Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman). Kapitel 16: Der Kontrakt

Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel sechzehn:

Der Kontrakt

Montag, gegen Mittag. Heinrich drückt sich, als er Adam Bernd aus dem Haus gegenüber herauskommen sieht, im letzten Moment in eine Nische. Er wollte auf gar keinen Fall gesehen werden. Der Prediger trägt eine andere Perücke als gestern zur Antrittspredigt, und wer nicht von seinem Amt wußte, würde ihn nicht ohne weiteres als Prediger erkennen. Mehrere Male war Heinrich schon hier vorbeigeschlichen, hatte in die Werkstatt des Knopfmachers hineingesehen, ja wollte sich schon erkundigen, ob der Prediger im Haus sei, hatte es sich dann aber wieder anders überlegt. Vielleicht sollte er noch ein paar Tage warten, dachte er, und dann erst fragen, ob nicht eine Schreibarbeit vorliege, ein Brief etwa oder eine Predigt. Er durfte die Sache nun, das sagte er sich immer wieder, unter gar keinen Umständen versaubeuteln, denn nur als Schreiber käme er nah genug an diesen Kerl heran, das war ihm klar.

Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, es war warm, der Sommer schien nun, Ende Mai, endlich kommen zu wollen. Heinrich folgte mit einigem Abstand dem Prediger, der in die Peters-Kirche hineinging, gleich aber wieder herauskam. Wahrscheinlich hatte er nur einen Blick auf die Bauarbeiten werfen wollen. Hinter einem Fuhrwerk stehend sieht Heinrich ihn dann mit dem Kupferschmied vor dessen Haus sprechen, bald schon gesellt sich ein Mann aus dem angrenzenden Provianthaus zu ihnen und schließlich dieser junge Tischler mit dem Zopf. Er begrüßt den Prediger sehr herzlich und schüttelt ihm ausdauernd die Hand. Ob der Prediger wohl weiß, was der Kerl erzählt, über diesen Nagel und die ganze Geschichte drumherum, fragte sich Heinrich. Wahrscheinlich nicht! Hören konnte er nicht viel, aber es ging offensichtlich ganz allgemein um die Bauarbeiten. Schließlich verabschiedete sich Adam von den drei Männern, die noch beisammen stehen blieben, und spazierte langsam, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, durch das Peters-Tor, wandte sich nach links und ging, nun aber stramm ausschreitend, an Graben und Stadtmauer entlang. Heinrich folgte. Er hatte nicht eigentlich einen Plan, doch stellte er sich nun vor, den Mann unversehens und wie zufällig zu treffen und in ein Gespräch zu verwickeln, an dessen Ende eine Vereinbarung stünde, eine Art von Kontrakt, um so dann regelmäßig als Schreiber tätig zu werden. Das müßte doch machbar sein, dachte Heinrich.

Er will sicher, so denkt der Täubenfüßer, zum Zuchthaus, eine Anstalt, nicht weit vor dem Grimmaischen Tor, die ihm nie ganz geheuer war. Wie leicht konnte man aufgegriffen und dort eingesperrt werden, das ging schneller als eine Eule Huh sagen konnte, wie es so schön hieß. Oder geht er am Ende zum Lazaretthaus, um Beistand zu leisten? Der Prediger verschwand um die Ecke eines dieser neuen großen Häuser, wie sie zusehends in den Vorstädten entstanden. Heinrich beschleunigte seine Schritte, doch als er den Platz zwischen dem Zuchthaus und dem Lazaretthaus vor sich hatte, war niemand zu sehen. Nur das Jammern der Kranken sowie gelegentliches Grunzen und manchmal ein Wiehern von den angrenzenden Wiesen war zu hören. Was also tun? Unschlüssig steht er herum. Bald kommt aus dem sechseckigen Turm des Lazaretthauses eine Magd mit einem großen Krug, sieht kurz zu ihm hin und verschwindet wieder, während hinter dem Haus eine schnell fahrende Kutsche auftaucht, die Richtung Tor unterwegs ist. Irgendwo kräht ein Hahn, ein Hund kläfft, eine weitere Kutsche mit zwei vornehmen Damen, wohl auf dem Weg zu einer Landpartie, allein, ohne Begleitung eines Herrn. Eine Fliege setzt sich Heinrich auf die Nase und wird verscheucht, aus dem Zuchthaus ein Schrei, kurz nur, wie zufällig. Am Himmel keine Wolke.

Wo, denkt der Täubenfüßer, sich den Schweiß von der Stirn wischend, wo zum Teufel ist der Kerl nur hin! Er konnte natürlich jeden Augenblick aus einer Tür treten, oder, das wäre weniger gut, ihn bereits von einem Fenster aus beobachten – er stand hier wie auf dem Präsentierteller, keine Frage, und dann wäre sein Plan, den Prediger wie zufällig zu treffen, obsolet. Er würde zugeben müssen, ihm gefolgt zu sein, offen um die Stelle eines Schreibers bitten, aus Not, aus Ermangelung anderer, ehrlicher Arbeit, die ihm den Lebensunterhalt sichern könne, ob er nicht, würde er sagen, wie gestern versprochen, es mit ihm versuchen wolle und so weiter und so weiter. Aber noch war er ja nicht entdeckt! Ein Armenadvokat, der ihm bekannt vorkommt, eilt, plötzlich wie aus dem Nichts auftauchend, an ihm vorbei. Er grüßt, Heinrich nickt ihm zu, zugleich tritt ein Wachmann des Zuchthauses ins Freie, läßt den Advokaten hinein und mustert Heinrich finster über den Platz hinweg, spuckt schließlich aus und schließt die schwere Tür hinter sich. Es soll im neuen Zuchthaus nicht ganz so schlimm zugehen wie in dem alten, so wird gesagt. Wer’s glaubt, wird selig, dachte Heinrich und schlenderte zum Lazaretthaus hinüber. Vielleicht sollte er einfach fragen, den Erstbesten, ob der Oberkatechet und Prediger der Peters-Kirche, Adam Bernd, zu sprechen sei. Da aber hörte er aus all dem Klagen, Husten und Jammern, das aus den Fenstern sickerte, ein Gespräch heraus; zwei Männer unterhielten sich und, kein Zweifel, eine der Stimmen war die des Predigers. Heinrich ging halb um das Lazarettgebäude herum, ein Fenster im zweiten Stock stand offen. Ich bringe Euch zu ihm, hörte Heinrich die fremde Stimme nun laut und deutlich, aber seid darauf gefaßt, einen elenden Menschen zu sehen, der zum wiederholten Male Gottes Gebote verletzt hat – ich habe wenig Hoffnung, worauf Adam Bernd erwiderte, es sei nur wichtig, daß er allein mit dem Kranken bleibe und nicht gestört werde. Dann verließen die beiden Männer offensichtlich die Stube. Heinrich trat hinter einen Baum, einer in zwei Stämme aufgespaltenen, verwachsenen Eiche, und als er schon dachte, die Stimmen verloren zu haben, öffnete sich im ersten Stockwerk ein Fenster. Ein älterer Mann mit hellgrauem, dünnen Haar erschien kurz und sah hinaus. Kurz darauf hörte Heinrich wieder Adam Bernd, er sprach nun salbungsvoll, langsam und leise. Heinrich verstand jedes Wort. Beschreibe mir, mein Sohn, hörte er ihn sagen, Deine Seelenpein, sage mir, auf welche Weise sich der Teufel in Deinem Herzen einnistete. Nach einer Weile wiederholte der Prediger das Gesagte noch einmal wörtlich, doch sein Gegenüber schien nicht antworten zu wollen. Dann stellte er die Frage zum dritten Mal, ohne jeden Anflug von Ungeduld. Wieder Schweigen. Kurzentschlossen stieg Heinrich nun in die Eiche hinein und kletterte geschickt wie ein Äffchen bis auf die Höhe des Fensters, doch leider konnte er weder den Prediger noch den Kranken sehen, der Raum lag in einem Dämmerlicht. Zu hören war nur das Atmen zweier Menschen, die gewissermaßen gegeneinander atmeten, denn atmete der eine aus, so atmete der andere ein, ein ewiges, langsames Hin und Her, so schien es Heinrich. Dann aber, bemerkte er, änderte sich dieses Atmen, fast unmerklich zunächst, doch es glich sich nach und nach an. Heinrich war gespannt. Schwer zu sagen, ob der Prediger dies bewußt herzustellen wußte, doch schließlich war der Atem so gleichförmig, daß nur ein Mann in der Stube zu sein schien. Heinrich erschrak, als Adam Bernd nun erneut seine Frage stellte, und diesmal antwortete der andere mit leiser, unruhiger, ein wenig schwankender Stimme. Es kommt über mich, sagte er, von einem Augenblick zum nächsten, nicht ins Herz springt der Teufel, nein, im Kopf sitzt er, er spricht zu mir, mit deutlichen Worten. Dann tue ich, wie der Teufel befiehlt. Kaum hatte der Kranke das aber gesagt, stand Adam Bernd urplötzlich am Fenster und blickte hinaus, direkt zu Heinrich, wie es schien – doch das frische, hellgrün leuchtende Blattwerk mochte ihn zum Glück verbergen. Des Täubenfüßers Herz raste. Er wagte nicht, sich zu rühren, bis der Prediger sich wieder dem Kranken zuwandte. Mit welchen Worten spricht der Teufel zu Dir, fragte er nun fast flüsternd. Sieh hinunter, das sagt der Teufel, denn ich war in einem Haus, erwiderte der andere schließlich leise, kaum hörbar, Täubenfüßer mußte geradezu die Ohren spitzen, und siehe deinen sündigen, kranken Leib dort unten liegen, zerschmettert zwar, doch auch der Schmerzen und aller Sünden ledig. So sprach der Teufel immer und immer wieder zu mir, doch er betrog mich, denn ein jedes Mal erwachte ich in einer Kammer wie dieser, mit weiteren Sünden beladen. Warum hilft der Allmächtige mir nicht, warum ist da immer nur der Teufel, sagt es mir! Dann wieder dieses schweigende Atmen der beiden Männer.

Adam Bernd fühlte sich unwohl, ja mehr als das, ihm war absolut elend zumute, denn war ich nicht selbst, dachte er immer wieder, oft ebenso weit wie dieser arme Mann gewesen, getrieben vom Teufel, sich aus dem Fenster zu stürzen, die Seele willig dem Beelzebub zu überlassen? Gott weiß, wie viel Anstrengung es mich gekostet hatte, überlegte er weiter, mir klar zu werden, daß vieles, was dem Teufel zugeschrieben wird, nur Wahnvorstellungen sind, so wie sie auch Martin Luther wohl gehabt haben mußte, als er meinte, mit dem Verderber selbst zu streiten. Nicht etwa, daß das ein Gegenstand von Disputationen in den Seminaren gewesen wäre, undenkbar in Leipzig, doch mit aufgeklärten Studenten hatte er oft über dererlei Dinge gesprochen. Einem armen Toren wie diesem Selbstmörder aber von der Seele zu sprechen und ihm dann auch noch zu sagen, daß diese ihren Hauptsitz im Gehirn habe, sich also etwas gegen den Teufel erreichen ließe durch klares Nachdenken, würde nicht angehen, zu armselig im Geiste sind die meisten der einfachen Leute. Was also tun, was sagen? Wieder trat er, den Kranken mit einem milden Blick streifend, ans Fenster, wieder blickte er in das frühlingshafte, hellgrün leuchtende Blätterwerk des Baumes, und auch diesmal zuckte er nicht einmal mit der Augenbraue. Dann schloß er kurzentschlossen das Fenster und wandte sich seinem Kranken zu. Diesen Heinrich Täubenfüßer oder Daubenfuß hatte er schon beim ersten Mal gesehen, wie er dort im Baum hockte wie ein Verrückter, wie ein ganz und gar törichter Mensch. Was wollte dieser Kerl bloß von ihm? Sollte mir womöglich Gewalt drohen, muß ich Angst vor ihm haben?

Heinrich selbst zitterte in seiner Eiche wie Espenlaub! Hatte Adam Bernd ihn nun gesehen und erkannt oder nicht? Wichtig war aber auf jeden Fall, überlegte er, während er sich langsam beruhigte, daß der Prediger mit einem Selbstmörder sprach und begierig schien, alles darüber zu erfahren. Was für ein Glück ich doch eigentlich habe, sann Heinrich weiter nach, denn je mehr der Prediger über die Selbstentleibung erfuhr, über den Wahnsinn, dem die Menschen verfielen, desto größer mochte seine Angst werden, diesem Zustand selbst zu verfallen, denn auch ein Theologe ist ja ein Mensch wie jeder andere! Gut möglich also, daß alles leichter als gedacht werden würde, daß dieser Adam Bernd ohne großen Aufwand seinerseits zu einem Sack Elend wird, wie er es verdient hatte! Er hörte noch eine Weile zu, bekam aber wegen des geschlossenen Fensters nicht alles mit, insbesondere der Kranke sprach sehr leise. Auch erkannte er in dem, was Bernd sagte, die üblichen Sprüche, die ihm selbst aus vielen Schriften bekannt waren und die der Prediger salbungsvoll hersagte. Bald also kletterte Heinrich hinunter, er wollte zurück in die Stadt, denn dem Prediger wie zufällig über den Weg laufen konnte er auch morgen noch. Nun wollte er sich erst einmal die Schriften über den Suizid noch einmal ansehen und auch die Berlinische Ordinaire Zeitung heraussuchen, die sein Bibliothekar ihm manchmal zusteckte, denn da war in einer Ausgabe von einem Priester die Rede gewesen, der sich das Leben genommen hatte, ja, ein ganz besonders interessanter Artikel war das gewesen, überaus lehrreich.

Zehn Minuten später saß Heinrich auf einem Begrenzungsstein unter einem Baum und fluchte vor sich hin. Er durfte, so eine Hundsfotterei, nicht hinein! Das Peters-Tor war ihm versperrt, und auch wenn das nur eine Laune des Torwächters sein mochte, so war es doch mehr als ärgerlich. Der soll sich, dachte Heinrich, bloß nicht einbilden, ich biete ihm einen Torgroschen an, am hellichten Tag! Soll er sich nicht einbilden! Wütend stampfte er mit dem Fuß auf. Es war der selbe Wächter, der Jean, das Schwein, vor Jahren festsetzte, als dieser den Regimentspfeifer erdolcht hatte. Heinrich hatte ihn damals ins Rathaus hineingehen sehen, wo das Gericht abgehalten worden war. Doch woher sollte der ihn kennen? Und warum ihn nicht hineinlassen, während jeder andere einfach durchs Tor hindurchmarschierte? Und dabei habe ich, dachte er, heute noch einiges vor! Natürlich, er konnte ein anderes Tor oder eines der Pförtchen nehmen, doch die Genugtuung wollte er dem Wächter nicht geben. Auf keinen Fall! Er stand also wieder auf, schritt entschlossen auf den Kerl zu und brachte sich vor ihm in Positur, Bauch rein, Brust raus. Er mußte natürlich, das war ihm klar, bei seiner ersten Version bleiben, und so erklärte er noch einmal, er sei der Herr Daubenfuß und müsse hinein, um für seinen Auftraggeber eine Besorgung machen, außerdem wohne er selbst doch in der Stadt, aber der Wächter lachte ihn nur aus und maß ihn abschätzig von oben bis unten, worauf Heinrich schließlich sagte, es handelt sich bei meinem Herrn um keinen geringeren als den Prediger der Peters-Kirche, Adam Bernd, und der wird sicher sehr ungehalten sein, wenn er erfährt, was hier vor sich geht! Das kann Euch das Amt kosten! Sein Gegenüber riß belustigt die Augen auf und verfiel in ein keuchendes Lachen. Ein Hurer bist Du, rief er dann endlich glucksend und hustend, hat man so etwas schon einmal gehört! Such Dir ein anderes Tor, Kerl, hier geht’s nicht hindurch! Heinrich wandte sich wütend ab und setzte sich wieder unter den Baum, die Stirn auf die verschränkten Arme legend. So sah nur der Torwächter den eben benannten Prediger kurz darauf aus Richtung des Lazaretts näherkommen. Das muß wohl ein seltsamer Zufall sein, dachte er, sprach aber doch ganz dienstbeflissen den vollkommen in Gedanken Versunkenen an und fragte, ob dieser Bettler dort, er wies mit dem Kopf zu dem Baum und dem dort Hockenden hinüber, er möge die Frage verzeihen, der sich Daubenfuß nenne, für ihn arbeite, denn das behaupte dieser Mensch beständig. Aus seinen Gedanken gerissen sah Adam den Wächter verständnislos an und blickte dann hinüber zu Heinrich, der, von der Erwähnung seines Namens aus seinen wilden Racheträumen gegen den Torwächter gerissen, ihn mit großen Augen anstarrte. Ja, sagte Adam schließlich leise, als er begriffen hatte, um was es wohl gehen mußte, das ist einer meiner Schreiber. Hat er sich etwas zuschulden kommen lassen?

Ihn in meiner Nähe zu haben wird das Beste sein, dachte Adam, als er mit Täubenfüßer, der sich ihm schweigend zugesellt hatte, das Tor durchschritt. Er macht ja jetzt durchaus keinen besessenen Eindruck, dachte er weiter, Heinrich aus dem Augenwinkel beobachtend, doch ihn in diesem Baum vor dem Fenster des Lazaretts hocken zu sehen, das war schon sehr absonderlich gewesen. Sollte er ihn deswegen zur Rede stellen, ihn fragen, was er dort gesucht habe? Hatte er ihn einfach beobachten wollen, warum auch immer, oder wollte er ganz gezielt das Gespräch zwischen ihm und diesem Selbstmörder belauschen? Doch warum sollte er so etwas tun? Einfach aus Neugierde? Oder war er, das wäre ja keineswegs undenkbar, auf ihn angesetzt, hatten etwa Gegner aus dem Stadtrat oder gar aus der theologischen Fakultät Heinrich angeheuert, um herauszubekommen, was der neue Prediger alles so trieb, mit wem er sprach, welche Ansichten er vertrat? Es war ein offenes Geheimnis in Leipzig, daß diese Dinge geschahen, und nicht einmal selten. Nun, das wäre ein weiterer Grund, seinerseits Heinrich nicht aus den Augen zu verlieren. An dem lang gehegten Plan, eine Schrift zur Selbstmörderei zu verfassen, würde er aber auf jeden Fall festhalten, denn als Oberkatechet und Prediger der Peters-Kirche konnte er nun ohne Zweifel eine viel größere Wirkung und Abschreckung erreichen, als ihm dies zuvor möglich gewesen war als ein Theologe ohne Amt, selbst wenn ich, dachte er nicht ohne Genugtuung, durchaus seit Jahren schon bekannt bin in Leipzig meiner Predigten wegen – und auch die über das Übel des Selbstmords, die er in den letzten Jahren mal hier und da gehalten hatte, waren ja durchaus erfolgreich gewesen, viele hatten ihn darauf angesprochen, und was würde es da schon ausmachen, wenn die Schrift durch die Spitzelei dieses Täubenfüßers der theologischen Fakultät im Vorhinein bereits bekannt wurde! Ja konnte das nicht sogar die beste Werbung sein? Außerdem waren schließlich viele Schriften zu diesem Thema im Umlauf, niemand sprach ihnen, wenn auch nicht alle beachtet wurden, die dringende Notwendigkeit ab. Meine Schrift zu diesem Übel aber soll, dachte Adam, eine große Wirkung haben, so wie noch keine zuvor! Er fragte Heinrich also rundheraus, kaum daß sie das Tor durchschritten hatten, ob er als Schreiber zu fungieren bereit wäre, er wolle eine Schrift über das Übel der Selbstmörderei verfassen. Wie oft, fragte sich der Prediger, wollte dieser Mensch eigentlich noch in Ohnmacht fallen?

Nach einem Kaffee und einem Schnaps war Heinrich halbwegs wieder bei Sinnen, auch wenn ihm ein wenig übel war. Zu viel war seit gestern auf ihn eingestürmt, es war schlichtweg nicht zu glauben. Er kniff die Augen zusammen und versuchte herauszubekommen, wo er war. Nein, er kannte dieses Kaffeehaus nicht, es mußte wohl eines der besseren sein. Unter der offenen Türe entdeckte er nun Adam Bernd, für den er nun tatsächlich als Schreiber arbeiten würde, und der scherzend mit einem jungen Mann sprach, den Heinrich schon einmal irgendwo gesehen haben mußte. Doch sein Schädel brummte, als hätte er zu viel getrunken, außerdem tat ihm das Gegenlicht in den Augen weh, in dem die beiden Gestalten fast durchsichtig wirkten. Als er sich erheben wollte, schwindelte ihm wieder. Was für ein Tag, dachte er. Kurz darauf ließ ihn der Prediger mit einer Sänfte nach Hause bringen, er saß zum ersten Mal selbst in einer solchen, und das war durchaus ganz angenehm, daran konnte man sich gewöhnen. In seiner schäbigen Stube angekommen suchte Heinrich dann aber sofort nach den Ausgaben der Berlinischen Ordinairen Zeitung. Er hatte sie wohlweislich versteckt, denn neuerdings wischten sich hier alle den Hintern mit Papier ab, weil sie das vornehm fanden. Endlich fand er sie unter einem alten Sattel, den er kürzlich in der Pleiße entdeckt hatte, direkt am Barfüßerpförtchen war das gewesen, wo oft altes Zeug lag. Die Zeitungen waren ein wenig zerdrückt und feucht, aber heil. Außerdem suchte er auch noch die ziemlich zerfledderte neuzeitliche Ausgabe der Constitutio Criminalis Carolina, die ihm von seinem Bibliothekar geschenkt worden war, doch wo die nun abgeblieben sein mochte, wußte er beileibe nicht. Hoffentlich nicht in der Fallgrube! Zunächst aber mußte er den Artikel über den selbstmörderischen Prediger heraussuchen, um ihn seinem Feind bei der erstbesten Gelegenheit unter die Nase zu reiben. Damit könnte er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, nämlich zeigen, daß er selbst auch nicht auf den Kopf gefallen ist, und, noch wichtiger, er könnte dem Kerl tüchtig Angst einjagen. Er rieb sich die Hände und kicherte, die Zeitungen durchblätternd, vor sich hin. Ist es nicht fast so, dachte er, als würde ich nun überreich belohnt werden für meine Geduld, als würde nun der Deibel selbst mir beiseite stehen!

Am nächsten Tag ließ der Prediger ihn durch den Rosinenjungen rufen. Der verlangte streng und mit ernstem Gesicht ein pünktliches Erscheinen am Abend. Noch einmal überflog Heinrich den Zeitungsartikel, den er gestern endlich dann doch noch gefunden hatte. Vielleicht ergab sich ja sogar eine Gelegenheit, das Gespräch darauf zu bringen und den Artikel vorzulesen, und wenn nicht, fiel ihm ein, so würde er ihn einfach unter die Papiere des Predigers mogeln und auf den Zufall hoffen. Er würde sehen. Auf und ab gehend las er ihn nun aber noch einmal probeweise laut durch, in einem betont beiläufigen Ton: Nieder-Elbe, den 20. August des Jahres 1711. Wie man aus Holland vernimmt, so ist der Leichnam des unlängst in seinem Arrest sich selbst erhenckten Prediger Valcks zum allgemeinen Spektakel aus dem Gefängnis auf die Gasse herabgeworfen, auf eine Schleife gelegt und durch die Straßen nach dem Hafen geschleppt worden, sodann in ein Fahrzeug geworfen, an die Nord-See geführt, und daselbst mit zwei großen Gewicht-Steinen beschwert ins Wasser gesenkt worden, weil er seines schändlichen Verbrechens und damit verknüpften Selbst-Mordes halber nicht würdig gewesen, von der Erde bedeckt zu werden. Das war die ganze Meldung, doch sie würde ihre Wirkung nicht verfehlen, wie er hoffte. Allerdings war er nicht zufrieden mit dem Ton seines Vortrags, er hatte das Gefühl, seine Stimme bebe beim Lesen. Schließlich durfte Adam Bernd auf keinen Fall bemerken, wie wichtig ihm, Heinrich Daubenfuß, der so lange Jahre auf die Rache für seine Schwester gewartet hatte, die Angelegenheit war. Unter Umständen würde es also doch besser sein, das Blatt einfach unter die Papiere des Predigers zu legen.

 

Am Abend fand Heinrich einen müden Adam Bernd in dessen Wohnung vor, doch der erhob sich sofort und ging auf ihn zu, ihn herzlich zu begrüßen. Ich habe beschlossen, sagte er ohne Umschweife, die geplante Schrift sofort anzugehen. Sie soll schlicht heißen ‚Über den Selbst-Mord‘. Alleiniger Schreiber werdet ihr sein, Herr Daubenfuß. Die beiden Männer gaben sich die Hand und sahen sich in die Augen, der Kontrakt war geschlossen. Dieses Mal fiel Heinrich nicht in Ohnmacht, ganz im Gegenteil, er fühlte sich seltsam belebt, so als durchströme frisches, heißes Blut seine Adern.


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*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

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