Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)* Kapitel achtzehn: Die Schriften des Adam Bernd

Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel achtzehn:

Die Schriften des Adam Bernd

Statt des Predigers fand Heinrich am nächsten Vormittag diesen Knaben in der Wohnung vor, der sich soeben gierig über eine Schale Rosinen hermachte. Er ließ sich keineswegs stören und beachtete Täubenfüßer kaum. Der Herr Magister sei noch in der Peters-Kirche, sagte er nach einer Weile ungefragt, er solle nur warten. Nun gut, dachte Heinrich, warte ich eben. Auf seine beiläufige Frage, wann Adam Bernd denn käme, er wolle ja nicht ewig hier herumsitzen, zuckte der Junge nur mit den Achseln, wohl gegen die Mittagsstunde, er habe nichts Genaues gesagt. Dann stopfte er sich noch einige Rosinen in den Mund und verkrümelte sich, die Tür hinter sich zuwerfend, die Heinrich aber sofort wieder einen Spalt öffnete, sicher ist sicher. Er sah sich um. Auf einem Bord standen allerlei Tiegel und Fläschchen unterschiedlichster Machart, die seine Neugierde reizten, von sehr klein und schlank bis groß und bauchig. Da sie alle ohne Aufschrift waren, zog Heinrich die Korken heraus und roch vorsichtig daran. Die ersten waren ohne Zweifel irgendwelche feinen Öle, in einem Tiegel fand sich eine Paste, die etwas seltsam roch. Als er aber eine kleine Flasche, die hinter den anderen gestanden hatte, öffnete, wußte er sofort, was das ist. Äther! Einer seiner früheren Stubengenossen hatte nämlich unter schweren Schlafstörungen gelitten, den Geruch also kannte er genau. Am Ende war der Kerl unter Qualen verreckt, das jedenfalls nahm Heinrich an, denn ihm war schon nach wenigen Wochen des Ätherschnüffelns das Blut nur so aus dem Rachen und der Nase und aus den Augen gequollen und dann sogar, weil er das Zeug vor lauter Verzweiflung schließlich trank, aus dem Arsch. Eines Tages war er fort gewesen, eine Blutspur führte die Treppe hinunter bis in den Hof und die Gasse, um sich dann zu verlieren. Erstaunlich, daß ein Prediger so ein Teufelszeug besitzt, dachte Heinrich und drückte den Korken wieder in den Flaschenhals.

Er sah sich weiter um. Ein Stoß Papier lag auf dem Stehpult, das oberste Blatt war schlicht mit „Der Selbstmord, eine Schrift des Oberkatecheten und Predigers der Peters-Kirche in Leipzig, Magister Adam Bernd“ überschrieben. Darunter fanden sich in einer sehr kleinen Handschrift ein paar Dutzend Stichworte, Zorn-Bild, Buß-Kampf, nimio pietatis studio / excessu versus defectu, Actum reflectum des Unglaubens und so weiter,  teilweise unter-, manchmal auch durchgestrichen, ja einige Worte waren wütend im Zickzack unkenntlich gemacht. Das Stichwort Schlafstörung fand sich allerdings nicht, doch er würde es ja mitbekommen, wenn es denn eine Rolle spielt, dachte Heinrich. In jedem Fall war alles vorbereitet, so schien ihm, als er den Stapel mit Drucken unter dem Pult bemerkte, offensichtlich, wie er schnell erkannte, vor allem Flugblätter mit allerlei kleinen Geschichten, die die Gläubigen vom Selbstmord abhalten sollten, etwa die eines Melancholicus, der sich aus dem Fenster direkt in die Höllen stürzte. Ein Bild illustrierte die Angelegenheit mitsamt der Flammen und dem Kessel mit siedendem Öl für alle, die des Lesens nicht mächtig sind. Heinrich war keineswegs überrascht, er selbst hatte viele solcher Flugblätter und Broschüren in der Hand gehabt. Er kramte nun seinen Zeitungsausschnitt über den holländischen Prediger heraus und schob ihn in den Stapel, denn wer weiß, dachte er, vielleicht würde das Exempel eines Theologen, der sich tatsächlich umgebracht hatte, das Faß ja irgendwann zum Überlaufen bringen!

Heinrich öffnete das Fenster und sah hinunter in die Gasse und hinüber zum Peterskirchhof, von dem, wenn er sich hinausreckte, ein kleines Stück zu sehen war. Auch von dort würden die Menschen herangelaufen kommen, dachte er, wenn Adam Bernd blutüberströmt und mit verrenkten Gliedern seinen letzten Atemzug tun würde. Er sah ihn dort geradezu unten liegen, die starren Augen nach oben auf ihn, Heinrich, gerichtet, und das Letzte, was der Magister Adam Bernd auf Erden sehen würde, wäre das lachende Antlitz seines Schreibers. Ein Schaudern durchlief ihn. Ah, da seid Ihr ja, hörte er plötzlich hinter sich sagen. Er hatte den Prediger nicht kommen hören, so sehr war er in seine Träumereien versunken gewesen. Der Tote unten in der Gasse war nun also unversehens zum Lebendigen geworden. Heinrich drehte sich um und begrüßte den Prediger, der bester Laune zu sein schien. Ich hoffe, begann er, Ihr seid firm, wenn es um das Thema des Selbstmords geht, zumindest ein wenig, es ist ja jetzt in aller Munde. Ich selbst habe viel darüber nachgesonnen und es vor Jahren schon in mancher Predigt verwendet. Es schadet nichts, ein wenig über die Sache zu sprechen, bevor wir mit dem Diktat beginnen. Sagt mal, habt Ihr die ganzen Rosinen gegessen?

Die Aufgeräumtheit des Predigers war allerdings nur eine zur Schau gestellte, denn der Anblick dieses Täubenfüßers, wie er da so am Fenster stand, gab ihm einen Stich. Nicht nur, daß er nach wie vor befürchtete, der Rat der Stadt, oder gar die theologische Fakultät, hätte diesen Menschen auf ihn angesetzt, nein, da war zu allem Überfluß auch noch die Sache mit der Zeichnung. Er sah sich seinen neuen Schreiber, der eben dabei war, einige Federn zurechtzuschneiden, noch einmal genau an und versuchte, sich die Bartstoppeln wegzudenken und die Züge ein wenig zu glätten. Da ist ohne Zweifel, stellte er fest, eine gewisse Ähnlichkeit mit Cara! Doch genug davon, er würde sich die Zeichnung später, nach dem Diktat, noch einmal ansehen, das nahm er sich vor, während er nun drei, vier Schmierblätter hervorkramte, auf die er heute morgen einige Gedanken hingekritzelt hatte. „Das nun also ist mein neues Leben“, las Adam, „ich habe eine gute Stellung und einen guten Verdienst, ich kann meine Schriften einem Schreiber diktieren und sie drucken lassen. Das ist gut, doch muß ich nicht auch aller Welt, wie unter Zwang, ständig zeigen, wie zufrieden und zuversichtlich ich bin? Selbst wenn davon keine Rede sein kann?“ Das geht mir seit Tagen nicht aus dem Kopf, dachte er, an dem wartenden Heinrich vorbei zu dem kleinen Stück Himmel hinausspähend, und selbst als ich den Katechismusunterricht eröffnete heute morgen, habe ich den Widerspruch deutlich gespürt – der federnde Schritt, mit dem ich den Raum betrat, das frohe Antlitz, die gestenreiche Ansprache, all dies steht doch im krassen Gegensatz zu meinem seelischen Befinden! Natürlich könnte ich die Milz und die Säfte dafür verantwortlich machen, und sicher haben sie ihren Anteil, doch eigentlich ist es doch die Angst, die Furcht, dieses bestimmte Thema nun wirklich aufzugreifen, eine Schrift zu verfertigen, die Menschen aufzuklären über die Macht des Bösen in ihrem Innern, ihnen Mittel an die Hand zu geben, die Selbsttötung zu verhindern. Nun ja, sann er weiter, das ist mein Thema, über das nachzudenken mir aufgegeben ist, von Gott, vom Teufel ­– oder aber von meiner eigenen Natur. Ob vielleicht die Natur insgesamt Gott ist? Auch darüber dachte er nun schon seit langer Zeit nach. Ein holländischer Jude, ein philosophierender Linsenschleifer, hatte dies geschrieben, jedenfalls war ihm das von einem reisenden Großkaufmann, der zwischen Zweifel und Bewunderung hin und her schwankte, recht ausführlich berichtet worden. Es gäbe da eine umfangreiche lateinisch verfaßte Schrift dieses Menschen, die ein Freund von ihm besitze und die noch nicht öffentlich sei. Gegen diese Ansichten des Juden spricht vieles, überlegte Adam nun weiter, dem wartenden Heinrich freundlich zunickend, das war leicht einzusehen, doch einigen dieser Ansichten stimme ich auch ausdrücklich zu! Es sind zwar nicht die heidnischen Götter, die ihr Unwesen treiben in der Welt, so weit gehe ich nicht, doch auch der Mensch ist ja Natur, er besitzt seine eigene und ist beseelt auf seine eigene Weise. Wird denn nicht der eine Baum groß und stattlich, der andere klein und krüppelig, selbst wenn sie beide Buchen oder Eichen sind, im selben Wald stehen und in die selbe Erde ihre Wurzeln strecken? Ich selbst bin, dachte er, oft ein krüppeligtes Wesen, nicht stark genug, um zum Licht hin emporzuwachsen, auch wenn ich manchesmal ganz im Gegenteil all die Stärke in mir spüre, die notwendig ist, ein geistliches Amt auszuüben, die Menschen zu leiten und zu trösten, wenn sie dessen bedürfen. Der Mensch kann wohl immer beides sein, stark und schwach zugleich, im selben Leben, vor allem aber schwach, man denke nur an all die unschuldigen Seelen, sie schwanken wie Schilf im Wind, so wie dieser arme Mann, den ich kürzlich erst besuchte, nachdem er zum wiederholten Male sich das Leben zu nehmen versucht hatte. Nur der Mensch allein ist zu solch einem Tun in der Lage, nur der Mensch! Ein falscher Schritt, ein verwegener Sprung, ein kurzes Verweilen in der Gefahr, mehr bedurfte es nicht, seine Seele zum Teufel zu schicken!

Laßt uns nun beginnen, sagte er zu Heinrich, der, aus seinen Gedanken gerissen, hochschreckte, sofort aber die Feder eintunkte. Er war bereit – lange schon. Die beiden Männer sahen sich an. Unvermutet stieg ein gewisser Stolz in Heinrich auf, denn er schrieb nun nicht mehr einfach Dokumente ab, mit denen etwa der Bibliothekar andere betrügen wollte, nein, er war nun wirklich und wahrhaftig Schreiber. Längst vergangene Bilder tauchten in ihm auf, der Marktplatz in Schwerte, seine Mutter, die blöde und mit stierem Blick umherging, dann auch Andreas Alberti, schließlich Thorbecke, seine Frau und die Tochter Emilia, für die er Liebesbriefe zu schreiben hatte, die ihm zu Diensten gewesen ist. Was lächelt ihr, hörte er Adam Bernd sagen, doch auch dieser lächelte, so daß sich mit einem Male zwei Männer im Haus des Herrn Draten, dem Knopfmacher am Alten Neumarkt, Ecke Peterskirchhof, gegenüberstanden, deren einer sich rächen wollte am anderen, indem er ihm die Furcht vor dem Selbstmord eingab, während eben dieser Furcht vor seinem neuen Schreiber hatte, wenn auch nur aus dem Grund, in ihm womöglich einen Spitzel der theologischen Fakultät vermuten zu müssen. Heinrich schüttelte den Kopf. Nichts weiter, sagte er, nur Erinnerungen. Wir können beginnen.

Der Prediger hob nun also, die Notizen in der Hand, mehrere Male zum Diktat an, stockte aber immer wieder nach drei, vier Worten. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Wir beginnen auf eine andere Weise, sagte er endlich, aufstehend und zum Fenster tretend. Laßt uns zunächst darüber sprechen, Täubenfüßer. Habt Ihr einen Menschen gekannt, der Selbstmord verübte? Heinrich steckte die Schreibfeder zurück in die Vase. Er wurde knallrot und sah zu Boden. Natürlich, das war die Gelegenheit, die Geschichte Caras, soweit er sie kannte, oder zu kennen glaubte, zu erzählen. Doch sollte er dies tun, sollte er ihren Namen nennen, jetzt sofort, um dann dem Prediger endlich die Schuld am Tod der Schwester zu geben, es ihm deutlich zu sagen? In seinem Kopf verwirrte sich alles, er atmete flach und schnell. Ja, begann er schließlich mit einer seltsam belegten Stimme, ich kannte einmal ein junges Mädchen, von einem Unmenschen in andere Umstände gebracht, die hat sich ertränkt. Ihr Name war Anna. Hatte er nicht Cara sagen wollen? Erzählt mir davon, sagte Adam Bernd ernst.

Eine gute Stunde später machte sich der Prediger auf den Weg zur Kirche und bat Heinrich, morgen um die selbe Zeit gegen die Mittagsstunde zu ihm zu kommen. Zunächst werde er dann seine eigenen Gedanken zum Selbstmord diktieren, allein schon, um wenigstens einmal begonnen zu haben. Wie Heinrich aus ihrem Gespräch sehen könne, sei die Angelegenheit schwierig. Die Drucklegung der Schrift, eigentlich schon terminiert, müsse ohnehin verschoben werden, das sei ihm nun klargeworden. Eine andere, weit fortgeschrittene Schrift werde nun vorgezogen werden müssen, eine, die er bereits zu seiner Zeit an der philosophischen Fakultät begonnen habe und die er einem Herrn Hacke diktiere, den er lange schon kenne. Ich bin also in der beneidenswerten Situation, zwei Schreiber zu haben, für jede wichtige Schrift einen, sagte er lächelnd, sich schon die Perücke überstülpend und vor dem kleinen Spiegel zurechtzuppelnd, nun aber müsse er los, wenn Heinrich seinem Verleger Heinsius noch die Nachricht überbrächte, daß die Schrift über das Übel des Selbstmords sich verzögere, während die andere Schrift zu dem eigentlichen Termin der ersteren abgegeben werden könne, sei er ihm sehr dankbar, es stürze im Moment viel auf ihn ein, er habe keine Zeit, selbst dorthin zu gehen. Heinrich versprach es, verabschiedete sich unten in der Gasse vom eilig davongehenden Prediger und schlenderte dann langsam Richtung Markt. Er dachte scharf nach, immer wieder stehenbleibend und die Bartstoppeln reibend, denn er war durchaus nicht sicher, ob er all die neuen Informationen an Meister Urian weitergeben sollte. Wüßte Urian zum Beispiel über die Sache mit der anderen Schrift bereits Bescheid, überlegte Heinrich, so würde ich ihm damit meine Zuverlässigkeit beweisen, weiß er jedoch nichts darüber, sorgt aber eben wegen meiner Information womöglich dafür, den Prediger bald schon aus Leipzig auszuweisen, so wäre ich meine Stelle als Schreiber gleich wieder los. Und sage ich nichts, während er von der Sache weiß und zudem erfährt, daß ich Kenntnis darüber habe, bin ich die längste Zeit in Diensten Meister Urians gewesen, würde dann aber meiner Stelle als Schreiber trotzdem verlustig gehen, wenn der Prediger Leipzig verlassen müßte. Er wäre ja beileibe nicht der erste, dem das passiert, denn wenn ich alles richtig begreife, dachte er weiter, so ist es ja bei jedem Bespitzelten das alleinige Ziel, ihn zum Verlassen der Stadt zu zwingen. Heijeijei, sagte Heinrich laut vor sich hin, völlig verwirrt wegen dieser für ihn ungewohnten Gedankendichte, das ist alles nicht einfach. Am besten ginge er erstmal in ein Wirtshaus, Leib und Seele zu stärken. Gesagt, getan.

Heinrich überbrachte wie gewünscht die Nachricht Adam Bernds aber noch am selben Abend und fand in dem Verleger Johann Samuel Heinsius keineswegs, wie er ziemlich sicher erwartet hatte, einen mürrischen Buchhändlertypus vor, sondern einen herzlichen, zu Späßen aufgelegten Kautz, der ihn sofort hereinbat, um ihm seine neuesten Errungenschaften zu zeigen, nämlich Druckplatten für allerlei Kartenspiele. Sieht die Obrigkeit wahrlich nicht gern, sagte er, doch es läßt sich so mancher Taler damit verdienen. Nennt mich übrigens einfach Samuel. Ein Gläschen gefällig? So etwas hatte Heinrich in all den Jahren in Leipzig nicht erlebt, meist stieß er auf Ablehnung und Mißtrauen. Daß die Schrift über den Selbstmord sich verzögere, das nähme er nicht allzu tragisch, sagte Heinsius, da müßten die Selbstmörder eben noch ein wenig warten! Zwei, drei Stunden später wankte Heinrich dann nach einigen Bechern Wein ein wenig betrunken über den Markt, entschloss sich aber trotzdem, noch etwas bei Johann trinken zu gehen – immer noch war da ein Gedanke in seinem Schädel, denn was wäre gewesen, überlegte er wirr, wenn er statt von Anna von seiner Schwester erzählt hätte? Ja, was wäre dann gewesen?

Der Herr Draten, ein dünnes Männchen mit kleinen Äuglein, immer in einem alten grauen Rock, hatte den Prediger der Peters-Kirche, als der aus derselben zurückkam, in seine Knopfmacherwerkstatt gebeten und dann fast eine Stunde aufgehalten. Diesmal ging es nicht um die Miete, sondern um sein eigenes Seelenheil. Das natürlich wollte er möglichst preiswert, am besten umsonst bekommen, so daß alles auf eine Art Beichte hinauslief, an deren Ende die Freisprechung von allen Sünden stehen sollte. Adam Bernd, der zuletzt erst während des Ausmistens vor seinem Umzug die Schriften zum Berliner Beichtstuhlstreit noch einmal durchgesehen und all die Broschüren und Flugblätter schließlich ins Feuer geworfen hatte, erklärte dem Knopfmacher, die Ohrenbeichte sei nun allein Sache der Papisten. Ausnahmen gäbe es nur in sehr ernsten Fällen. Dennoch tischte ihm der Knopfmacher, beständig flüsternd und ihn von unten anblickend wie ein Hündchen, allerlei Geschichten auf, in denen es vor allem um Betrügereien im Verwandtenkreis ging, harmlos allesamt, wie Adam fand. Er sagte ihm schließlich ein paar gute Worte und stieg entschlossen die Stiegen hinauf, mit jedem Tritt abfälliger über diesen Hanswurst denkend. Als er oben auf dem letzten Treppenabsatz stand, wäre er am liebsten hinuntergestürmt und hätte den Kerl erwürgt, diesen blöden kleinen Schisser von einem Angsthasen! Woher diese bösen Gedanken kamen, wußte er nicht, er war müde und es war ja auch überhaupt kein guter Tag gewesen, beileibe nicht. Ein Stündchen wollte er sich nun aber noch seinen Notizen zuwenden, um dem Täubenfüßer morgen diktieren zu können. Das wollte er noch schaffen, denn was sollte sein neuer Schreiber sonst von ihm denken! Ein Prediger muß immer eine gute Rede führen, sonst dürfte er seine Berufung verfehlt haben, und von einem Mann in seiner Position erwartete man denn ja auch die ein oder andere Schrift, Predigtsammlungen und Tractate. Es gab zwar schon einiges aus seiner Feder, doch nun ging es ans Eingemachte, denn jetzt würde man ihm, da er dieses Amt innehatte, endlich zuhören!

Aus der Wohnung unter ihm war Stimmengewirr und Gesang zu hören. An schlafen war also ohnehin nicht zu denken, und auch eine noch so kleine Menge Äther wollte er nicht nehmen, vor allem da er zuletzt keineswegs davon eingeschlafen war, sondern nur von seltsamen Gedanken und Gesichten heimgesucht wurde und sich dann auch noch erbrochen hatte. Da war also höchste Vorsicht angeraten, das hatte ja auch der Apotheker Soderberg mehrmals betont. Nun gut, er würde also versuchen, noch ein wenig zu arbeiten. Er nahm einen Packen Papier aus einer kleinen Truhe, die unten im Kleiderkasten stand. Auch hier fand sich noch das ein oder andere Blatt, das fein säuberlich ins Diarium übertragen werden mußte, nach dem Tag der Niederschrift geordnet. Er nahm einige Blätter heraus und las ein wenig. Auf einem Schmierblatt fand er den Entwurf für eine Predigt. Und wenn, las er laut, in Leipzig die Huren alle solche Furcht vor der Hurerei kriegten, so daß sie alle ihr Hab und Gut hergäben, nur damit sie versichert wären, daß sie diese Sünde, vor welcher sie sich so sehr fürchten, nicht begehen würden, so wie andere Leute Furcht vor dem Selbstmord haben, so sollten die Huren gar bald alle werden. Er lächelte schief, denn er war sich ganz und gar nicht sicher, ob alle Huren Furcht vor der Sünde der Hurerei hätten. Doch um diese Furcht ging es ihm nicht, sondern um die vor dem Selbstmord, die er ja weiß Gott selbst manchesmal verspürt hatte, die Furcht, sich unwillkürlich aus dem Fenster oder in ein reißendes Gewässer, in einen Abgrund, vor eine heranrasende Kutsche oder in ein Mühlrad zu stürzen. Wäre ich nicht, dachte er, als Melancholicus selbst betroffen, so ließe sich natürlich leicht eine gelehrige Schrift verfassen, auch ohne Schreiber, der, ja, der auf ihn aufpassen würde! Das wurde ihm jetzt erst richtig klar! Griffe ihn das Thema zu sehr an, denn wer weiß, vielleicht käme der Impuls während des Diktats über ihn, dann konnte ihn doch nur sein Schreiber davon abhalten, sich aus dem Fenster zu stürzen! Oder war das übertrieben? Dieser Täubenfüßer wäre dann ja in gewisser Hinsicht seine Lebensversicherung! Das war verrückt, natürlich, und ob dieser Kerl dafür der Richtige ist, ob er überhaupt erkennen würde, was er zu tun habe, wußte Adam Bernd nicht, denn ausdrücklich auftragen wollte er ihm natürlich nichts. Er würde mich für wahnsinnig halten, dachte er. Er nahm nun noch einmal die Zeichnung hervor, verdeckte mit der gekrümmten Hand die Haare, und tatsächlich sah ihn Heinrich Täubenfüßer an. Nahm er die Hand fort, war es Cara. Konnte das ein Zufall sein, und sollte er Heinrich deswegen befragen? In der Wohnung unten verabschiedete man sich lautstark. Auch er würde jetzt zu Bett gehen. Morgen, das nahm er sich fest vor, wollte er mit dem Diktat beginnen.

Er will mir eine Schrift über das Übel des Selbstmords diktieren, sagte Heinrich zur selben Minute, damit seine Schäfchen sich wappnen können gegen diese Sünde. Er nahm einen Schluck Bier und sah, ein wenig von unten durch die eigenen Augenbrauen hindurch, sein Gegenüber an. Das mit der anderen, weit fortgeschrittenen Schrift und diesem anderen Schreiber namens Hacke erwähnte er nicht, das hatte er inzwischen entschieden, das konnte warten. Meister Urian nickte unfreundlich und sagte keinen Ton. Was hat er, dachte Heinrich, erwartet, nach so kurzem Dienst. Überhaupt war nicht einmal von einem Lohn die Rede gewesen, denn als Lampenwächter konnte er schließlich nicht mehr arbeiten, zwei oder drei Mal die Woche, wo er doch nun Schreiber Adam Bernds war und zugleich dem Meister Urian zu Diensten. Dieser saß ihm nun schon länger schweigend gegenüber und paffte, den Rummel im Goldenen Hahn beobachtend, seine Pfeife. Dann aber wandte er sich plötzlich wieder Täubenfüßer zu. Seid ihr, fragte er schief grinsend und ohne die Pfeife aus dem Mund zu nehmen, zufrieden gewesen mit der Berliner Göre letztens? Heinrich verstand durchaus, denn das sollte wohl so etwas wie sein Lohn sein. Er nickte. Ach ja, und noch was, sagte der Meister, schon im Aufstehen begriffen, haltet mir diesen jungen Kerl vom Leib, mit dem unsere kleine Französin angebändelt hat, denn ich möchte nicht, daß dem Früchtchen etwas zustößt. Eifersucht und jugendlicher Überschwang sind im Spiel, Ihr versteht schon. Damit war er verschwunden.

Wenig Stunden später quälte sich Heinrich in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett, denn er hatte bei seiner Rückkehr aus der Schenke eine nicht unterzeichnete Nachricht vorgefunden. Sein Stubengenosse schnarchte noch immer wie ein Wildschwein, als er bereits das Haus verließ. Müde und innerlich fluchend ging er zum Alten Neumarkt, denn dort werde er am frühen Morgen erwartet, beim Knopfmacher, so die Aufforderung. Vom Prediger konnte sie natürlich nicht sein, das war klar. Im Treppenflur kam ihm der Hausbesitzer, Herr Draten, dann auch schon mit seinen kleinen trippeligen Schritten entgegen. Heinrich stellte sich sogleich, das würde er jetzt immer so machen, als Schreiber des Oberkatecheten und Predigers Adam Bernd vor. Er wurde von Draten sehr höflich auf einen Kaffee hereingebeten, und ob er schon etwas gegessen habe, er müsse ihm einige wichtige Dinge mitteilen. So komme ich immerhin zu einem Frühstück, dachte Heinrich, das ist ja nicht das Schlechteste, wenn ich schon zu solch früher Stunde unterwegs sein muß. Nun, es geht, wenigstens in sekundärer Weise, um den hochverehrten Herrn Prediger, begann Draten bald gestelzt, nachdem er, der Kaffee komme gleich, noch zwei dicke Scheiben Brot und eine halbe Blutwurst vor Heinrich hingelegt hatte, der ja nun, wie ihr wißt, im obersten Stockwerk meines Hauses eine Wohnung bezogen hat, weil das Pfarrhaus noch hergerichtet werden muß. Ein Prediger hat es schwer, und so ist es nicht verwunderlich, daß man manchmal meinen könnte, der Herr Bernd ringe mit dem Deibel persönlich. Kurz und gut, das junge Paar nebenan hat Beschwerde eingelegt, die Lebensfreude würde er ihnen vergällen, doch was solle er machen, da ist ja meine Tochter mit dem Kaffee, der Prediger sei ja jetzt ein berühmter Mann, da könne er, ein kleiner Knopfmacher mit einem alten Haus, nichts tun. Das Paar jedenfalls sei inzwischen ausgezogen, denn der Prediger spreche ja wirklich und tatsächlich halbe Nächte vor sich hin, zudem feiere man im Stockwerk unter ihnen, das beklagten sie auch noch, über die Maßen, der Abort stinke, was aber natürlich nicht gänzlich zu verhindern ist, Herr Daubenfuß, das weiß ja ein jeder, in den Wänden seien außerdem die Mäuse und so weiter. Er sei jedenfalls, sagte Draten, der sich ein wenig in Rage geredet hatte, froh, solch unzufriedenes Pack los zu sein, und da nun die Wohnung neben der des Predigers leer stünde, könne er, Heinrich, heute noch einziehen! Das also war der Grund, warum er hierherbestellt worden war! Wegen der Miete macht euch keine Sorgen, schloß der Knopfmacher lächelnd, die ist bereits für ein halbes Jahr im vorausbezahlt. Heinrich staunte und verstand, sah Draten sicherheitshalber aber trotzdem verständnislos an. Dieser zuckte nur mit den Schultern, zwei Bedienstete der Universität hätten ihm die Summe im Namen der theologischen Fakultät ausgezahlt, gegen eine Quittung selbstverständlich, so daß alles in Ordnung sei, er müsse sich wirklich keine Sorgen machen. Heinrich schnitt sich noch ein Stück von der Wurst ab. Nein, Sorgen machte er sich beileibe nicht. Für Adam Bernd aber sieht es nicht gut aus, dachte er und kaute vor sich hin.

In der Wohnung war niemand. Heinrich hätte Wetten darauf abgeschlossen, Meister Urian hier vorzufinden. Nicht einmal der Geruch sein Pfeifentabaks lag in der Luft. Ein Bett mit Matratze, einem alten Kissen und einer Decke, ein Nachtgeschirr, eine Truhe, ein Krug, zwei Becher, zwei alte Stühle und ein wackeliger Tisch, das war alles, was er vorfand, doch so gut hatte er sein Lebtag nicht gewohnt. Selbst der Ofen sah aus, als würde er im Winter seine Funktion erfüllen. Das einzige Bild zeigte unter Glas ein verblaßtes Wappen, irgendeines, er kannte es nicht, mit einem lateinischen Spruch, Cooperatores veritatis. Er nahm es ab, und wieder hätte er eine Wette verloren, denn da war keineswegs, wie er gedacht hatte, ein Beobachtungslöchlein. Nun gut, man muß die Dinge nehmen, wie sie kommen, dachte er und legte sich aufs Bett, um auch sofort einzuschlafen.

Gegen Mittag kam der Magister die Treppe hochgestapft und traf Heinrich, der ihn hatte kommen hören, vor der Tür wartend an. Herr Draten sagte mir bereits alles, begann er aufgeräumt, das vereinfacht unsere Arbeit erheblich, doch Heinrich sah, wie unwohl, ja elend sich der Prediger fühlte. Er fragte sich, ob Draten dem Prediger die selbe Version erzählt hatte und ob er nun also folglich ahnte, daß sein Schreiber auf ihn angesetzt war? Leid aber sollte ihm Adam Bernd nicht tun, denn war er nicht mehr oder weniger ein Scheinheiliger, der Wasser predigte und Wein soff, der Cara, die geliebte Schwester, in den Tod getrieben hat! Er sah sie wieder wie ein Häuflein Elend in der Stube des dritten Predigers in Schwerte liegen. Wer weiß, wie Bernd das arme Mädchen dazu gebracht hatte, mit ihm den Beischlaf zu vollziehen, doch selbst wenn sie auch nur eine Hure gewesen ist wie all die anderen, sie war doch seine Schwester! Das muß ich mir immer wieder sagen, dachte er, hinter Bernd dessen Wohnung betretend, damit mein Haß nicht nachläßt, damit er brennt wie das Höllenfeuer selbst! Wollen wir also beginnen, sagte der Prediger leise und warf seine Perücke auf den Tisch, daß es nur so staubte, mit Gottes Beistand und Segen. Zunächst sind da einige Briefe, dann beginnen wir mit dem Tractat zum Übel des Selbstmords. Habt ihr die Nachricht über die Verzögerung Heinsius überbracht, fragte er noch, worauf Heinrich berichtete. So sprachen sie noch eine Weile über Heinsius und seine Eigenheiten, dann aber erklärte Bernd plötzlich, die Briefe könnten übrigens warten, das Tractat habe Vorrang, man wolle nun beginnen. Heinrich zog also den Kork aus dem Tintenfaß, nahm eine Feder zur Hand, spitzte sie an und tunkte ein. Nummeriert die Seiten bei jedem Diktat neu und schreibt auf jedes Blatt das Datum, sagte der Prediger, das Zusammenfügen der Chronologie nach werde ich am Ende vornehmen, denn ich werde immer das diktieren, was mir eben in den Sinn kommt. Das wird das Beste sein. Er atmete tief ein und aus, tat ein paar Schritte und stellte sich dann mit dem Gesicht zur Tür. Nun, sagte er, beginnen wir. Schreibt also: Ich erlitt einen Rückfall in schwere Anfechtungen, die von der Magd der Frau Schultzin, die auf dem roten Collegio ihre Stube neben der meinen hatte, ausgelöst wurden. Ob sie in Kleinigkeiten etwa untreu gewesen sein mochte, wie einige später sagten, weiß ich nicht, und kann das auch nicht glauben. Sie sorgte sich aber über das Zukünftige und machte sich ängstliche Gedanken, wenn die Frau Schultzin sterben oder sie selbst beständig krank sein sollte, wer sie dann aufnehmen würde. Diesen und anderen Gedanken mehr hatte sie so lange nachgehangen, bis ihr Herz wie ein Stein und ihr Haupt ganz verwüstet war. Sie bekam Gedanken vom Selbstmord, was ich aber nicht sofort erfahren habe. Und obgleich sie schon nach einigen Wochen wieder ausging, so trug sie doch das Gift bei sich, womit sie sich vergiften wollte, und sie erzählte herum, ohne daß ich davon Kenntnis hatte, wie sie sich oben im roten Collegio hatte herunterstürzen wollen, sie aber immer auf eine wunderbare Weise und durch gutes Zureden daran gehindert worden sei. Auch ich selbst hatte dergleichen Plage schon oft gehabt, vor allem zu Beginn meiner Studien, war aber, so glaubte ich bis dahin, davon geheilt. Doch als ich hörte, daß die Magd von solchen Gedanken und Verwirrungen betroffen war, durchfuhr es mich immer, wenn ich sie nur sah, ja ich bekam selbst die größte Angst und mußte mich fernhalten von den Fenstern, rasenden Kutschen und den Mühlrädern.

Bernd schwieg eine Weile und setzte sich dann an den Tisch. Verzeiht mir, Täubenfüßer, sagte er schließlich leise mit belegter Stimme, die Erinnerung an eigene Nöte hat mich übermannt. Es mutete an wie ein Sturm in meinem armen Kopf. Gebt mir einen Moment. Heinrich nickte ihm zu und begann damit, Federn zurechtzuschneiden, auch wenn sie schon beschnitten waren. Er versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, denn was wollte er denn schließlich mehr, fragte er sich, als daß dieser Mann hier litt wie kein zweiter, ja, seit jenen Tagen in Schwerte wünschte er sich, er möge sich eines Tages aus dem Fenster stürzen, sich ein Messer in den Leib rammen oder Gift saufen und elendig krepieren. Und jetzt hatte er fast Mitleid mit ihm! Nicht mal mit der bravsten Hure hatte er wirklich Mitleid gehabt, auch nicht mit Jean, dem Schwein, oder mit Knu. Er hatte überhaupt nie Mitleid gehabt, mit niemandem. Wie käme er dazu! Er stellte sich ans Fenster und wartete, dann aber lief er sogar, auf die Bitte des Predigers, die Treppen hinunter, um Dratens Tochter, dieses blatternarbige, häßliche Weibsstück, das er kaum anzusehen vermochte, so häßlich war sie, um einen Aufguß von Sassafras zu bitten. Während er in der Werkstatt beim schweigend vor sich hinarbeitenden Knopfmacher wartete, dachte er nach über das eben Erlebte, er mußte jetzt einen klaren Kopf bekommen. Wie sehr nur ein Gedanke, überlegte er, eine Erinnerung den ganzen Menschen ins Wanken bringen kann! Und wie überaus schwer mußte es sein, über seine eigene Vergangenheit nachzusinnen und zu schreiben, also alles noch einmal, in Gedanken und im Gemüt, zu durchleben? In der Bibliothek waren ihm etliche Lebensbeschreibungen untergekommen, einige sehr alte, die kaum mehr als ein durch und durch gottgefälliges Leben aufzeigten, wer’s glaubt wird selig, hatte er sich immer wieder gesagt, dann aber auch einige neuere Werke, die ein wenig Einblick in das Seelenleben gaben. Eines Tages, so dachte er jetzt, ja, warum eigentlich nicht, würde er selbst sein Leben aufschreiben, bliebe ihm nur die Zeit dazu! Denn ist mein Leben, sagte er sich, nicht ebenso wichtig wie das irgendwelcher hohen Herren?

Herr Magister, seid ihr noch hier? Keine Antwort. Heinrich stellte die Kanne auf den Tisch. Sein Herz schlug mit einem Male schnell und heftig, bis in den Hals hinein spürte er das Pochen. Das Fenster stand immer noch weit offen. Er rief noch einmal. Wieder nichts. Sollte sich der Prediger etwa hinuntergestürzt haben? Doch dann müßte doch Aufruhr sein dort unten, dachte er. Aber was wußte er schon! Vielleicht trat ja auch Totenstille ein, wenn so etwas geschah. Er riß sich zusammen und ging die paar Schritte, steckte den Kopf mit geschlossenen Augen hinaus und öffnete sie. Eine Kutsche fuhr langsam Richtung Markt, zwei, drei Kinder, die, sich jagend, Richtung Peterskirchhof liefen, ein Handwerksbursche mit einer Magd, die einen leeren Korb bei sich trug. Nein, da liegt niemand tot auf dem Pflaster, dachte er. Als er ein Hüsteln hinter sich hörte, fuhr er heftig zusammen. Der Prediger entschuldigte sich, er habe ihn nicht erschrecken wollen.

So als sei nichts weiter vorgefallen setzten sie sich an den Tisch, man müsse, so Bernd, der sich ganz geschäftsmäßig gab, den Kontrakt noch unterschreiben. Heinrich setzte also seinen Daubenfuß auf das Dokument, das ihm eine Entlohnung zusprach, die über der eines Lampenwächters lag, immerhin, insgesamt aber nicht eben üppig war. Doch er sagte nichts dazu. Dann fuhr der Prediger, der am Tisch sitzen blieb und in kleinen Schlucken den Aufguß trank, im Diktat fort. Er sprach leise, fast so, als sei ein Kranker im Zimmer, der nicht gestört werden sollte. Weil die Magd aber, diktierte er also weiter, nach einigen Monaten wieder schreckliche Dinge redete, ersuchte man mich nach einer Gastpredigt, die ich in Neuen Kirche gehalten hatte, ich möchte doch kommen und ihr, meiner Nachbarin, einen Trost zusprechen. Ich ging also hin, doch ihre entsetzlichen Reden, als wenn der Satan in ihr wäre, erneuerten meine Plagen, die ich schon überwunden glaubte. Ich erschrak also über sie, daß mir alle Glieder meines Leibes zu zittern und zu beben anfingen. Es war, als spräche der Satan selbst zu mir: Du unterstehst dich andere zu trösten, und steckst selbst im Kot der Sünden bis über die Ohren. Ich will sie verlassen und besser dich plagen! Ich konnte fast kein Wort mehr reden, besonders, da sie weiter abscheuliche Gotteslästerungen ausstieß. Ich blieb bei der Schultzin zum Essen, aber kein Bissen wollte mir schmecken, ging auch bald, am selben Tag noch, zu einer Predigt, konnte aber vor Angst kaum in der Kirche bleiben, ja ich fing schon an zu erschrecken, wenn mir Leute von häßlichem Angesichte entgegenkamen und dachte, daß es der Teufel selbst wäre. Ich wußte wohl, daß dem nicht so ist, doch ist es bei erfahrenen Lehrern eine bekannte Sache, daß man zu solcher Zeit und in dergleichen Zustand vor allen ungestalten Gesichtern erschrickt und dabei auf traurige und schreckliche Gedanken verfällt. Der Prediger schwieg eine Weile. Dann sagte er leise, er habe falsch angefangen mit der Begebenheit, das müsse noch geändert werden. Heinrich wagte nicht, aufzusehen. Schließlich aber bedankte sich Adam Bernd und entließ Heinrich bis zum Abend oder bis zum nächsten Tag, er gäbe ihm Bescheid.

Nun habe ich den Prediger bereits da, wo ich ihn haben wollte, dachte Heinrich, der hinüber in seine eigene Wohnung gegangen war, und zwar fast ganz ohne mein Zutun. Der Mode der Selbstmörderei sei Dank, murmelte er halblaut vor sich hin und grinste. Doch wer, das sagte er sich auch, wäre schon so unvernünftig und schickte seinen Dukatenscheißer zur Hölle? Wenn er es sich recht überlegte, so entlohnte ihn Adam Bernd nicht nur ganz anständig, er hatte auch zum ersten Mal im Leben eine gute Wohnung und konnte sich sogar gelegentlich eine Hure nehmen, selbst wenn diese Schlampampe von Monique ganz offensichtlich Meister Urian vorbehalten blieb. Was also wollte er für den Augenblick mehr, es war einiges erreicht, fast von heute auf morgen, und so wäre es natürlich denkbar ungünstig, wenn der Prediger nun überführt und aus dem Amt und aus der Stadt gejagt würde! Wenn ich also schlau bin, so halte ich alles in der Waage, das nutzt mir am meisten! Oder hatte er etwas übersehen, etwas nicht bedacht?

Von nebenan hörte Heinrich den Prediger noch eine Weile mit sich selbst reden. Die ein oder andere lateinische oder französische Phrase drang jetzt sogar laut durch die Wand, doch für ihn machte das alles so oder so keinen Sinn. Soll er doch reden, was er will, dachte er also und warf sich auf sein Bett. Am Abend wartete er dann lange wegen des Diktats, doch Bernd schien länger auszubleiben, und das hatte auch seinen Grund, von dem Heinrich aber nichts ahnte, auch wenn die Angelegenheit durchaus mit ihm zu tun hatte. Der Prediger war früh am Abend ins Hallische Viertel gegangen, um einem gewissen Peter Hacke, den er aus seiner Breslauer Jugendzeit kannte und mit dem er oft schon gearbeitet hatte, davon in Kenntnis setzen, daß er ihm die geplante theologisch-philosophische Schrift Einfluß der göttlichen Wahrheiten in den Willen und in das ganze Leben des Menschen bald schon würde weiter diktieren wollen. Hacke war zwar papistischen Glaubens, fühlte sich aber in Leipzig dennoch recht wohl, wie er immer wieder sagte, selbst wenn er als Schreiber mehr schlecht als recht entlohnt wurde. In jedem Fall aber war er für Adam eine vertrauenswürdige Person und bestens geeignet, als Schreiber für diese Schrift zu fungieren, denn die Vermengung des Theologischen und des Philosophischen war in dieser Stadt noch immer ein Risiko, anders als etwa in Breslau. Da sollte, bevor das Buch in der Buchhandlung des guten Heinsius lag, nichts nach außen dringen. Adam war nun sehr überrascht, als ihm der Hauswirt berichtete, der Herr Hacke sei spurlos verschwunden, mitsamt seinem wenigen Hab und Gut, vor Tagen schon, und gestern habe sogar ein Universitätsdiener gefragt, ob der Papist Hacke schon abgereist sei. Das alles sei ihm und seiner Frau ein Rätsel, aber er wäre doch der Prediger der neu eingeweihten Peters-Kirche, ob er nicht auf ein Glas hereinkommen möchte. So kam Adam an diesem Abend, nach einem sorgenvollen Gedankenaustausch mit dem Hauswirt, erst recht spät und ziemlich mißmutig zurück. Was sollte er jetzt nur tun, fragte er sich, die Schrift lag ihm am Herzen, denn sie faßte all das zusammen, was er in seinen philosophischen Kursen über Jahre hin gelehrt hatte, und die Gedanken flossen nun mal besser, wenn er diktierte oder vortrug, als wenn er sich selbst ans Schreiben machen würde. Und ausgerechnet diese Schrift diesem Täubenfüßer zu diktieren, den er kaum kannte und der zu allem Überfluß die Wohnung nebenan bezogen hatte, konnte ihm keinesfalls recht sein. Das Gefühl, man wolle ihm übel mitspielen, verstärkte sich mehr und mehr.

Adam war dann gleich zu Bett gegangen, nachdem er Heinrich Bescheid gegeben hatte, lag nun aber länger schon wach. Schließlich stand er auf und tastete sich vorsichtig zum offenstehenden Fenster, bekam den Fensterflügel zu fassen und fühlte sich sicherer. Daß ihn bloß nicht wieder dieses Gefühl ergriff, in einer Gruft zu liegen, in völliger Stille und völliger Dunkelheit. Er blickte hinaus. Vom Peterskirchhof her war immerhin ein Schimmer zu erkennen, dort standen mehrere Straßenlaternen, doch hier in der Gasse schienen sie nicht entzündet worden zu sein. Es war mitten in der Nacht, in wenigen Stunden würde er aufstehen müssen, um sich auf die morgendliche Predigt vorzubereiten. Ich sollte versuchen, noch ein wenig schlafen, dachte er, bis Dratens Tochter an die Tür klopft. Nach und nach wurde sie zu so etwas wie seiner Zugehfrau, ob er dies nun wollte oder nicht. Für eine Magd war ohnehin kein Platz mehr im Haus, das war also die beste Lösung, auch wenn es schon vorgekommen war, daß sie das Essen anbrennen ließ und dann die Reste einfach als ungenießbaren Eintopf servierte. Wenn er das Pfarrhaus bezog, so würde er sich eine patentere Köchin suchen, das stand fest.

Vorsichtig ging er zurück zu seinem Bett. Mach dir aber nichts vor, sagte er sich, du wirst nicht mehr schlafen in dieser Nacht. Er mußte fortwährend an seinen Schreiber denken, nicht an Heinrich, Gott bewahre, nein, an Peter Hacke, der ihm noch vor Augen stand als Junge, der in der Vorstadt Siebenhufen allerlei Dienste verrichtete, auch mal Wasser vom Brunnen holte oder dergleichen, der aber, wie er selbst, bald zu ein wenig Bildung gekommen war. Es hatte ihm leid getan, ihn dann nicht weiter gefördert zu sehen, doch als er ihn vor Jahren in Leipzig zufällig wiedersah, versuchte er sogleich, ihm bessere Arbeit zu verschaffen. Auch als sein eigener Schreiber tat er gute Dienste, und nun kam es ihm mehr als spanisch vor, daß dieser Peter Hacke verschwunden war, mit Sack und Pack. Konnte es sein, daß er wegen der geplanten Schrift aus Leipzig ausgewiesen worden war, nur weil sie ihm diktiert wurde? Doch dann hätte Hacke selbst es den falschen Leuten erzählen müssen, und dies wird er nicht getan, niemals, dazu war er, als Papist in Leipzig, zu vorsichtig. Die Angelegenheit blieb, egal wie man es drehte und wendete, mysteriös.

So grübelte Adam Stunde um Stunde. Schon drangen die ersten frühmorgendlichen Geräusche herauf, doch heute war es nicht Gepolter und Geschrei, wie sonst so oft, diesmal summte jemand ein Liedchen, sicher eine junge Frau, dachte Adam. Die Melodie erkannte er als die von Es geht ein dunkles Wölklein herein, ein Wanderlied. Und schon dachte er wieder an Hacke, der sicher nicht fröhlich wanderte, wenn er denn der Stadt verwiesen worden war. Davon ging Adam jetzt aus, es konnte nicht anders sein, ansonsten er sicher eine Nachricht hinterlassen hätte. Das Knarzen der Treppe verriet ihm, daß Dratens Tochter im Anmarsch war. Er ging ins Treppenhaus und trug ihr auf, ihm einen starken Kaffee sowie Brot und Butter heraufzubringen. Wortlos stapfte sie wieder hinunter. Danke, Du häßlicher Drachen, murmelte Adam, ging zurück in seine Stube und trat ans Fenster. Die Melodie war nicht mehr zu hören. Er dachte sich ein hübsches, dralles Mädchen dazu, die in der Stadt umherging und ihr kleines Lied in alle Stuben sandte.

Nun klapperten auch schon die ersten Marktwagen über das Pflaster, Hunde bellten, Männer riefen sich in fremden Dialekten und Sprachen wichtige Dinge zu, der Tag konnte beginnen, auch für Adam. Eine Weile würde er natürlich noch mit seiner Müdigkeit zu kämpfen haben, das kannte er zur Genüge, doch es mochte schon gehen. Die Predigt war zu halten, die Katechismus-Schüler, aus deren Kreis er auch bald schon einen Frühprediger rekrutieren würde, kämen zusammen, der Tischlermeister Schwan wollte ihn sprechen wegen der Sitzbänke, die in der Peters-Kirche aufgestellt werden sollten, danach würde er Heinrich den Text zum Übel des Selbstmords weiter diktieren, ja, und anschließend wäre ein weiteres Diktat des anderen Textes bei Peter Hacke geplant gewesen. Hacke war es auch, fiel ihm jetzt ein, der ihm geraten hatte, den Text unter einem Pseudonym zu veröffentlichen, was er jedoch abgelehnt hatte, selbst als sich auch Heinsius dafür aussprach. Adam erinnerte sich an lange Diskussionen, doch er war zu sehr Breslauer, das versuchte er den beiden klar zu machen, um sich mit einem Text zu verstecken. Er würde seinen Verleger aber nun, nach dem Verschwinden des Schreibers, noch einmal um eine Unterredung bitten, vielleicht heute bereits, noch vor dem abendlichen Gottesdienst, überlegte er. Heinsius würde ihm sicher weiter zu einem Pseudonym raten. Auch ihr wißt um die Kräfte, die hier in Leipzig noch immer wirken, eben dies wird er wieder sagen, dann die hallischen Pietisten ins Feld führen, die das erklärte Feindbild seien der hiesigen theologischen Fakultät, um dann lang und breit die Notwendigkeit zu beweisen, sich mit eben dieser gut oder sich wenigsten nicht gegen sie zu stellen. So wird es ablaufen, dachte Adam, und wer weiß, ob er nicht recht hat. Von unten war wieder diese Melodie zu hören. Adam eilte zum Fenster, und tatsächlich war es, zu seiner nicht geringen Überraschung, eine junge Magd mit langen Zöpfen, die vor sich hin summte.

Heinrich roch deutlich nach Tabak und Alkohol. Er habe gestern, da er nicht mehr habe schreiben müssen, im Goldenen Hahn ein wenig über den Durst getrunken, entschuldigte er sich beim Prediger; auch war seine linke Wange geschwollen, was er sich aber, wie er beteuerte, nicht erklären konnte. Adam wies ihn streng zurecht, er erwarte von seinem Schreiber ein tadelloses Benehmen, worauf Heinrich sich nochmals mit den selben Worten entschuldigte, als sei er ein Automat, um sich dann trotzig und besonders aufrecht an das Stehpult zu stellen, den Kork aus dem Tintenfaß und die Feder in die Hand zu nehmen und zu warten. Auch als Adam nichts sagte, blieb er in eben dieser Haltung, stocksteif, mit Blick auf das gestern begonnene Blatt. Hört zu, Heinrich, sagte Adam Bernd endlich, wir wollen heute an der Schrift über das Übel des Selbstmords weiterarbeiten, morgen dann aber, und danach immer im Wechsel, eine andere Schrift angehen. Letztere muß bis auf weiteres geheim bleiben. Wollt ihr mir Euer Ehrenwort geben, nichts von dieser Schrift verlauten zu lassen? Täubenfüßer sah Adam an und nickte. Ja, sagte er nur, mein Ehrenwort darauf.

Während des Diktats blieb die Stimmung eisig, doch eben dies half Adam, zu seiner eigenen Überraschung, klar und deutlich zu formulieren. Als sie nach der Arbeit noch bei einem Kaffee saßen, Adam hatte den davoneilenden Heinrich mit eben der Aussicht darauf aufgehalten, versuchte der Prediger, mit seinem neuen Schreiber ins Gespräch zu kommen. Ob es richtig war, ihn für die geplante Schrift über den Willen und die Vernunft des Menschen zu engagieren, war ihm auch jetzt nicht ganz klar, doch was blieb ihm anderes übrig, das Diktieren ging nun einmal besser und schneller. Er entschied sich somit dafür, Heinrich trotz seiner Bedenken einzuweihen, wenn auch nur mit wenigen Sätzen, und erzählte von seinen philosophischen Kursen, berichtete von der Methode eines gewissen Cartesius und schließlich dem Denken des Thomasius, der, wie er vielleicht wüßte, vor Jahren schon aus Leipzig ausgewiesen worden sei und nun in Halle lebe, und all dies spräche er an in seinem Tractat, welches er übrigens, das habe er jetzt entschieden, in jedem Fall unter einem Pseudonym erscheinen lassen würde, was naturgemäß geheim bleiben müsse, worauf Heinrich lächelnd sagte, das sei ja logisch. Viel hatte er allerdings von des Predigers Rede nicht verstanden, allein mit dem Begriff des Decorums konnte er ein wenig anfangen, doch immerhin brach so das Eis. Bald schon plauderten sie über dies und das, Heinrich gab sogar zu, sich gestern eine allzu deftige Ohrfeige eingefangen zu haben von einer Hure, so einer rothaarigen Schlampampe, da sei er wohl, betrunken wie er war, zu forsch gewesen. Er versprach, das komme nicht mehr vor. Nun konnte Adam schlecht nochmals eine strenge Zurechtweisung aussprechen, so daß er einfach das Thema wechselte und von jener Melodie erzählte, die er heute morgen in aller Frühe gehört habe, von einer Magd ganz unschuldig gesummt. Heinrich kannte die Melodie nicht, Adam summte sie ihm vor, der lächelte matt, und dann kam ihm plötzlich eine Idee. Nennt Euch doch, sagte er, nachdem er sich noch einmal Kaffee nachgegossen hatte, Melodius, wegen der geheimen Schrift meine ich. Christian Melodius, wäre das nicht ein guter Name? Adam überlegte, ja, die Idee mochte nicht schlecht sein.


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*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

Hinweis: Das Copyright © und alle denkbaren Rechte an „Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache“ liegen weltweit und darüber hinaus bei Norbert W. Schlinkert. Das Kopieren des Textes oder einzelner Teile ist ausschließlich für den privaten Gebrauch gestattet, sonstige Be- und Verarbeitung und eine Verbreitung in welcher Form und mittels welcher Medien und Techniken auch immer ist unter keinen Umständen gestattet.

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2 Kommentare zu Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)* Kapitel achtzehn: Die Schriften des Adam Bernd

  1. Lore Knapp sagt:

    Sehr spannend!

  2. Liebe Frau Knapp,

    das freut mich sehr, vor allem auch, weil die Resonanz auf meinen Roman bisher, natürlich ganz gegen meine Hoffnung, eher spärlich ist.

    Herzliche Grüße,
    Norbert W. Schlinkert