Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman). Kapitel 15: Auf den ersten Blick

Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel fünfzehn:

 Auf den ersten Blick

Heinrichs Gedanken springen Bock, während er ruhelos auf seiner armseligen Stube hin und her geht. Adam Bernd ist hier in Leipzig, dachte er immer wieder, und wer weiß, wie lange schon! Nicht zu glauben! Doch seine Gedanken waren dann auch wieder plötzlich bei ganz anderen Dingen, etwa bei den schwangeren Mädchen, die ihm den Hintern hinhielten, worauf er sich seit jenem Vorfall mit der Kühnschen immer ganz schnell vom Acker machte, sicher ist sicher. Sonst aber hat sich kaum etwas geändert in der letzten Zeit, dachte er, denn er versah noch immer seinen Dienst als Lampenwächter und gelegentlich als Sänftenträger, wurde hier und da als Schreiber gebraucht, trank Tee, Kaffee, Wein und Bier, nicht selten auch Branntwein, fraß wie ein Scheunendrescher, ohne dick zu werden, spielte Karten und Billard, stritt sich und vertrug sich, ganz so wie jedermann. All dies war im einzelnen nicht der Rede wert, ganz im Gegensatz zu dem, was mit seinen Racheplänen zusammenhing, an denen er so lange Jahre wie zum Trotz festgehalten hatte, ohne dabei besonders häufig an Cara selbst zu denken, doch der Gedanke, daß jemand schuld sein müsse an ihrem Tod, so wie dieser durchreisende Edelmann die Schuld trug am Tod Annas damals auf dem Hof, der fuhr ihm ständig ins Hirn. Die ältere Anna hatte immer wieder voller Wut gesagt, man solle dem Hurensohn den Schwanz abschneiden, weil er Schuld auf sich geladen habe, das fiel ihm jetzt plötzlich ein, doch das wäre nur eine sehr einfache, wenn auch grausame Form der Rache. Damit wollte er nichts zu schaffen haben! Ich lese immerhin zwecks Belebung meiner Rachepläne nach wie vor nicht selten ganze Bücher und schreibe wichtige Passagen heraus, dachte er, und auch die Absicht, nach Breslau zu reisen und jenen Menschen zu suchen, der Caras Unglück gewesen war, hatte er ja bis heute morgen weiterverfolgt, denn irgendein Zufall, davon war er überzeugt gewesen, würde ihm eines Tages die Möglichkeit zur Reise verschaffen, so wie damals, als der Kaufmann Thorbecke von Schwerte aus nach Osten reiste. Der Zufall, oder Gottes Fügung, hatte die Reise nun überflüssig gemacht und ihm Adam Bernd vor die Nase gesetzt! Heute, in der Mittagsstunde, das stand fest, würde er ihn zum ersten Mal sehen. Er hatte noch zwei Stunden Zeit, sich darauf vorzubereiten.

Er konnte einfach nicht stillsitzen und lief weiter auf und ab. Längst vergessene Geschichten waren auf einmal wieder da, Knu, der in die Tiefe stürzt und sich das Genick bricht, Tine, die plötzlich über ihm gewesen ist, doch das waren eher undeutliche Bilder, wie überhaupt die Vergangenheit ihm oft nebulös, im wahrsten Sinne des Wortes schleierhaft erschien. Selbst seine Jahre in Leipzig nahmen häufig einen seltsamen Charakter an, dachte er darüber nach. Vieles aber lief inzwischen, vor allem seit der Verhaftung und der Hinrichtung von Jean, immerhin recht gut für ihn, bedachte man, unter welchen Umständen er aufgewachsen war. Ob der Allmächtige seine schützende Hand über ihn hielt? Manchmal sandte er sogar das ein oder andere Dankgebet zu Gott, so wie letztens erst, als er erfuhr, daß eine der Huren, mit der es vor nicht langer Zeit wegen des Preises zu Streitigkeiten und damit nicht zum Vollzug gekommen war, nicht nur Venus-Blattern hatte, denn die hatten sie alle, sondern mit Unterleibsfäule in einem dreckigen Winkel lag und wahrscheinlich verrecken würde. Wie oft traf es den Hurer wie die Hure! Am meisten Dank aber schuldete er Gott natürlich dafür, ausgerechnet Andreas Alberti auf diesem schäbigen Bauernhof bei Schwerte getroffen zu haben, denn ohne ihn wäre er Schweinehirt geblieben oder hätte sich als Soldat verdingen müssen. Fragte ihn heute jemand, welche Profession er ausübe, so sagte er stolz Schreiber, nicht etwa Lampenwächter. Er hatte ja durchaus den ein oder anderen Auftrag, wobei ihm auch sein gutes Gehör zugutekam, denn selbst in der größten Unruhe war es ihm möglich, ein Diktat aufzunehmen. Auch kleine Arbeiten, die er für den Bibliothekar verrichtete, meist das Abschreiben von Contracten, wurden recht gut entlohnt, nicht nur, weil er, bevor das Original unversehens verloren ging, kleine Änderungen vorzunehmen hatte, nein, er besaß auch eine schöne, gut lesbare Handschrift. Und da die gewissen anderen Dienste für besagten Herrn ihm seine eigene kleine Bibliothek verschafft hatten, konnte er sich fast als ein Bürger fühlen, wenn er auch wohl nie einer werden würde, jedenfalls nicht mit Brief und Siegel.

Heinrich bleibt abrupt stehen und fällt beinahe nach vorne über, denn plötzlich war das Bild in ihm aufgetaucht, wie er mit seinem Messer kleine Adam-Bernd-Figuren schnitzte, damals in der Stube des dritten Predigers, um ihnen dann die Köpfe abzubrechen. Er zog die mit Ranken und Blumen bunt bemalte Kiste, die er einmal günstig bei einem Bauern in Probstheida hatte erstehen können und in der er alle wichtigen Manuskripte und einige wenige Andenken aufbewahrte, hervor und nahm das Messer in die Hand; fast andächtig tat er das. Schnell fanden sich geeignete Stücke gut getrockneten Lindenholzes, Lignum Sacrum nannte es dieser Kerl aus Meißen, der damit Handel betrieb. Er hatte einmal ein kleines Spielzeug für einen Nachbarsjungen daraus machen wollen, jetzt würde es einen anderen Zweck erfüllen. Zielsicher fand er den richtigen Ansatz, und bald schon zeigte sich die Teufelsfratze. Cara hatte damals wohl kaum verstanden, krank und in anderen Umständen, was diese Figuren bedeuteten, und noch weniger, warum er sie zerbrach. Als er fertig war nahm er ein Stück Schmirgelpapier und gab seinem Teufelchen den letzten Schliff, machte aber gleich noch ein paar Figuren mehr, wo er schon einmal dabei war. Das gelungenste steckte er ein. Dann sah er noch einmal die Abschriften aus den Büchern durch, die sich mit der Sünde der Selbstentleibung, des Selbstersäufens, des Selbsterhängens und so weiter beschäftigten. Seiner Rache, sagte er sich, stand nun nichts mehr im Wege!

Dieser Gedanke belebte ihn, auch wenn er den eigentlichen, den tieferen Grund seiner Gefühle nicht würde bestimmen können, denn dafür, das sähe ein objektiver Beobachter, wenn es ihn denn gäbe, sofort, fehlte es ihm an Möglichkeiten. Wollte er wirklich Rache an Adam Bernd nehmen, weil der, wie Heinrich annehmen mußte, seine Schwester Cara geschwängert hatte? War es nicht eher so, daß er seine Schwester nicht so zurückbekommen hatte, wie er sich an sie erinnerte, als seine Beschützerin, die der Mutter entgegentrat und sie alle drei versorgte, ihn wärmte, mit ihm sprach und mit ihm spielte? Und dann war sie von den Teufeln nach Breslau gebracht worden, das hatte er noch verstanden, sie war fort und er mit der Mutter allein, bis Cara dann Jahre später unvermutet und schwanger wieder aufgetaucht war, darniederliegend und kaum ein Wort sprechend, eine Fremde. Nur einmal, ein einziges Mal, da hatten sie sich umarmt, dann aber nie wieder. Als sie nicht auffindbar war, da dachte er sofort, ja er war sicher, daß sie in die Ruhr gegangen ist, und bald nach ihrem Verschwinden, kaum war er wieder auf dem Hof, träumte ihm, er sei mitten in der Nacht in der Nähe eines Flusses, dessen Rauschen und Glucksen er zwar hören, den er aber nicht sehen konnte. Er stapfte mit einer Fackel in der Hand durch feuchte, tiefe Wiesen, kam indes kaum vorwärts, obwohl er es eilig hatte. Dann steckte er plötzlich fest, ja er sank langsam tiefer und tiefer ein. Er mußte um Hilfe rufen, das war ihm sofort klar, doch seine Kehle war wie zugeschnürt. Vielleicht aber würde ein nächtlicher Wanderer seine Fackel sehen, er reckte sie also in Höhe und schwenkte sie wild, und wirklich, bald schon näherte sich aus der Ferne ein Schatten aus einem dichten, schwarzen Nebel heraus. Als aber die Gestalt näherkommt, erkennt er den nackten, aufgequollenen, vor Nässe triefenden Leib einer Frau und den Kopf eines ungeborenen Kindes zwischen ihren Beinen. Das Kind sieht ihn aus klaren blauen Augen an, während die Frau auf ihn zugeht. Ihr Mund bebt, als würde sie seinen Namen rufen wollen, aber es ist nichts zu hören. Doch ist der Kopf da zwischen ihren Beinen nicht sein eigener, fragt er sich, ist nicht er selbst dieses Kind, das heraus will aus dem Leichnam der Mutter, dem Leichnam Caras, heraus aus dem wandelnden Tod? Da weiß er plötzlich, er muß dieses Kind befreien, trotz seines Entsetzens. Mit einem Schrei springt er vor, urplötzlich losgelöst, und wirft das Ungeheuer zu Boden, reißt ihm die Beine auseinander, packt den Kopf des Kindes und zieht, doch das Kind, der Kopf schreit, nein, nein, schreit der Kopf, immer wieder, dann eine letzte Anstrengung, jetzt muß es gelingen, denkt er, das Kind soll geboren sein, und endlich ist der Widerstand fort, das Kind ist gerettet, es lebt, es ist befreit, Heinrich ist unglaublich glücklich, es läuft ihm durch alle Glieder, er weiß nicht wohin mit seinem Glück. Doch dann erkennt er, daß er nur den Kopf des Kindes in Händen hält. Er erwachte schreiend und schweißgebadet. Ganz sicher war es dieser Traum, der in ihm den Plan auslöste, Rache zu üben.

Sein Schnitzfigürchen in der Tasche mit der Faust umschließend machte er sich auf den Weg. Schon auf dem Markt und dann in der Petersstraße bemerkt er, daß etwas anders ist als an anderen Sonntagen. Als er den ihm bekannten Schuhflicker George Bachfeldter trifft, fragt er, warum so ungewöhnlich viel Volk unterwegs sei. Überrascht blickt dieser ihn an. Ob er denn nicht wüßte, der bekannte und beliebte Prediger Adam Bernd halte seine erste Predigt in der neu eingeweihten Peters-Kirche. Daraufhin klappt Heinrich einfach zusammen, Bachfeldter kann ihn gerade eben noch auffangen. Ein paar Ohrfeigen reichen aber, ihn wieder zu beleben. Der bekannte und beliebte Prediger Adam Bernd, stammelt Heinrich, und der Schuhflicker ist sich nicht sicher, ob das Antlitz des Anderen eher Freude oder Entsetzen ausdrückt, am ehesten trifft wohl beides zu, und dann nimmt er Heinrich einfach mit, denn er will keinesfalls zu spät kommen. Am Eingang der Kirche hatte sich bereits ein dichtes Menschenknäul gebildet, und sowohl aus ihrer Richtung als auch vom direkt neben der Kirche liegenden Peters-Tor aus strömten viele weitere Gläubige heran. So etwas hatte Heinrich beileibe nicht erwartet. Schon die Bemerkung Georges hatte ihn überrascht wie selten etwas im Leben, denn wie konnte es sein, daß er nichts gehört hatte von Adam Bernd, wenn dieser doch so bekannt und zudem beliebt sein soll? So hätte er ihn doch all die Jahre schon ohne weiteres sehen und treffen können! Und nun war da auch noch dieser Andrang, der alle Vorstellungen sprengte. Schnell war man mitten in der Menge und wurde, ohne noch etwas tun zu müssen, zum Eingang hin und schließlich in die Kirche hineingepreßt. Freudige Erregung war überall zu spüren, und als Heinrich und George in der Kirche sind, sehen sie, daß sie schon fast voll ist und die Menschen dicht gedrängt bis zum Altar hin stehen. Die Kanzel aber, auf die alle starren, ist noch leer. Bachfeldter drängt, Heinrich mitziehend, sofort nach vorne, denn er müsse, sagt er, möglichst nah bei der Kanzel stehen, sonst könne er den Prediger nicht recht sehen. Heinrichs Herz schlug ihm bis in den Hals, daß es schmerzte.

Zur gleichen Zeit sitzt der Oberkatechet und Prediger der Peters-Kirche, Adam Bernd, nicht weit entfernt auf dem Abort des Kupferschmieds. Erst gestern hatte er noch einmal eindringlich darauf hingewiesen, daß der Locus in der Stunde vor der Predigt frei sein müsse. Das Gemurmel aus der Kirche war bis hierher zu hören, doch auch das sorgte nicht für den nötigen Anstoß, der aber dringend nötig war, um das Geschäft jetzt verrichten zu können. Tagelang hatte er Durchfall gehabt, davor aber wochenlang unter Verstopfung gelitten und seiner Hämorrhoiden wegen kaum sitzen können. Doch nun, wenn es raus mußte, wollte es wieder nicht, und die Angst, mitten in der Predigt hinunterstürzen zu müssen, es womöglich nicht mehr rechtzeitig zu schaffen, war übergroß. Er würde zum Gespött der Leute werden. Wieder war ein lautes Grummeln, wie vor einem Gewitter, aus seinem Magen zu hören, die Säfte spielten verrückt, und wieder drückte er mit den Fingerspitzen auf seinem Bauch herum, ohne Erfolg. Was tun? Schon als ihm Bürgermeister Winckler am 27. Dezember des letzten Jahres mitgeteilt hatte, er sei zum neuen Prediger gewählt worden, war ihm das auf den Magen geschlagen, und am Tag der Ordination hatte er Durchfall gehabt wie noch nie. Da aber war er wenigstens pünktlich an Ort und Stelle gewesen, um im Consistorio den Religionseid abzulegen, der ihm dann auch wieder schwere Sorgen bereitete, weil er nun mal eher an die Wiedervereinigung der Kirche glaubte und eben nicht an die alleinige Rechtmäßigkeit der lutheranischen Sache. An all dies dachte er im Moment, während das Gemurmel aus der Kirche immer lauter und lauter zu werden schien, und dann hieb er sich die Faust in den Magen, einmal, zweimal, dreimal, und jetzt, jetzt mußte es doch geschehen! Er konnte doch schlecht Gott bitten, es mußte doch möglich sein, das Opus naturae jetzt zu verrichten, aber es wollte einfach nicht hinaus. Es war zum Verzweifeln.

Die Menschen in der Kirche standen inzwischen so eng, das niemand sich rühren konnte. Direkt vor Heinrich hatte sich sogar noch eine Magd geschoben, obwohl da eigentlich kein Platz gewesen war. Selbst auf den Emporen, wohin all die Baugeräte, Holz und Steine gebracht worden waren, denn die Arbeiten waren längst nicht abgeschlossen, standen viele und sprachen in freudiger Erwartung miteinander. Nicht wenige unter ihnen hatten Adam Bernd bereits in anderen Kirchen predigen gehört, er galt als Freund des gemeinen Volkes, der gut und eindringlich sprach und auch seine Exempel gut auswählte. Natürlich ahnte niemand, daß der Prediger nicht weit von ihnen entfernt in völliger Verzweiflung im Scheißhaus hockte und nicht aus noch ein wußte. Er dachte nicht nur, wie so oft, daß er nun endgültig an der roten Ruhr erkrankt sei und bald sterben müsse, sondern sogar an jene Schnecke, die er als Kind einmal in sich gewähnt hatte, ein übler Scherz seines Bruders Johann! Fast mußte er trotz aufkommender Panik lächeln bei dem Gedanken, welche Ängste er damals ausgestanden hatte, doch das war nichts gewesen gegen seine heutige Angst! Jetzt hörte er Schritte näherkommen, sicher wollte man ihm sagen, es sei an der Zeit, zaghaftes Klopfen, er bat noch um einige Minuten, die Schritte entfernten sich wieder, und dann steckte er sich einfach, ohne weiter zu überlegen, den Mittelfinger in den Hintern, so tief es ging, drehte ihn hin und her, zog ihn heraus, steckte ihn wieder hinein, immer wieder und immer wieder, und siehe da, plötzlich schoß es unversehens nur so aus ihm heraus in die Tiefe der Grube. Schnell wischte er sich ab, eilte hinaus und bat den Kupferschmied um Seife, eine Schale mit Wasser und ein Tuch. Dann versuchte er, noch einen Moment zu meditieren, um dann endlich in die Kirche zu treten und die wenigen Stufen zur Kanzel gemessenen Schrittes hinaufzugehen. Das Gemurmel im Kirchenschiff erstarb augenblicklich, doch als er eben beginnen wollte zu sprechen, da sank nicht weit von der Kanzel entfernt ein Mann ohnmächtig zu Boden, oder vielmehr, er blieb einfach zwischen all den Leibern stecken. Es war niemand anders als Heinrich, dem die Sinne schwanden. Der Schuhflicker, mit dem er gekommen war und der nun hinter ihm stand, packte ihn aber sofort unter den Achseln und schüttelte ihn, so gut es ging, das junge Mädchen vor ihm fächelte ihm mit ihrer Haube Luft zu, bis er wieder zu Bewußtsein kam. Adam Bernd, der die Szene aufmerksam beobachtete, nickte Heinrich schließlich freundlich und aufmunternd zu und begann dann mit seiner Predigt.

Heinrich rang, die rechte Faust um sein Schnitzfigürchen geballt, mühsam nach Luft, während ihn immer noch alle Augenblicke der fast zärtliche, sorgenvolle Blick des Predigers streifte. Er senkte jedesmal unwillkürlich den Kopf, starrte den Prediger dann aber sofort wieder an. Langsam klarer werdend erwog er sogar die Möglichkeit, Mörder, Hurensohn oder dergleichen zu rufen, und vielleicht hätte er es getan, wenn er den Menschen dort oben nicht im selben Moment erkannt hätte. Wieder durchfuhr es ihn wie ein Schlag, wieder spürte er die Knie weich werden und dann die Hände unter seinen Achseln. Natürlich, ja! Das war der Mann, der vor langer Zeit, vor sicher über zehn Jahren, in einem Wirtshaus schlichtend an den Tisch getreten war, als er mit Jean, dem Schwein herumstritt. Ja, das ist er, das ist der Mann, dachte er verwirrt, ohne Zweifel, derjenige, mit dem er dann sogar später eines dieser öffentlichen Scheißhäuser besucht hatte! Er hatte Adam Bernd also bereits kennengelernt, damals schon! Er erinnerte sich jetzt, als sei es gestern gewesen, er sieht jenes in ein totes Ende der Gasse gezimmerte provisorische Häuschen von der Größe eines Ziegenstalls geradezu vor sich. Es hatte nicht weniger als drei Verschläge gehabt, zwei davon waren dreisitzig, während der mittlere Verschlag zwei Personen aufnahm. Auf Türen war verzichtet worden, weil die Öffnungen kaum zwei Schritte von der Stadtmauer entfernt lagen. Wie lange das her war! Wie aus einem Nebel tauchte das damalige Geschehen nun auf, er kann sich plötzlich an alles erinnern, ja er sieht drei Männer ohne Eile auf diesen Abort zugehen, so als stünde er an einem Fenster oder auf der Stadtmauer und beobachte alles, nicht zuletzt auch sich selbst. Einer der drei war jedenfalls ein älterer, vornehm wirkender Herr mit einem prächtigen, federgeschmückten Hut, der allerdings mitsamt seinem Träger deutlich hin und her schwankte, während wenige Meter hinter ihm zwei Gestalten zu sehen sind, die sich rege unterhalten. Das muß einer meiner ersten Spitzelaufträge gewesen sein, überlegte Heinrich, nun völlig weggetreten, denn schon damals wurden nicht selten Bürger der Stadt verwiesen, wenn man ihnen heimliche Treffen mit hallenser Pietisten nachweisen konnte. Ich habe, dachte er, im Laufe der Zeit so manchen Hinweis gegeben, gegen gutes Geld oder die eine oder andere Annehmlichkeit. Daß er aber damals mit diesem Kerl dort hingegangen war, das war leichtsinnig gewesen, ein Anfängerfehler, denn hatte der nicht genau mitbekommen, was er tat? Warum aber hatte er nicht nach dessen Namen gefragt, das hätte er doch unbedingt tun sollen, denn dann wäre der Kerl jetzt nicht Prediger, sondern tot oder doch wenigstens im Narrenhaus!

Ein gleichzeitiges Aufseufzen vieler Menschen riß ihn aus seinen Gedanken. Heinrich hatte, im Gegensatz zu all den Menschen um ihn herum, bisher nicht eine Silbe von dem mitbekommen, was sein erklärter, nur wenige Schritte entfernter Feind sprach, jetzt, mehr als ein Jahrzehnt nach dieser seltsamen Begebenheit von damals. Nach und nach jedoch drangen die Worte, zunächst wie aus weiter Ferne, an sein Ohr, dann endlich, unversehens, als sei eine Tür aufgerissen worden, vernahm er deutlich die Rede des Menschen, den er zu zerdrücken meinte in seiner Faust. Und können wir, hörte Heinrich also, da nicht mit gutem Recht ausrufen: Siehe da eine Hütte Gottes bei den Menschen, und er wird unter ihnen wohnen? Und wollt ihr, meine Lieben, mein ganzes Urteil kurz und gut von diesem neuen Gotteshause, in welchem jetzt die erste Predigt soll gehalten werden, hören, so rufe ich jedem unter euch zu: Siehe da eine Hütte Gottes bei den Menschen, und er wird unter ihnen wohnen. Der Prediger legte eine Pause ein und sah in die Menge der ergriffen Lauschenden, die, so erschien es Heinrich jedenfalls, nun tief und langsam ein- und ausatmeten, so dasß bald das ganze Kirchenschiff selbst zu atmen schien. Ich heiße diesen Ort, fuhr Adam Bernd schließlich fort, gerne eine Hütte, denn zuvor war dieses Haus, wie ihr wißt, auch eine Hütte, aber eine elende Kalk- und Walchhütte. Und sehet, diese geringe, verachtete und verworfene Kalkhütte ist nun durch eine seelige Verwandlung zu einer Hütte Gottes geworden. Wenn ich aber dieses Haus eine Hütte Gottes nenne, so ist das nicht so absolut, schlechthin und ohne alle Bedingung anzunehmen und zu verstehen; denn soll dieser Ort eine Hütte Gottes sein, soll Gott hier wohnen, so kommt es darauf an, ob unsere Herzen auch Gottes Hütten sind, oder ob wir wenigstens, wenn sie es noch nicht sind, doch den Sinn haben, daß wir unsere Herzen Gott zu einer Wohnung einräumen, und dasjenige werden wollen, was wir noch nicht sind!

Adam Bernd sprach weich und eindringlich. Heinrich hatte gelegentlich Predigten gehört und kannte den Ton anderer Prediger, denen die Gläubigen aus Furcht an den Lippen hingen. Hier jedoch lächelten viele und nickten zustimmend mit den Köpfen, ja es schien sich eine selige Stimmung breitzumachen. Alle waren überaus aufmerksam und vergaßen offenbar all die Umstände, die Enge und die schlechte Luft. Doch dann geschah etwas, von allen offenbar unbemerkt, nur von Heinrich nicht, denn die Magd vor ihm, die kleine Rothaarige, die ihm zuvor Luft zugefächelt hatte, hockte sich nun direkt vor ihn hin und pinkelte auf den Boden, so leise sie konnte. Er aber hörte es. Die Lust schoß ihm unmittelbar in die Eingeweide, sein Schwanz wurde augenblicklich stocksteif, und als das Mädchen sich dann vorsichtig wieder aufrichtete, mußte sie wohl die kleine aber prägnante Veränderung in ihrem Rücken bemerkt haben, und das reizte nun sie, wenn auch nicht zu wollüstigen Gedanken, doch zu Schabernack. Nicht nur, daß sie jetzt ihren Hintern sanft gegen Heinrichs Unterleib drückte, nein, das Luder mußte auch noch in eine leichte, kaum merkliche rhythmische Unterleibsschwingung verfallen, die es dem armen Heinrich unmöglich machte, seiner Erregung auf unspektakuläre Art und Weise ein Ende zu machen, etwa indem er an etwas Banales wie Geldsorgen dachte. Dennoch, er hielt an sich, ja versuchte sogar, der Predigt zu folgen, auch wenn sein Unterleib glühte und pochte wie selten, ja wie nie zuvor. Das war doch unglaublich, dachte er, so eine Hure! Als er seine Aufmerksamkeit nun aber endlich ein wenig der Predigt zuwenden konnte, sah er den Blick Adam Bernds wieder auf sich gerichtet, nicht mit Sorge dieses Mal, sondern mit Groll oder Zorn, so jedenfalls dachte Heinrich, während das Mädchen die kreisenden Bewegungen nun mit leichten Stößen garnierte, die ihm vollends den Verstand rauben mußten, es war nur noch eine Frage der Zeit. Der Prediger erhob indes seine Stimme zu einer Mahnung, die der Täubenfüßer wohl hörte, ja die ihm allein zu gelten schien, denn Adam Bernd sprach jetzt eindringlich und rief laut ins Kirchenschiff, ein frecher Hurer macht sich kein Gewissen aus der ersten Pfütze zu saufen, die er antrifft, da seinen Durst zu löschen und seine Huren-Begierden zu sättigen! Gott läßt es geschehen, da ein anderer, der Gott fürchtet, und sich nicht in Gefahr begeben will, die ewige Seligkeit zu verscherzen, so lange er lebt, sich nur mit demjenigen Brunnen vergnügen und zu Frieden sein muß, aus welchem ihm Gott und die gesunde Vernunft zu trinken erlauben. Als sei dies eine Aufforderung, diesem Gedanken sogleich zuwider zu handeln, preßte das Mädchen sich stärker gegen ihn, vollführte wieder manchen leichten Stoß, bis sie schließlich nach hinten, nach seinen Händen langte und die rechte in ihren Schoß und die linke, die das Teufelsfigürchen fest umklammerte, an ihre Brust drückte. Da war es um den armen Heinrich geschehen, es schoß aus ihm heraus. Ein Stöhnen entrang sich ihm, er zuckte drei oder vier Mal, der Prediger unterbrach sich und ein Jeder suchte die Ursache dieses Lautes zu ergründen. Bachfeldter aber, der eine neuerliche Ohnmacht befürchtete, griff Heinrich geistesgegenwärtig unter die Arme und schüttelte ihn.

Den Rest der Predigt, die bald fortgesetzt werden konnte, denn der arme kranke Mann stand schon wieder fest auf seinen Beinen, wie Adam Bernd feststellte, mußte Heinrich mit einem nassen Fleck überstehen. Das Mädchen wandte nur einmal kurz den Kopf und sagte mit einem feinen Lächeln etwas auf französisch. Täubenfüßer verstand so etwas wie odeur, pilier und plaisir, mehr nicht, denn sein bißchen Französisch war denkbar schlecht, und außerdem pochte nun nicht mehr sein Unterleib, sondern sein Schädel, in dem allerlei Gedanken sich bestürmten, ja ihm fiel sogar ein Vers ein, so soll der Purpur deiner Lippen, jetzt meiner Freiheit Bahre sein? Soll an den korallinen Klippen mein Mast nur darum laufen ein, daß er an statt dem süßen Lande, auf deinem schönen Munde strande, doch er wußte im Augenblick partout nicht, wo er ihn herhaben mochte. Erst gegen Ende des ersten Teils der Antrittspredigt seines Feindes Adam Bernd hellte sich sein Verstand wieder ein wenig auf. Das Votum, mit fester Stimme ins Kirchenschiff gesprochen, bekam er sogar voll und ganz mit: Liebster Jesu, wir sind hier / Dich und dein Wort anzuhören / Lenke Sinnen und Begier / Zu den süßen Himmelslehren / Daß die Herzen von der Erden / Ganz zu dir gezogen werden.

Ein Murmeln ging durch die Menge, ein Aufseufzen, doch Heinrichs Gedanken waren weniger mit den süßen Himmelslehren beschäftigt als mit einer Art Scham, die er sonst nicht an sich kannte und die, darüber hatte er einmal etwas gelesen und sich gemerkt, Folge aller Begierde war, seit Gott dem Menschen den eigenen Willen aufgenötigt hatte, seit Eva als die treibende Kraft das Paradies aufgab, indem sie tat, was sie wollte. Auch über den Willen des Menschen hatte Heinrich durchaus nachgedacht, angeregt durch Streitschriften, die er immer wieder in die Hände bekam. Er besaß durchaus so viel Verstand und Einsicht, um zu begreifen, daß die von den hiesigen Orthodoxen bekämpften Pietisten eine Rückgewinnung des Paradieses anstrebten, indem sie alle Begierden und damit auch den Willen abzutöten versuchten. Eine Wiedergeburt zu Lebzeiten, das war ihr Ziel, und wenn er solche Gestalten zu belauschen gehabt hatte, so merkte er sich so genau wie nur irgend möglich, wie sie dies anstellen wollten. Allerdings würde die Rückgewinnung des Paradieses das Ende des eigenen Willens bedeuten, obwohl sie doch durch ihn diesen Zustand zu erreichen trachteten! War das nicht, dachte Heinrich oft, ein Widerspruch? Allerdings hatte ihn nie jemand danach gefragt, was diese Leute so sagten, er sollte nur, denn wer war er schon, bezeugen, wer sich mit wem traf. Als Zeuge war einer wie Heinrich nicht viel wert, und daß er begriff, um was es ging, glaubte ohnehin niemand. All dies, der freie Wille, die Wiedergeburt und das Himmelreich, ging ihm jetzt durch den Kopf, während er mit durchnäßter Hose und mit dem Geruch seiner Verfehlung in der Nase, der Predigt zu folgen versuchte und das Mädchen vor ihm stocksteif dastand und offensichtlich vermied, ihn zu berühren, sie, die das Malheur doch erst ausgelöst hatte.

Etwas weiter vorne, fast direkt unter der Kanzel, mußte abermals jemand in Ohnmacht gefallen sein, die Predigt wurde wieder unterbrochen, ja man trug wohl eine ältere Frau, wild zuckend und mit Schaum vor dem Mund, hinaus, das jedenfalls konnte Heinrich aus den Gesprächen der Umstehenden heraushören. Das Mädchen vor ihm, die Hure, sprach mit einer Magd in eigentümlichem Deutsch ebenfalls von der Angelegenheit, es gäbe doch einige hier in der Peters-Kirche, die zu Zuckungen neigten, sagte sie lachend, doch die Angesprochene lachte nicht mit, denn was sollte daran schon komisch sein. Dann drehte sich die kleine Hexe auch noch zu Heinrich um, die Blicke trafen sich, sie lachte ihn an, doch auch er wollte, was Wunder, nicht mitlachen. Langsam wurde ihm kalt, unten herum.

Je länger die Predigt dauerte, desto erschöpfter wirkte Adam Bernd, ja man glaubte ihn vor den Augen seiner neuen Gemeinde rapide altern zu sehen. Zu Beginn hatte er aufrechtstehend freudig gesprochen, nun aber stand er gebückt, den Kopf vorgereckt, so als drücke die Last der Sünden und Verfehlungen, von denen er sprach, ihn nieder, als leide er für alle, die ein gottloses Leben führten. Die freundliche und sanfte Stimme hatte nun etwas Knarziges, tief aus dem Rachen kommendes, selbst wenn er vom neuen Menschen sprach, den es zu schaffen gelte, denn ein Jeder, sagte er, könne ein solcher werden, enthalte er sich nur der Sünden. Doch dann, nach einer kleinen Pause, ganz plötzlich, wie aus der Haut fahrend, donnerte der Prediger mit neuer Kraft geradezu hinaus: Ihr Unfläter und Hurer, rief er, was wollt ihr denn im Himmel machen, wenn ihr euren verhurten Sinn behaltet? Wenn gleich im Himmel der christliche Ehestand noch währete wie auf Erden, und die Menschen da, wie hier, freieten und sich freien ließen, welches doch nicht sein wird, so würdet ihr daran doch schlechtes Vergnügen haben und schlechtes Gefallen tragen an dieser Ordnung Gottes, denn sie hat euch in dieser Welt nicht angestanden, deswegen ihr nicht leiden können, wenn man eure unbändige Fleischeslust so enge einschränken wollen! Alles erstarrte, Adam Bernd stand wieder aufrecht, und da trafen sich die Blicke des Gottesmannes und Heinrichs, der dieses Mal den Blick nicht senkte, sondern standhielt, innerlich bebend, doch äußerlich ruhig. Sekunden später wandte der Prediger sich mit einem schmerzlichen Lächeln wieder der Gemeinde zu. Ihr Lieben, begann er sanft, und ein erlösendes Schaudern lief durch die Zuhörerschaft.

Schien es Heinrich nur so, oder wiederholte sich dieses Schaudern nun jedes Mal, wenn der Prediger seine Stimme hob und sie dann wieder senkte, wenn er die Hölle im Mund führte, um dann wieder den Himmel in Aussicht zu stellen? Hier und da stöhnte ein Mensch sogar inbrünstig auf, ja es waren offensichtlich immer mehr Gläubige mächtig ergriffen von den Worten, die mal sanft, mal donnernd von der Kanzel aus in ihr Gemüt drangen. Vom neuen Menschen sprach Adam Bernd nun, der ein jeder zu Lebzeiten werden müsse, um ins Himmelreich zu gelangen, um dort in Freuden leben zu können! Plötzlich fiel Heinrich ein, daß ihm Jean, das Schwein, erzählt hatte, daß er mehr als einmal nur einen hiesigen Theologen durch eine Hintertür in ein bestimmtes Wirtshaus eingelassen habe, und eines Abends hatte ihm Jean dann sogar, ihn am Ärmel zupfend, zugeraunt, das ist er, der Hinkende, mein lieber Täubenfüßer, der da eben nach oben eilt, ein Pfaffe, wie er im Buche steht! Jean sprach danach immer vom Prediger Hinkefuß, der auch sonst noch in vielen Dingen seine Finger drin habe, erinnerte sich Heinrich, so als sei dieser ein gemeinsamer Bekannter. Sollte nun dieser Vermummte damals jener gewesen sein, der jetzt dort oben vom neuen Menschen sprach? Was für eine Idee! Konnte das sein? Hinkte Adam Bernd etwa, wie der leibhaftige Deibel? Hatte er zwischenzeitlich einen Unfall erlitten, so wie er selbst damals auf dem Bauernhof, er erinnerte sich gut an die Heilung mit dem toten Hund, nur mit schlechterem Ausgang? Diesmal schwanden Heinrich nicht die Sinne, er war klar wie selten. Dies, das Wissen um solche Schandtaten, wäre jedenfalls eine gute Möglichkeit, seinen Feind zum Wahnsinn zu treiben! Ach wie töricht und unglückselig ist doch der Mensch, rief Bernd in eben diesem Augenblick, als Heinrich sich an den hinkenden Mann erinnerte, der die Welt wie seinen Gott liebt! Im Tode muß er sie verlassen, die Liebe aber der Welt und die Begierden sterben nicht mit, diese schleppt er in jene Welt, er denkt, er kann ohne sie nicht glückselig sein, alles andere däucht ihn nichts, wenn er dieses nicht haben und genießen soll, was er liebt. Doch die Liebe zur Welt bedeutet dem neuen Menschen nichts, wenn er ins Himmelreich eingeht, wo die Liebe Gottes ihm alles ist. Wieder dieses Schaudern, dieses Beben im Kirchenschiff.

Lächelnd betrachtet Heinrich den Prediger. Es wäre sicher um vieles einfacher, dachte er, einen Gottesmann, der schwer sündigte, in den Irrsinn zu treiben, als einem Unbescholtenen die Furcht vor dem Selbstmord einzugeben. Ohnehin, das wußte er aus mancher Schrift, waren es ja immer die Schäfchen der Pfarrer und nicht diese selber, die sich erhängten und ersäuften und manchesmal erdolchten. Doch ein Prediger in einem neuen Amt, der vor Angst verging, als ein Hurer entdeckt zu werden, würde der sich nicht doch ins Wasser stürzen oder in die Tiefe? Was will er denn im Himmel machen, hörte er jetzt die donnernde Stimme des Predigers, da keine solche fleischliche Freude wie auf der Welt zu finden, die er allein geliebt, und außer derselben sonst nichts. Ihr Wollüstigen, der Bauch, die Bier-, die Weinkanne, die Speisekarte ist euer Gott, ohne diese Dinge leben däucht Euch eine rechte Hölle zu sein! Wie wird euch dann der Himmel anstehen? Im Himmel ist kein Kaffee, Tee noch Schokolade, ohne die ihr keinen Morgen und Mittag wißt zuzubringen, kein Weinkeller ist auch nicht drinnen zu finden, und auch kein Brantweinhaus! Ernst und eindringlich blickte der Prediger seine Gemeinde an, sieht auch hinauf zu den Emporen, doch noch bevor er wieder ansetzt, treffen sich die Blicke Heinrichs des Täubenfüßers und der seine abermals. Warum nur, denkt Adam Bernd, schaut dieser Mensch so freudig, während alle anderen reumütig sind? Er nickt ihm kurz zu, dann spricht er weiter, doch ist da nicht eine kleine Unsicherheit in der Stimme, ein Zweifel, die Angst vielleicht, nicht aufrichtig zu sprechen? So jedenfalls will es Heinrich scheinen, bis ganz zum Ende der Predigt, das da lautet:

Welt, Ade, ich bin dein müde,

Ich will nach dem Himmel zu,

Da wird seyn der rechte Friede,

und die ewig stolze Ruh:

Welt, bey dir ist nichts denn Streit,

Nichts als lauter Eitelkeit;

In dem Himmel allezeit

Friede, Freud und Seligkeit, Amen.

Eine große Stille tritt ein, dann verlassen die Menschen die Kirche langsam und fast wie betäubt. Draußen auf dem Peterskirchhof reckt Heinrich den Hals und sieht sich um, die kleine Hure ist jedoch nicht zu sehen. Der würde er was erzählen, dieser Hexe! Bachfeldter hatte sich von ihm mit einem Nicken verabschiedet und war davongeeilt, doch viele Kirchgänger blieben noch und standen in Gruppen herum. Alle sprechen wild durcheinander, jeder fällt dem anderen ins Wort, obgleich doch alle dasselbe zu sagen haben, wie Heinrich schnell feststellt. Im Grunde ist es fast so, als könne es der ein oder andere gar nicht erwarten, in den Himmel zu kommen, um sein von Sünde unbeflecktes Leben dort fortzusetzen, ohne all die irdischen Anfechtungen. Manch einer wiederholt auch das Schlußwort der Predigt und wippt dabei von den Ferse auf die Fußspitze und wieder zurück, doch die meisten verhaspeln sich, so daß sich Heinrich nicht zurückhalten kann und an eine Gruppe vornehmer Herren mit prächtigen Perücken herantritt, es war also nicht nur Volk in der Kirche gewesen, um es richtig aufzusagen. Welt, Ade, ich bin dein müde, begann Heinrich also ebenso salbungsvoll wie der Prediger zuvor, bis er dann leise das Amen sagt. Die Herren bedanken sich, den seltsamen Menschen scheel anblickend. Einer gibt Heinrich ein Geldstück.

Während sich die Menge langsam zerstreut, bemühen sich der Kupferschmied und dessen Frau um den armen Prediger, der mit Magenkrämpfen in der Sacristei liegt. Nichts wollte helfen, erst eine Wärmeflasche brachte nach einer ganzen Weile ein wenig Linderung. Bürgermeister Winckler und einige Stadträte, die dem neuen Prediger gratulieren wollten, mußten unverrichteter Dinge wieder abziehen. Einer der Herren wies noch einmal auf seine schon vor zwei Jahren geäußerte Sorge hin, Adam Bernd sei zu labil für ein solches Amt. Der Prediger selbst machte sich im selben Augenblick auch so seine Gedanken, er fragte sich, wie um Gottes Willen ein einziger Mensch ihn so in Mark und Bein treffen konnte, einfach nur indem er lächelte, während die gesamte Gemeinde tief ergriffen war. Das Bild ging ihm nicht aus dem Kopf. Der selbe Kerl, der ganz zu Beginn ohne ersichtlichen Grund in Ohnmacht gefallen war, schien plötzlich heiter zu sein, als sei ihm eine Last von der Seele genommen worden, grad in dem Augenblick, als alle anderen aufstöhnten vor Sorge um ihr Seelenheil. Und dann dieser Blick! Die Art und Weise, wie er ihn angesehen hatte! Zu allem Unglück kam auch noch hinzu, daß ihm dieser Mensch bekannt vorkam, er mußte ihm irgendwo schon einmal begegnet sein, und sicher nicht unter angenehmen Umständen. Der Kupferschmied brachte einen Aufguß von Sassafraß. Trinkt das, sagte er, das nimmt die bösen Gedanken von Euch.

Aus dem Innern der Peters-Kirche war ein Poltern, lautes Rumoren und sogar mancher Fluch zu hören. Die Handwerker, die wohl alle der Predigt beigewohnt hatten, richteten die Arbeitsgeräte für den morgigen Montag her. Nur ein einziger, ein junger Tischler, stand draußen in einer Nische zwischen den angebauten Wohnhäusern. Ganz nah bei ihm, Heinrich, der mitten auf dem Platz stand, traf fast der Schlag, stand das junge Mädchen, diese kleine Hure. Die Haube hatte sie abgenommen und ihr Haar gelöst, das ihr leuchtend rot über die Schultern rann. Sie nestelte mit gespielter Verschämtheit an den Hosen des Tischlers herum, so als täten ihre Hände das von ganz alleine, ein noch ganz junger Kerl mit langem Zopf war das, dessen Wangen glühten, während sein Leib gespannt war wie ein Bogen. Bis später, sagte sie mehrmals mit ihrem eigentümlichen Tonfall, vielleicht bis später, dann ging sie davon, ziemlich nah an Heinrich vorbei, den sie mit einem kurzen Blick streifte, der ihm durch und durch ging. Die Weiber sind sich alle gleich, dachte er wütend, während er ihr hinterher sah, in jedem Loch ein Teufel, eine Schlampampe ist schlimmer als die andere. Doch ein wenig neidisch war er schon auf diesen Kerl dort, der jetzt mit stolzgeschwellter Brust und immer noch glühend in der Kirche verschwand.

Stunden später, es dämmerte bereits, übergab der Torwächter am Peters-Tor seiner Ablösung einen Brief mit Anweisungen, wie zu verfahren sei mit einem Mann, der in der Nacht heimlich die Stadt zu verlassen habe. Dann wies er noch mit einem Recken des Kinns in Richtung Peterskirchhof, dort sei ein Wahnwitziger, der seit Stunden über den Platz humpelte, hin und her und dann wieder her und zurück, er müsse nur um die Ecke gehen, dann könne er ihn sehen. Nun, wenn’s nicht der Teufel persönlich ist, lachte der eine, während der andere sich auf den Weg in die Schenke machte. Adam Bernd saß derweil, nachdem er eine Weile geschlafen hatte, noch beim Kupferschmied und ließ es sich schmecken. Es ging ihm besser, viel besser, der Schlaf hatte ihn wieder zu einem Menschen gemacht, ja er trank sogar einen Kaffee und sagte auch nicht nein zu einem Stück Kuchen. Auch als der Kupferschmied seinen besten Wein kredenzte, mußte sich der neue Prediger nicht lange bitten lassen. Zwar dachte er noch immer an jenen Menschen, der ihn so scheel angestarrt hatte, doch ging er nun davon aus, daß dieser ein Verrückter sein müsse, von denen es in einer Stadt wie Leipzig immer einige gab. Das mußte man in einem öffentlichen Amt auszuhalten wissen. Nach einem letzten Gläschen macht er sich dann endlich, es war bereits dunkel, auf den Weg zu seiner Wohnung, die zum Glück, dachte er, ja nur wenige Schritte entfernt ist. Die Frau des Kupferschmieds hilft ihm hoch. Er schwankt ein wenig, als er sich seinen schwarzen Umhang umwirft. Dann weht ihm der frische Wind um die Ohren. Jetzt bloß nüchtern erscheinen, sagt er sich, das ist wichtig, und dann sieht er auch schon, daß auf der anderen Seite des Platzes ein Mensch hin und her geht durch den fahlen Lichtschein einer Laterne, hin und her und her und hin. Seltsam, denkt er, das ist doch kein Stadtsoldat, und dann zählt er unwillkürlich die Schritte, es sind jeweils vierundzwanzig von der Laterne aus, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig, dann dreht der Kerl wieder um, wird wieder deutlich sichtbar, verschwindet wieder fast in der Dunkelheit, wendet, taucht wieder auf, und so weiter und so weiter. Das muß auch so ein Verrückter sein, denkt Adam nach einer Weile, ein humpelnder Wahnwitziger, und wäre ich nicht berauscht, so würde ich der Torwache Bescheid geben, doch in drei Teufels Namen, soll er doch tun, was ihm beliebt! Das denkt Adam Bernd. Doch dann geht er direkt auf den Kerl zu, so als stünde er unter einem fremden Willen. Lag das an seiner Trunkenheit, war es eine Verführung des Teufels oder ist es ein Fingerzeig Gottes gewesen? Darüber hat Adam später oft nachgedacht. Jedenfalls gesellte er sich zu dem Auf- und Abschreitenden, ging einfach neben ihm her, ja begann sogar wie dieser zu humpeln, wenn auch mit dem anderen Fuß. Der Torwächter, der sich eben aus dem Blauen Engel eine Kanne Bier geholt hatte, sah kurz zu, ebenso der ein oder andere Passant, doch obgleich die Angelegenheit äußerst absonderlich war, so blieb doch niemand lange stehen, ja ein jeder vergaß dieses Bild, kaum war er um die nächste Ecke gebogen, so daß folgerichtig auch niemand einem anderen etwas von der Sache erzählte. Heinrich jedenfalls, denn er war es, der diese seltsame Wanderung tat, glaubte zunächst, der Teufel habe sich ihm zur Seite gesellt. Er hatte niemanden herankommen sehen, niemanden gehört, ja er hatte schon lange nichts mehr wahrgenommen außer dem Rhythmus seiner Schritte, mit denen er sich gewissermaßen selbst einlullte. Daß er humpelte, weil er auf Adam Bernd wartete, um zu ergründen, ob dieser es tue, das war ja sein Gedanke während der Predigt gewesen, bemerkte er dabei nicht. Endlich, nachdem er mit seinem Doppelgänger etliche Male hin und her gegangen war, traute er sich, zur Seite zu blicken. Er sah in das Antlitz seines Feindes, der sich ihm im selben Moment zuwandte, worauf Heinrich stolperte und der Länge nach hinschlug. Ich helfe euch, sagte Adam Bernd, und ehe Heinrich eine abwehrende Geste auch nur in Erwägung ziehen konnte, hatte der Prediger ihn ergriffen und wieder auf die Beine gestellt, als sei er leicht wie eine Feder. So standen sie sich also auf dem nächtlichen Peterskirchhof gegenüber, Heinrich, dessen Rache allein Adam Bernd galt und eben dieser, der zuerst nur einen armen, verwirrten Mann vor sich wähnte, dann aber im trüben Licht der Laterne jenen erkannte, der noch vor dem Beginn der Predigt in Ohnmacht gefallen und später in Zuckungen geraten war, um später dann recht heiter zu wirken, als alle anderen ergriffen waren von seinen Worten. Doch mit Braten, Kuchen, Kaffee und Wein im Bauch läßt sich Unbill wesentlich besser ertragen, und überhaupt, was hatte dieser Mensch schon anderes getan als zu lächeln. Nun, Freund, wer seid ihr? Ich habe euch in der Peters-Kirche während meiner Predigt gesehen. Ihr wart einige Male unwohl, so schien mir? Adam ging zum Angriff über, und das gelang in der Regel nun mal mit Freundlichkeit am besten. Man nennt mich Heinrich, den Täubenfüßer, oder auch Herrn Daubenfuß, brachte der Angesprochene so grade eben noch heraus, dann fühlte er seine Knie weich werden. Wie oft wollte er an diesem Tag noch zusammenklappen? Aber auch dieses Mal erholte er sich schnell, doch richtig zu sich kam er erst wieder, als er in einer fremden Stube auf einem Stuhl saß. Aus einer Kammer nebenan war ein Rumoren zu hören und von draußen das Gurren der Tauben. Dann stand der Prediger plötzlich mit einem Becher vor ihm, ein Aufguß von Sassafras, keine Frage. Erzählt ein wenig von Euch, begann er freundlich, sich zu seinem Gast setzend. Heinrich nahm einen kleinen Schluck. Er mußte Zeit gewinnen. Wartete er nicht seit, er mußte überlegen, ja, seit über anderthalb Dekaden auf diesen Augenblick? Da wollte er natürlich nichts Falsches tun oder sagen. Für einen kurzen Moment, es war wie ein Aufflackern, schoß ihm der Gedanke durch seinen Hirnkasten, sein Gegenüber sofort anzugehen, sich als Bruder Caras zu offenbaren, ihren Tod dem Prediger, der so viele schöne Worte machte, aufzuerlegen, ihm vorzuwerfen, er und kein anderer habe ihn verschuldet, und das wisse er, Heinrich, bereits sehr lange. Doch er sagte nichts dergleichen, nein, denn er hatte ja seinen Plan, nur daß ihm dieser im Moment kaum präsent war. Nun, sagte er endlich, ich bin Schreiber und Lampenwächter, manches Mal auch Sänftenträger gewesen, doch es ist die Schreiberei, die meine Berufung ist.

Adam war schon auf dem Peterskirchhof aufgefallen, daß der Andere die Fingerspitzen der rechten Hand krampfhaft gegeneinandergepreßt hatte, während die linke zu einer Faust geballt war. Manche, die unter der Folter gewesen waren, das sah man nicht selten, verkrampften oft beide Hände in ganz alltäglichen Situationen. Schreiber seid ihr also, begann Adam jetzt vorsichtig, nun gut, ja, wie soll ich sagen, ich benötige oft einen solchen, er wies auf das Stehpult und den Wust an Papieren in einer offenstehenden Kiste vor dem Bücherbord, wenn ihr mir also bei dieser Gelegenheit eine kleine Probe Eurer Kunst geben würdet! Natürlich nur, wenn ihr Euch dazu in der Lage fühlt. Heinrich nickte, trat ohne ein Wort und ohne den Prediger anzusehen an das Pult, nahm den Deckel vom Tintenfaß und suchte mit sicherer Hand eine gute Feder aus, starrte dann aber auf seine linke Hand, die noch immer zur Faust geballt war, so als habe er sie noch nie gesehen. Adam, der zwei Schritte hinter ihm steht, bekommt es mit der Angst zu tun, mein Gott, denkt er, ich habe einen Wahnsinnigen mit in meine Wohnung genommen, wer wird mir helfen, wenn er mich anfällt, was tue ich nur, und da öffnet der Verrückte auch schon die Faust, ganz langsam, worauf ein kleines, blutrotes Stück Holz zu Boden fällt. Ich stehe zu Eurer Verfügung, sagt Heinrich, und da ist es an Adam Bernd, fast in Ohnmacht zu fallen. Die Handfläche dieses Täubenfüßers aufgerissen, blutig ist sie, zu Boden tropft dunkles, fast schwarzes Blut.

Was tue ich hier nur, denkt Heinrich wenig später, ein sauberes Tuch um die Linke gewickelt, während der Prediger, auf- und abgehend, diktiert. Er humpelt nicht. Auch Adam fragt sich, was vor sich geht, jetzt, wo er sich zusammengerissen hat. Der Brief ist wichtig, ja, aber er würde ihn normalerweise selbst schreiben, so wie er alle wichtigen Briefe selbst schrieb, eine nochmalige Danksagung an den Rat der Stadt und den Bürgermeister, vor allem aber eine Versicherung, er sei sich gewiß, das Amt des Katecheten und des Predigers bewältigen zu können. Warum diktierte er ihn nun aber diesem Täubenfüßer, oder Herrn Daubenfuß, einem, wie er fand, linkischen Kerl? Und dann diese Sache mit der kleinen Schnitzfigur, die immer noch dort auf dem Boden lag, bald hatte er sie als Teufelsfigürchen erkannt, was sollte die bedeuten? Sicher hatte sie dieser Daubenfuß schon stundenlang fest umschlossen mit sich herumgetragen. Aus Breslau kannte er den Aberglauben der Papisten, den Teufel und alle Götzen und Dämonen zu bannen, indem man nur fest die Hand darum schloß. Manch ein prächtiges Chorgestühl wies auf den Lehnen Fratzen, Schlangen und Dämonen auf, was auch immer. Sollte diese Figur hier den Teufel bannen, indem man ihn fest umschlossen mit in ein Gotteshaus brachte? Adam betrachtete den Brief, den Täubenfüßer ihm reichte. Er war sauber und richtig geschrieben, ein paar Eigenheiten fielen zwar auf, doch man konnte ihn ohne Bedenken zum Rat der Stadt schicken. Adam nickte Täubenfüßer zu. Nun sollte er ihm wohl ein paar Worte sagen, einen Obolus in die Hand drücken, den Brief unterschreiben und versiegeln und gleich durch ihn selbst zum Rathaus schicken, nicht zuletzt, um den Kerl loszuwerden. Nun gut, sagte er stattdessen nach einer Weile, ohne sein Gegenüber recht anzublicken, ich gebe euch Bescheid, wenn Schreibarbeit zu verrichten ist. Heinrich nickte, verzog aber keine Miene, bedankte sich und ging.

In der nahen Peters-Kirche zeigte indes der junge Tischler der hübschen Französin, derjenigen, die ihn nach der Antrittspredigt angesprochen hatte, in der dunklen Kirche mit pochendem Herzen eine der Betstuben. Mit der Laterne beleuchtete er die von ihm selbst gebaute Falltür zur Gruft und erzählte ihr aufgeregt, daß er allein und kein anderer es fertiggebracht habe, den Prediger Adam Bernd an diese Kirche zu binden, einfach indem er einen Nagel einschlug. Wie genau das vonstattengegangen sei, würde er ihr heute noch in der Schenke erzählen, wenn sie einverstanden wäre. Dann versuchte er sie zu küssen, doch sie wich lachend aus. Nicht hier, sagte sie dann ernst und wies auf den Eingang zur Gruft, das bringt Unglück. Wenigstens ihren Namen verriet sie ihm diesmal, Monique, und er solle nur bei Johann Chantin im Goldhahngäßchen nach ihr suchen, später am Abend. Dann nahm sie ihm die Laterne aus der Hand und lief durch die leere Kirche hinaus und war verschwunden.

In der selben Minute betrachtete Adam Bernd das blutige Figürchen, ja er nahm es sogar in die Hand, wenn auch mit einem gewissen Schaudern. Der Leib war nur angedeutet, die Fratze jedoch um so deutlicher als die des Teufels herausgearbeitet, so wie das gemeine Volk sich diesen vorzustellen pflegt, das frivole Maul, der Spitzbart, die große Nase, die Hörner eher stumpf wie die eines Widders, nach hinten gebogen, die Augen stechend und böse. Er fragte sich, ob Heinrich selbst es geschnitzt hatte, oder ob so etwas zu kaufen ist, denn das war in Leipzig durchaus nicht ausgeschlossen, bei all dem Volk hier. Den Brief schrieb er noch einmal ab, versiegelte ihn und gab ihn zusammen mit einer Tüte Rosinen als Belohnung einem Nachbarsjungen, der ihn gleich morgen früh zum Rathaus zu einem bestimmten Dienstmann bringen sollte, der dort Tag und Nacht anzutreffen war. Wieder auf seiner Stube dachte Adam über diesen Täubenfüßer nach, diesen Herrn Daubenfuß. Vor seinem geistigen Auge erschien seine Gestalt, leicht gebeugt am Stehpult, aufmerksam schreibend, ohne auch nur ein Mal nachzufragen. Im Grunde wünschte er sich, ihn nie wieder zu sehen, doch letzten Endes bin ich, sagte er sich, selber schuld, denn sicher würde der Kerl immer noch den Peterskirchhof auf und ab humpeln, hätte ich mich ihm nicht zugesellt. Er mußte lachen, als er sich dieses Bild vorstellte, ja hatte er nicht sogar selbst zu humpeln begonnen, wie der Deibel persönlich! Und dann war da auch noch diese Ahnung, ihn bereits einmal gesehen zu haben, vor langer Zeit wahrscheinlich.

Täubenfüßer scheucht, mit letzter Kraft hat er sich die Treppe hinaufgeschleppt, seinen Stubengenossen hinaus ins Freie und wirft sich auf das Lager aus altem Stroh und ranzigen Decken. Sein Herz rast wie wild, wieder bricht ihm der kalte Schweiß aus. Nichts mehr ist wie zuvor, ja es scheint ihm absolut unglaublich, daß noch gestern Abend, ja sogar am frühen Morgen des selben Tages sein Leben ein vollkommen anderes gewesen ist, bis zu dem Augenblick, als ihm Gott oder der Teufel dieses Flugblatt vor die Füße legte. Ich habe, sagte er immer wieder zu sich, Adam Bernd gefunden. Ich habe ihn gefunden! Nun endlich hatte dieser Name ein Gesicht, einen Leib, es gab ein Haus, in dem dieser Mensch wohnte, eine Kirche, in der er predigte. Nicht auszudenken, er wäre nach Breslau gereist, während Adam Bernd hier in Leipzig ein berühmter Mann ist! Er sprang wieder auf, er mußte seinen Plan verbessern, jetzt, wo er seinen Feind gefunden hatte! Und hatte dieser nicht gesagt, er wolle sich bei ihm melden, wenn er ihn als Schreiber benötigte? Ha! Die Mühe wollte er ihm abnehmen, er würde ihm nicht mehr von der Pelle rücken, nie wieder, bis er ihn genau da haben würde, wo er ihn haben wollte! Das stand fest, das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Heinrich begann auf und ab zu gehen, humpelnd, ohne es zu bemerken. Wie sollte er nun beginnen? Zunächst wäre es sicher das Beste, überlegte er, das Vertrauen des Priesters zu gewinnen – gut möglich, daß dann so einiges ans Tageslicht käme. Er erinnerte sich an eine Schrift, die er vollständig abgeschrieben hatte, das war ihm die Sache wert gewesen, doch wo fand sich diese verfluchte Abschrift jetzt, das war die Frage. Selten im Leben war er so aufgeregt gewesen. Er durchwühlte all seine Papiere, und tatsächlich, da lag sie. Gründlicher und wahrhaftiger Bericht von Johann Balthasar Kelterborns Leben und jämmerlichen Ende, das beste Exempel für einen lebensmüden Menschen, das er über die Jahre gefunden hatte. Wieder und wieder hatte er sich darin vertieft, den Kelterborn bei seinem Niedergang begleitet, ihn seines ungelenken Versuchs wegen, sich mit dem Messer zu entleiben, bemitleidet, dann aber keines mehr empfunden, als der Melancholiker nackt und bloß, seine Kleidung und den Degen hatte er fein säuberlich ans Ufer gelegt, ins Wasser ging – da konnte jener Pfaffe, der den Bericht verfaßt hatte, Wineker geheißen, schreiben wie und was er wollte, eine Verwirrung des Verstandes behaupten oder den Teufel bemühen, der sich im Herzen seines Opfers festgesetzt haben mußte. Die Krux an der ganzen Sache war allerdings, daß in diesem Fall wieder nicht der Priester Selbstmord begangen hatte, sondern sein Schützling. Also würde ihm die Schrift womöglich nichts nützen, das war zu befürchten, denn davon, daß dieser Wineker selbst Angst hatte, sich umzubringen, war natürlich wieder einmal nicht die Rede. Wer gibt so etwas schon zu? Außerdem wußte Heinrich zu wenig über Adam Bernd! Doch er hatte nun lange, sehr, sehr lange gewartet, da kam es jetzt auf ein paar Tage oder auch Wochen schließlich nicht an.

Er überlegte also – jener Kelterborn hatte seine Frau verloren, war schließlich der Melancholie verfallen, allen Lebensmutes verlustig gegangen, und am Ende hatte nicht einmal die Fürsorge des Predigers Wineker die Selbsttötung verhindern können. So gut das Exempel auch sein mochte, die Frage, ob der Selbstmörder auch Ängste ausgestanden hatte, weil die Selbsttötung eine Sünde ist, war ungeklärt geblieben, und außerdem, Heinrich las sich wieder fest, litt der Arme an Einsamkeit, und das traf auf Adam Bernd nicht zu, würde er mal annehmen. Ihn also doch konfrontieren mit der Wahrheit und die Schriften Schriften sein lassen? Ihn schuldig sprechen am Tod Caras? So ausgefeilt war sein Plan wohl doch nicht gewesen, wenn er jetzt nicht einmal wußte, wie er beginnen sollte. Sein Stubengenosse polterte plötzlich mit einem Weibsstück herein. Als sie Heinrich sah, versuchte sie sofort, wieder zu verschwinden, doch dieser machte ohne ein Wort Platz und ging hinaus.

Die Gasse lag wie ausgestorben da, kein Mensch war zu sehen. Es mußte bereits spät sein, da blieb nur noch so mancher Hintereingang einer Schenke. Am nächsten lag der Goldene Hahn im Goldhahngäßchen, nicht weit von der Nikolaikirche. Dort hatte er immer Kredit, eine Hand wusch die andere, doch war dies auch der Ort, wo er bei einer Generalvisitation im Dezember des vorletzten Jahres nur knapp einer Festnahme entgangen war, als am frühen Morgen die Landmiliz das Haus gestürmt hatte. Das arme Mädchen, mit dem er zusammengelegen hatte, eine Göre aus Berlin, die noch viel lernen mußte, wurde wie so viele andere aufs Rathaus gebracht. Zum Glück wußte sie seinen Namen nicht. Gute zwei Stunden hatte er eingeklemmt hinter einer Wandverkleidung gehockt und war dann durch den Keller verschwunden. Tagelang noch plagte er sich beim Dienst mit Schmerzen in Beinen und Schultern, doch immerhin blieb er so städtischer Lampenwächter, und das war besser als nichts. Die Stadt war für Wochen allerdings wie durch die Sintflut gereinigt gewesen, und natürlich verlangten die wenigen Huren, die nicht gefunden und in Haft gebracht worden waren, Unsummen und waren mit Versprechen nicht mehr zu ködern. Nun ja, dachte Heinrich, es würde nicht gerade heute, nachdem er ziemlich lange nicht dort gewesen war, wieder dazu kommen. Und ein kleines Hürchen, wenn auch nie wieder eine Schwangere, da war er weiß Gott geheilt, müßte dort doch wohl aufzutreiben sein, zur Feier des Tages.

Johann Chantin öffnete ihm auf sein Klopfen hin persönlich die Tür, wie immer ohne ein Wort. Es roch nach Kohlsuppe, nach schlechtem Tabak und Branntwein. Musiziert wurde nicht. Das am Tage offene, sogenannte Branntweingewölbe war mit Brettern zur Gasse hin verschlossen und lag im Dunkeln, alles schien sich in der angrenzenden kleinen Schankstube versammelt zu haben. Der Wirt ging voraus, verschwand dann aber die Treppe hoch, Heinrich kannte das, um bald schon mit einem kleinen Fäßchen zurückzukommen, das er allein für sich und besondere Gäste unter seinem Bett aufbewahrte. Und Heinrich war ein besonderer Gast, nicht nur wegen der Kundschaft, die er manches Mal herbeibrachte, allein der Bibliothekar ließ ordentliches Geld hier, wenn er ein Schäferstündchen mit der Frau Chantins verbrachte, sondern auch wegen der Seelenverwandtschaft, die sie beide ohne Zweifel verband. Trotzdem war sich Heinrich nicht sicher, ob er Johann die Sache mit Adam Bernd erzählen sollte. Noch bevor das erste Glas gelehrt war, kam er zu der Überzeugung, es vielleicht besser sein zu lassen. Wahrscheinlich würde Heinrich ihm aber die Sache mit der Hure in der Peters-Kirche durchaus erzählt haben, denn das war letztlich, mit trockener Hose, doch ausnehmend komisch, wenn er nicht, kaum saßen sie im hintersten Winkel, kaum hatte der Wirt den Korken aus dem Faß gezogen, das Weibsbild entdeckte hätte. Wie klein doch die Welt ist! Sie stand in einer Ecke mit dem selben Kerl, diesem Tischler zusammen, mit dem er sie heute auf dem Peterskirchhof gesehen hatte. Wieder nestelte sie an seinen Hosen herum, der Arme war knallrot, und auch Heinrich spürte, wie sein Gemächt anschwoll. Da hilft diesmal nur Saufen, dachte er und wandte sich seinem Gegenüber zu. Der Wirt hatte wie immer einiges zu berichten, sie hatten sich ja auch eine ganze Weile nicht gesehen, während Heinrich nur halbe Sätze und das ein oder andere Nicken und Lachen beisteuerte.

Eine gute Stunde später umfaßte die Gesellschaft kaum noch zwei Dutzend mehr oder weniger seltsamer Gestalten, darunter vier Frauen. Man trank und sprach miteinander, stritt auch mitunter, ohne daß der Wirt auch nur mit der Wimper gezuckt hätte. Notfalls, das wußten alle, schlug er die Kontrahenten nieder und verfrachtete sie ins Freie. Daß aber jetzt noch, zu so später Stunde, gleich vier Frauen hier unten waren, gefiel Chantin keineswegs, denn so verdiente er nichts. Auch diese Monique benötigte diesmal einige Zeit, obwohl dem jungen Kerl fast die Hosen platzten, von seinem Kopf mal ganz abgesehen. Einige Male hatte er bereits versucht, ihr Zeichen zu machen, doch sie reagierte nicht. Wenn die Hure sich hier verlieben wollte, das müßte ihr klar sein, schmiß er sie raus. Turteln sollten die Beiden woanders, es wurde Zeit, daß sie das Bengelchen bei der Hand und mit nach oben nahm, ihm die Taler aus dem Beutel zu leiern.

Auch Heinrich sah immer wieder zu dem Rotschopf, sie beachtete ihn absolut nicht, und dem Tischler, die sich jetzt ganz in die Nähe an einen frei gewordenen Tisch setzten und, die Hände ineinander, verliebt anlispelten. Heinrich verstand jedes Wort des Geflüsters, es war langweilig, noch langweiliger als das Gerede seines Gegenübers über anzubahnende Geschäfte, bis er dann aber plötzlich die Ohren spitzte. Du kennst ja nun auch die ganze Geschichte, Monique, hörte er den jungen Tischler sagen, und weißt, daß wirklich ich es war, der diesen Adam Bernd zum Prediger der Peters-Kirche gemacht hat! Ich und kein anderer hat dafür gesorgt, daß er buchstäblich in ihr hängen blieb. Sie lachte ihm kopfschüttelnd ins Gesicht, denn sie glaubte ihm nach wie vor kein Wort, da konnte er seine Heldentat noch so oft erzählen. Sie hatte immer noch ausgesprochen gute Laune, ja seit sie das erste Mal in dieser Schenke war, um sich den Chantins anzudienen, das dürfte jetzt gut ein Vierteljahr her sein, hatte sie sich nicht so gut amüsiert, ach was, amüsiert, sie war richtiggehend verliebt in diesen kleinen Tischler! Mit jedem anderen wäre sie längst schon oben gewesen, hätte den Rock gehoben, ihm einen geblasen oder den Hintern versohlt, völlig gleich, aber mit diesem hier war es etwas Besonderes – sie hatte auch schon einen Plan.

Heinrich wußte nicht recht, was er davon halten sollte, ob er es denn verwenden könnte gegen seinen Feind. Wahrscheinlich eher nicht, dachte er, denn was sollte das heißen, Adam Bernd sei wegen des Tischlers buchstäblich hängen geblieben? Als er vom Pinkeln aus dem Hof zurückkam, sah er Monique und ihren Schwarm statt die Treppe hinauf in den Keller hinunter verschwinden. Johann sagte er nichts davon und ließ sich noch ein Glas einschenken. Eine halbe Stunde später, nach einem wirklich letzten Schluck, verließ er die Schenke, denn nach einer Hure war ihm ohnehin nicht mehr zumute.

Es war weder kalt noch feucht im Keller, sehr zur Überraschung Gregors; so hieß der junge Tischler. Monique ging mit einer Kerze voraus. Ein großes Lager guten Weines, auf Flaschen gezogen, wolle sie ihm zeigen, der Kretschmar ahnt natürlich nicht, sagte sie lachend, daß sie davon wisse. Sie habe vor drei Wochen mit einer Freundin, auch aus dem Hause, fast einen ganzen Tag hier verbracht, als alles zu einer Hinrichtung gelaufen war. Drei Flaschen habe man dann selbst zur Feier des Tages geköpft, oder waren es vier gewesen? Sie gingen einen langen Gang entlang, dann hörte er einen Schlüssel im Schloß knirschen, ein paar Schritte eine Treppe hinunter, und schon stand man, soweit er erkennen konnte, in einem geräumigen Raum, der wahrscheinlich, das dachte sich Gregor sofort, zum Nachbarhaus gehören mußte.

Zur selben Stunde wälzt sich Adam Bernd schlaflos hin und her, trotz des Spazierganges, den er, sich zu beruhigen, noch gemacht hatte. Wie lange nur habe ich auf diesen Tag gewartet, dachte er immer wieder, wie lange nur, endlich hatte er ein Amt inne, doch nun wollte die Freude über seinen Erfolg einfach nicht kommen. All das Hoffen, jahrelang, die Mühen des Schreibens und des Unterrichtens, all die kleinen und großen Krankheiten, die Ängste, die er hat ausstehen müssen, all dies war nun immerhin ja nicht vergebens gewesen! Und die Gemeinde hatte heute wirklich an seinen Lippen gehangen, selbst die sonst immer frech plappernden vornehmen Herren waren still gewesen – doch das einzige, das nun immer wieder vor seinem geistigen Auge erschien, war jenes Gesicht, das Starren und dann das Lächeln dieses Heinrich Daubenfuß. Wer war dieser Kerl? Was wollte er von ihm? Hatte er, auf- und abgehend, auf ihn gewartet, Stunde um Stunde – um was zu tun? Nun, zunächst mal war er wieder in Ohnmacht gefallen, wie bereits mehrmals während der Predigt, und dann eine Weile wie benommen und kaum ansprechbar gewesen. Sollte das vielleicht nur gespielt, Betrug gewesen sein, um sich ihm als Schreiber vorstellen zu können? Kaum denkbar, überlegte Adam, doch möglich war natürlich alles. Wäre er mir einfach vor die Füße gelaufen, überlegte er weiter, hätte ich ihn sicher nicht lange angehört, denn da konnte ja jeder kommen. Allein schon diese Art, sein Gegenüber frech und kalt anzusehen, als sei er auf Streit aus, als müsse ein falsches Wort, ein falscher Blick zu Handgreiflichkeiten führen, war schwer zu ertragen. Ja, das war es, dieser Täubenfüßer schien auf Streit aus zu sein! Doch das konnte er jetzt nicht klären, beschloß er, zur rechten Zeit aber würde er sich dann schon zu wehren wissen, und über diesem Gedanken beruhigte er sich endlich, schon war der Schlaf nahe. Plötzlich aber, wie ein Blitz in einen Baum einschlägt, stand ihm ein Bild vor Augen, ganz als sei er eben dort: ein Gasthaus, ewig mußte das her sein, in dem er eine Mahlzeit einnimmt, während am Nebentisch sich Streit anbahnt. Ja, das war es! Er war an den Tisch getreten und hatte die beiden Männer zu Ruhe und Eintracht gemahnt, einen saufenden dicken und einen feisten, frechen und wie ein Scheunendrescher fressenden Kerl, und mit eben diesem war er später noch in so einem öffentlichen Scheißhaus gewesen. Eine peinliche Sache, auch jetzt noch durchfuhr ihn ein Schaudern. Das mußte zehn oder mehr Jahre her sein! Er warf die Bettdecke zur Seite, schwang sich aus dem Bett und trat zum Fenster. Unten in der Gasse war niemand, doch würde es ihn gewundert haben, wenn er dort einen Täubenfüßer hätte auf und ab humpeln sehen? Adam rückte sein Stehpult ans Fenster und entzündete eine kleine Lampe. Dann suchte er einen passenden Gänsekiel. Irgendjemand hatte ihm Schreibfedern für Linkshänder angedreht, und die standen nun mit den anderen zusammen in der Vase. Endlich fand er eine passende und schnitt sie zurecht. Er würde versuchen, die Idee war ihm eben gekommen, das Gesicht dieses Kerls zu zeichnen, so etwas konnte helfen, hatte er mal gehört, sich nicht von einer schlimmen Fresse unterkriegen zu lassen. Zunächst versuchte er, die kleinen, verkniffenen Äuglein hinzubekommen, schon das machte ihm Schwierigkeiten, er war nie gut gewesen in der Zeichenkunst, dann die Nase, die zu groß, der Mund, der zu klein geriet, selbst die Form des Kinns wollte nicht gelingen. Er knüllte das Blatt zusammen und nahm ein neues. Er versuchte erneut, sich dieses Gesicht vorzustellen, dieses feiste, freche Gesicht, als sein Blick auf das am Rand des Pults liegende Teufelsfigürchen fiel. Er nahm es in die linke Hand und hielt es ins Licht. Wenn er die Hörner wegließ, überlegte er, dann war da durchaus eine gewisse Ähnlichkeit, so daß am Ende womöglich das Antlitz Heinrichs erscheinen müßte. Oder? Wenn nur überhaupt seine Zeichenkünste ausreichten. Nun denn, sagte er sich, probieren wir es aus.

Abwechselnd tranken Monique und Gregor Weißwein aus einer Flasche ohne Aufschrift. Ihm war ein wenig mulmig zumute, denn er war zum ersten Mal im Goldenen Hahn, und schon drang er heimlich mit einer Frau in den Weinkeller ein und besoff sich. In einer Woche würde er seinen Gesellenbrief bekommen, doch wenn er zuvor als saufender Einbrecher erwischt würde, wäre es Essig damit, das war ihm klar. Monique jedenfalls schien bereits leidlich betrunken zu sein und kümmerte sich nicht um irgendwelche Einwände seinerseits. Sobald es im Haus ruhig sei, das erklärte sie ernsthaft wie ein Advokat, wollte sie ihn mit auf ihre Stube nehmen, oben über der Gastwirtschaft. Der Weinkeller hatte zwei Türen, eine kleine, durch die sie eingetreten waren, und eine große, zweiflügelige, die in den Hof führte, von dem aus man über eine Stiege zu ihrer Kammer käme. Gregor überlegte, ob er Monique nicht mit zu sich nehmen sollte, doch das wäre wohl auch keine gute Idee, nicht nur weil seine Stube direkt neben dem geheimen Ort lag und es dort oft stank, sondern auch, weil er dann mit ihr durch die halbe Stadt gehen müßte. Er nahm noch einen tiefen Schluck, er war nervös, sein Magen rumorte und sein Kopf glühte geradezu, und das nicht ohne Grund, denn die Wahrscheinlichkeit, daß es in dieser Nacht geschehen sollte, er zum ersten Mal mit einer Frau zusammenliegen würde, war sehr groß. Warum sollte Monique ihn sonst so derartig becircen, wenn es nicht darauf hinausliefe?

Er reichte ihr die Flasche, doch sie schüttelte ernst den Kopf. Zu fragen, was sie plötzlich bedrückte, traute er sich nicht. Eine Weile schwiegen sie, dann aber nahm sie doch einen tiefen Schluck, stellte die Flasche neben sich auf den Boden und ergriff seine Hände. Gregor, begann sie in ihrem eigentümlichen Akzent endlich, es ist so, versteh das nicht falsch, der Wirt, Johannes, verlangt einen Obolus, wenn ich einen Mann mit auf meine Stube nehme. Ich muß so oder so morgen etwas in die Kasse legen, verstehst Du, denn er hat uns zusammen gesehen. Sie war knallrot geworden, das war selbst im Kerzenlicht deutlich zu sehen. Wußte er, begriff er wirklich und wahrhaftig, daß sie eine Hure ist, so war es überflüssig, ihm dies zu sagen, das war ihr klar. Er würde lachend seinen Geldbeutel zücken und ihn ihr vor die Nase halten. Doch nichts dergleichen geschah. Gregor rührte sich nicht und sagte kein Wort. Begreift er überhaupt, um was er geht, dachte Monique, seinem Blick ausweichend. Endlich räuspert er sich. Wir wollen gehen, sagt er leise, doch als Monique aufsteht, die Kerze nimmt und zu der großen Tür geht, bleibt er sitzen. Er will aufstehen, doch er kann sich nicht rühren, er fühlt sich unendlich schwach, obwohl er doch mehr als nur ahnte, wie Monique ihren Unterhalt verdient. Vielleicht hätte sie es nicht so offen sagen sollen, dachte er, ihr hinterhersehend, wie sie vorsichtig, die Kerze mit der Hand abschirmend, mit kleinen Schritten zur Tür geht. Glaubte sie ihn, vorsichtig sich vorwärtstastend, nun etwa hinter sich, wagte aber nicht, sich umzudrehen? Er nahm noch einen tiefen Schluck, jetzt war ohnehin alles egal. Bemerkt sie, dachte er, daß ich nicht mit ihr gehe, so wird sie nicht zu mir zurückkommen, denn sicher hält sie mich dann für ein armes Bürschchen, der nichts weiß von den Gepflogenheiten, nichts davon, was einem armen Mädchen zusteht, wenn sie einen Mann mit auf ihre Stube nimmt. Doch Monique hatte natürlich sofort bemerkt, daß er ihr nicht folgte, daß er sitzenblieb, zutiefst enttäuscht, wie er sein mußte. Dabei mochte sie ihn wirklich gern, sehr gern sogar, doch was sollte sie machen, sie mußte ihre Stube bezahlen, sie mußte essen und trinken. So ein Kerl machte sich ja keinen Begriff davon, was das Leben kostete. Wollte er jetzt wirklich dort in der Dunkelheit zurückbleiben? Aus Angst, aus Trotz? Sie geht weiter, Schritt für Schritt, dann ergreift sie, den Tränen nah, die Klinke, doch die Tür zum Hof ist natürlich verschlossen. Potzdeibel, denkt sie, auch das noch.

Es war die reinste Papierverschwendung. Beim fünften, sechsten Versuch mochte alles soweit stimmig sein, die Augen, die Nase, selbst der Mund, doch nun wirkte des Täubenfüßers Antlitz wie das eines Mädchens, zu weich, ja, der Blick zu zärtlich, ohne auch nur den Anschein einer bösen Absicht. Wenn dieser Kopf statt des raspelkurzen Haares eine Perücke trüge, oder lange Haare hätte, wäre die holde Weiblichkeit perfekt, dachte Adam. Penibel begann er nun, nachdem er ohne Erfolg ein wenig an den Augen herumgekritzelt hatte, Locke um Locke zu zeichnen, umkräuselte alles mit höchster Sorgfalt, einfach so, aus Spaß und Lust am Kreisen des Stiftes, und lag es am Licht der Lampe, an seiner Müdigkeit, bald war ihm fast so, als verlebendigten sich mit jedem Strich, mit jedem Haar, das er dazu gab, die Augen, sahen ihn an, scheu und zurückhaltend, lächelnd fast. Cara! Um Gottes Willen! Er hatte, statt dieses bösartigen Kerls Cara gezeichnet! Stein und Bein hätte er geschworen, kein Bild mehr vor ihr in sich zu tragen, und nun das! Es war unglaublich! Mit der Zeichnung in der Hand stand er da, Adam Bernd aus Breslau, Prediger und Oberkatechet der Peters-Kirche, ein wenig zitternd, dieses Gesicht anstarrend. Wo mochte sie, wo mochte Cara jetzt sein? Dachte sie noch an ihn, überlegte er, nach all dem, was vorgefallen war? Vielleicht gerade jetzt, im selben Augenblick?

Das flackernde Licht der Kerze kam wieder näher. Wollte sie ihn holen, bei der Hand nehmen? Die Tür zum Hof ist verschlossen, sagte sie, wir müssen durch das Haus. Gregor nickte, erhob sich mühsam, stellte die Flasche zu den anderen leeren neben ein großes Faß und ging hinter ihr her. Wenn ich sie nun doch mit zu mir auf die Stube nehme, überlegte er. Ja, das würde er tun, er würde Monique mitnehmen! Gleich schon stünde man im Flur des Hauses, dann wollte er sie fragen, das nahm er sich fest vor. Aber auch diese Tür war jetzt verschlossen. Sie gingen wieder zurück und suchten nach dem Schlüssel für die Hoftür, der doch irgendwo hängen müsse, alles leuchteten sie ab, doch vergebens. Er sei doch Tischler, er könne doch sicher das Schloß öffnen, flehte sie ihn fast an. Doch er mußte sie enttäuschen, wie sollte er das ohne Werkzeug tun können! Monique fluchte, zwar auf Französisch, doch entging Gregor keineswegs die Pointe. Sie war böse auf ihn, so als sei es seine Idee gewesen, in den Keller hinabzusteigen. Was tun? Krach schlagen, sich also erwischen und als Dieb dingfest machen lassen, überlegte Gregor, der wieder an sein schon geplantes Fest dachte, an seinen Gesellenbrief und seinen neunzehnten Geburtstag. Monique suchte derweil in allen Ecken herum, aber nicht nach dem Schlüssel, wie sich herausstellte. Mach schon, hilf mir, sagte sie. Sie stellten schließlich Kisten und Kästen zusammen und legten eine ganze Lage Säcke darauf. Als alles fertig war, strahlte Monique ihn an, so als sei diese Situation eben genau die, die sie sich gewünscht hatte. Darf ich bitten, Monsieur, sagte sie leise, die Bettstatt ist gerichtet. Dann entkleidete sie sich ganz ungeniert und stand bald nackt, die Hände in die Hüften gestemmt, vor ihm. Hat Monsieur noch Bedenken, fragte sie, als er sich nicht rührte, und zog ihn zu sich heran. Nein, Bedenken hatte er jetzt nicht mehr, und auch keine Angst, wie sich schnell herausstellte. Monique machte dann mit ihm die ganze Nacht, was sie wollte, denn so einen jungen Kerl, der nicht einmal wußte, was er von ihr verlangen konnte, hatte sie noch nie gehabt.


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*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

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