Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman). Kapitel 14: Ein Zeichen Gottes?

Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel vierzehn:

 Ein Zeichen Gottes?

Heinrich war in Leipzig trotz seiner Lasterhaftigkeit ein großer Leser geworden, wenn er auch zunächst kein einziges Buch besaß. Nicht selten ist er der einzige in einer Bibliothek, der keine Perücke trägt, die auf der Reise gefundene war längst verkauft, doch da er sich immer sehr ordentlich anmeldete, ernsthaft las und häufig Passagen abschrieb, glaubte man in ihm einen armen Studenten der Theologie sehen zu dürfen, der sich mit Freitischen und Gastpredigten, wie so viele, über Wasser hielt. Darauf, daß er für einen Studenten gehalten wurde, war er sogar ein wenig stolz. Nach der Verhaftung, Verurteilung und Hinrichtung von Jean war sein Leben immerhin recht solide geworden, er ließ seinen geringen Verdienst nun nicht mehr vollständig in den Schenken und bei den Huren. Natürlich, der Teufel zwickte ihn immer noch im Schritt, wenn ein junges Mädchen mit dem Hintern wackelte, doch in der Bibliothek gab es keine Frauen, da konnte er in Ruhe Bücher, Landkarten und Stadtansichten studieren. Die Ansichten Breslaus zeigten ihm eine prächtige Stadt, die Bühne für das Höllenstück, das er aufzuführen gedachte, und eben dafür wollte er sich, das war die Hauptsache, noch einiges anlesen, um auf allen Gebieten firm und so gut wie nur möglich präpariert zu sein. Wenn sein Feind, wie Cara erzählt hatte, Prediger werden sollte und auch geworden war, so mußte er ihm das Wasser reichen können, daran ging kein Weg vorbei. So lieh er oft Bücher aus, die sich der Sünde des Selbstmords widmeten. Nachdem er mit wenig Gewinn, das Werk ging über seinen Horizont, Ephraim Praetorius‘ Der Verdammliche Selbst- und Eigenmord gelesen hatte, empfahl ihm der Bibliothekar ein schon älteres Werk, nämlich Gründlicher und wahrhaftiger Bericht von Johann Balthasar Kelterborns Leben und jämmerlichen Ende eines gewissen Friedrich Wineker. Über eben dieses Werk habe er, so der Bibliothekar, vor nicht langer Zeit mit einem Magister der Theologie gesprochen, der für seine Collegii an der Universität und seine Predigten in den umliegenden Gemeinden immer einige Exempel suchte, mit denen er sein Zuhörerschaft beeindrucken konnte. Dieser Magister war niemand anderes als Adam Bernd, und wer weiß, was nicht alles geschehen wäre, hätte der Bibliothekar nur ein wenig Mühe darauf verwandt, sich des Namens zu erinnern. Doch da Heinrich kein Interesse daran zeigte und sich sogleich in das ihm in die Hand gedrückte Buch vertiefte, widmete er sich weiter seinem galanten Roman und den hübschen Bildern darin, denn von der Wissenschaft allein, das wußte wohl jeder, kann der Mensch nicht leben.

Heinrich reiste vorerst nicht nach Breslau. Sein Plan, fand er, war noch nicht ausgereift. Er hatte viel von melancholischen Leuten, Wahnwitzigen und Selbstmördern gelesen, doch diese waren alle ohne äußeres Zutun und allein durch Melancholie und schreckliche Gedanken dem Teufel verfallen, was ihm nicht viel weiterhalf. Außerdem nahm sein Leben in Leipzig nun durchaus Gestalt an, denn als Lampenwächter und Sänftenträger verdiente er einen bescheidenen, aber ausreichenden Lohn, und auch der Bibliothekar seiner bevorzugten Bibliothek im hallischen Viertel, der bald erkannte, daß Heinrich kein Theologiestudent sein konnte, war ihm weiter wohlgesonnen und lieh ihm schließlich sogar die galanten Romane, wenn ihn Heinrich nur, heimlich still und leise, versteht sich, zu gewissen Wirtschaften brachte, die sich eines Hinterein- und ausganges rühmen konnten. Das war dem Manne wichtig, und natürlich sollten die Frauen, die dort verkehrten, ebenso über gewisse Ein- und Ausgänge verfügen, nun ja, er verstünde schon. Es sollte sein Schaden nicht sein. Heinrich verstand. Er war somit sicher der einzige Hurer in Leipzig, der sich nicht mit Geld bezahlen ließ. Eine wiederhergerichtete Perücke und einen alten, noch recht hübschen Rock samt Beinkleidern nahm er zwar auch an, sonst aber ging es ihm nur um Bücher, die der Bibliothekar ihm fleißig besorgte. So saß Heinrich bei Dämmerlicht manchen Abend in einer Schenke, meist der Coffee Bille, und las einige der neuerdings in Deutsch verfaßten Schriften zur Philosophie, alles langsam und bedächtig, um so viel wie möglich zu verstehen. So war Heinrich der Täubenfüßer, der sich nicht selten als Herr Daubenfuß vorstellte, bald denn auch sicher der einzige unter den einfachen Leuten Leipzigs, der eine eigene, bescheidene Bibliothek besaß.

Schon kurz nach der Hinrichtung von Jean dem Schwein spürte auch Heinrich in den Eingeweiden, daß er dem Teufel nun wieder seinen Tribut würde zollen müssen. Er wußte, er würde nicht auf Dauer ganz und gar leben können wie ein braver Bürgersmann, und selbst diese hatten ja, wie der Bibliothekar, ihre dunklen Seiten. Er betrank sich also bald schon wieder bei der ein oder anderen Gelegenheit, meist im Hause Farlemann, ein gewisser Studiosus Eger betrieb dort das Geschäft mit den Mädchen, und verlangte dann stets eines in anderen Umständen, nicht weit vor der Niederkunft. Eine Hochschwangere, so sagte er sich neuerdings, brachte schließlich niemand aufs Rathaus und in die Inquisition, selbst wenn sie eine Hure ist. Bald schon sprachen sich die Schwangeren bei Farlemann gegenseitig mit Cara an und grinsten abgründig, wenn Heinrich wieder mal zu Gast gewesen war. Er nannte sie alle Cara. Er konnte nicht anders. Vielleicht wollte er die Melancholie seiner Schwester begreifen und nahm nur deswegen die Schwangeren; in jedem Fall aber versuchte er, auf jedes Wort zu achten, wenn die jungen Dinger sich auszogen und ihm den Hintern hinhielten, wenn sie Gott anklagten oder den Teufel oder wen auch immer. Doch meistens jammerten sie nur, er möge das andere Loch nehmen, das Kind sei doch ante portas, und so oft Heinrich dies hörte, aus dem Mund einer Dirne, die immerhin doch sein Geld nahm, mußte er lauthals lachen, und dann machte er es, wie es ihm beliebte.

Eines Abends aber, als er in den Sieben Brettern, das andere von ihm gern besuchte Haus, schon ziemlich betrunken die Sibylle Kühn bestieg, auf sie hatte er es seit Wochen besonders abgesehen, da hatte er kaum entladen und Cara, immer wieder Cara geschrien, wie ein Tollwütiger schrie und zuckte er minutenlang, da wandt sich die Kühnsche plötzlich in Schmerzen und stieß ihn kreischend von sich. Wie ein Käfer auf dem Rücken neben dem Bett liegend, einem nackten, häßlichen Satyr gleich, starrte er glotzäugig auf die Schreiende, ohne etwas zu tun, und wäre nicht die Ehefrau des Stadtsoldaten Brauer, der das Haus gepachtet hatte, in die Stube gestürmt und hätte resolut die Geburt ausgeführt, wer weiß, was geschehen wäre. So stand Heinrich, vollständig nackt und mit noch pulsierendem, aufrechtem und rotglänzendem Gerät in der Kammer, während die Brauer die Kühnsche bearbeitete, abwechselnd sie zu beruhigen und anzufeuern suchte, bis das Menschenkind heraus war. Die Brauer nabelte es ab, als habe sie nie etwas anderes getan, und mit einem Hieb auf den Hintern gab sie ihr, es war ein Mädchen, den Odem. Heinrich aber, der immer noch stocksteif in der Ecke stand und einer Ohnmacht nah gewesen war, mochte sich jetzt noch so schnell bedecken und das Weite suchen, die Brauersche hatte nichts Besseres zu tun als feixend überall zu verbreiten, dieser Täubenfüßer könne in weniger als einer halben Stunde einer Frau ein vollständiges Kind machen, ja im Grunde sei es sogar so, daß das Kind, kaum habe er seinen Schwanz herausgezogen, auch schon nachfolgte. Ein Teufelskerl, dieser Täubenfüßer, rief sie immer wieder, oft ohne jeden Zusammenhang, worauf sich alles vor Lachen bog. Hohn und Spott waren Heinrich sicher, jedenfalls in bestimmten Kreisen, und so manchen Scherz ertrug er nur mit der Faust in der Tasche. Eine Weile mied er das Haus, stürmte aber eines Abends dann doch wieder, einem spontanen Einfall gehorchend, durch den Vordereingang in die Schenke hinein und brüllte, schnell, er brauche eine Hure, er müsse sofort ein Kind machen und wolle es auch sofort mitnehmen. Alles lachte, selbst die, die nichts wußten vom Vorfall mit der Kühnschen, und er selbst war es dann, der diesen die Angelegenheit haarklein beschrieb, worauf sich alles noch einmal vor Lachen nur so bog. Die Schmach war getilgt, keine Frage.

Dann aber geschah das Außerordentliche, ja man kann ohne Übertreibung sagen, Heinrichs ganzes Leben änderte sich von Grund auf und für alle Zeit. Alles begann damit, daß er mehrfach gehört hatte, die über zweihundert Jahre alte Peters-Kirche, direkt neben dem Stadttor gelegen, die lange als Kalkhütte, Kaserne und sogar als Haus der Wäschefrauen gebraucht worden war, sei wieder eingeweiht worden, damit im Peters-Viertel und in den südlich gelegenen Vorstädten die Menschen nicht länger ohne geistlichen Beistand sein müßten. Bald schon sollte, so wurde erzählt, der neue Prediger eingesetzt werden, der auch schon als Oberkatechet dort wirke und zukünftige Theologen betreue. Heinrich hatte nun ohnehin, wann immer er im Peters-Viertel zu tun hatte, einen Blick auf die Baustelle geworfen, so wie Männer das eben tun, und so wählte jener nun schon über dreißig Jahre auf dem Erdball weilende Heinrich Holzkötter, genannt der Täubenfüßer oder auch Herr Daubenfuß, in einer Person Lampenwächter, Aushilfssänftenträger und manchesmal auch Hurer, noch nie auf das Rathaus befohlen und unter dem Scharfrichter gewesen, am Sonntag dem neunundzwanzigsten Mai des Jahres 1712 aus reiner Neugierde heraus den Weg durch das Peters-Tor, nachdem er sich in aller Herrgottsfrühe nach getaner Arbeit, dem Auslöschen der Laternen, vor den Stadtmauern ein wenig die Beine vertreten hatte, frei ausschreitend und ein Liedchen pfeifend. Der Torwächter läßt ihn ohne weiteres passieren, ohne den Torgroschen zu verlangen, man kennt sich vom Sehen. Freundlich nicken sie sich zu und wünschen einen guten Tag. Die Kirche ist, zu Heinrichs Überraschung, aber noch eingerüstet, mitnichten also fertiggestellt, wie er erwartet hatte. Bis auf eine Katze, die schwarzweißgefleckt auf dem Gerüst vor sich hindöst, ist nichts und niemand zu sehen, es würde heute am Sonntag natürlich nicht gearbeitet werden. Er tritt näher, die frisch hergerichtete Eingangstür ist verschlossen, das war zu erwarten, schade, denkt er, und dann hebt er ein Flugblatt auf, das direkt vor ihm liegt, es ist zerknüllt und dreckig, und während er im Weitergehen seinen Blick über den turmlosen Bau und die Baugerüste gleiten läßt, streicht er es glatt und liest dann die wenigen Zeilen. Für den heutigen Sonntag wird, so erfährt er, nach vielen schon gehaltenen Katechismusexamina seit Beginn des Jahres, für zwölf Uhr am Mittag die erste Predigt in der Peters-Kirche angekündigt, die da halten soll der Magister ADAM BERND.

Wie vom Donner gerührt steht Heinrich still. Ihm schwindelt, ihm wird heiß und kalt, er zittert und er schwitzt, alles zugleich. Die Peters-Kirche, sie also sollte nun der Ort sein, an dem er jenem Menschen begegnen würde, der Cara geschwängert hat, so daß sie mit einem Kind im Leib ein jämmerliches Ende hat finden müssen, sich ersäuft hat, so denkt er, aus Melancholie, Schwermut und Verzweiflung. Sein Herz und seine Gedanken springen Bock, all das in den vielen Schriften Gelesene und zu einem noch immer unausgereiften Plan Zusammengeschusterte poltert kreuz und quer durch seinen armen Hirnkasten, bis er endlich wieder zu sich kommt und erkennt, daß einige Leute um ihn herumstehen und ihn begaffen. Heinrich sieht kaum mehr als den gewaltigen Bauch und die böse Fresse eines riesigen Kerls im Habit eines Bierkutschers, dann wird er, unter dem Gejohle der Umstehenden, gepackt und unter das Gerüst befördert. Er bleibt liegen, doch er ist nicht verletzt, und wäre er es, er würde es nicht spüren. Adam Bernd, sagt er leise, fast flüsternd spricht er vor sich hin, während die Menschen sich abwenden von dem armen Irren, Adam Bernd, sagt er, immer wieder, und je häufiger er dies sagt, Adam Bernd, Adam Bernd, Adam Bernd, desto ruhiger wird er. Dann geht er zügig nach seiner Stube. Er hatte noch einiges zu tun, denn nun mußte sein Plan ausgeführt werden, koste es, was es wolle.

Adam Bernd steht zur selben frühen Stunde am Fenster seiner neuen, wenngleich nur als Übergang gedachten Logis im Haus des Herrn Draten, dem Knopfmacher am Alten Neumarkt, Ecke Peterskirchhof. Er blickt auf das gegenüberliegende Dach, wo ein Täuberich eine Taube besteigt, die nach kurzem Gezappel einfach sitzenbleibt, während der Täuberich flügelschlagend das Weite sucht. Seit zwei Wochen schon, seit er aus dem Roten Collegio der philosophischen Fakultät, wo er gut zehn Jahre lang gewohnt hatte, ausgezogen war, ist Adam nicht recht bei Sinnen. Auch jetzt stritt er wieder, wie so oft, mit sich selbst und ließ all die Geschehnisse der letzten gut anderthalb Jahre revuepassieren, ja er verspürte sogar Heimweh nach seiner gewohnten Stube und selbst nach dem Lärm vom Eselsmarkt in der Ritterstraße, über den er sich so oft geärgert hatte. Zudem verstärkte die Aussicht, bald schon wieder umziehen zu müssen, noch seine Unruhe, denn natürlich wäre das Pfarrhaus in der Schlossgasse eine angemessenere Unterkunft als solch eine Wohnung, die noch dazu im obersten Stockwerk lag. Der Rat der Stadt hatte zwar beschlossen, das seit Jahren unbenutzte Pfarrhaus zeitgleich mit der Kirche herzurichten, doch das konnte wegen der üblichen Streitereien ums Geld nun doch noch ein wenig dauern, nach allem was zu hören war.

Sein Blick fällt immer wieder auf das Schreibpult am Fenster und das darauf liegende Diarium. Seit Anfang des vorigen Jahres hatte er nichts mehr eingetragen, da er wegen Krankheit und Niedergeschlagenheit keine saubere Feder hat führen können. Jetzt aber wollte er all das nur auf lose Blätter Hingeschmierte lesen und so sauber wie nur möglich in sein Buch eintragen. Der Stapel war mehr als drei Handbreit hoch, doch immerhin hatte er es geschafft, alles so weit wie möglich nach dem Datum zu ordnen. Was für ein Geschmiere das teilweise doch war, kaum zu entziffern! Lange Passagen mit Gedanken zu all den Fragen, die ihn umtrieben, theologische wie weltliche, etwa, ob die Folter nicht verboten werden müsse. Das meiste aber hatte er zu der Frage des Selbstmords aufgeschrieben, denn es war unter Theologen strittig, ob ein Mensch, der sich unwillkürlich umbringt, der vor lauter Verzweiflung nicht weiß, was er tut, nun zu ewiger Höllenpein verurteilt sei oder nicht. Adam selbst war, wie so viele seiner Zeitgenossen, auch von der Angst geplagt, in einem wirren Augenblick etwas Dummes zu tun, der Verzweiflung nachzugeben, ja er träumte nicht selten davon, aus dem Fenster zu springen, so wie in seiner ersten Nacht in Leipzig vor so langer Zeit, als er in dieser Dachstube lag und wild phantasierte. Seither hatte er viel darüber nachgedacht, auch Gastpredigten zu dem Thema gehalten und einiges dazu aufgeschrieben. Sicher, so ein Tagebuch ist wohl kaum der richtige Ort für solche Ausführungen, dachte er, und er würde sicher bald schon ein Tractat dazu verfassen, doch immer schön eins nach dem anderen, sagte er sich. Am besten wäre es, das Vergangene nun erstmal abzuschließen, indem er die Notizen sauber übertrug. Wenn er sich jeden Tag eine Stunde Zeit dafür nahm, sollte das Unternehmen bald abgeschlossen sein.

Die Predigt, die er in wenigen Stunden würde halten müssen, war lange schon ausgefertigt und lag auf dem Stuhl, er konnte sie auswendig hersagen. Das war kein Problem. Er trat also entschlossen an das Pult, tunkte die Feder in das Tintenfaß und setzte an. Als aber nach guten fünf Minuten nur ein ärgerlicher Tintenklecks, der zur Unterkante des Tagebuchs hin eine lange Nase bildete, auf der Seite prangte, wußte er, daß heute nicht an ein einfaches Abschreiben zu denken war, seine Unruhe war wohl doch zu groß. Allein das obenauf liegende Blatt mit all dem vor über einem Jahr schnell und fast unleserlich Geschriebenen schien ihm eine übermenschliche Anstrengung abzuverlangen. Ein Teil war zudem verwischt von einem großen Rotweinfleck mit meeresküstenartigem Rand, eine Insel mitten im Text, in die er sich nun sogar hineinphantasierte, denn waren dort nicht Wälder, Straßen und kleine Orte einer Welt zu erkennen, die anders und besser sein mochte als die, in der er leben mußte? Eine Welt mit Eintracht und Liebe statt all dieser Boshaftigkeit, all diesem Haß, all diesem animalischen Treiben, dem kaum etwas entgegenzusetzen war, nicht einmal mit den Botschaften Jesu!

Wie sehr, überlegte er eine Weile später, nachdem er den Text der Predigt noch einmal überflogen hatte, habe ich doch gezweifelt, ob ich dieses Amt des Oberkatecheten und Predigers annehmen soll, und wie günstig wäre es meinen Gegnern gewesen, hätte ich mich davongemacht! Und sagte ich mir nicht selbst, dachte er weiter, ein Predigeramt ohne Pfarrfrau sei nicht gut auszufüllen, mit der Pfarre kommt die Knarre, so heißt es wohl, doch wie soll ich, und diesen Gedanken brachte er seit zwei Jahrzehnten nicht aus dem Kopf, eine Frau ehelichen, nachdem mir Cara damals auf diese Weise entrissen wurde? Dabei war ihm nicht einmal Caras Gesicht noch präsent, nicht ihre Stimme, nicht ihr Leib, viel eher waren es die Schreie der sterbenden Acoluthin, der Gestank im Haus und der prasselnde Regen, an das er sich wirklich erinnerte, ja, und an die bösartigen Fressen der beiden Georgs, die sah er in manchem Traum, aus dem er schweißgebadet erwachte. Jedes Mal, wenn er zum Balbier ging, zum Aderlaß, konnte er nicht widerstehen, den Finger in die Schüssel zu stecken und sein eigenes, schwarzes Blut zu schmecken. Vielleicht hoffte er, so die Erinnerung an jene Nacht zu bannen, in der er fast totgeprügelt worden war, in der die beiden Teufel Cara vergewaltigt hatten. Er wußte es selbst nicht. Wenn er sich doch wenigstens ein anderes Ende erträumen könnte, dachte er oft, etwa das Zurücklassen der heimlich Geliebten in Breslau, weil er nach Leipzig mußte. Das wäre nicht schön gewesen, sicher, doch würde es ihm dann nicht besser gehen, viel besser? Wenigstens träumen wollte er von einem anderen Leben, einem Leben nach diesem Unglück, mit einer anderen Frau, mit der er den ehelichen Beischlaf vollziehen, mit der er eine Familie gründen könnte. Aus der Nachbarwohnung hörte er jetzt oft genug Gestöhn und Gekreisch, und mit dem Ohr an der Wand tat er es manchmal, denn war er allein, so spürte er die Lust im Unterleib, sein Schwanz wurde steif, und dann war er einen winzigen Moment lang selig. Doch das waren seltene, sündige Momente, die ihn traurig zurückließen. Nie wird er den Blick einer Hure vergessen, die vor Jahren in einer Gasse an ihn herantrat, ihn aus dem Dunstkreis einer dieser neuen Laternen hinausschob und ihm ohne zu zögern ans Gemächt griff, aber nichts wollte sich rühren, mit offenem Mund sah sie ihn an, natürlich wollte sie ihr Sprüchlein loswerden, doch für so einen Fall hatte sie keines parat, und auch Adam sagte nichts, sah sie nur an, während sie noch immer seine Eier und seinen schlaffen Schwanz in der Hand hielt. Dann ging sie einfach davon und war verschwunden. Adam hätte schreien mögen, aber er schrie nicht.

Er konnte sich gut an diesen Abend erinnern. Wie ein Greis war er, es war noch lau und dabei sternenklar, nach Hause ins Rote Collegio geschlichen. Nachdem er noch leidlich gearbeitet und dabei ein großes Bier vertilgt hatte, ging er endlich doch zu Bett. Kaum aber lag er auf seiner Matratze, stand ihm deutlich das Gesicht der Hure vor Augen, doch das überraschte ihn nicht. Hätte er sie vielleicht bitten sollen, überlegte er, mit ihm auf ihre Stube zu gehen und ihre Künste an ihm anzuwenden? Warum nicht einmal Schnaps saufen, bis ihm alles egal ist, denn gingen nicht meist die Betrunkenen mit den Huren, und dies sicher nicht nur, weil ihnen in diesem Zustand der Geldbeutel lockerer saß? Er überlegte damals hin und her, was er hätte tun sollen, oder eher, was er das nächste Mal tun müßte, denn für diesen Abend war es wohl ohnehin zu spät. Außerdem wußte er nicht genau, wo jene Hinterstuben sind, in denen auch noch nach der elften Stunde bis in den Morgen hinein allerlei angebahnt wurde. Oder sollte er auf gut Glück noch einmal losgehen? Doch was wäre, würde er im falschen Augenblick gesehen werden, würde er dann nicht ohne Zweifel seiner Stelle bei der Fakultät verlustig gehen? Das alles war ohnehin eine Anfechtung, waren Gedanken, die ihm der Teufel eingab, sie mußten gedacht werden, um gebannt werden zu können – kraft des Glaubens und kraft der Vernunft! Ist es nicht so?

So wälzte er damals, daran dachte er jetzt am Tag seiner Antrittspredigt in der Peters-Kirche, die unsinnigsten Gedanken hin und her und lag lange müde aber hellwach auf dem Bett. Das Fenster hatte er offengelassen, eine dünne Mondsichel warf ein wenig Licht in die Stube. Die Gedanken, an Cara, an die Hure vom Abend, ja an seine jugendliche Angst, das Himmelreich durch Onanie zu verlieren, kamen in dieser Sommernacht stoßweise, wellenartig über ihn, und dann war da plötzlich, wieder einmal, dieser eine teuflische Gedanke, diese Idee gewesen, nämlich hinaufzusteigen auf das Fensterbrett und sich einfach in die Tiefe fallen zu lassen, so wie man sich auf sein Lager fallen läßt. Mehr war nicht zu tun. Und lag er nicht bereits dort unten, war er nicht bereits der schwarze, tote Leib mit zerschmettertem Kopf, fragte er sich in jener Nacht, wie so oft zuvor und auch danach. Ja, sagte er schließlich laut, kein Zweifel, ich, Adam Bernd, liege bereits unten in der Gasse, den Leib zerschmettert, die Seele zum Teufel. Und war er an jenem Abend nicht tatsächlich auf das Fensterbrett gestiegen und hatte mit geballten Fäusten und fest geschlossenen Augen darauf gewartet zu fallen, einfach nur zu fallen, sein Kopf reckte sich in die Leere, jetzt mußte es bald geschehen, das ist das Ende, dachte er, doch so sehr der Kopf auch nach vorne stieß, so sehr verweigerten die Beine diesen Dienst, sie wollten nicht, sie stemmten sich gegen die Tiefe, und als Adam dann endlich doch fiel, fiel er schreiend ins Innere seiner Stube zurück, schlug mit dem Kopf gegen den Stuhl und blieb benommen liegen – warum nur dachte er jetzt, heute, am Tag seiner Antrittspredigt, an all das, auf seinem Bett liegend in seiner neuen Wohnung, ganz in der Nähe der Kirche, seiner Kirche, den Schreibpult mit dem Tagebuch im Blick. Was sollte er tun, wenn er nicht schreiben konnte, wie die Gedanken bezähmen, wie sich beruhigen? Nur nicht die Stunden zergrübeln, wie so oft, nicht an all die schlimmen Dinge denken, die Gott auf Erden zuläßt! Erst unlängst hatte er in der Bibliothek diese neue Schrift des Philosophen Leibniz einsehen können, Essais de théodicée, doch so sehr der Mann auch recht haben mochte, der Prediger Adam Bernd mußte sich nun beruhigen. Seine Predigt heute am Mittag, das war das Wichtigste, er wollte der Prediger der Menschen sein, der ihnen den richtigen Weg wies, indem er sie überzeugte, ohne sie aber zu ängstigen.

Er sprang auf und zog kurzentschlossen, fast so als sei er die Marionette einer fremden Macht, und tatsächlich war ihm, als stünde er neben sich und sähe sich zu, das Hemd über den Kopf und entledigte sich seiner Beinkleider. Er betrachte seinen mageren Leib in dem alten kleinen Wandspiegel mit dem schwarzen Rahmen, sich drehend und sich Grimassen schneidend, so als müsse er sich am heutigen Tage unwürdig verhalten, zwanghaft. Es kam über ihn, wie zu Beginn seiner Leipziger Zeit, wenn er sturzbetrunken vom Kartenspiel aus der Schenke gekommen war und sich in diesem selben Spiegel nackt betrachtete, nur daß er damals durch den eigenen Blick erregt eine Erektion bekommen hatte. Heute war er nüchtern, und es war Sünde, sich zu berühren, so wie es Sünde gewesen war, mit Cara den Beischlaf zu wollen, und da war er wieder, dieser Gedanke, einer, der nicht zu besiegen, dem nicht beizukommen war. Schnell warf er sich das Hemd über und stieg in die Hosen. Doch es war ja nicht eigentlich dazu gekommen, dachte er weiter, die Stube barfuß auf und ab schreitend, denn jetzt mußte er dies zu Ende denken, es austreiben durch Worte. Die beiden Teufel, unheilige George hatte der selige Herr Acoluth sie genannt, obwohl er nur von den Diebstählen, die sie begangen hatten, sprach, waren dazwischengegangen und hatten ihm und Cara Gewalt angetan. Er dachte an all das Blut, der Geschmack des Blutes, totschlagen sollte man die Hurenböcke, und wie rohes Fleisch das Geschlecht zwischen Caras Beinen, wie rohes Fleisch sein Schwanz, sein ganzer Körper. Und dann, eines Tages, nicht einmal mehr miteinander gesprochen hatten sie, nur ein paar verschämte Worte hier und da, fragte man im ganzen Haus nach ihr, man schickte zum Markt, doch niemand wußte etwas. Bald schon sprach niemand mehr von ihrem Verschwinden, nicht offen jedenfalls, und das war es auch, was ihn am meisten schmerzte, mehr noch als all die Wunden, die sehr lange nicht abheilen wollten, die näßten und juckten, wochenlang konnte er ohne Schmerzen weder essen noch scheißen noch pissen. Auf dem Elisabethgymnasium sahen sie ihn lange scheel an, obwohl sie von der Sache mit dem Überfall vor der Neuen Kirche wußten, die so erlogen wie doch glaubwürdig war. Sie behandelten ihn geradezu, fand er, als gehöre er selbst zu den Schlägern aus den Vorstädten, vor denen viele Angst hatten. Waidwund war er gewesen, damals. Er trat wieder ans Fenster. All diese Gedanken, die ihn quälten und ihm das Leben zur Hölle machten! Die Taube saß immer noch dort, wenn es denn die selbe Taube war.

Drei Stunden noch. Zweifel, ob seine Entscheidung die richtige gewesen ist, darf er nicht zulassen, jetzt nicht mehr. Nun würde er auch als Prediger für das Volk tätig werden, nachdem er bereits seit Januar des Jahres als Oberkatechet das Seminarum Petrinum leitete. Die angehenden Magister, die ihm unterstanden, klebten oft genug an seinen Lippen, und so würde die heutige Predigt ebenso gelingen wie auch die nun bald zu haltenden Bibelhomilien. Die Collegia an der Universität so viele Jahre, die Gastpredigten, all dies hatte ihn zu einem guten Redner werden lassen, selbst die berüchtigten Murmler machten ihm keine Sorgen. Er würde alle überzeugen, auch seine Gegner, mit Gottes Hilfe! Noch zu Beginn des letzten Jahres, 1711, war ihm ja hart zugesetzt worden, auch daran dachte er jetzt, als er eben von einer langen Krankheit genesen war, von der nicht wenige meinten, sie sei nur eingebildet. Gegen Ende des Winters setzte dann eine Kampagne wider ihn ein, die vor allem daraus bestand, Gerüchte zu streuen, denn das neu zu schaffende Predigeramt an der Peters-Kirche, so schwer es sein mochte, war durchaus begehrt. Ich selber, dachte Adam jetzt wieder einmal, bin ja von Anfang an in Zweifel gewesen, ob ich der Sache gewachsen sein würde und ich nicht lieber zurückgehen sollte nach Breslau, obgleich ich dort ja ohne mein Zutun bei manchem Prediger als Indifferentist oder gar als Pietist verschrien bin! Er war weder das eine noch das andere, er hatte seine eigene, schwer errungene Sicht auf die Dinge, und wenn er sich etwas vorwerfen konnte, dann doch eher seinen Aberglauben, sein Münzenwerfen, sein Warten auf ein Zeichen Gottes. Allerdings war dies seiner eigenen Überzeugung nach die einzige Möglichkeit, seiner fatalen Entscheidungsschwäche irgendwie Herr zu werden oder ihr wenigstens etwas entgegenzusetzen, denn wie oft brannte er zunächst voller Überzeugung für die eine Sache und war bald schon für die andere entflammt. Das beste Beispiel dafür mochte wohl die Angelegenheit im Frühjahr eben dieses letzten Jahres gewesen sein, nicht lange nach Ostern, als er beim ersten Morgenschimmer und ganz plötzlich mit dem Gedanken aufwachte, wieder in sein Vaterland gehen zu müssen. Die Idee war einfach da gewesen, obwohl er noch am Abend vorher sich geschworen hatte, den Gerüchten um seine Person, die ihm seit ein paar Tagen immer wieder zugetragen wurden, zu trotzen. Und dann dies! Natürlich würde er noch für eine absehbare Zeit in Leipzig bleiben müssen, dennoch begann er schon, noch im Bett liegend, der Stadt und den Freunden nachzutrauern. In Tränen aufgelöst saß er schließlich auf seiner Stube, dachte nach über seinen Werdegang, seine Erlebnisse in dieser Stadt, seine Lehrtätigkeit an der Universität, besonders seine Predigtlehre und seine Moralkurse waren immer gut besucht, ja es wollte ihm bald scheinen, als könne dieser Entschluß nur Unglück auslösen. Trotzdem, und eben dies gab ihm zu denken, stellte sich die gegenteilige Entscheidung zum Bleiben nicht ein, dieser Gast blieb aus. So nahm er also seine Zuflucht zum Aberglauben wie zu einem Rettungsanker, denn es ist ja nichts anderes als ein solcher Aberglaube, wenn einer losmarschiert und auf ein Zeichen Gottes wartet, ohne dies gegenüber sich selbst wirklich zugeben zu wollen. Sich selbst in die Tasche zu lügen war also ganz sicher ein beliebtes Spielchen, das Adam Bernd mit Adam Bernd auszutragen pflegte, und so wischte er sich an diesem Morgen die Tränen ab, zog eine alte Perücke über und machte sich auf den Weg, noch einmal in aller Ruhe durch Leipzig gehen zu können, denn die Collegia begannen erst wieder nach Trinitatis, er hatte Zeit. Träfe er einen seiner Freunde, so würde er ihm seine Entscheidung, nach den Sommerkursen die Stadt zu verlassen, sofort ohne Zögern mitteilen, womit die Sache dann entschieden sei. Doch Adam traf an diesem Morgen niemanden, nur einmal sah er aus der Thomaskirche einen Mann heraustreten, der wohl sein guter Bekannter Gottfried Wagner, Ratsherr und Baumeister, hätte sein können, doch Adam beschleunigte seinen Schritt, denn was sollte Gottfried wohl am Morgen in der Thomaskirche zu schaffen haben? Als Adam ihn am Abend des selben Tages traf, fragte er ihn zwar um Rat, nicht aber, ob er am Morgen in der Kirche gewesen sei.

Ich bin also damals erstmal weiterspaziert, überlegte er weiter, kreuz und quer durch die Stadt, um schließlich zum Hallischen Tor über die Zugbrücke hinauszumarschieren. Eine Weile war er dann, tief in Gedanken um seinen Abschied versunken, durch kleine Ansiedlungen, Vorstädte und einige Gartenanlagen geschlendert, um schließlich einigermaßen erschöpft, hungrig und durstig durch das etwas schäbige Peters-Tor wieder ins Innere zu gelangen. Er mußte natürlich, das war er sich schuldig, noch einen Blick auf die Peters-Kirche werfen. Der Rat der Stadt hatte lange über Kreuz gelegen, wie es weitergehen solle mit dem alten Bau, der seit der Reformation alles mögliche gewesen war, nur kein Gotteshaus. Man konnte sich nicht einigen, ob hier allein eine Schule und Kirche für die Catechumenos und das einfache Volk einzurichten sei, oder aber, ob durch den Einbau von Kapellen es auch den vornehmen Leuten ermöglicht werden sollte, das Gotteshaus zu besuchen. Einige Monate war, wie er wußte, nichts geschehen, doch jetzt, Anfang des Jahres 1711, liefen Maurer und andere Handwerker wie angestochen herum, wie Adam überrascht feststellte. Aus dem Innern war einiger Lärm zu vernehmen. Die Fäuste in die Seiten gestemmt vor dem Bau stehend, dachte Adam nach, denn jetzt war er sicher, wirklich sicher, daß die Ausschreibung der Stelle des Katecheten und Predigers wieder offiziell gültig sein müsse, und natürlich auch, daß die Gerüchte über ihn, seine angebliche Unfähigkeit, ein Amt zu bekleiden, ganz gezielt gestreut worden waren. Tatsächlich war er monatelang wie erschlagen und oft bettlägerig gewesen und hatte dramatisch an Gewicht verloren. Nun aber ging es wieder aufwärts, wie jeder sehen konnte. Vor seiner Krankheit und noch vor Beginn der Bauarbeiten hatte man ihn ja immerhin schon in das zukünftige Amt gewählt, überlegte er jetzt, einem Bauarbeiter ausweichend, anderthalb Jahre war das nun her. Doch da er dann lange nichts gehört hatte, glaubte er schließlich, die Sache sei eingeschlafen und würde nicht mehr verfolgt, denn so etwas kam in Leipzig ziemlich häufig vor. Sich bloß keine übertriebenen Hoffnungen machen, dachte er, das war ohnehin alle Zeit das Gebot in dieser Stadt, wo Streit und Mißgunst an der Tagesordnung sind. Nun aber stand er vor dem Haupttor und sah all dem Trubel zu, jetzt, wo er doch den Beschluß gefaßt hatte, die Stadt bald zu verlassen. Ganz am anderen Ende, das konnte er durch die Türöffnung im trüben Licht erkennen, war nicht nur bereits ein Altar aufgebaut, sondern es schien sogar so, als seien Zimmerleute dabei, links von diesem die Kanzel zu errichten.

Über altes Tuch, das den Boden bedeckte, betrat er das Kirchenschiff. Jetzt sah er auch noch etliche weitere Handwerker in den Ecken und Nischen arbeiten. Einige setzten Scheiben in den Türen und Fenstern der Betstuben ein, derer je vier sich an den beiden Längsseiten im Erdgeschoß befanden, vier jeweils darüber liegende waren von der ersten Empore aus zu erreichen, dazu links und rechts vom Altar an jeder Seite zwei übereinander in einem Eckbau. Unglaublich, dachte Adam, daß die Kirche fast zweihundert Jahre als Kalkhütte, Waschhaus oder Kaserne benutzt worden war, und wie schön wäre es doch, hier Gottesdienste feiern zu können. Daß der Rat der Stadt sich nun endlich dazu durchgerungen hatte, die Arbeiten ausführen zu lassen, war ein gutes Zeichen. Wie genau der Beschluß lautete, würde er, aus reiner Neugierde, noch herausbringen müssen, bevor er Leipzig verließ. Vorsichtig ging er weiter. Die ersten Betstuben an der linken Seite, zur Stadt und den angebauten Häusern des Hutmachers, des Rohrmeisters und des Kupferschmieds hin, waren offensichtlich bereits vollständig hergerichtet. Selbst die Falltüren zu den darunterliegenden Grüften waren aufgearbeitet worden, stellte er, in eine Stube eintretend, überrascht fest. Es wäre ja schlichtweg, überlegte er, unmöglich, daß der Rat einen solchen Aufwand treibt, wenn er allein eine Katechismusschule und eine einfache Kirche plante.

Einem jungen Tischler, das lange blonde Haar zu einem Zopf gebunden, war indes der umhergehende Mann aufgefallen. Er stellte einen Fensterrahmen zur Seite und trat zu ihm in die Betstube. Die Türen zu den acht Grüften, begann er ungefragt, habe er allein aufgearbeitet und zwei sogar gänzlich neu gebaut als sein Gesellenstück. Den Gesellenbrief bekäme er an seinem Geburtstag, dem 6. Juni, da feiere er ein großes Fest! Da der junge Mann offensichtlich ein Lob erwartete, tat Adam ihm den Gefallen, worauf dieser über das ganze Gesicht strahlte. Ein offenbar fröhlicher Mensch, dachte Adam, ein Mensch, den man mit einem einfachen Lob glücklich machen kann. Er selbst begann sich unbehaglich zu fühlen und machte Anstalten, zu gehen. Die Grüfte, fuhr der Tischler dessen ungeachtet fort, sind übrigens voll mit allerhand Gerümpel, auch aufgesprungene Särgen mit Knochen finden sich, doch meistens sind dort unten nur alte Stühle oder zerbrochene Möbel und dergleichen. Es lohne kaum, hinunterzugehen, sagte er noch, und dann fragte er den skeptisch lächelnden Adam einfach und gewissermaßen ohne Vorwarnung, warum er hier sei, ob er einen bestimmten Grund habe, sich die Kirche anzusehen, ob er einfach neugierig sei oder etwas zu prüfen habe. Unschuldig wie ein Lamm sah ihn der Tischler aus wasserblauen Augen an, und wie sollte er auch ahnen, was eben diese Frage für Adam bedeutete. Ja, warum war er hier, das ist die Frage. Nun, sagte er zögerlich, fast gegen seinen Willen, er hörte sich gewissermaßen selbst zu, ich habe mich einstmals als Oberkatechet und Prediger für die Peters-Kirche beworben, war auch bereits im Herbst des Jahres 1709 gewählt worden, worauf dann aber nicht nur die Umbauarbeiten verschoben worden sind, sondern ich auch krank geworden bin. Das Gesicht des Tischlers spiegelte das von Adam Gesagte, wie dieser zu seiner Überraschung erkannte, exakt wider, er lächelte also glücklich bei der Erwähnung der Wahl, sah aber unmittelbar danach schon kreuzunglücklich aus, als Adam von seiner Krankheit sprach. Statt einer Bemerkung oder einer weiteren Frage, schloß der junge Mann, zu Adams Überraschung, die Tür zur Betstube und holte zwei Stühle aus der Ecke. Setzt euch doch, sagte er, offenbar davon ausgehend, hier wolle sich einer etwas von der Seele reden. Adam war einfach zu baff, um jetzt noch gehen zu können.

So saß Adam Bernd also mit einem jungen Handwerker in einer Betstube der Kirche, und wenn er auch dem jungen Mann natürlich nicht alles erzählte, so lebte er doch durch dessen Anteilnahme ein wenig auf. In dieser Stunde, die er mit ihm sprach, streute er sogar gelegentlich Geschehnisse in seine Rede ein, die ein Strahlen auf dem Gesicht seines Gegenübers auslösen mußten, denn das war ihm sehr angenehm, und als Adam schließlich dazu kam, von seinem nun beschlossenen Abschied aus Leipzig zu berichten, zeigte der junge Tischler seinen traurigsten Gesichtsausdruck, der sich erst ein wenig aufhellte, als Adam zugab, ein Zeichen Gottes könne den Entschluß noch rückgängig machen. Gut, sagte der Tischler, dann haben wir ja noch ein wenig Hoffnung, worauf er aufstand, die Tür öffnete und erklärte, nun müsse er aber wieder an die Arbeit, es sei noch einiges zu richten, bevor Meister Schwan käme, denn der sei zwar gerecht, aber auch streng.

Adam blieb zurück und saß noch ein Weilchen auf seinem Stuhl, während draußen im Kirchenschiff und auf den Emporen an allen Ecken und Enden gehämmert und gesägt, geredet und geflucht wurde. Sollte, fragte er sich, dieser Mann, dieses Gesicht ein Zeichen Gottes sein? Doch wohl eher nicht, entschied er. Endlich trat er aus der Stube heraus. Ein Handwerker stand eben in der schon fast fertiggestellten Kanzel, nur die äußere Verkleidung und die Treppe fehlten noch, und erläuterte mit einem anderen Mann eine technische Frage. Aber auch das war natürlich kein Zeichen, er spürte nichts, nur daß seine Entscheidung, nach Schlesien, nach Breslau zurückzukehren, die richtige sein mußte. Er würde die Kirche nun also verlassen. Gut zwölf Jahre war er in Leipzig gewesen, hatte studiert und viele Freunde gewonnen, schlimme Krisen durchlebt, war oft genug dem Tode näher gewesen als dem Leben, hatte gepredigt und geschrieben, sich um Anstellungen bemüht, schließlich jahraus, jahrein seine Kurse an der Universität gegeben, und nun würde sein Leben eben eine neue Wendung nehmen. Es war also entschieden! Noch einmal sah er sich um, der mit Tuch bedeckte Altar, die Kanzel, es soll nicht sein, dachte er, Gott will es nicht. Schon traten ihm die Tränen in die Augen. Er wandte sich um, damit niemand es sähe, nur hinaus, dachte er, er mußte fort von hier, und fast war er an der großen Türe, fast draußen im hellen Sonnenschein, an der Luft, als ihn plötzlich etwas festhielt, etwas sehr Kleines, etwas Unscheinbares. Er war mit dem Innenfutter seines Rocks an einem Nagel hängengeblieben. Schon kam ihm ein Arbeiter zur Hilfe, besah sich die Sache und versuchte sehr vorsichtig, um den Stoff nicht noch mehr zu beschädigen, ihn zu befreien. Um die Peinlichkeit zu lindern, denn die Angelegenheit dauerte eine Weile, versuchte Adam, mit dem Arbeiter und den Umstehenden ein wenig zu scherzen. Das, sagte er also, bedeutet ganz gewiß, ich werde in der Peters-Kirche hängen bleiben und Prediger darin werden, und obwohl die Umstehenden lachten und ihn sicher der Anmaßung zeihen würden, sobald er fort wäre, so war für Adam Bernd Scherz und Ernst doch denkbar nah beisammen. Von der Empore aus beobachtete der junge Tischler das Geschehen. Er strahlte über beide Ohren wie ein Honigkuchenpferd. Kurz trafen sich ihre Blicke.

So blieb Adam Bernd am Ende nichts anderes übrig als dies Hängenbleiben als ein Omen und Zeichen zu sehen und somit zumindest so lange in Leipzig zu bleiben, bis die Stelle des Oberkatecheten und Predigers tatsächlich vergeben ist. Das jedenfalls sagte er sich, als er endlich draußen stand auf dem Peterskirchhof. Ein Zeichen Gottes, nun ja, das sei es wohl nicht, erwiderte Gottfried Wagner, Ratsherr und Baumeister, am selben Abend auf Adams Frage und setzte ihm Rosinensuppe und Wein vor. Weder der junge Tischler und seine Grimassen noch das Hängenbleiben an dem Nagel hätten etwas mit Gottes Wille zu tun, das wüßte Adam wohl am besten. Aber ein Omen sei ein Omen, das sei eben Aberglaube, und der habe ja auch seinen Reiz. Er riet ihm also, den Lauf der Dinge abzuwarten, denn es seien bereits einige Kandidaten für das Amt abgewiesen worden, so daß immer mehr Ratsherren geneigt sind, die Wahl Adams zu erneuern. Das dürfe er ihm im Grunde nicht sagen, noch sei dies alles nicht offiziell, doch er solle einem erfahrenen Mann von bald sechzig Jahren nur vertrauen, und nun wolle man Wein trinken, auf die Gesundheit und auf alles Gute, das da kommen werde.

Am späten Abend des Tages, an dessen Morgen er seinen Abschied aus Leipzig beschlossen hatte, lag Adam Bernd nun also ziemlich betrunken und satt auf seinem Lager im Roten Collegio und grinste vor sich hin. Immer wieder mußte er an den jungen Tischler denken, dessen Anteilnahme so deutlich in seinem Gesicht abzulesen war. Mit Wagner hatte er sich nach der zweiten Kanne Wein die Scherze nur so an den Kopf geworfen, etwa die Vorstellung, man traktiere den armen Kerl mit Worten, die abwechselnd das Gute oder das Böse bedeuteten, so daß die Grimassen nur so über sein Antlitz liefen, als risse man einen Fensterladen auf, um das Sonnenlicht hereinzulassen, nur um ihn sofort wieder zuzuwerfen. Wäre nicht Wagners Ehefrau erschienen und hätte ihn einen alten Toren geschimpft, der sich aufführe wie ein betrunkener Student, so säßen sie sicher immer noch dort. Nun ja, dachte Adam, zur Sünde des Aberglaubens kommt so auch noch die Trunkenheit, und ich sollte nun erst recht mein Heil in Breslau suchen, doch was solls, so bleibe ich eben erst einmal in Leipzig, in Gottes Namen! Dann schläft er ein. Am anderen Morgen erwacht er mit schwerem Kopf und mit Selbstvorwürfen wegen des Trinkens, doch sein Entschluß war noch der selbe, nun eben doch jenes Amt anzustreben, das ihm ein gutes Auskommen und wohl auch einigen Zuspruch bringen könnte.

Ein gutes Jahr später, am neunundzwanzigsten Mai des Jahres 1712, dachte Adam also noch einmal über all dies nach. Am Ende, so überlegte er, hatte sich nun doch alles zum Besten gewendet, ich bin wirklich in der Peters-Kirche hängengeblieben, im wahrsten Sinne des Wortes. Er war tatsächlich hoffnungsfroh an diesem Morgen, er gestattete es sich nun ausdrücklich, und freute sich auf die Antrittspredigt, zu der er gleich, früher als notwendig, aufbrechen würde. Die letzten Vorbereitungen würde er dort verrichten. Heute beginnt ein neuer Abschnitt meines Lebens – eben diesen kurzen Satz schrieb er noch unter dem Datum des neunundzwanzigsten Mai Anno Domini 1712 auf ein Blatt Papier, bevor er sich guter Dinge auf den Weg hinüber zu seiner Kirche machte. Er konnte nicht ahnen, daß ein gewisser Heinrich Holzkötter, in Leipzig der Täubenfüßer oder Herr Daubenfuß gerufen, begierig darauf wartete, demjenigen endlich ins Gesicht sehen zu können, dem er Rache geschworen hatte und dem er das Leben zur Hölle machen würde, mochte da kommen was wolle.


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*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

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