Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman). Kapitel 6: Cara

Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel sechs:

Cara

Daß nur kein Schnee fällt, dachte Cara, so spät im Winter noch. Sie ging in einem großen Bogen um die mit einer dünnen Eisschicht bedeckten Pfützen und kam so nur langsam vorwärts, selbst auf dieser Hochebene. Gestern hatte ihr eine Frau, die im Wald Brennholz sammelte, den Weg in diese Richtung gewiesen und gesagt, es sei nicht mehr weit. Auf die Frage, ob sie bei ihr übernachten könne, hatte sie geantwortet, sie habe zwei Söhne im Haus. Etwas in der Art hatte sie oft gehört, und wenn ihr auch der ein oder andere in den letzten Wochen seine Hilfe nicht versagt hatte, so war sie doch immer in Gefahr, des nachts zu erfrieren, wenn ihr niemand Obdach bot, einer jungen, schwangeren Frau, die sich mitten im Winter von Ort zu Ort schleppte, oft ohne zu wissen, ob sie auf dem richtigen Weg ist. Zunächst hatte sie, als man ihr die Schwangerschaft schließlich doch ansehen konnte, darauf vertraut, nun eher Hilfe zu bekommen, doch das Gegenteil war eingetreten, so daß sie versuchte, es zu kaschieren. Zum Glück war sie dann gestern noch auf die halbverfallene Hütte eines Köhlers gestoßen. Dort hatte sie ihre letzten beiden Äpfel gegessen, war schließlich eingeschlafen und nach wenigen Stunden Schlaf auch wieder aufgewacht, wofür sie Gott immer wieder dankte, selbst wenn es ihr noch so schlecht ging.

Warum nur war sie ohne ein Wort aus Breslau fortgegangen und hatte den weiten Weg nach Schwerte auf sich genommen? Das fragte sie sich immer und immer wieder. Der eigentliche, der letztlich ausschlaggebende Grund war am Ende, nachdem ihr so Schreckliches in Breslau geschehen war, wohl der, daß ihr der kleine Heinrich immer öfter in den Sinn kam. Sie hatte sein Bild vor Augen gehabt, wie er am Rockzipfel der Mutter hing, so hilflos und noch so klein, damals. Und dann war sie einfach fortgegangen, von einem Moment zum anderen, einfach nach Westen, der Straße nach, Richtung Dresden und Leipzig. Ihr Brot aber, das wurde ihr bereits in den ersten Tagen klargemacht, mußte sie, wenn eben niemand mit einem christlichen Sinn ihr half, wohl auch durch Hurerei verdienen, denn manch ein Wirt oder Kutscher war ganz und gar nicht bereit, ihr aus christlicher Nächstenliebe zu helfen. Nicht einer Hure, für die viele sie hielten. Sie hätte doch besser im acoluthschen Haus und bei Adam bleiben sollen, überlegte sie mehr als einmal, doch sie kehrte nicht um.

Gegen Abend lag, nachdem sie lange durch einen Wald bergab gegangen war, Schwerte mit dem schiefen Turm von St. Viktor vor ihr, jenseits der Ruhr, kaum zu erkennen im abnehmenden Licht. Blaß erschien der zunehmende Mond am Himmel. Sie überquerte die hölzerne Brücke und schleppte sich auf dem matschigen Weg erst zum Brücktor, das bereits geschlossen war, und dann einmal um die ganze Stadt. Vielleicht, dachte sie, habe ich Glück und jemand nimmt mich auf seinem Wagen mit hinein. Würde sie dann jemand fragen, überlegte sie, ob sie die Tochter Dorothea Holzkötters sei, so würde sie nein sagen. Doch natürlich nahm sie niemand mit, mehrere Wagen rumpelten vorbei, kaum daß sie überhaupt beachtet wurde. Ein Kutscher hielt seine Laterne in ihre Richtung und sah sie kurz an, fuhr aber weiter. Sie mußte also ohne fremde Hilfe eine Möglichkeit finden, an einem der Torwächter vorbeizukommen, gleich wie, denn sie war hungrig und erschöpft wie noch niemals in ihrem Leben, jetzt, im Angesicht des Ziels ihrer langen Reise. Welcher Teufel hatte sie nur hierhergebracht? Zwei Mal war sie unterwegs aufgefordert worden, als Magd zu bleiben, einmal sprach sogar ein Prediger mit ihr, doch sie traute niemandem über den Weg, weder denen, mit denen sie es treiben mußte wie die Hunde es tun, noch jenen, die schöne Reden im Mund führten. Sie wollte zu Heinrich, das sagte sie auch, zu ihrem kleinen Bruder nach Schwerte wollte sie, und je näher sie kam, desto mehr Menschen kannten die Stadt, verzogen aber meist den Mund und sagten, dort sei es naß und sumpfig und die Menschen schäbig und dumm, ja sogar hinterhältig und verschlagen. Außerdem, wer sagte ihr, daß ihr Bruder dort noch lebe, daß er überhaupt noch am Leben sei! Ja, das wußte sie natürlich nicht, das dachte sie auch jetzt, denn er konnte ihr ebensogut im nächsten Augenblick engegentreten wie auch vier Fuß unter der Erde liegen. Nein, er lebt, entschied sie, hinter diesen Mauern, in Schwerte.

Wieder am Brücktor angekommen setzte sie sich schließlich völlig erschöpft auf die Treppe, die zum Weg hochführte. Der Mond beschien sie blaß, ein in sich zusammengesunkenes Menschenkind, hungrig und frierend. Vielleicht würde sich der dritte Prediger, so er noch hier ist, ihrer erbarmen! Wenn es ihr doch nur gelingen würde, in die Stadt hineinzukommen! Schon wieder ganz durchfroren stand sie schließlich auf und ging langsam wieder an der Stadtmauer entlang Richtung Hüsingtor. Ein Hund von beachtlicher Größe bellte sie plötzlich an, doch Cara hatte keine Angst, jetzt nicht mehr, nicht vor einem Hund. Sie bemerkte es dann nicht einmal, daß das Tier sich ihr zugesellte, ja sogar ihren müden Gang annahm. Sie hatte nichts mehr zu verlieren, das war ihr klar wie nie, nur der eine Wunsch brannte noch in ihr, so schnell wie möglich ihren Bruder zu finden, Heinrich, den sie damals bei der Mutter hatte zurücklassen müssen. Hätte sie ihn nicht doch noch holen können in jener Nacht! Wäre dann nicht alles anders verlaufen?

Ein Wagen rollt langsam durch das Hüsingtor in die Stadt hinein. Der Torwächter, ein kleiner, dicklicher Mensch mit hochrotem Gesicht, nickt dem Kutscher kurz zu und stellt sich dann, die Laterne in der Hand, mitten auf den Weg, denn er hat jemanden entdeckt, der sich nähert. Angestrengt stirrt er, die Laterne über den Kopf hebend, ins Dunkel. Dann erkennt er, daß es sich wohl um eine Bettlerin handeln muß, sagt laut und unfreundlich seinen Spruch, Gesindel habe keinen Platz in Schwerte, sie solle sich verfügen, worauf Cara sofort stehenbleibt, während der Hund weiterläuft und an dem Mann vorbei durch das Tor in die Stadt trottet. Ob sie ihn nicht verstanden habe, brüllt der Torwächter, denn Cara steht nur dort, sagt nichts und tut nichts. Schließlich stiefelt er auf sie zu, packt sie unversehens am Arm und dreht sie um, so als sei sie eine Puppe. So steht sie mit dem Rücken zur Stadt, vor ihr die in der Dunkelheit verschwindende Straße, leicht ansteigend, sie führt fort von hier, sie weiß nicht wohin. Keinen Schritt mehr kann sie tun, das spürt sie, eine Wut ist in ihr, die in ihrer Kehle sitzt und hinaus will, sie zittert am ganzen Leib. Dann bricht sie zusammen. Als man sie auf einer Trage zur Kirche bringt, gilt sie bereits für tot. Den Medicus, so der Torwächter zu einigen Umstehenden, sollte man wohl nicht mit so einer belästigen, das sei eine Hure, das habe er sofort gesehen. Einfach Aufhängen oder Rübe ab, das sei das einzig Richtige!

Der dritte Prediger sieht immer wieder lange auf das schlafende Mädchen, das ihm bekannt vorkommt. Seit drei Tagen liegt sie nun, kaum bei Bewußtsein und eingehüllt in alte Decken, in seiner bescheidenen Kammer in einem Haus in der Brückstraße, weswegen er beim Müller übernachten muß. Niemand will sich um sie kümmern, nur seine Zugehfrau tut das Notwendigste, allein ihm zuliebe, wie sie sagt. Mit viel Mühe hatte er schließlich den Medicus, Sohn des kürzlich verstorbenen alten Arztes, beredet, sich das Mädchen wenigstens einmal anzusehen, doch der wirft nun kaum einen Blick auf sie. In jedem Fall ist sie schwanger, sagt er, vor dem Prediger das Treppenhaus hinuntergehend, das habe er ganz richtig vermutet, und sein einziger Rat wäre, sie vor das Stadttor zu den Papisten zu bringen, denn dort bekäme sie eine Krankensalbung und könne sterben. Überleben würde sie eine Geburt wohl nicht, ausgezerrt wie sie sei. In der Hölle aber wird sie so oder so landen, schloß er bei der Verabschiedung, denn immerhin ist sie die Tochter eines welschen Papistenbocks und kommt, wie es aussieht, auch ganz nach der Mutter. Da fiel es dem Prediger wie Schuppen von den Augen und er erkannte, daß das Mädchen dort oben Cara sein mußte. Ob er denn die Ähnlichkeit nicht gesehen habe, fragte der Medicus ganz überrascht. An die Mutter, um die der Vater sich einst unentgeltlich gekümmert habe, könne er sich sogar gut erinnern, auch an das Abschneiden der Ohren und der Finger, das sei für ihn und seine Freunde damals ein Erlebnis gewesen. Damit empfahl er sich. Der Prediger aber eilte, so schnell es sein schmerzendes und halb steifes Bein zuließ, die Treppe hinauf.

Warum nur hatte er sie nicht erkannt? Er sah sie noch, die kleine Cara, wie behände sie um die Mutter und den kleinen Heinrich herumgesprungen ist, um alles so gut wie nur möglich herzurichten, dort oben auf der Anhöhe in der armseligen Hütte. Selbst das Bild Dorotheas sah er deutlich vor sich, wie sie blöde ihre verstümmelte Hand jedem entgegenstreckte, fordernd, zuckend, zitternd. Auch der Tag, als die Breslauer Calvinisten die Stadt heimgesucht hatten – wie viele Jahre das jetzt schon her war! – fiel ihm ein, und wie er hinterrücks niedergeschlagen und fast zu Tode geprügelt worden war. Und nun? Nun stand er, auf seinen Krückstock gestützt in seiner Kammer, sah auf das fiebernde, schwangere Mädchen und versuchte nachzudenken. Es konnte natürlich keine Rede davon sein, Cara wieder fortzuschicken, nicht in diesem Zustand. Noch hatte weder der erste noch der zweite Prediger etwas verlautbaren lassen, doch es mußte ein Entschluß her. Sicher würde auch der Rat der Stadt sich bald mit der Angelegenheit befassen, denn daß der junge Medicus, der so gar nicht nach seinem Vater geraten war, stillschweigen würde, war nicht anzunehmen. Ruchbar war die Sache ohnehin schon geworden in einer Stadt mit nur wenigen hundert Bürgern, ja man sah ihn während der Früh- und auch der Nachmittagsmesse, so jedenfalls sein Eindruck, bereits scheel an. Zudem hatten schon sieben der insgesamt zehn Schichtmeister Auskunft verlangt. Doch was sollte er schon berichten, denn es kam ja alle Tage vor, daß Arme und Ehrlose Einlaß in die Stadt verlangten und abgewiesen wurden, doch bei einer Schwangeren müsse man eine Ausnahme machen, darauf bestand er, im Namen Jesu. Um des lieben Friedens willen würde er aber wohl schließlich dem Vorschlag zustimmen, nach der Geburt Mutter und Kind sogleich in ein Haus weit vor den Toren der Stadt zu überführen, das einstmals als Pesthaus erbaut worden war und nun den Armen und Kranken und Ehrlosen Unterschlupf bot. Doch so weit war es noch nicht.

So oft es seine Zeit erlaubte, seit einer Weile unterrichte er in einer eigenen kleinen Schule die Kinder der Armen, sah er nach ihr. Das wohlige Gefühl, sich um Kranke und Ausgestoßene zu kümmern, das er in früheren Jahren oft gehabt hatte und das, er gab es vor sich selbst zu, auch immer seiner Eitelkeit schmeichelte, stellte sich aber nicht mehr ein. Caras Wohlergehen war für ihn jedoch ein besonderes Anliegen, und so eilte er manchmal sogar nur für Minuten zu ihr, auch wenn sie nur selten die Augen öffnete und kaum ein Wort sprach. Er machte sich zunehmend Sorgen, denn immer öfter, die Zugehfrau hatte es ihm schon berichtet, und bald konnte er es selbst erleben, wand sich Cara in Fieberträumen, schrie dabei immer wieder auf und riß die Arme hoch, als müsse sie sich verteidigen. In wachen Momenten wollte sie aber nicht sagen, was sie geträumt hatte. Nur daß sie lange Jahre in Breslau gewesen sei, das sagte sie einmal in die Stille hinein, in einem guten Haus, das einem Prediger gehört. Alles weitere Nachfragen half aber nichts, mehr sagte sie nicht. Als es ihr Mitte April endlich ein wenig besser ging, das Fieber war ganz verschwunden und sie konnte sogar aufstehen, fragte sie nach Heinrich, ganz plötzlich, während der Prediger ihr zur Unterhaltung ein wenig erzählte von absonderlichen Begebenheiten in Schwerte. Er war überrascht, denn an Heinrich hatte er überhaupt nicht gedacht. Er wollte jedenfalls sein Bestes tun, das versprach er, ihn aufzuspüren. Seit langer Zeit war er nicht mehr bei ihm gewesen, doch daß er fortgegangen war, auf eigene Faust, konnte er sich nicht denken, dafür war er zu jung, selbst wenn immer mehr Menschen von America schwatzten als dem gelobten Land und manche sogar wirklich fortgingen. Nach der Mutter fragte Cara nicht.

Am späten Vormittag des folgenden Tages nimmt der dritte Prediger seinen Stock zur Hand. Er wollte selbst hinausgehen zu dem Bauernhof, auf dem Heinrich vielleicht noch lebte. So konnte er sich einmal die Beine vertreten und der dumpfen Atmosphäre der kleinen Stadt entfliehen. Erst gestern hatte er beobachten müssen, wie ein Knecht, der das Rauchverbot mißachtet hatte, umgehend, ohne die Obrigkeit zu benachrichtigen, in einen spanischen Mantel gesteckt, durch die Gassen getrieben und mit Unrat beworfen wurde. Die zunehmende Verarmung der Bürger, auch wenn die Angst etwa vor einer Feuersbrunst natürlich begründet war, verdarb die Sitten mehr und mehr. Er verließ die Stadt durch das Ostentor. Wie sehr hätte er sich gewünscht, jetzt auf Reisen gehen zu können und die Welt kennenzulernen. Der ein oder andere Reisebericht war ihm im Laufe der Jahre untergekommen, und selbst wenn die Autoren sicher hier und da übertrieben, so würde er schon gerne einmal mehr sehen als das Ruhrtal, die ersten Höhen des Sauerlandes und einmal im Jahr Dortmund, wenn er eingeladen war zum Geburtstag eines Studienkollegen, den er damals in Wittenberg kennengelernt hatte. Sollten die Studienjahre dort seine einzige Erfahrung bleiben mit der Ferne, der Fremde? Er hielt inne, sein Rücken schmerzte und sein Bein ohnehin. Er hätte vielleicht die Zugehfrau schicken können, doch seine Angst, Cara würde niederkommen, wenn er allein bei ihr ist, hatte, wenn er ehrlich war, letztlich den Ausschlag gegeben, selbst zu gehen. Seiner Zugehfrau hatte er mehrmals eingeschärft, das Mädchen keinesfalls sich selbst zu überlassen. Die hatte ihn zu beruhigen versucht, sie käme weiterhin zu den festgelegten Zeiten, und noch sei mit der Niederkunft nicht zu rechnen, denn eine Hure sei nun mal ebenso beschaffen wie eine ehrbare Frau. Ob solch alte Jungfern wie Du, hatte er gedacht, immer ehrbare Frauen sind, ist durchaus keine ausgemachte Sache, doch er hatte nichts erwidert und nur genickt, um die Schwangere vor schlechter Behandlung zu schützen. Und nun würde er, so Gott will, Heinrich auf dem Hof finden und mitnehmen zu seiner Schwester. Womöglich war sie ja nur wegen ihm zurückgekehrt, überlegte er. Nun, man würde sehen.

Je weiter er sich von der Stadt entfernte, desto morastiger der Weg. Schon in der Stadt war es eine einzige Katastrophe, sobald es länger als eine Stunde regnete, und das tat es oft, doch draußen war es noch schlimmer, manch Straße war ein einziges Schlammloch. Eine Kutsche mit Reisenden schaukelte schwerfällig an ihm vorbei. Der Kutscher grüßte und drosch dann weiter auf seine Gäule ein. Nach einer halben Meile Wegs erreichte der Prediger den Hof. Ein großer Hund lief neugierig, ohne zu bellen, auf ihn zu, drehte aber wieder ab. Ins Haus eintretend fand der Prediger einen der Knechte vor, auf dem Boden sitzend ein Flachsspinnrad reparierend. Der arme Kerl wagte ihn kaum anzusehen, so als sei er die Erscheinung Jesu persönlich. Wo Heinrich ist konnte er nicht sagen, der treibe aber alle zur Verzweiflung, flüsterte er gesenkten Blickes, der sei wie der Deibel selbst und tauche oft aus dem Nichts auf. Die Bauersfrau, die den Prediger hatte kommen sehen, brachte derweil einen Krug Bier. Sie setzte sich, nachdem sie den Knecht hinausgejagt hatte, auf einen Schemel nah ans Feuer, über dem ein großer Topf hing. Würste oder Fleisch, die hier in besseren Zeiten geräuchert wurden, entdeckte der Prediger zu seinem Leidwesen nicht. Er hatte ein wenig darauf spekuliert, doch es waren nur die leeren Haken in den pechschwarzen Balken zu sehen.

Niemand sei krank, da müsse man Gott danken, begann die Bauersfrau, kaum daß der Prediger sich nach den Umständen erkundig hatte, doch könne man die Abgaben nicht immer leisten. Zwar habe man nun eine Kuh, doch er solle sie sich nur ansehen, abgemagert sei das Vieh über den Winter, bis auf die Knochen, und dann verlange der Graf im Herbst auch wieder ein gut gemästetes Schwein, dieses Ungetüm sei auch wieder da gewesen, Knu, um ihnen zu drohen, und das Schwein müsse im Herbst so fett sein, daß es kaum laufen kann, sonst blühe ihnen etwas. Einmal, da habe dieser Kerl Knochen gebrochen und Zähne ausgeschlagen, man habe Angst, daß das noch einmal geschehen könne. Der Prediger hörte, sein Bier in kleinen Schlucken trinkend, schweigend zu – was hätte er sagen sollen, Gott konnte in solchen Fällen wohl kaum helfen, doch den Leuten zu raten, ihrerseits mit Gewalt vorzugehen, war auch nicht recht. Er konnte sich noch gut an die Lage erinnern, als die Handwerksgesellen in Schwerte aufgefordert wurden, die Gasthäuser zu meiden, vor allem an den Montagen, an den viele blau machten. Was für ein Aufruhr war das gewesen! Und geendet hatte es mit Verletzten und der Ausweisung von zwei altgedienten Tischlergesellen, die dem Meister dann bitter fehlten und nicht so ohne weiteres ersetzt werden konnten

Als der Prediger nach Heinrich fragte, erschrak die Frau und starrte dem Mann ins Gesicht, grinste dann aber schief und böse. Auch so eine Ausgeburt, sagte sie mit gepreßter Stimme, er soll die Gatter instandsetzen und ist für den heutigen Tag auch zum Flachsspinnen bestimmt, doch er steckt sicher wieder in den Büchern. Gott vergebe mir, doch das Lesen ist ein Fluch, wenn so ein Tunichtgut und Hundsfott es lernen darf! Was sagt Ihr dazu? Doch noch bevor der Prediger zu einer Antwort angesetzt hatte, stand Heinrich plötzlich da, wie eine Erscheinung. Beide erschraken heftig. Du Deibel, schimpfte die Bauersfrau und sprang auf. Der Prediger erkannte den Haß in ihren Augen.

Heinrich, der die Bauersfrau wie Luft behandelte, schien sich keineswegs über den Besuch des Predigers zu wundern. Er blickte ihn ernst an und führte ihn, einfach indem er sich wortlos in Bewegung setzte, in das kleine Kabuff vorne am Einfahrtstor, das er sich selbst eingerichtet hatte, mit einem grob gezimmerten Pult und einem Bord an der Wand. Der Prediger traute seinen Augen nicht. Hier lagen mehr als ein Dutzend Bücher und Schriften, ein Krug mit Federn und ein Tintenfaß waren ebenfalls vorhanden, nebst einigen Bögen Papier. Nachdem er sich von seiner Überraschung erholt hatte, fragte er, wie Heinrich an solch Reichtum gekommen sei, und ob das Bücher von jenem Herrn seien, der aus den Schriften Arndts den Bauersleuten vorgelesen habe. Heinrich, dem seine Aufregung nun doch anzusehen war, überhörte die Frage und begann, dem Prediger die Bücher einzeln und geradezu feierlich zu reichen, bei denen es sich um Andachtssammlungen, aber auch um Schriften, die Gewissensfragen zum Inhalt hatten, etwa Glück- und Gewinnspiele betreffend, handelte, oft nur einen Bogen stark. Auf einem Stapel obenauf lag eine Broschüre mit dem Titel Summarischer Außzug der führnehmsten Kirchen-Geschichte unter der Regierung der hoch-löblichen Evangelisch-Reformierten Grafen und Herrn zur Lippe. Der Prediger mußte lächeln, denn diese Schrift konnte Heinrich wohl kaum begreifen. Daß er ein wenig lesen konnte, wußte er ja, doch aus dem Paradies-Gärtlein vorlesen und hochgelehrte Schriften verstehen, das waren zwei Paar Stiefel. Als ihm Heinrich aber Abschriften zeigte, in einer gut lesbaren Handschrift, war er dann doch baß erstaunt. Der Knabe, so seltsam er sein mochte, verstand mehr von der Welt als ein dahergelaufener Bauernlümmel, das war sicher.

Doch er war nicht hier, um über Heinrich zu staunen. Ohne Umschweife kam er nun, den Jungen mit Daumen und Zeigefinger am Kinn packend und in die Augen blickend, zum Grund seines Besuchs. Hör mir zu, sagte er, Deine Schwester Cara ist in Schwerte, sie will Dich sehen. Heinrich klappt buchstäblich die Kinnlade runter, als er das hört, mit großen Augen sieht er sein Gegenüber an, ja er erstarrt fast. Natürlich hatte er seine Schwester nicht vergessen, auch nicht, daß die Teufel sie nach Breslau gebracht haben, aber daß sie nun in Schwerte sein sollte, konnte er nicht fassen – stocksteif steht er in seiner kleinen Kammer, unfähig sich zu rühren oder etwas zu erwidern, sein blasses Gesicht ausdruckslos, er blickt durch den vor ihm stehenden Prediger hindurch, während etwas in ihm aufkeimt, etwas geschieht, das er nie in seinem Leben zuvor erlebt hatte, nämlich eine Wende zum Guten hin, die Erfüllung eines Wunsches. Endlich bewegt er die Lippen, doch er hat keine Worte für das, was er sagen will. Die Worte Hoffnung oder Freude hat er nie ausgesprochen, vorgelesen aus Schriften, das wohl schon, doch nie wirklich begreifen können, was sie bedeuteten, und auch sein Antlitz kennt sie nicht, nicht die Freude und nicht die Hoffnung. Hilflos ist er, weiß nicht was sagen, was tun, er kann nicht lachen, nicht weinen, auch nicht beten, ja es kommt ihm überhaupt nicht in den Sinn, etwa Gott zu danken und ein Dankgebet zu sprechen. Es wird das Beste sein, wenn Du sofort mit mir kommst, nach Schwerte, denn Cara muß zurzeit das Bett hüten, sagte der Prediger endlich. Ja, gut, erwidert Heinrich nur, nimmt eine alte Jacke, die nur aus Flicken zu bestehen scheint, vom Haken, stampft die Tenne bis zur Feuerstelle hoch und verschwindet, ohne auf die Rufe der Bäuerin zu achten, durch die Seitentür. Auch der Prediger erklärt der fluchend zurückbleibenden Frau nichts und humpelt hinter dem Jungen her, bis er ihn einholt. Laß uns, keucht er, langsam gehen, denn wie du sehen kannst, bin ich ein Krüppel. Daraufhin berichtet er Heinrich ausführlich von den damaligen Ereignissen. Er bemerkt zunächst nicht einmal, daß er mit dem Knaben wie mit Seinesgleichen spricht, doch der scheint alles zu begreifen, selbst die Gegnerschaft zu den Calvinisten und den Reformierten, jedenfalls nickt er immer wieder mit ernstem Ausdruck. Als sie die Stadt erreichen, steigt der Rauch aus den Schornsteinen fast lotrecht in den Himmel, der Wind hatte sich für einen Moment gelegt, bevor dann mit einbrechender Dunkelheit wieder Regenwolken durch das Ruhrtal streichen würden, das konnte der Prediger geradezu riechen, um ihre Last tagaus, tagein abzuladen, es würde nieseln und pladdern, bis nicht ein Mensch mehr noch ein Fünkchen guter Laune hätte. So war das jedes Jahr zum Ende des Winters, alles wurde zu Schlamm und Matsch und Modder und die Ruhr zu einer Seenlandschaft.

Heinrich pocht das Herz bis in den Hals, als er mit dem Prediger das Tor durchschreitet, ohne überhaupt vom dicken Torwächter und dem frierenden spindeldürren Schreiber beachtet zu werden. Nach wenigen Schritten, Ecke Brückstraße Mühlenstraße, legt der Prediger Heinrich den Arm auf die Schulter und weist auf ein kleines Fenster im Obergeschoß des Eckhauses. Dort oben, sagt er, doch noch bevor Heinrich loslaufen kann, bittet er ihn zu warten. Er wollte Cara auf die Begegnung vorbereiten. Als er seine Wohnung betritt steht sie am Fenster und sieht in die Ferne, über das Brücktor hinweg auf die schon dunklen Berge. Heinrich schien sie nicht entdeckt oder aber nicht erkannt zu habe. Als er sie anspricht dreht sie sich langsam um. Ihre Hände liegen auf der Wölbung ihres Leibes und bewegen sich gleitend auf und ab. Begütigend streichelt er ihr über das verklebte Haar und nötigt sie mit guten Worten, sich wieder auf den Strohsack zu legen und sich zuzudecken. Doch als er ihr eben, nachdem er sich ein wenig gesammelt und mehrmals geräuspert hatte, die Nachricht verkünden wollte, Heinrich sei hier, steht dieser bereits hinter dem Prediger und tritt hervor. Cara blickt auf Heinrich, dieser auf Cara, beide blickten wie auf einen Gegenstand, mit dem man nichts anzufangen weiß. So jedenfalls der erste Eindruck des Predigers, der leise zum Fenster humpelt. Von dort, zwei, drei Schritte entfernt, beobachtet er das seltsame Schauspiel, denn er war jetzt, das ist überdeutlich und ihm selbst nur allzu klar, allein Zuschauer, der nicht eingreifen darf, ja nicht einmal hätte eingreifen können, selbst wenn er gewollt hätte.

Bald herrscht in der Stube Dämmerlicht. Der Prediger steht noch immer am Fenster, bald muß er gehen, er hat eine Predigt zu halten. Ihm gegenüber die offenstehende Tür, Flur und Treppe sind kaum noch zu erkennen im abnehmenden Licht, links von ihm Cara, die aufgestanden ist, und Heinrich, der eine Armeslänge vor ihr steht. Sie sind gleich groß. Sie haben sich lange Jahre nicht gesehen, Heinrich war noch ein Kind, als Cara verschwunden ist. Cara öffnet mehrmals den Mund, bleibt aber auch jetzt stumm, während ihre Augen unverwandt auf Heinrich ruhen, der den Blick nicht abwendet und immer wieder auf den Leib Caras blickt, wortlos fragend, was ihr geschehen sei. Von der Straße her ist ein Rumpeln zu hören, ein schwerer Karren, den Männer fluchend ziehen oder schieben, die Steigung zum Marktplatz hinauf, doch Heinrich hört nur Caras Herz poltern, schnell und unregelmäßig, und da ist noch ein Herz, das Kinderherz in ihr, es schlägt schnell, aber gleichmäßig.

Cara sieht das Pochen an Heinrichs Schläfen, dann sieht sie es nicht mehr. Fast stockfinster ist es. Die Zugehfrau ruft von unten herauf nach dem Prediger. Ihr ist unheimlich in dem stillen, dunklen Haus. Er geht vorsichtig zur Tür, die Dielen knarzen überlaut, mit dem Stock ertastet er die erste Stufe, geht langsam die Treppe hinunter. Die Zugehfrau hat eine Laterne, sie kommt ihm entgegen und leuchtet ihm. Cara sieht den riesigen, verzerrten Schatten des Predigers an der Wand, dann ist es wieder dunkel, dunkler noch als zuvor. Der Prediger bedeutet indes der Frau zu schweigen, dann verlassen sie das Haus und gehen zur Kirche hinauf, während sich oben in der Wohnung in tiefer Dunkelheit Jahre der Trennung zu einer schüchternen Berührung verdichten.

Sie schweigen lange, Bruder und Schwester, der Herzschlag beruhigt sich, endlich geht Heinrich zum Tisch, entzündet die Kerze, setzt sich, sieht zu Cara, die auf dem Strohsack liegt und sich die Decke unters Kinn zieht, müde sieht sie ihn an, schließt die Augen, schweigt, und dann endlich sagt sie leise, die stumme Frage Heinrichs, die den Raum ganz erfüllt, beantwortend, sie habe im Haus des Herrn Predigers Acoluth im fernen Breslau in einer Nacht im Sommer mit einem Gymnasiasten zusammengelegen, sie habe ihn gern, er wisse viel über die Welt, so jung er auch sei, er würde Prediger werden, das habe der Herr Acoluth ihr selbst gesagt, Adam Bernd ist sein Name. Dann schweigt sie wieder. Die Kerze flackert und rußt. Warum sie dann fort sei, fragt Heinrich endlich, und wo jener Adam Bernd ist, wieso sie überhaupt, das verstehe er nicht, fortgelaufen sei aus Breslau, aus dem Haus des Predigers, das wollte er wissen, ob dieser Adam sie fortgejagt habe, oder der Prediger, doch Cara antwortet nur, es habe ein Unglück gegeben, er solle nicht fragen. Dann beißt sie sich auf die Unterlippe und dreht ihr kleines Gesicht zur Wand, doch Heinrich fragt weiter, warum denn jener Adam Bernd nicht mit ihr gekommen ist, das will er wissen, es rumort in ihm, was nur ist mit seiner großen Schwester geschehen, was haben die Teufel mit ihr gemacht, was nur, was nur, und so fragt er immer wieder nach diesem Gymnasiasten, wo ist Adam Bernd ruft er schließlich laut und stampft mit dem Fuß auf, und nicht einmal als Cara zu weinen beginnt, hört er auf zu fragen. Sie wußte ja selbst nicht, was sie getan hatte. So sitzt Heinrich schließlich lange starr und steif im flackernden Licht der Kerze am Tisch, wie ein Widerhaken dieser Name in ihm, doch es entsteht kein Bild, oder eben nur das zweier Leiber, die beieinanderliegen, seine Schwester Cara und jener Mensch, Leib ohne Gesicht, und nun ist sie schwanger, und so viel begriff er dann doch von der Welt, daß er wußte, wo die Kinder herkamen, er sagte es, doch Cara schluchzte nur auf, zerbiß sich die Unterlippe und schwieg weiter. Dann endlich wird er ruhiger und lauscht wieder auf den Herzschlag, den Caras, den des Kindes in ihr und den eigenen.

Am nächsten Morgen, nach dem Frühgottesdienst, steht Heinrich, als sei er aus dem Boden geschossen, in der Sacristei. Wer ist Adam Bernd, fragt er unvermittelt, doch der erschrockene Prediger weiß nicht, von wem die Rede ist. Erst als Heinrich sagt, dieser habe mit Cara zusammengelegen, in Breslau, verstand er. Doch natürlich wußte auch er nicht, wer dieser Adam Bernd sein mochte. Für Heinrich war diese Frage von großer Wichtigkeit, das leuchtete ihm ein, denn daß die Kinder beim Beischlaf gezeugt werden, wird er wohl inzwischen so oder so erfahren haben, dachte er, natürlich. Und ob er das Haus des Herrn Acoluth in Breslau kenne, auch das wollte Heinrich wissen, er bebte vor Ungeduld, doch auch hier konnte der Prediger keine Auskunft geben, denn er hatte weder diesen Namen je gehört, noch war er je in dieser Stadt gewesen. Er erinnerte sich plötzlich, dem kleinen Heinrich einmal gesagt zu haben, die Teufel aus Breslau hätten seine Schwester mitgenommen, er sah ihn an, ein junger Mann fast, der vor Zorn bebte und Antwort wollte, was mochte er wohl denken, nun, da Cara aus Breslau zurück ist, krank und mit einem Kind im Leib! Beruhigend klopfte er Heinrich auf die Schulter und nickte ihm zu.

Heinrich blieb in Schwerte und schlief in der Wohnung des Predigers bei seiner Schwester. Der Schichtmeister der ersten Schicht, Thorbecke, den der Prediger gut kannte, war indessen von einer Reise zurückgekehrt und hatte von der Angelegenheit erfahren. Er regte an, Cara nach der Geburt als Magd in sein Haus aufzunehmen, für das Kind fände sich sicher auch noch Platz. Gott würde ihm dies wohl nicht als Unrecht ankreiden. Selbst Heinrich wolle er unter Umständen in Dienst nehmen, zuletzt erst sei ihm, wie der Prediger ja wisse, sein Hausknecht weggestorben, der am Tag zuvor noch fidel gewesen sei wie ein junger Hund. Nun, man werde sehen.

Den dritten Prediger trieb noch immer die Sorge um, wie es mit der Geburt vonstattengehen solle. Seine Zugehfrau hatte ihm ein altes Weib empfohlen, direkt im Nachbarhaus, das gut angesehen war und über große Erfahrung verfügte, doch lag die seit Tagen auf dem Krankenlager und hustete gotterbärmlich. Ihr wenigstens versuchte der Medicus zu helfen und rührte allerhand Kräuter zusammen, die er ihr als Brei auf die Brust schmierte, trinken mußte sie einen bitteren Sud aus Andornkraut. Derweil verging nur wenige Schritte entfernt kaum eine Stunde, in der Heinrich seine Schwester nicht fragte, warum sie fortgegangen ist aus dem Hause des Predigers und wer dieser Adam Bernd ist, was er ihr angetan habe und ob er zu den Teufeln aus Breslau zu rechnen sei. Cara aber schwieg jetzt beharrlich, doch die fortgesetzte Fragerei stellte ihr immer wieder ein Bild vor Augen, das sie quälte, wie ein Blitz tauchte es auf und war wieder fort, sie sah Adam über und über mit getrocknetem Blut bedeckt, nackt und wie tot, so als trete sie in eine Kammer und sähe ihn und auch sich, neben ihm liegend, sich selbst entgeistert anstarrend. Doch warum sie fortgelaufen war, konnte sie Heinrich nicht sagen, das würde sie niemandem sagen, und sie wußte es ja selbst nicht. Natürlich, überlegte sie, als ihr Bruder eine Weile schwieg, natürlich verging ich im acoluthschen Haus fast vor Angst nach der Nacht, die mein Unglück bedeutete – das hatte sie oft gedacht, die Angst, die Angst, die nicht verschwand, sie wollte und wollte nicht weichen, und eines Tages war sie dann einfach gegangen, durch die Vorstadt hindurch und dann immer weiter, schon am ersten Abend lief sie voller Angst, laut und wirr betend, durch einen Wald, bis sie vor Erschöpfung vor der Tür eines Gasthauses, das sich wie durch ein Wunder nach einer Wegbiegung auf einer Lichtung auftat, zusammenbrach, und am nächsten Tag erbarmte sich ein blatternarbiger Kutscher ihrer und nahm sie ein paar Meilen mit, sie erinnerte sich, wie seltsam er sprach, er sagte, er käme aus dem Österreichischen. Wäre sie, hätte er nach Breslau gewollt, mit ihm gefahren, das fragte sie sich seither. Danach war sie Wochen in zunehmender Kälte kreuz und quer unterwegs gewesen, verlief sich oft und war sogar einmal einen Tag lang im Kreis gegangen. Eines Abends dann teilte sie, daran erinnerte sie sich gut, es war ihr, als sei es gestern gewesen, das Nachtlager wieder einmal mit einem Kutscher, der sie zu einem Gasthaus auf halbem Weg zwischen Chemnitz und Gera mitgenommen hatte. Man konnte bereits erkennen, wenn man genau hinsah, daß sie in anderen Umständen sein mußte. Der Kutscher jedenfalls, ein noch ganz junger hübscher Kerl mit langen Haaren, rührte sie, zu ihrer Überraschung oder auch Enttäuschung, nicht an. Stattdessen erzählte er auf dem Strohlager von seiner Braut, wie hübsch und fleißig die sei, worauf sie selbst Mut bekam, auch ihre eigene Geschichte, so schrecklich sie war, endlich einem Menschen zu berichten, zu beichten, doch dann war sie schließlich über all den nicht enden wollenden Lobpreisungen der fremden Frau und all den Plänen für Haus und Hof und Kinder eingeschlafen und erst am Morgen erwacht, als der Kutscher schon fort war mit den Reisenden, die hier auf ihn gewartet hatten. So würde niemand je erfahren, was wirklich geschehen ist, das schwor sie sich an diesem Tag, mühsam Schritt vor Schritt setzend, denn sie selbst würde nie eine solche Frau sein, das begriff sie, für die ein Mann solche Worte finden mochte.

An all das dachte sie jetzt auf ihrem Strohsack in der Wohnung des dritten Predigers, und als Heinrich bald schon wieder hartnäckig fragte, schrie sie ihn an, ja, der Teufel hocke in ihr, solle man ihr doch Ohren und Finger abschneiden, sie werde schweigen bis in alle Ewigkeit! Daraufhin hockte sich Heinrich, der erschreckt hochgefahren war, schmollend in eine Ecke, kramte sein Messer und ein Stück Lindenholz aus der Tasche seiner Jacke und begann eine Figur zu schnitzen, die eine gewisse Ähnlichkeit hatte mit dem Deibel, eine Fratze mit Hörnern über einem unförmigen Leib. Als er fertig war, starrte er sie eine Weile an und brach ihr dann lachend den Kopf ab. Es war kein fröhliches Lachen.

Der dritte Prediger stand am nächsten Morgen als ein dunkler Schatten vor Heinrichs Nachtlager, das er sich in der anderen Ecke des Raumes eingerichtet hatte. Er weckte den Jungen jeden Morgen vor der Frühmesse, damit er sich einfach ein wenig nützlich machen konnte. Wenn sie fort waren, würde bald schon die Zugehfrau kommen und ihre Arbeit tun. Der Prediger wußte, wie sehr sich Cara vor dieser mürrischen und wortkargen Frau fürchtete, selbst wenn sie nicht mehr tat, als ihr etwas Brei hinzustellen und sich mit einer Handarbeit an den Tisch zu setzen. So geschah das nun seit einer Weile jeden Tag. Die Frau half ihr, wenn nötig, etwa wenn sie die Treppe hinunter mußte zum Abort, doch dies alles vollzog sich schweigend. Natürlich gab es auch in dieser Stadt Frauen, die es herzlich gut mit den Menschen meinten, besonders auch mit den Gefallenen und Gebrochenen, doch war keine dieser wahrhaft christlichen Frauen abkömmlich, der Prediger hatte tagelang herumgefragt, so daß ihm nichts anderes übrigblieb, als mit dieser Hexe vorlieb zu nehmen. So nannte sie inzwischen selbst der Prediger, wenn auch nur für sich selbst, denn mit Haß und Herzenskälte wurden die Dinge nicht besser. Er selbst sprach der Schwangeren hingegen gut zu, wie einem Kind, und daß Gott alles zum Guten lenken werde, doch er konnte nicht wissen, daß Heinrich, kaum daß der Prediger fort war, ihr zusetzte mit all dem, was er im arndtschen Buch gelesen hatte, der Teufel werde über sie herfallen wie ein brüllender Löwe, in der Hölle werde sie schmachten, denn Gott könne ihr nicht mehr helfen, er habe sein Urteil über sie bereits gefällt für alle Zeit und so weiter und so weiter. In einer Ecke der Stube lagen all die Figuren, die Heinrich geschnitzt und dann wütend zerbrochen hatte.

Im Haus ist es ungewöhnlich still an diesem Morgen. Cara ist eben aufgewacht. Niemand ist zu sehen oder zu hören. Sollte die Alte doch zur Frühmesse gegangen sein, fragt sie sich. Auch aus der Stube unten kein Laut. Von der Straße her Schritte, die sich wieder entfernten Richtung Rathaus und Kirche. Sie steht auf und schlüpft in ihre Schuhe und wirft sich ihr altes Kleid über und greift die wollene Jacke und geht schwerfällig bis zur Treppe und sieht hinunter. Was wäre, fragt sie sich, stürzte ich und läge tot unten. Würden alle nur schweigen? Vielleicht würde Heinrich lachen, so wie er lacht, wenn er seinen Figuren die Köpfe abbricht! Aber nein, dachte sie, lachen wird niemand, doch um sie weinen würde nur Adam, und der ist weit fort. Statt nun das Nachtgeschirr zu benutzen, stieg sie langsam und vorsichtig die Treppe hinunter. Vielleicht war ja unten im Haus jemand, irgendeine Menschenseele, ein freundlicher Mensch, mit dem sie reden konnte. In der Diele niemand, zu rufen traute sie sich nicht. Auf dem Abort hinten im Anbau sitzend hatte sie dann beim Scheißen wieder diese Schmerzen, die ihr durch den ganzen Leib zogen, und frieren tat sie auch, es war ein Fehler gewesen, hinunter zu gehen, und nun fragte sie sich, wie sie nur wieder die Treppe hinaufkommen sollte, so schwach fühlte sie sich. Sie mußte warten, bis die Zugehfrau kommen würde, die alte Hexe, die nie ein Wort sagte und sie nur voller Haß ansah.

Sie geht eine Weile in der Diele hin und her, dann tritt sie aus dem Haus. Es ist kühl, ihr schwindelt, Sterne tanzen. Wie lange sie nur dort oben auf dem Krankenlager gelegen hatte! Eine Gruppe junger Kerle läuft vorbei, ohne sie zu beachten, ein Wagen rumpelt hoch zum Rathaus, dann ein Trupp Handwerker, schwer beladen auf dem Weg zu einer Baustelle, schwatzend und lachend. Wollte denn niemand etwas mit ihr zu tun haben, war sie denn kein Mensch, sie, Cara! Sie ging los, mit einem Ruck setzten sich ihre Beine in Bewegung, ja, sie wollte über den Markt gehen, sie Cara, die Hure mit dem Deibel im Leib. Alle sollten es sehen! Ein weiterer Wagen, Richtung Brücktor, auf dem Bock ein Bauer, auf dem Leitpferd ein Knecht mit pockennarbigem Gesicht, eine lederne Peitsche in der Hand. Kurz dachte sie daran, zu fragen, ob man sie mitnehmen könne, hinaus in die Welt, doch dann geht sie, nur die alte Wolljacke über dem Kleid, langsam hinauf zum Rathaus, an der Kirche vorbei und über den Marktplatz, auf dem nur wenige Bauersfrauen ihre Waren feilbieten, Kohl oder schrumpelige Äpfel. Männer, Frauen und auch Kinder begegnen ihr, auf dem Weg zu ihren armseligen Schollen vor den Mauern der Stadt, die Ziegen zu füttern oder den Boden für die Saat vorzubereiten. Vom Hochwasser sprechen die Menschen, vom Regen der letzten Wochen, und manche sahen sie sogar an, einfach so, ohne besonderen Grund, ohne jedoch wirklich Notiz zu nehmen von ihrer Erscheinung. Das alles kam ihr mehr und mehr absonderlich vor – vielleicht träumte sie ja! Sie mußte an Breslau denken, an die Bürger dort, die Gasthäuser und Schenken, das prächtige Rathaus, die gewaltige Elisabethkirche, sie dachte an Adam, sie sieht deutlich sein Bild vor sich, lebendig und heiter, er spricht mit ihr, sie hört zu, auch wenn sie nicht versteht, was er sagen will. Dann streichelt er ihr über das Haar. Sie läuft weiter in kleinen, trippelnden Schritten über den Markt, die Hände auf dem geschwollenen Bauch, hin und her, an den Ständen vorbei, doch immer noch scheint niemand sie wirklich zu sehen, kein Mensch redet sie an oder weist mit dem Finger auf sie. An der Stadtmauer entlang, in den Bögen der Tore stehen müde die Wächter und reden mit den Schreibern oder schweigen, durch das Ostentor fährt eine Kutsche in die Stadt hinein. Ein Mann mit Vollbart sieht hinaus, er hat dunkle, ernste Augen. Dann trippelt sie weiter. Wenn nur Adam in dieser Kutsche säße, denkt sie, um mich zu holen, und dann geht sie, mit ihren kleinen Schritten, die Jacke fester um sich ziehend, weiter und weiter. Die Menschen können mich nicht sehen, denkt sie wieder, sie sehen mich nicht, am Brücktor bleibt sie stehen, das Eckhaus, ob die Alte schon oben ist, die Hexe, und dann geht sie, als sei dies alles wirklich ein Traum, durch das Tor hinaus, sie geht einfach hindurch, hinaus kommt man immer, die Brücke über dem Mühlenstrang, der vollgelaufen ist, dann der Weg vor ihr, die Ferne, die Berge, die Wiesen, Nebelfetzen. Die Straße morastig, sie sinkt ein in den Modder, bis zu den Knöcheln, in die Schuhe läuft das braune, eiseskalte Wasser, doch sie geht weiter, bald kommt ihr ein Wagen entgegen, die Pferde bis zu den Flanken naß, sie werfen die Köpfe hin und her und schnauben, auch ein Knecht, der neben der Kutsche läuft, ist naß bis zu den Ohren, sie erkennt ihn, die Peitsche hat er noch in der Hand, und jetzt sieht sie es, ja, die Ruhr führt Hochwasser, von der Holzbrücke keine Spur mehr, überflutet oder fortgerissen, am anderen Ufer zwei Wagen und eine Kutsche, sie sieht Männer mit langen Stöcken, sie blicken hinüber zur Stadt und dann wieder auf das fließende Gewässer. Mich sehen sie nicht, denkt Cara. Äste, ja ganze Bäume treiben vorbei, schon steht sie im Wasser bis fast zu den Knien, ein Fuß festgesaugt am Grund, wie Eis das Wasser, es kommt aus den Bergen, den Fuß reißt sie hoch, dann den anderen, die Schuhe verloren, nein, es würde nicht gehen, sie kann nicht weiter, sie muß zurück, die Kiesbank dort, da kann sie stehen, denkt sie, Sterne blitzen vor ihren Augen, die Füße, die Beine, eiskalt, ohne Gefühl, ihr schwindelt, und da trifft sie ein großer Ast in der Kniekehle und reißt sie um, sie schreit, sie stürzt, schon ist sie mit dem Kopf unter Wasser, kalt, eiseskalt, die Strömung ergreift sie und nimmt sie, ein Arm ist noch zu sehen, dann zieht ein Strudel sie hinunter. Einer der Männer am anderen Ufer sagt wenig später, ihm sei, als treibe dort ein Leichnam, weit dort unten, kaum zu erkennen. Sicher nur ein totes Schaf, sagt ein anderer. Sie bekreuzigen sich und beschließen, die Ruhr nicht hier zu überqueren. Ob denn niemand von einer Brücke wisse, fragen sie jeden, den sie treffen, denn irgendwo müsse es doch einen sicheren Übergang geben.

Der Torwächter am Brücktor kann sich nicht an eine Schwangere erinnern, vielleicht war er austreten oder hatte einen Wagen abzufertigen. Auch die anderen Torwächter, die der dritte Prediger fragt, sagen, man habe keine Frau gesehen, auf die diese Beschreibung passe. Am Abend gibt er es auf, wirft die zerbrochenen Schnitzfiguren ins Feuer und bezieht wieder seine Stube. Er ist sicher, daß sie noch lebt. Womöglich, so denkt er, hat sie sich ja auf einem Wagen versteckt und steht in einigen Jahren wieder vor meiner Tür, mit ihrem Kind. Doch diese vage Hoffnung tröstet ihn nicht. Die Zugehfrau verliert indes kaum ein Wort mehr über die Angelegenheit, alle Fragen blockt sie ab. Als sie heraufgekommen sei, wäre sie halt nicht da gewesen, sicher habe der Teufel sie geholt. Mehr sagt sie nicht, und auch Heinrich drehte sich auf dem Absatz um, als sie nach der Frühmesse die Kammer leer finden, und poltert die Treppe hinab, ohne einen Ton zu sagen. Vielleicht, denkt der Prediger, weiß er, wo Cara ist. So schnell wie es sein Bein zuläßt, eilt er hinter Heinrich her, doch als er ihn kurz vor dem Stadttor am Ärmel packt, sagt auch Heinrich nur, sie sei tot, der Teufel habe sie geholt. Dann macht er sich los und ist verschwunden.


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*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

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