Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman). Kapitel 7: Das Schwein

Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel sieben:

Das Schwein

Der Bauer ist außer sich. Man habe Heinrich den Winter über durchgefüttert, und wenn es an die Arbeit ginge, verschwinde er einfach. Erwische ich Dich noch einmal in dem Kabuff bei den Büchern, brüllt er, verschluckt sich, hustet, keucht, läuft rot an, ja, dann, dann, quiekt er endlich atemlos, dann schlage ich Dich tot! Aug in Aug stehen sie sich gegenüber, Heinrich mit seinen etwa vierzehn Jahren kaum kleiner als der Bauer, im offenen Einfahrtstor die alte Anna und Engelbert, die die Szene auf der Tenne beobachten. Der Bauer, der sich keine Blöße geben will, wiederholt noch einmal lautstark seine Drohung und hält Heinrich, der einfach nichts sagt und ihn nur hell ansieht, die braune Faust unter die Nase, leise zittert sie vor seinem Gesicht, nach Erde riecht sie, feucht und modrig, und zuschlagen soll sie, doch sie kann nicht, nur zittern und beben, das kann sie, nichts sonst, denn Angst, nein, Angst vor dieser Faust, vor diesem alten Kerl, hat Heinrich nicht, jetzt nicht mehr. Er schließt die Augen, atmet tief in den Bauch hinein, lange atmet er aus, tief atmet er ein, aus und wieder ein, und endlich lacht er ganz leise, ganz für sich, vor sich hin lacht er, weil es ihn kitzelt, ein Prickeln hinter den Augen, ich bin Heinrich, denkt er, Heinrich der Daubenfüßer, Herr Daubenfuß bin ich, was will der Kerl von mir! Ganz warm wird ihm. Ich bin Herr Daubenfuß, denkt er also, ich!, öffnet die Augen, noch zittert die Faust. Das Gatter ist wohl zu reparieren, sagt Heinrich schließlich mit einem Lächeln leichthin und springt bähende ins Freie, um sich schnurstracks an die Arbeit zu machen, während der Bauer auf seine Faust starrt, so als habe er sie noch nie im Leben gesehen, und dann Anna und Engelbert anbrüllt, ob sie nichts zu tun hätten, zum Teufel noch mal.

Von dieser Stunde an war Heinrich ein anderer Mensch. Hatte er sonst bei geselligem Beisammensein immer abseitsgestanden, so spielte er nun des abends mit den anderen Karten und rauchte seine Pfeife, trank Bier und manchmal Branntwein. Er machte sich sogar an Tine heran, er neckte sie, wo er nur konnte, zog ihr den Rock hoch, wich lachend ihren Schlägen aus und feixte so lange, bis auch sie lachte, statt ihn zu beschimpfen. An den Abend in der Scheune konnte sie sich nur vage erinnern. Zum Glück war sie nicht in anderen Umständen, denn das hätte Heinrich, und Tine selbst, gerade noch gefehlt. Ein wenig ließ sie ihn sogar an sich heran, aber nicht mehr ganz und gar, denn sie wollte nicht den selben Weg gehen wie diese Anna, von der ihr flüsternd immer wieder erzählt worden ist, die vor Jahren mit einem Kind im Leib von Irrlichtern in den Sumpf oder in die Ruhr gelockt worden sei, so genau wüßte man das nicht, die sei hinter jedem Schwanz her gewesen wie der Teufel hinter der armen Seele, und nun sei ihre eigene beim Satan und schmore in der Hölle. Heinrich war sehr ernst geworden, als Tine ihm einmal ihre Angst gestand, vom Teufel geholt zu werden. Zwar erzählte er ihr dann eine etwas andere Geschichte, die näher an der Wahrheit lag und mit einem stattlichen jungen Kaufmann zu tun hatte, doch änderte dies für Tine nichts, denn es war ja wohl kaum dieser Kaufmann, der Anna in den Sumpf gelockt hatte, wo sie versank, begleitet vom höhnischen Lachen des Teufels. Die Bauersfrau soll es ja gehört haben, wurde erzählt, auch wenn sie selbst sagte, nichts, aber auch gar nichts habe sie gehört.

Heinrich verbrachte nun weniger Zeit mit den Büchern, ja er dachte wochenlang nicht einmal an das Kabuff mit seinen Schätzen darin. Aus Arndts Werken zu lesen lehnte er jetzt rigoros ab, so sehr er sich auch früher einmal gewünscht hatte, dies tun zu dürfen. Er trug ein offenes Wesen zur Schau und gab kaum einmal Anlaß zur Schelte. In ihm aber, in seiner Seele, sah es anders aus. Dort lag, in tiefster Finsternis, die Erinnerung an Cara, aber nicht einmal im Vollrausch machte er die geringste Anspielung darauf, das waren verschiedene Welten, sein Tun und Schaffen auf dem Hof und das, was nur ihn allein betraf, ganz und gar allein. So begann er, während er im Wald oder auf der Weide die Schweine hütete oder oben in der Scheune auf seinem Balken saß, nach und nach damit, Rachepläne zu schmieden, denn er mußte, davon war er mehr und mehr überzeugt, seine Schwester rächen, und wenn er dafür in der Hölle schmoren müßte. Immer wieder stellte er sich bildlich vor, wie sie sich in die Ruhr stürzt, denn das ist die einfachste Sache der Welt. Abgründe und Schlünde mochte es zwar genug geben, von den Ruinen der Syburg stürzte sich so manch Unglücklicher in die Tiefe, doch bis dahin war es langer Fußmarsch. Die Schuld an Caras Unglück trug jedoch nicht, das war ihm sonnenklar, etwa der dritte Prediger oder gar er selbst, nein, schuldig war allein dieser Adam Bernd, mit dem Cara, das hatte sie ihm ja selbst gesagt, zusammengelegen hatte. Das stand für ihn unwiderruflich fest. Natürlich erwähnte er niemandem gegenüber diesen Namen, so wie er nicht über seine Schwester und die Zeit in Schwerte sprach, auch wenn den Bauersleuten sicher Gerüchte zu Ohren gekommen waren. Eines Tages aber würde er sich, der Gedanke schoß ihm wie ein Blitz in den Schädel, auf den Weg machen, um im fernen Breslau jenen Menschen, diesen Adam Bernd, aufzuspüren und zu töten, das jedenfalls stellte er sich vor. Das war er Cara schuldig.

Alles ging seinen Gang, der Winter wich dem Frühjahr, der Sommer blieb recht trocken, und die Ernte schien in diesem Jahr gut zu werden. Dann jedoch ließ der Graf von Hohen-Limburg bereits Anfang September mitteilen, er benötige das gemästete Schwein, das ihm zustünde, sofort. Ein Bauer aus Westhofen überbrachte die Nachricht, nicht ohne darauf hinzuweisen, daß Knu es abholen käme. Bei ihm sei er auch schon gewesen, und da nach dem letzten Winter die Schweine mager wie selten waren und auch jetzt im Sommer noch nicht fett, denn erst im Herbst gab es ja Nüsse und Eicheln und Bucheckern, wie der Graf wohl wüßte, habe Knu gleich alle aufgeladen und mitgenommen. Man war also gewarnt.

Heinrich hat in diesem Herbst alle Mühe, am Abend all die vielen Schweine wieder in den Stall zu bekommen. Noch im letzten Jahr war der Bauer ernstlich besorgt gewesen, ob überhaupt eine der Säue abferkeln würde, und nun waren mehr Schweine auf dem Hof als jemals zuvor. Nach der Ernte würden sie auf den Feldern die Mäuse fressen und dann auch im Sölder Holz nach Eicheln und Bucheckern gehen. Man sah schon die geräucherten Schinken an den Haken hängen, die zu lange leer geblieben waren. Die Vorstellung, dem Grafen im schlimmsten Fall alle Schweine abtreten zu müssen, lastete schwer auf den Bauersleuten. Jetzt im Herbst konnte man die Schweine natürlich noch tief im Wald verstecken, eine Magd sollte sofort, das war der Plan, zu Heinrich laufen, wenn Knu auftauchen würde. Allerdings ließ sich das Ungeheuer weder im September noch im Oktober oder November blicken, so daß die Schweine wenigstens schön fett werden konnten. Eines regnerischen Tages aber, Anfang Dezember, kam Knu lange nach Einbruch der Dunkelheit auf einem von zwei Pferden gezogenen Ackerwagen auf den Hof gefahren. Ohne sich um irgendjemanden zu scheren, man saß um das Feuer herum und aß, trampelte er, über und über mit Schlamm bespritzt, herein und sah sich die Schweine in den Ställen an. Er lallte etwas von vieren, die er holen solle, dann suchte er die fettesten aus und verfrachtete eins nach dem anderen der quiekenden und schreienden Viecher auf den Wagen. Den Bauersleuten standen vor Wut die Tränen in den Augen. Als endlich alle schon dachten, der Wagen würde sich jeden Augenblick in Bewegung setzen, kam das Ungetüm noch einmal herein. Er fragte den Bauern etwas, doch es war nur ein unverständliches Gestammel. Wütend wiederholte es der Riese, worauf der Bauer in seiner Not nickte. Nun begann das Untier grinsend das Haus zu durchsuchen, stampfte in die Gesindestube, öffnete die Truhen, knallte sie zu, stammelte irgend etwas, stapfte weiter, und als er in die kleine Webkammer, die auch als Spinnstube diente, trat, gab er ein triumphierendes Geheul von sich. Die Mädchen, Tine und Margarethe, die sich dort hinter allerlei Gerät verborgen hatten, schrien vor Angst, doch Knu hob Tine, wie zuvor die Schweine, einfach hoch und klemmte sie sich unter die Achsel. Keiner rührte sich, als er aus der Tür trat, alles sah mit offenem Mund auf das zappelnde, schreiende Mädchen. Knu grinste nur höhnisch, der Speichel lief ihm aus dem fast zahnlosen Mund mit dem Stummel einer Zunge, um dann plötzlich auf den Bauern zuzugehen und ihm in langen, unverständlichen Sätzen laut brüllend zu drohen. Endlich aber stiefelte er los und war bereits unter der Tür zum Hof, als Heinrich aufstand und behände wie eine Katze auf ihn sprang und ihm ohne viel Federlesens ein Messer in den Rücken hieb. Das Untier ließ Tine los, die, so dünn sie sein mochte, schwer auf den Boden klatschte und sofort wimmernd davonkroch. Ein kleiner Moment der Stille trat ein, man hörte das Feuerholz knacken, dann jedoch drehte sich Knu laut brüllend um und langte nach dem hinter ihm stehenden Heinrich, verfehlte ihn jedoch. Dieser lief, die Irritation des Kerls nutzend, einfach an ihm vorbei und verschwand in der Dunkelheit. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit setzte Knu, das Messer noch im Rücken, ihm nach. Natürlich dachten alle, Heinrich würde über das Feld in den Wald laufen, wo er sich gut verstecken konnte. Der Bauer wies, mit hochrotem Kopf und stotternd die Knechte an, einige Forken, die Axt und was sonst noch als Waffe zu gebrauchen war, zu holen, damit man sich gegen den Kerl verteidigen könne, käme dieser zurück. Heinrich aber floh nicht in den Wald, sondern in die Scheune. Knu folgte ihm. In fast völliger Dunkelheit hörte er mehr als daß er es sah, wie Heinrich zuerst die Leiter zum Heuboden erkletterte und dann das Gebälk hinaufhuschte. Wilde Drohungen ausstoßend hastete Knu ihm keuchend nach, erklomm die Leiter, zog sich brüllend und geifernd an einem Balken hoch, kletterte weiter, außer sich vor Wut, grapschte ins Leere, hatte bald aber Heinrichs linke Hosenbein in Händen, er zieht und ruckt, packt zu, schreit, zieht weiter, doch Heinrich hat, was soll man sagen, längst mit beiden Händen festen Halt gefunden, holt Schwung und tritt mit dem rechten Fuß in das Gesicht des Riesen, einmal, zweimal, noch einmal und wieder, bis der losläßt, das Gleichgewicht verliert und laut aufbrüllend auf die Kante des Heubodens stürzt und dann satt und mächtig ganz hinunterfällt. Das Brechen des Genicks ist bis ins Haus deutlich zu hören.

Ein schwarzer Schatten erscheint in der offenstehenden Tür der Scheune und geht, seltsam schwankend, langsam ein paar Schritte zum Haus hin. Die kleine Gruppe auf halbem Weg atmet erleichtert aus, ein Hauch nur. Der Bauer mit der Laterne in der Hand und die Knechte hinter ihm, alle mit irgendetwas bewaffnet, sei es auch nur ein Knüppel oder ein kurzes Messer. Die Köpfe ein wenig vorgereckt, breitbeinig, stehen sie wie lauernd da. Die Laterne beleuchtet Heinrichs Gesicht von unten, er glüht, die Wangen rot und feurig, wie der Beelzebub selbst. Für Momente bewegt sich nichts und niemand, die Vorstellung, gemeinschaftlich über den Feind, das Ungetüm herfallen zu müssen, ihm den Schädel einzuschlagen und die Augen auszustechen, so als sei er allein dadurch dem Erdboden gleichzumachen, wich nur langsam aus den Köpfen. Wohl jeder von ihnen hatte gedacht, als sie dieses Krachen hörten, es sei aus mit Heinrich. Er ist tot, sagte der endlich und wies mit einem leichten Heben des Kopfes hinter sich. Engelbert, als der älteste der Knechte, nahm dem Bauern die Laterne aus der Hand und ging hinüber zur Scheune. Den Knüppel noch hochhaltend tat er zögernd die paar Schritte, denn das Knacken des Genicks und auch das, was Heinrich sagte, konnte eine Täuschung des Satans sein, das wußte er. Doch ein Blick genügte ihm, es war so, wie Heinrich gesagt hatte. Bald stand man im Kreis um den Toten, dessen Kopf in einem ganz und gar unnatürlichen Winkel zum Leib dalag, die Augen und den Mund weit aufgerissen.

Engelbert war der erste, der etwas tat. Kurzentschlossen drehte er den Leichnam zur Seite, riß das Messer heraus, wischte es an den Hosen des Toten ab und hieb es in einen Balken. Dann drückte er Heinrich die Laterne in die Hand und hieß ihn folgen. Als die Schweine wieder in den Stall gebracht waren, zog er den Jungen in einen Winkel, um mit ihm zu beratschlagen, was zu tun sei, denn der ist auffällig gefaßt, was dem alten Knecht sofort aufgefallen war. Dem Bauern, der zusammen mit den Knechten ins Haus zurückgegangen waren, fiel inzwischen nichts anderes ein als inbrünstig zu beten, während von irgendwoher aus dem dunklen Haus das Weinen der beiden Mädchen zu hören war. Ein großes Unglück war geschehen, das war keine Frage, der Graf würde sie alle hart bestrafen, daran hegten sie alle keinen Zweifel. Nur Gott konnte ihnen noch helfen.

Engelbert aber, der in seinem langen Leben einiges erlebt hatte, nur nicht, daß Gott den Armen half, hatte einen Plan, oder jedenfalls eine Ahnung, was zu machen sei. Noch war es stockfinster, kein Mond schien, nicht mal ein Sichelchen, doch sobald auch nur ein wenig Tageslicht zu erahnen war, mußte alles so schnell wie möglich vonstattengehen. Heinrich, dem er in knappen Worten seine Überlegung auseinandersetzte, sollte ihm dabei zur Hand gehen. Mit einigem Geschick und großer Kraftanstrengung schafften sie es, den Leichnam des Riesen auf den Wagen zu befördern. Nachdem die Pferde, die angeschirrt bleiben mußten, mit Decken und Wachstüchern gegen Kälte und Nässe geschützt und gefüttert und getränkt waren, gingen sie hinein, schürten das Feuer und aßen und tranken, so als sei nichts weiter geschehen, argwöhnisch beobachtet von den betenden Mägden und Knechten, die einzeln vor sich hinmurmelten, kaum daß einmal ein Jessesmariaundjoseff herauszuhören war.

Stunden vergingen. Nur die Bäuerin betete jetzt noch leise murmelnd vor sich hin, mit dem Oberkörper rhythmisch vor und zurück schaukelnd. Jeden Augenblick konnte sie einfach vom Hocker fallen, so jedenfalls schien es. Als Engelbert und gleich darauf Heinrich die Decken von sich warfen und aufstanden, murmelte sie einfach, ohne aufzusehen, weiter. Nun mußte der Plan ausgeführt werden. Schweigend trat man hinaus in die fahle Kälte des anbrechenden Tages. Engelbert kletterte auf den Bock und nahm die Zügel, während sich Heinrich neben die Leiche hockte, über die sie alte Säcke gelegt hatten. Noch nie war ihm so lebendig zumute gewesen, und wenn er sich auch keine rechte Vorstellung davon machen konnte, was geschehen würde, falls die Sache publik wurde, so ahnte er doch, daß er dies hier vor allem für sich selbst tat. Solch ein Genickbruch konnte schließlich nur geschehen, wenn jemand aus der Höhe stürzte, und käme es zu einer peinlichen Befragung, so würde die Bäuerin und wer weiß wer sonst noch die Schuld auf ihn lenken, das konnte er sich gut vorstellen. Natürlich lag er mit dieser Annahme, so verworren sie ihm auch zu Bewußtsein kam, ganz richtig, und auch Engelbert dachte eben das selbe, nur daß er selbst sich als erstes Opfer sah, wenn die Sache rauskäme.

Es ging sehr langsam vorwärts, denn wenn auch der Hauch einer Morgendämmerung zu erahnen war, der Weg vor ihnen war schwarz wie die Hölle. Schon nach wenigen hundert Fuß hielt Engelbert an und schickte Heinrich mit der abgeblendeten Laterne nach vorne. Schritt für Schritt gelangten sie so auf den leidlich befestigten Weg, der in vielen Bögen und Wendungen zum Haus Villigst führte. Dort, zwischen den Ruhren, war Sumpf und Moor, da wollten sie hin. Nicht wenige Schwerter mieden das Gebiet, weil dort die Toten umgingen und Irrlichter lockten, wie sie glaubten. Doch Heinrich und Engelbert blieb keine Wahl, sie mußten hinein in das tote Land, in dem es kein Leben zu geben schien.

Mit der zunehmenden Morgendämmerung kam schwerer, nasser Nebel auf, sie konnten kaum ein paar Ellen weit sehen. Zu hören war nun lange nichts, dann jedoch schien der Nebel eher Geräusche zu erzeugen, denn beide waren einen Moment lang davon überzeugt, von vorne müsse sich ein Reiter nähern. Einmal glaubte Heinrich, neben sich Gestalten zu sehen, die wie Mönche in schwarze Kutten gekleidet den Leichenzug schlurfenden Schrittes begleiteten. Dann endlich war schemenhaft die nach dem letzten Hochwasser neu errichtete Brücke am Gutshaus zu erkennen, doch hinüber, um dort den Wagen zu wenden, durften sie nicht, da waren sie sich schnell einig, das wäre ein zu großes Risiko, da am gegenseitigen Ufer das Haus des Schulzen stand. So schirrten sie die Pferde ab und versuchten, den Wagen direkt vor der Brücke, nur dort war der Weg ein wenig breiter, zu wenden. Heinrich und Engelbert zogen und schoben lange keuchend und schwitzend, immer in Gefahr, in den Morast zu geraten, doch endlich gelang es ihnen, ihr Gefährt in die Richtung zum Hof zu setzen und die Pferde wieder anzuschirren. Mit letzter Kraft hievten sie nun die Leiche des Ungetüms auf den Bock, wo sie endlich, nach vielem Zerren und Ziehen schräg liegend Halt fand. Heinrich schmerzte der Leib so sehr, daß er anfing, vor sich hin zu kichern wie ein Irrsinniger. Auch Engelbert ging es kaum besser. Doch nur noch eine letzte Anstrengung, dann war es getan! Sie krabbelten auf die Ladefläche, Engelbert griff über die Leiche hinweg die Zügel und trieb die Pferde an, doch mehrere Versuche, sie ins Moor zu lenken, denn das war der Plan, so als sei Knu auf dem Hinweg hineingeraten und versunken, gingen schief. Sie bleiben stur auf dem Weg. Was also tun? Schon war es so hell, daß über dem sich langsam lichtenden Nebel in der Ferne der schiefe Turm von St. Viktor zu erkennen war. Der Plan mußte geändert werden, es mußte eine Entscheidung her, und zwar schnell! Warum, sagte Engelbert schließlich, soll er nicht einfach vom Wagen gestürzt sein – Genickbruch? Heinrich, der frierend auf der Ladefläche saß, sagte nichts, ihm war immer noch elend zumute wie nie zuvor. Der alte Knecht begann, sich die Arme um die Schultern schlagend, auf und ab zu gehen, immer hin und her, den Kopf gesenkt, auf und ab, bis er abrupt stehenbleibt und abwechselnd Heinrich und die Leiche ansieht, so als erwarte er von beiden Zustimmung. Heinrich staunte dann nicht schlecht über den Scharfsinn des alten Knechts, der am rechten Hinterrad nun einfach den Sicherungsring durchschnitt, ihn sich in die Jackentasche steckte, den Splint aus der Achse zog und ihn auf den Weg legte. Dann bestieg er den Bock, hieß Heinrich hinunterspringen und trieb die Pferde an. Ein Krachen und erschrecktes Wiehern folgte bald schon, das Rad war abgesprungen und die Leiche vom Bock neben den Wagen gefallen. Engelbert dachte sogar daran, die Wunde zu vergrößern, so als sei die Verletzung eine Folge des Sturzes, indem er einen Begrenzungspflock aus dem Boden zog und ein wenig herumstocherte. Dann hieb er das Holz wieder in den Boden, spuckte aus und marschierte in einem Tempo los, dem Heinrich kaum folgen konnte. Eine gute Stunde später erreichten sie den Hof. Alle saßen schweigend am Feuer und starrten in die Flammen. Engelbert sagte, Knu sei nicht auf dem Hof gewesen, keiner habe ihn gesehen. Jeder sollte das sagen, würde er gefragt werden. Da standen sie alle schwerfällig auf und machten sich an die Arbeit, auch Tine und Margarethe. Gott hatte ihre Gebete erhört.

Heinrich hatte einen Menschen getötet, doch alle auf dem Hof nahmen an, das Untier sei beim Hinaufklettern einfach abgestürzt. Von den totbringenden Tritten gegen den Kopf des Widerlings sagte Heinrich nichts. Und da niemand kommt, die Bauersleute oder das Gesinde zu befragen, nicht einmal ein gemästetes Schwein wird abgeholt, war es tatsächlich so, als sei nichts weiter geschehen. Kein Mensch sprach mehr über die Angelegenheit, nur Heinrich dachte oft daran, auf seine Art, bald dabei schelmisch vor sich hin grinsend, denn aus Knu wurde in seiner Phantasie immer mehr ein Gymnasiast aus Breslau mit Namen Adam Bernd, dem er den Fuß ins Gesicht setzt, um ihn in die Tiefe zu stoßen.


<= Kapitel 6

Kapitel 8 =>

*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

Hinweis: Das Copyright © und alle denkbaren Rechte an „Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache“ liegen weltweit und darüber hinaus bei Norbert W. Schlinkert. Das Kopieren des Textes oder einzelner Teile ist ausschließlich für den privaten Gebrauch gestattet, sonstige Be- und Verarbeitung und eine Verbreitung in welcher Form und mittels welcher Medien und Techniken auch immer ist unter keinen Umständen gestattet.

Dieser Beitrag wurde unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentare sind geschlossen.