Ausdrucksweise. Gegenüber Heinrich blieben sie allerdings wortkarg, vor allem Tine, die ihn meist nur mit ihrem Silberblick ansah, anstatt etwas zu sagen.

Eines Abends, ein gutes halbes Jahr nach ihrer Ankunft, saßen Tine und Margarethe an der Feuerstelle, und zwar aus dem selben Grund wie alle anderen. Einer der älteren Knechte, Engelbert, hatte zu seinem Namenstag Wein herangeschafft. Seinen Geburtstag kannte er nicht, und so feierte er eben einfach immer am 10. April, am Tag des Engelbert von Eggersdorf, der, so hatte ihm ein Prediger einmal erzählt, ein großer Mann gewesen sei. Auch die Bauersleute ließen sich nicht lumpen, so daß es am Ende mehr zu trinken als zu essen gab. Heinrich beobachtete das Treiben wie immer aus sicherer Entfernung, eine kalte Pfeife im Mund. Besonders die beiden Mädchen behielt er im Auge, denn womöglich ergab sich heute eine Gelegenheit, sie zu belauschen, um so das ein oder andere Geheimnis zu erfahren. Oder vielleicht würde es ihm sogar gelingen, eine der Beiden allein zu treffen! War man mit einem Mädchen erst einmal allein, das hatte er oft sagen gehört, konnte so manches geschehen. Doch noch saßen sie ein wenig abgesondert in der Nähe der Tür und blickten gelangweilt um sich. Während aber die Männer bald schon lauthals Geschichten erzählten, worüber selbst die beiden Annas und die Bäuerin lachten, bemerkte Heinrich, wie Margarethe und Tine sich langsam und wie zufällig weiter zur Tür bewegten. Schließlich schob Margarethe ihre Schwester in einem günstigen Augenblick hinaus ins Freie und folgte ihr. Niemand außer Heinrich hatte etwas bemerkt, und selbst wenn, auf diese beiden Trantüten konnte man schließlich gut verzichten. Heinrich machte einen Bogen um die Feiernden und öffnete die Tür einen einen Spalt breit. Die Mädchen standen noch draußen im hellen Mondlicht, es war Vollmond, und sprachen miteinander, doch im allgemeinen Lärm war kaum mehr zu verstehen als einige Wortfetzen, selbst für Heinrich mit seinem guten Gehör. Nur daß sie zum Fluß wollten, das hatte er herausgehört. Kurz entschlossen ging er zurück und setzte sich wieder an seinen Platz – lange würden die Beiden ohnehin nicht fortbleiben, überlegte er, bei der Kälte.

Nach drei Bechern gesüßtem Wein, Engelbert füllte allen immer wieder nach, dachte Heinrich wohl noch an die Mädchen, aber irgendwie kam er nicht hoch, trotz einiger konzentrierter Versuche. Eine der beiden Annas, die ältere, humpelte zwar immer wieder zu ihm herüber und reichte ihm die Hand, ihn hochzuziehen, ließ aber im letzten Moment immer wieder los, was die ganze Bande überaus zu amüsieren schien. Heinrich sah nur noch grinsende Mäuler, die um ihn herumsprangen. Zu allem Überfluß setzte sich die andere Anna dann auch noch auf seinen Schoß und hoppelte auf ihm herum. Sogar die Bauersfrau lachte, mit dem Oberkörper hin- und herwackelnd, ja überhaupt lachte hier plötzlich jeder. Dann sangen die Knechte ein Lied, sicher etwas Anzügliches. Heinrich verstand kein Wort. Schließlich nickte er weg, kam aber wieder zu sich, als eine der beiden Annas, er konnte sie jetzt nicht mehr auseinanderhalten, ihm einen Becher Wein an den Mund setzte und so lange kippelte, bis er alles geschluckt hatte. Dabei sagte sie immer wieder Komm, mein Kleiner, schön trinken, du willst doch an meine Päppe, das seh ich dir an, bis ein Knecht sie fortzog. Einer spielte bald mehr schlecht als recht auf seiner Flöte, ein anderer stimmte ein, aber auch wenn Heinrich die Augen zusammenkniff, konnte er nicht erkennen, wer das war. Alles sprang nun auf, es wurde gesungen und wild getanzt, man jagte die Tenne zwischen den Ställen hinauf und hinunter.

Um hinaus ins Freie zu gelangen, langsam wurde ihm schlecht, blieb ihm schließlich nichts anderes mehr übrig, als hinauszukriechen. Er schaffte es gerade eben noch, da brach es in einem Schwall aus ihm heraus, er würgte noch ein paar Mal, dann schlief er direkt in seiner Kotze ein. Als ein Knecht, der nur noch lallte, neben ihm stand und pinkelte, wachte er auf. Komm rein, Daubenfüßer, brachte er heraus, die Bauersleut sind in tiefem Schlaf, doch er ließ Heinrich einfach liegen. Wein mit Katzenkraut, sagte er noch und kicherte, bis er wieder in der Tür verschwunden war. Endlich, von drinnen war immer noch Gekreisch und Gepolter zu hören, gelang es Heinrich, schon ganz durchfroren, auf die Beine zu kommen. Ihm schwindelte, am Himmel rasten die Wolken am Mond vorbei, als sei dort oben ebenso viel los wie hier unten. Die Mädchen sind sicher noch unterwegs, dachte er, aber an eine Verfolgung war jetzt natürlich nicht mehr zu denken. Er schleppte sich bis zur Scheune und kletterte dann mit einiger Mühe die Leiter zum Heuboden hinauf. Schwer atmend ließ er sich in das alte, unangenehm riechende Heu fallen. Durch die offenstehende Luke übergoß ihn der Mond mit Licht. Was hatte der Knecht gesagt, Wein mit Katzenkraut? Hatte man wohl den Bauersleuten eingetrichtert. Ihm reichten jedenfalls die drei oder vier Becher Wein, die er intus hatte, er konnte sich kaum noch rühren, schlafen wollte er, nur noch schlafen, doch da hörte er die Stimmen von Tine und Margarethe. Das sie ihn bloß nicht so fänden! Neue Kräfte erwachten in ihm. Kurz darauf fand er sich, als sei er am Schlafittchen gepackt und hinaufgeschleudert worden, im Gebälk an seinem Platz wieder. Kaum oben sah er durch einen Schlitz zwischen den Brettern die Mädchen, die auf dem Hof im hellen Mondlicht standen und sich beratschlagten. Auch sie mußten es sich im Heu bequem machen, wollten sie nicht in die Stube zu der lärmenden Meute. Noch standen sie zögernd draußen, endlich aber kamen sie herein. Sie flüsterten miteinander, als flöße ihnen dieser banale Ort Ehrfurcht ein, und vielleicht war das auch so. Bald aber schwiegen sie und kletterten die Leiter hoch. Sicher, denkt Heinrich, wollen sie aus lauter Angst nicht hinein in die Stube. Im Mondlicht waren sie jetzt gut zu erkennen, links lag die kleine Margarethe, rechts, ein Stück von ihr entfernt, Tine, genau unter ihm im Heu. Fast schien es, als sehe sie ihn mit ihrem Silberblick lächelnd an, doch das konnte nicht sein. Hier oben ist es schwarz wie die Hölle, dachte er.

Heinrich zuckt heftig zusammen. Er muß wohl eingenickt sein. Sterne blitzen vor seinen Augen, ihm schwindelt. Stürzte er ab, so würde er sich das Genick brechen. Ich muß sofort nach unten, denkt er. Vorsichtig stellt er den linken Fuß auf den Balken, er kannte hier jeden Tritt, läßt sich dann ein Stückchen hinunter, um mit dem rechten Fuß Halt zu finden, es gelingt, er atmet tief durch, dann wieder den linken Fuß, so mußte es gehen, der rechte, der linke, doch dann tritt er plötzlich und unvermutet ins Leere und stürzt. Warum er nicht auf Tine fiel, sondern neben ihr ins Heu, glaubte Heinrich sein Leben lang Gott verdanken zu müssen – einmal hilft Gott jedem Menschen, und zwar dann, wenn er es am wenigsten verdient. Tine jedenfalls erwacht, schreit aber nicht, sondern sieht ihn, wie er da mondbleich liegt, nur sonderbar an, wie eine Erscheinung. Na, du Düwel, sagt sie nach einer Weile ganz langsam, unterwegs, die Weiber zu bespringen? Sie ist betrunken, das merkt Heinrich sofort. Sicher haben sie Wein gestohlen, deswegen wollten sie unbedingt fort, denkt Heinrich, und da grabscht Tine auch schon nach ihm, fährt ihm durchs Haar, preßt den Mund auf seinen und fingert wild an ihm herum. Margarethe schnarcht ein paar Schritte entfernt wie eine Alte. Komm, lallt Tine, tu es mit mir, wie du es mit den anderen getan hast, und noch bevor Heinrich sich versieht, fährt Tines Hand in seine Hosen und greift nach seinem Schwanz. Heinrich sieht im Licht des Mondes nur noch Einzelheiten, kleine Besonderheiten in Tines Gesicht, ein schiefer Zahn, ein Pickel am Kinn, die Nase, grinsend schielt sie ihn an. Dann zieht sie seine Hosen mit einem Ruck herunter und hat ihn in der Hand, umgreift ihn fest wie einen Stock, läßt ihn aber sofort wieder los. Heinrich keucht, er muß aufpassen, gleich schießt der Saft heraus, ja, aufpassen muß er, das sagt er sich. Es gelingt ihm mit Mühe, indem er tief ein- und ausatmet, während Tine auf das Gerät starrt, das sie bloßgelegt hat. Es bewegt sich, lallt sie, wie ein Tier, guck mal. Sie schaut zu Margarethe hinüber, doch die schläft tief und fest. Heinrichs Herz bollert wie wild, er weiß nicht, was er tun soll, und auch Tine ist jetzt unentschlossen und rückt ein wenig von ihm ab. Margarethe schnarcht weiter. Endlich aber kommt Tine wieder ein kleines Stück näher, Heinrich regt sich nicht, wie festgeschmiedet liegt er dort. Ihm sausen die Gedanken nur so im Kopf hin und her, fast glaubt er ohnmächtig zu werden. Dann ist Tine plötzlich nackt. Sie hat winzige Titten, sie sieht aus wie ein Skelett, das denkt er irgendwie, dann springt sie mit einem Satz, wie von der Tarantel gestochen, auf ihn, greift unter sich und führt nach einigem Gestochere, bei dem sie laut stöhnt, seinen Schwanz ein. Ein paar ungelenke Bewegungen, kaum hat er ihre Titten in der Hand, schon spritzt es aus ihm heraus. Tine verzieht den Mund, ja das ganze Gesicht wird zu einer einzigen Grimasse, dann gibt sie einen unartikulierten Laut von sich und fällt, wie ohnmächtig, zur Seite. Blöde grinst sie ihn an. Du Deibel, sagt sie, Deibel, dann rollt sie sich, ohne sich das Kleid überzuwerfen, zu einem Knäuel zusammen. Nach wenigen Augenblicken schnarcht sie im selben Rhythmus wie Margarethe. Heinrich zieht sich die Hosen hoch, klettert hinunter und tritt auf den Hof. Alles liegt in einem bleichen Licht, der Mond steht majestätisch inmitten einer Unzahl von Sternen am Himmel, keine Wolke ist zu sehen, nichts ist zu hören. Es herrscht völlige Stille.


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*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

Hinweis: Das Copyright © und alle denkbaren Rechte an „Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache“ liegen weltweit und darüber hinaus bei Norbert W. Schlinkert. Das Kopieren des Textes oder einzelner Teile ist ausschließlich für den privaten Gebrauch gestattet, sonstige Be- und Verarbeitung und eine Verbreitung in welcher Form und mittels welcher Medien und Techniken auch immer ist unter keinen Umständen gestattet.

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