Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman). Kapitel 12: Teufel und Heimsuchung

Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel zwölf:

 Teufel und Heimsuchung

Wenige Jahre später. Adam Bernd, ehemaliger Schüler des Elisabethgymnasiums zu Breslau, ist seit acht Tagen Richtung Westen unterwegs. Er dankt den Bauersleuten für die Mitnahme auf ihrem Wagen, mit dem sie aber nicht durch das Grimmaische Tor in die große Stadt Leipzig einfahren wollen. Am Peters-Tor kenne man die Torwächter und vor allem den Registrator, da gäbe es keine Fragen. Leipzig also! Im Dunst kann Adam die Pauliner Kirche und links neben ihr das große Fürstenhaus erkennen – wenn er sich nicht täuschte. In den Wochen vor seiner Abreise war ihm so einiges vorgeschwärmt worden, und sowohl der Herr Acoluth als auch der Herr Hanke besaßen eine stattliche Anzahl von Kupferstichen mit den verschiedensten Stadtansichten. Die Nicolauskirche mußte etwas rechts vom Tor zu finden sein, ganz vage schimmert im vormittäglichen Dunst ein Turm über der Stadt, während die Thomaskirche wohl rechts vom Schloß, ein dunkler Klumpen in weiter Ferne, ihren Platz hat, von hier aus aber eigentlich kaum zu erahnen war. Einige Wagen rumpelten an ihm vorbei, Bauern und Kaufleute. Adam setzte sich unter eine Eiche am Wegesrand, die schon in voller Blätterpracht stand, um noch eine Weile in sich zu gehen. Der Herr Acoluth wollte mir ja durchaus, überlegte er, Wittenberg ans Herz legen, und der Herr Hanke pries Jena als Ort für ein weltliches Studium, wenn es mir denn möglich sein würde. Nun also Leipzig, sagte er halblaut vor sich hin, wo ich wohlausgestattet Theologie studieren werde, so Gott will!

Man hatte ihm einige Briefe mitgegeben, auch einen versiegelten des Breslauer Stadtrates, die er an geeigneter Stelle vorweisen solle, doch zu viel sei davon nicht zu erwarten, hatte Acoluth gesagt. Vor allem aber halte Dein Mundwerk im Zaum, hatte er ihm noch geraten, das offene Wort ist nicht eben in Mode in Leipzig, vor allem nicht in theologischen Dingen, und auch Hanke bemerkte, daß er den Breslauer Möglichkeiten noch nachtrauern werde, so viel sei sicher. Was hier in Breslau Disputation ist, heißt dort bereits Gotteslästerung, so drückte er sich aus. Sei aber dennoch guten Mutes, sagte Hanke zum Abschied, und verliere Deine gute Breslauer Lebensart nicht. Besonders daran mußte Adam oft denken, daß er seine Art, über wichtige Fragen nachzusinnen und zu disputieren, nicht aufgeben wollte, dennoch aber all die schlechten Eigenschaften hinter sich lassen mußte, die er in den letzten Jahren angenommen hatte. Handelte es sich um eine Disputation, so war er ja immer die Ruhe selbst, ging es jedoch um Alltägliches, so war er nicht selten in wüste Streitereien geraten. Oft genug hatte er sich auch betrunken, um Geld Karten gespielt, war mit Freunden zu Tanzvergnügungen gegangen, ja, er hatte nichts ausgelassen, all dies zur Betrübnis der Mutter, die seit je her vehement gegen all diese Mitteldinge stritt. Kaum war seine Absicht in der Welt, nach Leipzig zu gehen, mußte er ihr versprechen, in der Fremde ein neuer Mensch zu werden. Und war ihre Sorge nicht berechtigt? Hatte sich nicht auch der Vater, dachte Adam jetzt wieder, unter dem hellen Blätterdach der Eiche sitzend und die Reisenden beobachtend, zu Tode gesoffen? Am Ende war der nur noch ein sabbernder Greis gewesen, ein Häuflein Elend, der seinen Schnaps brauchte und selbst in seinen hellsten Momenten nur immer die selben Geschichten zu erzählen hatte, seine Kinder kaum erkannte und sich tagtäglich ins Hemd schiß. Die Mutter kümmerte sich damals, als es so weit gekommen war, kaum noch um ihn, auch daran dachte Adam jetzt, denn die jüngste der Schwestern lag zu der Zeit oft krank zu Bett. Sie starb noch vor dem Vater, er erinnerte sich mit Schaudern, nachdem sie am Abend zuvor noch Pläne mit ihm und Johann geschmiedet hatte, wie es weitergehen solle nach dem Tod des Vaters, der sich bald einstellen müsse. Am Morgen lag sie dann tot in ihrem Winkel, niemand hatte etwas bemerkt, nicht einmal die Mutter, die neben ihr geschlafen hatte.

Adam atmete tief durch. Die Bilder jenes Morgens standen ihm deutlich vor Augen, er sah den Vater vor sich, der dem Anschein nach nur mitbekam, daß etwas nicht stimmte. Ob er überhaupt begriff, daß seine Tochter tot ist, konnte niemand sagen. Lange stand er steif und aufrecht wie ein Soldat an ihrem Lager und betrachtete sie, wie sie da lag, mit gefalteten Händen auf ihrem Strohsack, doch sein Blick war stumpf. Er sagte kein Wort. Alle standen um die Tote herum, so als hofften sie darauf, daß sie es sich noch einmal anders überlegen würde. Niemand weinte, niemand sprach. Am Ende muß wohl der Vater allein dort stehengeblieben sein, denn es war einiges zu veranlassen. Die Mutter und Adam gingen zu Herrn Acoluth, der ohne zu zögern seine Hilfe anbot, während Johann und Elisabeth die Nachbarschaft verständigten und beim Schreiner einen schlichten Sarg bestellten. Den Vater aber haben sie alle nicht mehr lebend wiedergesehen, er hat das Haus verlassen und muß wohl unbehelligt durch Breslau gelaufen sein, bis zur Oder. Ob er sich hineingestürzt hat oder gefallen ist, wußte niemand. Tage später brachte man ihn zurück, er war kaum zu erkennen. Die Stirn eingedrückt, die Nase fehlte fast ganz, er war aufgequollen und unförmig, doch es war der Leichnam des Vaters, ohne Zweifel, denn er trug all die Narben seines langen Lebens, vor allem die von Auspeitschungen, die er als Junge erlitten hatte. Die Mutter sah mit Abscheu auf den stinkenden Kadaver und bespuckte ihn. Man fürchtete auch um ihre Gesundheit.

Doch das alles war jetzt Vergangenheit! Adam atmete noch einmal tief durch und sprang auf die Beine. Dort also, sagte er dieses Mal laut und deutlich, in dieser Stadt will ich studieren und leben. Die Breslauer Jahre liegen nun hinter mir! Er wollte optimistisch in Leipzig eintreten, das da nun vor ihm lag – und hatte er, das dachte er oft, nicht allen Grund zum Optimismus, denn immerhin war es ihm im letzten Schuljahr, ein wenig zu seiner eigenen Überraschung, ja noch gelungen, bei einem Vortragswettbewerb ein Stipendium des Breslauer Rates zu ergattern, eines von nur zweien, die ausgelobt waren. Nun beginne, so hatte ihm ein Ratsherr bei der Feierlichkeit danach gesagt, seine Zukunft, die unter einem besonders guten Stern stünde, denn bisher habe noch jeder Stipendiat des Rates sein Glück gemacht! Also gut, sagte Adam jetzt und sah auf seine Stiefel hinunter, so als ob sie denn nicht endlich losmarschieren wollten, die letzten Schritte auch noch zu bewältigen. Aber die Gedanken an Vergangenes ließen ihn doch noch nicht los, das spürte er, es war, als müsse er sich alles Wichtige noch einmal vergegenwärtigen, bevor er auch nur einen Schritt tun konnte. Ein neuer Mensch werden, dachte er, sich an den Baumstamm lehnend, das sollte er – doch einfacher gesagt als getan! Die Mutter hatte ja noch am Tag seiner Abreise, er saß bereits in der Kutsche, die ihn zunächst bis nach Görlitz bringen sollte, eindringlich auf ihn eingeredet, er solle an Hebräer 12.1. denken, so sagte sie, dort finde sich die Warnung, daß die Sünden uns ankleben und träge machen für die Zukunft, wenn wir nicht vor Zeugen bekennen, den Kampf wider uns selbst anzunehmen. Er hatte der Mutter also noch einmal feierlich in die Hand versprechen müssen, fortan frömmer und heiliger zu leben, damit er nicht ende wie der Vater. Wie sie ihn angesehen hatte! Doch er war kein Kind mehr, er wußte um seine Schwächen, er kannte all die Anfechtungen, die vom Leib her den Kopf angreifen. Oder war es nicht eher der Kopf, der den Leib affizierte? Doch sei’s drum, mit allem nicht Gottgefälligen sollte es ein Ende haben, denn schließlich hatte er nicht wenig gelitten, seiner Sünden wegen. Ich werde, sagte er also, zur Stadt gewandt, so als sei eine letzte Bekräftigung notwendig, Theologie studieren und Prediger werden, denn immerhin habe ich neun Jahre das Gymnasium besucht, drei Jahre in Secundo, sechs in Primo ordine gesessen und am Ende noch ein Stipendium des Rates bekommen, so daß mir das Studieren wohl gelingen dürfte!

So schulterte er nun endlich seinen Ranzen und nahm die letzte halbe Meile seines Weges in Angriff. Direkt vor ihm zogen mehrere fremdländische Wagen langsam Richtung Stadt, und wenn ihn nicht alles täuschte, parlierte man auf ihnen französisch. Ein junges, rothaariges Frauenzimmer, rittlings auf allerlei Gerät sitzend, eigentlich noch ein Kind, wenn man genau hinsah, rief ihm etwas zu. Er hörte immer nur das Wort Apell und konnte sich keinen Reim darauf machen, obwohl er in den letzten Jahren Französisch gelernt hatte. Endlich aber begriff er, daß sie seinen Namen wissen wollte. Brav rief er Adam Bernd, sie aber warf ihm Kußmünder zu und sang eine Strophe aus einem französischen Lied, dessen sicher anstößigen Text er nicht verstand, doch mit jedem Refrain, aus dem sein Name herauszuhören war, öffnete sie ihre Schenkel ein wenig weiter. Als Adam knallrot war, diese Sprache versteht ein Jüngling von Anfang zwanzig nur allzu gut, hatte sie ein Einsehen und zog die Knie zusammen. Je m’appelle Monique, rief sie noch, bevor sie lachend unter der Plane verschwand. Ein Wanderer hinter ihm machte auf polnisch eine Bemerkung, die er wieder nicht begreifen konnte, doch der Mann lachte noch lange über seinen eigenen Witz.

So zog Adam Bernd also am Freitag vor Jubilate 1699, knapp drei Wochen nach dem Osterfest, noch immer mit hochrotem Kopf, am Wagen der Franzosen vorbeischreitend, die, von den Torwächtern befragt, eifrig einige Schriftstücke vorwiesen, durch das Grimmaische Tor in Leipzig ein. Er blieb vollkommen unbeachtet, auch wenn er noch eine Weile glühte wie eine italienische Tomate. Zunächst mußte er sich nun eine Unterkunft suchen, noch bevor er sich zu den Collegia anmelden wollte. Ob es ein Haus der Breslauer Studenten gäbe, wußte er nicht, er hatte nicht daran gedacht, sich danach zu erkundigen. So irrt er erst einmal durch die Gassen und Straßen. Er weiß nicht recht, ob Leipzig oder Breslau den prächtigeren Marktplatz hat, doch das mußte ihm gleich sein, denn die Stadt besichtigen konnte er auch noch, wenn er ein Lager für die Nacht sicher hätte. In einem überfüllten Gasthaus, durch dessen Fenster kaum Licht ins Innere dringt, faßt er sich schließlich ein Herz und fragt den Nächstbesten, einen etwas schäbig wirkenden jungen Mann, ob er ihm eine Unterkunft vermitteln könne. Ein Logis sucht der Herr, nun, wenns weiter nichts ist, sagte dieser lachend, für eine Stunde läßt sich was machen, in netter Gesellschaft, versteht sich, da kann ich Euch behilflich sein. Sonst seid Ihr hier falsch. Auch in den anderen Wirts- und Gasthäusern hatte er kein Glück, selbst teure Unterkünfte waren, wohl wegen einer Messe, nicht zu bekommen, so daß er bei einbrechender Dunkelheit noch immer nicht wußte, wohin.

Ein Student in Kniebundhosen, weitem Rock mit Stulpenärmeln und einem reichlich verbeulten Hut, nicht mehr ganz nüchtern, konnte ihm schließlich und endlich weiterhelfen. Er war Breslauer wie Adam, wenn auch um einige Jahre älter. Er nahm ihn mit ins Peters-Viertel und zeigte ihm einen Hof, wo gleich mehrere ihrer Landsleute logierten, soweit er wisse, da finde er sicher einen Platz. Dann verschwand er einfach grußlos und ein wenig torkelnd. Ein kleiner alter Mann mit riesigen Ohren am kahlen Schädel, der im Licht einer trüben Ampel eben dabei war den Hof zu kehren, schickte ihn auf eine Stube unter dem Dach, ganz oben, nicht zu verfehlen, wo noch ein Strohsack und Decken lägen, dort könne er seinetwegen eine Nacht schlafen, es wohne seit Wochen niemand mehr dort. Er solle, rief er ihm noch nach, eine der Kerzen im Flur mit hinaufnehmen und aufpassen, die Treppe sei nicht ganz in Ordnung. Die Stube stellte sich dann als ein Kabuff mit Tür und einem kleinen Fenster heraus, der Strohsack und die Decken stanken nach Mist, doch was blieb ihm, dachte er, anderes übrig, als damit Vorlieb zu nehmen.

Adam, völlig erschöpft und nun endlich doch einigermaßen beruhigt, ißt noch einen letzten schrumpeligen Apfel, pustet den Kerzenstummel aus und zieht die Decke bis ans Kinn. Es ist kalt und stockfinster, doch besser so, sagt er sich, als wenn er auf der Straße übernachten müßte. Mehrere Male ist er kurz davor einzuschlafen, doch es gelingt ihm nicht, ins Reich der guten Träume, wie er das nennt, hinüberzugleiten, denn die schönen Vorstellungen, die er sich nach seiner Gewohnheit beim Einschlafen macht, werden bald durch seltsame Geräusche gestört, so als kehre der alte Mann dort unten noch immer in einem fort den Hof, vom Tordurchgang zur Haustüre und von der Haustüre zum Tordurchgang, hin und her und zurück, immer und immer wieder. Die Geräusche kommen nicht aus einem der anderen Räume des Hauses, da ist sich Adam sicher, und wer wußte schon, ob überhaupt noch jemand hier war, denn nichts sonst ist zu hören, nur dieses Kehren. Doch das einzige, das er nun tun konnte, tun mußte, das weiß er, ist zu schlafen, tief und fest zu schlafen, mit dem Geräusch des unablässigen Kehrens einzuschlafen, denn es ist gleichmäßig, ein tonloses Sirren mit einer kleinen Hebung, dann eine Pause, dann das Sirren, dann die Pause, das Sirren, die Pause …

Adam zieht erschrocken die Luft durch die aufeinandergepreßten Zähne. Er hätte nicht zu sagen gewußt, ob eine Sekunde vergangen ist oder eine Stunde, ob er geschlafen hatte oder nicht. Dieses Geräusch aus dem Hof jedenfalls ist jetzt nicht mehr zu hören, still ist es und absolut dunkel. Wenn ich die Augen schließe, denkt er, macht es keinen Unterschied, es bleibt stockfinster. Er weiß nicht einmal, wo die Tür, nicht, wo das Fenster ist, nur daß er liegt, das weiß er, und daß er nun schlafen muß, weiß er auch. Doch da tauchen schon wieder Bilder in ihm auf, ungerufene dieses Mal, wie dünne Tücher legen sie sich über ihn, eines nach dem anderen, Bilder aus seiner Kindheit, seiner Jugendzeit, helle und leuchtende, dann auch düstere, und da erscheint ihm Cara mit ihrem staunenden Gesicht, dann unversehens Herr Acoluth, der ihm zum Abschied herzlich die Hand schüttelt, die weinenden Geschwister, Johann und Elisabeth, die Mitschüler, die ihm das Beste wünschen, dann wieder Cara, mit einem Korb zum Markt gehend, wie es ihr wohl gehen mochte, denkt er, wo sie wohl sein mochte, er hätte wetten können, daß sie irgendwo in Breslau sein mußte und als Magd arbeitete, er hatte Ausschau gehalten nach ihr, doch keine Spur, das arme Mädchen, meine arme Cara, denkt er, sie und er in seiner Kammer, jene Sommernacht, und da sind sie, diese Bilder, die ihn so oft peinigten, er ballt die Fäuste, nicht diese Bilder, nein, abwehren muß er sie, doch er hat kein Mittel dagegen, fast möchte er schreien, schwer atmet er, bis ein wirklicher Schmerz ihn durchfährt, ganz plötzlich, wie ein Blitz, es zerreißt ihn, die beiden Georgs, sie sind über ihm, sie schlagen auf ihn ein, er blutet, sein Gesicht, sein Unterleib, nur Blut und Schmerz, und Cara, was tun sie Dir an, die Teufel, ruft er laut, er atmet heftig, er keucht und keucht und schlägt sich selbst, mit der Faust gegen den Kopf und in den Magen, bis er endlich erwacht.

Beruhige Dich, sagt er endlich leise ins Dunkel hinein, beruhige Dich, ein böser Traum, nichts weiter als ein böser Traum!

Adam atmet bald ruhiger, in die Stille lauschend. Seltsam, denkt er, das ist nun meine erste Nacht in Leipzig, zum ersten Mal bin ich in einer fremden Stadt, doch niemand dachte daran, zuvor mir eine Unterkunft zu sichern, nicht Hanke, nicht Acoluth, Johann nicht und ich selbst am wenigsten, und nun liege ich in einem Verschlag auf dem Dachboden eines Hauses, von dem ich nichts weiter weiß, als daß es im Peters-Viertel steht. Was Wunder, daß ich schwer träume! Von ferne war jetzt etwas zu hören, so als marschierten Soldaten eine enge Gasse entlang, oder nein, war das nicht eher wieder dieses Geräusch aus dem Hof, ja sicher, ganz deutlich, nur lauter als zuvor, so scheint es ihm wenigstens, oder war es die ganze Zeit da, fragt er sich, dieses Sirren, dieses Kehren, hin und her, und hatte nicht, fällt ihm jetzt ein, dieser häßliche alte Mann im Hof etwas Teuflisches, ja, der Teufel, denkt er, ist er es, der Teufel, der mich hinaufgeschickt hat in diese Kammer, der mich gefangen hält, mich verzehren, mir die Seele rauben will? Oder ist er doch nur ein armer alter Mann, der in seinem Wahnsinn auch des nachts den Hof kehrt? Was also tun? Sein Bündel nehmen, die Tür ertasten, die Treppe hinunter? Nein, so nicht, nicht ihm in die Fänge laufen, ich muß liegenbleiben, überlegt er, ich muß ruhig werden, warten muß ich bis zum Morgen – das wird das Beste sein, das Geräusch ertragen, die Finsternis ertragen, unbeweglich liegen, nicht dem Teufel auf den Leim gehen, liegen, warten, die dunklen Bilder vergessen, zur Ruhe kommen, beten, ja beten, das Gebet ist der Schwachen Stärke, ich werde beten, denkt Adam, und er will beten, still für sich, doch es gelingt nicht, er findet die Worte nicht, er fragt sich, ob er wieder träumt und kneift sich in den linken Unterarm, nein, er träumt nicht, und nach und nach schält sich nun auch das Fenster vage aus der Dunkelheit heraus. Aus dem Hof ist nichts mehr zu hören, kein Geräusch dringt an sein Ohr, nur das Fenster ist zu sehen. Es schwebt in der Finsternis. Er starrt auf das schwache Licht, das graue Rechteck, er starrt und starrt, leise nur bewegt es sich auf und nieder, als tanze es ganz zart zu einer unhörbaren Melodie. Bald muß doch der Morgen kommen, das Licht, denkt Adam, das Licht des Tages! Soll ich denn ewig hier in der Finsternis liegen? Dann tastet Adam auf den Knien den staubigen Boden ab, die Kerze, die Zündhölzer, die er mit hinaufgenommen hatte, wo nur sind sie, fragt er sich, er tastet und tastet. Licht, er braucht endlich Licht! Ein Geräusch läßt ihn plötzlich innehalten, ein Knarren und Knarzen, nicht aus dem Hof, nicht in seinem Kopf, keine Einbildung, nein, vom Treppenaufgang her muß es kommen, kein Zweifel. Kommt etwa jemand herauf, denkt er, der wahnsinnige alte Mann, der Teufel? Atemlos lauscht er, ja, wieder das Knarren und Knarzen, so als erklimme jemand, langsam und schwerfällig, Stufe um Stufe das Treppenhaus, jede einzelne Stufe knarrt unter seinem Tritt, aufstöhnend, einmal vor Schmerz und einmal aus Erleichterung, so scheint es, Schrei um Schrei, Tritt um Tritt, er ist nicht einmal sicher, ob es näherkommt, ja ob er nicht wieder träumte und ganz friedlich hier liegt, auf dem Strohsack unter der alten Decke, ja, tatsächlich, er tastet nach seinem Arm, seinem Leib, sein Hals, sein Gesicht, die Augendeckel geschlossen, natürlich, denkt er erleichtert, das bin ich, ich schlafe seelenruhig. Doch halt, aufwachen muß ich, er ist verwirrt, ganz und gar, dieses Geräusch, es kommt nun doch näher, bald ein Keuchen direkt vor der Tür, ein tiefes, kehliges, rasselndes Keuchen, das des Teufels oder des wahnsinnigen alten Mannes, das fragt er sich, und hat er wirklich den Riegel vorgeschoben? Doch geht der Teufel nicht durch Türen und Wände! Was soll ich tun, denkt Adam, was soll ich nur tun, wie ihm entgehen, wie dem Teufel entgehen? Er rüttelt an seinem Leib, wach auf, ruft er, Adam, wach auf, doch der liegt da wie tot, wie ein Stein, hinaus, raus aus der Kammer muß ich, denkt er, aufstehen und durch das Fenster hinaus ins Freie! Nur raus! Doch da packt ihn etwas im Nacken, er spürt eine Pranke, die ihn brutal hochreißt, und schon ist ihm, als schwebe er zusammengekrümmt über dem taghell erleuchteten Hof, auf dem der häßliche alte Mann mit dem kahlen Schädel und den riesigen Ohren steht und zu ihm hochsieht, dann seinen Besen nimmt und zu kehren beginnt, vom Tordurchgang zur Haustüre und von der Haustüre zum Tordurchgang, hin und her und zurück, immer und immer wieder.


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*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

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