Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)* Kapitel zwanzig: Der doppelte Heinrich

Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel zwanzig:

Der doppelte Heinrich

Heinrich schrie auf vor Schmerz, doch es half nichts, er mußte das jetzt abschreiben, trotz des entzündeten Handgelenks. Dabei war das noch das geringere Übel, verglichen mit den eitrigen Pusteln, die nach Wochen stetiger Besserung wieder an seinem Unterleib aufgetaucht waren und jeden Schritt zur Hölle werden ließen, obwohl er zuhause seit Tagen unten herum nur mit einem Tuch bekleidet herumlief. Er war wieder einmal in die Wohnung des Predigers hinübergegangen, ganz so, als sei es das Normalste der Welt, um noch etwas für Meister Urian herauszuschreiben. Bernd selbst hatte Heinrich erzählt, es bestünde die Gefahr, daß sein Tractat als gegen die Rechtfertigungslehre gerichtet angesehen würde, doch natürlich sei Gott nicht durch Verstandesleistungen zu bestechen, und das behaupte er auch nicht, wie selbst jene in dieser Stadt wohl erkennen würden, die ihm Übles wollten. Nur Gott allein könne entscheiden, den einen Menschen am jüngsten Tag freizusprechen und den anderen nicht. Er hatte nicht genau verstanden, was Bernd ihm zu erklären versuchte, und ob er nun also etwas Passendes herausschrieb oder nicht, konnte er nicht wissen. Vielleicht hatte er ja Glück. Vor kurzem war ihm, wohl eben für dieses Herausschreiben, eine für seine Verhältnisse recht hohe Geldsumme zugegangen. Ausgerechnet Monique war bei ihm erschienen und hatte ihm grinsend den Beutel hingeworfen, so daß er nun auch etwas abliefern mußte. Von Justificatio und solchen Dingen verstand er jedoch nichts, das ging entschieden über seinen Horizont hinaus, und auch die Erklärungen, die der gute Heinsius kürzlich eben die Justificatio betreffend versucht hatte, stifteten nur Verwirrung in seinem armen Kopf. So übertrug er also einfach die Absätze in sein Heft, in denen die Worte Rechtfertigung, Papsttum und Katholizismus nahe beieinanderstanden. Manches wußte er fast noch auswendig, was erstaunlich war, fand er, da er ja den Inhalt beim Schreiben nicht begriffen hatte.

Für heute wollte er es aber gut sein lassen, auch mußte der Prediger in einer Stunde zurück sein. Er legte die Blätter wieder an ihren Platz. Da fiel sein Blick auf das zuunterst liegende Blatt eines anderen Papierstapels, von dem ein Zipfel herausragte, und da es sich offensichtlich um dickeres und gröberes Papier handelte, wurde er neugierig. Vorsichtig zog er es hervor, und wie überrascht war er, als er eine Zeichnung sah und sich selbst in ihr erkannte, mit frisiertem Haar wie bei einer Frau! Ob wohl Adam Bernd dieses Porträt, denn das war es, gemacht hat, fragte er sich, es weiter wie gebannt betrachtend. Ja natürlich, dachte er, das bin ich, wenig schmeichelhaft gezeichnet, böse den Betrachter ansehend, dazu mit Frauenhaaren! Oder sollte das eine Perücke sein? Plötzlich schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, Adam Bernd sei womöglich Sodomist! Er wäre ja beileibe nicht der erste Priester, der in Sünde lebte! Oder nein, unmöglich, sagte er sich, das kann nicht sein! Oder doch? Er schob das Blatt wieder unter den Stapel, nahm das Abgeschriebene und die Feder und ging hinüber in seine Wohnung. Da hatte er nun was zum Grübeln, und er würde sicher, das wußte er ja selbst am besten, seinen ganzen, so leicht in Verwirrung zu bringenden Verstand aufbieten müssen, um sich über den Sachverhalt klar zu werden. So eine Zeichnung mußte doch etwas zu bedeuten haben! Aber was? Heinrich spürte auch in diesem Fall tatsächlich, daß ihm die Fähigkeit abging, wirklich und tiefgreifend über die Dinge nachzudenken. Immerhin aber, überlegte er, mit nackten Beinen auf- und abgehend, will Adam Bernd nicht nur sein Tractat, sondern auch seine Lebensgeschichte bald drucken lassen, und zwar so, wie alles wahrhaftig geschehen ist. Doch er würde wohl kaum etwas hineinschreiben, das gegen Gott und seine Gebote gerichtet ist, selbst wenn es wahr sein sollte, denn das würde dann ja auch nicht gedruckt werden können! Aber was hatte das jetzt mit der Zeichnung zu tun? Schon war er wieder völlig durcheinander. Aber wäre ein solch sündiges Tun, überlegte er trotzdem weiter, nicht auch Grund genug, Angst zu haben, sich deswegen unwillkürlich zu Tode zu stürzen oder sich ein Messer in den Leib zu rammen! Erst letztens bekam ich ja mit, fiel ihm ein, wie er Dratens Tochter befahl, alle Messer mit hinunter zu nehmen und wegzuschließen. Sollte diese Angst vor der Sünde daher rühren, mit Männern verbotenen Umgang gehabt zu haben? Aber dann, daran dachte er erst jetzt, ein Beweis mehr, wie schlecht sein Kopf funktionierte, würde er doch Cara nicht in andere Umstände gebracht haben! Das konnte doch nicht sein! Die Gedanken wirbelten alle zugleich in seinem Kopf herum. Nach einer Weile aber beruhigte er sich. Adam Bernd, so entschied er, ist kein Sodomist, das ist unmöglich, denn Cara sagte doch, sie habe mit ihm zusammengelegen, warum hätte sie denn lügen sollen, ja und überhaupt, er wickelte sich das Tuch um die Hüften und lief schnell hinüber in des Predigers Wohnung, um sich die Zeichnung noch einmal anzusehen, ist das denn nicht viel eher Cara als ich! Wie hatte er sich nur so täuschen können!

Heinrich hielt das Blatt in der Hand, so als erwarte er, Cara täte den Mund auf, um zu ihm zu sprechen. Je länger er in das Antlitz seiner Schwester ansah, desto sicherer war er, daß Cara sich wegen Adam Bernd das Leben genommen hatte! Das Abbild, das doch nur der Prediger selbst angefertigt haben konnte, ließ seinen Haß wieder aufflammen! Sein Blick lag wie gebannt auf diesem Gesicht, doch nun schienen ihm die Augen nicht etwa böse, sondern lieblich, die Gesichtszüge nicht grob, sondern fein. Er legte das Blatt wieder zurück und schlüpfte im letzten Augenblick aus der Tür, kurz bevor Adam Bernd, in einen dicken Mantel gehüllt und mit ganz rotem Gesicht, den obersten Treppenabsatz erreichte. Eben wollte ich, brachte Heinrich hervor, Dratens Drachen um Kaffee bitten. Der Prediger lächelte. Eben dies habe ich, lieber Heinrich, schon getan, nicht ohne ihr so etwas wie ein Beichte abnehmen zu müssen. Die arme Seele. Das Mädchen hat, im Vertrauen gesagt, manch böse Gedanken. Sie gingen in die Wohnung, wo sie schweigend auf die Bewirtung warteten. Täubenfüßers Gedanken verwirrten sich, er kannte sich selbst nicht mehr. Flammender Haß gegen den Prediger wechselte ab mit dem Gefühl, ihm fast so etwas wie ein Bruder sein zu müssen, ein Weggefährte. Das ging wie ein Riß durch ihn hindurch. Wie er diesen Kerl haßte, oder ihn hassen wollte! Er dachte an Anna, der ein vornehmer Herr ein Kind gemacht hatte, und sicher war auch sie in die Ruhr gegangen. Alle ehrlosen Frauen gingen ins Wasser, das wußte man in Schwerte, wenn auch einige bis hinauf zur Syburg liefen, um sich von dort in die Tiefe zu stürzen. Begingen in Leipzig weniger Frauen die schwerste aller Sünden, weil es Armenhäuser und auch Waisenhäuser gab? Würde Cara noch leben, wäre sie nicht nach Schwerte gegangen, sondern in Breslau geblieben? Half Stadtluft, Schande zu ertragen? Doch wie oft wurden nicht auch Frauen hier in Leipzig auf das Rathaus diktiert und einer peinlichen Befragung unterzogen! Und wehe, sie gaben etwas zu. Manche verließen aber dennoch mit dickem Bauch die Stadt und waren nicht mehr gesehen. Über all diese Dinge nachdenkend beobachtete er den Prediger, der in sich versunken hin und herstiefelte, einige Male ansetzte, etwas zu sagen, dann aber wieder abwinkte. Das kannte Heinrich schon, er würde die Feder erst eintunken, wenn ein vollständiger Satz im Raum stünde. Dann wurde endlich der Kaffee gebracht.

Adam, der von Heinrichs Gefühlswirrwarr nichts bemerkte, wollte, das hatte er sich für heute fest vorgenommen, in das letzte Kapitel des Tractats noch einen zweiten Paragraphen hineinschreiben. Das war überaus wichtig. Der Wille, eben dies würde er noch einmal betonen, könne durchaus böse Neigungen bewirken, doch wenn der Mensch selbst dem Guten zugeneigt sei, würde auch der Wille, das schien ihm sicher, seine Grenze darin erfahren. Doch wie das formulieren? Mehrmals hob er zum Diktat an, unterbrach sich aber immer wieder, nachdem er Paragraph II in den Raum gerufen hatte, setzte sich auf einen Stuhl, stand wieder auf, setzte sich wieder, stand auf, hob zu sprechen an, schwieg dann aber dennoch und so weiter und so weiter. Heinrich war eben zum dritten Male im Begriff, die Feder einzutunken, denn irgendwann mußte es ja losgehen, als ein schon älterer Mann, ganz durchnäßt, seit Wochen wechselten sich Schneefall und eiskalter Regen ab, schwer keuchend um Luft ringend, vor der Tür stand. Endlich brachte er mit langen Pausen zwischen den einzelnen Worten hervor, der Apotheker Soderberg lasse grüßen, er bringe eine Arznei, sie sei bereits bezahlt, und ob ein Heinrich Holzkötter hier zu finden ist, ihm müsse er die Sendung persönlich übergeben. Den Namen Holzkötter betonte er ganz besonders. In der Hand hielt er eine Art Tiegel aus Steingut, einem großen Tintenfaß nicht unähnlich. Als er den Boten den Namen so auffallend deutlich aussprechen hörte, durchlief den Prediger ein Zittern, noch bevor er begriff, was hier geschah. Holzkötter ist doch der Familienname Caras, dachte er endlich. Ich selbst habe ihn Cara zu schreiben gelehrt, überlegte er, den durchnäßten und vor sich hin tropfenden Boten weiter anblickend, und da fiel ihm auch wieder seine Zeichnung ein und die Ähnlichkeit Caras und Heinrichs, die er durch eben diese Zeichnung bemerkt hatte und die ihm so unerklärlich war. Darauf mußte man erstmal kommen, dachte er, Holzkötter, Heinrich Holzkötter. Von wegen Herr Daubenfuß!

Der Bote wußte nicht recht, wie ihm geschah und blickte zu Boden. Vor ihm stand zitternd dieser Mensch, der dem Habit nach der Prediger sein mußte, also sollte doch wohl der Kerl am Schreibpult Holzkötter sein, doch eben dieser rührte sich nicht und starrte ihn an. Beide Herren starrten ihn an, als sei er der Verderber persönlich! Dabei war doch nur eine Arznei abzugeben, die er auf Geheiß einer jungen Dame bei Soderberg abgeholt hatte. Sollte man ihm einen Obolus geben oder nicht, das war ihm gleich, doch ihn hier stehen zu lassen und anzustarren, war nicht recht. Endlich aber rührte sich der Mann im Hintergrund, tat einen Schritt auf ihn zu und sagte: Guter Mann, ich bin Heinrich Daubenfuß, doch die Arznei mag schon für mich sein, das hat seine Richtigkeit. Da Heinrich aber keine Anstalten machte, den Tiegel in Empfang zu nehmen, die Arme hingen ihm wie tot am Leib herab, reichte der alte Mann das Gefäß schließlich dem Prediger, der es nahm, auf den Tisch stellte, ein Geldstück hervorkramte und den Alten, ihm Gesundheit und Glück wünschend, aus der Tür schob. Wo waren wir stehengeblieben, sagte er, die Türklinke noch in der Hand und ohne seinen Schreiber anzublicken, der sich nun wieder an seinen Pult stellte und die Feder eintunkte. Ihr wolltet, sagte Heinrich leise, den Paragraphen II diktieren.

Wenig später brachte Dratens Tochter frischen Kaffee und man setzte sich an den Tisch. Als Heinrich ihnen beiden eingoß, zitterte er ein wenig, sein Herz klopfte wie wild, und natürlich bemerkte Adam das Zittern, sagte jedoch nichts. Auch ihm wummerte das Herz im Leib, denn nun war aus seiner Ahnung Gewißheit geworden. Wie hatte er nur annehmen können, Daubenfuß sei der wahre Familienname Heinrichs! Er mußte also der Bruder Caras sein, er mußte wissen, wie es ihr ergangen war und wo sie lebte. Vielleicht hätte er Heinrich umgehend gefragt, ihm die Geschichte, oder einen Teil der Geschichte, erzählt, doch da sein Schreiber weiß wie die Wand war und zu Boden starrte, verschob er es auf später. Heinrich fragte sich indessen, wer ihm die Arznei, der Tiegel stand wie ein Menetekel auf dem Tisch, wohl geschickt haben mochte. Im Grunde aber wußte er die Antwort, und sicher hatte Meister Urian dem Boten eingeschärft, in jedem Fall den Namen Holzkötter laut und deutlich auszusprechen, damit der Prediger ihn, selbst wenn Heinrich in seiner Wohnung gewesen wäre, in jedem Fall hörte. Aber warum? Was versprach sich dieser Mann davon? Was alles wußte er? Wichtiger aber war jetzt die Frage, was er selbst tun sollte, was sagen, wenn er gefragt würde?

Heinrich entschloß sich, von den naheliegenden Fragen abzulenken, indem er davon sprach, diese Arznei solle wohl endlich die Folgen seiner Sünden wirklich lindern, in dem Tiegel werde eine neue Salbe gegen die Hurenkrätze sein. Sie sprachen eine Weile darüber, auch daß auf eine Besserung immer wieder eine Verschlechterung folgte. Adam hatte Mühe, nicht in den Predigerton zu verfallen. Dann machten sie sich wieder an die Arbeit. Adam diktierte, und wer weiß, ob er ohne diesen Vorfall ihn so verfaßt hätte, den Paragraphen II des letzten Kapitels seiner Schrift über den Einfluß der göttlichen Wahrheiten in den Willen und das ganze Leben des Menschen. Mit leicht zittriger Hand schrieb Heinrich also nach dem Diktat Bernds: Die fünfte Wirkung des Willens in die Wahrheiten ist wohl die kurioseste und stärkste, obwohl sie öfters zufälligerweise den Menschen eher in Irrtum stürzt, als daß sie ihm zur Wahrheit verhelfen sollte. Das ist diejenige Wirkung, nach welcher der Mensch, daferne er seinen Vorteil oder Schaden erkennt, im Fall etwas wahr oder falsch sein sollte, eine heftige Neigung des Willens hat, daß nur dies, oder jenes wahr, und jenes oder anderes falsch sein möchte, so daß eine heimliche Neigung ihn die Sache nur so vorstellen läßt, wie er sie gerne beschaffen haben wollte. Ein geiler Mensch, der einmal durch ein falsches Urteil von der Vortrefflichkeit der venerischen Luft verführt und so einen heftigen Willen und Neigung hat, Hurerei zu begehen, verblendet seinen Verstand und verleitet die Seele dazu, lauter Ausflüchte auszukünsteln, aus denen sie die angenehme Erkenntnis zieht, daß wenn der Verstand keine Sünde erkenne, auch keine begangen ist. So künstelt er so lange, bis er Gründe genug erfindet, welche ihm die sündige Sache als etwas Gutes und Erlaubtes vorstellt.

Er hatte mit fester Stimme diktiert, sich aber sehr zusammennehmen müssen. Nun hieß es, da Heinrich in seine Wohnung hinübergegangen war, über die ganze Sache nachzudenken, die Frage zu beantworten, wie er mit Heinrich zu sprechen habe, herauszubekommen, ob es ein Zufall sein kann, daß dieser bei ihm Schreiber geworden ist. Er dachte an jene Szene, die er lange verdrängt hatte, an die peinlichen Momente in dem öffentlichen Scheißhaus, an jenen Tag, an dem er Heinrich zum ersten Mal sah. Mehr als zehn Jahre war das her, doch damals hatte er nicht die geringste Ähnlichkeit Heinrichs mit Cara erkannt, während er nun nicht nur diese bemerkt hatte, letztlich ja durch seine Zeichnung, sondern auch noch den richtigen Familiennamen Heinrichs wußte. Er dachte an die erste Begegnung mit Cara im Haus Acoluths, kaum daß sie ihn ansehen und ihren Namen sagen wollte, doch schließlich sagte sie, sie heiße Cara Holzkötter und stamme aus Schwerte in Westphalen, dort sei auch noch ihr kleiner Bruder. Das hatte sie gesagt.

Die schwarze, streng riechende Paste vertrieb keineswegs den Schmerz, aber sie veränderte ihn, machte ihn binnen kurzer Zeit stumpf und ein wenig erträglicher. Nie wieder würde er eine Hure auch nur ansehen, das hatte er sich bereits geschworen, als die ersten Pusteln und Bläschen zu sehen waren. Diesmal würde er nicht schwach werden, sein Entschluß stand für alle Zeit fest. Dabei war die Berliner Göre nicht einmal eine der üblichen Schlampampen gewesen, sie war ein sauberes und langweiliges Ding, nicht mehr und nicht weniger. Trotzdem, zur Hölle mit ihr, dachte er, indem er sich noch ein wenig der Paste auf sein bestes Stück schmierte, zur Hölle mit all den Weibern! Dann stand er auf und ging breitbeinig ans Fenster. Eine Gruppe stramm ausschreitender Stadtsoldaten kam eben die Gasse herunter, behende wichen ihnen Männlein wie Weiblein aus. Niemand von denen scheint Probleme mit dem Gehen zu haben, dachte Heinrich, an sich selbst herunterblickend, wie er ohne Hosen und schwarz eingeschmiert dastand, wie ein halber Mohr, dachte er, wie ein Unikum, das auf dem Jahrmarkt die Menschen belustigt. Es war garnicht daran zu denken, sich nun ankleiden zu können und hinauszugehen. Zur Hölle mit allen Huren, zur Hölle, zur Hölle, zur Hölle!

Adam, der in der Nachbarwohnung eben dabei war, alte Predigttexte durchzusehen, beglückwünschte sich dazu, in der Beschreibung seines Lebens Cara bisher nicht erwähnt zu haben, einfach aus dem Gefühl heraus, dies alles nicht deutlich sagen zu dürfen. Er wußte, daß Heinrich von der anderen Schrift, dem Tractat, nicht viel begriff, das sah er an einigen typischen Schreibfehlern, aber auch an der Miene seines Schreibers, die jedoch eine ganz andere war, diktierte er ihm die Lebensbeschreibung. In diese würde er die Cara betreffenden Passagen nun aber in jedem Fall selbst einfügen, in welcher Form auch immer. Heinrich sollte, bevor alles gedruckt vorlag, nichts von all dem erfahren, vor allem nichts von der Liebschaft und nichts von der schrecklichen Nacht, in der sie von diesen Teufeln in Menschengestalt überfallen worden waren. Oder sollte Cara ihm davon berichtet haben? Nein, das konnte er sich nicht vorstellen! Natürlich würde er Heinrich auch nichts über die Taubheit seines Unterleibes diktieren, die ihn seit dieser Nacht in der Gegenwart einer Frau befiel. Ja, auch dies mußte er selber aufschreiben, ein wenig verklausuliert zwar, doch deutlich genug, all jene zu trösten, denen ebenso Gewalt angetan worden ist.

Warum nur ließ Gott dies alles zu, die Gewalt, die Menschen sich antaten, all die Unglücke und Unfälle? Das war die Frage, die sich Adam nun wieder einmal stellte, selbst wenn er die Antwort kannte. Auch einen Text über die Theodizee wollte er noch verfassen, das hatte er sich fest vorgenommen, sobald nur das Tractat und wenig später auch die andere Schrift mitsamt dem Text über das Übel des Selbstmords gedruckt seien. Natürlich durfte sein Amt, das er nun schon fast zwei Jahre innehatte, nicht Schaden nehmen, doch was hinderte ihn daran, für seine tägliche Arbeit alte Gastpredigten, die er zu allen möglichen Fragen in den Dorfkirchen, aber auch etwa vor wenigen Jahren in Breslau gehalten hatte, wieder hervorzuholen? Auch würde er bald schon zwei oder drei seiner besten Schüler regelmäßig für Predigten einsetzen können. Das würde ihm die Zeit verschaffen für neue Schriften. Und jetzt stand erst einmal die Lebensbeschreibung an, die wollte geschrieben sein! Kurzentschlossen nahm er eine Feder zur Hand, schnitt sie zurecht und begann. Eines Tages, schrieb er, vor sich hinmurmelnd, war ein noch ganz junges Mädchen im acoluthschen Haus in Breslau erschienen, wenig gelitten doch geduldet. Sie sagte zu mir, der ich damals noch Gymnasiast auf dem Elisabeth-Gymnasium war, sie sei Cara Holzkötter aus Schwerte in Westphalen und mit geistlichen Herren in diese Stadt gekommen. Er stockte. Sollte er nun Heinrich erwähnen, überlegte er, weil sie damals kurz von ihrem Bruder gesprochen hatte? Im Treppenhaus plötzlich Lärm, jemand kam schnell die Treppe heraufgelaufen. Er drehte das Blatt um und wandte sich zur Tür. Wer mochte das sein? Dieser Jemand klopfte jedoch bei Heinrich und trat dort ein, ohne auf Antwort zu warten. Adam legte die Feder zur Seite und das Ohr an die Wand, doch das schallende Lachen einer Frau hätte er auch so gehört. Daß Heinrich nicht mitlachen mochte, konnte Adam gut nachfühlen, denn wahrscheinlich lief der arme Kerl, nachdem er die neue Salbe aufgetragen hatte, jetzt nackt durch seine Wohnung und suchte etwas, sich zu bedecken. Schade, dachte Adam, daß so etwas nicht für eine Predigt taugte, es wäre ein gutes Exempel, um den Huren und Hurern die Leviten zu lesen. Nun, er hatte jetzt Besseres zu tun als sich um solche Dinge zu kümmern. Noch eine Weile würde er schreiben wollen, ja er mußte all das, was mit Cara und ihm selbst zusammenhing, in den nächsten Tagen aufschreiben, damit es endlich getan war, endlich heraus war, denn hatte er dies nicht allzu lange vor sich hergeschoben? Ob er es am Ende dann drucken lassen wollte, würde er zu gegebener Zeit entscheiden. Er tunkte die Feder erneut ein. Wo war ich stehengeblieben, murmelte er. Von dem leisen Gespräch auf der anderen Seite der Wand bekam er nichts mit.

Monique lachte frei auf, als sie Heinrich nackt in der Stube stehen sah. Die schwarze Paste bedeckte den halben Unterleib. Sie wußte natürlich, daß Täubenfüßer litt, doch er sah eben zu komisch aus. Heinrich warf sich eine Decke um und blickte Monique böse an. Heute seid ihr nicht recht in Form, scheint mir, sagte sie in ihrem Singsang, dann wird es wohl wieder nichts mit uns. Sie stolzierte durch die Stube und hockte sich breitbeinig auf den Stuhl und sah ihn lüstern an. Dann jedoch stellte sie die Beine brav nebeneinander und wurde ernst. Habt ihr die Abschriften, flüsterte sie übertrieben leise, denn wie ihr wißt ist der Meister bereit, den Vogel bald abzuschießen. Ihr Blick wanderte zu einem Stapel Papier, sie sah aber sofort, daß dies etwas anderes sein mußte. Ihr seid also auch unter die Autoren gegangen! Komme ich vor in euren Geschichten? Heinrich antwortete nicht und wies auf die Kiste unter dem Bett, eben jener, die er preiswert erworben und damals in einer Gluthitze von Probstheida hergeschleppt hatte. Alles Wertvolle, was er besaß, war darin verwahrt, auch das Manuskript, in dem er sein Leben erzählte, verstaute er dort, wenn er das Haus verließ. Die Abschriften der Texte Adam Bernds lagen obenauf in einem Umschlag ohne Aufschrift.

Ich bin gut entlohnt worden für das Abschreiben, überlegte Heinrich, und Monique, die jetzt aufgestanden und zum Fenster gegangen war, mußte die Abschriften nun einfach Meister Urian bringen, um damit gegen den Prediger vorgehen zu können. So ist wohl der Lauf der Dinge. Inzwischen wußte Heinrich auch, daß gegen jeden Einzelnen der jüngeren Leipziger Prediger der grundsätzliche Verdacht gehegt wurde, er könne unter Umständen zu den Pietisten, den hallischen Teufeln zu rechnen sein. Monique hatte ihm kürzlich in der Schenke, so gut sie es selbst verstand, erläutert, Meister Urian beobachte aber Adam Bernd besonders, da er aus Breslau stamme, wo man es mit der Feindschaft gegenüber den Papisten, den Calvinisten oder den Pietisten nicht gar so genau nahm. Jede seiner Predigten, jede seiner Schriften wurde untersucht, auch wenn diese nicht einmal gedruckt seien. Heinrich hatte verstanden, und ja, an sich war es ihm recht, wenn Bernd sein Amt verlor und in Verzweiflung stürzte – wenn da nicht dieses seltsame Gefühl wäre, das Gefühl der Zuneigung zu diesem Kerl, das ihn in dessen Gegenwart geradezu überfiel. Aber was sollte er tun? Das Geld hatte er angenommen, die Stube, die beste Wohnung, die er je bewohnt hatte, wurde bezahlt, selbst die Zugsalbe bekam er jetzt wohl kostenfrei geliefert. Würde Urian ihm glauben, wenn er behauptete, von dem Tractat noch keine weitere Abschrift verfertigt zu haben? Und wer ahnte schon, aus welchen Quellen dieser Kerl noch schöpfte! Vielleicht wußte er sogar von jemand anderem längst von all den anderen Plänen des Predigers und auch davon, daß er eine Lebensbeschreibung verfaßte samt eines langen Abschnitts über den Selbstmord! Eines jedoch war Heinrich klar: er würde, sollte der Prediger aus dem Amt gejagt werden, dies alles verlieren. Darüber hatte er schon mehr als einmal nachgedacht. Vielleicht hätte er die Abschriften doch noch einmal durchsehen sollen, bevor sie in die Hände Meister Urians fielen. Dazu war es jetzt zu spät, denn Monique hatte die Kiste hervorgezogen und geöffnet. Sind es diese, fragte sie barsch. Heinrich nickte. Ja, diese, sagte er. Sie steckte den Umschlag in einen Beutel und wandte sich zur Tür. Der Meister läßt ausrichten, er hoffe bei Gott, die Salbe hilft, rief sie noch grinsend, bevor sie die Tür hinter sich zuwarf. Fast hätte sie Adam Bernd umgerannt, der eben aus seiner Türe trat. Irgendwo, dachte Adam sofort, habe ich diese Frau schon einmal gesehen. Was sie wohl ausgerechnet beim Täubenfüßer, bei Heinrich Holzkötter gewollt haben mochte? Er ließ ihr mit einer vagen Geste lächelnd den Vortritt; das Thema seiner heutigen Nachmittagspredigt, zu halten nach einer Unterrichtsstunde für einige ausgesuchte Schüler, war die Putzsucht und die Eitelkeit, da wäre diese Frau ein gutes Exempel! Er selbst hatte ja durchaus nichts gegen ein wenig Putz und Glanz, doch das mußte seine Gemeinde ja nicht wissen.

Der Unterricht war wenig aufregend. Adam wußte um die Angst seiner Schüler, denn bald schon würden sie einzeln bei der theologischen Fakultät eine erste Prüfung ablegen. Er fühlte mit ihnen, wenn sie mit glänzenden Augen und zugleich besorgt vor ihm saßen, um bloß nicht auch nur ein Fitzelchen zu verpassen vom dem, was er sagte. Wissen die denn, dachte Adam, daß eine schlechte Prüfung für sie nicht der Untergang ist, aber auf mich als deren Katechet zurückfällt? Bin ich überzeugend genug, wenn es um die Punkte geht, wie unser Glauben von dem der Papisten zu unterscheiden ist, und nichts anderes wird ja Inhalt dieser Prüfung sein? Das fragte er sich wieder einmal, denn im Grunde wäre doch eine Wiedervereinigung beider Lager die beste Lösung! Das dachte er nach wie vor, hütete sich aber, dies auch nur anzudeuten, auch wenn sich unter seinen Predigten, die Heinsius vor wenigen Jahren in einem Konvolut veröffentlicht hatte, eine fand, in der er eben dies befürwortete. Doch nicht nur diese Fragen beschäftigten ihn, sondern auch die, wo er jene Frau schon einmal gesehen hatte, die mit Papieren aus Täubenfüßers Wohnung gekommen war. Heinrich würde wohl wissen, wer sie ist. Ich werde ihn fragen, beschloß er und versuchte dann, sich auf seinen Unterricht zu konzentrieren. Die ersten schienen schon etwas abwesend zu sein, und das war immer die Schuld des Lehrers. Meine Lieben, hob er also an, wir wollen alle Punkte von Wichtigkeit noch einmal erwägen.


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*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

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