Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)* Kapitel neunzehn: Kreuzwege

Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel neunzehn:

Kreuzwege

Johann Samuel Heinsius hatte eben eine Liste der Schriften zusammengestellt, die bis zum nächsten Frühjahr in Druck gehen sollten, und genehmigte sich nun einen Schlaftrunk. Er ist, obwohl kürzlich erst die Miete für seinen Buchladen erhöht worden war, ausnehmend guter Dinge, denn die Spielkarten verkauften sich, unter der Hand gewissermaßen, sehr gut, ebenso wie einige Predigtsammlungen hiesiger Geistlicher, darunter auch Texte Adam Bernds. Dieser würde ihm überdies ja beizeiten noch die Schrift über das Übel des Selbstmords abliefern, und dann war da ja noch das Tractat Einfluß der göttlichen Wahrheiten in den Willen und in das ganze Leben des Menschen. Es sollte nun doch nicht unter dem Autornamen Adam Bernd erscheinen, das war ihm von diesem Heinrich Daubenfuß mitgeteilt worden. Ein lustiger Kerl, ohne Zweifel. Den Vorschlag für das Pseudonym will er selbst dem Priester unterbreitet haben, jedenfalls behauptet er das, dachte Heinsius, aber gleichviel, eine Veröffentlichung unter dem Pseudonym Christian Melodius würde ohne Zweifel besser sein, denn die Stimmung in der Stadt war, was Religionsdinge anbelangte, im Moment wieder einmal sehr angespannt. Die Messen allerdings, dachte er weiter, liefen prächtig, die Bürger kamen wieder zu Geld und gaben dies auch aus, nicht zuletzt für Bücher, darunter viele Lebensbeschreibungen, wobei sich anonyme Schriften oftmals am besten verkauften. Daß nun auch noch dieser Täubenfüßer, damit war er plötzlich hochroten Kopfes rausgeplatzt, eine eigene Schrift solcher Art bei ihm veröffentlichen wollte, er habe viel zu erzählen und arbeite bereits daran, amüsierte ihn allerdings eher, als daß es ihn wirklich interessierte. Nun ja, vielleicht würde er es sogar drucken, wenn es nur kein Verlustgeschäft würde. Derzeit schien überhaupt alle Welt schreiben zu wollen! Nun, so lange die Leser nicht weniger würden!

Heinrich erntete zur gleichen Zeit nicht weit entfernt wieder nur einen bösen Blick Moniques. Heute war ihm stundenlang diktiert worden, ein Stündchen hatte er zudem der Vorbereitung seiner eigenen Schrift gewidmet, und da hatte er es einfach mal wieder versucht, denn eine Belohnung wollte er sich schon gönnen für all die Qual. Sie sollte es ja durchaus nicht umsonst machen, er ging mit seinem Angebot sogar an seine finanziellen Grenzen, ja sogar darüber hinaus. In seiner Not prahlte er schließlich damit, er sei jetzt immerhin Schreiber des Oberkatecheten und Predigers der Peters-Kirche, Adam Bernd, also auch schon fast ein hoher Herr mit einem guten Einkommen. Doch es half alles nichts, sie lachte ihn aus, obwohl Meister Urian nicht in der Stadt weilte und sie doch tun konnte, was sie wollte. Johann der Kretschmar sagte, Urian sei für längere Zeit in Königsberg, und zwar in einer mehr oder weniger geheimen Mission. Ob das aber stimmte, das war, wie Heinrich wußte, sehr zweifelhaft. Das Risiko, Monique auch nur öffentlich zu fragen, ob sie ihm denn nicht zu Diensten sein wollte, war in jedem Fall sehr groß. Doch was sollte er machen? Seit er ihr rotes, feucht glänzendes Geschlecht gesehen hatte, mußte er nur daran denken, schon stand er ihm. Immerhin half dieses Bild vor seinem geistigen Auge ganz prächtig, wenn er sich die Berliner Göre vornahm, deren Reiz für ihn längst verflogen war. Das war eine dumme Pute, die er stopfen konnte, wann immer er wollte, nicht mehr und nicht weniger. Wütend orderte er einen Krug Bier und verzog sich in den hintersten Winkel der Schenke.

Das Diktieren ging indes gut voran, es war fest in den Wochenplan des Predigers eingebunden, an den Heinrich sich strikt halten mußte. Er kannte so gut wie Bernd selbst die Zeiten für den Katechismusunterricht, die vielen Predigten und die Krankenbesuche. Das Diktat nahm täglich mindestens drei Stunden in Anspruch, oft sogar bis zu sechs, je nachdem, welcher der beiden Texte diktiert wurde und ob Feiertage dem Prediger zusätzliche Dienste abforderten. Aus der Schrift über den Selbstmord war inzwischen überdies eine eigene Lebensbeschreibung Adam Bernds geworden, in den die ursprünglich geplante Schrift zum Selbstmord eingefügt werden sollte, denn ganz plötzlich hatte der Prediger während des Diktierens innegehalten und war zum Fenster getreten. Heinrich, hatte er dann schließlich ernst gesagt, niemand wird begreifen, was ich sagen will, erörtere ich nur die Fragen des Selbstmords, nein, ich muß den Menschen begreiflich machen, wie es in meiner eigenen Seele aussieht, ich muß ihnen zeigen, wie sich der Teufel auch in meinem Herzen einnistete. Warum sonst sollten die Menschen mir glauben? Er geriet ganz außer Atem über diese Gedanken und wiederholte das Gesagte immer wieder. Gleich am nächsten Tag begann er dann mit dem Diktieren von Kindheitserlebnissen und sprach sogar vom Tag seiner Geburt, und seitdem, also einer ganzen Weile schon, dachte Heinrich, geht es immer nur um Breslau, das Gymnasium, das Elternhaus und so weiter. Von Cara allerdings war bisher nicht die Rede gewesen, dafür aber von allerlei Ängsten und Gebrechen. Fragen wollte Heinrich jedenfalls nicht nach etwaigen galanten Erlebnissen, auch nicht von Mann zu Mann. Er ermahnte sich immer wieder selbst zur Geduld, denn so würde er am Ende alles erfahren, was er wissen mußte.

Adam Bernd brannte nun seit Tagen, trotz der sich immer mehr zeigenden Erschöpfung, nur so vor Ideen, was Heinrich vor allem bei dem Tractat zu spüren bekam. Begreifen tat er allerdings nicht sehr viel von all den philosophischen Gedanken. Daß es allerdings weniger um den Willen als vielmehr um den Verstand ging, das kapierte er durchaus, denn wenn der Verstand sich der Argumente bemächtigte, die ihm etwa in einer Predigt dargelegt wurden, dann kann er den Willen im besten Falle zu guten Taten zwingen, was umgekehrt nicht galt. Das führte Adam Bernd deutlich aus. Dazu kam noch eine so genannte mittlere Kraft der Seelen, deren Bewandtnis Heinrich aber nun ganz und gar nicht begriff. Er machte sich aber in jedem Fall fleißig Notizen, um Meister Urian Bericht erstatten zu können, falls dieser wieder auftauchen sollte. Manchmal wünschte er sich, er könne mit beiden Händen schreiben, denn am Abend war nicht selten der ganze rechte Arm taub. Zum Glück hatte Bernd wenigstens für seine Predigten einen anderen Schreiber finden können, einen Theologiestudenten, ein junger, ehrgeiziger Bursche, der nun oft auch als Frühprediger einsprang.

Es war nicht allein der Ekel, der Monique dazu brachte, den Täubenfüßer zu ignorieren, denn sie stand ja ohnehin, und das war anstrengend genug, zwischen zwei Männern. Der eine, Gregor, war inzwischen Tischlergeselle geworden und zuversichtlich, die Zustimmung seines Meisters zu einer Heirat zu bekommen, nicht von heute auf morgen zwar, dennoch aber in absehbarer Zeit, während der andere, Meister Urian, wer sonst, neuerdings viel Zeit mit ihr verbrachte, und durchaus nicht ausschließlich im Bett, wie anfangs. Er behandelte sie gut, schenkte ihr Kleider, Parfüm und sogar Schmuck, selbst wenn er ihr immer noch gelegentlich drohte, falls sie gegenüber den falschen Leuten etwas von ihrer Verbindung verlautbaren lasse, reiße er sie mit in den Abgrund, und unter der Folter würde sie dann Dinge gestehen, von denen sie bisher nicht die leiseste Ahnung gehabt habe, darauf könne sie sich verlassen. Das hatte er ihr eines Abends ins Ohr geflüstert, und natürlich machte ihr das eine Höllenangst. Ihr Lachen war in seiner Gegenwart auch nie wirklich frei und ungezwungen, denn wenn sie auch keineswegs vorhatte, nur ein Sterbenswörtchen zu sagen, so war da immer noch Gregor, der dummerweise das ein oder andere ahnte und dies wer weiß wem gegenüber erwähnte. Auch eine Frau müsse für ihren Unterhalt sorgen, hatte sie dagegen argumentiert, und besser ein hoher Herr, dem man zu Diensten sein muß als immer nur diese dahergelaufenen Kaufleute, die den Preis zu drücken versuchten, die verfluchten Pfeffersäcke. Gregor hatte sich all ihre Erklärungen angehört und dann beschlossen, nicht mehr in den Goldenen Hahn zu kommen, er könne ja für nichts garantieren, das sagte er Monique geradewegs ins Gesicht, denn daß so einer wie dieser Kerl, wie nennst Du ihn, Meister Urian, es mit meinem Mädchen treibt, ist unerträglich – umbringen werde ich den Kerl, erwische ich ihn mit Dir, massakrieren tue ich ihn! Monique hatte einige Mühe, ihn zu beruhigen.

Meister Urian war allerdings keineswegs in Königsberg, mitnichten, vielmehr pendelte er zwischen Halle und Leipzig hin und her. Seine Spitzel hatte er hier wie dort. Auf halbem Wege stand ihm eine Kammer auf einem Hof zur Verfügung, in der er oft schlief und wo er sich umkleiden, oder eher verkleiden konnte, denn selbstverständlich trat er in Halle als ein anderer Mensch denn in Leipzig auf. Von der ganzen Sache wußte natürlich kaum jemand, nur die verängstigten Bauersleute, der Kutscher und diese Monique – er hatte das alte Mädchen in letzter Zeit ganz gerne um sich, sie war ihm treu zu Diensten. Meine Hugenottenbraut nannte er sie manchmal, dann legte sie ihr Näschen in Falten und fauchte ihn an – ein Spiel, das sie trieben. Die hohen Herren der theologischen Fakultät in Leipzig hatten allerdings keinen blassen Schimmer von all dem und ließen ihrem besten Mann notwendigerweise freie Hand zu tun, was immer er für richtig halten mochte. Es macht sich ja niemand auch nur eine Vorstellung davon, dachte Urian oft, wie groß der Aufwand ist, nur einen einzigen Pietisten in Leipzig aufzuspüren, geschweige denn ihn anhand irgendeiner Untat zu überführen. Zudem kam es, und das wollte auch niemand recht begreifen, auf den richtigen Zeitpunkt an, denn kaum einer der Verdächtigen lebte allein für sich und war also nicht selten gut beschützt. Wie oft habe ich nicht warten müssen, dachte er, bis ein einem Pietisten nahestehender Mensch auf Reisen ist oder gar krank wurde oder starb, bevor ich auch nur die Feder ins Tintenfaß steckte, um den Akt anzulegen. Da hat doch keiner der Herren der theologischen Fakultät eine Ahnung davon, wenn sie tagein und tagaus in ihre Kissen furzen! Es machte aber natürlich keinen Sinn, sich so zu erregen, und so lange die Herrschaften bezahlten und ihn für einen der ihren hielten, war ja auch alles so weit in Ordnung.

Monique schrieb indes nicht eine Zeile über Urian in ihr Tagebuch, wohl aber etwas darüber, wie sehr sie Gregor mochte. Zu den Empfindsamen mit ihren Rührseligkeiten würde sie aber trotzdem nicht überlaufen wollen, sie wartete lieber vernünftig ab, was da kommen möge. Ihre größte Angst war ohne Zweifel, im Bett den falschen Namen zu sagen, selbst wenn sie mit dem Meister nie in einen Rausch geriet, denn nicht nur war sein Schniedel klein, worüber er selbst Witze machte, nein, er redete auch noch ununterbrochen in seinem fehlerhaften Französisch, was dem Spaß an der Sache durchaus abträglich war. Gregor hingegen nahm die Sache seit einer Weile zu ernst, so als ginge es für ihn nicht, wie er sagte, um Liebe, sondern um Leben und Tod. Aus dem heiteren und offenherzigen Menschen war, seit er sich in Monique verliebt hatte, ein eher verbissener Kerl geworden. Manchmal schon war sie kurz davor gewesen, die ganze Sache zu beenden, bevor noch etwas Schlimmes geschah, denn war sie nicht mehr oder weniger zufällig an diesen jungen Burschen geraten, ganz ohne ihr Zutun! Wenn da nicht der Teufel selbst seine Hand im Spiel hatte!

Adam Bernd fragte sich ganz ähnliche Dinge, denn wenn er die freie Wahl gehabt hätte, so würde er sicher nicht diesen Heinrich als Schreiber genommen haben. Doch wenn er weiterhin gut arbeitete, war es auch nicht allzu wichtig, wie er an ihn geraten war, selbst wenn der Kerl ein Hallodri ist, wie er oft dachte. Naja, niemand verlangte von einem Schreiber, daß er ein vollkommener Engel ist in einer Stadt, in der die Sauferei und Hurerei an der Tagesordnung ist, auch wenn er keineswegs über die Stränge schlagen sollte. Letztens erst war vom Rat der Stadt ein offizielles Anschreiben gekommen mit der Aufforderung, weitere Predigten wider die Unzucht zu halten, denn die Zahl der nichtehelichen und auch elternlosen Kinder nähme beständig zu, schon bald müßte ein weiteres Waisenhaus vor den Mauern der Stadt gebaut werden. Nun ja, er würde sein Bestes tun, helfen aber würde es wenig, selbst bei denjenigen nicht, die ihm in die Hand versprachen, ihr Leben zu ändern. Der Mensch als solcher ist schwach, dachte Adam, und wer wüßte das besser als er selbst! Diktiere ich denn nicht tagtäglich all meine eigenen Sünden dem Teufel, das fragte er sich manchmal, wenn er sich diesen Täubenfüßer so ansah, wie er, am Schreibpult stehend, schrieb und schrieb, so als führe er Protokoll! Und das waren ja nicht einmal die schlimmsten Sünden seiner Jugend und der ersten Jahre der Männlichkeit, die er diktierte, durchaus nicht, und würde er ganz und gar ehrlich sein wollen, so müßte er selbst noch vieles einfügen, was in seinen Tagebüchern stand. Wichtiger als seine Lebensbeschreibung war natürlich das Tractat, aber auch hier war er sich nicht sicher, ob nicht etwa der Deibel in seinem eigenen Herzen hockte und ihm die Zunge lenkte. Zwar bin ich, überlegte er, überzeugt von den Lehren des Cartesius, doch mag es auch sein, daß sie den Menschen Schaden zufügen und dazu führen, von Gott abrücken zu wollen. Cogito ergo sum, ich denke, also bin ich! Darüber grübelte er stundenlang nach, und manchmal wußte er nicht ein noch aus, wußte nicht mehr, was wichtig und was weniger wichtig war und konnte sich zu keiner endgültigen Ansicht durchringen, ja hätte am liebsten eine Münze geworfen, um zwischen den Gedanken der Aufklärung und dem Glauben an Gott eine Entscheidung zu erzwingen. Doch das wäre nicht nur sündhaft und des Teufels, es wäre falsch, denn warum sollte es nicht möglich sein, Glaube und Vernunft zu vereinen? Ja, warum nicht?

Heinrich plagten solche Fragen weniger, selbst wenn er viel nachdachte und nun ja auch, auf eigene Rechnung gewissermaßen, selbst schrieb. Federn, Tinte und Papier hatte er sich vom Prediger erbeten und auch bekommen. Auf die Nachfrage, was er denn schreiben wolle, hatte er sogar offen darüber gesprochen, die eigene Lebensgeschichte zu verfassen. Sie ist sicher nicht so aufregend wie die Eure, hatte er noch gesagt, doch die Menschen lesen so etwas gern, scheint mir. Auch Heinsius ist dieser Ansicht. Adam Bernd hatte ernst genickt und ihm zugestimmt, war zugleich aber auch ein wenig amüsiert über solch ein Vorhaben; sicher, immer mehr Menschen schrieben Tagebuch, nicht nur Pietisten, keineswegs, manche auch ihre eigene Lebensbeschreibung, aber daß diejenige eines armen Schreibers gedruckt würde, war dann doch eher unwahrscheinlich. Ein Buchhändler und Verleger mußte einen Gewinn erzielen, auch ein Heinsius arbeitete nicht für Gotteslohn allein. Aber sollte Heinrich tun, was ihm beliebte, denn wer fleißig schrieb, der soff eben auch weniger in den Schenken der Stadt, dachte er, auch wenn er sich kaum vorstellen konnte, wie Heinrich dieses ganze Vorhaben wirklich in die Tat umsetzen würde. Doch da tat er seinem Schreiber unrecht, denn der war wild entschlossen und setzte sich so oft wie möglich an seinen klapprigen Tisch und diktierte sich seine Schrift gleichsam selbst. Oft flüsterte und schrieb er stundenlang, bis tief in die Nacht hinein. Bald aber, nachdem das ein oder andere in kleine Geschichten verpackt war, spürte er deutlich, er müsse auch etwas über Cara schreiben, denn ohne sie würde er ja nicht einmal in Leipzig sein. Wenn Adam Bernd sie totschweigen wollte, so würde eben er die Wahrheit ans Licht bringen! Begonnen hatte er seine Lebensbeschreibung mit seiner Mutter, er zählte auf, was er wußte, die verstümmelte Hand, ihre Bettelei, ihre Blödheit und ihr Tod im Wald, danach ging er über zu all diesen Dingen, die sich auf dem Bauernhof ereignet hatten und dann war da natürlich auch noch sein Leben als Gehilfe des Kaufmanns Thorbecke in Schwerte. Cara hatte er bisher vollkommen ausgelassen, nicht einmal erwähnt hatte er sie! Gut dreißig fertige Seiten Lebensbeschreibung also, ohne ihren Namen überhaupt niederzuschreiben. Cara! Am besten würde es wohl sein, zunächst das Verschwinden Caras in Worte zu fassen, doch ihm fiel nichts ein, er fand keine Worte. Schließlich schrieb er nur das hin, was der dritte Prediger gesagt hatte über die Teufel aus Breslau, die sie mitgenommen hatten an jenem Tag. Das war nun ausführlich zu beschreiben, das muß doch gehen, verdammt noch mal, rief er ungehalten – sonst blieb aus der Schwerter Zeit ja nicht viel, denn die Jahre auf dem Bauernhof mit Andreas Alberti, das Erlernen des Lesens und Schreibens, die Sache mit dem angeschwollenen Fuß, das Verschwinden Annas und der Tod dieses Ungetüms von Knu, all das war bereits aufgeschrieben, ebenso die Begebenheiten in seinem Dienst bei Thorbecke, auch wenn einiges nur angedeutet war.

Eines Tages aber war Adam Bernd gegen Mittag überraschend zu einem Sterbefall gerufen worden, so daß Heinrich in seine Wohnung hinüberging, um an seiner Schrift zu arbeiten. Der Tisch war übersät mit Blättern, meist kreuz und quer und von beiden Seiten beschrieben. Das Verschwinden Caras hatte er inzwischen wenigstens erwähnt, auch wenn er eigentlich in nur einem Satz bekanntgab, daß sie plötzlich weg war und er mit der Mutter allein. Zufrieden war er damit beileibe noch nicht, doch jetzt mußte zuerst einmal das Wiederauftauchen seiner Schwester beim dritten Prediger von St. Viktor geschildert werden. Nu’ aber Butter bei die Fische! rief er, und zwar sofort! Bisher hatte er dazu nur Stichworte. Ihr Freitod in der Ruhr, denn sie war ins Wasser gegangen, davon war er überzeugt, seit er diesen Traum geträumt hatte, sollte aber am Ende nur wenige Zeilen einnehmen, eine Feststellung ohne Beiwerk. So sein Plan. Auch aus ihrem Leben dort in Breslau, im Haus des Predigers Acoluth, diesen Namen hatte er nicht vergessen, würde er nur berichten, daß sie von einem dort wohnenden Gymnasiasten, der Prediger werden sollte, in andere Umstände gebracht worden sei, worauf sie im Winter zu Fuß bis nach Schwerte ging, wo sie den nassen Tod fand. Von seinen Racheplänen würde er nicht viel vermelden und es darstellen, als sei dies nichts weiter als eine natürliche Reaktion – und war es das nicht auch! Das also wollte er heute versuchen aufs Papier zu bringen, und so leicht sich das vielleicht anhörte, so wußte er doch, wie schwierig es werden würde. Den folgenden Teil seiner Schrift wollte er dann seiner Leipziger Zeit widmen, bis hin zu dem Tag, als er das Flugblatt zur Hand nahm, das die Antritts-Predigt Adam Bernds ankündigte, wenngleich er auch hier den Namen nicht nennen würde. Was davon dann gedruckt würde, wäre natürlich noch zu überlegen, denn keinesfalls sollte ja deutlich werden, daß es ihm um Rache ging. Sollte er es dann nicht eher gar nicht erwähnen, überlegte er, doch dann würde nicht klar werden, warum er überhaupt damals von Schwerte weggegangen ist. Wie schwierig das alles war! Und er mußte ja auch noch bedenken, wie Adam Bernd seine Berichte aufnehmen würde, ja natürlich, und dann sollte er wohl lieber nicht erkennen, daß er selbst gemeint war mit dem Gymnasiasten in Breslau. Allerdings würde er dann weder Cara beim Namen nennen dürfen noch die Stadt Breslau erwähnen, sondern alles im Ungewissen lassen müssen. Verdammt, schrie er, wie geh ich nun vor! Seine Achtung gegenüber den Autoren stieg von Minute zu Minute, denn es konnte ja keine Rede davon sein, alles einfach nur niederzuschreiben. Verzweifelt warf er einen Blick auf den Wust von Blättern – es war alles noch viel schwieriger, als er zuvor gedacht hatte! Viele weitere Fragen tauchten auch noch auf, etwa die, ob er seine Träume schildern sollte, all diese feuchten und schlüpfrigen Gespinste, an die er sich immer bestens erinnerte, in allen Einzelheiten! Wie dumm war es überdies gewesen, über Jahre einfach anzunehmen, sein erklärter Feind sei immer noch in Breslau. Das verstand er nun überhaupt nicht mehr, doch sollte er darüber, über seine eigene Dummheit, etwa auch schreiben! Würde man ihn deswegen nicht auslachen? Leise vor sich hin murmelnd las er ein weiteres Mal die ersten Seiten seines Lebensberichtes, um in die rechte Stimmung zu kommen. Über mir sah ich die verkrüppelte Hand meiner Mutter selig, so begann der Text, als ich eines Gegenstandes ansichtig wurde, den ich heute noch besitze. Ich verbarg ihn unter meinem zerschlissenen Rock, damit niemand ihn mir wieder entwenden konnte. Es war ein Messer, noch recht neu und scharf, mein einziger Besitz für lange Jahre. Das war ein guter Anfang, fand er. Die Figuren, die er in der Kammer des dritten Predigers schnitzte, die er für diesen Gymnasiasten und angehenden Prediger aus Breslau nahm und denen er die Köpfe abbrach, wollte er aber noch näher beschreiben, er wollte wirklich alles aufschreiben und nichts auslassen, wenn es denn möglich war. Wenn er doch nur schon fertig wäre, dachte er jetzt wieder, dann würde Heinsius seine Lebensbeschreibung anonym auf den Markt bringen als eine unterhaltsame Lebensgeschichte eines armen Kerls aus Westphalen, so stellte er sich das vor, doch sobald Adam Bernd das Zeitliche gesegnet, sobald er Selbstmord begangen haben würde, überlegte er weiter, müßte Heinsius eine Fortsetzung drucken. Dann käme die ganze Wahrheit ans Licht! Dann würde es alles beim Namen nennen, alles, und das wäre die Vollendung seiner Rache! Danach sollte man mit ihm, Heinrich Täubenfüßer, doch tun, was man wolle! Erregt warf er die Feder hin. Wenn er arbeiten wollte, mußte er sich wieder beruhigen.

Heinrich also schrieb und schrieb, für Adam Bernd und gewissermaßen auch gegen ihn, also auch immer mehr und bald fast täglich Mitteilungen für Meister Urian, der sich die Notizen Heinrichs in der Coffee Bille hinterlegen ließ, in einem versiegelten Umschlag. Heinrich bekam jedes Mal eine Quittung ausgestellt, denn Ordnung, sagte die Hausdame dort, müsse schon sein. So viel Zeit wie nur möglich verwendete Heinrich jedoch auf seine eigene Schrift, denn Heinsius wollte sie ja, das hatte er schließlich zugesagt, auf den Markt bringen. In den Schenken ließ er sich somit kaum noch blicken, und überhaupt tat sich einiges. Die ihm von Urian sozusagen als Bezahlung zugewiesene Berliner Göre war, nach allem was er hörte, nun bei einer Theatertruppe engagiert und mit dieser nach America gezogen, nicht ohne ihm allerdings einen juckenden Ausschlag am Unterleib zu hinterlassen, der sich nun nach und nach verschlimmerte. Auch im Goldenen Hahn hatte sich viel verändert, denn Johann Chantin war, das hatte Heinrich am meisten überrascht, von seiner Frau auf die Straße gesetzt worden, so daß nun ein neuer Wirt den Betrieb führte, der Heinrich als eine der ersten Amtshandlungen gleich die Tür wies. Hurer und Huren, so sagte er, seien hier nicht mehr willkommen, es wehe ein neuer Wind. Monique durfte als Bedienung bleiben, da mochte, so nahm Heinrich an, Meister Urian seine Hände im Spiel gehabt haben.

So saß Heinrich also auch heute in seiner Wohnung und schrieb, während er sich den Sack kratzte, obgleich ihm dies vom Medicus Augustus Quirinus Rivinus verboten worden war, denn Hurenkrätze sei auch schon ohne die Kratzerei eine langwierige Angelegenheit. Mal würde es besser, dann unversehens wieder schlechter werden, darauf müsse er sich gefaßt machen. Die schwarze, stinkende Paste, die er Heinrich verkaufte, linderte zwar die Beschwerden, doch nicht nur stank sie zum Himmel, er konnte, wenn er sie auf die Wunden geschmiert hatte, auch keine Hosen tragen und mußte zuhause bleiben, untenherum eingewickelt in ein großes Tuch. Notgedrungen hatte er Adam Bernd also davon erzählen müssen, der die Nachricht jedoch nicht einmal kommentiert hatte.

Nachdem er nun eine halbe Stunde in seinen Notizen gelesen hatte, ohne nur eine neue Zeile zu schreiben, stand er auf, ging zum Fenster und blickte hinunter in die Gasse. Er entdeckte Adam Bernd, aus der Richtung des Peterskirchhofs kommend, seinen Schirm als Schutz gegen den heftigen Regen vor sich haltend, aber am Haus vorbeigehend. Erst kürzlich hatte Bernd den Schirm als Sonnenschirm erstanden, ihn dann aber, da der Herbst ins Haus stand, mit Fett oder Wachs einreiben lassen, denn vor der Sonne müsse er sich nun nicht mehr schützen, meinte er, und wie gut es doch sein würde, wenn es möglich wäre, sich auch gegen sein Schicksal wehren zu können, indem man ein Schutzdach über sich halte. Daran konnte sich Heinrich gut erinnern, an dieses Bild des Schirms, doch bin nicht ich selbst, dachte er, sein Schicksal? Und war es nicht auch schicksalhaft, eine Fügung gewissermaßen, daran dachte er jetzt wieder, daß Adam Bernd die Angst, sich selbst zu töten, schon in sich spürte, lange bevor ich ihn traf? Immerhin hatte sich ja auch dessen Vater ersäuft, das jedenfalls hatte er ihm letztens erst diktiert, dann aber wieder streichen lassen.

Bis der Prediger zurück sein würde, wollte sich Heinrich weiter der eigenen Lebensgeschichte widmen. Gähnend nahm er sich nun noch einmal die Sache mit Knu vor und versuchte, die Beschreibung weiter zu verbessern, denn er wollte unbedingt das Knacken des Genicks in angemessener Form zu Papier bringen. Auch so ein Schwein, dachte er, der es besser nicht verdient hatte! Als der Prediger schließlich klopfte und ihn bat, in einer viertel Stunde zum Diktat herüberzukommen, war Heinrich immer noch dabei, an den Sätzen zu feilen. Das Vorhaben war nun wirklich nicht so einfach umzusetzen wie gedacht, und ohnehin war bisher alles nur Stückwerk, fand er. Am liebsten hätte auch er einen Schreiber gehabt.

Adam Bernd fiel wie tot auf sein Bett, erschöpft wie selten. Die Gedanken wälzten sich nur so herum in seinem Kopf. Seit er seine Lebensbeschreibung dem Täubenfüßer diktierte, quälte er sich mit der Frage, ob er diesem vieles von dem, was ihm auf dem Herzen lag, als erstem Menschen überhaupt mitteilen sollte. Ein Schreiber ist ja kein Automat, er begreift natürlich von dem, was er schreibt, vieles, vor allem, wenn Allzumenschliches verhandelt wird! Aber auch über seine anderen Schriften machte Adam sich Sorgen. Heinsius plante nun, zunächst das Tractat zu veröffentlichen und sowohl die Lebensbeschreibung als auch die Schrift über den Selbstmord erst später zu drucken – ob letztere als Teil der Lebensbeschreibung oder separat, war ihm gleich. Das Tractat Einfluß der göttlichen Wahrheiten in den Willen und in das ganze Leben des Menschen sollte nun also bald fertig sein und, wenn sich nichts mehr änderte, unter dem Pseudonym Christian Melodius verkauft werden. Doch um ein solches Tractat unter einem Pseudonym gut verkaufen zu können, darüber sann Adam nun nach, mußte er all die selbst gewonnenen Erkenntnisse noch mit denen anderer Autoren aller Zeiten vergleichen, Pro und Contra abwägen, Argumente erläutern, Fußnoten schreiben und so weiter. Allein aus diesem Grund saß er fast täglich in einer Bibliothek, oft in der eines Ratsherren, der ihn dann meist noch zu einem Essen bat und in lange Gespräche verwickelte, was ihn von anderen Pflichten noch mehr abhielt. Seit Wochen war er nicht mehr vor den Toren der Stadt gewesen, hatte weder im Waisenhaus noch im Hospital seine Besuche gemacht, ja er vernachlässigte sogar den Katechismusunterricht mehr und mehr und gab viele Aufgaben an seinen anderen Schreiber ab, der aber noch nicht Priester sondern immer noch Student war. Auch ein Aderlaß stünde wohl bald wieder an, er fühlte geradezu, wie das Blut immer dicker wurde. Und zu all dem kam noch der unwiderstehliche Drang, parallel zum Tractat die Lebensbeschreibung in einer Art zu verfassen, daß nun wirklich nichts verschwiegen würde, was es auch sei, ein Drang, von dem er fast annehmen mußte, er sei ihm vom Teufel eingepflanzt worden.

Eine halbe Stunde später. Die Tochter des Knopfmachers hatte Kaffee gebracht. Schweigend tranken ihn die beiden Männer und sahen hinaus in den Leipziger Regen. Selbst das Poltern der Wagen war nur gedämpft zu hören, denn es pladdert, das dachte Heinrich, in solch dicken Tropfen auf die Dächer, als sei eine neue Sintflut zu befürchten. Adam Bernd überlegte indes, langsam seinen Kaffee schlürfend, was er seinem Schreiber am heutigen Tage diktieren sollte, denn das, was ihm für seine Lebensbeschreibung einfiel, war durchaus delikat. Niemand schrieb so etwas auf, überlegte er, auch wenn es wohl kaum sein konnte, daß nur er allein Albträume zu den wichtigen und schicksalhaften Dingen im Leben zählte. Träume, so sagten viele, seien oft vom Satan selbst den Menschen eingegeben, sie wiesen hin auf ein nicht gottgefällig geführtes Leben, auf Sünden der schlimmsten Art. Doch konnte ein Kind bereits derartig sündigen? Viele seiner Träume waren seit seiner frühsten Jugend die selben, sie veränderten sich kaum, so wie jener, der in der Beschreibung seiner Zeit vor dem Eintritt in das Elisabeth-Gymnasium nicht fehlen durfte und der ihm seitdem bis heute manche Nacht zur Hölle werden ließ. Als ich ihn das erste Mal erleiden mußte, dachte Adam, sich noch einmal Kaffee nachschenkend, lebte der Vater noch, er lag des nachts, seinen Rausch ausschlafend, neben dem Ofen, während ich immer nahe der Tür zum Stall neben Elisabeth schlief, und sie war es auch, die mich damals wachrüttelte und tröstete. Ich weiß es noch wie heute, überlegte er weiter, ich berichtete ihr flüsternd, geträumt zu haben, in einem Teich zu ertrinken, doch ich sagte ihr nicht, daß es mitnichten Wasser gewesen ist, in dem ich zu ersaufen drohte sondern Kot. Es schüttelte ihn, als er jetzt daran dachte, Täubenfüßer blickte kurz auf, sagte aber nichts. Nein, dachte Adam, die Welt soll es zwar zur rechten Zeit erfahren, denn jeder Mensch hat Albträume, da war er sicher, und es soll ihnen ein Trost sein, solche Beschreibungen zu lesen, aber Heinrich Täubenfüßer zu diktieren, daß ich in einem Pfuhl von Exkrementen um mein Leben rang, bis mir der Dreck in den Mund lief, das kommt nicht infrage. Auf keinen Fall! All diese Geschehnisse, denn es waren ja durchaus nicht nur die Albträume, von denen zu berichten ist, werde ich dann, so entschied er, aufstehend und Heinrich einen Wink gebend, eigenhändig aufschreiben und in das Manuskript einfügen.


<= Kapitel 18

Kapitel 20 =>

*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

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