Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)* Kapitel dreiundzwanzig: Gespräche und Wandlungen

Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel dreiundzwanzig:

Gespräche und Wandlungen

Die Wesensart des jungen Tischlers hatte sich verändert, das war Adam Bernd sofort aufgefallen. Die so fröhliche und hoffnungsfrohe Leichtigkeit war einem schweren Ernst gewichen, die Augen strahlten nicht mehr, sondern taxierten das Gegenüber mit einer kalten Schärfe. Die Idee, nach America auszuwandern, um dort eine Hure heiraten zu können, oder eine ehemalige Hure, schien ihm natürlich etwas absonderlich, denn hatte dieser Gregor nicht eine gute Stellung, war jung und kräftig und doch eigentlich bei Verstand? Wie kam er nur darauf, und was würde er anfangen in der Neuen Welt, noch dazu mit einer sicher zehn Jahre älteren Frau? Er müßte dem Kerl wohl erst einmal diesen Plan ausreden, bevor er auf seine Eifersucht zu sprechen kam, die diese Monique für so gefährlich erachtete.

Aber nun sollte er sich all dies aus dem Kopf schlagen, eine Predigt war zu halten. Das Bild der plappernden Monique, das sich mit dem des ernsten Gregor überlappte, wollte sich allerdings nicht so einfach vertreiben lassen. Sie hatte ganz züchtig und gut gekleidet vor ihm gesessen, niemand würde sie für eine Hure gehalten haben, und doch hatte es ihn erregt, sie in seiner Nähe zu haben. Wirklich erregt! Er stürzte noch ein Glas Wein hinunter und betrat kurz darauf das Kirchenschiff. Etwa zwei Dutzend Menschen waren da, alle standen im Gang zwischen den Bänken und wagten nicht, sich zu setzen. Arme, heruntergekommene Gestalten waren das, die ihn ängstlich aus der nur durch ein paar Kerzen gemilderten Dunkelheit anstarrten. Habe ich dafür Theologie studiert und so vieles auf mich genommen, dachte er, während er zur Kanzel hinaufstieg, um allein den Kranken und Gedemütigten zu predigen? Selbst wenn sie etwas begreifen, so prügeln sie doch bald schon wieder auf ihresgleichen ein, saufen, huren und betrügen, was das Zeug hält, ohne sich auf irgendetwas zu besinnen von dem, was ich sage. Hohe Herrschaften kamen natürlich nur zu den Feiertagen in die Peters-Kirche, die begriffen zwar, was er ihnen predigte, auch wenn sie, die meisten jedenfalls, da machte er sich keine Illusionen, kaum besser waren als die Armen. Doch war er selbst nicht auch einer von denen, überlegte er weiter, die im Kot des Lebens herumwühlten und sich vergebens zur Sonne streckten? Trotz seines Amtes. Alle Sünden, dachte er weiter, die ich diesen armen Gestalten hier vorwerfen könnte, habe ich die nicht selbst schon begangen, ganz und gar wirklich oder auch in Gedanken, was nicht einen Deut besser ist? Spürte ich nicht heute Wollust in mir und freute mich insgeheim, einer Hure gegenüber zu sitzen?

Er holte tief Luft. Die Hölle, hob er laut an, so laut, daß alle zusammenzuckten, wird weit schlimmer sein als all das, was Ihr in Eurem hiesigen Leben zu ertragen habt, doch wenn ihr Euch fortan eines Lebens in Gott befleißigt, so wird er Euch freisprechen am Jüngsten Tag! Dieses Mal hatte er nicht damit begonnen, all die armen Menschen aufzufordern, sich zu setzen, denn warum ihnen Gefälligkeiten erweisen, die sie nicht zu schätzen wissen! Er fuhr also laut donnernd fort und malte ihnen die Qualen der Hölle aus. Besonderes Gewicht legte er auf die Gier, die Wollust und die Trunksucht, denn diese Begierden würden weiter in ihnen lodern, stärker noch als im jetzigen Leben, ohne aber jemals befriedigt zu werden in der Höllen, nackt und bloß lägen sie hungernd und dürstend neben- und übereinander, ohne sich rühren zu können, während sie in weiter Ferne die lustwandeln sähen, die gottgefällig gelebt hätten, die keine Huren und Hurer, keine Betrüger und Schinder gewesen seien. Die Glücklichen jedoch müßten keineswegs die Qualen der Gestürzten ansehen, der Blick gehe nur in eine Richtung. Er redete sich geradezu in Rage, doch die Angst seiner Zuhörer, die in jedem Gesicht abzulesen war, quälte ihn, je länger er sprach desto mehr, denn keiner von denen stand aufrecht und bot der Schelte Brust und Stirn, ja die meisten wagten nicht einmal, ihn anzusehen. Was würde passieren, überlegte er, würde ich ihnen heute einmal jedes tröstliche Wort verweigern?

Ja, er habe eine Predigt gehalten voller Wut, berichtete er später dem Kupferschmied, und daß sie sogar draußen auf dem Kirchhof zu hören gewesen war, sei ihm ganz recht. Ein Lampenwächter, eben dabei das Öl aufzufüllen, habe längere Zeit innegehalten und gelauscht, hatte der Schmied berichtet, auch er selbst habe nicht anders können als zuhören. Adam lächelte. Es ging ihm jetzt besser, denn immer nur den Nachsichtigen zu mimen und allerwelts Diener zu sein, ließ ihn oft mit düsteren Gedanken zurück, so als hätten tatsächlich alle ihre Sorgen und Nöte auf ihm abgeladen. Er warf die Perücke auf den Tisch, daß es staubte. Schmied, sagte er, holt einen Krug Wein und Brot und Wurst, denn Gott will seine Kinder nicht darben lassen. Er drückte ihm einen guten Groschen in die Hand, den ihm letztens erst ein Papist aus Meißen gegeben hatte für den Rat, dem Papst treu zu bleiben, auch wenn er seine Heimat verlassen müsse, denn Gott sei nicht so kleinlich, wie er glaube, das hatte er ihm versichert. Das Geld hatte er angenommen, um es der Armenkasse zu spenden, doch nun verspürte er eine seltsame Lust, schlecht zu handeln und es buchstäblich zu versaufen und zu verfressen. Was hatte diese Hure ihm nur angetan! Er bekam sie nicht mehr aus dem Kopf!

Im Rosenthal gingen derweil im fahlen Licht des Vollmondes zwei Männer spazieren. Der eine, der Ältere, hatte am Ranstädter Tor pfeiferauchend eine gute Stunde geduldig auf den Jüngeren gewartet, denn er wußte, er würde kommen. Dann war man schweigend bis zur Rosenthalbrücke gegangen, und erst als diese überquert war und sie einen der vielen Wege entlanggingen, vor wenigen Jahren erst waren Schneisen in den Wald geschlagen worden, richtete Meister Urian schließlich das Wort an den Tischler. Wie ich höre, begann er, plant ihr die Auswanderung nach America, und ihr wollt jemanden mitnehmen. Nun, meinen Segen habt ihr. Dann schwieg Urian wieder, tastete aber nach dem Messer, das er wie immer in der rechten Manteltasche mit sich führte. Auch wenn es unwahrscheinlich war, so mußte er doch einen Angriff Gregors in Betracht ziehen, denn daß dieser eifersüchtig ist, wußte er selbstverständlich schon lange. Das Wissen um andere diente nicht nur seinem Lebensunterhalt, sondern schützte ihn auch. Im Notfall würde er jedenfalls handeln und schneller sein müssen als der Bursche neben ihm. Niemand hatte mitbekommen, daß er sich mit ihm verabredet hatte, und da der Rat der Stadt vor Räubern im Rosenthal warnte, würde man einen Toten im dichten Unterholz schon zuzuordnen wissen.

Doch Gregor tat nichts, er sagte auch nichts, wenngleich er mit sich zu kämpfen hatte. Allein die Vorstellung, dieser alte Sack betatsche seine Monique, war ihm unerträglich, selbst wenn noch so viele andere Männer dies getan hatten. Natürlich war es denkbar blöde von ihm gewesen, sich in sie verliebt zu haben, das wußte er selbst, aber auch jetzt, wo sie offen verkündete, ihm keinesfalls folgen zu wollen, konnte er nicht von ihr lassen. Dabei würde die Tochter Meister Schwans in wenigen Jahren im heiratsfähigen Alter sein, und wenn auch bisher niemand eine Andeutung gemacht hatte, so würde er, sofern er weiter fleißig arbeitete, wohl in die engere Auswahl kommen. Auch der Prediger hatte ihm ja geraten, der Vernunft zu gehorchen und im Lande zu bleiben. Was aber nun dieser Urian mit ihm zu bereden haben mochte, war ihm keineswegs klar. Was wollt ihr nun von mir, fragte er endlich. Seine eigene Stimme kam im fremd vor. Urian ließ das Messer zurück in die Tasche gleiten. Nun, ich habe, begann er, im Auftrag der hohen Geistlichkeit und auch des Rates gelegentlich das Trachten und Treiben der Leipziger zu untersuchen, und da ihr sicherlich für die Überfahrt nach America einige Taler beiseite legen wollt, und auch eine Frau sich leichter mit ein wenig Geld überzeugen läßt, so dachte ich, ihr könntet für mich arbeiten. Ich weiß, Ihr seid keineswegs einem Irrglauben verfallen und eine treue Seele. Habt übrigens keine Sorge, niemandem soll Schaden zugefügt werden. Gregors und Urians Blicke trafen sich. Das also ist der springende Punkt, dachte Gregor, für solch eine Art Tätigkeit will er mich werben. Das war zu überlegen, keine Frage. Mit Monique hat er natürlich recht, die ist hinter dem Geld her wie der Teufel hinter der armen Seele. Also warum sich die Sache nicht mal durch den Kopf gehen lassen, denn mit mehr Geld im Säckel würde das Leben natürlich gleich leichter sein, so oder so.

Wie schädlich so mancher Irrglaube sei, wie sehr der Friede der Stadt in Gefahr geriete, proklamiere jemand ganz offen einen falschen Glauben, das würde er ihm, begann Meister Urian nach einer Pause wieder, sie traten eben aus einem kleinen Waldstück heraus und hatten eine matt erleuchtete Wiesenfläche vor sich, noch erklären wollen. Oft sind, sagte er, weitreisende Kaufleute diejenigen, die diese verruchte Ware im Gepäck haben, die lange in den nördlichen Ländern geschäftehalber leben und die Lehren eines Speners oder eines Francke mitbringen, obgleich es dafür auch reicht, er lachte bitter, nach Halle zu fahren. Ob er schon einmal von der Buttlarschen Rotte und einer gewissen Margaretha von Buttlar gehört habe, die mit jungen Männern durchs Land ziehe und eine Pietistin sei, die ihre Geilheit offen zur Schau stelle? Da sei er den Papisten in Münster fast dankbar, wenn sie gegen diese Umtriebe vorgingen, sagte er leise, obgleich ihnen Thomasius, ein sonst vortrefflicher Mann, vor Jahren den entscheidenden Prozeß verdorben hat. Das wäre ein Zeichen, ein Menetekel gewesen. Gregor verstand immer weniger, je mehr Urian ins Detail ging. Eine Anzahlung auf zu leistende Dienste, die Urian ihm dann noch anbot, als sie gemeinsam wieder die Stadt betraten, lehnte er ab. Gut, dachte Urian, alles läuft bestens.

Satt und ein wenig betrunken sitzt Adam Bernd in seiner Wohnung und trinkt ein Glas Wein, nachdem er schon beim Kupferschmied einiges vertilgt hatte. Tausend Gedanken rasten ihm nun schon seit Stunden durch den Kopf, denn die Übergabe des großen Tractats an Heinsius hatte ihn zwar zu dem Gedanken verleitet, eine Weile ein wenig kürzer treten zu können, doch nun beherrschte ihn trotz seiner Erschöpfung die noch zu beendende Lebensbeschreibung über alle Maßen, vor allem da nun auch die Schrift zum Selbstmord endgültig in diese eingefügt werden sollte. Ebenso wie beim Tractat geschehen, so müßte er auch hier noch Selbstverfaßtes hinzugeben, das er keinem Schreiber der Welt diktieren wollte, auch wenn es bald dann ohnehin ein jeder lesen kann. Allerdings würde es ihm unmöglich sein, das zuletzt erst zu Cara Aufgeschriebene zu veröffentlichen. Er wollte es noch einmal durchsehen und dann in den Ofen werfen. Es war zu grausam, doch nach dem Besuch Moniques mußte er es einfach aufschreiben, als eine Art Buße. Mehrere Male in seinem Leben hatte er dies alles schon zu Papier gebracht, immer wieder aber vernichtet. Es war natürlich zu überlegen, Heinrich endlich zu fragen, was das auf sich hatte mit dem Nachnamen Holzkötter und auch der Ähnlichkeit mit Cara, denn es konnte doch nicht anders sein, als daß Heinrich Caras Bruder ist! Oder sollte er es, da es nunmal so sicher schien, einfach dabei belassen? Wer schwieg, riß keine Wunden auf, dachte er. Aber stimmte das? Von sich aus würde Heinrich natürlich nichts berichten, denn wie sollte er etwas ahnen, selbst wenn er wüßte, daß es Cara nach Breslau verschlagen hatte? Cara wußte doch damals selbst nicht, so erzählte sie es, wo es sie hinführen sollte! Oder aber Cara und Heinrich hatten sich wiedergesehen, und dann war es womöglich doch kein Zufall, daß Heinrich nun hier ist, dachte Adam. Aber warum sollte er dann schweigen? Nein, nein, beschnitt er auch dieses Mal wieder seine Gedanken, es würde besser sein, der Angelegenheit keine Erwähnung zu tun. Und nun zu Bett, ermahnte er sich selbst.

Anderntags eilte Gregor direkt nach seinem Tagewerk zum Goldenen Hahn. Als erstes allerdings mußte er Monique hoch und heilig versprechen, sie bestand darauf, das Thema America und Heirat ein für alle mal fallen zu lassen und, ja, vernünftig zu sein. Sie bereitete eben für eine Schar von Kindern Kakao zu, als er durch den Hintereingang hereinhuschte, doch noch bevor er etwas sagen konnte, stellte sie ihn vor die Wahl. Entweder er versprach es, oder er würde sie nie wiedersehen. Also versprach er es. Jetzt sitzen sogar schon Kinder mit ihren Eltern in den Gaststätten, sagte sie dann, da Gregor nichts mehr sagte, und daß ihr das durchaus recht sei, solange sie damit gutes Geld verdiente. Gregor nickte, küßte sie flüchtig aufs Haar und verschwand. Als sie den Kakao auftrug, ertappte sie sich angesichts der Familien aber dennoch dabei, von einer Ehe mit Gregor zu träumen und schalt sich selbst eine dumme Kuh; sie hielt die Augen immer noch offen und wußte natürlich längst von Tischlermeister Schwans junger Tochter, und da mußte sie doch nur eins und eins zusammenzählen! Noch war Gregor natürlich in sie verliebt, keine Frage, doch wenn jeder junge Kerl gleich die heiraten wollte, die ihm zuerst über den Weg läuft, na dann gute Nacht! Mit ihren Künsten, das wußte sie, würde sie ihn natürlich noch lange halten können, wenn sie denn wollte, wahrscheinlich um so mehr, je langweiliger ihm Schwans Töchterchen erscheinen wird, denn im Vergleich Hure zu Göre würde sie sicher nicht den Kürzeren ziehen, auch nicht in ihrem Alter. Doch warum überhaupt nachdenken über dererlei Unsinn, sagte sie sich, wieder in der Küche und nun Tee bereitend, denn am Ende käme sie womöglich noch auf den Gedanken, doch nach America mitzuwollen. Gott bewahre!

Gregor sagte von nun an nicht ein Sterbenswörtchen mehr zu seinen Americaplänen. So kann es bleiben, dachte Monique bald, ja sie gewöhnte sich sogar daran, in den nächsten Wochen nach getaner Arbeit Gregor bei sich im Zimmer vorzufinden. Die Wirtin erlaubte es augenzwinkernd. So ging das eine ganze Weile gut, Monique fühlte sich besser denn je, bis sie eines Morgens auf den Kalendar sah und bemerkte, daß sie überfällig ist. Chantin hatte von ihr immer als der besten Hure der Welt gesprochen, weil er sie nicht ein einziges Mal wegschicken mußte in den Wald, zur Engelmacherin. Sie war eben nicht so leichsinnig wie die anderen, das war das ganze Geheimnis, sie wußte mit den Kerlen umzugehen. Wollte einer wirklich einmal das ganze Theater, so hatte sie schnell einen English Overcoat zur Hand, die ihr der Altgeselle des Metzgers meist aus Schafsdärmen für kleines Geld herstellte. Doch jetzt war es geschehen, so sah es aus. Sie rechnete hin und her, machte Strichlisten und suchte sich zu erinnern. Sollte das am Ende ein Fingerzeig Gottes sein? Sollte sie mit Gregor nun doch in die Neue Welt auswandern, sobald das Kind geboren ist? Oder schon vorher? Würde sie das Kind überhaupt haben wollen? Oder blies ihr jetzt schon der Satan seine Gedanken ein? Tagelang quälte sie sich mit der Frage, ob sie vielleicht doch zu dieser obskuren Frau gehen sollte, einmal hatte sie ein Mädchen Chantins dorthin begleitet, doch sie fürchtete, im Wald zu bleiben. Oder diesen Prediger um Rat bitten? Schließlich setzte sie sich eine Frist und beschloß, am 24. Januar des Jahres 1714 entweder in den Wald zu gehen oder sich in die Elster zu stürzen! Die Vierundzwanzig war ihre Zahl, seit jeher. Der Entschluß, sich später zu entschließen, beruhigte sie.

Sie blieb an diesem Tag im Bett und behauptete, krank zu sein, ließ sich Kaffee und Gebäck bringen, versuchte zu lesen und die Zeit irgendwie totzuschlagen, bis sie sich dann endlich gegen Abend anzog und ausgehfertig machte. Sie würde, das war ihr plötzlich klargeworden, doch den Prediger aufsuchen müssen, heute noch! Sie glaubte zu spüren, es nicht aus eigenem Antrieb zu tun, denn weder Gott führte sie noch der Teufel, es war eine Macht, die sie nicht zu benennen wußte, die aber die lose liegenden Schnüre ihres Daseins gewissermaßen aufnahm und sie durch den strömenden Regen hindurch zu Dratens Haus lenkte. Keine Macht der Welt konnte das hindern. Als Kind, noch in Frankreich, waren zum Jahrmarkt immer auch Marionettenspieler erschienen und hatten ihre Künste gezeigt, vielleicht waren es diese Erinnerungen – jedenfalls dachte sie die ganze Zeit daran, fast sah sie die Schnüre von ihrem Leib aus nach oben streben, auch noch als sie den rechten Arm hob, die Hand zur Faust schloß und leise an des Predigers Tür klopfte. Minuten zuvor hatte sie in die Wohnung des Knopfmachers fragend hineingerufen, ob der Prediger im Haus sei, worauf Dratens Tochter ihr aus der Küche antwortete, der Prediger sei eben erst heimgekehrt, sie solle hinaufgehen. Sie hatte fast gehofft, aufgehalten, gar nicht erst vorgelassen zu werden. Ein müdes Herein war zu hören, sie jedoch blieb, wo sie war und wartete, bis ihr die Tür geöffnet wurde. Sie erschrak, kaum erkannte sie den Prediger wieder, der sie mit tiefen Ringen unter den Augen, mit einem wie nach unten verlaufenem Gesicht, überrascht ansah. Er bat sie herein. Nur eine Kerze auf dem Schreibpult erleuchtete matt die Stube, es war eiskalt und ein seltsamer Geruch lag in der Luft. Adam entschuldigte sich, er sei nicht wohlauf, sicher der Wetterwechsel und die ungewohnte Dunkelheit, nun, wo der Schnee geschmolzen sei. Er würde erst einmal einheizen, ob sie sich nicht setzen wolle und ein Glas Wein trinken, schon war die Kerze auf den Tisch gestellt, der Krug und zwei Gläser geholt, und bald auch breitete sich ein wenig Wärme aus.

Endlich setzte sich Adam zu ihr. Im selben Augenblick klopfte es. Dratens Tochter brachte das Nachtmahl. Aus dem Treppenhaus zog zugleich der Gestank angebrannten Essens in die Stube. Sie versicherte jedoch, das sei nur das Essen für den Vater gewesen, der habe sie durch ein Gespräch abgelenkt, so daß die Nieren eben ein wenig angebrannt seien. Die Suppe sei wie immer und ob der Besuch auch etwas wolle. Dabei blickte sie Monique an, als würde sie lieber zur Hölle fahren als dieser von ihrem Essen zu geben, doch Adam nickte und so holte sie zwei Teller und zwei Löffel, warf noch einen abschätzigen Blick auf den Weinkrug und war verschwunden. Ich fürchte, der Drachen hat heute wieder keinen guten Eindruck von mir, sagte Adam leise, doch es klang traurig. Darf ich fragen, was Euer Anliegen ist? Aber bitte, langt zu, die Suppe hat sie bisher noch nie anbrennen lassen.

Das Schreibpult, der Vorhang vor dem Bett, der Kleiderkasten und das Regal mit den Büchern, all das hatte sich langsam aus der Dunkelheit herausgeschält, während sie dem Prediger beim Feuermachen zusah. Je länger man in einem schlecht beleuchteten Raum sitzt, desto mehr sieht man. War ihr die Wohnung beim ersten Besuch nicht gut eingerichtet erschienen? Mit schönen Möbeln, Teppichen und Stoffen? Eine klare Sicht auf die Dinge, das hatte ihr Gregor einmal erklärt, werde durch die Vernunft bewirkt, das lehre die Aufklärung, die sei wie der helle Tag gegenüber der dunklen Nacht. Das hatte sie verstanden. Nun aber saß sie, zum zweiten Mal, bei Adam Bernd, Oberkatechet und Prediger der Peters-Kirche zu Leipzig, einem hohen Herrn also, sie, eine ehemalige Hure, eine Papistin, die noch dazu schwanger war. Da war es wohl mehr als passend, dachte sie, wenn nur eine Kerze den Raum erleuchtete und alles irgendwie armselig wirkte. Sie aßen schweigend. Monique fragte sich, ob diese Dratentochter die Nieren wenigstens ausreichend gewässert hatte, bevor sie sie anbrennen ließ, denn es stank nun ganz entsetzlich. Der andere, seltsame Geruch, den sie beim Eintreten bemerkt hatte, war indes kaum noch zu erahnen.

Adam vertrieb seine bösen Gedanken über die häßliche Draten, ständig dieser Gestank angebrannten Essens, und rang mit sich, ob er Monique, die in sich gekehrt mit nassen Haaren ihm gegenübersaß, nicht auf morgen vertrösten sollte. Kein Reiz ging dieses Mal von ihr aus, nicht der geringste. Als er vor nicht einmal einer Stunde, müde wie ein Hund, doch mit viel zu vielen Gedanken in seinem armen Kopf, zurückgekommen war, hatte er als erstes Äther eingeatmet, denn das hatte sich als die einzig erfolgversprechende Methode erwiesen, sich zu beruhigen. Dummerweise war dann der Drachen erschienen und hatte ihm angekündigt, bald die Suppe heraufzubringen, und anstatt zu sagen, er wolle gleich zu Bett, hatte er sich auch noch in all seiner Blödheit bedankt. Und dann stand plötzlich diese Monique vor der Tür. Immerhin hatte er ja schon mit ihrem Tischler gesprochen, wenn auch nicht über dessen Eifersucht. Er fragte sich manchmal, was ihn diese Dinge überhaupt angingen, denn reichte es nicht, über all das Unglück der Menschen zu predigen? Mußte er auch noch deren Probleme lösen?

Ich habe, begann Adam endlich leise, Eurem Tischlergesellen ins Gewissen geredet, hier seine gute Stellung nicht aufzugeben und im Lande zu bleiben, denn er sprach mir von Auswanderung nach America, mit Euch. Ihn wegen seiner Eifersucht zu ermahnen hat sich keine Gelegenheit ergeben. Verstand sie ihn? Sie nickte, also hatte sie verstanden. Auch ich habe eine gute Stellung, sagte sie nach einer Weile sehr langsam, blickte ihr Gegenüber aber nicht an, ich serviere in einer Gaststätte mit einem guten Ruf. Wie sich das anhörte! Als ob sie deswegen keine Hure mehr wäre! Ihr war unwohl, sie fror in den nassen Kleidern, außerdem lag der Gestank von Angebranntem und Pisse noch immer schwer im Raum. Der Prediger dachte wohl nicht einmal daran, das Fenster zu öffnen. Sie sollte nun gehen, entschloß sie sich, denn ihr saß nicht der Adam Bernd gegenüber, den sie auf der Kanzel oder auch bei ihrem ersten Besuch erlebt hatte, sondern ein seltsamer Kauz. Außerdem sprach er, als habe er einen Lappen im Mund. Sie sollte, dachte sie, diese Wohnung verlassen, die Angelegenheit mit sich selbst ausmachen, ja sie wußte jetzt nicht einmal mehr, warum sie überhaupt Vertrauen gehabt hatte zu diesem Mann, der zwar eine stadtbekannte Persönlichkeit ist, dennoch aber Huren auf seiner Stube empfängt. Wie schnell machte so etwas die Runde! Wußte er denn nicht, daß er Feinde hat, ahnt er nicht, daß dieser Täubenfüßer ihn überwacht im Dienst Meister Urians! Dies dem Prediger mitzuteilen kam natürlich nicht infrage, sie war ja nicht lebensmüde.

Sie stand abrupt auf, sie wolle nicht weiter stören, sie danke für die Suppe und käme ein anderes Mal wieder. Die Kerzenflamme neigte sich wie erschrocken zur Seite und erlosch fast. Der Prediger rührte sich nicht. War er eingeschlafen? Einen winzigen Augenblick dachte Monique, er sei tot, der Gedanke jagte durch ihren Kopf und war wieder verschwunden. Sie machte einen Schritt auf ihn zu, ganz unwillkürlich, keine Reaktion, dann aber sagte er leise, den Kopf ein wenig hebend, sie solle doch das Fenster für einen Moment öffnen, bitte, der Gestank von angebrannten Nieren sei unerträglich. Also öffnete sie das Fenster, naßkalte Luft drang herein, dann sah Adam sie zum Ofen gehen und Holz nachlegen, das arme Ding friert sicher wie ein geschorenes Schaf, dachte er, doch warum war diese Frau hier bei ihm, ja warum war sie mehrere Male bei Heinrich gewesen, was hatte sie von seinem Schreiber gewollt, was wollte sie von ihm? Diese Fragen rumorten alle in seinem Kopf, nun schloß sie das Fenster wieder und lächelte ihn an, ging zum Ofen zurück und hob mit einem Ruck ihre Röcke, um die Wärme unter sie zu lassen. Adam erschrak, schon legte sie den Mantel ab, warm wird es in der Stube, jetzt sieht er, sie trägt ein einfaches Aufsteckkleid, nein sogar zwei, zwei übereinander, scheint ihm, sie dreht sich vor dem Ofen wie eine Tänzerin, die Wärme verteilt sich im Raum, das ist angenehm, sehr, sehr angenehm, und je mehr sie sich dreht, desto wärmer wird es. Wie gern würde er jetzt ins Bett fallen und schlafen, vielleicht war die Ätherdosis ein wenig zu hoch gewesen, der Apotheker hatte zur Vorsicht geraten, doch wie sollte er zu Bett, so lange sich die Hure vor seinem Ofen dreht und dreht, was tut sie denn, schon steigt sie aus ihren Kleidern, so warm ist es, doch warum ging sie nicht einfach, jetzt singt sie sogar leise ein Lied, und mit jedem Refrain knöpft sie ihr Mieder weiter auf, was tat sie denn, lächelnd singt sie Strophe um Strophe, ein französisches Lied, im spitzenbesetzten Hemdchen und knielangen Hosen, dann schon zieht sie sich das Hemd langsam über den Kopf, bückt sich, öffnet die Schuhe, zieht sie aus, Teufel noch mal, was tut sie, die Hosen gleiten zu Boden, nackt und bloß ist sie nun, dreht sich leise singend mit geschlossenen Augen mitten auf seiner Stube, konnte das denn überhaupt möglich sein, war hier der Teufel im Spiel? Er muß dem sofort Einhalt gebieten, aber seine Zunge gehorcht ihm nicht, und dann spürt er, obwohl er sie fünf Fuß entfernt tanzen sieht, ihre warme Hand in seinem Nacken, was tat sie nur, ihm schwindelte, schon sitzt sie auf seinem Schoß, leise, flüsternd singend, dabei im Rhythmus mit dem Zeigefinger ihm auf die Nase stupsend, schelmisch sieht sie ihn an, lacht, nimmt seine Hände und legt sie auf ihren Hintern, langt dann unter sich und nestelt an seinen Hosen, greift entschlossen nach seinem Glied und führt es ein, ihr Gesang geht in ein Summen und in ein Seufzen über, alles dreht sich, heiß durchfährt es ihn, und der Teufel schlägt mit der Hufe den Takt dazu.

Er erkannte den Medicus nicht sofort. Ich bin es, Rivinus, wir hatten bereits miteinander zu tun. Sie erkennen mich doch! Adam versuchte zu sprechen, doch es wollte nicht gelingen, der Mund war trocken und die Zunge wie taub. Der Medicus lächelte. Habt ein wenig Geduld und bleibt einen Tag im Bett, das wird wieder werden, und seid in Zukunft vorsichtig mit dem Äther. Habt Ihr ihn eingeatmet oder getrunken? Adam nickte einfach. Eingeatmet also, fragte Rivinus, Adam nickte noch einmal, dann drückte der Medicus ihm die Hand und verabschiedete sich. Jetzt erst sah Adam Heinrich am Fenster stehen, in die Nacht hinaussehend. Ich habe, sagte dieser, nach Rivinus geschickt, als ihr nicht wieder aus Eurer Ohnmacht erwachen wolltet. Adam nickt. War dieses Weib bei mir, fragt er mit bleischwerer Zunge, doch der Täubenfüßer hörte nur ein Krächzen, füllte ein Glas mit Wasser und gibt es ihm. Adam probiert es noch einmal, die Zunge wie taub. Wieder versteht sein Schreiber ihn nicht. Es ist doch sein Schreiber, Heinrich, der Täubenfüßer? Mühsam richtet Adam sich auf. Die Kerze auf dem Tisch fast heruntergebrannt. Sie flackert wild, wie um Luft ringend. Nirgends lagen Kleider, auf dem Tisch stand jedoch die Suppenterrine und zwei Teller. Also war es kein Hirngespinst gewesen, dachte Adam, diese Monique war hier! Im selben Moment erlosch die Kerze. Heinrich wünschte eine gute Nacht, tastete sich zur Tür und ging hinaus. Was war nur geschehen, überlegte Adam, war das ein Albtraum oder war das alles real, war der Teufel mit im Spiel oder hatte sich die Hure am Ende nur einen bösen Spaß mit ihm erlaubt? Einen allzu bösen!


<= Kapitel 22

Kapitel 24 =>

*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

Hinweis: Das Copyright © und alle denkbaren Rechte an „Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache“ liegen weltweit und darüber hinaus bei Norbert W. Schlinkert. Das Kopieren des Textes oder einzelner Teile ist ausschließlich für den privaten Gebrauch gestattet, sonstige Be- und Verarbeitung und eine Verbreitung in welcher Form und mittels welcher Medien und Techniken auch immer ist unter keinen Umständen gestattet.

Dieser Beitrag wurde unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentare sind geschlossen.