Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman). Kapitel 9: Die größte aller Sünden

Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel neun:

Die größte aller Sünden

So oft wie möglich besucht Heinrich nun den dritten Prediger, während er sich in der Schenke kaum noch sehen läßt. Nur den Montag betrachtet er weiterhin als seinen Tag, an dem er sich mit einigen Saufkumpanen treffen konnte, um allerhand Unsinn zu reden und mit den Mädchen herumzumachen. Beim dritten Prediger aber war er die Ernsthaftigkeit selbst. Eines Sonntagabends fragte er beim Abschied, ob er nicht noch einiges über die Sünde erfahren dürfe, das interessiere ihn sehr, er wolle auch gleich morgen wiederkommen, blauer Montag hin oder her. Der Prediger war überrascht und erfreut, dies zu hören, es würde ihm selbst auch, überlegte er, sicherlich gut tun, mit Heinrich über Themen zu sprechen, die ihm seit je her am Herzen lagen. Nachdem er bei der Besetzung der Predigerstellen, ohne daß er wußte, warum dies so geschah, mehrere Male übergangen worden war, und er sich nun auch nicht mehr in Nachbargemeinden bewerben wollte, war er schon fast ganz der Melancholie verfallen, ja ein Grübler geworden, wie er im Buche steht. Reden und Unterrichten half immer. Natürlich konnte er nicht ahnen, daß sein Schüler für seine Wißbegier nur diesen einen bestimmten Grund hatte, den er sicher nicht gutheißen würde, nämlich in Erfahrung zu bringen, wie er seine Rache an jenem Adam Bernd am besten planen konnte. Heinrich suchte händeringend nach Ideen, jetzt, wo ihm die anstehende Reise die Möglichkeit bot, nach Breslau zu gelangen, und wer wäre wohl, dachte er, der beste Ratgeber, wenn nicht ein Prediger.

Für den Prediger selbst war indes auch diese neue Art der Frömmigkeit der thorbeckschen Hausherrin, von der Heinrich berichtete, ein weiterer Ansporn, den Jungen zu belehren, denn daß diese Frau den sogenannten Pietisten nahestand, war ihm ein Stachel im Fleisch. Die Schrift eines gewissen Philipp Jakob Spener, Pia desideria, hatte er selbst vor Jahren einmal gelesen und vieles richtig daran gefunden, vor allem in bezug auf den Lebenswandel der Menschen und die Notwendigkeit, Lug und Betrug, die Hurerei und überhaupt jede Form der Unsittlichkeit zu bekämpfen. Doch daß die Laien dabei eine wichtige Rolle spielen sollten, selbst die Frauen, das war ihm wieder nicht recht einsichtig gewesen, während er der gewünschten Erbauung der Gläubigen viel abgewinnen konnte. Doch dafür reichte es wohl, wenn die Menschen die arndtschen Schriften lasen und die Predigten anhörten, sagte er sich damals, und bei dieser Meinung war er auch geblieben. War es denn nicht, überlegte er immer wieder, Unglück genug, daß die Reformierten in Schwerte ihr Unwesen trieben und Papisten aus dem Sauerland zu den Markttagen zuhauf in die Stadt kamen! Und nun sollte auch noch diese pietistische Lehre hier Fuß fassen! Er hoffte, in Heinrich einen Mitstreiter gewinnen zu können gegen dieses Unwesen, das sich langsam durchzusetzen drohte. Er war ja durchaus präpariert und mit Argumenten gut ausgestattet, denn nach jenem Anschlag auf sein Leben, damals im Herbst des Jahres 1687, hatte er nicht nur damit begonnen, noch ausgiebiger als zuvor zu lesen, sondern er schrieb sich seitdem täglich all das von der Seele, was ihn nicht ruhen ließ, denn wenn Gott ihn hatte strafen wollen, so ein immer wiederkehrender Gedanke seither, mit den nicht enden wollenden Schmerzen im linken Bein und dem Fieber, das ihn oft heimsuchte, dann mußte auch er Sünden auf sich geladen haben, die nicht eben klein gewesen sind, die Gott ihm aber nicht offenbarte. Schreibend, so hoffte er, würde er der Wahrheit näherkommen. Doch vielleicht hatte Gott ihm nun den Jungen geschickt, dachte er, denn der wollte ja alles erfahren über die Sünde und die Anfechtungen, den Teufel und die Hölle und den ganzen Rest.

Im Diarium des Predigers fanden sich also ganz naturgemäß allerlei Gedanken und gute Argumente gegen die Abweichler, aber auch eine längere Abhandlung zur Sünde, die ihm eines Abends aus der Feder geflossen war. Er wollte Heinrich das eine oder andere daraus vorstellen, ohne daß es wie eine Predigt wirkte. Immerhin ging der Junge bald zusammen mit Thorbecke auf Reisen, da würde es gut sein, ihn auf die Gefahren der Welt aufmerksam zu machen, damit er nicht etwa als ein Pietist wieder hier erschiene. Er schlug sein Tagebuch auf. Wo große Strafen und Züchtigungen Gottes sich finden, las er also laut, sich das Büchlein direkt vor die Nase haltend und in seiner Stube trotz der Schmerzen im Bein hin und her humpelnd, da mögen wir wohl denken, daß gewiß nicht kleine Sünden begangen wurden, die Gott veranlaßt haben, uns mit solchen bittern Ruten zu geißeln. Und sollte ich nach dem gemeinen Sprichwort nicht etwa sagen müssen, den ärgsten Hunden hängt man die größten Klöppel an? Er hielt inne und setzte sich. Er wollte Heinrich ja nicht mit seinen Selbstanklagen aus dem Haus jagen! Er blätterte weiter, es mußte etwas weniger Schweres sein, etwas Weltliches. Vielleicht, dachte er, sollte ich Heinrich von der Mischung der Säfte berichten, dem Temperament, das Gott einem jeden Menschen mitgibt. Er selbst war ja schließlich ein Melancholiker, da war viel zu erzählen. Denn obwohl, las er also wieder laut, nachdem er nach vielem Hin- und Herblättern eine passende Stelle gefunden hatte, die Melancholici wegen ihres Temperaments und verbrannten dicken Geblütes schon zu schrecklichen Anfällen geneigt sind, so glaube ich doch, dieselben würden nicht so leicht ausbrechen, wenn nicht mit den Sünden Holz zugetragen würde zu dem Feuer, dem feurigen Ofen der Anfechtungen, in welchem sie öfters brennen müssen, bis die Schlacken ihrer Sünden verzehrt sind! Das war nun, fand er, ein wenig zu deutlich im Ton einer Predigt, doch er würde schon, sagte er sich, die richtigen Worte finden. Endlich klopfte es, der Prediger legte sein Tagebuch wieder an seinen Platz und öffnete die Tür. Heinrich trat ein, einen großen Krug Bier und geräucherte Würste in der Hand.

Er würde aufmerksam zuhören an diesem Montagabend. Besonders interessierte ihn, darauf war er erst am Morgen verfallen, ob eine Tat, die er nicht vorsätzlich herbeigeführt hat, ihm als Sünde angerechnet werden könnte, etwa wenn er im Zustand des Wahns oder der übermäßigen Wut einen Gegner oder einen Feind anginge und niedermachte. Er drückte das ein wenig umständlich aus, mit falschen Begriffen und unter Zuhilfenahme der üblichen Teufelsmetaphern. Dem Prediger, der die Frage dennoch sofort verstand, stieg das Blut zu Kopf. Von seinen eigenen Überlegungen, die er oft genug anstellte, hatte er nie irgendjemandem etwas berichtet, doch natürlich hatte er damals die Calvinisten und mit ihnen die Reformierten wütend zum Teufel gewünscht, als er so lange auf dem Krankenlager gelegen hatte. Sogar Rachepläne schmiedete er damals, doch die liefen ins Leere, auch deswegen, weil sich der Täter nicht finden ließ. Er konnte sich ohnehin nur bruchstückhaft erinnern, ja eigentlich nur an den üblichen abendlichen Spaziergang und daran, daß vor ihm das besorgte Antlitz des Medicus erschien, nach und nach wie aus einem Nebel. Er war auf jeden Fall hinterrücks überfallen worden, er hatte eine schwere Wunde am Hinterkopf erlitten, den Täter also nicht sehen können, der dann auch noch auf ihn eingeschlagen oder eingetreten haben mußte. Was aber, das fragte er sich jetzt wieder, würde ich getan haben, wenn mir etwa der Richter unter vier Augen den Kerl genannt hätte? In einer kleinen Stadt läuft man sich über den Weg, ob man will oder nicht. Würde mich die Wut überwältigen, würde ich dem Täter die Faust in die Fresse schlagen, würde ich ihn zu Tode prügeln, stünde er vor mir, würde ich ihn ermorden, in all meiner Wut, und damit die größte Schuld auf mich laden? Er sah Heinrich an, der scheinbar geduldig, an einer Wurst kauend, auf Antwort wartete. Fest steht, dachte der Prediger, daß mich Gott seitdem mit Schmerzen und bösen Träumen straft, ohne daß ich Gewalt gegen einen Menschen ausgeübt hätte, ohne daß ich des Mordes oder überhaupt eines Verbrechens schuldig bin. Aber auch böse Gedanken sind ohne Zweifel bereits böse Taten, kommen sie auch ungerufen und lassen sich nicht vertreiben! Er nahm einen tiefen Schluck Bier. Heinrich blickte ihn ernst an, nur ein leichtes Wippen des Fußes zeigte seine Ungeduld. Was sollte er dem Jungen, überlegte der dritte Prediger angestrengt, nun sagen? Wäre eine solche Tat, wie er sie selbst im Geiste oft begangen hatte, keine Sünde, weil sie im Wahn ausgeführt wird, so wäre ein Totschlag im Rausch kaum zu ahnden! Niemand muß sich betrinken oder sich seiner Wut hingeben, wenn auch die Mischung der Säfte das begünstigen mag. In Hiob, hob er also endlich an, den Jungen fest anblickend, steht geschrieben, mein Lager soll mir lindern meine Pein, doch so erschreckte mich Gott durch Träume. Ebenso, Heinrich, ergeht es auch mir seit Jahren, nach jenem Streit mit den Calvinisten aus Breslau und dem Überfall auf mich. Meine Träume seither sind in der Tat schrecklich, und auch die Schmerzen wollen nicht vergehen, obwohl ich nichts Böses getan habe. Darüber aber außer sich zu geraten und seine Gegner im Streit niederzumachen, ob in größter Wut und selbst in Gedanken, ist Sünde, hörst Du, Heinrich, das wäre Gott zuwider gehandelt! Heinrich nickte, sagte aber nichts. Ihm war nicht recht klar, wie ein Mensch durch Gedanken sündigen konnte, auch wenn er davon schon gehört hatte, und er verstand auch nicht, warum das Besiegen eines Feindes im Kampf Sünde sein soll, wenn dieser Feind Böses getan hatte. War ein Kampf ohne Wut denn überhaupt möglich? Dieser Adam Bernd jedenfalls ist schuldig, das sagte er sich immer wieder, weil er Cara in die Verzweiflung getrieben hat, und wenn Gott selbst die Sünder strafen würde, durch ein lahmes Bein und durch böse Träume, so würde er, Heinrich, es ja nicht tun müssen! War das nicht so? Sicher, auch er hatte schon oft schlecht geträumt, manchmal steckte er bis zum Hals in einem schlammigen Tümpel, das brackige Wasser lief ihm in den Mund hinein, dann wieder fiel er aus einem Fenster in die Tiefe, doch konnte er nicht erkennen, daß Gott ihn so wegen seiner Sünden, die er doch ohne Zweifel beging, strafte. Er dachte an Emilia, an das, was sie getan und was er von ihr gefordert hatte. Danach hatte er keineswegs böse Träume gehabt, ganz im Gegenteil, überlegte er weiter, verschmitzt lächelnd. Ob Emilia deswegen schlecht träumte, fragte er sich nicht.

Am nächsten Abend fand Heinrich den Prediger auf dem Krankenlager vor. Die Zugehfrau war, als er eintrat, soeben damit beschäftigt, große Stücke Pappelrinde auf sein linkes Bein zu legen und diese mit heißdampfenden Tüchern abzudecken. Heinrich ließ sich durch ihre bösen Blicke nicht beirren, denn er war nach dem gestrigen Besuch, leidlich besoffen am Busen eines Mädchens hängend, auf eine Frage gekommen, die ihn nun doch sehr beschäftigte. So ist denn, fragt er nunmehr unvermittelt, kaum daß er sich gesetzt hatte, die Angst vor einer Sünde schon eine solche, aus dem Grunde, weil die Angst böse Träume auslösen muß und dem Menschen das Leben zu einer Hölle macht? Der Prediger lächelte, trotz seiner Schmerzen. Das, was Heinrich da sagte, war sicher naiv und fast noch kindlich, es war ein wenig zu kurz gedacht, denn die Angst vor der Sünde hatte Gott ja dem Menschen wohlweislich zu dessen Schutz eingegeben; und wenn diese Angst am Ende dem Teufel schmeichelte, dann mußte wohl auch diese Angst zweifellos schon eine Sünde sein. Dies setzte er Heinrich auseinander, der aber schien mit der Antwort nicht zufrieden und grübelte lange nach. Dann fragte er schließlich, die Frau hatte eben die Wickelei beendet und die Tür hinter sich geschlossen, was denn die größte Sünde sei, so daß bereits die Angst davor die schlimmste Pein auslöse. Daraufhin sprach der Prediger von den sieben großen Sünden, dem Hochmut oder der Eitelkeit, dem Geiz oder der Habgier, der Wollust, dem Zorn oder der Rachsucht, der Maßlosigkeit, dem Neid oder der Eifersucht, der Trägheit des Herzens und des Geistes oder der Feigheit, doch all dies kannte Heinrich ja bereits aus Arndts Schriften und den Büchern der Hausherrin. Außerdem leierte der Prediger die Aufzählung nur herunter, wie er dies manchmal in seinen Predigten tat. Heinrich suchte etwas anderes, denn er würde, das kristallisierte sich immer mehr als sein eigentlicher Plan heraus, diesem Adam Bernd die Hölle auf Erden bereiten, indem er ihm Angst vor der Sünde eingab, vor der größten aller Sünden, und kostete dies auch sein eigenes Seelenheil. Das war sein Plan, aber er spürte, wie unausgegoren er noch war – das Entscheidende fehlte noch!

Der Prediger schrie auf. Er hatte sich ungeschickt bewegt. Alles Blut wich ihm aus dem Gesicht. Schwer atmend lag er eine ganze Weile mit geschlossenen Augen auf seinem Lager. Heinrich öffnete derweil das Fenster und sah hinaus. Manchmal wünschte ich mir, sagte der Prediger endlich leise, mich in zwei Menschen aufteilen zu können und dem anderen den Schmerz lassen! Leider ist das unmöglich, Heinrich, und grad jetzt würde ich mich, wenn eben dieser Schmerz mich nicht hinderte, am liebsten zum Fenster hinausstürzen, damit er aufhört, doch könnte ich ohne Umstand zum Fenster gehen, so hätte ich keine Schmerzen und auch keinen Veranlassung, mich hinunterzustürzen. Er lächelte matt und blickte zu Heinrich, der aber stand schweigend am Fenster und sah auf den dunklen Marktplatz hinunter. Für einen kurzen, schauerlichen Moment erschien ihm, wie von einer kleinen bösen Sonne aus der Finsternis herausgeschnitten, das Bild des unten auf dem Pflaster liegenden Predigers. Jede Einzelheit war zu erkennen, die verrenkten Glieder, die erloschenen, ins Leere starrenden Augen, das Blut, das aus dem zerschlagenen Schädel rann. Dann verschwand das Bild wieder, so plötzlich wie es erschienen war. Heinrich sprach noch eine Weile mit dem Prediger, über dies und das, doch mit einer Fahrigkeit, die nicht zu ihm paßte. Dann verabschiedete er sich. Ihm war ein Licht aufgegangen. Und was für eins!

Kaum oben in seiner Kammer schreibt er auf ein Blatt Papier: Die größte aller Sünden ist der Selbstmord! Daneben zeichnet er ein Haus mit einem geöffneten Fenster, in dem ein Mann steht mit schwarzem Gesicht. Ja, dachte er, und die größte Angst ist es, sich umbringen zu müssen! Es wird wohl eine Art Anfechtung sein, überlegte er, spürt man die Lust, sich ins Wasser zu stürzen oder aus dem Fenster zu springen. Er konnte das nicht recht begreifen. Auf seinem Balken in der Scheune hatte er sich natürlich immer so gesetzt, daß er nicht hinunterfallen konnte, doch in einem melancholischen Augenblick, in einer Art Umnachtung, ja, das konnte sein, würde der ein oder andere Mensch sich fallen lassen. Das mochte von seinem Temperament und der Mischung der Säfte abhängen. Er dachte an Cara. Ihm war ja sofort, als man sie nicht finden konnte, klar gewesen, daß sie tot sein mußte, der Prediger war umhergelaufen und hatte die Leute gefragt, doch sie war von niemandem gesehen worden. Sie war zurückgekommen nach Schwerte, dachte er jetzt, und dann ging sie wieder fort, in den Tod! Der Prediger fragte ihn damals noch, ob er denn nicht traurig sein würde, wenn sie tot sei, er wollte ihn zu weiterer Suche animieren, aber war er wirklich traurig gewesen, als er die Mutter tot im Wald gefunden hatte? Er wußte es nicht. War die Mutter nicht blöde gewesen die ganze Zeit, sie verstand kaum, was man ihr sagte, und warum sollte man dann traurig sein, wenn sie tot ist? Auch Cara war wohl so geworden, blöde und des Teufels, vielleicht ganz plötzlich. Die Mutter hatte tot auf dem zugefrorenen Tümpel gelegen, die Wildschweine oder die Wölfe mochten sie gefressen haben, und Cara haben die Fische gefressen. Gott, oder der Teufel, hatte das bewirkt, der Mensch stand nur daneben und sah zu, bis er selbst an die Reihe kam. Nein, entschied er, traurig war er nicht, und noch weniger traurig würde er sein, wenn Adam Bernd sein Schicksal erleiden wird.

Würde der dritte Prediger sich aus dem Fenster stürzen, wenn die Schmerzen im Arm wären und nicht im Bein? Das fragte er sich, am nächsten Tag müde auf dem Kutschbock hockend. Er mußte lächeln, nein, der Prediger würde sich nicht umbringen, denn dann würde er zu den Verdammten gehören und ewig in der Hölle schmoren. Dennoch, eine plötzliche Beraubung des Verstandes, und ein Mensch wirft sich vor eine Kutsche, springt ins Feuer oder ins Wasser, und war vielleicht einen Lidschlag zuvor noch bei Verstand gewesen. Heinrich dachte lange darüber nach, er selbst würde dies nicht tun, niemals, auch nicht im berauschten Zustand. Den Weibern unter die Röcke gehen, das ja, natürlich, oder Streit beginnen, sich prügeln, dummes Zeug quatschen, aber sich kopfüber in einen Strudel stürzen oder ins Feuer – nein, das werde ich nicht tun, entschied er, niemals.

Doch ganz so sicher war er sich durchaus nicht, denn der Gedanke ließ ihn nicht los, daß auch er selbst einmal plötzlich einem Wahn verfallen könnte. Was wäre denn, überlegte er, als er am selben Abend totmüde auf seinem Strohsack lag, wenn einer sich selbst nicht trauen kann, wenn er den Teufel in sich spürt wie die Wollust, die sich ja auch nicht vertreiben läßt so ohne weiteres? Muß er dann nicht Angst haben vor sich selbst? Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Das, dachte er, wäre die Hölle auf Erden für den armen Sünder, und diese Hölle, die würde er Adam Bernd bereiten! Angst vor sich selbst! Er wußte noch nicht, wie er es anstellen sollte, aber sein Plan nahm nun langsam Gestalt an.

Einige Wochen später machen sich der Kaufmann Thorbecke und sein Gehilfe Heinrich bei schönem Frühlingswetter mit einem zweispännigen, neuen Wagen auf den Weg Richtung Osten, beladen mit einigem Tuch, das unterwegs loszuschlagen sein würde. Heinrich wollte sich, das stand fest, so bald wie möglich davonmachen, denn nichts sollte ihn nun daran hindern, nach Breslau zu kommen.


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*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

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