Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)* Kapitel vierundzwanzig: Ekel, Gerücht und Gerechtigkeit

Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel vierundzwanzig:

Ekel, Gerücht und Gerechtigkeit

Adam Bernd liegt noch immer krank zu Bett, viele, viele Wochen schon. Kälte und Hitze des ganzen Leibes wechseln sich ab, dazu kommen Taubheitsgefühle in den Armen und Beinen. Rivinus ist der Ansicht, der Äther habe, um dies volkstümlich auszudrücken, die Säfte in Unordnung gebracht und verordnet einmal täglich rohes Fleisch und einen Krug Bier, dazu kräftige Suppe. Das werde schon wieder, Geduld, nur Geduld, doch leider gibt Bernd, wenn er das Essen schon einmal hinuntergewürgt hat, es meist ebenso würgend wieder von sich. Vor lauter Kotzerei ist sein Gesicht mit roten Pünktchen übersät. Die Predigten und der Katechismusunterricht werden von anderen Predigern der Stadt übernommen. Genesungswünsche treffen von vielen Seiten her ein, auch ganz offiziell aus dem Rathaus, doch sie helfen natürlich nicht gegen den Gedankenwust in seinem Kopf. Wenn er wenigstens die überall herumliegenden Stapel von Manuskripten durchsehen könnte, einiges müßte aussortiert und verbrannt werden, doch kaum steht er einmal auf und macht sich an die Arbeit, befällt ihn Herzrasen und der Schweiß bricht ihm aus allen Poren. Rivinus, der täglich kommt, verabreicht ihm auf Wunsch das ein oder andere Mittel, rät aber weiterhin von einem Aderlaß ab, es gäbe Zweifel an der Wirksamkeit, wie aus den Schriften eines gewissen Malpighi hervorginge, die er mit großem Gewinn gelesen habe. Ein wenig tägliche Arbeit, nicht zu viel, würde aber wohl nicht schaden. So diktierte Adam, wenn es ihm denn für einen Moment besser ging, seinem Schreiber alle paar Tage nicht nur notwendige Briefe, sondern auch immer wieder Teile der Eigenen Lebensbeschreibung. War er aber allein in diesen Wochen, so grübelte er nur hin und her und verfiel auf seltsame Vorstellungen, so etwa der, er würde in seinem Bett einfach immer weniger werden, bis er ganz verschwunden sei. Tatsächlich war er bereits ziemlich abgemagert. In jungen Jahren, noch in Breslau, war ihm dies schon einmal vorgekommen, da hatte er auch wochenlang kaum etwas essen können, und wenn er es sich hineinzwang, erbrach er es kurz darauf. Eines Morgens aber war er aufgewacht und hatte wieder Appetit. So würde es auch diesmal sein, das hoffte er wenigstens. Der Drachen fragte sogar einmal ganz verschämt, ob ihm ihr Essen nicht schmecke, doch er machte allein seine Verfassung dafür verantwortlich, und wenn sie den Teller einfach nicht so voll machen würde, mochte das schon helfen. Es half nichts.

Mitte März taucht Heinsius dann mit der, wie er sagt, frohen Botschaft am Krankenbett auf, daß nämlich das Tractat Einfluß der göttlichen Wahrheiten in den Willen und in das ganze Leben des Menschen nun in Druck gegangen sei und bald schon unter dem Pseudonym Christian Melodius erscheine. Das Jahr 1714 würde überhaupt ein gutes Jahr, der Prediger, das prophezeie er kraft seiner Wassersuppe, bald genesen und auf die Kanzel zurückkehren, das Buch gut verkauft werden und so weiter. Der Verleger schien bester Dinge zu sein, und tatsächlich hellte sich auch die Stimmung Adams ein wenig auf. Er fühlte sich sogar tatkräftig genug, ein wenig zu arbeiten, und kaum war Heinsius gegangen, so quälte er sich aus dem Bett, um die Unterlagen und Notizen zu seiner Lebensbeschreibung noch einmal durchzugehen. Sollte nämlich das Tractat ein Erfolg werden, wollte er so bald wie möglich die Eigene Lebensbeschreibung auf den Markt bringen, und dann vielleicht sogar das Geheimnis seines Pseudonyms zu lüften. Ein Diskurs um die Thesen seines Tractats, verbunden mit der Offenbarung seiner eigenen Schwächen und Anfechtungen, mochte dazu führen, daß die Menschen mehr nachdachten über sich und ihr Tun, ganz im Sinne der Aufklärung. Nicht nur fremder Leuts Exempel sollten fortan die Wirkung seiner Predigten und Schriften ausmachen, sondern eigenes Erleben und Erleiden, auch das leidige Thema des Selbstmords würde in der Lebensbeschreibung ja nicht zu kurz kommen. Vor einigen Wochen erst hatte er Heinrich aus dem Krankenbett heraus zu erklären versucht, wie die bösen Gedanken mittels des eigenen Willens wirksam würden, und eben das dadurch bewirkte Böse sei wiederum nur durch den Verstand abzuwehren. Heinrich hatte gefragt, ob denn dieser eigene Wille dann nicht der Teufel selbst sein müsse, der im Menschen niste. Er hatte dies der Einfachheit halber bejaht und von der Notwendigkeit gesprochen, eben deswegen immer bei klarem Verstand zu sein. Wirklich begreifen tat dies sein Schreiber nicht, auch wenn er ja immerhin all dies selbst aufgeschrieben hatte, das war Adam nur zu deutlich, aber darum sollte ja die Lebensbeschreibung mitsamt der Schrift über den Selbstmord gedruckt werden, damit die Menschen, denen das Tractat über den Verstand ging, sich umfänglich mit dem Kampf gegen das Böse in sich selbst, im eigenen Herzen, beschäftigen können. Das erschien ihm überaus wichtig.

Ihm schwindelte, wie er jetzt so vor sich hinsinnend mitten in seiner Stube stand. Die Draten hatte vor ein paar Minuten seine Wohnung mit dem wieder einmal kaum angerührten Essen, mißmutig die Tür hinter sich zuwerfend, verlassen, kurz nachdem Heinsius gegangen war. Langsam ging Adam nun zum Fenster und öffnete es. Recht laue Luft drang herein, wenn auch der Frühling noch eine Weile auf sich warten lassen würde. Immerhin, der Winter hatte seinen Stachel verloren. Dann packte er, nachdem er mehrmals tief durchgeatmet hatte, einen der vielen Stapel, legte ihn auf den Tisch und ließ sich auf den Stuhl sinken. Diese Flugblätter gegen den Selbstmord hatte er über Jahre gesammelt, viele sich zusenden lassen, einige waren teils eng bedruckte Abhandlungen, andere wiederum eigentlich Bildergeschichten. Am Ende aber packte fast immer der Teufel zu und schleuderte den Selbstmörder in die Höllen. Ein Bild zeigte eine Magd sogar am Drehspieß über einem Feuer, der feixende Satan steht hörnerbewehrt kurbelnd daneben. Doch trotz all dieser Warnungen brachten sich immer noch viele Menschen vom Leben zum Tode, stürzten sich in Flüsse oder von Felsen hinab, erdolchten sich oder soffen Gift. Er dachte an jenen Mann im Hospital, den er an diesem seltsamen Tag besucht hatte, als er Heinrich im Baum hockend entdeckte. Zuletzt erst war ihm von einem Dichter aus Wien berichtet worden, der sich, bettlägerig und krank, die eigene Kehle durchschnitten habe, worauf er in Bewußtlosigkeit fiel und tags darauf verstarb. Wenn meine Schrift zum Selbstmord und meine Lebensbeschreibung insgesamt nur eine dieser Seelen vor der Verdammnis rettet, dachte er, soll sich mein Unterfangen schon gelohnt haben.

Blatt um Blatt sah er sich an, überflog flüchtig das ein oder andere, murmelte manchen Satz halblaut vor sich hin, als er mit einem Mal einen Zeitungsausschnitt vor sich zu liegen hatte, den er nicht kannte. Neugierig las er den Artikel, der sich als ein Bericht über den Selbstmord eines Predigers in Holland herausstellte, der sich im Arrest, wo er wegen der Vergewaltigung einer jungen Magd einsaß, selbst henckte. Adam durchfuhr schon während des Lesens ein Zittern, zunächst leicht, dann immer stärker, denn das beschriebene Erstürmen des Gefängnisturms, das Hinabwerfen des Leichnams in die Gasse, das Hinschleifen zum Ufer des Meeres und das Versenken mit zwei großen Steinen zur Beschwerung stand ihm sofort lebhaft vor Augen, auch das allgemeine Spektakel und den Lärm glaubte er fast zu hören. Noch dazu soll die schwangere Frau des Predigers kurz darauf ins Wasser gegangen sein. Wie elend doch das Leben sein konnte, und wie gering die Mittel des Verstandes! Nun, er selbst hatte oft mit sich gekämpft, jede heranrasende Kutsche, jeder Fluß, einmal sogar ein brennender Bauernhof ganz in seiner Nähe, führte unwillkürlich zu dem Gedanken, zu der Idee, sich das Leben zu nehmen, ganz gleich, ob es ihm zu der Zeit gut ging oder schlecht, wenn er auch in guten Zeiten die bösen Gedanken schnell und ohne Anstrengung beiseite wischte. Oft auch fiel ihm dieser Albtraum ein, in seiner ersten Nacht in Leipzig, aus dem er am offenen Fenster stehend erwachte! In seiner Lebensbeschreibung sprach er davon. Er schüttelt sich, wie um den Gedanken loszuwerden. Mühsam steht er auf. Vier, fünf Schritte noch zum Bett, denkt er, und wieder eben so viele zum Fenster. Er sieht sich um in seiner Wohnung. Ich stehe auch jetzt, überlegt er um Atem ringend, zwischen Leben und Tod, doch heute habe ich den Leib eines Greises, und das schützt mich. Er macht einen Schritt, doch nicht zum Bett hin, zum offenen Fenster richtet er sich, zu seiner eigenen Überraschung, er tut noch einen Schritt und noch einen, es ist, als seien die Beine nicht die seinen. Schon lehnt er sich schwer atmend mit dem Bauch gegen das Fensterbrett. Sollte es diesmal soweit sein? Obgleich mich alles zum Bett zog, denkt Adam, jetzt mehr verstört als ängstlich, gehe ich doch zum Fenster! Oder ist eine Stimme in mir, die mir nicht deutlich ist, dennoch aber alle Macht hat? Plötzlich hört er Heinrichs Stimme, er muß ohne anzuklopfen in die Stube getreten sein. Erkältet euch nicht, hört Adam, es ist noch kalt und naß und der Winter nicht ausgestanden. Mit dem Beginn des Frühlings wird es Euch besser gehen, Ihr werdet sehen. Dann leitet Heinrich ihn langsam zum Bett. Im Hinausgehen fällt sein Blick auf die Zeitungsnotiz über den holländischen Prediger.

Der Drucker ist der erste, der eine Ahnung bekommt von der Brisanz der melodianischen Schrift. Meister Urian selbst ist es, der am Morgen des 4. April 1714 in der Verkleidung eines Landadligen die Druckerei betritt, in der Heinsius bevorzugt arbeiten läßt. Er wolle, so beginnt Urian das Gespräch, sich angelegentlich nach Preisen erkundigen, denn er plane ein Werk über die Gartenkunst zu verfassen. Geschickt lenkt er schließlich das Gespräch auf ein philosophisches Werk, welches sich mit dem menschlichen Willen beschäftige und bald schon in Leipzig erscheinen solle, von einem bekannten hiesigen Prediger verfaßt. Der Drucker gibt vor, er selbst habe den Auftrag dafür jedenfalls nicht bekommen. Er ist vorsichtig aus schlechter Erfahrung heraus und Fremden gegenüber sowieso. Natürlich denkt er sofort an Christian Melodius, und da dieser Name ohne Zweifel ein Pseudonym sein muß und dessen Schrift auch Theologisches enthielt, war die Verbindung hergestellt. Genaueres wollte er allerdings überhaupt nicht wissen, schon einmal vor Jahren hatten Stadtsoldaten frühmorgens die Druckerei besetzt und Bücher konfisziert, obgleich der Druck derselben zuvor genehmigt worden war. Er bleibt also gegenüber dem Gartenfreund dabei, er wisse nichts von so einem Werk, worauf der schließlich geht. Am Abend erzählt der Drucker seiner Frau von der Sache. Es war mir, berichtet er, als hätte der Teufel persönlich plötzlich in der Werkstatt gestanden, so seltsame Augen hat der Kerl gehabt, die Pupillen haben gezittert und das eine Auge war blau und das andere braun oder grün, und außerdem hat der Kerl auch noch gehumpelt. Ihm sei es jedenfalls heiß und kalt den Rücken heruntergelaufen, und jetzt brauche er erstmal einen Schnaps, und wenn dieses Tractat des Melodius wirklich von einem hiesigen Prediger stammte, dann gute Nacht, sagte er, dann hat nicht nur Heinsius die Obrigkeit im Hause.

Ohne sich umzukleiden geht Urian, das linke Bein ein wenig nachziehend, von der Druckerei zur Werkstatt Meister Schwans, um mit Gregor zu sprechen. Dieser baue, so wird ihm mitgeteilt, einer Kaufmannswitwe, die zwischen Grimmaischem Tor und der Paulinerkirche zwei Etagen eines Hauses bewohne, ein neues Bett, wie es zurzeit in Mode sei, bis morgen sei er dort anzutreffen. Umso besser, dachte Urian und ging pfeifend und leicht humpelnd quer durch die Stadt, da konnte er gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, denn Witwen sind oft die besten Nachrichtenüberbringer – man muß sie nur darauf hinweisen, das Gehörte doch bitte nicht weiterzutragen. Die Frau lud ihn, der Tischlergeselle könne warten und habe ja auch zu arbeiten, gleich einmal zu Kaffee und Gebäck ein, erzählte selbst zwar nur dummes Zeug, hörte aber interessiert zu, als Urian von der Schrift eines bekannten Predigers berichtete, die bald unter einem Pseudonym erscheinen werde. Die Witwe, eine noch recht junge Frau mit feingliedrigen Händen, sie goß den Kaffee selbst ein, so daß dies auffallen mußte oder gar sollte, zählte prompt alle ihr bekannten Prediger auf, nicht ohne sie als gut, annehmbar oder gräßlich langweilig zu kennzeichnen. Adam Bernd vergaß sie, wenn sie ihn denn kannte. Schließlich bat Urian, ihr den Tischler für eine Weile entführen zu dürfen.

Auch diesmal erkannte Gregor Meister Urian sofort. Er gab dem Lehrling mit strenger Miene einige Aufgaben, dann folgte er Urian. Gemeinsam schlenderte man durchs Grimmaische Tor hinaus in den Großbosischen Garten, wo eben Gärtner die ersten Arbeiten nach dem Winter begannen. In einen Vogelbauer in Kutschengröße hatte man bereits wieder Vögel gesetzt. Urian hatte eine seltsame Lust, diesem Gregor alles genau auseinanderzusetzen. Er könnte ihm natürlich einfach den Auftrag erteilen, er solle wie nebenbei verbreiten, die neu erschienene Schrift eines gewissen Christian Melodius zum Einfluß der göttlichen Wahrheiten in den Willen sei die des Predigers Adam Bernd, dieser vermische verbotenerweise Theologisches und Philosophisches und stelle die Rechtfertigungslehre infrage. Stattdessen sagte er dem jungen Mann, er halte viel von ihm, er habe mehr Verstand als alle anderen Mitarbeiter zusammen, und so wolle er ihm die Angelegenheit um die melodianische Schrift genau auseinandersetzen. Damit wäre er, wenn diese in den nächsten Tagen im Laden des Verlegers Heinsius zum Verkauf stünde, einer der wenigen Menschen in Leipzig, die bereits Genaueres wüßten, sowohl über die Person des Verfassers als auch über den Inhalt. Ich selbst habe, sagte er, nur Ausschnitte lesen können, doch so gescheit die Schrift ist, sie bringt Unfrieden und Streit in die Stadt. Laßt uns den Weg zur Orangerie nehmen, dann will ich es euch erklären, so gut ich kann.

Gregor fühlt sich einerseits geschmeichelt, andererseits hat er Angst, nichts zu begreifen. Warum sollte er, ein einfacher Tischler, der hier und da mal ein Buch zur Hand genommen hatte, einen galanten Roman etwa, mehr Verstand haben als andere? Zunächst aber erzählte Urian von seinem eigenen Werdegang, er wolle ganz offen sein, von seinen Studien der Jurisprudenz, über die er auch in Kontakt gekommen sei zur theologischen Fakultät, und nachdem vor einigen Jahren ein gewisser Christian Thomasius wegen seiner Nähe zum Pietismus untragbar geworden und der Stadt verwiesen worden sei, habe er, Urian, die Gunst der Stunde genutzt, denn die Vorsicht der Fakultät wuchs dadurch deutlich. Thomasius sei übrigens ein hervorragender Gelehrter, der inzwischen Abstand genommen habe von den Pietisten in Halle, obgleich er dort noch wirke. Doch gleichviel, fuhr er fort, ich habe seit einigen Jahren eine beratende Funktion, und da in eben dieser Zeit der sogenannte Pietismus an Stärke gewonnen hat und für ganze Königreiche zur tragenden Religion wurde, bin ich hier in Leipzig meist mit der Aufgabe beschäftigt, unsere Stadt vor solchen Irrlehren zu schützen. Für mich arbeiten Menschen jeder Couleur, hochangesehene Bürgersleute ebenso wie verkommene Gestalten. Letztere kommen mir eher mal abhanden, denn das Saufen, Huren und Betrügen lassen sie nicht, doch eben jene wissen auch nie mehr als das, was sie wissen müssen. Sie kosten mich nichts, eine Mahlzeit, eine Flasche Branntwein, gelegentlich schicke ich ihnen den Zahnausreißer oder den Medicus und auch mal eine Hure. Ich hoffe, Ihr versteht, daß solcherart Tun oftmals notwendig ist. Euch wird natürlich eine andere Art der Belohnung zuteil werden, denn wie Ihr wißt, kenne ich Eure Pläne.

Gregor staunte, wie redselig dieser Urian sein konnte, doch ganz geheuer war ihm dieser Mensch immer noch nicht. Außerdem mochte die Erwähnung der Huren als Bezahlung für geleistete Dienste eine Anspielung auf Monique sein. Jedenfalls fuhr ihm ein Schmerz durch die Eingeweide. Sah es nicht so aus, als überlasse Urian ihm Monique als eine Art Vorauszahlung! Wut stieg in ihm auf, die er nur mühsam niederkämpfte. Urian war inzwischen schon bei der Rechtfertigungslehre angelangt, die dieser Adam Bernd infrage stelle, und er wolle nun versuchen, ihm, Gregor, diese Lehre zu beschreiben, so gut er könne. Auch mir mußte dies damals erklärt werden, fuhr er fort, obgleich ich doch damals schon Rechtsgelehrter war und dachte, vom Theologischen ausreichend viel zu verstehen, und zuerst sagte man mir auch nur, als einem Fakultätsmitarbeiter unter vielen, sie sei ad hominem angewandte Theologie, weil die Frage, wie der Mensch an der Gottesgerechtigkeit teilhabe, schlechthin die Grundfrage menschlicher Existenz sei. Doch so einfach liegen die Dinge natürlich nicht, wie Ihr Euch denken könnt.

Sie hatten die Orangerie erreicht, auch hier wurde fleißig gearbeitet, und wendeten sich nach rechts, den Weg an der Mauer entlang nehmend. Urian leitete seine Rede nun zu dem Punkt der Gerechtsprechung, durch die der vor Gott schuldige Mensch in den Stand des Friedens mit sich selbst versetzt werde, und eben dies geschähe allein aus Gnade, allein durch Christus und allein durch den Glauben. Gregor nickte. Das hatte er in manch einer Predigt schon gehört, nicht aber als so wichtig erachtet, denn waren dies nicht Gedanken, die erst am Ende des Lebens anstünden? Seine Pläne, mit Monique nach America zu gehen, wurden davon nicht berührt, er wußte nicht einmal, ob die Papisten an die selbe Lehre glaubten. Sagt mir, unterbrach er Urian mitten in seinen Ausführungen, ob ich durch euch vollständig die Mittel erlangen kann, nach America zu gehen. Sie blieben stehen. Die beiden Männer sahen sich an. Sobald die Causa Adam Bernd zu einem Ende gekommen ist, sagte Urian, seinem Gegenüber starr in die Augen blickend, werdet Ihr einen gewissen Teil der Mittel dafür bekommen, doch den ein oder anderen Auftrag werdet ihr schon noch übernehmen müssen. Bedenkt aber auch, daß eure Braut selbst nicht vollkommen mittellos ist. Gregor hielt dem Blick stand.

Statt sich zum Grimmaischen Tor hinzuwenden, gingen sie wieder in den Garten hinein. Es ist wichtig, fuhr Urian fort, noch etwas deutlich zu machen: unser Glaube verbietet alles Streben nach einer Selbstrechtfertigung, wir sind rein Empfangene, die Macht Gottes ist uneingeschränkt, der Glaube darf nicht als eine in sich selbst Rechtfertigung begründende menschliche Anstrengung verstanden werden. Versteht ihr, fragte er lächelnd. Ich gebe zu, fuhr er, wieder ernst, nach wenigen Augenblicken fort, das habe ich noch heute morgen gelesen, um nichts Falsches zu sagen, denn auch ich bin mehr Weltenbürger, als ihr denkt. Nun, jedenfalls, führt der Weg zu Gott nicht über den Verstand, und eben dies will uns dieser Prediger weiß machen mit seinem Tractat, so als sei die Zustimmung zu Gottes Heilsordnung allein ausreichend, um dereinst von allen Sünden, die der Mensch trotz allemdem begeht, freigesprochen zu werden. Ich werde Euch diese Schrift zukommen lassen. Und nun Schluß mit dieser Angelegenheit, ich werdet bei der Witwe erwartet, ihr ein prächtiges Lotterbett zu bauen.

Gregor schossen die Gedanken nur so durch den Kopf, vor allem fragte er sich, warum ihn Meister Urian mit solch einem Aufwand anwerben wollte, wenn er ihm doch bald schon, nach nur wenigen weiteren Aufträgen, Mittel für die Überfahrt nach America zur Verfügung stellen würde. Das machte doch keinen Sinn!

Beim Haus der Witwe angelangt, verabschiedete sich Urian mit den Worten, er solle das Bett so stabil als möglich bauen, denn die Witwe sei ja eine noch junge Frau, habe Vermögen und sei bisher sicher weniger in Anspruch genommen worden als so manche Hure. Noch bevor Gregor etwas erwidern konnte, war Urian freundlich nickend verschwunden. Erst als er fast am Rathaus war, ließ er sein Messer, das er in der Faust gehalten hatte, wieder in die Tasche gleiten. Die Bemerkung am Ende hatte er sich nicht verkneifen können, doch dieser Tischler sollte eben, selbst wenn er ihm nützlich sein kann, auch nicht glauben, er könne ihm das Wasser reichen. Für den Fall Adam Bernd brauchte er ihn ohnenhin nicht mehr, doch so lange nicht der letzte Pietist aus der Stadt verwiesen worden ist, würde es an Aufträgen schließlich nicht mangeln. Die Schlampampe von Monique sollte er ruhig haben, wenn er gut für ihn arbeitete – die nächsten Jahre.


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*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

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