Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)* Kapitel fünfundzwanzig: Wer ist Melodius?

Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel fünfundzwanzig:

Wer ist Melodius?

Die sehr höflich formulierte Anfrage des Rates der Stadt Leipzig, wie es denn mit seiner Gesundheit stünde, erschreckte Adam keineswegs. Umgehend diktierte er Heinrich die Antwort, worin er der Hoffnung Ausdruck gab, denn er sei bereits auf dem Weg der Besserung, bald schon sein Amt wieder vollständig ausfüllen zu können. Wenige Tage später jedoch hielt er ein weiteres Schreiben in der Hand, in dem er, wieder überaus höflich und mit gewählten Worten, aufgefordert wurde, sich auf das Rathaus zu begeben, um einige Fragen zu beantworten, gleich am nächsten Tag zur Mittagsstunde. Was Wunder, daß er es nun mit der Angst bekam und womöglich noch schwächer wurde. In dem Schreiben war mit keinem Wort erwähnt, um was es sich handelte, eine Respektlosigkeit sondergleichen. So also stand Adam, nach einer unruhigen und fast schlaflosen Nacht, am nächsten Morgen schwer atmend auf seiner Stube und wußte nicht, wie beginnen. Natürlich, er würde sich zunächst waschen müssen, dann vielleicht die Perücke herrichten, ja er mußte im Habit seines Amtes erscheinen, daran ging kein Weg vorbei. Perücke und Halskrause gab er dann dem Drachen mit hinunter zur Reinigung, als sie wie immer schwer mißgestimmt das Frühstück brachte. Was man wohl von ihm wollte? Das Schlimmstmögliche wäre sicher, ihm die Besuche dieser Monique in seiner Wohnung vorzuhalten, dachte er. Darauf mußte er gefaßt sein. Er durchdachte alle möglichen Formulierungen, die Sache zu erläutern; im alleräußersten Falle würde er wohl auch einen bösen Sturz in seiner Jugend und eine Unterleibsverletzung andeuten müssen, um klar zu machen, daß diese Frau als Christin zu ihm gekommen war, um sich Rat zu holen – und selbst wenn nicht, so würde er selbst ja nunmal nicht sündigen können. Doch würde dies alles nicht wenig glaubhaft sein, fiel ihm nun siedendheiß ein, denn sie war doch Papistin und noch dazu Französin, eine welsche Hure, und überhaupt, woher sollte sie denn wissen, daß er… Gebe also Gott, daß es nicht darum ging! Oder sollte man, überlegte er weiter, ruhelos auf- und abgehend, das wäre natürlich auch überaus schlecht, von dem großen Tractat gehört haben und wissen, daß er und kein anderer dieses verfaßt hatte? Das wäre ebenso von Übel, da doch das Buch in diesen Tagen als das des Christian Melodius in den Handel käme. Aber konnte das sein? Dann müßte Heinrich oder auch Heinsius dies ausgeplaudert und das Pseudonym verraten haben! Für Letzteren jedoch legte er seine Hand ins Feuer. Sollte also Heinrich doch, wie ja schon von Anfang an befürchtet, ein Spitzel sein? Oder ginge es um seine Eigene Lebensbeschreibung? Oder gar um beide Schriftten? Oder um die Schriften und um diese Monique? Wollte man ihn vernichten? Ihm wurde ganz schlecht. Wie auch immer, er würde auf alle etwaigen Vorwürfe eine Antwort finden müssen, denn ein Schweigen käme nicht infrage, das würde als Schuldeingeständnis bewertet werden, da war er sicher.

Es ist kalt an diesem Apriltag des Jahres 1714, wenn auch sonnig bei klarem Himmel. Adam steht, nachdem er in der Knopfmacherwerkstatt den Kragen umgelegt und die frisch gepuderte Perücke aufgezogen hatte, vor dem Haus und wartet auf die Sänftenträger. Die Rosinen für den Knaben, der wie wild losgeschossen war, um sie hierherzubeordern, hatte er in der Tasche, in einem kleinen Beutelchen aus Wachstuch. Einige Vorübergehende grüßten ihn, doch er kannte diese Menschen nicht, sie grüßen wohl mehr den Prediger denn mich, dachte er. Er tat einige Schritte und stellte sich in die Sonne, die jedoch nur wenig wärmte. Was wäre, überlegte er wieder, hätte der Rat der Stadt tatsächlich, aus welcher Quelle auch immer, Kenntnis erhalten von dem Vorhaben, mein Leben bis zur Übernahme des Predigeramtes aufzuschreiben und die Schrift zu veröffentlichen. Mit welchen Argumenten würde man mir dies womöglich als dem Amte unwürdig darzustellen suchen, und wie würde ich darauf reagieren müssen? Immerhin schreibe ich nicht aus Eitelkeit von all meinen Heldentaten, dachte er weiter, sondern will den Menschen, die Ähnliches erleiden wie ich, die sündigen und freveln, mit bösen Gedanken herumgehen oder gar Gefahr laufen, sich selbst vom Leben zum Tod zu befördern, eine Stütze sein. Eben fuhr mit lautem Getöse eine Kutsche vorüber, in ihr, soweit er erkennen konnte, einige Damen und ein greisenhaftes Männlein, das neugierig heraussah. Endlich kamen die Sänftenträger, er warf dem Knaben das Beutelchen zu, und schon ging es den kurzen Weg zum Rathaus, den er den beiden Männern mit vier Groschen bezahlen wollte. Das Angebot, für einen Taler auch zu warten und ihn zurück zum dratschen Haus, oder wo immer er hinwolle, zu tragen, nahm Adam ohne zu feilschen an, selbst wenn das der Tragelohn für einen ganzen Tag war. Im Rathaus wurde er, nachdem er langsam und mit Bedacht die Treppe hinaufgegangen war, von einem Diener empfangen und gebeten, zu warten oder zu späterer Stunde wieder zu erscheinen, denn der Ratsherr Lucas Scholler, der mit ihm habe sprechen wollen, sei wegen des plötzlichen Todes seiner Tochter vor wenigen Minuten zu seiner Familie geeilt, ein anderer Ratsherr aber noch nicht abkömmlich. Adam überlegte, er kannte diesen Scholler nicht, und fragte schließlich nach Gottfried Wagner, doch der sei, so der Diener, nach Straßburg gereist, wo er den Bau einer Bibliothek zu verantworten habe. Was also tun? Unschlüssig setzte er sich und wartete. Der Diener, der ihm einen Tee brachte, schlug schließlich vor, er könne doch, da es Mittwoch sei und somit die Ratsbibliothek am Neumarkt geöffnet wäre, dorthin gehen. Sobald Ratsherr Scholler wider Erwarten zurückkäme oder ein anderer der Herren Zeit habe, würde er ihn holen lassen. Adam war einverstanden, das war eine gute Idee. Er nahm noch einen Schluck Tee und ging wieder hinunter. Den Trägern bedeutete er, er nehme sie nun also noch weiter in Anspruch, da er immerhin den Tagessatz bezahlt habe.

Der Bibliothekar, ein noch recht junger, feingliederiger Mensch mit einer fast fremdländischen, ganz weichen Aussprache, stellte sich als Samuel Irmisch vor, er sei kürzlich erst von Aachen her nach Leipzig gekommen, um diese Stelle anzutreten. Adam stellte sich seinerseits als Oberkatechet und Prediger der Peters-Kirche, Magister Adam Bernd vor und erklärte, er wolle sich die neu eingerichtete Bibliothek endlich einmal ansehen. Erschien es ihm nur so, oder zuckte der Bibliothekar bei der Nennung des Namens tatsächlich zusammen? Wenn es so war, so hatte er sich schnell wieder im Griff und bat den Prediger, sich alles in Ruhe anzusehen, wenn er Fragen habe oder sich die Bücherschränke mit den wertvollen Büchern wolle aufschließen lassen, so stünde er zur Verfügung. Der große Büchersaal, in den Adam nun eintrat, war etwa 120 Schuh lang und gut 50 breit, einige kleinere Studierkabinette, in denen zwei, drei Gelehrte über Karten oder Büchern saßen, gingen von ihm ab. Adam schlenderte langsam durch die Reihen, betrachtete die Globusse und die astronomischen Instrumente, warf einen Blick auf die auf den Bücherschränken und Büchergestellen stehenden Gipsbüsten der Gelehrten aller Zeiten, nahm auch das ein oder andere Buch zur Hand, doch er war nicht recht bei der Sache. Warum war dieser Mensch, der doch kaum viel von ihm wissen konnte, nur zusammengezuckt bei der Nennung des Namens Adam Bernd? Sollten etwa irgendwelche Gerüchte im Umlauf sein? Ich muß sofort zurück zum Rathaus, entschied er, irgendetwas geht vor – und er mußte dringend wissen, was. Er drehte sich um und tat einen Schritt auf die Treppe zu, als ein kurzes, schrilles Jaulen ihn fürchterlich erschreckte. Sein Herz schlug wie wild. Ein Hund, der wohl hinter ihm hergelaufen sein mußte, machte sich davon, während Adam schwer atmend blieb, wo er war, bis der Bibliothekar auftauchte und sich entschuldigte, der Hund dürfe natürlich keineswegs hier sein, habe aber noch nie jemanden gebissen, und so weiter und so weiter. Langsam beruhigte sich Adam wieder. Schon gut, schon gut, sagte er, es ist ja nichts geschehen.

Bis hinunter auf den Neumarkt trippelte Irmisch dann schwatzend neben ihm her, er müsse ohnehin eine Besorgung machen und begleite ihn bis vor die Tür – er freue sich, ihn bald wieder begrüßen zu dürfen. Der Mensch ist ein Schwätzer vor dem Herrn, dachte Adam und sah sich nach den Sänftenträgern um, die jedoch nirgends zu sehen waren. Nun gut, dachte er, dem Bibliothekar hinterhersehend, dem sich nun der Hund, kläffend und an ihm hochspringend, zugesellte, gehe ich die paar Schritte eben zu Fuß, schließlich bin fast wieder genesen. Schweißgebadet und außer Atem kam er kurz darauf am Rathaus an. Der Weg hatte ihm doch zugesetzt, noch war er nicht wieder der Alte, wie es aussah, er mußte vorsichtig sein. Der Diener sagte, Ratsherr Scholler sei eingetroffen, er wollte eben nach ihm, dem Prediger, schicken lassen. Gut also, daß er schon da sei. Wenig später schon saß Adam dem Ratsherrn in dessen Kabinett gegenüber, einem wohlbeleibten Mann in den Vierzigern mit einem grauen Bart und einer ebenfalls grauen, aufwendig gearbeiteten Perücke, und wenn dieser tatsächlich seine Tochter verloren hatte, so ließ er sich nichts davon anmerken. Doch konnte das sein, überlegte Adam, oder habe ich etwas falsch verstanden? Er spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach. Ich bin beauftragt, lieber höchst verehrter Magister Bernd, begann Scholler nun ganz freundlich, Euch einige Fragen zu stellen. Aber zunächst: möchtet Ihr etwas trinken? Augenblicke später stand der Kaffee bereits auf dem Tisch. Hatte ich nicht Tee haben wollen, dachte Adam. Scholler schenkte selbst ein, nahm dann vorsichtig mehrere kleine Schlucke und lächelte. Meine Tochter, begann er wieder, der Diener wird Euch von der Angelegenheit erzählt haben, ist übrigens auf dem Wege der Besserung. Sie galt bereits für tot, stellt Euch vor, welch ein Schrecken mir und meiner Frau in die Glieder gefahren ist, doch der Medicus brachte sie schnell zurück ins Leben, indem er sie immer wieder an empfindlichen Stellen zwickte und ihr Schlagbalsam unter die Nase hielt. Es war wohl eine besonders tiefe Ohnmacht gewesen, ich habe die Erklärungen allerdings nicht ganz verstanden. Wußtet Ihr, daß sich neuerdings manch Bürger schriftlich versichern und beglaubigen läßt, nur mit einer speziellen Vorrichtung beerdigt zu werden, die einerseits Luft in den Sarg einläßt und andererseits dazu dient, mittels einer Glocke und einem Glockenzug Rettung herbeizuholen? Andere wollen das Herz durchstochen bekommen, verfügen das Öffnen der Pulsadern oder wollen erst begraben werden, wenn schon Verwesung eingetreten ist. Nun, diese Vorstellungen sind schrecklich, allesamt.

Es trat eine Pause ein. Adam nahm einen Schluck des starken Kaffees, er begann wieder zu schwitzen, ja der Schweiß lief ihm bald an den Schläfen herunter bis in den Kragen hinein. Scholler schien dies nicht zu sehen oder nicht sehen zu wollen und goß dem Prediger noch einmal nach. Wartete er darauf, daß Adam von sich aus eine Frage stellte? Schließlich räusperte sich der Ratsherr, beugte sich ein wenig vor und begann ohne jede weitere Einleitung, leise von der Stimmung in der Stadt zu sprechen, vor allem der religiösen, denn durch den Messebetrieb und den sonstigen Handel und Wandel kämen Menschen aus aller Herren Länder und verbreiteten ihren Glauben in Leipzig. Um so wichtiger sei es, den eigenen Glauben so fest als möglich zu vertreten und jede Störung zu vermeiden. Adam nickte. Nach wie vor schwitze er heftig, außerdem mußte er dringend Wasser lassen, doch jetzt sollte er wohl besser etwas sagen, schließlich bin ich der Prediger der Peters-Kirche, dachte er, ich muß dazu wie zu allen religiösen Obliegenheiten eine feste Ansicht haben. Doch Scholler fuhr bereits fort, es sei dem Rat zu Ohren gekommen, daß bald schon eine Schrift mit dem Titel Einfluß der göttlichen Wahrheiten in den Willen und das ganze Leben des Menschen erscheinen werde, die das Philosophische und das Theologische vermische und zudem, so weit man das jetzt schon wissen könne, die Rechtfertigungslehre infrage stelle, was den besagten religiösen Frieden durchaus gefährde und die Menschen anrege, über Dinge nachzudenken, die allein Angelegenheit der Theologen seien. Eine Stadt voller Synergisten, das hätte und grad noch gefehlt, rief er nach kurzem Schweigen noch aus, so daß Adam erschreckt zusammenzuckte, Menschen, die glauben, mit Gott feilschen zu können! Darum also geht es, dachte Adam, es geht um meine Schrift und darum, die Menschen weiter im Nebel stochern zu lassen! Es durchbebte ihn geradezu, doch auch dies schien Scholler nicht zu bemerken.

Scholler redete einfach weiter, mal drang es dumpf wie durch Vorhänge gesprochen zu Adam, mal schrill und kreischend, bald hörte er nur einzelne Worte, dann wieder ganze Sätze. Die Prediger der Stadt wurden jedenfalls, das bekam er mit, alle einzeln zu einem Gespräch eingeladen, so wie er heute, denn sie seien ja besonders zur Wachsamkeit verpflichtet und wurden natürlich aufgefordert, in ihren Predigten die Gläubigen vor solcherart Schriften zu warnen. Ohne dadurch Neugierde zu erwecken, versteht sich, fuhr Scholler nach kurzer Pause fort, wenn auch diese Schrift sicher ohnehin verboten wird – der Verleger spreche zwar davon, ein auswärtiger Philosoph habe diese verfaßt, die theologische Fakultät forsche jedoch vor allem in Leipzig selbst nach dem Autor, der sich Melodius nenne, man stelle sich das vor, was natürlich ein Pseudonym sei. Das nun wäre meine Bitte an Euch, in dieser Angelegenheit, wenn Ihr denn wieder ganz hergestellt seid, segensreich zu wirken. Ein Schreiben der theologischen Fakultät wird Euch noch zugesandt werden. Adam, schweißgebadet und weiß wie eine Wand, brachte nur heraus, er werde, sobald er gesundet sei, alles in seiner Macht Stehende tun, worauf sich Scholler mit Danksagungen verabschiedete, er müsse zu seiner Familie, und ihn einfach im Kabinett sitzen ließ.

Das nächste, an das sich Adam später, zitternd im Bett liegend, erinnert, ist das mühsame Aussteigen aus der Sänfte vor dem dratschen Haus und das besorgte Gesicht des Knopfmachers. Wie er aber dann die Treppen hinaufgekommen war, daran konnte er sich wieder nicht erinnern. Rivinus wurde gerufen, auch diesmal riet er von einem Aderlaß ab. Warum er in seinem Zustand aber durch die Weltgeschichte gewandelt sei, das müsse er ihm dann noch erklären, denn der Genesungsprozeß sei nun unterbrochen worden. Nun ja, verabschiedete er sich, warten wir auf die ersten warmen Tage und die Sonne, dann wirds wohl wieder werden. Der Drachen brachte am Abend einen Krug Bier herauf, damit der Prediger besser einschlafe, doch natürlich funktionierte das nicht, denn in seinem Kopf gingen die Gedanken drunter und drüber. Warum war er, da wollte ihm nicht einleuchten, zum Rathaus bestellt worden, anstatt ihm das Ganze schriftlich mitzuteilen? Das fragte er sich. Außerdem war ja inzwischen der von Scholler angekündigte Brief der Fakultät eingetroffen, in dem nichts anderes stand als das, was er nun schon gehört hatte. Wollte man ihn übertölpeln, weil man schon um seine Autorschaft wußte? Hatte man ihn im Rathaus zum Narren gehalten? Er mußte auch dringend mit Heinsius sprechen, allerdings heimlich und auf keinen Fall hier, denn würde ein Besuch des Verlegers nicht diejenigen auf die Spur bringen, die diesen gewissen Melodius suchten? Und dort hinzugehen kam natürlich auch nicht infrage. Was also tun?

Irgendwann war er in den Schlaf gesunken, doch er wachte bereits in aller Frühe wieder auf, kaum daß es dämmerte. Die ersten Gedanken drehen sich gleich um das Tractat. Es muß natürlich unbedingt verhindert werden, überlegt er, daß von dem Pseudonym auf mich geschlossen werden kann, denn wenn die theologische Fakultät Anstoß nimmt, ist es um mich geschehen. Worin ein tatsächlicher Angriff auf die Rechtfertigungslehre bestehen sollte, wußte er zwar nicht zu sagen, es gab ihn einfach nicht, doch natürlich würde allein das Gerücht genügen. Gute zwei Stunden später schaute der Medicus vorbei. Konnte er ihm trauen? Oder sollte er doch Heinrich bitten, dem Verleger ein Billet zu überbringen? Allerdings war Heinrich eben auch derjenige, der ihn am ehesten verraten könnte, der Gedanke war ja nicht neu. Wenn er nur in der Lage wäre, aufzustehen und das Haus zu verlassen! Er bat Rivinus, ihn zur Ader zu lassen, aber der lehnte das erneut ab. Allerdings bekam er trotzdem seinen Aderlaß, denn der junge Student, der Rivinus manchesmal begleitete, tauchte gegen Abend bei ihm auf und legte selbst Hand an. Er benötige Geld, er habe ein Mädchen kennengelernt, der Herr Prediger verstünde schon, und so gab ihm Adam einen großzügigen Obolus. Die Schwäche seines Leibes wich jedoch auch jetzt nicht, selbst nicht, als er fast eine ganze Mahlzeit hinuntergewürgt hatte. An ein Aufstehen war also nicht zu denken, einige Male setzte er sich auf die Bettkante, doch es hatte keinen Sinn, ihm wurde sofort schwindelig. Das ist mein Ende, dachte er immer wieder, das Gesicht in den Händen begrabend, das ist mein Ende. Nachdem er schließlich murmelnd ein langes Gebet verrichtet hatte, verfällt er in eine Art Dämmerschlaf, in dem ein Traumbild sich verdichtet und immer eindringlicher wird. Er selbst, Adam, steht in einer Kirche inmitten von Menschen, einfaches Volk, alte Frauen und Männer, auch Kinder, und er hört, wie ein Mann immer und immer wieder laut und hallend Christian Melodius ruft, Christian Melodius, nur diesen Namen, sonst nichts. Alle bleiben stumm und blickten gesenkten Kopfes zu Boden, wie geduckt stehen sie da, auch er selbst, niemand rührt sich, während der unsichtbare Mann weiterhin ruft und immer wieder ruft, ganz monoton, ohne jede Ungeduld. Schließlich will Adam sehen, wer der Mann ist, er hält es nicht mehr aus, er muß wissen, wer da ruft, auch wenn er weiß, daß niemand aufsehen darf, und so stellt er sich, nachdem er all seinen Mut zusammengenommen hat, auf die Zehenspitzen und reckt den Kopf, er blickt in die Richtung, aus der die Stimme kommt, und da steht jemand auf der Kanzel, mit schweifendem Blick, und dieser Jemand ist niemand anderes als er selbst! Die Blicke treffen sich. Ich bin entdeckt, denkt Adam verzweifelt und will sich wieder in der Menge verstecken, verschwinden in ihr, niemand mehr sein, doch da bemerkt er, daß sie ihn anblicken, die Männer, Frauen, Kinder, mit schräggelegten Köpfen sehen sie ihn an, die Münder leicht geöffnet, den Kopf langsam von einer Seite zur anderen wiegend, und dann macht ein Kind, ein Junge mit bloßen Füßen und Lumpen am Leib, einen kleinen Schritt auf ihn zu und berührt ihn vorsichtig mit dem Zeigefinger, ganz leicht nur. Ein Schmerz durchzieht ihn, unerträglich, zerreißen tut es ihn geradezu, er schreit auf, er kann nicht anders. Da hebt ein Rufen um ihn herum an, er versteht zuerst nicht, was sie rufen, doch dann, ja, jetzt, jetzt versteht er, Christian Melodius rufen sie im Chor, immer lauter und lauter, Christian Melodius, Christian Melodius, Christian Melodius. Mit einem Schrei wacht er auf. Es ist heller Tag. Heinrich sitzt am Bett und sieht ihn besorgt an. Von der Gasse her ist das Poltern der Marktwagen zu hören.

Auch Heinsius ist krank, er huste sich noch die Seele aus dem Leib, so sagt er es selbst, als er Heinrich empfängt. Den ganzen Winter kerngesund, und nun das, doch ins Bett legen könne er sich nicht, die Geschäfte müßten schließlich weitergehen. Heinrich berichtete, Adam Bernd läge noch immer krank zu Bett und habe Fieberphantasien, in dessen Verlauf er immer wieder laut Christian Melodius rufe. Heinsius erkundigte sich näher nach den Umständen, fragte, ob der Medicus den Prediger noch einmal untersucht habe und so weiter. Die melodianische Schrift habe sich indes schon am ersten Tag recht gut verkauft, Anfragen wegen des Verfassers habe er nur vage beantwortet, wie immer, wenn es sich um anonyme Schriften handelt, dies solle Heinrich doch Adam Bernd mitteilen, vielleicht helfe ihm das wieder auf die Beine. Heinrich nickte. Das werde ich ausrichten, sagte er, doch sagt einmal, wie steht es mit meiner eigenen Schrift? Eben diese Art von Überfall hatte der Verleger befürchtet. Sicher, im Moment laufen die Geschäfte gut, dachte er, das Tractat des Melodius ist nicht das einzige Buch, das sich annehmbar verkaufen wird, doch habe ich nicht genug Ladenhüter? Und auch das noch, hat der Kerl sein Manuskript doch tatsächlich dabei! Was sagt er, es ist gänzlich überarbeitet und für die Zensur unverdächtig? Die Geschichte eines Waisenknaben aus Westphalen! Ich sollte nein sagen, überlegte Heinsius, doch hatte er nicht bereits ja gesagt, als er es dem armen Kerl in Aussicht stellte? Er ließ Kaffee für Heinrich bringen und für sich selbst einen Kräutertee mit Honig. Da lag es also, das Manuskript. Natürlich kein Vergleich mit den Schriften Adam Bernds oder anderer gebildeter Menschen, und die, die sich für Täubenfüßers Lebensgeschichte interessieren mochten, würden wohl kaum ein Buch kaufen, wenn sie denn überhaupt lesen konnten. Der Schreiber eines angesehenen Predigers schreibt wie dieser seine eigene Lebensbeschreibung! Die Leute werden sich totlachen, halten sie die eine Schrift gegen die andere. Oder doch nicht? Vielleicht sollte er die Geschichte Heinrichs der Adam Bernds, die doch wohl im nächsten oder übernächsten Jahr erscheinen könnte, beibinden! Ja! Wäre das die Lösung? Das war eine gute alte Praxis, kostete nicht viel und gab dem Käufer das Gefühl, mehr für seine Taler zu bekommen. Die ersten Exemplare der berndschen Schrift müßten selbstverständlich ohne die Beibindung verkauft werden, doch bei dem zu erhoffenen Nachdruck käme dann Heinrichs Schrift dazu. Warum nicht! Wenn der Prediger einverstanden sein würde, könnte er das so in die Wege leiten. Genau genommen benötigte er auch die Zustimmung Heinrichs, doch am Ende wäre dieser vielleicht sogar hocherfreut, wer weiß das schon. Schnell überschlug er die Geschäftslage und die vorhandenen Kapazitäten, unter Umständen würde es sogar Sinn machen, die Schrift Heinrich bereits jetzt zu drucken und dann abzuwarten, bis des Predigers Schrift fertig wäre. Wer von den Druckern war ihm am ehesten etwas schuldig, überlegte er weiter, sich gar nicht mehr um Heinrich kümmernd, der dem Kaffee zusprach und in einem Buch über America blätterte. Gut, sagte Heinsius endlich, laßt mir Eure Schrift hier, ich werde sie in Druck geben. Habt aber noch Geduld bis ins nächste oder auch bis in das darauffolgende Jahr, dann soll sie erscheinen. Die Hand drauf!

Was Heinsius nicht ahnte war, daß das Tractat Adam Bernds, die melodianische Schrift, auch von Strohmännern Urians gekauft wurde. Die meisten Bücher aber gingen über einen Zwischenhändler in andere deutsche Gegenden, auch nach Hamburg und Berlin, einige sogar nach Köln, und wenn es weiter so lief, dachte er, würde er nachdrucken lassen müssen, nicht zuletzt auch wegen der Nachfrage im nahe gelegenen Halle. Daß es tatsächlich Gerüchte in der Stadt gab, der Verfasser sei mit einiger Sicherheit ein hiesiger Prediger, hatte er allerdings erst durch Heinrich erfahren, denn wegen seines hartnäckigen Hustens hatte er auf seine Spaziergänge und damit auf manchen Umtrunk verzichtet. So war er dann, es war bereits Mitte Juli, zwar nicht vollkommen überrascht, dafür aber umso besorgter, als er durch den Rosinenjungen einen versiegelten Brief Adam Bernds erhielt, der, so schrieb er einleitend, lange und vielleicht zu lange gezögert habe, dies niederzuschreiben, doch da er selbst immer noch bettlägerig sei, bliebe ihm nichts anderes übrig, ihm auf diesem Wege mitzuteilen, daß die Gerüchte sich verdichteten, er selbst sei dieser Christian Melodius und damit der Verfasser des Tractats, Heinrich habe ihm dies berichtet. Vernichtet dieses Schreiben, so endete der Brief, und macht Euch auf das Schlimmste gefaßt.

Ein paar Tage später stand der Rosinenjunge wieder auf der Matte, Heinsius ahnte Böses, und tatsächlich teilte der Prediger ihm mit, die theologische Fakultät leite womöglich ein Verfahren gegen ihn ein, das zur Suspendierung führen könne, denn ihm sei mitgeteilt worden, er solle verbindlich erklären, diese Schrift nicht verfaßt zu haben. Wahrscheinlich bekämen alle Prediger solch ein Schreiben, führte er weiter aus, doch er allein müsse lügen, wenn er es beantwortete, der Brief brenne wie ein Menetekel in seinen Augen. Er schlafe kaum noch und könne nichts zu sich nehmen, ja er fürchte buchstäblich um sein Leben. Auch diesen Brief vernichtete Heinsius. Anderntags schon wurden die restlichen Exemplare des Tractats Einfluß der göttlichen Wahrheiten in den Willen und in das ganze Leben des Menschen konfisziert. Heinsius bekam eine Quittung ausgehändigt. Sonst geschah nichts, kein Schreiben ging ein, keine noch so versteckte Andeutung oder gar Drohung erreichte ihn, keinerlei Aufträge wurden storniert, es war, als sei nichts weiter geschehen. Natürlich ahnte er, daß sich alle Ermittlungen allein auf den armen Adam Bernd richten würden, und damit lag er ganz richtig.


<= Kapitel 24

*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

Hinweis: Das Copyright © und alle denkbaren Rechte an „Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache“ liegen weltweit und darüber hinaus bei Norbert W. Schlinkert. Das Kopieren des Textes oder einzelner Teile ist ausschließlich für den privaten Gebrauch gestattet, sonstige Be- und Verarbeitung und eine Verbreitung in welcher Form und mittels welcher Medien und Techniken auch immer ist unter keinen Umständen gestattet.

Dieser Beitrag wurde unter NACHRICHTEN aus den PRENZLAUER BERGEN! veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentare sind geschlossen.