Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)* Kapitel zweiundzwanzig: Zusammenkünfte

Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel zweiundzwanzig:

Zusammenkünfte

Die eigentliche Arbeit am Tractat Einfluß der göttlichen Wahrheiten in den Willen und das ganze Leben des Menschen, es würden immerhin gut siebenhundert Buchseiten werden, war abgeschlossen. Längere Abschnitte aus älteren Schriften Bernds waren noch ins Manuskript eingefügt worden, dazu noch die ein oder andere Stelle aus berühmten Schriften, damit die berndschen Thesen nicht ganz so allein im Raum stünden. Nun lag alles bei Heinsius, der es aber erst im nächsten Jahr drucken wollte, denn, sagte er, Gott sei’s geklagt, ich bin nun mal abergläubisch. Also 1714, nicht 1713, besser sei besser. Man würde aber, da war man sich einig, bei dem Pseudonym Christian Melodius bleiben. Die Lebensbeschreibung Bernds war indes noch abzuschließen. Sie sollte enden mit seiner Berufung in das Amt des Oberkatecheten und Predigers der Peters-Kirche. Den zweiten Teil, lieber Heinrich, sagte Adam eines Tages, diktiere ich Euch, wenn wir dereinst alt und grau sind. Täubenfüßer hatte lächelnd genickt, gleichwohl aber gedacht, dazu werde es wohl nicht kommen, denn bald schon würde wohl alle Welt wissen, wer nämlich das Tractat geschrieben hatte und wer sich hinter Christian Melodius verbirgt. Allerdings war ein von Meister Urian minutiös ausgearbeiteter Plan mißlungen, der darauf hinauslief, daß Heinrich das Manuskript auf dem Weg zu Heinsius in eine Stube zu bringen hatte, wo mittels eines Dutzend von Schreibern möglichst viel in kurzer Zeit herauszuschreiben war. Daran, daß der Prediger Heinrich die fertige Schrift nicht anvertrauen würde und sie selbst zum Verleger brachte, hatte Urian nicht gedacht. So mußte er sich zunächst mit dem von seinem Spitzel Abgeschriebenen begnügen und daraus eine Anklageschrift entwerfen, die dann nur noch zu ergänzen wäre, läge erst einmal das vollständige Tractat im Druck vor. Bei Heinsius einbrechen zu lassen, schien Urian unnötig zu sein, letztlich käme es auf ein paar Wochen oder sogar Monate ja nicht an, denn Urian ging fest davon aus, den Prediger des Angriffs auf die Rechtfertigungslehre zu überführen; wer es den Menschen schmackhaft zu machen versuchte, sich über den Verstand her Gott zu nähern, ja sich sozusagen für den jüngsten Tag lieb Kind machen zu wollen, hatte seine Berufung verfehlt und im Predigeramt nichts zu suchen! Mal ganz abgesehen davon, daß es nach wie vor nicht statthaft war, sich mit philosophischen Argumenten in die Religion zu drängen. So jedenfalls sah das die Mehrheit der Mitglieder der theologischen Fakultät, und auch Urian selbst konnte sich dem ohne weiteres anschließen, schon allein aus Profitgründen. Und was dieses lächerliche Pseudonym anging, so würde er kurz nach Erscheinen Gerüchte streuen lassen, die den sauberen Herrn Prediger als Autor des Werks in Verdacht setzten. Christian Melodius! Meister Urian hatte sich halbtot gelacht, als er zum ersten Mal davon hörte, und als Täubenfüßer kürzlich schüchtern bemerkte, er habe diesen Namen damals dem Prediger eingegeben, da belobigte ihn Urian ausdrücklich, das habe er ja gar nicht gewußt und was er doch für ein Hundsfott sei, der brave Täubenfüßer! Er forderte ihn sogar auf, mit ihm zu speisen, er wolle ihm bei Tisch noch das ein oder andere erklären, nun, wo die Schrift beim Drucker sei und also die baldige Anklage und Amtsenthebung Adam Bernds gefeiert werden könne.

Vollgefressen und betrunken stapfte Heinrich spät an diesem Abend breitbeinig die Treppen des Knopfmacherhauses hinauf. Zum Glück war alles glimpflich abgelaufen. Was hätte er auch tun sollen, als der Prediger darauf bestand, das Tractat selbst zu Heinsius zu bringen? Das hatte der Meister zum Glück eingesehen. Die Dinge nahmen also ihren Lauf. Von der Eigenen Lebensbeschreibung, die Bernd ihm diktierte, schien Urian allerdings nichts zu wissen, und von sich aus etwas zu sagen, war Heinrich gar nicht erst eingefallen, denn dann hätte er noch mehr zu kopieren gehabt. Würde man ihn zur Rede stellen deswegen, würde er einen auf blöde machen müssen, das war klar. Seine neue Aufgabe, die ihm Urian an diesem Abend gegeben hatte, war indes leicht, er sollte Monique mit dem Prediger zusammenbringen, denn wenn dieser ein wenig Vertrauen fassen würde zu ihr, so könne man mehr erfahren als durch alles Horchen und Abschreiben der Welt. Monique, das war ganz wesentlich, der Meister erklärte es ihm noch bevor der Wein auf dem Tisch stand, sollte nicht gezielt vorgehen oder auch nur irgendeine konkrete Absicht verfolgen, denn daß Adam Bernd auf Heinrich hereingefallen sei hieße nicht, ihn unterschätzen zu dürfen. Im besten Falle würde die kleine Hure, das hatte der Meister mehrmals gesagt, sogar aus eigenem Antrieb das Gespräch suchen, ja es gäbe sogar Anzeichen eben dafür.

Meister Urian stand am Morgen nach diesem Gespräch sehr früh auf, puderte eigenhändig seine beste Perücke und lief dann eilig zur Paulinerkirche, die Frühmesse zu besuchen. Anschließend war er mit zweien der besonders aufmerksamen Herren der theologischen Fakultät verabredet. Wie erwartet hatten sie unwiderlegbare Beweise verlangt, wenn sie gegen den Katecheten und Prediger der Peters-Kirche vorgehen sollten, denn sie selbst seien zufrieden mit ihm, er fülle sein Amt gut und vollständig aus. Nun, es gab mehrere Mitglieder der Fakultät, die das anders sahen und auch schon einen Nachfolgekandidaten in der Hinterhand hatten. Dennoch aber mußte er mit allen reden und Rechenschaft ablegen. Er selbst würde jetzt erst einmal abwarten, bis jene Schrift auf den Markt käme, und im Notfall wäre ihm eine ältere Predigt Bernds, in der er von der Wiedervereinigung der Kirchen spricht, sicher hilfreich. Heinsius verkaufte das Konvolut, in dem sie gedruckt ist, ja immer noch, dachte Urian, da habe ich in jedem Fall ein schönes Argument in der Hand. Ohnehin ist alles nun auf das Beste eingefädelt, ganz gleich, was die welsche Schlampampe noch anbringen mag. Nur ihren Stecher, dachte er, den sollte ich auch noch anwerben, denn wer weiß, für was man so einen verliebten Tischler in Zukunft nicht noch alles gebrauchen kann.

Monique war indes froh, nicht mehr ständig nach Halle und wieder zurück fahren zu müssen. Sie war erschöpft wie noch nie. Zwei Tage hatte sie überdies auf ihre Monatsblutung gewartet. Nicht auszudenken, sie würde schwanger, denn ob sie dann einen kleinen Tischler oder einen kleinen Teufel gebären würde, wüßte sie nicht zu sagen. Ein Mädchen mit den Gesichtszügen Meister Urians sollte man wohl gleich ertränken, dachte sie. Sie arbeitete wieder in der Gastwirtschaft, in der es nun wirklich und wahrhaftig gesittet zuging, ja manchmal hatte sie den Eindruck, man söffe hier mehr Kakao, Tee und Kaffee als Schnaps oder Bier. Nur ein gewisser Bibliothekar trank gerne einen über den Durst und blieb des Abends, bis der neue Wirt ihn hinausschmiß. Monique war das alles recht, und würde ihr nur Gregor nicht mit seinen Fragen ständig in den Ohren liegen, so ginge es ihr bestens. Doch der mußte unbedingt den Romeo spielen! Fast jeden Abend stand er unter ihrem Fenster und wollte zu ihr hinauf. Was sollte sie ihm sagen, sie war zufrieden mit ihrer Arbeit in der Gaststube, hatte Unterkunft und Verpflegung, die Wollust lies nach, oft genug täuschte sie sie nur vor, und außerdem hatte sie es für eine französische Göre, deren Eltern sie hier zurückgelassen hatten, weit gebracht. Ich will nicht nach America, nur um die Ehe eingehen zu können, hatte sie eines Abends zu Georg in den Hof hinuntergerufen und das Fenster zugeknallt, doch der hatte ihr am nächsten Tag das Buch eines gewissen Ludolph Berckenmeyer durch den versoffenen Bibliothekar schicken lassen, der es ihr mit Kratzfüßen überreichte, aber auch um baldige Rückgabe bat. Der Titel, Fortsetzung des curieusen Antiquarii. Allerhand außerlesene Geographische und Historische Merckwürdigkeiten, so in America zu finden. Aus Berühmter Männer Reisen zusammen getragen, den sie stirnruntzelnd vorlas, war ihr schon abschreckend genug, doch da sie nun mal leidlich lesen konnte, selbst diese fürchterliche deutsche Schrift, las sie das ein oder andere, wollte aber dann erst recht nicht in dieses America. Es blieb ihr also nichts anderes übrig, als bald mit Gregor zu sprechen, nicht nur wegen seiner kruden Pläne, sondern auch, weil sie um seine Eifersucht wußte und ein Zusammentreffen Gregors mit Meister Urian unbedingt verhindern mußte. Wer weiß schon, was Gregor vorhat, dachte sie. Ein falsches Wort, und Urian würde ihn nicht mehr aus den Klauen lassen.

Adam lehnte sich auf das Fensterbrett und sah dem Treiben in der Gasse zu. Er war für den Augenblick zufrieden, denn Heinsius hatte ihm nun brieflich das Erscheinen seines Tractats für Anfang des nächsten Jahres in Aussicht gestellt und sich für die Verzögerung, die nicht zuletzt aus seinem Aberglauben herrühre, entschuldigt. Doch solch ein harmloser Aberglaube schien Adam sogar vorteilhaft, denn das machte aufmerksam und führte zu einer gewissen Empfindsamkeit, die keinesfalls schaden konnte. Nicht umsonst hatte er Heinsius gebeten, auch noch einen Blick auf die Schrift zu werfen, denn zwar wollte er die Leser aufklären und ihnen verdeutlichen, wie sehr eigenes Nachdenken zu einem guten, christlichen Leben führen kann, doch schlafende Hunde sollten nun auch wieder nicht geweckt werden. Deswegen war solch ein Pseudonym unabdingbar, das sah er jetzt ein, doch die selbe Schrift würde ich, dachte er, in Breslau in jedem Fall unter meinem eigenen Namen veröffentlichen. Er dachte auch an das Erstaunen der Studenten, als er in einem Seminar einmal jenen Satz des Cartesius, cogito, ergo sum, in den Raum geworfen hatte, weil eben dieser einfache Satz sich von selbst erklärte, indem der einzelne Mensch über ihn nachdenkt. Auf dem Abort fand sich kurz darauf Ich scheiße, also bin ich in die Wand geritzt, und das war ja ebenso richtig, bezog sich allerdings auf alles Getier und hatte nichts mit dem Verstand zu tun. Er lächelte, denn es war mitunter eine gute Zeit gewesen an der Universität, trotz der Unwägbarkeiten, der mäßigen Bezahlung und der Krankheiten, die ihn in der Zeit immer wieder befallen hatten. Nun, wenn Gott ihn hatte prüfen wollen wie Hiob, so war er diesen Prüfungen gewachsen gewesen, auch wenn Gott ihn nicht zu Unrecht bestrafte wie jenen, der Gott dann gegenübertrat und Rechtfertigung verlangt und auch bekommen hatte. Ich selbst, dachte Adam, habe Sünde über Sünde auf mich geladen, kleine und läßliche ebenso wie die eine unverzeihliche, die er mir jeden Tag ins Gedächtnis ruft, sehe ich nur eine schöne Frau, um die ich nicht werben kann, weil ich ihr nicht beiwohnen könnte. Eine Scheidung aus eben diesem Grunde, das wußte Adam, diese Fälle kamen vor, wäre unvermeidlich und würde ihn sein Amt kosten, das war sicher. Das Lächeln war aus seinem Gesicht gewichen, denn eben diese Sünde, das Zusammenliegen mit Cara, würde ihm Gott am jüngsten Tag vorwerfen, da konnte er nun denken, was immer er wollte. Schon wirkten die Menschen dort unten weniger fröhlich, schon sah Adam häßliche Fratzen wie jenen teuflisch dreinblickenden Menschen, der nun sogar zu ihm heraufblickte und ihn zu fixieren schien. Im selben Augenblick klopfte es. Als er die Tür öffnete, riß er erstaunt die Augen auf, denn es war jene Frau, die er vor einer Weile aus Heinrichs Wohnung hatte kommen sehen. Sie entschuldigte sich mit niedergeschlagenen Augen und bat um Einlaß, sie benötige dringend einen Rat, da ein junger Mensch, der ihm bekannt sei, in Gefahr zu geraten drohe.

Heinrich hatte die Schritte als die Moniques erkannt und war schnell in seine Hosen geschlüpft. Als sie jedoch beim Prediger klopfte, zog er sie wieder aus, wickelte sich die Decke um den Hintern und stellte den Stuhl an die Wand. Hatte Meister Urian Monique also schon dazu gebracht, Adam Bernd zu besuchen, dachte er, ganz ohne mein Zutun. Er legte das Ohr an die Wand. Er war gespannt, vor allem weil der Meister, so hatte er wenigstens gesagt, keinen konkreten Plan verfolgte. Wahrscheinlich reichte es ihm schon, wenn der Prediger eine welsche Hure in seine Wohnung einließ, dann sollte ein gut beleumundeter Zeuge hinreichen, ihm kräftig zuzusetzen. Dratens Tochter kam die Treppe herauf, sie stampfte wie ein Elephant, das war nicht zu überhören, und fragte drüben nach, ob etwas gewünscht sei. Kaffee natürlich, und die dumme Kuh kam nicht mal auf die Idee, auch ihn zu fragen! Er hörte Monique lachen, nicht so gepreßt wie früher, nein, ganz natürlich, als der Prediger sich eine Bemerkung über Dratens Drachen nicht verkneifen konnte. Wahrscheinlich ließ er nun seinen Charme spielen, den er ohne Zweifel besaß. Als der Kaffee dann endlich gebracht war, schien Monique zum Thema kommen zu wollen. Es geht, hörte Heinrich ein wenig gedämpft durch die Wand hindurch, um einen jungen Mann, der mir den Hof macht und mich heiraten will, einen Tischler in Diensten Meister Schwans, derjenige, der die Kirchenbänke herstellt. Ja, sagte Adam, das ist nun ein anderes Predigen, wenn die Menschen sitzen statt zu stehen. Er dachte an seine Antrittspredigt vor anderthalb Jahren und an Heinrich, der mehrmals in Ohnmacht gefallen war und ihn so durchdringend angestarrt hatte. Würde ihm damals jemand gesagt haben, eben dieser würde sein Schreiber werden, er hätte ihn für verrückt erklärt. Nun, sagte er, ich kenne Meister Schwan, doch seine Gesellen nur vom Sehen. Von wem sprecht Ihr also? Heinrich ging jenseits der Wand ein Licht auf. Monique hatte Angst, denn wenn dieser, wie hieß er doch gleich, Gregor, Meister Urian in einem Eifersuchtsanfall attakieren würde, hätte der Kerl seinen letzten Atemzug getan oder befände sich bald vor den Toren der Stadt wieder. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche.

Monique sprach, nun offensichtlich sehr nervös, ganz offen über ihr Verhältnis mit Gregor, das sie angefangen habe, ohne an so etwas wie Heirat überhaupt zu denken. Wahrscheinlich konnte sie nicht anders, dachte Heinrich, denn für’s Vornehmsprechen fehlten ihr sicherlich die Worte oder auch der Verstand. Er stellte sich vor, wie Adam Bernd knallrot wurde wegen der drastischen Begriffe, und tatsächlich stieg jenseits der Wand Adam keineswegs nur das Blut zu Kopf, er wußte gar nicht, wie ihm geschah. Und das in Gegenwart einer Frau! Er zuppelte an seinen Beinkleidern herum, das Offensichtliche zu verbergen und sagte dann streng, oder versuchte es wenigstens, sie solle sich auf das Wesentliche konzentrieren und ihm sagen, wie er ihr würde helfen können. Sie entschuldigte sich, sie wolle nichts weiter, als daß der Prediger zu Meister Schwan ginge, unter dessen Dach Gregor wohne, damit dieser ihm die Eifersucht ausrede und zur Vernunft bringe. Besonders gegen einen schon älteren und sehr gelehrten Mann richte sich sein Groll, ohne jeden Grund natürlich. Adam nickte, doch warum gerade er das tun sollte, müßte sie ihm noch erklären. Nun, erwiderte Monique, Gregor war es doch, der den Nagel einschlug, an dem Ihr hängengeblieben seid, was Euch doch veranlaßt hat, Prediger der Peters-Kirche zu werden. Urplötzlich standen Adam die Bilder vor Augen, die Betstube, der junge Tischler, dann die Peinlichkeit mit dem Nagel, die ihn ja tatsächlich veranlaßte, die Bewerbung aufrecht zu halten, einfach nur wegen seines vermaledeiten Aberglaubens, der nun mal in ihm steckte. Eine kleine Weile herrschte Schweigen, dann fragte Adam Monique, ob dieser Gregor ausdrücklich gesagt habe, den Nagel wegen ihm eingeschlagen zu haben. Qui, flötete sie, das hat er. Nach einer Pause hörte Heinrich den Prediger sagen, er werde mit dem Tischlermeister Schwan und auch mit Gregor selbst sprechen, an einem der nächsten Tage, wenn es sich einrichten ließe. Dann fragte er Monique noch wegen ihres Lebenswandels, ob sie der Hurerei nachginge, worauf sie erwiderte, sie arbeite nun als einfache Bedienung, habe aber zuvor jahrelang das Gewerbe ausgeübt und schlimme Dinge erlebt. Bald schon glich das von Monique Erzählte, so fand Heinrich, der noch immer mit dem Ohr an der Wand klebte, einer Beichte, die der Protestant Adam Bernd der französischen Papistin abnahm. Adam jedenfalls hörte aufmerksam und ernst zu, ohne sie zu unterbrechen. Er wußte, daß er selbst sündigte, nicht wegen des Zuhörens an sich, natürlich nicht, sondern weil er seiner Erregung wegen zuhörte.

Kurz nachdem Monique gegangen war, trat Heinrich auf den Flur und klopfte an Adam Bernds Tür, denn es war die gewohnte Stunde für das Diktat. Am Stehpult schreibend blickte Adam ihn überrascht an und wußte einen Moment lang nichts zu sagen, wies dann auf den Beutel mit Heinrichs Lohn hin, der auf dem Tisch lag und erklärte schließlich, eben als Heinrich die Quittung unterschrieb, heute wolle er selbst schreiben und benötige ihn nicht. Nach kaum drei Minuten fand sich Heinrich im Treppenflur wieder. Wahrscheinlich hatte ihn die Hure durcheinandergebracht, und vielleicht sollte ich, überlegte Heinrich, sie aufsuchen und zu einem weiteren Besuch auffordern, denn daß der Prediger jetzt schon litt, war unübersehbar und ganz im Sinne Meister Urians. Und dabei weiß er nicht einmal, dachte er, daß ein Gegner, den er nicht kannte, ihn schon in den Fängen hatte. Das Tractat würde im nächsten Jahr erscheinen, worauf Urian dann die Gerüchteküche in Gang setzte, so viel war klar. Ob Bernd dann aber der Stadt verwiesen würde, ob die Beschreibung seines Lebens überhaupt erschiene, konnte Heinrich natürlich nicht abschätzen. Er selbst war sich immer noch nicht klar darüber, ob er denn auf eine Amtsenthebung hoffen sollte, denn einerseits, das ging ihm nun schon länger nicht aus dem Schädel, würde er gerne die Stelle des Schreibers und den damit verbundenen Lohn behalten, die gute Wohnung ohnehin, andererseits aber träumte er immer noch von der Vollendung seiner Rache, wie immer die auch aussehen mochte. Ihm die Angst vor dem Selbstmord einzuflößen war ja nicht einmal notwendig gewesen, der Prediger würde ja sogar einen ganzen, langen Abschnitt darüber in seine Lebensbeschreibung einfügen! Daß er jedoch nun kurz davor war, sich umzubringen, eben davon konnte auch nicht die Rede sein, und natürlich wären all seine Bequemlichkeiten und der gute Lohn auch sofort obsolet, wenn der Kerl stürbe. Sollte er Monique also eher darum bitten, den armen Menschen nicht weiter zu verwirren? Dazu kam auch noch die Sache mit Heinsius, der ihm den Druck der eigenen Lebensbeschreibung, die eines armen Waisenkindes aus Westphalen, so der gedachte Titel, zwar zugesagt hatte, dies jedoch sicher widerrufen würde, käme Heinrichs Rolle in der ganzen Affäre ans Licht. Was nun sollte er tun? Sollte er überhaupt etwas tun? Ihm dröhnte der Schädel.

Gregor freute sich, wegen der Überarbeitung einiger Kirchenbänke zur Peters-Kirche geschickt worden zu sein. Der Prediger war zwar nicht anwesend, doch er würde am Abend eine Predigt halten und sei, so die Frau des Kupferschmieds, oft schon recht früh in der Sacristei anzutreffen. Das wäre die Gelegenheit, ihm das Gespräch von vor über zwei Jahren ins Gedächtnis zu rufen, auch wenn Gregor ihm gegenüber sicher nicht behaupten würde, er habe den Nagel eingeschlagen, um ihn an die Kirche zu binden. Monique hatte ihn ausgelacht, doch er spürte, daß sie ihm insgeheim glaubte. Eigentlich wollte er mit Adam Bernd jedoch seinen Plan besprechen, mit Monique nach America auszuwandern und dort mit ihr die Ehe einzugehen. Er hoffte, der Prediger rate ihm zu. Dazu ist ein Prediger doch da, sagte sich Gregor, nämlich um Gottes Wille zu befördern. Außerdem lasteten auch die Verfehlungen auf ihm, die er wegen Monique begangen hatte, aber was sollte er machen, es gingen ihm einfach immer öfter die Gäule durch, und da hoffte er natürlich auch noch auf ein tröstendes Wort. Nun aber waren zunächst einmal einige Bänke zu reparieren, deren Rückenlehnen sich gelockert hatten, was selbstverständlich nicht sein Fehler gewesen war sondern der des Lehrlings, einem blöden, stotternden Kerl aus der Vorstadt. Wie schön doch die Kirche geworden ist, dachte er noch, bevor er sich an die Arbeit machte.

Meister Urian ließ es sich selten nehmen, den Beschuldigten selbst zu observieren, wenn dieser kurz vor der Überführung stand. Er besaß mehrere vollständige Kostüme für solche Zwecke, so daß er ohne weiteres Kaufleute oder sonstige Fremde aus aller Herren Länder darstellen konnte. Er hielt sich einiges darauf zugute, nicht einmal von den Herren der theologischen Fakultät erkannt zu werden, jedenfalls nicht auf eine gewisse Entfernung. Schon als Kind hatte er die Theateraufführungen in den Gaststätten besucht und dafür sogar derbe Prügel in Kauf genommen, und auch wenn er heutigentags unterwegs war, so besuchte er nach Möglichkeit die Theater und Opernhäuser, zuletzt vor einigen Monaten die Häuser in Hannover, Wolfenbüttel und Braunschweig. Jeder Schauspieler hatte seine eigenen Kniffe, und wenn er mit diesen dann zusammentraf, so staunte er immer wieder über das, was sie ihm verrieten. Er selbst übte seine Rollen ein, den Gang, die Art, Gesten auszuführen, natürlich auch die Sprache, das war fast am wichtigsten. Am unangenehmsten war es, sich einen falschen Bart anzukleben, in Leipzig aber war das unbedingt notwendig. So stand Meister Urian also in der Verkleidung eines schwedischen Kaufmanns vor des Knopfmachers Haus, nachdem er Monique bis hierher verfolgt hatte, und rang die Hände ineinander, um sich nicht im Gesicht herumkratzen oder gar den Bart abreißen zu müssen. Es juckte unerträglich. Eben noch hatte er Adam Bernd entdeckt, der seinen Fensterplatz in dem Augenblick verließ, als Monique mutmaßlich oben angekommen sein mußte. Es lief also alles wunderbar, so gut, daß genaue Pläne nicht mehr vonnöten waren. Die von der theologischen Fakultät ausgelobte Belohnung für die Aufdeckung pietistischer Umtriebe in Leipzig war ihm sicher, zudem würden die nächsten lukrativen Aufträge nicht auf sich warten lassen. Je mehr die Orthodoxie gegenüber dem Pietismus an Boden verlor, desto mehr Geld würde in seinen Säckel fließen, das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Er jedenfalls hatte sich nichts vorzuwerfen, ganz im Gegenteil, war doch eine saubere Trennung der unterschiedlichen Lager besser als ein offener Krieg. Er tat nichts weiter, als notwendige Dinge ins Laufen zu bringen und ja, apropos, dachte er, jetzt wollte er sich die neu hergerichtete Peters-Kirche doch endlich einmal ansehen. Der Haupteingang war jedoch, wie er feststellen mußte, verschlossen, worauf ihm der Torwächter zurief, er müsse durch das Haus des Kupferschmieds. Dieser wies ihm ganz erschrocken den Weg, die Treppe hinunter am Abort vorbei, dann rechts die Treppe hoch, die kleine Tür führe in die Kirche. Urian bedankte sich freundlich.

Gregor erkannte ihn sofort! Das war der Kerl, den er einmal gesehen hatte oben am Fenster in diesem Hurenhaus im Goldhahngäßchen. Außerdem hatte Monique von ihm erzählt, wenn auch nur ein wenig. Doch was sollte dieses Kostüm und der dunkelblonde Bart, der in seltsamem Kontrast stand zu den schwarzen Augenbrauen? Meister Urian hatte sie ihn genannt, ein falscher Name natürlich. Langsam kam er vom Altar her auf ihn zu. Den Stechbeitel in der Hand wartete Gregor. Nun, ich wollte Euch nicht stören, sagte Urian in einem eigentümlichen Akzent, doch er bemerkte sofort, daß der Tischler wußte, wer er war. Er warf den Hut auf eine Kirchenbank und zog dann den Bart von einem Ohr zum anderen ab, seinem Gegenüber dabei in die Augen schauend. Ihr seht, sagte er, sich mit spitzen Fingern die Klebereste abzuppelnd, ich erkenne Eure Fähigkeiten, Euch mache ich nichts vor. Schenkt Ihr mir, wo doch der Zufall uns zusammengeführt hat, einen Augenblick Zeit? Was wollt ihr, fragte Greogor barsch, denn wie ihr sehen könnt, arbeite ich. Urian lächelte. Auch ich, sagte er, tue meine Arbeit, wenn ich mit Menschen spreche, die der guten Sache dienen können. Ich kenne Euch, ich weiß, wer Ihr seid, ein aufrichtiger junger Mann mit großen Plänen. Noch bevor der Angeredete etwas erwidern konnte, schlug Urian nun im freundlichsten Ton vor, denn die unverhoffte Gelegenheit sollte er sich nicht entgehen lassen, heute einen gemeinsamen Spaziergang im Rosenthal zu machen. Gegen Abend suche er dort oft Erholung, und da grad heute der Mond fast voll sei und das Wetter noch gut, wäre es doch schön, sich einmal ausführlich zu unterhalten, er würde ihm einige Vorschläge unterbreiten wollen. Oder seid Ihr etwa mit Eurer Verlobten verabredet, fragte er, was Gregor stumm verneinte. Urian setzte also Zeit und Ort fest, mit dem Beginn der Dämmerung wollen wir uns am Ranstädter Tor treffen, sagte er. Dann klopfte er dem Tischler mit gönnerhafter Freundlichkeit auf die Schulter, nahm seinen Hut und den falschen Bart an sich, den er sich wieder ins Gesicht pappte, und verschwand am Altar vorbei die Treppe hinunter.

Den Teufel werde ich tun, alter Mann, dachte Gregor, geht mal ruhig allein eurer Wege. Ich habe meine eigenen Pläne. Wenn auch der Prediger mir zurät, mit Monique auszuwandern, nach America, dem gelobten Land, dann habt ihr mich alle mal gesehen. Er schüttelte sich. Allein dieser Blick! Diese zitternden Pupillen! Und dann noch der Name, Urian, den er wohl selbst zu benutzen scheint, obgleich doch niemand einem solch sprichwörtlichen Herrn Urian begegnen will! Wie widerlich auch der Gedanke, daß Monique ihm zu Diensten sein muß, auch wenn sie sich oft lustig macht über ihn, der ist harmlos und tut nur böse, das sagt sie manchmal, dachte Gregor. Doch allein der Gedanke, der Hundsfott rühre sie nur an, machte ihn rasend, und dann noch diese Selbstherrlichkeit, einfach zu verlangen, mit ihm einen Spaziergang zu machen, ohne überhaupt zu sagen, über was er genau sprechen wolle. Eine Frechheit ohnegleichen! Gregor riß sich zusammen und machte sich wieder an die Arbeit.

Ob er sein Werkzeug über Nacht hier unterstellen dürfe, fragte Gregor den eben eingetroffenen Prediger, die Reparatur der Kirchenbänke müsse er morgen beenden, es sei schon zu dunkel. Adam hatte den jungen Mann erst auf den zweiten Blick als denjenigen erkannt, mit dem er damals, und wie lange war das schon her, in der Betstube gesessen hatte. Ob diese Monique wohl gewußt hat, daß ich grad ihn heute hier treffen werde, mit dem ich doch sprechen soll seiner Eifersucht wegen, fragte sich Adam. Von einer Reparatur weiß ich allerdings nichts, sagte er, da muß Meister Schwan wohl auf eigene Rechnung seinen besten Gesellen geschickt haben, worauf Gregor erklärte, nur wegen einer noch nicht erfolgten Holzlieferung diese Arbeit, die an sich die des Lehrlings gewesen wäre, heute in Angriff genommen zu haben. Also ein Zufall? Wie jetzt aber das Thema auf diese Französin lenken? Und wie vermeiden, Adam dachte an seine Erregung während ihres Besuchs und spürte schon, wie er rot wurde, daß dieser junge Mensch auch wegen mir in Eifersucht gerät? Sollte ich ganz allgemein davon sprechen, mir also nur den Rat eines jungen Mannes erbitten für eine geplante Predigt? Das würde wohl angehen, dachte er, während der andere ihn kaum anzusehen wagte. Schließlich aber fragte Gregor geradeheraus, ob es wohl eine gute Idee wäre, mit seiner Verlobten, die anderen Glaubens sei, nach America auszuwandern, um dort als Mann und Frau zu leben. Adam war überrascht, denn davon hatte Monique nichts erzählt! Das müsse jedenfalls wohl überlegt sein, sagte er nach einer Weile, denn ohne Risiko sei solch ein Unterfangen nicht, so eine Überfahrt sei teuer und man höre schlimme Dinge über den Untergang von Schiffen und von grausamen Überfallen der Ungläubigen auf die, die es wagten, Land in Besitz zu nehmen. Trotz eines Friedensvertrages zwischen den Engländern, den Franzosen und Indianern gäbe es viele Landstriche, in denen Gottes Wort nichts gälte, so jedenfalls habe er gelesen. Er würde ihm also nicht zuraten wollen, auch weil er doch hier in Leipzig gute Arbeit habe. Dann sprachen sie noch eine Weile über die neuen Kirchenbänke und einen Schrank, den Adam gerne noch für die Sacristei hätte. Als Gregor schließlich auf den Peterskirchhof trat, dämmerte es bereits.


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*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

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