Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)* Kapitel sechsundzwanzig: Zuspitzungen

Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel sechsundzwanzig:

Zuspitzungen

Noch war der eigentliche Autor des Tractats nicht entdeckt, nicht alles verloren also. Von der Konfiszierung der Schrift und der nun offen geführten Diskussion des Inhalts, dieses Tractat richte sich gegen die Rechtfertigungslehre und damit den Kern des wahren Luthertums, bekam Adam Bernd allerdings nichts mit. Er dämmerte seit Tagen nur noch vor sich hin, meist stark fiebernd. Der Medicus war ratlos und fürchtete um den Verstand des Mannes. Heinsius wagte es nicht, zu ihm zu gehen und ihn über die Lage zu unterrichten. Zum einen wollte er niemanden zu dem gesuchten Melodius führen, er konnte ja nicht ausschließen, daß jemand hinter ihm herschlich, zum anderen fürchtete er um die ohnehin angeschlagene Gesundheit des Predigers. Er hoffte allerdings, die Affäre wäre mit dem Abtransport der Bücher, der tagsüber unter aller Augen stattgefunden hatte, nun beendet, und nach Prüfung seiner Ausgaben und Einnahmen konnte er sogar feststellen, einen kleinen Gewinn gemacht zu haben, den Zwischenhändlern sei Dank. Eine segensreiche Idee war das gewesen, darauf hätte er selbst kommen können, denn wie sonst sollten seine Bücher in weit entfernte Städte gelangen, ohne daß er allein das ganze Risiko trug. Jetzt mußte er erst mal abwarten. Auch die neue Mode, Kochbücher zu schreiben, schien ihm bestens geeignet, gutes Geld zu verdienen, und wenn dann Adam Bernd hoffentlich bald seine Eigene Lebensbeschreibung fertiggestellt haben würde, stünde womöglich die nächste Mode ins Haus, was ja auch an den Bemühungen des Täubenfüßers schon abzusehen ist, dachte er. Johann Samuel Heinsius war jedenfalls bereit, alles zu drucken, was Erfolg versprach, selbst Kartenspiele, die Aufmarschordnungen für Hinrichtungen und sogar Adreßbücher, auch so eine neue Idee.

Der arme Adam verlor indes mehr und mehr jeden Lebensmut. Allein die Vorstellung, ins Treppenhaus zu treten und Stufe um Stufe hinunterzugehen, trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. Zum Glück war wenigstens der stille Ort auf der selben Etage. Das besagte Schreiben der Fakultät mit der Aufforderung, sich bezüglich der melodianischen Schrift zu erklären, las er immer wieder durch, konnte sich aber nicht zu einer Antwort durchringen. Ob ich nun lüge und damit eine Sünde begehe, oder aber die Wahrheit mitteile, wird am Ende ganz gleichgültig sein, sagte er sich jedes Mal, denn natürlich war zu bedenken, daß alle Prediger der Stadt dieses Schreiben erhalten hatten, und wenn er als einziger nicht antwortete, so hatten die Käscher ihn im Fangnetz, keine Frage. Doch auch Heinrich Daubenfuß, der Täubenfüßer, litt unter der Situation, denn einerseits mußte es ihm Freude bereiten, Adam Bernd leiden zu sehen, oder wenigstens sollte dies so sein, andererseits aber tat ihm der Prediger auch leid, wie er so in seinem Bett zusehends abmagerte und immer verzweifelter wurde. Sollte all dies die Strafe Gottes sein dafür, daß er Cara in andere Umstände gebracht hatte, daß er die Schuld trug an ihrem Tod? Es würde ihn nicht gewundert haben, eines Morgens das Bett leer zu finden und dann zu erfahren, Adam Bernd sei in die Elster gegangen und ertrunken. Würde ich es zu verhindern suchen, überlegte Heinrich oft, wenn er sich aus dem Fenster stürzen wollte? Er dachte an seine Vision, die er in Schwerte gehabt hatte, als er aus dem Fenster des dritten Predigers auf den Markt hinuntersah. Mit Heinsius sprach er natürlich nicht von einem möglichen Selbstmord Adam Bernds, seine Gedanken gingen niemanden etwas an, wohl aber wiederholt davon, daß der Prediger keine Erklärung abgeben könne, ohne einen Meineid zu leisten oder sofort sein Amt zu verlieren. Ich, sagte Heinrich, verstehe ja nicht die Hälfte der Schrift, auch wenn ich das meiste davon aufgeschrieben habe, doch mir schien vieles eher gut und richtig zu sein und nicht gegen den Glauben gerichtet. Heinsius sah das ebenso.

Die melodianische Affäre ebbte indes keineswegs ab, ja sie wurde immer mehr zum Stadtgespräch. Jeder wollte nun diese Schrift lesen, so daß nicht wenige Exemplare des Buches durch die selben Stadttore hereingeschmuggelt wurden, durch die sie einst hinaustransportiert worden waren. So wuchs Tag für Tag der Druck für die Obrigkeit, denjenigen zu entlarven, der diese Schrift verfaßt hatte. Nach wie vor aber wußten nur drei Männer um die Autorschaft Adam Bernds, nämlich Meister Urian, Heinrich der Täubenfüßer und Heinsius. Alle anderen, mochten sie eine noch so hohe Position im Rat oder der theologischen Fakultät einnehmen, tappten im Dunkeln und ahnten allenfalls, wer es sein könnte, auch nachdem schon einige Antwortschreiben eingegangen waren, in denen jeder einzelne Prediger seine Unschuld beteuerte, teils in knappen Worten, teils wortreich und empört. Doch konnte man denn überhaupt einem Menschen trauen, der sich in die Ecke gedrängt fühlt, sei er nun schuldig oder nicht? So würde alles noch eine ganze Weile in der Schwebe bleiben, das war offensichtlich. Urian selbst war viel zu schlau, seinen Trumpf zu früh auszuspielen, während Heinrich zwar an seinen Rachegedanken festhielt, vielleicht einfach nur, weil er sich an sie gewöhnt hatte, doch weder seine Stellung noch seine Wohnung verlieren wollte, und daß der gute Heinsius seinen Autor nicht verriet, war Ehrensache und diente nicht zuletzt seinem Geschäft. Wer wußte schon, wie viele Autoren noch an ihn herantreten würden mit der Bitte, ihre Schriften, welcher Art auch immer, anonym zu veröffentlichen? Das hing ja ganz von den Entwicklungen ab, die nicht zuletzt von der melodianischen Affäre miteingeleitet wurden. Eben dies alles, vor allem seine grundsätzliche Treue zum jeweiligen Autor, hatte er im Sinn, als er Heinrich nun von seinem Plan in Kenntnis setzte, seine Lebensgeschichte eines westphälischen Waisenknaben derjenigen Adam Bernds beizubinden. Heinrich war begeistert. Die Frage, ob er den Prediger am Selbstmord hindern würde, war damit natürlich beantwortet, auch wenn er daran jetzt gar nicht dachte. Er würde ihn also weiter und nun auch in eigener Sache ermuntern, in dieser Situation sich intensiv seiner Lebensbeschreibung zu widmen, ohne dabei natürlich, das verstand sich von selbst, die Arbeit an dem großen Tractat überhaupt nur zu erwähnen, denn dann verliefe vielleicht die ganze Affäre doch noch im Sande. Den Plan des Verlegers, seine eigene Schrift der des Predigers beizubinden, sollte er aber wohl vorerst nicht erwähnen, denn Adam würde ihm für alles schließlich so dankbar sein müssen, daß das gar nicht mehr in Frage stehen würde. Daran, daß er selbst es gewesen war, der nicht nur den leicht als Pseudonym zu erkennenden Namen Christian Melodius vorgeschlagen hatte, sondern auch den Prediger an Urian verriet, dachte Heinrich ab jetzt überhaupt nicht mehr, das war vollkommen aus seinem Gedächtnis gelöscht, so sehr war es beseelt von der Möglichkeit, eine eigene Schrift zu veröffentlichen, er, der kleine, dumme Heinrich aus Schwerte an der Ruhr.

Der Sommer des Jahres 1714 wurde zwar nicht nur durch die melodianische Affäre bestimmt, doch da das Tractat Einfluß der göttlichen Wahrheiten in den Willen und in das ganze Leben des Menschen nun auch von Halle aus nach Leipzig geschmuggelt wurde, verursachte es die allergrößte Aufmerksamkeit und fand so womöglich größere Verbreitung, als wenn es nicht konfisziert worden wäre. Jeder, der auch nur mit klopfendem Herzen ein paar Zeilen gelesen hatte, glaubte mitreden zu können, selbst wenn er die Begriffe durcheinanderwarf. Die meisten der heimlichen Leser überblättern aber ungeduldig die Vorrede und stießen sogleich auf die Frage, was denn die Wahrheiten seien. Behauptete doch dieser Christian Melodius tatsächlich, es gäbe zweierlei Wahrheiten, nämlich die an und für sich bestehenden und die, die in die menschliche Seele gelangten und von dieser besessen würden! Nun ja, dachten die meisten, wenn das nicht Philosophie ist, was dann! Immerhin ließe sich das diskutieren und durfte auch niedergeschrieben werden, nur eben nicht von einem Theologen, wenn denn der Autor wirklich ein solcher sein sollte. So dachten in Übereinstimmung mit der Obrigkeit nicht die wenigsten der heimlichen Leser, denn Theologen, so sagte man sich, sollten in einer sich stark verändernden Welt nur die eine, ungeteilte Wahrheit vertreten, nämlich die des Glaubens. Einige argumentierten aber auch, so lange man nicht wirklich wisse, ob der Autor ein Philosophicus oder eben doch Theologe sei, sollte man über die Sache selbst reden, wenn auch natürlich der Verdacht der unangemessenen Vermischung theologischer und philosophischer Fragen nicht ad acta gelegt werden dürfe.

Man hoffte allgemein aber durchaus, wie das wohl in jeder Stadt so wäre, auf einen großen Skandal und sann angestrengt darüber nach, wer unter den führenden Predigern so etwas hätte schreiben können. Neugierig blickte man jedem bekannten Priester hinterher, der einem zu Gesicht kam, ja man besuchte sogar möglichst viele Predigten, denn wer weiß, dachte man, ob sich da nicht jemand verrate. Zu der Angelegenheit selbst predigte übrigens vorerst niemand, was viele enttäuscht nach Hause gehen ließ. Oder sollte sich etwa, die Frage tauchte auf, einer der vielen unbekannten zweiten oder gar dritten Prediger diese Gedanken gemacht haben? Vorstellbar war vieles, nicht zuletzt, daß ein Anhänger des Cartesius mit einem Prediger gemeinsame Sache machte, oder daß die hallischen Pietisten ihre Hand im Spiel hatten. Von dort, von Halle nämlich, kam sehr schnell auch eine weitere, vier Bögen starke Schrift von einem gewissen Christian Maledicus, der die melodianische kurz zusammenzufassen sich bemühte, für alle geschrieben, so hieß es in der Vorbemerkung, die die ganze Schrift nicht besäßen oder nicht Zeit genug hätten, sie zu lesen. Dieser Maledicus, wer immer dahinterstecken mochte, Meister Urian trieb seine Spitzel an, das herauszubekommen, schien das Tractat immerhin nicht nur gelesen, sondern auch verstanden zu haben. Er schrieb, in einfachem Deutsch fast ohne lateinische Worte, es gehe Melodius um die Durchsetzung des gottgefälligen Lebens, denn da die größten Irrtümer der Menschen mit Gottlosigkeit ebenso verbunden wären wie die wichtigsten Grundwahrheiten mit der Gottgefälligkeit, so müßten Irrtümer erkannt werden, indem die wichtigsten Fragen nicht nur aufgezeigt, sondern auch von jedem Menschen selbst beantwortet würden. So müsse man vor allem mit dem eigenen Kopf nachdenken, ohne alle Hitze, bei klarem Verstand. Hierzu sei, so Maledicus, laut Melodius eine Freiheit der Seelen vonnöten als eine besondere und dritte Kraft, doch eben diese Freiheit sei nicht im Willen, der den Verstand beherrsche, zu suchen, sondern vielmehr im Verstand selbst, der auf den Willen einwirke, denn könne sonst überhaupt mit Argumenten gearbeitet werden, die doch ohne Zweifel vom Verstand aufgenommen würden? Melodius mache also den Verstand ganz eigentlich zu einem gewaltsamen Zuchtmeister und Zwinger des Willens. Nun, bis hierher mochten die Leipziger Leser dieses erläuternden Tractats wohl eher enttäuscht sein, auch wenn diese Schrift selbstverständlich bald schon ebenso verboten war wie die melodianische, aus der sie schöpfte. Blätterte er jedoch weiter, so überraschte ihn die nun erläuterte Vorrede, in der Melodius die Leser bitte, ihn keinesfalls in eine Klasse mit den Hallischen Theologis, den Pietisten zu setzen, auch wenn, und da wurde es anspielungsreich, manch Könige und Fürsten weit lieber friedliebende als unruhige und zanklüstige Theologen sähen. Wenn das nicht gegen die theologische Fakultät in Leipzig gerichtet war! Kein Wunder also, wenn diese das Tractat aus dem Verkehr gezogen hatte, vor allem, da dieser Melodius in seiner Vorrede noch weiter ging und eine Einheit von römischer Kirche und moderaten Lutheranern befürwortete, gerichtet gegen diejenigen Orthodoxen, die rasend seien und selbst Religionskriege zu führen und Köpfe abzuschlagen bereit wären! Da stockte manchem Leser der Atem, wohl erkennend, daß der eigentliche Inhalt der Schrift womöglich kein Verbot bewirkt haben dürfte und der Grund für dieses, die Infragestellung der Rechtfertigungslehre, nur vorgeschoben war. Von hier an lasen nur diejenigen weiter, die an den philosophischen Fragestellungen ein tatsächliches Interesse hatten, doch wollten nicht wenige von denen dann doch lieber das melodianische Tractat lesen als die Zusammenfassung. Dies steigerte wieder die Nachfrage und führte vor allem an Markttagen zu Verzögerungen des üblichen Ablaufs, da an allen Toren die Fuhrwerke nach diesen Büchern durchsucht werden mußten. Die Exemplare, die man fand, waren meist Nachdrucke des Tractats auf schlechtem Papier, die dann an Ort und Stelle öffentlich zerrissen und in den Dreck getreten wurden. Unnötig zu betonen, daß immer noch genügend Exemplare in die Stadt kamen und sich bald so viele im Umlauf befanden, daß ein jeder, der wollte, die Schrift in aller Ruhe und Heimlichkeit lesen konnte.

Alles in allem wäre das, wenn er denn nichts zu verlieren gehabt hätte, ein schöner Erfolg für Adam Bernd gewesen, denn was will ein Autor mehr, als begierig gelesen zu werden. Doch da er nun mal in Leipzig ein wichtiges Amt innehatte, war dies alles nichts weiter als eine Existenzbedrohung, wie sie schlimmer kaum sein konnte. Aber was hätte er anderes tun sollen, das dachte er nach wie vor, denn er sah es nun mal als seine Pflicht an, seine Gedanken zu Aufklärung und Glauben den Menschen mitzuteilen. Ende August des Jahres 1714 war es dann so weit, es kam zum von Adam schon lange befürchteten direkten Angriff, denn Meister Urian ließ der theologischen Fakultät seinen abschließenden Bericht zur melodianischen Affäre zukommen, den er dem armen Heinrich diktierte. Urian unterbreitete den Vorschlag, gegen Adam Bernd, Oberkatechet und Prediger der Peters-Kirche, zu ermitteln des Verdachtes wegen, er sei der Verfasser der verbotenen und konfiszierten melodianischen Schrift. Gegen drei andere Theologen sollte zwar der Form halber auch ermittelt werden, diese jedoch waren, obwohl ebenso auf der Abschußliste der Fakultät, als im Grunde arme Tröpfe nicht wirklich verdächtig, so etwas überhaupt schreiben zu können. So war es allen Mitgliedern der Fakultät sofort klar, daß es ausschließlich gegen Adam Bernd ging. Ihm wurde somit eines Morgens in aller Frühe ein offizielles Schreiben überbracht. Er quittierte, zitternd in seinem Bett liegend, den Empfang. Im Schreiben selbst fand sich zwar die für ihn neue Information, daß die Schrift offiziell verboten sei, warum nur hatte ihm dies niemand gesagt, fragte er sich, dennoch aber kein direkter Vorwurf. Jedoch wurde ihm in aller Form nahegelegt, sich zu den Vorwürfen, er selbst habe die Schrift Einfluß der göttlichen Wahrheiten in den Willen und in das ganze Leben des Menschen zu verantworten, zu äußern und sie zu widerlegen. Bis dahin aber sei er, dazu sehe sich die theologische Fakultät in Übereinstimmung mit dem Rat der Stadt Leipzig gezwungen, von seinem Amt, welches er im Moment ohnehin nicht ausfüllen könne, vorläufig suspendiert.

Der Medicus kam nun mehrmals am Tag, trotz der anhaltenden Hitze, die auch ihm zusetzte, die Treppen heraufgestapft. Er tat, was er konnte, doch es schien so, als würde der nicht einmal vierzigjährige Prediger bald schon das Zeitliche segnen, so schwach war er. Anstelle des dratschen Drachens brachte nun eine Witwe aus der Nachbarschaft das Essen, von dem Adam immerhin aß, doch er wurde trotzdem immer weniger und weniger. Um so erstaunlicher war es, wie er trotz seiner Schwäche, mit einem fiebrigen Funkeln in den Augen, Heinrich nun weiter diktierte, um ihn herum all seine Tagebücher und unzählige Zettel, von denen er vieles ablas, was er bei guter Gesundheit sicher nicht diktiert, sondern selbst in das Manuskript eingefügt hätte, nämlich all die Träume und Ängste und Beklemmungen. Kaum waren die Diktate beendet, schrieb er sogar an den Texten weiter, die Cara und ihn betrafen und das grausame Geschehen damals. Er würde dies wohl sicher nicht diktieren und wohl kaum selbst einfügen, oder wenn, dann verklausuliert, doch aufgeschrieben werden mußte es, bis er zufrieden sein würde mit der Art der Darstellung. Auch die einzufügende Schrift über den Selbstmord wurde noch einmal angegangen und verbessert.

Der Medicus befürchtete, sein Patient werde sterben, sobald nur alles diktiert sei, so daß er Heinrich inständig bat, eben dies zu verhindern, etwa durch Nachfragen frühere Lebensabschnitte betreffend, wie auch immer, Hauptsache, die Angelegenheit verzögere sich solange, bis eine Gesundung abzusehen sei. Das fiel natürlich auf fruchtbaren Boden beim Täubenfüßer, denn insbesondere die Breslauer Zeit Adam Bernds interessierte ihn ja besonders, und oft genug lag ihm der Name seiner Schwester auf der Zunge, selbst wenn er seinen Haß nun endgültig schwinden sah angesichts des elenden Mannes dort im Bett, der mit letzter Kraft von sich und seinem Leben berichtete. Kein Vergleich mit jenem Menschen, der tatkräftig und überaus scharfsinnig sein Amt ausgefüllt und zudem noch diese Schrift diktiert hatte, die nun zwar als die melodianische berühmt war und die in die Geschichte eingehen wird, aber auch dem Autor, so schien es jedenfalls, den Garaus machen würde.

Doch es geschah zu der Zeit noch anderes mehr oder weniger Berichtenswertes in Leipzig. Meister Urian war zum Beispiel derart zufrieden mit sich, daß er am Mittag des Tages, an dem Adam Bernd seine vorläufige Suspendierung bekannt gegeben wurde, zur Tat schritt und bei der theologischen Fakultät vorsprach, um sich die zugesagte Belohnung auszahlen zu lassen. Dafür müßte er freilich schriftlich bekunden, so sagte der überraschte Schatzmeister mit Nachdruck, die Autorschaft Adam Bernds zweifelsfrei belegen zu können, denn dieser würde dies womöglich bestreiten. Als das entsprechende Dokument mitsamt einer Klausel zur unbedingten Schweigsamkeit beider Seiten aufgesetzt und schließlich von ihm und drei Zeugen unterzeichnet war, Beweise gab es ja genug, warum sollte Urian sich Gedanken machen, nahm er die vier Beutelchen mit Goldmünzen in Empfang, ließ sie in die Taschen seines leichten Übermantels gleiten und ging, schalkhaft den Hut lüftend und sich für weitere Aufträge empfehlend aus der Tür des Kabinetts, sprang die Treppe hinunter und trat beschwingt ins Freie. Das hatte sich gelohnt, ohne Zweifel! Was sollte er nun anfangen? Das kleine Vermögen, das seinen Mantel ein wenig unvorteilhaft nach unten ausbeulte, mußte zunächst einmal in Sicherheit gebracht werden. Wie andere schlaue Köpfe auch legte er sein Geld bei unterschiedlichen Handelshäusern an, die mit Holz ebenso handelten wie mit Fellen oder Haushaltswaren, denn die meisten dieser Häuser betreiben nebenbei noch eine Privatbank. Und da sich alle diese Häuser untereinander Geld liehen, ganz nach Marktlage mal der eine vom anderen oder der andere vom einen, so sank auch das Risiko des Einzahlers, sein Geld zu verlieren. Deswegen hatte er sich seine Belohnung ja in vier Beutelchen geben lassen. Gut kennen sollte man seine Kaufleute natürlich trotzdem, so gut zumindest, um deren kleine Schwächen im Hinterkopf zu haben. Zunächst aber ließ Urian sich mit einer Sänfte zu einem Gasthaus bringen, um dort ordentlich zu speisen. Schon auf dem Weg brach ein Gewitter los und durchnäßte die Träger, denen er gönnerhaft einen Groschen extra in die Hand drückte. Jetzt wollte er sich erstmal einen Braten schmecken lassen und was Ordentliches trinken! Danach würde er sein Gold einzahlen, am Abend dann vielleicht das Opernhaus am unteren Zimmerhof besuchen, oder vielleicht sollte er einfach im Rosenthal herumspazieren, oder nein, sich herumfahren lassen? Er würde sehen.

Das Sommergewitter wollte und wollte nicht weiterziehen. Gregor hatte nach Feierabend noch einiges besorgen wollen, doch nun stand er schon eine ganze Weile im Vorraum einer Gastwirtschaft, den Sieben Brettern, und wartete auf das Ende des Infernos. Es blitzte und donnerte nur so, Hagel prasselte nieder, überall klapperten die Läden, Hunde bellten wie wild. Schließlich gab er es auf, setzte sich in eine Ecke und bestellte Bier und eine Mahlzeit. Würde er eben weiter warten müssen. Vor knapp zwei Jahren stand die Wirtschaft wegen Betrugs und Hurerei kurz vor der Schließung, daran konnte er sich noch gut erinnern, so daß es ihn nicht überraschte, eine Hure am Nebentisch zu entdecken, die Wein in kleinen Schlucken trank und ein Kleid flickte. Er wich ihrem Blick aus. Wenn er nur daran dachte, daß auch Monique so die Männer angesehen hatte, als es im Goldenen Hahn noch ebenso lief wie hier, kam ihm die Galle hoch. Auf America hatte er sie nicht mehr angesprochen, sie würde ja doch nicht ja sagen, es sei denn, er führe vierspännig vor. Er ließ sich noch einen Krug Bier kommen.

Meister Urian trank zur selben Zeit am anderen Ende der Stadt Wein, den besten selbstverständlich, und statt einer Hure saß am Nebentisch eine der ersten Damen der Stadt mit ihrem Gemahl, einem der reichsten Kaufleute Leipzigs, den Urian allerdings persönlich nicht kannte. Er wußte nur, daß die Dame dem Herrn oft schon Hörner aufgesetzt hatte, doch das wußten alle, daraus konnte man kein Geschäft machen. Urian ließ sich noch einen Krug Wein bringen, es gewitterte immer noch heftig, und rief einen Boten heran, dem er einen Extrabonus in die Hand drückte. Holt aus dem Goldenen Hahn eine junge Frau heran, gab er in Auftrag, Monique geheißen, sie soll sich zurechtmachen, dann einen Wagen oder eine Sänfte nehmen und hierher eilen. Der Bote wagte nicht, den Auftrag abzulehnen, denn so freundlich und aufgeräumt der Kerl auch wirkte, so böse waren seine Augen. Also stürzte er sich in den prasselnden Regen hinaus, während Urian einen Nachtisch bestellte und Pläne schmiedete, denn sobald dieses vermaledeite Unwetter vorbei sein würde, wollte er feiern. Eine kleine, süße Mahlzeit mit vielen Desserts nach französischer Art im Rosenthal, an seiner Seite eine schöne Frau, danach stünde ihm schon der Sinn, gutgelaunt wie er war. Ein anderer Bote machte sich schon kurze Zeit später auf den Weg, eine Kutsche samt einem kräftigen, ehrlichen und waffenfähigen Kutscher für den Abend zu mieten. Auch dieser Bote bekam ein Extrageld, denn bei diesem Wetter mochte man keinen Hund vor die Tür jagen. Immerhin wurde so aber die übergroße Hitze gemildert.

Kaum jedoch hatte man Essen und reichlich Rotwein in die Körbe verpackt, komme er mir nicht mit zähen Hühnern und Schläuchen, ich zahle gut, hatte Urian dem Wirt zugerufen, kaum war Monique eingetroffen, als auch schon der Regen nachließ und bald ganz aufhörte. Die Sonne kam heraus und strahlte mit dem leicht betrunkenen Meister Urian um die Wette, der nun sogar noch einen Boten losschickte, eine hübsche Hure herbeizuschaffen, damit sich diese Monique, so dachte er, bloß nicht zu viel einbilde. Stattlich müsse sie sein, das bläute er dem Jungen ein, der aber eigentlich viel zu jung war, dies selbst beurteilen zu können. Urian schrieb also ein paar Zeilen für einen ihm bekannten Wirt, denn das sah er ein, daß der Kleine, der ihn ängstlich anstarrte, keine Schlampampe von der anderen unterscheiden konnte. Das Mädchen erschien kurz darauf und wurde von Urian für hübsch genug befunden, dann traf endlich auch die Kutsche ein. Man fuhr los in Richtung Rosenthal.

Die Gassen und Dächer dampften nur so, eine schwüle Hitze schien sich in der Stadt festsetzen zu wollen, und während sie langsam vor sich hinrumpelten, sprach keiner ein Wort. Am Eselsmarkt mußten sie eine Weile warten, da einige der sehr unruhigen Tiere weggeführt werden sollten, als Urian, aus einem Dämmerschlaf aufschreckend, Gregor entdeckte. Er war sich erst nicht ganz sicher, er blinzelte ein paar Mal, dann rief er ihm einige Worte zu, ob er nicht, denn so ein Zusammentreffen könne ja kein Zufall sein, mit hinausfahren wolle, zu Brot, Wein und Spielen. Ob nun Urian nicht damit gerechnet hatte oder es sogar eigentlich gar nicht wirklich wollte, jedenfalls war er ziemlich erstaunt, als der Tischler, nach einem kurzen Blick hin zu Monique und der anderen Frau, die er als jene aus den Sieben Brettern erkannte, die noch vor einer Stunde am Nachbartisch gesessen hatte, ohne viel Federlesens in die Kutsche stieg und sich schwer neben den Meister auf die Bank fallen ließ. Er sprang aber sogleich aufschreiend wieder hoch, denn er hatte sich auf eines der Säckchen in Urians Sommermantel gesetzt. Was habt ihr da in der Tasche, fragte er, Steine? Goldstücke, erwiderte Urian gutgelaunt, den Mantel wegziehend, nun setzt euch, die Gefahr ist vorüber. Gut, sagte Gregor, ich komme also mit. Gibt es denn etwas zu feiern? Dann nickte er Monique kurz zu und lächelte die Frau neben ihr breit an. Soll sich doch Monique bloß nichts einbilden, dachte er.

So ging es mit der nunmehr vollbesetzten Kutsche durch das Ranstädter Tor und über die Brücke. Auch hier, vor den Toren der Stadt, dampfte und brodelte es, die Sonne stach jetzt nur so von einem fast blauen Himmel. Kurz darauf passierte man das Rosenthaltor, worauf Urian eine Flasche Wein öffnete und Becher aus einem der Körbe kramte. Dem Kutscher gab er die Anweisung, im Rosenthal kreuz und quer, aber langsam herumzufahren. Den ersten Becher stürzte er nur so hinunter, dann richtete er an Gregor die Frage, ob er von der Sache mit seinem Prediger gehört habe, diesem Adam Bernd, dem nun vorgeworfen werde, er habe diese unselige Schrift gegen die Rechtfertigungslehre verfaßt. Doch er wartete eine Antwort des Tischlers gar nicht erst ab. Der Prediger, rief er laut, sei ab heute suspendiert, zwar nur vorläufig, doch am Ende werde er sein Amt verlieren, das sei sicher. Darauf einen Becher Wein! Das Schönste aber ist ohne Zweifel, fuhr er fort, daß dem armen Kerl dieser besagte Vorwurf kaum zu machen ist, wenn er auch als Prediger natürlich nicht in dieser Weise schreiben dürfe; die philosophischen Gedanken wären übrigens durchaus der Rede wert, er habe nun einen guten Teil der Schrift gelesen und sei überrascht.

Urian wußte selbst, daß er betrunken war und nun mit seinem Wissen kokettierte, doch niemand würde ihn zu unterbrechen wagen oder ihn daran hindern können, die wichtigsten Punkte des berndschen Werkes hier auszubreiten. Außerdem hatte die Sache den schönen Nebeneffekt, die beiden Frauen zu langweilen, die jüngere wahrscheinlich noch mehr als die ältere, so daß sie, ginge es dann los, umso dankbarer sein würden. Die Hauptthese unseres Freundes Adam Bernd, begann er also, sie waren eben in ein Waldstück hineingefahren, lautet nämlich, aber solle man nicht schon einmal mit dem Essen beginnen, er bitte darum, die Hauptthese also ist, der Mensch muß die Wahrheit selbst als seine eigene besitzen, da sie sonst keinen Einfluß hat auf sein Tun. Der Mensch nämlich, das sagt unser Prediger, ist grundsätzlich fähig, Wahrheiten zu erkennen, und diese machten dann Eindruck auf seine Seele. Das hat der Kerl von den Pietisten, und die haben es von den Griechen. Alles geklaut also. Aber Prost! Er stieß mit Gregor an, nickte den beiden Frauen zu und griff sich eine Hühnerkeule aus dem Korb. Dann fuhr er, kauend und nagend fort, wieder zum Tischler gewandt, es sei also wichtig, daß die Seele des Menschen mit seinen Wahrheiten übereinstimme, wenngleich der Mensch die Welt nunmal sinnlich auffasse und die Freiheit habe, sich zu täuschen.

Er goß sich und Gregor nach, ein nicht ganz einfaches Unterfangen, denn die Wege waren recht uneben, während die beiden Mädchen, die bisher kaum Notiz voneinander genommen hatten, sich nun unterhielten. Wo war ich stehengeblieben, fragte Urian, ach ja, tabula rasa, die Seele, die Wahrheiten und so weiter. Er holte tief Luft. Es ist also, sagte er, dem Menschen nie richtig klar, ob er nun die Wahrheit erkannt hat oder nicht, denn die Sinne können täuschen, so wie ein Spiegel die Dinge nur abbildet, ohne von ihnen zu wissen. Das Bild aber, daß sich der Mensch von den Dingen macht, ist kein reines Abbilden, es bleibt nicht in den Sinnen, sondern wird von der Seele geprüft, ob es sich um die Wahrheit handelt, ob also der Eindruck und die Objekte außerhalb deckungsgleich sind. Nun möget ihr fragen, mein lieber Gregor, wo denn der Verstand dabei bliebe, und hier schlägt unser Prediger vor, daß dieser nur eingreift, wenn Zweifel am ersten Urteil bestünden, etwa wenn die Dinge dann bei Tageslicht oder aus der Nähe betrachtet würden. Adam Bernd benutzt das hübsche Beispiel eines Turms, der von weither rund erscheint, dann aber, je näher man kommt, als viereckig erkannt wird. Gregor traute sich nicht, nachzufragen, denn wenn auch Urian betrunken war und selig lächelte, so waren doch seine Augen noch immer kalt und mit flatternden Pupillen auf sein Gegenüber gerichtet.

Wieder wurde Wein nachgeschenkt. Die Mädchen unterbrachen ihr Gespräch, Gregor glaubte herausgehört zu haben, wie sie über Wirtinnen und deren Gemeinheiten sprachen, dann fuhr Urian fort. Doch unser Herr Theologe ist noch schlauer, sagte er, der Kutscher bog links ab und fuhr nun die Elster entlang, an der hier und da ein Angler saß, denn nun bringt er den Willen vollends ins Spiel, der die Eindrücke, und sind sie auch noch so falsch, weiter verstärkt. Was der Mensch als wahr erkennen will, erscheint ihm somit auch als wahr, es sei denn, hier reckte Urian den Zeigefinger der rechten Hand empor und blickte Gregor tief in die Augen, das Gehirn überprüft die Eindrücke, auch solche aus der Vergangenheit, und verknüpft dies alles, ohne aber, hört, hört, nun schon die Wahrheit erkennen zu können. Urian lachte, vielleicht verwechsele er hier etwas, er habe die Schrift unseres Freundes leider nicht bei sich, doch soviel könne er sagen, daß Bernd schließlich und endlich die Seele frei entscheiden lasse, ob etwas wahr sei oder nicht, ja er setze die menschliche Freiheit als die Mitte zwischen dem Objekt der Wirklichkeit und den Bildern des Verstandes, es gäbe, man stelle sich vor, eine Freiheit der Seele als die edelste Kraft, worin wir Gott am ähnlichsten seien. Ha! Dort wollen wir rasten. Kutscher!

Meister Urian hatte ein Plätzchen zwischen der Elster und einem kleinen Wäldchen ausgemacht. Der Kutscher lenkte seine beiden Gäule langsam vom Weg auf die noch feuchte Wiese. Alles kletterte aus der Kutsche, Urian ging pinkeln, während Gregor und die Frauen die Wachsdecken ausbreiteten und die Speisen auspackten. Dem Kutscher, der inzwischen in das Waldstück hineingefahren war und es sich dort gemütlich machte, brachte man Wein und ein paar Leckereien. Urian saß derweil mit geschlossenen Augen inmitten der weiteren Vorbereitungen und schwankte ein wenig vor und zurück. Und dann, rief er plötzlich, so daß alle erschraken, nennt Adam Bernd den Glauben eine dunkle Erkenntnis! Mit der Vernunft nicht zu erfassen! Die Freiheit aber besteht aus der Kraft, sich den Dingen zuzuwenden und in ihrem Zusammenhang zu betrachten! Zu einem Urteil zu kommen! Es wieder ändern zu können! Und hört, das habe ich mir wörtlich gemerkt: Die menschliche Freiheit besteht darin, daß der Mensch die völlige Erleuchtung und Erkenntnis des Guten haben kann, und doch nach seiner Freiheit das Gute verwerfen und das Böse erwählen und wider dieser Erkenntnis sündigen kann. Ha! So, und nun her mit dem Wein, den Törtchen und unseren Hübschen hier!

Die kleine Hure aus den Sieben Brettern verstand kein Wort von alledem, sie hatte weder von Adam Bernd noch von irgendwelchen Schriften je etwas gehört. Ihre größte Sorge war, immer in schönen Kleidern gehen zu können. So hoffte sie einfach nur, daß der betrunkene und offensichtlich reiche Herr sich als großzügig erweisen würde. Er kam ihr bekannt vor, gesehen hatte sie ihn sicher schon einmal, doch das war auch schon alles. Gregor wußte indes recht genau, von was er sprach, doch es war ihm nicht wichtig. Alle jedoch empfanden angesichts der zur Schau gestellten Lebensfreude Urians so etwas wie Mitleid mit dem Prediger, sozusagen in Verbindung mit dem Abscheu, den Urian ihnen gleichsam einflößte. Immerhin hatte er offensichtlich sein wirres Referat der berndschen Schrift beendet und sprach nun schweigend dem Wein zu.

Monique und Gregor hatten noch kein Wort miteinander gewechselt. Wie so oft zuvor dachte Monique auch jetzt daran, mit welchem Nachdruck er seine Idee vertreten hatte, der Freiheit wegen nach America auszuwandern, obgleich ihm hier in Leipzig die Wege ja keineswegs versperrt waren. Und nun ließ er sich auch noch mit Urian sehen! Sie selbst konnte sich nicht dagegen wehren, wenn er sie sehen wollte, doch Gregor würde doch wohl selbst entscheiden, was er tat. Sie sah ihn an, doch er wich ihrem Blick aus, wie schon während der Kutschfahrt, als er stattdessen die kleine Hure neben ihr betrachtet hatte. Das war ihr gleichgültig, natürlich, was dachte sich der Kerl denn, etwa daß ich eifersüchtig werde! Zum Glück, dachte sie, ist mir mein Zustand längst noch nicht anzusehen. Sie setzte sich neben Urian, der eben an einem Törtchen mampfte, auf die Decke, schloß die Augen und machte innerlich die Kehrtwende hin zu einer ausgelassenen und fröhlichen Stimmung. Gelernt ist eben gelernt, nur so hatte sie allein in Leipzig überleben können, und würde Urian irgendetwas auch nur ansatzweise Lustiges sagen, würde sie strahlen wie ein Honigkuchenpferd, ganz gleich, was Gregor dann denken mochte. Sollte er doch zum Teufel gehen!

Auch die kleine Hure war wie ausgewechselt, bald schon ließ sie sich lachend und prustend von Urian füttern und Wein einflößen, der ihr aus beiden Mundwinkeln wieder herauslief und vom Kinn in den Ausschnitt tropfte. Natürlich dachte sie einen Moment daran, daß das Rotweinflecken gäbe und ihr Kleid verdorben sei, doch wahrscheinlich würde sich alles am Ende wohl lohnen. Notfalls würde sie den Kutscher, den sie ein wenig kannte, um Hilfe bitten, da konnte ein noch so vornehmer Herr machen was er wollte, zahlen mußte er doch. Der einzige, der nicht am Schmaus teilnahm, war Gregor. Er nippte am Wein und nagte an einem Stück Käse. Er hatte sogar überlegt, sich dem Kutscher zuzugesellen, denn das übliche Herumgemache mit den Mädchen hatte ihm noch nie gefallen, mit all den abgeschmackten Scherzen und Neckereien, ganz so, wie es auch die Altgesellen machten, wenn sich die Gelegenheit dazu ergab. Wasser predigen und Wein saufen! – das fiel ihm dazu ein.

Er stand auf und ging langsam davon Richtung Elster. Die kleine Prellung am linken Oberschenkel, gleich unter dem Hintern, schmerzte ein wenig. Ob das wirklich ein Säckchen mit Gold war in der Tasche? Es wäre diesem Kerl zuzutrauen, ohne Zweifel. Das Kichern der Mädchen war bis hierher zu hören, und vielleicht sollte er einfach zurück in die Stadt gehen, denn was hielt ihn hier, dachte er. Er setzte sich ans Ufer in den Schatten einer Trauerweide, die ihre langen, weichen Äste im Wasser kühlte. Trotz der Sommerhitze war der Fluß ein wenig angeschwollen, wahrscheinlich gewitterte es jetzt überall im Land. Er blickte sich um. Am besten wäre es wohl, zur nächsten Brücke und dann in die Stadt zurück zu gehen. Er könnte auch durch den Fluß waten, so tief ist es an dieser Stelle nicht, dachte er. Oder sollte er mit diesem Urian über America reden? Vielleicht ließe sich Monique so überzeugen, wer weiß. Ein paar von diesen Aufträgen, von denen Urian gesprochen hatte, dann die Überfahrt wagen und sein Glück dort suchen, wo Gott sie hinführen würde – das konnte doch nicht falsch sein! Hier würde er warten müssen, bis ihm der Meister Schwan seine Tochter gab, wenn er sie ihm denn geben würde. Und wollte er diese Göre überhaupt! Als Tischler oder als Zimmermann würde er drüben in der neuen Welt jedenfalls ein gutes Auskommen finden, ohne abhängig zu sein. Was haltet ihr davon, könnte er Urian fragen, wenn ich mit dieser schönen Frau hier, Monique geheißen, nach America auswanderte. Sicher würde er den Plan gutheißen, betrunken wie er ist, und warum auch nicht, es ist doch ein guter Plan, verflucht noch mal!

Gregor blickte sich um. Die kleine Göre wackelte eben mit einem Korb in Richtung des Wäldchens, während Urian laut lachend irgendetwas erzählt, von dem Gregor aber nur Fetzen verstand. Monique lachte, doch es war kein fröhliches Lachen, sondern ein bezahltes, ein bestelltes. Wie sehr ihn das alles anwiderte! Seine Gedanken schossen nur so hin und her. Dabei hatte er nichts gegen Scherze und auch nichts gegen das Trinken, doch alles zu seiner Zeit und mit dem rechten Maß. Urian hatte inzwischen, das konnte er deutlich erkennen, einen hochroten Kopf, was ja kein Wunder ist, denkt er, wenn jemand bei dieser Hitze sich betrinken muß. Nun summt er laut eine Melodie, steht wackelig auf, greift Monique um den Leib, tanzt ein paar Schritte, läßt sich dann aber unvermutet fallen und reißt sie, die aufquiekt, mit zu Boden und ins hohe Gras. Sicher befummelt er sie nun, der alte Sack, denkt Gregor. Dem Kerl war es offensichtlich vollkommen egal, ob er, Gregor, in der Nähe war oder nicht! Dann plötzlich eine schallende Ohrfeige, Stille, aus der dann das Lachen Urians, der sich mühsam hochrappelt, herausbrandet und wieder verebbt. Taumelnd steht er eine Weile einfach nur da und blickt wirr um sich, taumelnd läuft er ein paar Schritte, greift eine Flasche, trinkt, lacht wieder, sieht Monique an, die eben aufsteht und den Blick nicht erwidert, das Kleid zurechtzuppelnd, dann nimmt er noch einmal einen tiefen Schluck und läßt die Flasche einfach fallen.

Was soll ich nun tun, denkt Gregor unschlüssig. Als eine einzelne Wolke die Sonne verdeckt und alles matt und farblos macht, auch die Hitze ist plötzlich wie weggezaubert, sieht er die kleine Hure und den Kutscher aus dem Wäldchen herauskommen. Sie gesellen sich zu Monique und reden mit ihr. Weint sie etwa? Müßte nicht ich dort sein, denkt Gregor. Schon gibt die Wolke die Sonne wieder frei, die Hitze ist augenblicklich zu spüren, selbst im Schatten. Urian betrachtet die drei, Monique, die Hure und den Kutscher, leicht vor und zurück taumelnd, ohne etwas zu sagen und geht schließlich mit einem Ruck los und auf Gregor zu, während die anderen die Körbe und die Decken nehmen und zum Wäldchen gehen. Die welsche Schlampampe, bringt Urian dann lallend, kaum eine Handbreit steht er jetzt vor Gregor, heraus, das blöde Weibsstück von einer Hure, was hindert mich daran, sie aufs Rathaus zu bringen! Sagt mir das, Tischler! Alt und schlaff ist sie, zu oft durchgerammelt, versteht Ihr, schleppt sie ruhig mit nach America, wenn es Euch gefällt, dort nimmt man es nicht so genau mit den Huren. Urian atmet schwer. Laßt gut sein, sagt Gregor so ruhig wie nur möglich, denn was konnte er schon tun gegen das Gerede. Es ekelte ihn vor diesem betrunkenen, alten Kerl, der seine sonstige Strenge ganz und gar verloren hatte. Nimm sie mit, die Hure, lallte er wieder und wieder und klimperte mit den Augen, holte tief Luft, rülpste, summte eine Melodie, begann einen Satz, den er nicht beendete, summte dann wieder. Setzt euch hin und wartet hier, sagte Gregor endlich, ich komme gleich mit der Kutsche, dann bringen wir Euch nach Hause oder wohin Ihr wollt. Statt einer Antwort gab Urian aber nur komische Geräusche von sich, nestelte an seinen Hosen, tapste die paar Schritte bis zum Ufer und pinkelte, vor sich hin brummend, stoßweise in den Fluß. Die verfluchte Hure, brüllt er plötzlich, Gregor sieht kopfschüttelnd zu ihm hin, und da gleitet der beste Mann der theologischen Fakultät plötzlich aus und fällt ins Wasser, kopfüber, die Hand an seinem besten Stück, einfach hinein. Kein Prusten aber, kein wildes Umsichschlagen, und so schnell Gregor auch den Mantel ergreift und Urian ans Ufer zieht, der Mann bewegt sich nicht mehr. Das Herz, denkt Gregor sofort, um sich blickend, zum Wäldchen hin, niemand ist zu sehen, ja, das Herz hat versagt, es steht still, die Hitze, der Wein, er stupst den mit dem Gesicht nach unten im Matsch liegenden Mann an, er rührt sich nicht, und dann denkt Gregor plötzlich an das Goldsäckchen, ja, das muß er jetzt wissen, ob das ein Scherz war oder die Wahrheit. Mit klopfendem Herzen, denn seines tut nach wie vor seinen Dienst, entdeckt er alle vier Beutelchen, und in allen vieren ist Gold, ohne Zweifel sind das Goldstücke, mehr als er je in seinem Leben gesehen hat. Er steckt sie ein, holt tief Luft und sieht sich noch einmal um. Niemand zu sehen. Was war nun zu tun? Zu seiner eigenen Überraschung ist er die Ruhe selbst. Das nasse Bündel, das wenige Minuten zuvor noch ein machtvoller, allerdings trunkener Mensch gewesen war, liegt zu seinen Füßen. Der dünne Sommermantel zeichnete die Konturen des toten Leibes nach, die vier Beutelchen mit Gold beschweren nun die Taschen eines anderen. Der Kutscher, die kleine Hure und Monique nicht zu sehen und nicht zu hören. Kurzentschlossen packt Gregor Urian am Kragen und schiebt und zieht ihn ins Wasser. Der Mantel bläht sich sofort auf, der tote Leib wippt ein wenig auf und ab und beginnt dann langsam, sich um sich selbst zu drehen, gegen den Uhrzeigersinn, wie Gregor, aus irgendeinem Grund überrascht, feststellt. Eine Weile betrachtet er das Schauspiel, bis dem toten Leib dann schließlich nichts anderes mehr übrigbleibt, als sich der leichten Strömung anheimzugeben.

Gregor begleitet die Leiche des toten Meister Urian ein paar Schritte, wendet sich dann nach links und beschreibt einen weiten Bogen über die Wiesen und durch zwei, drei kleine Wäldchen, bevor er eine gute Stunde später die Kutsche zwischen den Bäumen ausmacht. Die Pferde waren ausgeschirrt und standen am Waldrand, während Monique und die anderen beiden auf dem Boden saßen und sich ruhig unterhielten. Alle drei nickten ihm freundlich zu, er nahm ein Glas und füllte es, setzte sich und fand bald schon Zugang zu dem Gespräch, denn es ging um nichts Geringeres als ein gerechtes Leben. Weder Monique noch die kleine Hure, sie sprachen sie als Marie an, ließen auch nur noch einen Schimmer jener Keckheit erkennen, die sie in der Gegenwart Meister Urian an den Tag gelegt hatten. Nach einer Weile fragte der Kutscher, ob Gregor nicht wisse, wo dieser Herr sei, man habe angenommen, er sei mit ihm, Gregor, zusammen, doch wenn dies nicht der Fall sei, so würde man ihn suchen gehen müssen, denn bezahlt werden mußte die ganze Chose ja doch noch, man sei ja nicht zum Vergnügen hier. Gregor ist noch immer die Ruhe selbst, sein Verstand ist klar. Er schlägt vor, er werde zunächst einmal die beiden Pferde zum Fluß führen, da wo er eine Weile gesessen habe sei eine gute Stelle zum Tränken, die armen Tiere bei der Hitze, daran müsse man doch auch mal denken, und da die Mädchen und der Kutscher, der sich bedankt, träge sind von der Hitze und dem Wein, bleiben sie sitzen. Die Gäule, denkt Gregor, werden die Stelle, wo Urian hineinfiel ordentlich zertrampeln. Jetzt mußte er Monique nur noch dazu bringen, mit ihm das Weite zu suchen. Sie würde schon mitkommen, wenn er ihr die beglaubigte Bestätigung für die Schiffspassage unter die Nase hielt. Von dem Gold würde er ihr zunächst nichts sagen, besser ist besser.

Als die Dämmerung langsam hereinbrach, fuhr man zurück in die Stadt. Am Ranstädter Tor meldete der Kutscher, ein Herr, der sich Meister Urian nenne, habe ihn mitsamt seiner Kutsche für eine Fahrt ins Rosenthal gemietet, sei dann aber verschwunden, ohne bezahlt zu haben. Die beiden jungen Damen und der Herr könnten dies bestätigen. Zu ihrer Überraschung fragte der Torschreiber nach, denn im Rosenthal sei es ja nicht selten zu Überfällen gekommen, und da berichtete der Kutscher, der Herr habe über die Maßen getrunken und sei irgendwann Richtung Elster verschwunden und dann nicht mehr gesehen worden. Hier mischte sich Gregor ein, er sei ein wenig herumgewandert und habe ihn auch nicht mehr gesehen, seltsame Gestalten allerdings noch weniger. Man fuhr dann bis zum Markt, Gregor gab dem Kutscher ein paar Münzen, auch die beiden noch vollen Weinflaschen solle er behalten, als Ausgleich, worauf Marie protestierte und den Wein erhielt. Am Ende stehen Monique und Gregor allein zusammen auf dem Marktplatz, während um sie herum Kisten und Kästen auf Marktwagen verladen werden, Bäuerinnen sich lauthals unterhalten und noch der ein oder andere Bürger für wenig Geld etwas zu kaufen sucht. Heinrich sehen Gregor und Monique nicht, der, vom Grimmaischen Tor kommend, eine Ledermappe mit Papieren fest in der Hand haltend, seinerseits zuerst Monique sieht, dann zu seinem Leidwesen auch Gregor. Er ist darauf gefaßt, erkannt zu werden, doch die Beiden sind ganz einander zugewandt. Heinrich versteht kein Wort von dem, was sie sagen, auch nicht, als er langsam und wie zufällig näher herantritt und schließlich mehrmals um sie herumläuft, mit kaum mehr als einem Abstand von drei, vier Schritten. Es ist, als sprächen sie eine fremde Sprache, deren Worte ihm zwar bekannt sind, ohne jedoch einen Sinn zu ergeben. Heinrich wird es ganz wirr im Kopf. Schließlich hakt sich Monique lachend bei Gregor ein. Sie gehen Richtung Brühl, langsam wie auf einem Sonntagsspaziergang, direkt an Heinrich vorbei, ohne den Schreiber des armen Adam Bernd zu sehen.

Schulterzuckend macht sich Heinrich auf den Heimweg. Er ahnt nicht im geringsten, daß er Gregor und Monique zum letzten Mal gesehen hat, die sich binnen Tagesfrist Richtung Nordsee aufmachen, um von dort aus so bald wie möglich den Atlantik zu überqueren. Schade natürlich, daß Heinrich ihr Gespräch nicht verstanden hat, doch das alles ist ohnehin nicht wichtig für ihn – wichtig ist das, was er in der Mappe mit sich führt, nämlich den Probedruck seiner eigenen Lebensbeschreibung, die er Heinsius abgeluchst hatte, um noch einmal alles durchzusehen. Seine eigene Schrift, gedruckt! Auch Heinsius war ja weiterhin krank, er hatte Fieber und konnte sich kaum auf den Beinen halten, da war es leicht gewesen, den Probedruck zu erhalten. Nehmt ihn mit, hatte der Verleger matt gesagt, in Gottes oder meinethalben auch in drei Teufels Namen, nehmt ihn mit, aber bringt mir Euren Adam Bernd wieder auf die Beine, seht mir zu, daß er mir seine Lebensbeschreibung abliefert, so schnell wie möglich, bis Ende des Jahres. Nur so können wir aus der Suspendierung des armen Kerls einen Gewinn ziehen! Er soll seinem erfahrenen Verleger nur vertrauen. Sagt ihm das!

Der Täubenfüßer findet den Prediger in einer seltsamen Stimmung vor. Habt ihr gehört, begrüßt er seinen Schreiber, daß ein junger Prediger in das Haus einziehen soll, das mir als Pfarrhaus versprochen war. Der Drachen hat es mir eben berichtet, das Obergeschoß des Hauses in der Schlossgasse muß wohl schon bezugsfertig sein, so geht das Gerücht um. Dabei hatte es immer geheißen, es fehle an einem Beschluß und an Geld. Das ist das Ende, lieber Heinrich, das Ende. Schwer läßt Adam sich auf einen Stuhl fallen, nimmt die Gabel und beginnt zu essen, ganz so, als sei nun wirklich alles egal, als gelte es nur noch, die Henkersmahlzeit zu vertilgen. Das wenigstens dachte Heinrich, der sich zu ihm setzte, und ja, in der Tat, der Prediger hatte recht, das dürfte wohl darauf hindeuten, daß aus der vorläufigen Suspendierung eine endgültige werden würde. Umso wichtiger dürfte es nun wohl sein, die Lebensbeschreibung weiterzuschreiben, das sollte er Adam Bernd klarmachen, denn ohne Amt kein Geld, oder nur wenig, eine kleine Pension vielleicht, doch mit einem erfolgreichen Buch ließe sich doch Geld verdienen, besonders in Leipzig. Das sagte er seinem Gegenüber. Adam nickte, so wird es wohl sein, erwiderte er, und als er das Essen in sich hineingeschaufelt hatte, stimmte er dem ganzen von Heinrich überbrachten Plan zu, der Verfertigung bis zum Jahresende, denn eben das sei er Heinsius schuldig, der ihn ja nun auch wieder besuchen könne, nun, da alles verloren sei.

Dann diktierte Adam noch gute zwei Stunden mit leiser Stimme seinem Schreiber die ein oder andere Stelle neu, ihm seien weitere Details eingefallen, vor allem Stellen, die seinen Bruder Johann betreffen. Dann ließ er Wein holen und lud Heinrich zu einem Glas ein. Zum Teufel noch eins, sagte er, nachdem sie eine Weile schweigend am Tisch gesessen hatten, da hat man mir übel mitgespielt, gestern noch in Amt und Würden, heute ein Feind der Orthodoxie, der die Rechtfertigungslehre infrage stellt. Mal sehen, was Gott am jüngsten Tag dazu zu sagen hat! Er lachte bitter und goß sich und Heinrich nach. Dann ließ er sich von Heinrich berichten, was in der Welt dort draußen, so drückte er sich aus, vor sich ginge, über was die Menschen sprachen, wenn sie nicht grade das Thema Melodius behandelten, denn das alles müsse er nun so genau wie möglich wissen, unbedingt, jetzt, wo es ihm schon ein wenig besser ginge.

Wieder in seiner eigenen Wohnung versucht Heinrich nachzudenken. Wann im Leben, überlegte er, bin ich mein eigener Herr gewesen? Nicht auf dem Hof, beim Kaufmann Thorbecke nicht und heute am allerwenigsten, auch wenn es mir nicht schlecht geht. Er sah sich um. Der Probedruck seiner Schrift lag auf dem Tisch, die Seitenzahlen fehlten, schon auf den ersten Blick fielen ihm all die Fehler des Setzers ins Auge. Doch es war sein Werk, keine Frage, denn warum sollte nicht auch er von seinem Leben berichten, statt daß immer nur die hohen Herren dies taten? In einer Truhe lagen Kleidungsstücke, die noch ganz und gar in Ordnung waren, er besaß sogar zwei Paar Schuhe, denn die letzten Jahre hatte er immer einen guten Verdienst gehabt. Warum sich also beklagen! Er hatte nie zuvor so viel besessen! Dennoch war ihm nicht wohl zumute, all diese Heimlichkeiten die Jahre über, dann die Angst, dies hier alles wieder zu verlieren, wieder in Löchern hausen zu müssen mit Galgenstricken und abgehalfterten Huren. Ein Wort Urians, und niemand mehr nähme ihn als Schreiber! Dazu kommt natürlich, dachte er weiter, das Ausspionieren des Predigers, denn dies könnte dieser Teufel ja ohne weiteres herumerzählen. Hätte ich Adam Bernd nicht wenigstens vor der drohenden Gefahr warnen sollen, bald schon wegen des Tractats suspendiert zu werden? – Wenn Heinrich aber ehrlich war, was ihm in diesem Augenblick schwerfiel, so war er lange Zeit gerne Spitzel gewesen, eben weil das Adam Bernd dem Abgrund näher brachte. Warum auch sollte es dem Mann gut gehen, der den Tod der Schwester zu verantworten hat? Doch nun wollte er seine eigene Schrift, die seine Zeit bis zur Ankunft in Leipzig beschrieb, an die Adam Bernds anhängen lassen, und das war wieder eine ganz andere Sache, über die er so oft schon nachgedacht hatte, so oft, von der der Prediger allerdings nicht einmal etwas ahnte. Heinsius hütete sich wohlweislich, zu früh damit rauszurücken, dachte Heinrich. Nun, überlegte er weiter, vielleicht sollte ich dies als Teil oder vielleicht sogar als Vollendung meiner Rache begreifen! Doch brannte die, seine Rache, überhaupt noch in ihm, seit er mit dem Verfassen der eigenen Schrift begonnen hatte? Von Anfang an hatte er nicht alle Namen voll ausgeschrieben, seine Schwester immer nur seine Schwester genannt, aus Breslau war einfach B. geworden und aus Adam Bernd einfach der Gymnasiast, von dem die Schwester berichtete und mit dem sie zusammengelegen hatte. Ich will also nicht, daß Adam Bernd es erfährt, dachte Heinrich angestrengt, und wer weiß, ob der Prediger meine Schrift überhaupt liest. Viel nach meinem Leben gefragt hat er bisher nicht, warum dann darüber lesen? Der Kopf wurde ihm ganz wirr, denn eigentlich war es doch sein Rachetraum gewesen, Adam Bernd die Wahrheit ins Gesicht zu sagen, wenn er am Abgrund hing, bis zum Hals im Sumpf feststeckte, oder was auch immer er sich vorgestellt hatte. Ihn mit der Wahrheit zu vernichten, ihn mit dem Selbstmord der schwangeren Cara auf dem Gewissen in die Hölle zu stürzen, dazu ist in der letzten Zeit sogar wahrlich genug Gelegenheit gewesen, doch er hatte sie nicht genutzt. Vielleicht, dachte er jetzt, um Meister Urian zu trotzen? Ein widerlicher Kerl, der ihm aber schließlich die Wohnung besorgt hatte und auch so manche Hure zwischendurch, wenn er auch jetzt die Huren endgültig nicht mehr ansah, denn einmal die Krätze gehabt zu haben, reichte ihm vollständig. Ich sollte aufhören, immer wieder über all dies nachzudenken, entschied Heinrich, ich werde sonst noch ganz und gar blöde.

Jemand kam die Treppe hoch und klopfte nebenan, ein Bote gab wohl etwas ab und verlangte die Unterschrift des Predigers, worauf dieser die Tür wieder schloß und dann auf- und abgehend vor sich hinmurmelte. Kurzentschlossen setzte sich Heinrich an seine Schrift und begann mit Korrekturen, das B. wie Breslau ersetzte er durch ein K. und den Gymnasiasten durch das Wort Schüler. Heinsius mußte das unbedingt ändern, denn war es nicht seine, Heinrichs eigentliche Absicht gewesen, den Lesern aufzuzeigen, wie weit er es in seinem Leben gebracht hatte? Zum Teufel mit seiner Rache! Immerhin Schreiber des Oberkatecheten und Predigers der Peters-Kirche in Leipzig, dazu habe ich es gebracht! Wenn das sein Lehrer Andreas Alberti wüßte! Es klopfte. Hastig legte Heinrich den Stapel in die Truhe und öffnet die Tür. Adam Bernd, mit fiebergerötetem Gesicht, stand im Flur. Könntet Ihr bitte noch einmal für mich schreiben, sagte er matt.

Der Bote hatte ein Schreiben gebracht, das Adam Bernd für die nächste Woche vor eine Konferenz zitierte, wo er seine Ansichten zu der Schrift des Melodius, dessen wahre Identität noch unklar sei, dem Actuarius in die Feder diktieren solle. Er könne sich aber auch zuvor schon schriftlich erklären und seine Meinung mitteilen. Das Schreiben schloß mit Genesungswünschen. Das alles war natürlich ein Hohn auf den nun mit hochrotem Kopf wieder auf und ab gehenden Mann, dem Heinrich mit seinen Blicken folgte. Endlich rief Adam überlaut, so daß vom gegenüberliegenden Dach, das im letzten Tageslicht noch ein wenig glänzte, ein paar Tauben aufflogen, nun Heinrich, hört und schreibt!

Und Heinrich hörte und schrieb. War das nun doch die Vollendung seiner Rache? Oder wäre nicht alles ebenso abgelaufen, selbst wenn er nicht einmal in Leipzig gewesen wäre? Hätte nicht jeder andere den Prediger ebenso verraten, für ein paar Huren und eine Wohnung und ein wenig Geld? Doch er kam nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, denn Adam Bernd, mit dem Rücken zum Fenster stehend, diktierte mit geschlossenen Augen schneller als üblich und auch ein wenig wirr, ließ dann auch die ersten beiden Blätter zerreißen und setzte von neuem an. Der Prediger versuchte ohne Zweifel, das war auch Heinrich klar, seine Würde zu bewahren, die Autorschaft zwar offensichtlich jetzt offen zuzugeben und diese zu bedauern, dabei jedoch nicht zu Kreuze zu kriechen. Nachdem endlich der erste Teil mit der Anrede, den Formalien und ein paar Floskeln neu erstellt war, denn hier mußte sorgfältig auf die Reihenfolge geachtet werden, diktierte Adam Bernd nun ein klein wenig ruhiger, so schien es Heinrich, den Hauptteil des Schreibens. Gott hat nun, so diktierte er also, nach seiner Erbarmung mich wieder aufzurichten angefangen, und ich habe die Hoffnung, er werde mich auch noch ferner aufrichten. Ich bin durch mein Tun in die Tore des Todes und der Höllen gekommen, die Not hat mich zur Lesung der Lehr- und Trostbücher unserer Theologen angetrieben, so daß ich verdammen muß, was ich selbst geschrieben. Mir sind die Augen in vielen, ja in den meisten Dingen aufgegangen. Im übrigen bin ich bereit, mich auf die allerdemütigste Weise bei unserer Kirche und allen Lehrern in derselben zu entschuldigen, so ich was Hartes wider dieselbe geschrieben habe. Haben Sie Erbarmen mit mir armen Mann und fällen Sie den Beschluß, daß ich mit gnädiger Strafe angesehen werde, und es, wie es anders ja nicht sein kann, bei der bloßen Remotion verbleibe, die ich wohl verdienet habe. An dieser Stelle tropfte eine Träne auf das Blatt und ließ die Tinte verlaufen. Adam Bernd sah es und unterbrach sich. Nehmt es nicht so schwer, Heinrich, sagte er, dann faßte er sich mit einiger Mühe wieder, denn daß sein so sturer Schreiber plötzlich eine Träne vergoß, überraschte und rührte ihn. Heinrich selbst hatte schon eine Weile mit sich gekämpft, dann aber die Träne nicht verhindern können. Der Prediger, dem er alles Böse an den Hals gewünscht hatte, tat ihm leid! Auch dieses Schreiben würde ihn nicht retten, kaum daß er mit Milde rechnen könnte, denn so wie er diesen Urian einschätzte, würde er wohl hinterrücks eine schwere Strafe durchzusetzen wissen – aus reiner Bosheit.

Ich will, diktierte Adam schließlich weiter, treulich mein Versprechen halten, so lang ich lebe nicht das Geringste wider unsere Kirche zu schreiben, würde auch wider mein Gewissen handeln, wenn ich solches tun wollte. Kein besserer Zaum in dieser Sache wäre es, dafern ich in Leipzig gelassen würde, unter der Bedrohung, daß, wenn ich dergleichen ferner täte, ich von Stadt und Land sollte verjagt werden. Denn davor erschrecke ich mehr, als vor dem Tod selbst, denn obzwar ich das vierzigste Jahr grad erst erreicht, so bin ich doch ein schwacher, alter Mann. Wo sollte ich hin? Wer sollte mich annehmen? Keine Mittel zu leben sind vorhanden, ich würde der größten Versuchung und Trübsal unterworfen sein. Adam Bernd machte eine Pause, ging ein paar Mal auf und ab, dann diktierte er noch eine Schlußformel und bat Heinrich schließlich, alles noch einmal sauber auf gutes Papier zu schreiben und ihm dann vorzulegen. Er gehe derweil zum ersten Mal seit langer Zeit aus dem Haus, einen Blick noch auf seine Kirche zu werfen.

Stufe um Stufe ging Adam langsam das Treppenhaus hinunter, sich immer mehr wappnend, sich immer mehr straffend. Halte stand, das sagte er sich bei jedem Schritt, den er tat. Da war es nun geschehen, das Unheil war über ihn gekommen, weil er das, was er über Jahre in seinen Seminaren für die philosophische Fakultät gelehrt hatte, unbedingt in einer großen Schrift bündeln und verlegen lassen mußte, der Wirkung halber, die das Amt mit sich brachte. Aus der Werkstatt des Knopfmachers hörte er ein Schleifen, er schlich vorbei, daß er bloß nicht gesehen würde, dann stand er auf der Gasse. Wie nur, dachte er, ist das Pseudonym Christian Melodius bekannt geworden? Hätte ich einen Namen wählen sollen, der weniger nach einem Pseudonym aussieht? Oder wäre es sogar besser gewesen, wenn er die Schrift in einer anderen Stadt herauszugeben hätte? Er wandte sich nach rechts in Richtung der Peters-Kirche. Nun war ohnehin alles zu spät, er mußte auf die Gnade der theologischen Fakultät hoffen, ja, und er hatte Angst, aus der Stadt verwiesen zu werden. Hier gelte ich manchen als Pietist, sann er weiter, ohne es zu sein, doch ich nehme jede Wette an, in Halle von nicht wenigen bald als orthodox verschrien zu werden, wenn ich mich dort ansiedelte.

Die Peters-Kirche stand natürlich noch an ihrem Platz, alles war wie gehabt, das Peters-Tor, die Schenken, das Leben und Treiben, auch zu dieser späten Stunde. Wer wohl erkannte ihn von all den Passanten nicht nur als den Prediger der Peters-Kirche, sondern auch als Christian Melodius, fragte er sich. Doch beachtete ihn überhaupt jemand? Sicher, er trug nicht die einem Prediger angemessene Kluft, er war gekleidet wie jedermann, so wie er es in Zukunft wohl immer sein würde. Er blieb an der Laterne stehen, durch dessen Lichtkreis Heinrich damals gegangen war, immer hin und her, am Tag der Antrittspredigt war das gewesen. Nie wieder würde er eine Predigt dort halten noch auch Schüler unterrichten! Ich kann froh sein, wenn ich mit einer kleinen Pension ausgestattet werde und in Leipzig bleiben darf, dachte er. Dann ging er an der Kirche vorbei, nein, hineingehen würde er nicht mehr können! Er wendete sich nach rechts und erreichte nach einer Weile den Markt, gelangte bis zum Brühl, ging dann zum Roten Collegio, wo er so lange Jahre gewohnt hatte, betrachtete vom Hof aus die Fenster seiner ehemaligen Wohnung, beleuchtet waren sie, da wohnte jemand, um dann langsam und schweren Schrittes zum Haus des Knopfmachers zurückzugehen. Schweißgebadet kam er dort an, doch auch jetzt, als er zitternd vor dem Haus stand, beachtete ihn niemand, so wie ihn überhaupt nicht ein Mensch angesehen hatte auf seinem Rundgang. Über Christian Melodius zerreißen sie sich sicher das Maul, dachte er, mich selbst aber sehen sie nicht.

An Leib und Seele gebrochen, so jedenfalls schien es ihm selbst, gelangte er in seine Wohnung. Er war völlig erschöpft. Die Abschrift lag auf dem Pult, Heinrich war verschwunden, auch nebenan war er nicht. Nun, das Schreiben konnte auch morgen zur Fakultät gebracht werden, zu dieser späten Stunde würde dort ohnehin niemand mehr anzutreffen sein. Er setzte seine Unterschrift unter den Text, schob ihn in einen Briefumschlag und versiegelte diesen mit Siegellack. Wie immer wurde ihm wegen des Terpentingeruchs ein wenig übel, er trank noch ein Glas Wein, dann legte er sich zu Bett und schlief von einem Moment zum anderen ein, sogar noch ehe er gebetet hatte. Er schlief bleiern und schwer und erwachte am anderen Morgen mit Fieber. Der Medicus saß an seinem Bett, im Hintergrund erkannte er Heinrich, der mit fragender Miene den versiegelten Brief in die Höhe hob. Adam nickte. Das ist das Ende, dachte er, das ist das Ende.

Die Konferenz wenige Tage später fand ohne Adam Bernd statt. Seine Schuld wurde nach Verlesung der Stellungnahme festgestellt. Er wurde vom Amt suspendiert, von allen weiteren Aufgaben entbunden, dennoch aber mit einer kleinen Pension versehen, für die sich alle aussprachen, denn man sei ja keine Horde von Unmenschen. Die in einer Pause von einem der Herren gestellte Frage, wo denn der gute Meister Urian sei, sonst säße er doch immer inkognito hinten im Saal, wurde nicht beantwortet, der ein oder andere der Herren lächelte wissend, zwei oder drei taten so, als hätten sie die Frage nicht gehört. Hauptsache war doch der schriftliche Bericht Urians, sagte man, der ihnen ja samt aller Zeugenaussagen vorlag, dazu die Stellungnahme des Predigers und natürlich das beanstandete Werk selbst, wenn auch dieses nach Ende der Sitzung nicht mehr aufzufinden war. Man setzte also noch Unterschrift und Siegel unter das längst vorbereitete, hochoffizielle Schreiben an Adam Bernd, dann ging man zu einer weiteren Frage über, nämlich der der Nachfolge. Diejenigen, die sich von Anfang an gegen Adam Bernd als neuen Prediger ausgesprochen hatten, konnten ihre Genugtuung kaum verbergen und waren sicher, ihren Kandidaten durchzusetzen. So war es dann auch.

Die Suspendierung selbst jedoch, als sie nun offiziell war, richtete Adam Bernd nicht etwa völlig zugrunde, das nämlich hatte der Medicus befürchtet und Heinrich angewiesen, im Notfall sofort nach ihm zu schicken, sondern setzte im Gegenteil neue Kräfte frei. Die Lebensbeschreibung machte sogar einige Fortschritte, und Heinrich, der nun oft als Schreiber für einen Kaufmann arbeitete, sagte nie nein, wenn Bernd ihn bat. Ein Mädchen jedoch, mit dem der junge Gymnasiast in Breslau, der Adam Bernd einmal gewesen war, zusammengelegen hätte, wurde weiterhin nicht erwähnt. Zum ersten Mal überhaupt hatte Heinrich nun den Gedanken, Cara könnte die Unwahrheit gesagt haben. Als ihm dann eines Tages durch einen Zufall einige von Adam Bernd selbst beschriebene Blätter in die Hände kamen, wo von einem unglücklichen Fall in seiner Jugend die Rede war, weswegen er keine Familie gründen könne, war er sich sogar fast sicher, daß Cara gelogen hatte! Sie war schwanger gewesen, doch nicht von Adam Bernd! Unten auf den Blättern waren noch einige hingekritzelte Bemerkungen, die Heinrich nicht recht deuten, ja kaum lesen konnte. Es ging aber, das war zu entziffern, um weitere Blätter, die vernichtet werden müßten, denn niemand, so stand es dort, hätte einen Nutzen davon, solch schlimme Dinge zu lesen. Womöglich, überlegte Heinrich, denn nun war seine Neugierde geweckt, waren diese weiteren Blätter in einem der vielen Papierstapel zu finden. Er wußte wohl, daß Adam das ein oder andere selbst aufgeschrieben hatte und in das Manuskript der Lebensbeschreibung einfügen wollte, denn auch beim Tractat hatte er dies so gehalten, teils, weil es bereits ins Reine geschriebene Kapitel aus alten Seminarzeiten gegeben hatte, teils aber sicher auch, um nicht alles seinem Schreiber vor Drucklegung zu offenbaren. Heinrich jedenfalls stellte sich unter dem Begriff des unglücklichen Falls schlimme Dinge vor, so daß er sich dabei ertappte, dem Prediger in den folgenden Tagen auf den Unterleib zu starren, so als läge dort eine Antwort auf all seine Fragen. Sollte er nun vielleicht, denn die Neugierde setzte ihm ordentlich zu, diese anderen Blätter suchen, wenn Adam Bernd einmal außer Haus wäre? Oder sollte er alles auf sich beruhen lassen und am Ende sogar seine eigene Schrift vernichten, denn warum sollte er von seinen Racheplänen der Welt etwas mitteilen, wenn sie nicht in die Tat umgesetzt worden sind, ja wenn sie eigentlich von Anfang an Unsinn gewesen waren, weil der junge Adam nichts Böses getan hatte? Doch dann müßte er auch seinen Traum begraben, eine eigene Lebensbeschreibung zu veröffentlichen, denn was bliebe denn übrig, wenn er seine Rachepläne ganz und gar bis zur letzten Andeutung aus seinen Schriften herausstreichen würde? Das Leben eines Waisenjungen aus Westphalen, mehr nicht! Sollte er es so handhaben? Selten war Heinrich so verwirrt gewesen.

Adam Bernd hatte sich, wie er selbst sagte, nun in seinem Elend eingelebt. Sogar die Lebensbeschreibung war nach monatelanger Arbeit nun zu Beginn des Frühlings des Jahres 1715, Heinsius hatte mehr und mehr gedrängt, fast fertig. Adam würde, so teilte er es Heinrich am dreiundzwanzigsten April ganz offen mit, noch einiges an Text selbst einfügen, darunter das ganze neu geschriebene Tractat zum Selbstmord, dann aber wäre es vollbracht und Heinsius könne es bald drucken. Von dem zu erwartenden Gewinn würde er Heinrich einen gerechten Lohn zahlen für all seine Mühe und auch für seine Treue, versprach er. Nun also wurde es höchste Zeit für Heinrich, auch den eigenen Text noch einmal durchzusehen, sich zu entscheiden, was noch zu ändern, was noch hinzuzufügen war. Gleich am nächsten Tag wollte er sich also an die Arbeit machen, denn wenn Adam Bernd erführe, daß seinem Text der seines Schreibers angehängt werden würde, dann dürfte das kein Geschreibsel sein.

Am Morgen darauf, dem vierundzwanzigsten April, schlief er noch, als der Drachen einen Stapel Papier hochbrachte, der für den ehemaligen Prediger gedacht war, den sie dann aber einfach, als Adam Bernd auf das Klopfen nicht antwortete, bei Heinrich auf den Tisch warf. Natürlich war er dadurch wach geworden und hatte geschimpft, doch wenn er, erwiderte die Draten ebenso übelgelaunt, nie seine Tür verriegele, könne sie auch einfach eintreten. Außerdem sei sie die Tochter des Hausbesitzers und nicht die Dienstmagd hier im Haus, das sei das letzte Mal, daß sie den Herren einen Gefallen täte. Die Herren, das sagte sie nun oft in einem gewissen Tonfall, denn den früheren Respekt gegenüber Adam Bernd hatte sie vollkommen abgelegt, nun da er suspendiert war.

Vielleicht war es der frische Stapel Papier gewesen, der ihn überhaupt erst darauf brachte! Kaum hatte er sich aus dem Bett gequält, begann er damit, alles noch einmal aufzuschreiben, was Cara ihm über ihr Zusammenliegen mit Adam Bernd gesagt hatte, was er selbst vermutete, wie er seine Rache geplant hatte und es doch auf Jahre hin nicht vermochte, nach Breslau zu reisen, und so weiter und so weiter, bis hin zu der Spitzelei, die er im Auftrag Urians betrieb. Vielleicht, überlegte er, könnte er diese Geschichte als eine fremde ausgeben, die ihm erzählt worden ist, denn so würde Heinsius das ja nicht drucken können. Ähnliches allerdings hatte er vor nicht langer Zeit in einem galanten Roman gelesen, als eine zur Unterhaltung erzählte Geschichte in abendlicher Runde. Doch hätte das einen Sinn, wenn das nur eine Geschichte wäre wie viele andere? Schließlich wollte er keinen Roman schreiben, sondern zeigen, daß auch er ein Mensch ist, er, Heinrich Daubenfuß!

Er schrieb an diesem Tag Stunde um Stunde, strich immer wieder halbe Seiten durch, versuchte es neu, bis er bei schon einbrechender Dämmerung auf den Gedanken kam, das endlich einmal bessere Wetter zu nutzen, um einen langen Spaziergang zu machen. Er mußte den Kopf wieder frei bekommen, und wer weiß, womöglich gibt Gott auch mir mal einen Fingerzeig, dachte er, und vielleicht war ja das neuerliche Aufschreiben, das Nennen von Ross und Reiter, sogar die Fron, die Gott ihm auferlegte als Buße für die schlimmen Taten, ja allein schon für seine schlimmen Gedanken und die Rachepläne! Und am Ende müßte er dann die ganze Schrift vernichten! Wäre das also die Buße, überlegte er, das Schreiben und dann das Vernichten, aus dem Haus auf die Gasse tretend, oder sollte er seine Schrift behalten und veröffentlichen und nur die Rachepläne aus ihnen tilgen? Doch was blieb dann übrig von seinem Leben? Er beschloß, denn sicher wußte Heinsius noch nicht, daß Bernds Lebensbeschreibung nun endlich kurz vor der Vollendung stand, den Verleger zu besuchen, dann könnte er diesen um Rat fragen. Das war es doch! Er hatte eine neue Idee! Ich frage ihn, überlegte er, ob Heinsius es für sinnvoll ansähe, in meine Schrift die Erzählung eines Unbekannten hineinzunehmen, es ginge um Selbstmord und Rache, um Bespitzelung und Untreue, und wenn er ja sagt, das mögen die Leser, tut das, lieber Heinrich, dann schreibe ich die Rachegeschichte wie ein Romanschreiber hinein! Sehr gut! Er beschleunigte seine Schritte und ließ sich kurz darauf bei Heinsius melden, der ihn wohlgelaunt und wieder ganz und gar hergestellt empfing und gleich zum Kartenspiel aufforderte, zu dem er in Kürze einige Freunde erwarte, zu einem besseren Zeitpunkt hätte Heinrich nicht kommen können. Er habe das Kartenspiel übrigens selbst gedruckt, was er trinken wolle, nun, ach ja, das Geschäftliche, das könne man auch morgen noch besprechen.

Man trank und spielte bis in den frühen Morgen hinein, erst bei aufgehender Sonne torkelte Heinrich mit zugekniffenen Augen durch die noch fast leeren Gassen zurück zum Haus des Knopfmachers. Nun bloß nicht dem Drachen in die Arme laufen, dachte er, erklomm mühsam das Gebirge des Treppenhauses, kam völlig erschöpft oben an und öffnete die Tür zu seiner Wohnung. Nur noch schlafen, das wollte er, nichts weiter. Grell und blendend fiel die Sonne durch dreckige Scheiben in seine Stube, schützend legte er die Hand vor die Augen, ging ein paar Schritte in Richtung seines Bettes, stieß dann aber gegen etwas Weiches, stürzte nach vorn, prallte mit der Stirn gegen den Tisch und verlor das Bewußtsein. Als er mit schmerzendem Kopf wieder erwachte, war es trübe in der Stube. Sich vorsichtig an die Stirn fassend, es schmerzte sehr, sah er sich um und erschrak. Kaum zwei Schritte entfernt lag ein Mensch, der ihn offenen Mundes und mit weit aufgerissenen Augen anzustarren schien. Heinrich schrie auf. Er wußte sofort, daß Adam Bernd tot ist.

Der Knopfmacher blieb erstaunlich ruhig, ging wieder hinunter in seine Werkstatt und wies die Tochter an, den Medicus zu holen. Heinrich blieb derweil allein mit dem Leichnam, völlig regungslos saß er auf seinem Stuhl und starrte den Toten an. Langsam erst begriff er, was geschehen sein mußte. Wahrscheinlich hatte Adam den Stapel Papier holen wollen, den der Drachen zu ihm gebracht hatte, und dann muß er die vollgeschriebenen Seiten auf dem Tisch entdeckt und gelesen haben. Die ganze Geschichte, daß ich ihm die Schuld gab für den Tod Caras, daß ich mich rächen wollte, all dies, dachte Heinrich, hat er gelesen. Und dann hat ihn der Schlag getroffen. Wie er nun dalag! Heinrich riß sich los von dem Anblick, denn er hörte Schritte und Stimmen vom Treppenhaus her, raffte die Blätter zusammen, steckte sie in den Ofen, legte einige dünne Holzscheite darauf und entzündete alles, eben als der Knopfmacher und der Medicus in die Wohnung traten. Der Medicus bestätigte nach kurzer Untersuchung, daß der arme Adam Bernd an einem Schlagfluß verschieden ist, und das, obwohl es ihm doch wieder deutlich besser gegangen sei in der letzten Zeit. Dann besah er sich die Wunde an Heinrichs Stirn, entfernte das getrocknete Blut und legte einen Kopfverband an, alles ohne ein weiteres Wort.

Von da an beachtete niemand mehr Heinrich den Täubenfüßer, nicht einmal Fragen stellte man ihm. Die Beerdigung und alles weitere wurde, wie zum Hohn, von der theologischen Fakultät in die Wege geleitet. Erst eine Woche später suchte Heinsius dann Heinrich auf, denn zum einen wollte er das Manuskript Adam Bernds holen, zum anderen aber dem Täubenfüßer mitteilen, daß die von ihm verfaßte eigene Lebensbeschreibung nun doch nicht der des Predigers beigebunden werden könne, das würde er sicher verstehen. Heinrich nickte, denn er hatte unter den Papieren des Predigers inzwischen jene Blätter entdeckt, in der Adam seine Liebe zu Cara, dem schüchternen Mädchen aus Schwerte, beschrieb. Auch der Überfall, die Mißhandlung und die Vergewaltigung, all das war vom ehemaligen Prediger aufgeschrieben worden, sogar peinlich genau, bis hin zu den Sorgen, die er sich gemacht hatte, als das Mädchen eines Tages verschwunden war. Selbst seine Unfähigkeit, danach mit einer Frau zusammenzuliegen, wurde mehr als einmal erwähnt. Wie unrecht ich ihm getan habe, dachte Heinrich, mit meinem blinden Haß! Wie dumm ich gewesen bin!

Er hatte dann nicht anders handeln können, als auch diese Aufzeichnungen fast alle dem Feuer zu übergeben. Diejenigen, die die Angelegenheit nur andeuteten, nur den schlimmen Fall seiner Jugend ohne alle weitere Erklärung bedauerten, drückte er aber schließlich Heinsius in die Hand, er müsse sehen, wo er sie einfügen könne. Dann machte sich Heinrich auf zu dem Pfarrhaus in der Schlossgasse, das tatsächlich nun endlich so gut wie instandgesetzt und auch bewohnt war. Er stellte sich dem neuen Prediger der Peters-Kirche vor, er würde gerne dessen Schreiber werden. Gut, sagte dieser, ihr seid mir ohnehin empfohlen worden, kommt herein, es gibt einiges zu tun. Meine Frau macht übrigens hervorragenden Kaffee. Kein Wort über Adam Bernd, keine Andeutung, kein scheeler Blick. Heinrich war nun einfach der Schreiber des neuen Predigers.

Die nur einige wenige Jahre währende Bekanntschaft von Adam Bernd aus Breslau und Heinrich Holzkötter aus Schwerte war damit nicht nur endgültig beendet, sondern wie ausgetilgt. In der ein halbes Jahr später mit großem Erfolg auf den Markt gebrachten Eigenen Lebensbeschreibung Adam Bernds wurde ein Täubenfüßer nur ein einziges Mal erwähnt. Ein Grund mehr, dachte Heinrich, so bald wie möglich doch noch die eigene Beschreibung meines Lebens zu veröffentlichen, denn wer würde schon auf diesen einen Satz in Adam Bernds Schrift achten, der da lautete: Wo ich speiste, fing einer, mit Namen Täubenfüßer, den ich jetzt noch zuweilen auf der Gasse gehen sehe, von Blutreinigung an zu reden, und gab vor, es wäre keine bessere Blutreinigung, als wenn man eine Zeit lang puren Sassafras wie Tee tränke. Mehr nicht. Doch das sollte nicht alles sein, was die Welt über ihn erfahren würde, schwor er sich. Er würde so bald wie möglich mit Heinsius reden müssen!


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*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

Hinweis: Das Copyright © und alle denkbaren Rechte an „Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache“ liegen weltweit und darüber hinaus bei Norbert W. Schlinkert. Das Kopieren des Textes oder einzelner Teile ist ausschließlich für den privaten Gebrauch gestattet, sonstige Be- und Verarbeitung und eine Verbreitung in welcher Form und mittels welcher Medien und Techniken auch immer ist unter keinen Umständen gestattet.

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