Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)* Kapitel einundzwanzig: Rollenspiele

Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel einundzwanzig:

Rollenspiele

Die Bürger der Stadt Leipzig und solche, die es gerne wären, machten sich neuerdings einen Spaß daraus, an Feiertagen die Stadt zu verlassen, die vor den Stadtmauern angelegten Gärten und die Vorstädte vollends zu durchqueren, um dann am Ufer der Elster entlangzuspazieren oder auf einer Wiese hockend mitgebrachte Speisen zu verzehren. Sie nahmen sogar ihre Kinder mit, damit diese, so war zu hören, den Frühling vom Herbst zu unterscheiden lernten. Heinrich Holzkötter, genannt der Täubenfüßer, tat indes seit einer Weile keinen Schritt mehr als notwendig. Langsam, sehr sehr langsam verheilten die Wunden, die die Hurenkrätze ihm im Schritt geschlagen hatte. Der Medicus Augustus Quirinus Rivinus hatte ihm ja prophezeit, es würden noch Monate ins Land gehen, bis er geheilt sei, selbst mit den besten ausländischen Methoden. Vor dem Herbst jedenfalls sei damit nicht zu rechnen. Statt der schwarzen Paste sollte Heinrich nun bald aber ein weißes Puder benutzen. Eben dies ist ja schon ein Fortschritt, sagte Rivinius, der sich auch heute wieder viel Zeit damit ließ, die Wunden anzusehen, Eiter herauszudrücken, Proben zu nehmen und so weiter. Zugleich diktierte er den Befund in aller Ausführlichkeit auf Latein einem jungen Studenten, der immer auch eine Zeichnung anfertigte, was Heinrich jedesmal besonders peinlich war.

Kaum wieder allein machte sich Heinrich an seine Lebensbeschreibung. So wie der Prediger ein langes Kapitel dem Selbstmord widmete, so wollte Heinrich, das war seine neueste Idee, in seiner Schrift eines dem Haß, oder der Rache, oder eigentlich beidem, widmen. Doch mehr als drei, vier Blätter waren es noch nicht geworden. Es fiel ihm schwer, seine Gefühle und Gedanken in Worte zu fassen. Außerdem wiederholte er sich auf den wenigen Seiten ein ums andere Mal, bemerkte dies aber erst nach einigen Tagen, wenn er alles noch einmal durchlas. Zufrieden war er beileibe nicht, denn es konnte keineswegs die Rede davon sein, so formulieren zu können wie der Prediger. Die Beschreibung seines Lebens auf dem Bauernhof bei Schwerte empfand er inzwischen indes selbst als gut gelungen, die sollte Heinsius in jedem Fall drucken, auch das mit den Mädchen und vor allem das mit Knu. Knack, da war es gebrochen, das Genick, schrieb er und freute sich, ja eine Gänsehaut kroch ihm über den ganzen Leib.

Erst gestern war diese Monique wegen der Abschriften bei ihm gewesen, und da stand sie nun plötzlich wieder bei ihm in der Wohnung! Er hatte sie nicht einmal kommen hören. Der Meister läßt fragen, begann sie unvermittelt, ob ihr bald wieder laufen könnt oder ob euch der Arsch am Ende ganz abfaulen wird. Sie war müde und gereizt und beachtete nicht einmal, daß Heinrich halbnackt, den Unterleib mit dem weißen Puder bedeckt, auf seinem Bett lag. Auf- und abgehend, von der Tür zum Fenster und von da aus zum Bett und wieder zur Tür und so weiter, begann sie nun aber ungefragt zu erzählen, es sprudelte nur so aus ihr heraus, so als habe sie Grund, gerade ihm, Täubenfüßer, der sich nicht wenig wunderte, besonders zu vertrauen oder auch, als sei es ihr egal, wer ihr zuhörte. Sie sei jedenfalls, berichtete sie, in aller Herrgottsfrühe mit einer Kutsche aus Halle gekommen, wo sie Meister Urian zu Diensten gewesen sei, als ein Prediger aus Osnabrück ist er dort bekannt, redet in einem fremden Zungenschlag und sucht die Nähe eines gewissen August Hermann Francke, der dort ein Waisenhaus leitet, Kirchenlieder dichtet und eine Position in der Cansteinschen Bibelanstalt erringen will. Wußtet ihr davon, Täubenfüßer? Heinrich schüttelte den Kopf. Natürlich wußte er nichts davon. Der Meister sei nun oft in Halle, erzählte sie weiter, eine gewisse Empörung lag in ihrer Stimme, und dort sei er ein ganz anderer Mensch, nicht nur, wenn er ausginge, sondern sonst auch. In den Nächten fluche er immer über diesen Francke und einen Freiherrn von Canstein, doch er fluche immer ganz leise und flüsternd und gerate dann oft so in Rage und zittere derart, daß sie es mit der Angst zu tun bekäme, ja Todesangst hätte sie. Sie selbst bleibe dort, fuhr sie fort, Tag und Nacht meist in einer kleinen Stube, denn in Halle sei es Sitte, sich über modische Kleidung zu mokieren, ein Exempel dafür, was ein Gelehrter der dortigen Universität öffentliche Meinung nenne, wie Meister Urian ihr gesagt habe, doch eben dieser Gelehrte schert sich nicht um diese Meinung, sondern gestattet es, daß seine Frau sich herausputzt wie die Gräfin von Königsmarck! Mich aber sperrt Urian ein und … – ihr wißt schon!

Heinrich hörte, überrascht von ihrer Redewut, interessiert zu, und wenn sie, immer noch hin- und hergehend, in die Nähe seines Bettes kam, nahm er den Geruch von Urians Pfeifentabak wahr, der natürlich nicht solch ein Kraut rauchte wie das gemeine Volk. Dieser Gelehrte, fuhr Monique fort, ein gewisser Thomasius, ist der einzige vernünftige Mensch in Halle, das sagt der Meister, weil er Distanz zu Francke und seinem Lumpenpack hält. Sie haben gestern gemeinsam bei Urian gespeist und einen Discours gehalten, wie sie das nannten, doch obgleich sie französisch sprachen, habe ich davon nicht ein Wort verstanden! Monique schien jetzt richtiggehend verärgert zu sein, ihre grünen Augen funkelten. Den schweren Tonfall habe er übrigens auch im Französischen beibehalten und später auch noch ausführlich über Osnabrück gesprochen, obgleich er dort nie gewesen sei, wie er ihr später gestanden habe. Heinrich mußte grinsen, denn eine Hure, die sich über einen Betrug empörte, sah man nicht alle Tage. Dann ging sie wieder, kaum daß sie ihm noch zugenickt hatte. War sie etwa nur bei ihm aufgetaucht, um ihm all das zu erzählen?

Eine gute Stunde später ließ sich Monique von Chantins Exfrau, es reichte gemeinhin, Grüße von Meister Urian auszurichten, um allerlei Dienstbeflissenheit auszulösen, ein Frühstück herrichten. Sie zitterte ein wenig vor Müdigkeit, denn immerhin war sie mitten in der Nacht von Halle aus aufgebrochen, zum Glück bei Vollmond. Der Meister war irgendwann einfach in seinem Sessel eingeschlafen. Auch nur ein Mensch, hatte sie gedacht, während sie sich wieder anzog und ihre Kleider zusammenraffte. Auf das verabredete Zeichen des Kutschers war sie dann zur Hintertür hinausgehuscht, ohne ihn aufzuwecken. Ich hätte ihm die Kehle durchschneiden können, überlegte sie, dem Herrn Prediger aus Osnabrück. Selbst mit mir, das dachte sie immer wieder, spricht er in Halle mit anderer Zunge. Als sei er der Teufel persönlich!

Adam Bernd verabschiedete seine Schüler und zog sich in die Sacristei zurück. Seit gestern ging ihm diese Frau nicht aus dem Kopf, die aus Täubenfüßers Wohnung gekommen war. Daß sie etwa bei ihm gewesen ist, um seine Hurenkrätze zu behandeln, hielt er für ausgeschlossen, dafür war sie zu sehr aufgeputzt. Als ein Exempel für die Putzsucht hätte er sie ja gleich mitnehmen können in die Kirche, das war sein erster Gedanke gewesen. Sie hatte eine Entschuldigung in einem komischen Akzent gemurmelt und war dann vor ihm die Treppe hinuntergegangen, so daß er an jedem Absatz ihr Gesicht studieren konnte. Einmal hatte sie ihn noch angelächelt. Die Papiere jedenfalls, die sie in der Hand hatte, waren von Täubenfüßer, das erkannte er an der Schrift. Sollte ich ihn auch deswegen fragen, überlegte er, oder steche ich damit in ein Wespennest und löse womöglich irgendwelche Kalamitäten aus? Sicher waren das Abschriften, der ein oder andere kleine Auftrag, von einem Kaufmann oder einem Handwerksmeister. Der Schreiber eines Predigers zu sein hob das Ansehen, warum sollte Täubenfüßer, Heinrich Holzkötter, dies also nicht nutzen? Und das mit dem Nachnamen und seiner Überzeugung, Heinrich müsse Caras Bruder sein, stand ja auch noch im Raum, das war wohl wichtiger als alles andere! Inzwischen ging er fast davon aus, daß ein unglaublicher Zufall ihn mit Heinrich hatte zusammentreffen lassen, und es wäre wahrscheinlich am besten, einfach abzuwarten, bis Heinrich von sich aus etwas erzählte über sich und sein Leben. Unwahrscheinlich aber, dachte er nicht zum ersten Mal, daß er etwas weiß über Cara und mich und das Unglück des Überfalls, denn Cara würde das sicher nie jemandem erzählen. Ganz sicher nicht.

Auch Monique dachte nach, ja das Denken hinderte sie zur gleichen Stunde daran, endlich einzuschlafen, und schlafen mußte sie ganz dringend nach der durchwachten Nacht. Das kurze Zusammentreffen mit diesem Adam Bernd im Treppenflur, auf den Urian nun fast seine ganze Aufmerksamkeit richtete, ging ihr nicht aus dem Kopf. Er hatte ihr freundlich zugenickt und, das war das Verstörende, sie hatte im selben Augenblick Mitleid für ihn empfunden. Die Antrittspredigt hatte ihr gut gefallen, auch wenn sie denn eigentlich nur dort gewesen war, um diesen Täubenfüßer zu beobachten. Damals wußte sie nicht mehr, als daß dieser dem Meister mal in sekundärer Weise, so hatte er das gesagt, zu Diensten gewesen war und nun vielleicht wieder gebraucht würde. Urian hatte sehr gelacht, als sie ihm von der kleinen Nummer in der Peters-Kirche erzählte, die sie vollführt hatte, ungeplant allerdings, denn zum Pinkeln hinauszugehen wäre ja unmöglich gewesen. Wie auch immer, Täubenfüßer war jetzt auf den Prediger angesetzt und dessen Schreiber geworden, und sie mußte die Abschriften abholen und nach Halle bringen, ins Teufelsnest, wie Urian selbst sagte. Sonst weiß ich nichts, dachte sie, überhaupt nichts, von dem wenigen natürlich abgesehen, das ich heute dem kleinen Hurenbock erzählt habe. Keine Ahnung, ob der Prediger nicht doch eine gute Seele ist und zu Unrecht verdächtigt wird! Von all diesen als so wichtig erachteten Unterschieden von Orthodoxie und Pietismus und Calvinismus verstand sie ohnehin nichts. Sie selbst war jedenfalls dem Papst treu, und das hatte sie dem Meister auch gesagt, und zwar gleich bei der ersten Zusammenkunft. Umso besser, umso besser, hatte der erwidert, weiter nichts. Und dann war da auch noch die Sache mit Gregor, der alles viel zu ernst nahm und sie heiraten wollte! Ihren Einwand, dies sei doch wohl unmöglich, schon allein wegen der unterschiedlichen Bekenntnisse, ließ er nicht gelten, dann würden sie eben nach America auswandern, dort herrsche Freiheit in solchen Dingen. Das würde ihm wohl nicht auszureden sein, dachte sie. Und jetzt schlafen!

Gregor selbst mußte sich oft einigen Spott anhören, nicht wegen Monique, sondern wegen seines Ehrgeizes, den er offen zeigte. Er habe es ja schon weit gebracht, wurde spöttelnd gesagt, denn nachdem er zunächst nur Türen für die Toten gebaut habe, eben jene als sein Gesellenstück zu den Grüften in der Peters-Kirche, dürfe er nun sogar solche für die Lebenden bauen. Die beiden Altgesellen lachten sich kaputt, wenn sie ihn mit stolzgeschwellter Brust morgens in die Werkstatt kommen sahen. Er aber genoß immerhin, das sagte er sich mit nicht geringem Stolz, jetzt schon das Vertrauen Meister Schwans und hatte eine prächtige Eingangstür in Arbeit, denn es ging weiter aufwärts mit der Leipziger Bürgerschaft, wie es aussah. Auf die Heiratspläne hatte er den Meister nicht mehr angesprochen, denn natürlich stimmte das, was Monique sagte, die unterschiedlichen Bekenntnisse stünden dem nunmal im Wege. Außerdem war sie ein ganzes Stück älter als er und zudem Französin. Hinzu kam noch, daß keiner der Gesellen, auch nicht die älteren, verheiratet waren, wie sollte Schwan da ihn unterstützen, ohne andere zu verärgern. Die Unzuverlässigkeit Moniques war ein weiterer Punkt, ja, verflucht, sie ist eine Hure, das hatte er begriffen, doch mußte sie deswegen immer wieder unauffindbar sein! Er legte den Profilhobel aus der Hand. Nicht auszudenken, er ruinierte das teure Eichenholz, weil er an eine Hure dachte! Er würde jetzt den Ofen befeuern, heute noch würde Leim gebraucht werden, und ein wenig Holzhacken sollte ihm die Gedanken vertreiben. Dem Lehrling trug er auf, die Hobelbank aufzuräumen und die Stechbeitel zu schärfen, dann ging er in den Hof. Wahrscheinlich ist sie bei diesem Meister Urian, dachte er, einen kräftigen Hieb ausführend, auch wenn sie immer wieder über diesen spottet. Manchmal, wenn er über all das nachdachte, hatte er gute Lust, die kleine Schlampe zu erwürgen, er wußte dann überhaupt nicht wohin mit seiner Wut, doch wenn sie ihm gegenüberstand, wurde er butterweich – und ärgerte sich später eben darüber. Der Meister riß ihn aus seinen Gedanken, er solle das Holzhacken den Holzknechten überlassen und weiter an der Tür arbeiten. Er tat noch einen letzten Hieb, mitten hinein in den Schädel Urians, dann ging er wieder zu seiner Hobelbank.

Am selben Abend noch machte sich Monique wieder auf nach Halle. Warum Meister Urian sie immer hin- und herschickte, war ihr nicht ganz klar, denn es war keineswegs so, daß sie jedesmal Abschriften mitzubringen hatte oder sonstige Aufgaben verrichtete, was natürlich ohnehin auch ein anderer hätte tun können. Ihr schien manchmal, der Meister wollte sie nur müde machen, unendlich müde, und mit ihr zugleich den armen Kutscher, der halsbrecherisch genug unterwegs sein mußte, um seinen Auftraggeber nicht in Rage zu versetzen. Auch die Bauern auf halber Strecke, dort wurden die Pferde gewechselt, kamen oft genug um ihre Nachtruhe. Doch es war nicht zu ändern, und so stieg sie, nach ein paar Stunden Schlaf, wieder in diese verfluchte Kutsche und ließ sich die Knochen durchrütteln. Stunden später und also wieder einmal mitten in der Nacht erreichten sie Halle, sie zeigte am Galgtor den ihr von Urian ausgehändigten Brief mit mehreren Unterschriften und Siegeln vor und wurde in die Stadt eingelassen. Den Meister fand sie pfeiferauchend und trinkend vor. Er habe, damit begrüßte er sie ein wenig lallend, von weither über unterschiedliche Kanäle einen wunderbaren neuen Tabak erhalten, die Mischung eines gewissen Herrn Motzek. Dann machte er umstandslos Anstalten, sich an Monique zu versuchen, öffnete seinen Hosenstall und hatte seine Pfoten auch schon an den Bändern. Ich habe gestern, oder war es vorgestern, Adam Bernd im Haus des Herrn Draten getroffen, sagte Monique, statt erwartungsvoll zu blicken und sich auszuziehen, und da knöpfte sich der strenge Meister Urian sofort wieder zu. Ah, erzählt mir, meine Teure, was unser guter Prediger euch zu berichten hatte, flüsterte er, und da nichts weiter geschehen war und kein Gespräch stattgefunden hatte, mußte sie nun wohl oder übel eines erfinden, ein harmloses. Besser als die Beine breitzumachen, dachte sie.

Setzt euch doch, meine Liebe, sagte er und stellte zwei Gläser auf den Tisch. Er habe nur Schnaps da, allerdings etwas ganz Neues, nämlich einen aus Kartoffeln gebrannten, den lasse er sich von seinen Bauersleuten auf dem Weg von Leipzig nach Halle und wieder zurück immer in seine italienischen Flaschen füllen, und da das Schnapsbrennen ihnen nicht erlaubt sei, obwohl sie doch hochoffiziell den Kartoffelanbau erprobten, hätten sie nun noch mehr Angst als ohnehin schon. Lachend setze er sich und füllte die Gläser. Er sprach jetzt, das fiel Monique sofort auf, in seinem üblichen Duktus, nicht im sonst hier in Halle von ihm gepflegten osnabrücker Dialekt. Nun, begann er, was berichtete der Magister der Theologie? Ja, was berichtete er mir, das ist die Frage! Urian stopfte seine Pfeife neu, stürzte ein Glas Branntwein hinunter und sah sie neugierig an. Jetzt ist wieder einmal eine Fähigkeit gefordert, dachte sie, die immer von größter Wichtigkeit ist, nämlich das Erfinden von Geschichten während des Sprechens, und so berichtete sie zunächst erst einmal vom Täubenfüßer und seinem sonst immer schwarz beschmierten, nun aber weißgepuderten Unterleib, sie sei, das wisse er ja, kurz bei ihm gewesen, um nach weiteren Abschriften zu fragen. Urian goß sich nach, wie immer schief grinsend, wenn es um diesen Täubenfüßer ging. Nun, was diesen Prediger angeht, es war ein Gespräch im Treppenhaus, begann Monique wieder, wir trennten uns in der Gasse. Sie stockte, trank ihr Glas leer und hielt es ihrem Gegenüber zum Nachfüllen hin. Er müsse zur Kirche, fuhr sie fort, habe er gesagt, seine Schüler zu unterrichten und eine Predigt zu halten, und all dies, ihr war eingefallen, was Gregor erzählt hatte, sei ein Wunder, denn er habe sich im Frühjahr des Jahres 1711 bereits entschieden gehabt, Leipzig zu verlassen, als ein Besuch der Baustelle ihn in der Kirche festhielt, er sei buchstäblich in ihr hängengeblieben. Sie trank ihr Glas leer, Urian goß nach. Sollte sie weitererzählen, fragte sie sich, denn wenn sie schon dieses Gespräch erfand, so konnte sie doch auch das Ende selbst bestimmen. Was nun meint Bernd mit diesem Hängeblieben, unterbrach Urian ihre Überlegung, welche Umstände bewogen ihn, seinen Entschluß zu ändern? Er reckte den Kopf ein wenig vor und sah sie scharf an. Nun, sagte er, als Monique schwieg, ein so schlauer Kopf wie unser Prediger sagt dies nicht einfach so daher, also heraus damit! Oder ist es ein Geheimnis, daß ihr beiden Täubchen teilt? Monique kannte diesen Gesichtsausdruck nur zu gut, nein, nein, stotterte sie, er sagte mir, wie es vor sich gegangen war. Und da erzählte sie die ganze, von Gregor ihr mehr als nur einmal zu Gehör gebrachte Geschichte, aber so, als habe Adam Bernd es ihr erzählt. Ah, sagte Urian, abergläubisch ist unser Freund auch noch! Und wer mag wohl den Nagel eingeschlagen haben? Der Teufel persönlich vielleicht? Es starrte Monique an, seine Pupillen flatterten ein wenig. Nun, sagte er, sie am Kinn fassend, ihr wißt es, nicht wahr! Da berichtete sie, Gregor habe diesen Nagel in die Holzverkleidung eines Pfeilers eingeschlagen, jedenfalls erzähle er das, um Adam Bernd, der ihm zuvor sein ganzes Herz ausgeschüttet hatte, zu halten und an die Kirche zu binden als den zukünftigen Prediger – doch wer wußte schon, ob das so stimmte. Urian grinste. In ihrer Angst hatte Monique mal wieder Ochs und Esel beim Namen genannt.

Meister Urian dachte lange nach. Er war keineswegs sicher, ob all das der Wahrheit entsprach. Warum sollte der Prediger Monique, die er nicht einmal kannte, von solch abergläubischen Dingen erzählen, fragte er sich. Er goß ihr Glas wieder voll. Wenn Du gelogen hast, sagte er endlich leise, hänge ich Dich gleich hier auf, er wies zur Decke, und wenn Du nicht gelogen hast, überlege ich es mir noch einmal. Er bedeutete ihr, das Glas zu leeren. Er füllte es erneut. Jetzt kommt es darauf an, nichts Falsches zu tun, dachte Monique, ein Lächeln probierend, kein falsches Wort zu sagen, denn wenn ihr Urian auch noch nichts getan hatte, das damals dem Täubenfüßer Erzählte war keinesfalls an den Haaren herbeigezogen gewesen, selbst wenn das Mädchen nicht ganz so schlimm zugerichtet worden war. Vielleicht aber hatte sie Glück und er würde wieder müde werden vom Trinken, wer weiß. Erzählt mir von diesem Gregor, sagte Urian, plötzlich wieder im völlig anderen Tonfall des Osnabrücker Pietisten, den er hier in Halle mimte. Er ist es doch, mit dem ihr es treibt, meine Beste, nicht wahr? Monique schlug die Augen nieder. Jetzt bloß nichts Falsches sagen!


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*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

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