Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman). Kapitel 11: Adam und Cara

Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel elf:

Adam und Cara

Natürlich hat jeder Junge von einem gewissen Alter an verbotene und verstörende Gedanken, die ganz und gar danach aussehen, als seien sie ihm vom Teufel eingegeben worden. Es gilt dagegen anzugehen. Ein Adam Bernd aus Breslau kämpft Ende des 17. Jahrhunderts gegen die Anfechtungen, indem er auf dem Rücken liegend auf seinen eigenen Händen einzuschlafen versucht. Die Arme werden natürlich taub, noch bevor er einschläft. Hätte er es sich nur getraut, so würde er seinen Lehrer Martin Hanke, Rektor des Elisabeth-Gymnasiums, oder, wenn er in der Neustadt vor den Toren Breslaus im Haus des Predigers Andreas Acoluth nächtigte, diesen gebeten haben, ihm vor dem Schlafengehen die Hände zu binden. Doch würde solch eine Bitte nicht erst recht beweisen, wie besessen er war vom Gedanken an die Fleischeslust? Zwar hatte ihm Acoluth schon einige Male kaum verklausuliert von dieser Sünde gesprochen und ihm versichert, Gott selbst vergebe sie, man müsse sich nur inbrünstig an ihn wenden, dies merke ja auch Martin Luther im Kleinen Katechismus an, doch diesen Hinweis empfand Adam keineswegs als Trost, ganz im Gegenteil. Die Gier und Wollust, die ihn oft tagsüber und besonders des nachts überfiel, war ihm weiterhin nicht geheuer, Gebete hin oder her. Es war, als würde eine fremde, teuflische Macht seine Gedanken und seine Hände lenken. Häufig genug hatte er nachgeben müssen, ängstlich darauf bedacht, daß keiner seiner Kameraden im Schlafsaal etwas mitbekam, und war mit Gewissensbissen eingeschlafen und auch wieder aufgewacht. Er bat Gott oft auf Knien, ihn von der Wollust zu befreien, ihn nicht zu strafen mit Verdammnis und Unheil, denn war ihm von Gott nicht so manche Wohltat erwiesen worden, durfte er nicht das Gymnasium besuchen und Sprachen und Mathematik lernen, statt als Kohlgärtner, wie seine Eltern und seine Schwestern, dereinst seine Tage beschließen zu müssen? Das Gute und Schöne konnte ihm, das wußte er, Gott wieder nehmen! Das sagte auch Acoluth in seinen Predigten.

Neuerdings zog es ihn außerdem auch noch in die Schenken und zu den Bühnen, auf denen derbe Schwänke zum besten gegeben wurden. Sicher, er disputierte im Wirtshaus mit den Andersgläubigen, und das mochte eine gute Sache sein, doch er trank auch mit den Schulkameraden so manchen Krug Bier, spielte Karten, ging Kegeln, so wie er überhaupt einen Hang zu den Mitteldingen besaß. Diese Neigung verurteilte Acoluth, dem die Verehrung seiner Eltern und die seiner Geschwister galt, zwar nicht in Bausch und Bogen, hielt sie aber bei einem zukünftigen Prediger, denn als einen solchen sah er Adam, für unangemessen. So kämpfte die Einsicht des Verstandes mit der Wollust und der Verderbtheit seines Leibes, ohne daß die Dämonen sich vertreiben ließen.

Zu allem Überfluß war da auch noch Cara. Sie sprach nicht viel und schien vor allem möglichen Angst zu haben, besonders vor der Acoluthin, der alten und kranken Mutter des Hausherrn, und selbst wenn sie etwas sagte, so klang es müde und schleppend und irgendwie fremdländisch. Wenn sie ihn wenigstens offen anblicken würde, dachte Adam, meinethalben auch frech wie so manch andere, doch sie blickte immer zu Boden oder an ihm vorbei. Eines Morgens jedoch, Adam hatte im acoluthschen Haus übernachtet und war früh aufgestanden, um den Prediger in die Kirche zu begleiten, huschte sie kaum bekleidet dicht an ihm vorbei über den Gang in ihre Kammer. Die Türklinke in der Hand warf sie den Kopf herum und blickte zu Adam hin wie ein scheues Reh. Adam stand wie vom Donner gerührt. Eine Gier nach diesem fremden Leib, die sich als eine Art Kitzel in ihm ausbreitete, hinter den Augen und im Kehlkopf und dann noch in seinem Unterleib, dort ganz besonders, lenkte ihn, als führe ihn die Verderbtheit selbst an Schnüren wie eine Marionette, zu Caras Kammer. Er hatte schon die Hand auf der Klinke, als Herr Acoluth von unten herauf nach ihm rief, es sei an der Zeit aufzubrechen. Adam erschien dieser Moment später, als löse ihn das Rufen des Predigers aus den Fängen des Teufels.

Ausgerechnet an diesem Morgen sprach Acoluth in seiner Predigt in St. Salvator vor dem Schweidnitzer Tor von den Anfechtungen. Schlagen wir der einen den Kopf ab, sprach er laut zu seiner kleinen Gemeinde in der großen Kirche, wachsen zwei dafür nach, doch Gott weiß, wie wir dem zu begegnen haben, mit Einkehr und mit Buße. Adam, der, wie es seine Gewohnheit war, ganz hinten im Halbdunkel an einen Pfeiler gelehnt stand, fühlte tief in seinem Innern den Zwiespalt von Leib und Seele, oder den von Leib und Verstand, wie auch immer. Nach der Frühmesse ging er zum Unterricht ins Gymnasium, doch viel war an diesem Tag nicht mit ihm anzufangen, das Bild der unter dem Tuch deutlich sichtbaren mageren Brüste Caras, besonders aber ihr nackter Hintern, ließ ihn immer wieder in Tagträumereien versinken, aus denen er mehrmals erst erwachte, als die Klassenkameraden auflachten und der Lehrer vor ihm stand. Gott jedenfalls, das führte Adam sich immer wieder zu Bewußtsein, war seitdem allzu fern, wenn Cara irgendwo im acoluthschen Haus auftauchte und der Teufel mit unverkennbarer Gewalt in ihn fuhr. Das geschah oft, denn nun saß Cara zu allem Überfluß auch noch fast täglich für ein oder zwei Stunden im selben Raum, in dem Adam las und schrieb oder mit Acoluth Bibelstellen diskutierte, denn sie hatte einfache Lektionen im Schreiben, Lesen und Rechnen bekommen, damit sie mehr Aufgaben im Haus übernehmen könne. Natürlich wurde Adam gebeten, dem Mädchen zu helfen. So war es kein Wunder, wenn Adam sie nicht aus seinen Gedanken vertreiben konnte, ja manchmal ertappte er sich sogar dabei, wie er unwillkürlich ihren Namen hersagte.

Adam war nun in seinem sechsten Jahr auf dem Elisabeth-Gymnasium in Breslau. Es war seiner eigenen Beharrlichkeit und der Hilfe seines Bruders Johann zu verdanken gewesen, daß er überhaupt diese Schule besuchen durfte, denn seine Eltern wären wohl kaum auf den Gedanken gekommen, ihren Nachzügler für Höheres zu bestimmen. Dem Rektor Martin Hanke fiel der Knabe bei seinem Eintritt in die Schule sofort auf, allerdings weniger wegen seines Fleißes als vielmehr seiner eigentümlichen Bauernschläue wegen, die sich vor allem in einer oft klugen Beredsamkeit zeigte. Adam war in Siebenhufen, der südwestlichen Vorstadt Breslaus, zu lange Jahre unter Kohlgärtnern gewesen, als daß er sich gehobener Sitten selbstverständlich hätte befleißigen können, das war Hanke, der neben Geschichte, Ethik und Politik eben die Beredsamkeit lehrte, und auch den anderen Lehren klar. Adam zeigte sich jedenfalls keineswegs gehemmt und war bei jeder Disputation vorne dabei und immer wohlunterrichtet, auch über die Argumente der Gegner, so als sei das Disputieren in der Schule nicht nur als ein Exempel zu sehen, sondern entscheidend für das Geschick Breslaus, Schlesiens oder gar der ganzen Welt. Oft allerdings war er allzu verbissen und mißachtete oder überhörte die Friedensangebote der Gegner, ja er versuchte manches Mal, sie lächerlich zu machen mit einer letzten, scharfsinnigen Bemerkung, auf die sich kaum mehr antworten ließe. Bei den Disputen mit Andersgläubigen in den Schenken fiel er zudem oft von fürchterlichem Ernst urplötzlich in die lustigste Stimmung, was ihn unberechenbar erscheinen ließ. Selbst seine Schulkameraden zogen die Stirn in Falten, wenn er dieses Verhalten an den Tag legte. Daß er oftmals in einer lustigen Runde ebenso plötzlich sehr ernst wurde, war weit weniger auffallend. Dann brachte Adam, während alles sich noch vor Lachen bog, seine Argumente nicht ohne Anstrengung in die gewünschte Ordnung und prägte sich diese ein. Er folgte damit einem unwiderstehlichen Drang, denn er mußte den Gegnern die Unglaubwürdigkeit ihrer Argumente zu beweisen suchen, unbedingt, und wenn nicht sofort, dann eben zu einem späteren Zeitpunkt.

Er galt also mehr oder weniger als ein guter Disputant, so daß es dann umso mehr auffiel, als es mit seiner Schlagfertigkeit urplötzlich nicht zum besten bestellt war, er die Argumente der Gegner falsch zusammenfaßte, ihnen unklar antwortete, ja manchmal sogar viel zu viel trank und dann gar nichts mehr Vernünftiges herausbrachte. Er selbst wußte allerdings am besten, warum er kaum noch einen klaren Gedanken fassen konnte, und auch in dieser ganz und gar sein Gemüt beherrschenden Angelegenheit mit Cara schwankte er hin und her, nämlich zwischen der Freude über sein offensichtliches Verliebtsein und der Angst, eine Sünde zu begehen, die er keinesfalls wieder gutmachen konnte. Er wußte aber nicht einmal genau, wie es dazu gekommen war, wie das Verliebtsein in ihn gefahren ist. Sollte es etwa nur dieser zufällige Moment an jenem Morgen gewesen sein, überlegte er, kam aber zu keinem Ergebnis. Mit einem Freund darüber zu reden würde ihm womöglich geholfen haben, leider aber hatte er über die Jahre zwar immer Kameraden an seiner Seite, jedoch keinen wirklichen Freund, mit dem er alles bereden konnte. Seinem Bruder Johann vertraute er einmal an, es gäbe ja viele hübsche Mädchen in Breslau, besonders eines, doch der knuffte ihn nur in die Seite und machte eine Bemerkung, dann sieh mal zu, sagte er lachend, daß die Sache nicht wie das Hornberger Schießen ausgeht, was Adam aber nicht verstand. Als er später einen Lehrer fragte, was es denn auf sich habe mit diesem Schießen, ärgerte er sich über die Maßen, denn warum wußte Johann, der doch nur Kretschmar war, solche Dinge, und er nicht! Und was überhaupt die dumme Anspielung sollte, das fragte er sich auch.

Eines Abends im Frühjahr, Adam saß am Hebräischen, während Cara mit dem römischen Alphabet und einfachen Sätzen kämpfte, wurde Acoluth zu einem Sterbefall gerufen. Er bat Adam, Caras Versuche zu korrigieren. Er hatte ihr schon öfter helfen sollen, doch immer war der Prediger im Zimmer gewesen oder wenigstens im Haus. Nun aber würden sie allein sein, niemand würde es wagen einzutreten, dachte Adam, außer der alten Mutter des Predigers, doch die konnte ja ohne Hilfe keinen Schritt tun. Ob der Herr Acoluth etwas ahnte, überlegte Heinrich weiter, und trotzdem die Stunde nicht beendete und sie allein ließ? Doch konnte das sein? Er wartete, nachdem der Prediger die Haustür hinter sich zugeworfen hatte, noch eine Weile klopfenden Herzens und auf sein Buch starrend, sich sogar zwingend, von Zweihundert auf Null herunterzuzählen, langsam tat er es, wie eine Bußübung, Zahl um Zahl, um dann endlich aufzustehen und neben Cara zu treten, die gesenkten Blickes über ihrem Blatt saß. Er überflog, sich ein wenig niederbeugend, die einfachen Sätze und sah sofort, daß alles richtig geschrieben war, etwas ungelenk vielleicht, aber richtig. Das hast Du gut gemacht, Cara, sagte er, worauf sie den Kopf herumwarf und schräg zu ihm heraufblinzelte. Das ging ihm durch und durch, wie ein Blitz, sie freute sich und strahlte ihn an, und da war ihm plötzlich, als ob sein rechter Arm sich wie von selbst hob, seine Hand sich wie von selbst auf den Scheitel Caras legte und bis in den Nacken fuhr, dann tat sie es noch einmal und noch einmal, seine Hand, gegen die Cara sich streckte wie ein Kätzchen, ganz leicht nur, in kleinen Stößen. Ein wohliger Schauer zitterte ihm durch den Leib bis in den Kopf, dann sagte er heiser, sie könne gehen, die Stunde wäre zuende. Hochrotglühend blieb Adam zurück in der Stube, bevor er endlich seine Bücher zur Seite räumte und sich auf den Weg zum Gymnasium machte. Er brauchte jetzt dringend frische Luft, und dann würde er sich mit seinen Kameraden noch einen schönen Abend machen!

Im Hause Acoluth war Adam nun schon lange ein gern gesehener Gast. Der Prediger stellte seit Jahren immer einem oder sogar zwei Gymnasiasten eine Kammer zur Verfügung, um sie, durch Gespräche und Unterricht, auf das Theologiestudium vorbereiten zu können. Sein Experiment mit zwei Knaben aus der Nachbarschaft, davon hatte er Adam kürzlich erst erzählt, der eine Sohn einer Magd und eines Soldaten, der andere der eines alleinstehenden Krämers, beide Georg geheißen, war vor einer Weile allerdings gründlich schiefgegangen, denn sie wurden wegen Ungehorsam und Diebstahl wieder dem Gymnasium verwiesen, in das sie auf Acoluths Empfehlung erst kurz zuvor eingetreten waren. Nun halfen sie in der Küche und kümmerten sich auch um die Schweine, Adam habe die Beiden sicher schon einmal bemerkt, zu mehr seien sie leider nicht zu gebrauchen.

Es war Rektor Hanke gewesen, der Acoluth, mit dem er seit langem Freundschaft pflegte, Adam Bernd dann als neuen Eleven vorschlug, ein ruhiger und vernünftiger, wißbegieriger und fleißiger Knabe, wie er versicherte, so daß Adam tatsächlich umstandslos und von heute auf morgen seine kleine Kammer unter dem Dach des acoluthschen Hauses bekommen hatte, die recht geräumig, jedoch keineswegs sehr hell war, denn das Fenster der Kammer ging zur Stadtmauer hinaus, die direkt hinter den Ställen und einigen kleinen Nebengebäuden dunkel in den Himmel wuchs, von dem somit nicht viel zu sehen war. Außer einem Tisch und einem Stuhl war zunächst nicht mehr darin als eine mit frischem Stroh gefüllte Matratze und ein kleiner Ofen. Inzwischen befanden sich dort aber fast alle seine kleinen Besitztümer, eine feine, bestickte Kappe und ebenso feine Tücher, die er immer dann trug, wenn er des Abends ausging, auch wenn das eitel sein mochte, und natürlich auch einige Bücher, besondere Schätze, teilweise von Hanke geliehen, etwa die erste Ausgabe der Lustigen und Ernsthaften Monats-Gespräche, eine Zeitschrift, die ein gewisser Christian Thomas herausgab, in der anregende Diskurse zu finden waren, alles auf deutsch und sehr lebensnah. Zum Lernen des Französischen war ihm von Hanke der Roman La Princesse des Clèves zugestanden worden, er dürfte ihn aber, gab er ihm zu verstehen, keinesfalls einem seiner Kameraden zu lesen geben und selbst besonders darauf achten, wie sehr die Prinzessin hin- und hergerissen sei zwischen Vernunft und Leidenschaft. Er las den Roman bald sogar zum zweiten Male, denn er hatte beim ersten Mal nicht einmal die Hälfte verstanden, wie er sich eingestehen mußte.

Adam wußte sich damals jedenfalls, als er vom Prediger hinaufgeleitet wurde, vor lauter Freude kaum zu beherrschen, denn dies war nun allein sein Reich, das er nicht mit Kameraden teilen mußte, wie dies im Schlafsaal der Schule der Fall war. Wie oft war er nicht schon aus dem Schlaf gerissen worden, entweder durch freche Späße oder, weit öfter, durch Albträume eines der Knaben, durch Zappeln, Stöhnen und sogar durch Schreie, ja einmal war einer aufwachend aus dem oberen Bett gestürzt und hatte sich den Arm gebrochen. Der Teufel sandte diese Träume, das schien ihm sicher, doch nie hatten mehrere gleichzeitig einen üblen Traum ­– es mußte also den treffen, überlegte er, dessen Sünde am schwersten wog, den Knaben, den der Satan am leichtesten ergreifen konnte. Auch er selbst hatte ja oft schlechte Träume, vor allem wenn er viel an die Mädchen dachte und nicht nur jedem Rock hinterherschielte, sondern es auch einzurichten wußte, einen Blick auf die Beine zu erhaschen, indem er sich dort aufhielt, wo sie die Röcke heben mußten wegen des Kots auf den Wegen der Vorstädte. So etwas reizte den Teufel ganz besonders.

Adam träumte indes nie von den Mädchen, sondern oft, wie er etwa hastig den Ofen mit Holz befeuerte, um nicht erfrieren zu müssen, worauf aber die Flammen herausschlugen und auf alles übergriffen, bis er selbst in Flammen stand, die er, wild um sich schlagend, zu löschen versuchte. Oder es war ihm, als müsse er ertrinken, weil er von einem Boot aus in die Oder gesprungen war, ganz freiwillig, obwohl er nicht schwimmen kann. Er wachte dann immer schweißgebadet auf und dachte lange darüber nach, warum er lachend ins Wasser springt, wenn es ihn doch sein Leben kosten konnte. Irgendwie mußte ihn das glitzernde Naß angezogen haben, zuerst war es ja auch köstlich und erfrischend, er ließ sich sogar ein wenig von der Strömung treiben und ging zu seiner eigenen Überraschung nicht unter, bis ihn aber mit einem Male etwas hinunterzog, ganz plötzlich. Die Kameraden im Boot riefen ihn ängstlich, streckten ihm die Hände entgegen, einer ruderte wie besessen, und das war das letzte, was er sah, ja, er dachte im Traum, das fiel ihm später wieder ein, daß er von Gottes Welt zuletzt nun dies sehen durfte, das kleine Ruderboot mit dem Rudernden, nur Rücken und Arme ohne Kopf, und Hände, viele Hände, die sich ihm entgegenstreckten, ohne ihn erreichen zu können.

So oft es möglich war übernachtete Adam im Haus des Predigers. Einen ruhigen Schlaf fand er aber auch dort in der Vorstadt schließlich nicht mehr, vor allem der zunehmenden Schwäche und Krankheit der Acoluthin wegen, der nunmehr ans Bett gefesselten und immer hinfälliger werdenden Mutter des Hausherren. Niemand konnte es ihr recht machen, nur wenn ihr Sohn an ihr Bett trat, wurde sie ruhiger, ging in sich und betete. Sonst aber jammerte und jaulte sie Tag und Nacht, beschimpfte jene am meisten, die ihr am ehestens helfen konnten, die sie fütterten, ihr den Nachttopf unterschoben, sie wuschen und die durchs dauernde Liegen auftretenden Wunden versorgten. Zur Hölle sollst Du fahren, schrie sie fast jeden an, der ihr nur zu nahe kam, selbst den Medicus, der aber als einziger darüber lächelte und sie ansprach wie eine gesunde Frau, die er allein der Höflichkeit halber besuchte. Die Mägde und der Hausknecht jedenfalls reagierten, was Wunder, verstört auf das Verhalten der früher so vornehmen und strengen Frau. Ein weiterer Schlagfluß aber raubte der Alten bald die Sprache, doch richtete dies bei der armen Frau innere Schäden an, so daß es bald nur so aus ihr herausfloß, wie der Arzt es einmal leise einer Magd gegenüber formulierte. Es stank tatsächlich nun wie die Hölle im ganzen Haus, und einmal hörte Adam, wie der Medicus dem Sohn riet, der Sterbenden nur noch zu trinken zu geben. Dieser wies das empört von sich, stimmte aber wenigstens dem Vorschlag zu, Weihrauch abzubrennen, nicht der Kranken, sondern der Hausbewohner wegen.

Trotz alledem zog es Adam meist vor, im acoluthschen Haus zu nächtigen, in dem der Prediger den Alltag immerhin so gut aufrecht zu erhalten wußte, daß er ihn weiterhin unterrichten konnte und selbst Cara nicht vergaß mit ihrem Alphabet und den einfachen Rechenaufgaben. Schrie die Acoluthin unten aus ihrem Zimmer unartikuliert und völlig unverständlich ins Haus hinein, schloß ihr Sohn für einen Moment die Augen, murmelte wohl auch ein kurzes Gebet, sprach dann aber weiter und erklärte Adam wie immer geduldig die Besonderheiten des Hebräischen oder vertiefte die Frage der Rechtfertigung. Jeder verrichtete so weiter still seine Arbeit, und es würde wohl in diesen Tagen nichts Berichtenswertes geschehen sein, wäre Adam nicht eines Nachmittags um das Haus herum zu den Ställen gegangen. Er war direkt von der Schule hergekommen und zu früh dran. Er trödelte herum, gab den Pferden alte, verschrumpelte Äpfel zu fressen, scheuchte die Hühner ein wenig vor sich her, und was ein junger Mann sonst noch aus Langeweile tun mochte. Plötzlich jedoch traf ihn ein Stein am Kopf und ein weiterer am Rücken. Erschreckt fuhr er herum, und da erkannte er die beiden Georgs, die ihn vom Dach des Stalles aus bewarfen. Wen haben wir denn da, rief einer der Beiden, ist das nicht der schöne Adlatus unseres hochverehrten Herrn Predigers! Noch bevor Adam ins Haus fliehen konnte, sprangen sie bereits vom Dach herunter. Der eine landete vor, der andere hinter ihm. Ein kurzer Hieb auf die Nase, urplötzlich, nicht einmal die Hände hatte Adam zur Abwehr hochreißen können, ebenso plötzlich von hinten eine Kopfnuß, dann das selbe noch einmal, nur andersherum, weil Adam sich zu dem hinter ihm Stehenden herumdrehte. Es ging alles sehr schnell und wortlos vor sich, dem Fliehenden wurde ein Bein gestellt, schon folgte ein Tritt in den Magen, ein weiterer Hieb noch ins Gesicht, er schmeckte Blut, dann floh Adam in Richtung Küche, stolperte, rappelte sich wieder hoch und sprang endlich die wenigen Stufen hoch. Die Köchin, eine recht korpulente Polin, drückte ihm einen Lappen in die Hand, ging hinaus und beschimpfte die beiden Kerle in ihrem eigenartigen Deutsch, die sich dafür mit obszönen Reden und Gesten bedankten und schließlich lachend irgendwohin verschwanden. Das Ganze hatte kaum zwei Minuten gedauert.

Acoluth, eben eingetroffen, fand Adam in der Küche. Die Köchin berichtete, während Adam mit dem blutigen Tuch unter der Nase gesenkten Kopfes am Tisch saß, was geschehen war, dann nahm er den Jungen mit hinauf. Cara, die ihn ganz erschrocken ansah, bekam ihre Aufgaben, indes der Prediger seinen Schüler in ein im hinteren Teil des Hauses gelegenes Zimmer zog, in dem die weltlichen Bücher ihren Platz hatten, mehrere hundert an der Zahl. Er wird doch nicht mich, überlegte Adam ängstlich, für die Sache verantwortlich machen, denn was hätte ich denn tun sollen gegen die zwei? Acoluth riß das Fenster auf, denn auch hier hatte sich der üble Geruch festgesetzt, und ging dann noch einmal hinunter, um einen Kräuteraufguß und Gebäck zu bestellen. Als er wieder eintrat, begann er ohne Umschweife, Adam vor verderbten Menschen zu warnen, wie diese zwei Burschen es waren, auf die er einst, das habe er Adam ja schon einmal angedeutet, große Stücke gesetzt hatte, das bekenne er offen, die sich dann aber selbst zugrunde gerichtet hätten. Ja, Adam, fuhr er nach einer Pause fort, auch ich trage eine Schuld daran, ebenso wie dein verehrter Lehrer Martin Hanke. Weder er noch ich haben das Treiben der Beiden früh genug entdeckt, obgleich wir die Gefahren und die Anfechtungen kennen, denen sich junge Männer zu erwehren haben. Adam wich dem Blick Acoluths aus, der nun wieder schwieg, fahrig ein Stück Kuchen zerbröselte und einen Schluck von dem Kräutersud trank. Du weißt, von was ich spreche, Adam, setzte er dann schließlich wieder an, Du bist alt und verständig genug, das zu begreifen. Adam nickte, wurde ganz rot im Gesicht und wäre am liebsten im Boden versunken. Wenn sein Gegenüber nun wirklich das Berühren seiner selbst meinen sollte, dachte er, jenen verderblichen vom Teufel kommenden Drang, gegen den er selbst ankämpfte, nicht immer mit Erfolg, so verstand er doch nicht, was das mit den beiden Georgs zu tun hatte und mit dem Angriff auf ihn. Die Nase begann wieder zu bluten, Acoluth selbst holte einen nassen Lappen aus der Küche, dann saßen sie sich wieder gegenüber. Mit Hebräisch oder Griechisch würde es heute wohl nichts mehr werden, nahm Adam an.

Nun, fuhr der Prediger, ihn streng ansehend, schließlich fort, warum sind die beiden Übeltäter so geworden, nachdem sie doch, ebenso wie Du, für geeignet befunden wurden, das Gymnasium zu besuchen? Ich will es Dir sagen und Dir die Entdeckung des Übels offen schildern. Er räusperte sich, nahm noch einen Schluck, dann fuhr er fort. Eines Abends, sagte er also, ging Herr Hanke in den Hof des Elisabethgymnasiums hinunter, um den stillen Ort zu besuchen, ganz hinten, neben den Ställen. Es war spät, in den Schlafsälen schon längst Ruhe eingekehrt und niemand mehr wach, so daß er erschrak, unter der Tür hindurch flackerndes Licht zu sehen und Gekicher zu hören. Du kennst deinen Lehrer, Adam, er ist resolut und läßt seinen Gedanken sofort Taten folgen, so auch hier. Er riß also die Tür mit Gewalt auf und fand die beiden Georgs mit heruntergelassenen Hosen, die Teile des Körpers entblößt, die sonst der Scham halber verborgen bleiben. Sie rafften ihre Hosen hoch, stießen Hanke zur Seite und entflohen. Du wirst davon nichts gehört haben, denn die Angelegenheit wurde nur im engsten Kreise besprochen, so daß nicht einmal Gerüchte die Schülerschaft erreichten, nicht einmal die Gleichaltrigen, soweit ich weiß. Die beiden Burschen aber wurden schon anderntags aufgegriffen, als sie an der Stadtwaage herumlungerten und Unfug trieben. Sie durften das Gymnasium nicht mehr betreten und wären wohl umstandslos bei den Soldaten gelandet, wenn ich sie nicht als Stallburschen aufgenommen hätte. Hanke bat mich darum, er wollte sie trotz allem nicht in Bausch und Bogen verurteilen, und ich willigte nach einigem Überlegen ein. Mit aller Deutlichkeit führte ich ihnen aber vor Augen, Adam, so daß es nicht mißverstanden werden konnte, was von ihnen nun verlangt wurde, treuer Dienst, Gehorsam und natürlich ein Verhalten nach den Regeln der Sittlichkeit. Nun, jetzt werden sie zu den Soldaten müssen, wenn sie denn erstmal gefaßt sind, denn sie werden wieder geflohen sein und sich irgendwo verbergen, ob hier in Breslau oder in einer der Vorstädte. Adam nickte, er war immer noch knallrot, ja er glühte geradezu. Da ihm das Beispiel einer Verderbnis, hob Acoluth nach einer kurzen Pause wieder an, nun so deutlich vor Augen stünde, wolle er ihm nun noch einiges berichten über die Folgen einer der größten Sünden, nämlich der Selbstberührung, die junge Männer für den Rest ihres Lebens an Leib und Seele verdürben. So würden viele noch in jungen Jahren an der Fallsucht sterben und bekämen Geschwüre eben dort an den mißbrauchten Teilen des Körpers, doch er wolle nun nicht Mitleid für die Übeltäter erregen, sondern ihm, Adam, als einem zukünftigen Prediger, die Sache klar auseinandersetzen, damit auch er dereinst davor warnen könne. Damit stand Acoluth auf und nahm einen einfachen, schmalen Band aus dem Regal hinter ihm. Er wolle ihm das Exempel eines gewissen Wilhelm vortragen, von einem Prediger gewissenhaft aufgeschrieben, er solle genau zuhören und sich dabei die beiden Georgs vor Augen führen.

Er hatte das Buch bereits aufgeschlagen in Händen und wollte eben seinen Vortrag beginnen, als plötzlich ein gräßlicher Schrei das Haus erschütterte. Schon war ein Trampeln zu hören und der Prediger wurde gerufen, er müsse sofort kommen. Er drückte Adam das Buch in die Hand und lief hinaus. Die Acoluthin, so stellte sich heraus, war aus dem Schlaf erwacht und hatte den Beelzebub selbst an ihrem Bett stehen sehen, ja sie hatte sich schon tot gewähnt, da sie nichts sonst hatte erkennen können als diese Gestalt. Das jedenfalls glaubte man aus ihrem Gestammel heraushören zu können. Niemand, auch ihr Sohn nicht, konnte sie beruhigen, und bald jammerte und schrie sie wieder wie in den schlimmsten Tagen. Die Mägde raunten sich mit zugehaltener Nase zu, Gott zögere noch, die Acoluthin zu sich zu nehmen, und da versuche der Teufel mit allen Mitteln, die Seele der Frau an sich zu bringen. Der Medicus, der bald eintraf, untersuchte sie und verbot nun klipp und klar, ihr etwas zu essen zu geben, nur abgekochtes Wasser dürfe sie zu sich nehmen, doch kaum war der Arzt verschwunden, bettelte die Sterbende um eine Mahlzeit, etwas Suppe nur, die sie dann mit aller Gier, wirr um sich blickend, herunterschlang. Niemand wagte es, der Frau etwas abzuschlagen, sogar Brot aß sie und Brei. Der Medicus schlug beim nächsten Besuch die Hände über dem Kopf zusammen und sah sich schließlich bestätigt, als die Bauchdecke der Acoluthin zwei Tage nach ihrer Teufelsvision buchstäblich aufplatzte und die blutigen Gedärme freilegte. Das Entsetzen stand allen ins Gesicht geschrieben. Die Schreie der alten Frau hörte man in der ganzen Nachbarschaft.

Adam hatte das ihm von Acoluth in die Hand gedrückte Buch, Warnung und Belehrung für Knaben, mitgenommen und in seine kleine Holztruhe gelegt, die unter seinem Bett im Schlafsaal stand und in der allerhand Kleinigkeiten aufbewahrt wurden. Keiner der Jungen verstaute etwas Anstößiges in seiner Kiste, denn die Lehrer konnten jederzeit den Inhalt prüfen und taten dies auch, doch das Büchlein des Predigers würde wohl kaum Anstoß erregen. Doch wer immer dieses Buch verfaßt hatte, das der Aufklärung des heranreifenden Knaben ebenso wie der Warnung vor dem Verbotenen dienen sollte, mochte wohl die Wirkung auf einen mit Phantasie begabten jungen Mann falsch eingeschätzt haben. Sicher, die Beschreibung des sich zugrunderichtenden Knaben, Wilhelm genannt, warnte Adam durchaus vor der Selbstberührung, denn wer wollte schon die Fallsucht bekommen und zuletzt ganz den Verstand verlieren? Auch die von solchen Unglücklichen stammenden Briefe, die am Ende des Bändchens abgedruckt waren, verfehlten ihre Wirkung auf Adam durchaus nicht. Eine ganz andere Wirkung hatten jedoch die kurzen und ja eigentlich recht nüchternen Abschnitte, die die Zeugung des Menschen zum Inhalt hatten. Vollkommen unbedarft war Adam natürlich keineswegs, ältere Burschen machten oftmals eindeutige Scherze und zeigten mit Gesten und mit mimischem Spiel, wie das Geheimnisvolle vonstatten ging, doch erst die Darstellung in diesem Aufklärungsbuch, schwarz auf weiß, erregte Adam wirklich. Immer wieder las er die selben Stellen, heimlich in eine Ecke gedrückt, und dabei durchfuhr es ihn heiß und kalt.

Das war nun ohne Zweifel eine Anfechtung, wie sie im Buche stand, es war eine Probe, ob er denn wirklich das Zeug dazu hatte, Priester zu werden – das war ihm nur allzu klar! Zu allem Unglück tauchte auch noch jedes Mal das Bild Caras vor ihm auf, wenn von der empfängnisfähigen Frau die Rede war, ihr Blick, ihre Brüste, ihr nackter Hintern, wie sie vor ihrer Tür steht, die Hand auf der Türklinke. Er schrieb bald das ein oder andere aus dem Buch ab, dann stellte er es bei der nächsten Gelegenheit heimlich zurück. Doch so oft Adam sich die Warnungen nun auch zu Gemüte führte, mancher Knabe war infolge der Selbstberührungen in Wahnsinn verfallen oder sogar gestorben, die Wirkung der doch an sich allzu nüchternen Zeilen zur Fortpflanzung des Menschengeschlechts war stärker, zumal nun in seiner eigenen Handschrift, denn während die Warnungen nur die Angst in ihm auslöste, mit der er schon umzugehen gelernt hatte, steigerte das zur Fortpflanzung Ausgeführte seine jugendliche Wollust nur noch weiter. So nahm er also oft die Blätter zur Hand und las, die Worte vermengend mit den Bildern Caras, die ihm vorschwebten, ihr seltenes Lächeln, ihr Gang, die zarten Knospen ihrer Brüste, die manchmal zu erahnen waren. Lag er in seiner Kammer im Haus des Predigers Acoluth, so befriedigte er sich ungeachtet der durchs Haus gellenden Schreie der immer noch im Sterben liegenden Acoluthin. Hätte ihn einer seiner Kameraden gebeten, ihm den Akt der Fortpflanzung zu erläutern, so wäre er durchaus, so oft hatte er den Text gelesen, in der Lage gewesen, ihn auswendig herzusagen, und einmal, als die Acoluthin in gnädiger Ohnmacht lag und das Haus stille war, sagte er sich, nackt auf seinem Lager liegend, den Text leise auf:

Allein Vater und Mutter, flüsterte er, haben einen Verdienst um euch, ohne welches ihr gar nicht in der Welt sein würdet. Sie sind die Ursache von eurem Leben und ihr seid durch sie entstanden. Die beiden Personen verschiedenen Geschlechts, die jetzt für euch Vater und Mutter sind, vereinigten sich in ihrem erwachsenen Alter miteinander, euch hervorzubringen; und dazu hatte Gott sie geschickt gemacht, indem er ihre Körper, so wie den eurigen, mit denjenigen Teilen begabte, die die Geschlechtsteile heißen. Bei beiden Geschlechtern findet sich in dem Bau dieser Teile eine solche Verschiedenheit, daß eine genaue Vereinigung derselben miteinander möglich ist. Diese genaue Vereinigung der Geschlechtsteile beider Geschlechter macht diejenige Handlung aus, die wir die Zeugung oder eheliche Beiwohnung nennen, und ihr seht hieraus, warum jene Teile auch Zeugungsteile genannt werden. Diese vertrauliche Handlung, die Zeugung, sollte nun nach der Absicht Gottes die Folge haben, daß der erste Grund zur Bildung eines Kindes in dem Leibe einer Person weiblichen Geschlechts gelegt würde. Und die Folge hat sie auch wirklich, ohne daß wir es genau erklären können, wie es eigentlich zugeht.

So nutzte Adam die Kammer im Hause seines Förderers, die Sünde der Selbstberührung und damit der Selbstbefleckung ungestört begehen zu können, willig und widerwillig zugleich. Ob es nicht Hochmut war, dachte er oft, eine weitere Sünde also, wenn er sich, nachdem er den Abend in einer Schenke verbracht hatte, auf sein Lager legte und schwor, nichts zu tun, sich nicht zu berühren und so am Ende einzuschlafen, wenn er sich dann doch nicht beherrschen konnte? Und steigerte dieses Schwören nicht noch seine Lust, umso mehr vielleicht, desto lauter die Acoluthin schrie und stöhnte in ihrem nun schon seit Wochen andauernden Todeskampf, der das ganze Haus zu einem stinkenden Pfuhl gemacht hatte, zu einem Vorgeschmack auf die Hölle? Warum lebte man denn, fragte sich Adam immer wieder, wenn nicht auch der Lust wegen!

Adam schlief nicht mehr sehr oft im Schlafsaal des Gymnasiums, und eben dies würde er, nahm er sich vor, in der nächsten Nacht auch durchaus nicht tun. Um den Unterricht schwänzen zu können, denn es sah nach einem schönen Sommertag aus, hatte er früh am Morgen dem Hausdiener des Gymnasiums eine echte Schmierenkomödie vorgespielt, Magenschmerzen, Gliederreißen und so weiter, er wolle zu seiner Mutter gehen, da nur sie das Gegenmittel kenne. Er mußte fast lachen, als er dies sagte. Als sei sie eine Hexe, dachte er. So war er bei zunehmender Hitze zuerst unruhig in Breslau hin und hergelaufen und hatte dann in Siebenhufen die Mutter und seinen Bruder Johann besucht, der nun die Hausherrenrolle innehatte. Später saß er in einer Schenke und spielte Karten, wurde zu einer Kegelpartie eingeladen, aß etwas, trank Bier und Branntwein. Doch seine Gedanken kreisten, je mehr er trank, spielte und redete, immer deutlicher um Cara. Er mußte sie wenigstens sehen, heute noch! Das wohlige Gefühl erfüllte bald seinen ganzen Leib, als habe er einen Ofen verschluckt, das dachte er plötzlich und kicherte eine Weile blöde vor sich hin. Kurz auch der Gedanke, zu einer Hure zu gehen, doch nein, entschied er schließlich, er würde zum acoluthschen Haus hinausgehen und dort Cara irgendwie abpassen, denn mit ihr einmal nur allein zu sein, dazu drängte es ihn lange schon so unwiderstehlich, daß er manchmal fast glaubte, er würde glatt dem Teufel dafür seine Seele verkaufen, wenn das der Preis wäre.

Nachdem der Kretschmar sie allesamt zu bereits später Stunde hinauskomplimentiert hatte, begleitete Adam einen seiner Kumpane, den trinkfesten ältesten Sohn einer Weißgerberfamilie, noch ein Stück Weges und verließ dann, unter dem mißtrauischen Blick des Torwächters, die Stadt durch das Ohlische Tor. Es war spät, sicher schon Mitternacht, doch notfalls würde er Cara wecken, nahm er sich vor, unter irgendeinem Vorwand – ihm fiele da schon etwas ein. Von Westen her kündigte sich mit Wetterleuchten und fernem Grollen ein Gewitter an, und so beeilte er sich schwankenden Schrittes, das acoluthsche Haus zu erreichen. Zu seiner Überraschung stand alles sperrangelweit offen, die Haustür und alle Fenster, und als er eben in die kleine Gasse einbiegen wollte, um wie immer, wenn er getrunken hatte, das Haus durch die Küchentür zu betreten, bemerkte er, daß es stank wie die Hölle selbst, schlimmer noch als sonst. War die alte Hexe nun endlich geplatzt und tot, dachte er, doch da drang wie zur Antwort das bekannte Jammern der Acoluthin an sein Ohr. Adam tastete in der Dunkelheit nach dem Schlüssel, den er unter einem Stein versteckt hatte, stapfte dann die drei, vier Stufen zur Küchentür hinauf, stocherte im Schlüsselloch herum und stand schließlich drinnen. Mein Gott, was für ein Gestank, dachte er, da kommt einem ja die Kotze hoch! Auf dem Herd kokelte zwar Weihrauchharz und Holzkohle in einer Schüssel vor sich hin, doch viel brachte das nun nicht mehr. Jetzt aber schnell nach oben! Im Treppenflur hastete plötzlich, wie aus dem Nichts kommend, er konnte eben noch ausweichen, Andreas Acoluth an ihm vorbei, doch der beachtete ihn gar nicht, wahrscheinlich sah er ihn nicht einmal. Der Medicus, der ihm schnellen Schrittes folgte, schien wenigstens so etwas wie eine leichte Verbeugung anzudeuten, dann war auch er wieder verschwunden. Nun denn, überlegte Adam, dann will ich mal Ausschau halten nach Cara, doch ihm war mit einem Male speiübel und schwindelig, sei es allein wegen des Gestanks oder einfach, weil er betrunken war. Sollte er vielleicht doch noch zurück ins Gymnasium oder nach Siebenhufen gehen? Würde der Torwächter ihn überhaupt hineinlassen, fragte er sich, und selbst wenn, so dürfte er ihm mitten in der Nacht in jedem Fall einen Torgroschen abknöpfen! Er setzte sich auf die Treppe, um zu überlegen. Bald kam er zu dem Schluß, es sei wohl doch das Beste, nach Siebenhufen zu gehen und dort zu schlafen, selbst wenn das bedeutete, sich morgen früh wieder einmal eine Gardinenpredigt der Mutter anhören zu müssen.

Er war dann wohl auf der Treppe eingenickt. Als er vom Schreien der Acoluthin wieder wach wird, nähert sich ein Licht, es ist Cara, mit einer Kerze in der Hand. Sie wirkt erschöpft und hat, soweit das im flackernden Licht überhaupt zu erkennen ist, rotglühende Wangen, wie im Fieber. Adam!, ruft sie, es klingt erleichtert. Sie setzt sich neben ihn und erzählt leise und stockend, es gehe zuende mit der Acoluthin, es sei fürchterlich, er könne sich das nicht vorstellen, der Leib habe sich ihr an vielen Stellen geöffnet, manchmal schreie sie und schlüge um sich, dann jammere sie wieder leise und läge sogar manchmal wie tot da. Nun aber hat der Medicus mich fortgeschickt, schloß sie, denn man kann nichts mehr tun, sagt er. Adam hört lächelnd zu, dabei ein wenig mit dem Oberkörper hin und her schwankend. Die Wege des Herrn sind unergründlich, bringt er endlich lallend heraus, und dann will er ihr sagen, daß er wegen ihr, Cara, heute Abend hier sei, er setzt mehrmals an, doch er findet die Worte nicht. Stattdessen nimmt er das Mädchen dann endlich einfach bei der Hand und zieht sie, die nicht widerstrebt, hinter sich her, zwei Treppen hinauf bis in seine Kammer. Schon sitzen sie nebeneinander auf der Strohmatratze. Die Kerze in beiden Händen, wie ein Engelchen, denkt Adam, sitzt sie da, dann fällt ihm ein, er hat ganz vergessen, eine Schale mit Weihrauch aus dem Flur mitzunehmen, obwohl er beim Hinaufgehen noch daran gedacht hatte, und nun, da Cara endlich in seiner Kammer ist, will er nicht noch einmal aufstehen, trotz des Gestanks, der hier oben nicht weniger schlimm ist als unten, wenn nicht sogar noch unerträglicher. Sein Herz klopft wie wild, und weil er aus lauter Verlegenheit und auch weil er seiner Zunge nicht trauen kann, nichts sagt, nimmt er ihr die Kerze aus der Hand, stellt sie neben sich und beginnt dann einfach, ihr über das Haar zu streicheln wie in den Unterrichtsstunden, wenn sie ihre Buchstaben malt. Oft hatte er sich vorgestellt, wie es mit einem Mädchen, mit Cara, sein würde, hatte den Prahlereien der Handwerksburschen zugehört, geradezu an ihren Lippen gehangen, wenn sie von den Mädchen sprachen, die sich erst zierten, dann aber doch wollüstig und wild würden und schließlich kaum zu bändigen seien. Warum aber, fragt er sich nun, bleibt dann Cara jetzt so starr und sitzt nur stumm neben mir? Sie sitzt einfach da und schaut auf ihre Füße, denkt er. Sicher machte er etwas falsch! Doch da fällt ihm zum Glück die Sache mit der Salzsäule ein, die er ihr erzählen wird. Er ärgert sich, das hätte er sich alles vorher überlegen sollen. Also beginnt er nun zu erzählen, in einem Predigtton, ohne es zu wollen, er hat Schwierigkeiten, die Worte herauszubringen, und als er endlich heiser und lallend starr und steif stehen sie da für immer gesagt hatte, schweigt er und hofft, sie würde etwas erwidern, vielleicht etwas fragen. Ihm ist, als müsse sein Herz so laut hämmern und stampfen, daß man es bis in den Hof hören kann, und dann endlich nimmt er all seinen Mut zusammen und legt ihre Hand vorsichtig in seinen Schoß, so sanft, als lege er etwas unendlich Wertvolles in eine Schatulle. Doch auch jetzt sagt Cara kein Wort, vielleicht daß sie die Lippen ein wenig fester aufeinanderpreßt, das ist alles. Wieder geschieht eine Weile nichts, nur sein Glied pocht durch den Stoff gegen Caras Hand, die sie nicht wegzieht, einmal sieht sie hin und zuckt zurück, als glaube sie nicht, daß das ihre Hand sein kann. Wie nun weiter, fragt sich Adam, wie weiter? Von unten die Schreie der sterbenden alten Frau.

Das Prasseln des Regens heftiger, während Blitze und die im Luftzug ein wenig flackernde Kerze die immer noch unveränderte Szenerie beleuchten. Ein süßes, wollüstiges Reißen durchrieselt Adam, nimmt ihm die Luft, kaum noch einen Gedanken fassen kann er, und dann, endlich, drückt er Cara, die nichts sagt und nicht aufblickt, sachte auf das Lager, so als habe ein fremder Wille sein Handeln übernommen. Cara weiß nicht, wie ihr geschieht, wie im Fieber ist alles heiß und kalt, sie denkt, sie muß hinunter, was tue ich hier, sicher benötigte man dort unten nun doch ihre Hilfe, das wird sie Adam sagen und aufstehen und gehen, aber dann läßt sie es zu, daß er seine Hände auf ihren Leib legt, auf ihren Bauch, ihre Brust, die auf und nieder bebt. Ganz nahe hört sie seinen schweren Atem. Jetzt trampelt jemand die Treppe hinauf und wieder hinunter, man ruft laut nach dem Hausherrn, Türen schlagen zu, es donnert und blitzt, und als bald darauf Hagel auf das Dach prasselt, legt Cara, als sei dies ein Zeichen, ihre Hände auf die Schultern Adams und schiebt ihn sanft von sich. Ein ängstliches Lächeln gleitet über ihr Gesicht, sie blickt auf, ich gehe nun, denkt sie, es ist Unrecht, was Adam will, er darf nicht, er darf das nicht, ich muß gehen, doch dann zieht sie sich das Kleid über den Kopf, sie selbst ist ganz überrascht, und sitzt nun nackt da, wieder donnert es, kurz und krachend, ein Blitz erhellt die Kammer, Adam denkt einen Moment lang an den Teufel, einen kleinen Moment nur, doch dann schon liegt er zwischen ihren Beinen, bloß wie Gott ihn schuf, alle Gedanken sind fort und nie gedacht gewesen, er glüht, Haut an Haut liegen sie, und unversehens ist er in ihr, er weiß nicht wie. Doch er tut ihr weh, sie stöhnt auf vor Schmerz, vor und zurück bewegt er sich, es geht wie von selbst, wie oft hatte er es nicht gesehen, wenn Betrunkene in einer Schenke, lallend und lachend den Beischlaf imitierten, manchesmal gar zusammen mit einer betrunkenen Frau. Als er nun aber Caras schmerzverzerrtes Gesicht sieht, hält er inne, ihm ist, als nehme eine höhere Macht ihn auf und legte ihn neben Cara, ich will ihr doch nicht, um Gottes Willen, weh tun, denkt er, und dann sind da nur noch die Schreie der Sterbenden, wie von weit her, das Prasseln des Regens, das Donnern des Gewitters und das schwere Atmen von Mann und Weib. Die Zeit steht still, so muß es wohl beiden erscheinen. Ich bin wie ein wildes Tier über sie hergefallen, denkt Adam verzweifelt, denkt es in ihm, die Wollust, der Teufel will die Oberhand gewinnen, das ist sicher. Doch noch kann er entrinnen! Er hört ihr Herz rasen, als wolle es herausspringen. Ohne Berührung liegen sie nebeneinander, dann legt Adam seinen Kopf auf ihre Brust. Unbeholfen streichelt sie ihn. Noch nie in ihrem Leben hat sie jemanden so gestreichelt, noch nie in ihrem Leben war sie jemandem so nah. Und auch Adam streichelt sie, ihren Bauch, ihre Schenkel, ihr Geschlecht, behutsam, vorsichtig. Sie sucht Adams Mund und findet ihn, schüchtern fast berühren sich die Zungen und spielen miteinander. Dann liegt er wieder zwischen ihren Beinen, wieder dringt er in sie ein, doch langsamer und behutsamer nun. Sie sehen sich an, ein Innehalten ist es, ein Augenblick tiefen Einverständnisses, ein Einswerden. Wortlos versinken sie ineinander.

Unversehens aber ein Krachen, ein Poltern und fremde, laute, geifernde Stimmen. Schon stehen die beiden Georgs glotzend und mit hochroten Gesichtern in der Kammer. Sie reißen Adam, ehe der reagieren kann, an den Haaren von Cara weg, alles geht rasend schnell, der eine schlägt und tritt auf den am Boden Liegenden ein, während eine stinkende Hand Cara, die schreit, den Mund zuhält. Schon ist Adam blutüberströmt, das sieht sie noch, ein Tritt in den Unterleib, ein weiterer, er ist nur noch ein einziger Schmerz, einer schlägt weiter auf ihn ein, wild und wie besinnungslos, bis Adam sich nicht mehr rührt, noch ein Tritt, noch ein Zucken, Cara drückt man ein Tuch in den Mund, sie muß würgen, ein brennender Schmerz, sie schlägt um sich, der schwere Leib auf ihr, der stinkende Atem, brutal dringt er ein, reißt an ihren Haaren, keucht kehlig, die Todesschreie der alten Hexe und das Prasseln des Regens vermengen sich mit dem Keuchen des Unmenschen, und als der lachend von ihr abläßt und sie einen Moment frei ist, will sie fliehen, zur Tür gelangen, doch ein Schlag gegen den Kopf, ein Hieb in den Magen, sie geht zu Boden, und schon ist der zweite Georg über ihr und reißt ihr die Beine auseinander. Der Schmerz ist unerträglich, und er nimmt kein Ende.

Es ist still im Haus, als Cara aus ihrer Bewußtlosigkeit erwacht. Ein Leib liegt auf ihr, nackt zwischen ihren Beinen. Getrocknetes Blut klebt in seinem Haar, das Gesicht ist angeschwollen und ganz entstellt. Er ist tot, denkt sie, Panik steigt in ihr auf, er atmet nicht, doch als sie sich rührt, stöhnt Adam leise. Langsam kommt er zu Sinnen. Bald liegen sie wieder nebeneinander auf seinem Lager. Sein Unterleib, seine Beine und selbst der Rücken sind übersät mit aufgeplatzten Wunden. Er versucht zu sprechen, doch seine Stimme versagt. Noch ist es finstere Nacht. Die Schreie der sterbenden alten Frau sind bald wieder zu hören, schwächer nun. Es regnet nicht mehr.

Erst am frühen Morgen, noch vor dem ersten Hahnenschrei, geht Cara, kaum daß sie einen Schritt vor den anderen setzen kann, Wasser holen. Notdürftig gewaschen und versorgt verläßt Adam schließlich, auch wenn er vor Schmerzen kaum gehen kann, das Haus des Predigers Acoluth. Aus dem Sterbezimmer dringt derweil kein Laut, die Nacht ist bald vorbei und die Acoluthin tot.

Seiner Mutter und den Geschwistern berichtet Adam, er sei vor der Neuen Kirche von Trunkenen überfallen und ausgeraubt worden. Bald weiß es die ganze Nachbarschaft, und auch in das Haus Acoluth dringt die Kunde. Elisabeth, seine Lieblingsschwester, pflegt ihn schließlich gesund, nach gut drei Wochen kann er wieder den Unterricht im Gymnasium besuchen und geht schließlich auch wieder zu Acoluth, der ihn empfängt, als sei nichts geschehen. Von den beiden Georgs hörte Adam nur noch, daß sie gesucht würden, denn sie hatten in der selben Nacht, in der die Acoluthin nach langem Leiden starb, Schmuck und wertvolle Tücher aus dem Haus gestohlen. Den Gedanken, die beiden Teufel seien sicher irgendwo in der Fremde unter Qualen gestorben, verbot sich Adam nicht, ja er genoß ihn sogar und sponn ihn weiter. Cara, die einen Sturz auf der Kellertreppe erfand, um die Prellungen im Gesicht zu erklären, sieht er häufig, sie ist jetzt meist in der Küche beschäftigt, aber sie sind nicht eine Minute allein, so daß sie kaum einmal ein Wort wechseln können. Und selbst wenn manchmal dazu die Gelegenheit ist, stehen sie nur voreinander und halten sich schüchtern an den Händen. An einem kalten Tag schließlich, die Luft riecht schon nach Schnee, findet Adam den Prediger ratlos vor. Mein guter Adam, begrüßt er ihn, Cara ist verschwunden, sie hat niemandem etwas gesagt. Weißt Du, wo sie sein mag? Adam schüttelt den Kopf, ohne ein Wort. Dann machen sie sich an das Hebräische, doch ein guter Lehrer spürt, wenn der Schüler nicht bei der Sache ist. Ob Adam nicht etwa doch weiß, wohin Cara ist? Das fragt er sich.


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*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

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