Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman). Kapitel 10: Der Einbeinige

Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel zehn:

Der Einbeinige

Bei Tagesanbruch war Heinrich, sein Bündel über der Schulter und sein Geldsäckchen mit Pfennigen und Groschen in der Tasche, aus dem Gasthaus bei Helmstedt geschlichen und in die aufgehende Sonne hineingelaufen, doch erst als er in Marienborn am Friedhof vorbeiging und eine Beerdigung sah, fühlte er sich befreit, warum auch immer. Ein Student hatte ihm am Abend zuvor bei einem kleinen Nachttrunk die Route nach Breslau auf ein Stück Papier gezeichnet, über Oschersleben, Aschersleben, Halle, Leipzig, Dresden, Görlitz, Bunzlau und Liegnitz, den Weg sei er selbst gegangen, andersherum, von Neumarkt aus, von wo er herstamme, bis hierher, nach Helmstedt, um zu studieren. Vier Wochen habe er benötigt. Es gäbe zwar, sagte er noch augenzwinkernd, auch einen kürzeren Weg, doch dann würde er Leipzig und die Gasthäuser und die Frauen dort verpassen, und das wäre schade drum, wenngleich Breslau in dieser Hinsicht auch nicht zu verachten sei. Heinrich hatte dann lange noch wachgelegen und wäre sicher zu spät aufgewacht, hätte nicht Thorbecke gegen Morgen ganz fürchterlich zu schnarchen begonnen.

Mit jedem Tag seiner Reise Richtung Breslau war das Wetter schlechter geworden. Er hatte das Gefühl, es werde immer noch ein wenig kühler und regnerischer, wann immer er ein Flüsschen überquerte, erst die Bode, dann die Wipper, dann die Saale. Mal pladderte der Regen nur so nieder, mal gab es heftige Gewitter, mal nieselte es nur. Draußen zu übernachten war kaum möglich, und auch in der Nacht vor seiner geplanten Ankunft in Leipzig mußte er wieder einmal auf dem nackten Boden eines Gasthauses schlafen, auf halbem Wege zwischen Halle, um das er einen Bogen gemacht hatte, und seinem vorläufigen Ziel, wenn man das denn überhaupt Schlafen nennen konnte. In der Stube nebenan wurde Unzucht getrieben mit irgendwelchen betrunkenen Weibsbildern, dann war ein Kerl im Streit wohl schwer verletzt worden und jammerte die halbe Nacht fürchterlich. Als Heinrich frühmorgens in den Schankraum trat, sah er durch die offenstehende Tür den Wirt, der eine Blutlache mit einem alten Lumpen verwischte und dann Sand aus einem Krug darüberstreute. Er war froh, als er fortkam, kaum daß er für ein paar Pfennige ein wenig Brot bekommen hatte, um es ins Bier zu brocken. Noch lag ein gutes Stück des Weges vor ihm bis nach Leipzig, von wo aus er dann bald nach Breslau weiterzureisen gedachte. Vielleicht kann  ich mich ja als Gehilfe bei einem Kaufmann verdingen, der Richtung Schlesien reist, überlegte er. Er würde sehen, was sich machen ließe.

Tatsächlich steht Heinrich dann am frühen Abend des selben Tages staunend auf dem Marktplatz der großen Stadt Leipzig. Nachdem er am äußeren Ranstädter Tor durchgewunken worden war und am Barfüßerpförtchen seinen Namen als Heinrich Daubenfuß, Kaufmannsgehilfe, angegeben hatte, er sei im Auftrag seines Meisters hier, war er einfach in die Stadt hineinmarschiert, nach rechts um eine Häuserecke und dann wieder nach links gegangen, um schließlich auf dem Markt mitten im Getümmel zu landen. Es ist noch hell, am Himmel blaue Lücken zwischen auseinanderfahrenden dunklen Wolken, um ihn herum allerlei Trubel und Menschen aller Stände, darunter viele Studenten mit wallenden Perücken und schwarzen Hüten, bestickten Mänteln, Kniebundhosen, weißen oder gelben Seidenstrümpfen und Schnallenschuhen, alle mit einem feinen Degen bewaffnet, ihnen zur Seite manche Dame mit hochaufgestecktem Haar und engtailliertem Kleid, daneben Mägde und Handwerksgesellen und junge Burschen, die ihren Herrschaften die eingekaufte Ware hinterhertrugen. Wenn er da an den armseligen Markt in Schwerte dachte! Er geht von Stand zu Stand und sieht sich die Ware an, Gänse und Hühner in Käfigen, Buchstände mit galanten Romanen und gelehrten Werken, Gemüse, Fleisch, Würste, Tuche, alles ist vorhanden. In den Läden unter dem Rathaus finden sich feine Öle aus Italien und Kerzen aus Schweden ebenso wie Felle aus Rußland, dazu Pfeffer, Honig und Drucke aller Art, Stadtansichten vor allem, auch Stiche nach Gemälden. Vor einem Laden für Messer und Degen steht ein Stadtsoldat, der Heinrich prüfend ansieht und ihm dann zunickt. Heinrich grüßt zurück und geht weiter, durch einen Durchgang unter dem Rathaus hindurch, noch ein Markt, stellt er überrascht fest, ebenso bevölkert. Ein Bürger mit einer dunkelgrauen Perücke und einem großen Hund an seiner Seite erklärt dem Staunenden ungefragt, dies hier sei der Naschmarkt und das prächtige Gebäude dort die Kaufmannsbörse, worauf Heinrich nickt und sich nach einem Schlafplatz erkundigt, er sei Kaufmannsgehilfe und im Auftrag hier.

Wie gut ist es doch gewesen, dachte er zufrieden, nachdem er sein bescheidenes Quartier in der Ritterstraße Ecke Brühl bezogen hatte und ausgestreckt auf einem Strohsack in der Ecke eines großen Raumes lag, daß ich mir vor einer Weile schon diese Seidenstrümpfe habe verschaffen können, denn eine noch so zerrissene Kleidung wird fast anständig, sind die Strümpfe nur von feiner Machart und ansprechender Farbe. Ihm jedenfalls sind die seidigen Dingerchen, das weiß er genau, zusammen mit einer halbwegs vorzeigbaren Perücke und einem leidlich sauberen Rock, wie jedem anderen Manne das Eintrittsbillet in eine jede Stadt. Wie als eine Versuchung waren ihm die Strümpfe, frisch gewaschen und tropfnaß, ja geradezu vor die Nase gehangen worden, erinnert er sich, ausgerechnet in Paderborn war das gewesen, wo man sie so mißtrauisch behandelt hatte. Ein ungeheurer Glücksfall. Die Perücke allerdings, die ihm ein wenig zu groß ist und jedesmal verrutscht, wenn er sich am Kopf kratzt, besaß er erst seit wenigen Stunden. Auch daran dachte er jetzt, allerdings mit weniger Vergnügen, denn auch diese hatte er, als sich ihm die Gelegenheit bot, gewissermaßen gestohlen, als er heute gegen Mittag auf einem abkürzenden Nebenweg unterwegs gewesen war, zu dem ihm der Wirt geraten hatte, denn wenn man das Pferd der Apostel reiten müsse, hatte er gesagt, dann sei doch jeder Schritt zu viel lästig, vor allem bei diesem Wetter. Es mochte dann wohl noch gut eine Meile bis Leipzig gewesen sein, als es wieder einmal bedrohlich nach einem Gewitter aussah, das sich von Südwesten her näherte. Es tröpfelte auch bereits, als er, aus einem kleinen Stück Wald heraustretend, eine umgestürzte Kutsche alter Bauart sah, deren Verhängnis ohne Zweifel die Spurbreite der hiesigen sächsischen Wagen geworden war. Sie muß, ohnehin schräg fahrend, heftig umgeschlagen sein, vielleicht einer Windböe wegen. Die Räder links waren zerborsten, die rechtsseitigen hingen in der Luft, während die beiden Pferde wohl tot waren, wie Pferde nur tot sein können. Auf den aufgerissenen Flanken saßen dutzende von Kolkraben, die nicht einmal aufflogen, als Heinrich sich langsam und vorsichtig näherte. Menschen waren auf den ersten Blick nicht zu sehen, doch war der Boden übersäht mit Fußabdrücken, kleinen wie großen, alle schon vollgelaufen mit Wasser. Wer weiß, wie lange der Unfall her sein mag, dachte er, die Raben beobachtend. Nun, so lange keine Wölfe auftauchten! Ein Mann in Hildesheim hatte Thorbecke und ihn eindringlich gewarnt, daran erinnerte er sich, je weiter sie nach Osten reisten, desto mehr Wölfe gäbe es. Als er nun noch ein wenig näher herantritt und um die Kutsche herumstapft, sieht er, daß ein einzelner Schuh, schwarz und mit einer silbernen Spange versehen, aus dem offenen Verschlag der Kutsche herausragt. An ihm hängt ein weißbestrumpftes Bein, und an diesem einen Bein ein Leib und obenauf ein Kopf, das linke Auge ist weit aufgerissen, vom anderen kleben nur noch schleimige Reste in der Augenhöhle, durch das blutige Loch der weggefressenen Wange rechts hindurch sind Zahnstümpfe und die angefressene Zunge zu sehen. Heinrich wendet sich erschreckt zusammenfahrend ab und schüttelt sich, zwingt sich dann aber, wieder hinzusehen. Ein nicht ohne Geschmack gekleideter älterer Herr, stellt er fest, einbeinig und von einiger Leibesfülle, mit auffallend schönen Knöpfen an seinem Rock, der Kopf seltsam verdreht, Genickbruch. Ist da wer, ruft Heinrich nun ganz unsinnigerweise, einige der Raben flattern kurz auf, fallen dann aber aus geringer Höhe, krah, krah rufend, wieder in die offenen Wunden hinein. Vorsichtig nähert er sich noch ein Stück, nicht so sehr aus Ehrfurcht vor dem Toten als vielmehr aus Angst vor den Vögeln, die weiter unbeeindruckt, ihn aber gleichwohl beobachtend, Fleischbrocken aus den Kadavern reißen. Die Kreatur ist unberechenbar, das weiß Heinrich aus manchem Erlebnis. Doch die Vögel tun nichts und der Einbeinige auch nicht, der liegt nur da, während Heinrich nun unschlüssig eine Weile am Ort des Geschehens steht und die Kutsche betrachtet, einmal auf dem linken, dann wieder auf dem rechten Bein balancierend, wie das wohl ist, so einbeinig zu sein, denkt er, die Vögel im Augenwinkel, die emsig ziehen, zerren, reißen und vertilgen, während bald schon dicke Tropfen aus schwefelgelbem Himmel zu Boden klatschen.

Als das Gewitter mit einem Guß und krachendem Donner losbricht, klettert Heinrich, was bleibt ihm übrig, über den Toten hinweg in die schräg im Graben liegende Kutsche hinein, denn er wollte noch heute Leipzig erreichen und dann natürlich nicht aussehen wie ein ersoffener Hund. Der Aufbau gibt beim Einsteigen ein wenig nach und knarrt bedrohlich. In der hintersten Ecke macht er es sich mit zwei völlig verschlissenen Sitzkissen und mit seinem Bündel einigermaßen gemütlich. So ist es auszuhalten, denkt er endlich, die Beine ausstreckend. Und da saß er nun also mit einem einbeinigen und einäugigen Toten und konnte nicht fort, ohne klatschnaß zu werden oder sich sogar vom Blitz erschlagen zu lassen! Nur keine Angst, sagte Heinrich laut, der den Blick von dem Toten nicht wenden konnte, doch je öfter er dies sagte, nur keine Angst, nur keine Angst, nur keine Angst, und je dunkler die Welt wurde, je öfter ein Blitz den Himmel zerriß, je näher das Gewitter kam, desto lebendiger schien die Leiche zu werden. Das wäre ja nicht der erste Tote, dachte er, den der Teufel wieder zum Leben erweckt! Was also tun? Sich naßregnen lassen und am Ende nicht eingelassen werden, weil ein Torwächter ihn für einen Landstreicher hält – das kam absolut nicht infrage! Manch einer hatte ihm, wenn am Abend in einer Schenke das Gespräch auf das Reisen kam, von Leipzig geschwärmt, Salpetersieder, Schuster, Kaufleute, Zimmer- und Maurergesellen, Mörtelrührer, Wirte, Studenten, alle rieten dazu, die Stadt zu besuchen, ob sie nun schon mal dort gewesen waren oder nicht, und nun wollte er auch hinein, das stand fest. Bald tropfte es auch noch durch das Dach ins Innere, nur an einer Stelle zwar, doch dabei geradewegs in die Augenhöhle des Toten. Tropf-tropf-tropf machte es, und vielleicht war es dieser Rhythmus, der Heinrich daran erinnerte, wie er als Kind immer ein Lied gesungen hatte vor lauter Angst, wenn er allein im Wald Beeren suchte oder im Dunkeln von einem Botengang nach Schwerte zurückgehen mußte zum Hof. Doch er kannte nur zwei oder drei Lieder, und so sang er einfach das erste, das ihm einfiel, zuerst ein wenig verzagt, er konnte sich selbst bei all dem Geprassel und Gedonnere kaum hören, dann lauter. Er singt:

Es wollt ein Mädchen früh aufstehn,

Und in den grünen Wald spazieren gehn.

Und als sie nun in den grünen Walde kam,

Da fand sie einen verwundeten Knab’n.

Der Knab, der war von Blut so rot,

Und als sie sich verwand, war er schon tot.

Wo krieg ich nun zwei Leidfräulein,

Die mein feines Liebchen zu Grabe wein’n?

Wo krieg‘ ich nun sechs Reuterknab’n,

Die mein feins Liebchen zu Grabe trag’n?

Wie lang soll ich denn trauren gehn?

Bis alle Wasser zusammen gehn?

Ja alle Wasser gehn nicht zusamm’n,

So wird mein Trauren kein Ende han. 

Das war vielleicht nicht gerade das passendste Lied, doch er sang es in ständiger Wiederholung, während der Leichnam einäugig weinte und das Gewitter nicht weiterziehen wollte. Endlich aber klarte es auf, und bevor Heinrich aus der Kutsche stieg, nahm er noch einmal allen Mut zusammen, zog dem Toten die Perücke vom Kopf, klopfte sie aus und steckte sie ein.


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*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

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