Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)* Kapitel siebzehn: Meister Urian

Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel siebzehn:

Meister Urian

Das muß, dachte Heinrich, der mit einem Lächeln auf dem Gesicht aus dem Haus des Knopfmachers in die frische Nachtluft trat, unbedingt gefeiert werden! Auf also in den Goldenen Hahn. Zwar durfte er niemandem Genaues erzählen, doch dem Mann als Schreiber zu dienen, der in aller Munde war, selbst beim Lumpenpack, war natürlich, so oder so, eine gute Sache, eine sehr gute sogar! Und daß Adam Bernd eine Schrift zum Übel des Selbstmords verfassen wollte, war noch besser. Als schaufele er sich sein eigenes Grab! Doch machte sich Heinrich da nicht etwas vor? Das fragte er sich, schon auf dem Weg zum Goldhahngäßchen. Mein Haß, dachte er in seltener Klarheit, den ich all die Jahre gegen Adam Bernd gehegt habe, ist ja nicht verflogen, keineswegs, doch ist es nun nicht so, als gleite dieser ab von meinem Feind, oder nein, das war nicht der richtige Ausdruck, eher ist es doch so, überlegte er weiter, daß ich zwar den Namen Adam Bernd hasse, nun aber nicht den Menschen, den ich vor mir habe! Bald würde er sogar erfahren, wie der Prediger zur Sünde des Selbstmords stünde, aber was wird das helfen? Ein Medicus, der über Blasensteine eine Schrift verfaßt, wird doch auch nicht deshalb selbst welche bekommen! Was für eine verflucht verworrene Lage das ist, verdammt noch mal, dachte er immer wieder, auch noch, als er schon im hintersten Winkel der Schenke saß und Johann Chantin, der mit dem Privatfäßlein neben ihm stand, ihm Schnaps in ein großes Glas goß. So betrübt, mein Freund, fragte er. Heinrich zuckte nur mit den Achseln und tat einen tiefen Schluck. Und dabei hatte er doch feiern wollen.

Viele Schenken in Leipzig hatten nicht länger geöffnet als bis zur elften Stunde, so daß allabendlich spät seltsame Gestalten im Goldenen Hahn auftauchten, weil es hier noch Bier, Schnaps und auch Weiber gab. Die Obrigkeit jedenfalls schien es zu dulden, daß Chantin sich an eben diesen Leuten bereicherte, doch wer wußte schon, wer wem den ein oder anderen Taler zusteckte oder einen Gefallen schuldete. Heinrich war das egal, so lange nicht wieder eine Säuberung der ganzen Stadt anstand. Außerdem war er jetzt Schreiber beim stadtbekannten Oberkatecheten und Prediger Adam Bernd, da würde ihm so schnell nichts geschehen, jedenfalls nicht, wenn er nur brav seinen Schnaps soff! Das hoffte er wenigstens. Über den Lohn hatten sie noch nicht gesprochen, fiel ihm ein, doch da ein Prediger sicher gutes Geld bekommt, werde auch ich wohl nicht zu kurz kommen, überlegte er, sich nun ein wenig umsehend in der Schenke. Die französische Hure mit den roten Haaren entdeckte er sofort. Mit der bin ich noch nicht fertig, grummelte er halblaut vor sich hin, die kann sich auf etwas gefaßt machen, weiß Gott, die Schlampampe die! Dieser Tischler war nicht bei ihr. Stattdessen machte sie sich offensichtlich an einen älteren Kerl mit ungewöhnlich dichten, schwarzen, über der Nasenwurzel zusammengewachsenen Augenbrauen und tiefliegenden dunklen Augen heran, ja der Mensch sah mit ein wenig Phantasie tatsächlich fast aus wie eine seiner Schnitzfiguren. Heinrich mußte lachen, wirklich, so war es. Natürlich, die Hörner fehlten, doch sonst stimmte es. Was lachst Du denn nun, fragte Johann, der sich für einen Moment zu ihm setzte und sich einen Schnaps eingoß. Heinrich zog sein kleines Figürchen aus der Tasche, er hatte ja gleich mehrere davon geschnitzt. Er fühlte sich, hatte er festgestellt, einfach besser, wenn er eines in der Jackentasche hatte. Auch der Wirt mußte grinsen. Ja, eine gewisse Ähnlichkeit ist unverkennbar, sagte er. Die arme Monique bekommt übrigens von mir und meiner Frau einen Obolus extra, wenn sie sich Meister Urians annimmt. Immerhin ist sie die Älteste der Mädchen hier, und die anderen machen sich schon ins Hemd, wenn von ihm die Rede ist. Ich erzähl Dir später davon. Er kippte den Schnaps runter und verschwand wieder.

Heinrichs Neugierde war geweckt. Einen Obolus vom geizigen Chantin, überlegte er, dessen strenges Regiment allgemein bekannt war? Dafür, daß sie, diese Monique, mit dem Kerl dort herummachte? Das war schon seltsam. Meister Urian hatte Johann ihn genannt, mit einem Anklang von Spott, doch auch ängstlich, in gewisser Weise. Eben packte dieser Urian die Französin mit Daumen und Zeigefinger am Kinn und sah sie an. Dann lachte er laut, auch Monique lachte, doch gequält und falsch, so schien es Heinrich. Sie hatte Angst, ohne Zweifel. Wer ist bloß dieser Kerl, fragte er sich, was tut er, wo kommt er her, und warum habe ich ihn noch nie gesehen, wenn doch Johann ihn kennt? Die Schenke füllte sich nun mehr und mehr, ein ganzer Pulk von Leuten schob sich wie eine Welle in den Raum. Chantin stellte Heinrich schnell noch einen Krug Bier auf den Tisch, bevor er sich gewissenhaft an das Abarbeiten der Bestellungen machte. Von Monique allerdings und diesem Menschen war nun nichts mehr zu sehen, einmal nur erkannte Heinrich ihr rotes Haar. Bald stimmte irgendjemand ein Trinklied an, andere fielen ein, alles schien plötzlich hin und her zu wogen, so als sei diese Schenke ein Gefäß, in dem eine ölige Flüssigkeit hin- und herschwappte. Dann tauchte plötzlich das aufgedunsene Gesicht des Bibliothekars vor Heinrich auf, schon saß der Kerl bei ihm am Tisch, doch sie hatten kaum ein paar Worte gewechselt, als sich weiter vorne ein Streit anzubahnen schien. Der Gesang erstarb, und nun waren deutlich zwei Stimmen zu unterscheiden, tief und herrisch die eine, keifend und ein wenig lallend die andere. Beide waren Heinrich unbekannt. Ich warne Euch, Herr! dröhnte es also durch die Schankstube – warnt Euch selber, alter Mann!, war die Antwort. Dann kreischte eine Frau, ein Stuhl fiel um, mehrere Tische wurden hektisch zur Seite gerückt und fast gleichzeitig zwei Degen gezogen. Das klang immer, wie Heinrich fand, wie vite-vite, so auch hier. Alles drängte sich nun an den Wänden zusammen, während Heinrich und der Bibliothekar auf ihre Stühle kletterten, um besser sehen zu können. Auch Chantin stieg auf einen Hocker und würde sicher sofort eingreifen, wenn nötig, doch er sagte und tat nichts, vielleicht weil es dieser Meister Urian war, der, ganz formvollendet, einem jungen Kaufmann gegenüberstand. Schon klirrten die Klingen aufeinander, doch das Duell dauerte nur wenige Sekunden. Eine Finte, ein elegantes Ausweichen, ein Stoß, und schon war der rechte Oberarm des Jüngeren durchbohrt. Der Degen fiel dem Kaufmann aus der Hand und er selbst wie ein Sack zu Boden und in Ohnmacht. Ah und Oh machte das Publikum, zwei, drei Leute klatschten, während sich Monique an den degenbewerten Arm Urians schmiegte, der seinerseits mit aufgeblähten Nüstern auf den Besiegten hinabsah. Raus mit dem, sagte er, und holt einen Medicus. Dann wandte er sich an Chantin zum Tresen hin und sagte, womöglich möchten die anwesenden Damen und Herren auf meine Kosten ein geistiges Getränk zu sich nehmen, darum jedenfalls bitte ich, worauf Gejohle einsetzte und sich der Wirt an die Arbeit machte.

Das war ja ein kurzes Vergnügen, sagte Heinrich und grinste, sich wieder setzend, den Bibliothekar an, der eben umständlich und zittrig von seinem Stuhl herunterkletterte. Die Tische wurden wieder an ihren Platz gerückt und Stühle überkopf weitergereicht, bis alles so wirkte, als sei nichts geschehen. Erst jetzt bemerkte Heinrich, daß er sein Teufelsfigürchen in der Faust hielt, so wie während der Antrittspredigt dasjenige, das er bei Bernd hatte liegenlassen, und auch die kleinen Wunden auf der Handfläche waren wieder aufgerissen. Als er dann wieder hochsah, saß plötzlich Monique ihm gegenüber. Er erschrak, sie lächelte. Er ist fort, auf eine Stunde nur, sagte sie in ihrem eigentümlichen Akzent, es geht um diesen Kerl, mit dem er sich duelliert hat. Heinrich nickte, aber er verstand nicht, was sie damit sagen wollte. Und warum gerade ihm? Johann meint, begann das Mädchen wieder, Ihr könnt mir helfen, wenn es Not tut. Ja, sagte Heinrich irritiert, was sollte denn das, fragte er sich, schon wieder, kann ich. Doch ich wüßte eigentlich nicht wie?

Weder der Kretschmar noch seine Frau, die jetzt mit dem Bibliothekar ihr Spielchen spielten und ihm immer wieder nachgossen, die lassen sich nicht mit Büchern bezahlen, weiß Gott nicht, dachte Heinrich, kümmerten sich weiter um Monique und den Täubenfüßer. Wie alte Bekannte steckten sie die Köpfe zusammen. Monique flüsterte nun nur noch, immer wieder zur Tür blickend, und das hatte etwas Ersticktes, etwas Atemloses, doch immerhin begriff Heinrich langsam, um was es ging. Auch sie nannte den Schwarzäugigen Meister Urian, Angst und fast so etwas wie Ehrfurcht durchzitterte ihre Stimme, und was sie berichtete, ließ auch Heinrich nicht kalt. Was geht mich das an, was eine Hure und ein Hurer treiben, hatte er zuerst gedacht, und hatte er nicht eben noch selbst überlegt, sie sich ordentlich vorzunehmen, sobald er, dank Adam Bernd, wieder Geld in Händen hätte? Doch das, was Monique nun erzählte, war dann doch nicht nach seinem Geschmack. Eines der Mädchen hier, berichtete Monique nun leise, lag viele Wochen krank zu Bett, mit Fieber und fast abgequetschten Gliedern. An den Füßen aufgehängt habe er sie, das müsse er sich mal vorstellen. Der Kretschmar habe sie schließlich gefunden, mehr tot als lebendig, aber das dürfe niemand wissen. Monique war den Tränen nah, als sie, immer mehr die Stimme senkend, so daß Heinrich fast von ihren Lippen lesen mußte, dies erzählte. Bald jedenfalls wäre Urian zurück und sie müsse mit ihm hochgehen, doch es gäbe da eine Verbindungstür zu einem anderen Zimmer, der kleinen Kammer oben an der Treppe rechts. Kurz und gut, er, Heinrich, müsse notfalls diesen Urian, der heute, das habe er ja selbst gesehen, in gewalttätiger Stimmung sei, außer Gefecht setzen, ein Knüppel läge bereit. Heinrich nickte und schielte zu Johann hinüber, der ihn ernst anblickte.

Kurz darauf drängelte er sich durch die Menge und ging nach oben. In der besagten Kammer befand sich nichts weiter als ein Bett mit einer schlechten, nach muffigem Stroh stinkenden Matratze und ein Stuhl, über den ein paar alter Hosen gehängt waren und auf dem der Knüppel lag. Die Tür zum Zimmer nebenan war nicht verschlossen. Auch dort befand sich nichts weiter als ein Bett, wenn auch ein ansehnliches, einige wenige Möbel, drei, vier Stühle und ein Tisch. Im mittleren Deckenbalken waren zwei kräftige Eisenringe angebracht. Für einen kurzen Moment tauchte ein nacktes Mädchen, kopfüber und blutend herabhängend, wie ein Gespenst auf. Nun denn, dachte Heinrich, die Tür wieder zuziehend, umsonst kommt mir die Hure aber nicht davon, das Risiko muß sie mir schon vergelten. Dann nahm er den Knüppel zur Hand, ein schweres Ding aus Eiche, legte ihn wieder auf seinen Platz und ging nach unten. Ein Sänger mit einer Art Laute machte sich eben bereit, etwas zum besten zu geben, es mochte wohl ein Spanier oder Italiener sein. Weiter hinten entdeckte er den Bibliothekar mit Chantins Frau. Von Monique keine Spur.

Wie sich herausstellte, war der Sänger ein aus London angereister portugiesischer Kaufmann, der die Strophen seiner Lieder abwechselnd auf englisch und portugiesisch sang und zwischendurch ein wenig auf deutsch radebrechte. Ob er nun einen Plan verfolgte oder nicht, die Lieder wurden immer schwermütiger, und bald schon hingen die Frauen nur so an seinen Lippen. In das langgezogene Ende eines Liedes hinein hörte Heinrich dann deutlich das Knarzen der Treppe. Alle, die das Haus kannten, mieden diese Stufe normalerweise, das wußte er, und sicher hatte Monique sie mit Absicht benutzt. In jedem Haus gibt es solch eine Stufe. Es ging also los! Er stand noch unten an der Treppe, als das Lachen Moniques, eher gequält als fröhlich, durch das Schließen einer Tür abgeschnitten wurde. Nun denn, dachte er, retten wir heute mal die holde Jungfrau vor dem Deibel. Wohl war ihm nicht.

Durch das Schlüsselloch war nur ein kleiner Teil des Zimmers zu sehen, ein Stuhl und an der Wand die Kommode. Das war ungünstig. Hören jedoch konnte er gut, was da drüben gesprochen wurde. Die tiefe männliche Stimme, die vor dem kurzen Duell unten so mächtig geklungen hatte, war jetzt weich und einschmeichelnd, Heinrich traute seinen Ohren nicht, denn so galant hatte er noch nie jemanden mit einer Frau sprechen hören. Dann wechselte Urian unvermittelt, mitten im Satz, zum Französischen, Monique antwortete auf Fragen knapp mit einem Qui oder Non, doch das, was Heinrich erwartet, was er befürchtet hatte, nämlich ein plötzliches Umschlagen der Situation, irgendetwas Gewalttätiges, geschah zunächst nicht. Durch das Schlüsselloch sah er nur den leeren Stuhl. Dann plötzlich hörte er aus dem französischen Gesäusel den Namen Adam Bernd heraus, und mit einem Male war Heinrich hellwach. Oder hatte er sich getäuscht? Meister Urian wechselte nun wieder ganz unvermittelt und wie zufällig ins Deutsche, und tatsächlich sprach er über Theologisches, über das Recht der Orthodoxie, den schädlichen Kräften, die mit dem Teufel im Bunde waren, den Garaus zu machen, ihnen nie, unter keinen Umständen, Leipzig zu überlassen und so weiter. Wollte er Monique nun bespringen oder ihr Vorträge halten! Heinrich war fast ein wenig sauer, auch wenn es ihn keineswegs drängte, in einen Kampf zu geraten und mit einem Knüppel auf diesen Kerl einzuschlagen, doch er konnte sich auch Besseres vorstellen, als zu später Stunde hier zu hocken und zu warten. Dann ging die Tür zum Flur auf und Johann schlich auf Zehenspitzen mit einem mit Brot, Käse und Bier beladenen Tablett herein, so als habe er Heinrichs Unmut geahnt. Dieser klappte die Hände auseinander, zog die Schultern hoch und die Mundwinkel herunter, doch Johann flüsterte ihm zu, der Kerl sei unberechenbar, da müsse man auf der Hut sein. Dann ließ er Heinrich auch schon wieder allein, der, biertrinkend und essend, weiter dem theologischen Vortrag zuhörte. Der Name Adam Bernd fiel nicht mehr. Als er das nächste Mal durchs Schlüsselloch blickte, denn plötzlich war nichts mehr zu hören gewesen, lag das Kleid Moniques auf dem Stuhl. Schon juckte es ihn bei diesem Anblick zwischen den Beinen, jetzt würde es wohl zur Sache gehen, und es dürfte ja meinem Auftrag, dachte er, wohl nicht entgegenstehen, wenn ich mir hier ein wenig die Eichel reibe. Mit einem Mal aber hörte er den Kerl wieder losquasseln wie ein Wasserfall, nun wieder auf Französisch. Wollte der es etwa, fragte sich der Täubenfüßer, mit der Hure treiben, während er über das gottgewollte Austreiben des Pietismus oder wer weiß was schwafelte, wollte er sich einen blasen lassen, während er gleichzeitig Jesus zum Zeugen gegen die Abtrünnigen aufrief? Johann hatte recht, der Mensch war unberechenbar, wenn nicht sogar hochgradig verrückt.

Monique mußte jetzt nackt sein, jedenfalls nach dem zu urteilen, was nun auf dem Stuhl lag, Kleid, Unterrock und lange Strümpfe. Wie gerne hätte ich einen besseren Einblick gehabt, dachte er, und da hörte er auch bereits das Aufstöhnen Moniques, mitten hinein in die Rede des Wahnsinnigen dort drüben, immer noch auf französisch. Schon stand auch Heinrichs Schwanz wie eine Eins. Jetzt eine Mutz, die ich bearbeiten kann, dachte er unwillkürlich, oder eine, irgendeine Schlampampe, die es mir besorgt. Sein Herz bollerte wie wild, seine Erregung steigerte sich immer mehr, während das Stöhnen Moniques lauter und heftiger wurde, ja bald einem auf- und abschwellenden Gesang nahe kam. Tut die nur so, überlegte Heinrich und legte sein Ohr an die Tür, mit der rechten Hand in die Hose fahrend und sein Gerät ergreifend, ist das nur gespielt, oder ist es gar französisch? Meister Urian redete inzwischen weiter, wie ein Automat redet der doch, dachte Heinrich, ja, das war es, der Kerl ist ein Automat, eine mechanische Puppe, eine Ausgeburt der Hölle, gekommen, um die Pietisten aus Leipzig zu vertreiben! Unsinn natürlich, doch was machte das schon, ich sollte den Knüppel nehmen, das Untier töten, dachte er, und die kleine Hure selbst ficken. Das sollte ich tun! – Doch nein, natürlich nicht, das durfte er nicht, auf welche Gedanken kam er denn da! War er denn selbst schon verrückt? Beruhige Dich, Heinrich, sagte er also leise zu sich selbst und zog die Hand aus der Hose, denn immerhin hatte Johann, oder nein, sie selbst, Monique, ihm den Auftrag gegeben, sie zu retten, wenn es denn nötig sein sollte. Sie verließ sich auf ihn! Doch war es jetzt nun nötig, sie zu retten, oder nicht? Von drüben kam bald ein helles, mehrmaliges, ganz kurzes Quieken, wie von einem Kätzchen, dann war Stille, ganz und gar. Nicht ein Ton! Es schien also vorüber zu sein. Aber was? Was ist vorüber! Ihm schoß plötzlich der Gedanke durch den Kopf, daß dieser Teufel Monique erwürgt haben könnte, ja, das hatte er schon einmal gehört von einer Hure, Männer, die nicht zum Ende kamen, wenn sie die Hure nicht würgten, ihr nicht die Luft abdrehten, bis sie blau anlief! Zitternd wagte er einen Blick durchs Schlüsselloch, doch da hörte er plötzlich seinen Namen. Kommt herein, Heinrich Daubenfuß, genannt der Täubenfüßer, hörte er rufen, sehr laut und mit sonorer Stimme, aber konnte das denn sein, dachte Heinrich, daß der ihn rief? War das überhaupt möglich? Doch da wurde schon die Tür aufgerissen und er kniete vor Meister Urian statt vor dem Schlüsselloch. Aus des Meisters Hosenstall ragte spitzig sein Schwanz, überzogen von einem English Overcoat, direkt vor Heinrichs Gesicht. Nie im Leben war er so erschrocken gewesen! Wie betäubt erhob er sich und folgte diesem Menschen in den anderen Raum hinein, der nun die Schleife seines Kondoms löste und es in die Ecke warf. Dann verstaute er umständlich sein Glied und knöpfte den Hosenstall zu. Heinrich sah inzwischen zu Monique, die mit geschlossenen Augen breitbeinig und schwer atmend auf dem Bett lag. Noch stand die rasierte Spalte, rotglänzend und fleischig, ein wenig offen. Wie ihr seht, Täubenfüßer, oder Herr Daubenfuß, habe ich Mademoiselle Monique ganz unversehrt gelassen, vielleicht gewährt sie euch später noch einen kurzen Moment. Doch nun zum Geschäft. Setzt euch.

Monique war eben wieder angekleidet, als der Kretschmar und seine Frau mit zwei Tabletts erschienen. Sie wichen Heinrichs Blicken aus, auch Monique sah ihn nicht an. Meister Urian jedoch beobachtete ihn genau. Seine dunklen, tiefliegenden Äuglein blickten freundlich und belustigt zugleich. Mit einer winzigen Bewegung von Zeige- und Mittelfinger schickte er dann alle hinaus, auch Monique, und wies mit der offenen Handfläche auf die Leckereien. Käse, Trauben, Brot, Wein und Kuchen standen zur Auswahl. Setzt Euch und greift zu, sagte er, wir Männer brauchen gutes Essen, um den Frauen etwas bieten zu können. Ich hoffe, ihr habt nicht so einen kleinen Pimmel wie ich, unsere französische Freundin mag eher die großen und dicken, sagt sie. Dann lachte der Kerl, seine Augen blitzten fröhlich. Heinrich war indes noch immer ziemlich durcheinander und wußte überhaupt nicht, was er denken, geschweige denn sagen sollte, doch schließlich langte er ordentlich zu. Warum auch nicht, dachte er, und sollte es auch meine Henkersmahlzeit sein.

Die Zeit schien Heinrich langsamer als gewöhnlich abzulaufen. Es war ihm, als sitze Meister Urian schon ewig da, Pfeife paffend, Wein in kleinen Schlucken trinkend, schweigend ihm beim Essen zusehend. Als fast alles vertilgt war, nahm der Meister die Pfeife aus dem Mund. Ich weiß schon lange, sagte er, daß Ihr Unmengen essen könnt, doch ich wollte es selbst einmal sehen. Jean hatte mir davon erzählt. Heinrich sah sein Gegenüber entgeistert an. Jean, das Schwein!?, erwiderte er mit allzu vollem Mund, doch im selben Augenblick begriff er alles. Daß er darauf nicht früher gekommen war! Die Bespitzelung und Überführung der Pietisten war das Werk dieses Mannes hier! Er war der Auftraggeber, der hinter Jean gestanden hatte! Langsam kaute Heinrich weiter, er mußte ein wenig Zeit zum Überlegen gewinnen, denn nun, schoß es ihm durch den Kopf, würde dieser Mensch hier doch sicher gegen Adam Bernd vorgehen, denn warum sollte er sonst mit mir, überlegte er, überhaupt reden? Was genau, das war die Frage, wollte sein Gegenüber also von ihm, und vor allem, was wußte er über ihn? Von seinen Racheplänen hatte er niemandem berichtet, schon gar nicht Jean, auch wenn er nicht ganz sicher war. Volltrunken rutschte ihm schon mal etwas heraus, was er hinterher bereute, wenn er sich denn daran erinnerte. Meister Urian ist kein schmeichelhafter Name, begann sein Gegenüber wieder, doch selbst in der theologischen Fakultät nennt man mich hinter meinem Rücken so, also bleiben wir dabei. Meine Vorliebe für das Humpeln hat der Namensgebung wohl ohne Zweifel Vorschub geleistet, immer wenn ich inkognito unterwegs bin, tue ich es. Ein Humpeln fällt zunächst auf, doch dann schützt es und hält die Menschen fern. Auch ihr humpelt recht gerne, habe ich recht? Heinrich nickte zögerlich. Was sollte er sagen, denn es stimmte und stimmte auch wieder nicht. Er hatte es nicht bewußt getan, es war über ihn gekommen, weil er geglaubt hatte, Adam Bernd sei dieser Hurer, den er manchmal, oder war es etwa nur einmal gewesen, fragte er sich, den er jedenfalls, ganz in einen Mantel gehüllt, humpelnd den Flur entlangkommen und dann die Treppe hinauf hatte verschwinden sehen. Und dabei war es der hier gewesen, Meister Urian! Weiß die theologische Fakultät von seinem Treiben, daß er mit Huren rummacht, fragte er sich, nahm sie es in Kauf, um die verhaßten Pietisten aus Leipzig zu vertreiben? Und war Adam Bernd der Nächste, auch wenn er doch wohl, soweit Täubenfüßer das beurteilen konnte, mitnichten ein Pietist war? Heinrich aß weiter und kratzte sogar noch die Reste aus den Schalen.

Monique war inzwischen hinuntergegangen, um ein wenig Luft zu schnappen. Zum Nachteil, überlegte sie, dürfte ihr die kleine Posse von eben wohl nicht gereichen! Zum ersten Mal auch war sie in einen Plan eingeweiht worden, statt nur den dummen Lockvogel spielen zu dürfen. Sie machte ja alles mit, Meister Urian wußte das, und er war großzügig, auch wenn sie klar gesagt hatte, keinesfalls mit diesem ekligen Kerl, diesem Täubenfüßer, ins Bett zu steigen. Ihm vor die Füße zu pinkeln war eine Sache, für ihn die Beine breit zu machen, kam jedoch nicht infrage. Warum dies alles aber überhaupt inszeniert worden ist, der tiefere Sinn des Ganzen, der blieb ihr indes unklar, denn hätte es nicht gereicht, überlegte sie, in der stillen Gasse ein wenig auf- und abschlendernd, diesen Täubenfüßer einfach nach allen Regeln der Kunst unter Druck zu setzen, damit er mit allem, was er bei diesem Prediger entdeckte, herausrückte? Doch das soll nicht meine Sorge sein, weiß Gott nicht, dachte sie. Wo Gregor nur blieb?

Währenddessen erläuterte Meister Urian, dessen wirklicher Name nichts zur Sache tue, wie er noch einmal betonte, dem vollgefressenen Täubenfüßer den Fall Adam Bernd, berichtete von den Versuchen einiger Ratsmitglieder und auch Herrschaften der theologischen Fakultät, diesen nicht zu einem Priesteramt kommen zu lassen. Schon an der Universität sei er einigen wichtigen Herren ein Dorn im Auge gewesen, vermengte er doch die Theologie mit der Philosophie, nicht zuletzt mit der Lehre eines gewissen Renatus Cartesius. Außerdem sei der Magister Adam Bernd, das werde er noch erkennen, ein sanguinischer Melancholicus, der nicht selten gegen göttliche Gebote verstieß und schon einmal für Monate der Grübelei verfalle. Solche Menschen seien als Prediger ungeeignet! Heinrich hörte gebannt zu, er fühlte sich gebauchpinselt, denn der Meister sprach mit ihm wie mit Seinesgleichen. Er fragte nicht ein einziges Mal, ob er verstünde, was er aber ohnehin bejaht hätte. Und er verstand ja auch tatsächlich fast alles, vor allem, daß der Magister mundtot gemacht und am besten des Pietismus‘ überführt werden sollte, was wiederum die Ausweisung aus Leipzig zur Folge hätte. Natürlich, auch das sagte Meister Urian ganz offen, wisse man, daß Adam Bernd kein Pietist sei, doch er sei eben auch kein treuer Anhänger der Orthodoxi, also indifferent, ein Freigeist, was womöglich noch schlimmer sei, ja das Schlimmste überhaupt, denn speie nicht Gott alle Lauwarmen aus? Heinrich nickte eifrig.

Gregor griff Monique sofort unter den Rock und schob den Mittelfinger in ihre Möse. Eben deswegen, weil er das neuerdings immer tat, hatte sie Meister Urian gebeten, ein English Overcoat zu benutzen, den er ihr zu Ehren Pariser nannte, denn, hatte er lachend gesagt, seien nicht alle schönen französischen Mädchen Pariserinnen! Selbstverständlich würde sie sich gewaschen haben, wenn er das Ding nicht benutzt hätte, doch sicher ist sicher. Gregor jedenfalls verabreichte sie erst einmal eine Ohrfeige, denn was bildete der Kerl sich ein! Keine Spur mehr an ihm von dem schüchternen und höflichen Tischler, der er mal gewesen ist. Kaum läßt man so einen Kerl ran, dachte sie, wird er zum Grobian. Lächelnd küßte sie ihn auf die knallrote Wange und lief dann schnell noch einmal hinein und bat Johann, gehen zu dürfen, Gregor, er wisse schon, warte auf sie. Der taperte derweil unruhig auf und ab und roch immer wieder an seinem Finger. Was für ein betörender Geruch das doch war! Als er jedoch bemerkte, wie aus einem Fenster im ersten Obergeschoß ihn jemand beobachtete, ein dunkler, übel dreinschauender Kerl, ging er langsam, als habe er nichts bemerkt, zur nächsten Ecke und wartete dort. Dann endlich kam Monique und hakte sich lachend bei ihm unter. Die Nacht war noch jung.

Heinrich zwickte es eindeutig im Schritt. Er mußte nur an die feuchte Mutz von Monique denken, die sie seinem Blick dargeboten hatte. Und jetzt quasselte der Deibel persönlich schon wieder auf ihn ein, kaum daß er mal ein paar Minuten schweigend am Fenster gestanden hatte. Er schien alles ihn und Adam Bernd Betreffende bereits zu wissen, auch daß er dem Prediger in die Vorstadt zum Hospital gefolgt war. Ich muß also vorsichtig sein in Zukunft, dachte Heinrich, sehr vorsichtig! Und zu unterwürfig durfte er natürlich auch nicht sein, das war klar. Also nahm er allen Mut zusammen und verlangte nach dem Mädchen, am besten Monique, denn versprochen ist versprochen, sagte er. Ich bringe euch eine, erwiderte Meister Urian grinsend, die hat auch ein Loch, wie es euch gefällt. Und so wählerisch seid ihr ja nie gewesen, nicht wahr, Herr Heinrich Holzkötter aus Schwerte an der Ruhr. Dann verschwand der Meister und kam nach wenigen Minuten mit einer jungen Göre zurück. Nehmt diese, sagte er zu dem immer noch verblüfft dreinschauenden Heinrich, aber hängt mir das Mädchen nicht auf, gleich wie herum! Dann verschwand er laut lachend, während die Hure schon an seinen Hosen herumnestelte. Es war die selbe, die damals aufs Rathaus gebracht worden war, während er sich hinter der Wandverkleidung versteckte. Hoffentlich ist das kein schlechtes Omen, dachte er.


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*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

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