Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)* Kapitel siebenundzwanzig: Epilog: Der Tod und das Mädchen

Norbert W. Schlinkert: Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache (Roman)*

Kapitel siebenundzwanzig:

Epilog: Der Tod und das Mädchen

Mehr als drei Jahrzehnte später, ein Herbstabend des Jahres 1748. In der Peters-Kirche zu Leipzig ist es kalt und finster. Mühsam und ein wenig unsicher erhebt sich ein alter Mann, schwer auf eine Krücke gestützt, von einer der neuen Bänke, die erst letztes Jahr aufgestellt worden sind, nachdem die alten ihren Dienst getan hatten. Das rechte Bein will ihn kaum tragen nach einem Schlagfluß vor einigen Wochen, der ihn ereilte, als er in der Straße vor dem Korn-Magazin in ein Streitgespräch geraten war mit einem jener Reformierten, die sich hier immer noch zu behaupten wußten, weil sie ihre wahre Gesinnung gut, allzu gut zu verbergen vermochten. Immerhin blieb der Andere neben ihm hocken und redete ihm gut zu, um die Panik zu mildern, die den armen Herrn Daubenfuß erfaßt hatte. Man brachte ihn in seine Stube, in der er nun schon seit dem Jahr 1715 wohnte. Der Medicus, Schüler des berühmten Augustus Quirinus Rivinus, was er niemals vergißt zu erwähnen, war nach dreiviertel Stunden dann endlich gekommen. Er gab laut und herrisch Anweisungen, ohne Widerrede zuzulassen. Selbst ein Aufguß aus Sassafras und einigen Kräutern, die der Täubenfüßer gewöhnlich zur Blutreinigung zu sich nahm und den seine brave Wirtin Anna Catharina ihm hatte einflößen wollen, wurde ihm von den schon geöffneten Lippen gerissen. Dabei stieß der Kerl gottlose Flüche aus, derer er sich keineswegs schämte, wie es aussah. Später am Abend war er dann noch einmal in leicht trunkenem Zustand wiedergekommen und hatte Heinrich zur Wiederherstellung des Gleichgewichts zu einem Aderlaß geraten, den er auch sofort durchführen wollt, natürlich gegen einen kleinen Obolus, wie er sagte. Daran erinnerte sich der Alte später gut und erzählte es lallend und kaum verständlich jedem, ob er es hören wollte oder nicht, denn er war ja am Ende allein mit Gottes Hilfe wieder aufgestanden und leidlich gesundet, ohne den vermaledeiten Medicus und auch nur einen seiner teuren Aderlässe.

Schwer atmend steht der Täubenfüßer nun also neben der Kirchenbank; der Prediger, noch immer der direkte Nachfolger des seligen Adam Bernd, hatte ihn gebeten, hier auf ihn zu warten, er sei bald zurück. Kaum jedoch war er verschwunden, begannen auch schon wieder die Magenkrämpfe, mit denen der Täubenfüßer seit Jahren zu kämpfen hatte. Es waren nur wenige Schritte zum Abort, doch er plante gewissenhaft jeden einzelnen, ein Sturz könnte die schlimmsten Folgen zeitigen, das weiß er. Die Tür zur Sacristei steht ein wenig offen, nur die Kerze dort auf dem Tisch wirft Licht in den Altarraum. Die Stufen hinunter zum Abort, den vor Zeiten ein sinniger Bauherr im Durchgang zwischen Kirche und dem Haus des Kupferschmieds hat einbauen lassen, denn kein Menschenschlag hat so sehr mit Harndrang zu kämpfen wie der Prediger, lagen jedoch in tiefem Schatten. Schritt für Schritt, mit der Krücke sich vortastend, der rechte Arm tat zum Glück wieder seinen Dienst, gelangte er schließlich heil hinunter und öffnete die Tür zum stillen Ort. Als der alte Schreiber dann endlich die Kerze auf dem stillen Ort entzündet, die Knöpfe seiner Hosen geöffnet und sich hingehockt hatte, sandte er ein Gebet gen Himmel, denn nichts flößte ihm mehr Angst ein, als tot auf dem Abort gefunden zu werden. Herr, betete er also, laß mich nicht während der Notdurft sterben, erweise Deinem treuen Diener die Gnade. Dann tat er sein Bestes, um die Scheißerei in Gang zu setzen, wieder einmal vergebens, auch wenn des im Bauch polterte und grollte wie beim Weltuntergang, es nutzte nichts! Wie viel mehr Qualen aber, dachte er, hat doch der selige Magister Adam Bernd ausstehen müssen, wenn ihn die Ahnung überkam, er müsse das ganze Opus naturae verrichten eben zu der Stunde, in der Minute, in der er mit seiner Predigt zu beginnen hatte. Der Prediger hingegen, der dem seligen Magister im Amt nachfolgte, schien solcherart Not nicht zu kennen, weder den Durchfall noch die Verstopfung noch die Angst davor, selbst jetzt nicht, wo auch er dem Alter nicht mehr entrinnen konnte. Einen Schreiber hat der nie benötigt, denn seine schalen Predigten, so sinnierte der Täubenfüßer nun in dieser einsamen Stunde auf dem Locus, schreibt er ja ohne große Mühe selbst, und an so etwas wie eine eigene Lebensbeschreibung, oder gar an theologische oder philosophische Werke, denkt der nicht einmal, da er nichts zu berichten hat. Ein fader Mensch! Immerhin aber, dachte er weiter, nahm er mich in Dienst, nachdem der gute Adam Bernd suspendiert worden war und dann wegen meines Geschreibsels gestorben ist. Über all diese Dinge dachte der alte Täubenfüßer nun nach und hieb sich immer aufs neue die Fingerspitzen in den Magen, doch es half weiter nichts, der Bauch blieb hart wie ein Brett. Nicht mal der Sud aus allerhand Kräutern und gegorener Milch wollte nutzen, zu dem ihm seine Wirtin geraten hatte, ja es war, als wolle die Verdauung den Dienst aufkündigen, noch bevor der Rest des Leibes dahinscheiden würde.

Als der alte Schreiber wieder zu sich kommt, liegt er auf seiner Stube in der Schlossgasse auf seiner einfachen Bettstatt. Die rechte Körperhälfte wie tot. Es ist also wieder geschehen, dachte er, trotz der Gebete, noch dazu auf dem Abort, mit runtergelassenen Hosen. Immerhin bin ich nicht tot, überlegte er weiter, sich umsehend, doch er konnte kaum etwas erkennen, alles war wie in Dunst gehüllt. Er machte ein Murmeln und Wispern aus, irgendwo dort hinten, im Halbdunkel, und bald schon kommen die Gestalten näher, unförmig und kaum voneinander zu unterscheiden. Ein tiefer Bass spricht ihn an, sehr laut zuerst, dann wie aus weiter Ferne, dann wieder laut, doch er versteht kein Wort. Man zehrt schließlich an ihm herum, Gesichter sind noch immer nicht zu erkennen, man greift unter seinen Achseln hindurch, packt seine Füße und trägt ihn zu einem Stuhl. Jemand redet auf ihn ein, er vernimmt kaum mehr als eine Art perligen Rauschens, wie von Wellen, die unregelmäßig an ein flaches Ufer mit kleinen Kieseln laufen. Dann wird er ein wenig klarer, und als er das Wort Schröpfenschnepper heraushört, weiß er, was gespielt wird. Es ist sein zweiter Schlagfluß, niemand fragt ihn nach seiner Meinung, es wird getan, was getan werden muß. Heinrich spürt vage, eher hört er es, das Anritzen einer Ader, am Hals, es folgt ein langes Sausen und Sumsen im Kopf, dann eine Schwäche des ganzen Leibes, so als sei er leicht wie eine Feder. Endlich trägt man ihn zurück in seine Ecke, auf sein Lager, und läßt ihn in Ruh. Ob nun der Tod kommt, fragt er sich.

Täubenfüßer erwacht, er ist allein. Nach dem neuerlichen Schlagfluß glaubt niemand mehr, daß er je wieder aufstehen wird, das weiß er. Von der Gasse her dringen Stimmen in die Stube, und wie so oft hört er den Kaufmann Hohmann mit seiner markanten Stimme, der gutgelaunt über irgendeine Frau redet, als sei sie eine Mähre. An manchen Abenden hört man die Studenten betrunken zanken, ja sogar, wie sie leise mit den Huren feilschen. Sein Gehör ist gut wie eh und je, nur mit dem Sehen scheint es nicht besser werden zu wollen. Der Medicus oder sein Gehilfe werden sicher, denkt er, wieder täglich mit lautem Gepolter hier auftauchen und mir Arznei bringen, die nicht hilft, die aber mein kleines Vermögen nach und nach aufzehrt, so daß es nach Adam Ries nicht mehr lange wird reichen können. Ich sehe doch die Gier in den Augen des Medicus und den neuen Rock an seinem Leib. Er weiß schon, wie er es anstellt. Mit einem vormaligen Katecheten hier in Leipzig, dem guten Gottlieb Gaudlitz, hat er es doch ebenso gemacht, nach allem, was geredet wird, ja es scheint fast so, als hätte Gott ihm die Aufgabe übertragen, die Prediger und ihre Gehilfen ohne jedes Vermögen zur Hölle zu befördern, damit der Teufel nicht etwa ein reicher Mann würde! Er lächelte schief vor sich hin und versuchte, eine etwa bequemere Position einzunehmen. Was mich angeht, ihr Herren, dachte er noch, bevor er wieder einschlief, so müßt ihr wohl denken, auch ich bin bald soweit. Wenn ihr euch da mal nicht täuscht!

Die neuen schweren Vorhänge ließen kaum Licht herein. Niemand hatte daran gedacht, die Kerze, die auf einem kleinen Schemel stand, anzuzünden. Hier oben, im Reich des Täubenfüßers, war, von Kleinigkeiten wie den Vorhängen abgesehen, über die Jahre kaum etwas verändert worden, während das Hauses selbst kaum wiederzuerkennen ist, so fein war alles gestaltet worden. Am prächtigsten ist ohne Zweifel die Fassade mit den neuen Fenstern und dem schön verzierten Erker. Daran mußte er jetzt denken, an all die Pracht, die auch während der Besetzung der Stadt durch die Preußen vor einigen Jahren kaum gelitten hatte. Wie schön wäre es, dachte er, könnte ich im Frühling noch einmal durch die Groß- und kleinbosischen Gärten spazieren. Doch daran war nicht zu denken, selbst nicht mit dem Stock, den ihm seine Wirtin, die gute Anna Catharina, geschenkt hatte, als er nach dem ersten Schlag wieder aufstehen konnte. Er käme nicht einmal heil die Treppen hinunter, und nun diente der Stock ihm nur noch dazu, zu klopfen, wenn etwas zu verrichten ist.

So vergingen einige Wochen. Täubenfüßer war an sein Lager gefesselt, ohne etwas tun zu können. Er nahm die Welt fast nur noch akustisch wahr, ja er spitzte geradezu die Ohren, um auch das kleinste Geräusch mitzubekommen. Heute war längere Zeit kaum etwas zu ihm heraufgedrungen, das seine Aufmerksamkeit hätte erregen können. Am späten Nachmittag aber hatte er von unten aus der Gasse ihm bekannte Stimmen gehört, von denen zwei sich wieder entfernten, während eine sich, mitsamt seinem Träger, ins Haus begab. Ein Feixen, ein Kichern und ein Poltern setzte ein, ganz wie erwartet, denn der Medicus, sein Trampeln ist ebenso unverkennbar wie seine Stimme, war wie so häufig in dem Augenblick erschienen, als die Wirtin eben das Haus verlassen wollte, während Johanna Rosina, ihre Tochter, es oft so einzurichten wußte, daß sie eben in die Tür trat, kaum daß der Medicus sich zu ihm heraufbemüht hatte. Zwar ließ er es dann selten daran fehlen, ihm warm die Hand zu drücken und ihn Gottes Hilfe anzuempfehlen, doch kaum war das Mädchen im Haus, war er flugs und eh man sich versah auch schon wieder verschwunden.

Heute aber schien der Medicus gleich unten bleiben zu wollen. Alle wußten natürlich, des Täubenfüßers gutes Gehör war ja kein Geheimnis, daß er jedes verfängliche Wort vernehmen konnte, auch jetzt noch, aber da ich weder sprechen noch schreiben kann, dachte er, so denken sie, kann ich wohl kaum etwas verraten. Und wirklich, unten in der Stube saß man auch heute mitnichten stumm in der Ecke. Denk an den alten Täubenfüßer dort oben, sagte Johanna Rosina leise, er konnte nicht heraushören, ob sie es ernst meinte, sonst stirbt er diesmal wirklich und noch dazu ganz natürlich. Den Medicus hingegen hörte er ernsthaft protestieren, im Tonfall eines Gelehrten, doch als er nicht aufhören wollte mit seinem Vortrag über die Kunst der Medizin, prustete Johanna Rosina irgendwann einfach los. Das arme Mädchen, dachte Täubenfüßer, warum fällt sie herein auf die Masche des Medicus, auf seine ganze Turtelei. Am Ende läuft es doch immer auf das Selbe hinaus. Wie oft hatte er die Kleine gewarnt vor der Hurerei, freilich ohne dieses Wort zu benutzen, und wie oft hatte er sie gescholten, wenn sie aufreizend auf der Stiege saß, so daß man ihr unter die Röcke sehen konnte. Nicht wahr, Täubenfüßer, hatte sie dann immer gesagt, ich bin hübsch, ich gefalle Euch. Er war jedesmal an ihr vorbei in seine Stube gestiegen, dann aber, vielleicht um sich nicht hinreißen zu lassen, auch jedes Mal wieder hinuntergegangen, um ihr die Leviten zu lesen. Ihm schoß jetzt noch das Blut zu Kopf, wenn er nur daran dachte, wie unschuldig sie dann immer tat, so als könne sie kein Wässerchen trüben.

Er mußte wohl kurz eingenickt sein, denn jetzt war es wirklich stockfinster um ihn herum. Von der Schlossgasse her drang Lärm zu ihm herauf, und selbst vom Peters-Tor her konnte er gut die einzelnen Stimmen unterscheiden. Hören kann ich noch so gut wie eh und je, dachte er wieder. In seinen jungen Jahren, als er eben in Leipzig seßhaft geworden war, hatte er sich ja immerhin den ein oder anderen Obolus verdienen können, wann immer er nur die Talente, die Gott ihm mitgegeben hat, zu verbinden wußte, das Ohrenspitzen und das Heranschleichen. Lange ist’s her. Von unten aus dem Haus war im Moment kaum etwas zu hören, doch ihn konnte man nicht täuschen. Ein Rascheln und Rauschen und das ungleichmäßige Atmen und sogar der Herzschlag Johanna Rosinas, schnell und laut wie eine kleine Trommel, so als wolle ihr das Herz aus der Brust springen, war ihm Anzeichen genug. Er hörte genau, was sich abspielte, ja er hörte weit mehr, als ihm lieb war, denn es geschah direkt zwei Stockwerke unter ihm, und wahrscheinlich war es nur ein letzter Rest Schamhaftigkeit, der das Mädchen daran hinderte, laut zu stöhnen oder gar aufzuschreien. Nur vom Medicus hörte er nie etwas, nicht seinen Atem und nicht sein Herz, so als habe er weder das eine noch das andere.

Dann schläft der alte Schreiber wieder ein, und wer weiß, ob er an diesem Tag überhaupt wieder erwacht wäre, hätte er nicht geträumt, wie er leicht und behände durch alle Leipziger Stuben schleicht, so als könne er durch Wände schreiten, um Jung und Alt beim Beischlaf zu beobachten. Es war, als müsse er hinsehen, als eine Strafe, wie fette alte Kaufleute junges frisches Fleisch bespringen oder noch junge, pockennarbige Huren den Studenten die Schwänze rieben oder sich nehmen ließen, von hinten und von vorne, manche mit Spaß dabei, viele aber mit stumpfem Blick, betrunken und todmüde. Als er mit einem jähen, unartikulierten und in Wirklichkeit kaum zu hörenden Schrei aufwacht, sitzt die brave Wirtin an seiner Bettstatt. Sie legt ihm ein feuchtes Tuch auf die Stirn und flößt ihm seinen Tee ein, ein dünner Aufguß von Sassafras und Kräutern, gegen den Rat des Medicus. Sie erzählt ihm vom Markt, von einem betrügerischen Bauern, den man ordentlich verdroschen hat, und daß am Grimmaischen Tor eine alte Frau einen Kobold gesehen habe, nachdem ein vornehmer Herr, der Großkaufmann Schellhafer, vierspännig in die Stadt eingefahren sei. Die Gute, dachte Heinrich, erzählt immer die selben Geschichten, und immer kommt mit dem Geld und dem Prunk etwas Böses in die Stadt. Und auch heute würde es wieder eine Weile dauern, bis sie jedem Menschen, dem sie begegnet war, einen Teufel oder einen Engel an die Seite gestellt hatte.

Er nickte und versuchte manchmal ein Lächeln, doch er hörte der Wirtin, die munter weitererzählte, nur mit einem Ohr zu, während er das andere in träumerischen Gedanken an einem stinkenden Ort gegen eine Holzwand preßte, denn der Aufguß von Sassafras erinnerte ihn mal wieder an lang vergangene Augenblicke seines Lebens, besonders an diesen einen, der ihm damals allerdings nicht wichtig erschienen war. Im Grunde war ich, überlegte er und geriet geradezu in ein taggeträumtes Erzählen, er sah sich selbst, gesund und munter sprechen und gestikulieren, ja nur ein mehr schlecht als recht entlohnter Spion hier in Leipzig, der seine Aufträge von diesem Feldscherer bekam, diesem Jean, dem Schwein. Ein windiger Bursche war das, der nicht nur manchem Soldaten den Kopf geschoren hat, sondern sicher auch das ein oder andere Bein abgesägt haben muß, jedenfalls prahlte er damit. Wenn Du eine gute Mahlzeit nicht verschmähen willst, so sagte der Kerl ja immer mal wieder, so komm mit mir. Ich folgte ihm dann in ein bescheidenes Wirtshaus, wo er allerhand auftischen ließ, während er selbst mit einem kleinen Imbiß vorliebnahm, dafür aber reichlich Bier soff. Wie als wenn es heute wäre, so deutlich sehe ich die Szenerie vor mir. Jean war einer dieser Säufer, sage ich Euch, die immer leiser werden, je mehr sie in sich hineinschütten. Ich kannte das, ich saß an diesem bestimmten Tag nicht zum ersten Mal mit ihm zusammen, doch bis dahin hatte mir Jean nie einen richtigen Auftrag gegeben, sondern immer nur mit wichtiger Miene vom Prozedere gesprochen, wie solch ein Auftrag abzulaufen habe. Am Ende, das erklärte er mir auch an diesem Tag wieder, wäre nichts weiter zu tun als zu bezeugen, daß der eine Herr mit einem anderen gesprochen hat, heimlich und leise. Dann erst treten andere auf, sagte er, bessere Herrschaften. Das wußte ich nun alles schon, und da gab ich ihm, ich weiß es noch wie heute, ohne weiteres zu verstehen, nicht nur zu quasseln, sondern mir endlich mal einen Auftrag zu vermitteln, sonst würde es Keile setzen! Nun war es an der Wirtin, zu nicken und zu lächeln, denn als sie bemerkte, daß der arme Herr Daubenfuß ihr nicht zuhörte, sondern seinerseits etwas erzählen wollte, hatte sie innegehalten. Viel verstand sie nicht, hier und da mal ein Wort oder einen halben Satz, doch sie nickte und lächelte. Wäre der arme Täubenfüßer nun in der Lage gewesen, sich deutlich zu artikulieren, so hätte die gute Anna Catharina einiges erfahren, denn Jean schien damals an diesem Tag, daran erinnerte Täubenfüßer sich gut, ebenfalls gereizt und irgendwie gegen den Strich gebürstet worden zu sein, jedenfalls stellte er des langen und breiten Mutmaßungen an, warum Heinrich ein solcher Vielfraß sei, trotzdem aber keineswegs gutgenährt aussähe. Der Kerl suchte Streit, keine Frage, jedenfalls verdarb sein Gequatsche und seine Fopperei dem armen Täubenfüßer den Appetit, so daß der ihn endlich einen Sack auf Stelzen nannte, worauf Jean seine ohnehin nicht gute Kinderstube vergaß und ihm über den Tisch hinweg ins Gesicht schlug. Täubenfüßer versetzte ihm daraufhin unter dem Tisch einen Tritt gegen das Schienbein, denn das konnte er sich unmöglich gefallen lassen. Jean schrie laut auf und langte wieder nach Täubenfüßer, der zurückwich. Doch noch bevor es zu einer Schlägerei hatte kommen können, trat ein griesgrämig dreinblickender junger Mensch an den Tisch der beiden Streithähne und rief sie leise aber eindringlich und mit süßlichem Ernst in der Stimme zur Mäßigung auf. Auch der Wirt stand bereit, um einschreiten zu können, war aber schon zufrieden, als die Beiden nicht weiter reagierten und sich also immerhin auch nicht prügelten. Der junge Kerl ging dann einfach, so erzählte Heinrich der Wirtin leiernd, zu seinem Platz zurück, so als wäre nichts geschehen, schlang hastig seine Mahlzeit hinunter und verschwand. Die Wirtin lächelte, sie hatte sogar ein wenig verstanden von all dem, und legte ihm ein frischgewässertes Tuch auf die Stirn.

Das, dachte Heinrich, war die erste Begegnung mit Adam Bernd gewesen, dem Menschen, dem ich Tod und Teufel an den Hals wünschte. Und dachte ich mir nicht bereits damals, daß er ein Theologiestudent und angehender Prediger sein müsse, wenn ich auch noch nicht wissen konnte, wer er in Wirklichkeit ist und wie sehr unsere Lebenswege bereits miteinander verwoben waren? Dieser Jean jedenfalls hatte sich damals, hob Heinrich wieder an, schnell wieder beruhigt gehabt und plapperte einfach weiter vor sich hin, als wäre nichts geschehen. Er schob meinen guten Appetit nun einfach auf meine Herkunft, denn die Westfalen, so sagte er, wissen nie, wann die nächste Hungersnot kommt, so daß sie auf der Stelle einen ganzen Ochsen verspeisen könnten. Heinrich lachte, mein Gott, wie lange das nun schon her war, und die Wirtin lachte mit. Je länger sie zuhörte, desto mehr hörte sie aus dem Gelalle heraus! Damals aber habe ich nicht recht gewußt, fuhr er fort, ob ich das als Beleidigung auffassen muß, machte mich aber erstmal weiter über das Essen her, denn das war ja Teil des Geschäfts, wenn es denn dazu kommen würde. Laß den Hugenottenflegel mal quatschen, dachte ich mir, so lange er nur bezahlt. Nach der Mahlzeit trank ich einen Aufguß von Sassafras, und siehe da, er räumte wie erwartet den Magen auf. Über diese Wirkung sprach ich dann am selben Tag auch noch mit dem jungen Kerl aus dem Wirtshaus, den ich kurz darauf zufällig wiedertraf und mit dem ich dann das Scheißhaus besuchte, ohne ihn nach seinem Namen zu fragen. Das nämlich hätte alles, aber wirklich alles verändert, mein ganzes Leben und seines auch. Die Wirtin nickte eifrig, so als wisse sie genau, um was es geht.

Der Medicus erschien einige Tage nicht. Johanna Rosina verrichtet derweil stumm alle Arbeiten, die ihr aufgetragen wurden, sah dem alten Schreiber aber nicht in die Augen. Leblos wie ein Automat ging sie durch die Stube, und wenn die Mutter keuchend nach oben gestiegen kam, lief sie ohne eine Erklärung und ohne jemanden eines Blickes zu würdigen hinunter, um sich weinend in einen Winkel zu verziehen. Der Täubenfüßer hörte das wohl. Vielleicht sollte ich zu Gott beten, daß das Kind nicht schwanger ist, dachte er, doch er brachte es nicht über sich, seinen Gott damit zu belästigen. Eher noch hätte er gebetet, dem Medicus möge sein Glied abfaulen, aber auch das tat er nicht. Er betete jetzt nämlich fast überhaupt nicht mehr, seit Gott nicht mehr antwortete. Sollten doch ohnehin alle zur Hölle fahren, und auch er selbst würde wohl kaum ins Himmelreich gelangen. Sein Gnadentermin, wenn es ihn denn gegeben hatte, lag lange, lange zurück. Schon als er den Magister in jener Wirtsstube zum ersten Mal sah, war es wohl bereits um ihn geschehen gewesen, dachte er jetzt, auch wenn er das nicht einmal geahnt hatte, damals. Das Gerede über einen von Gott gesetzten Termin, nach dem keine Rechtfertigung durch den Schöpfer mehr möglich sei, hatte er als junger Mensch jedenfalls für dumm erachtet. Auch der Magister war, wie er sehr viel später erfahren hatte, außerordentlich skeptisch gewesen, was diesen Punkt angeht, weil der sehr genau Bescheid wußte und all die Streitschriften gelesen hatte mit dem ganzen Für und Wider. Doch sollte er jetzt zu jammern beginnen, fast stumm wie er war? Das Sprechen fiel ihm noch immer schwer und war sehr anstrengend, und wahrscheinlich hatte die gute Wirtin zuletzt so gut wie nichts verstanden. So fließt ja doch alles gleichsam nicht aus mir heraus, sondern gleich wieder in mich hinein! Und überhaupt, reichte es nicht, fragte er sich, daß Gott ihm den Schlagfluß gebracht hatte, sollte er nun auch noch leiden wie ein leibhaftiger Alleszergrübler, ein hallischer Teufel? Nein, dachte er, auch wenn das Leben vorbei ist, wenn die Sünden jetzt von anderen begangen werden, mir bleibt das ruhige innere Wort, ein Sprechen mit mir selbst, über mich selbst, über den unglücklichen Magister und meinethalben auch über sich fleischlich vereinigende Geschöpfe, die sich zu Unrecht Mensch nennen, so wie ich mich zu Unrecht Mensch genannt habe, mein Leben lang. Doch habe ich denn nicht auch mehr als ein Leben gelebt? Das des Magisters Adam Bernd immerhin habe ich nachempfunden, er hat es mir ja in die Feder diktierte als seine Eigene Lebensbeschreibung. Übel wurde es von manchen aufgenommen hier in Leipzig, nach der Affäre und dem Tod des armen Kerls, fast übler noch als die verbotene, die melodianische Schrift zuvor, während man in Berlin, nach allem, was man hört, beide Werke besser beurteilte und mit Interesse las, trotz oder doch eher wegen der Suspendierung des Magisters. Und dabei hat das Publikum doch nicht einmal alles erfahren! Ich aber, dein Famulus, Herr Daubenfuß oder auch Täubenfüßer genannt, dachte er jetzt laut, in Wirklichkeit stöhnte er aber nur vor sich hin, ich weiß alles über dich, Adam Bernd, alles.

Von unten dringt wieder das leise Wimmern Rosinas an sein Ohr, während sich in der Gasse die Burschen zanken. Was soll’s, denkt der alte Schreiber, so ist das Leben, wenn man in ihm steckt, wenn man es lebt, statt es nur zu hören. Er erzählte sich sein Leben, so wie es gewesen war, nun selbst, ein Circulus vitiosus deus, in dessen Höllenspalte man hockt, ohne hinabzustürzen. Ja, so denkt er, ich werde mir all dies noch einmal sagen müssen, stumm mir selbst erzählen müssen, wie es gewesen ist, ich werde mich gegenüber mir selbst zu rechtfertigen haben, ohne Hoffnung auf eine Erlösung durch einen sanften Tod. Plötzlich stehen, ohne daß er deren Kommen gehört hatte, und eben dies erschreckte ihn am meisten, der Medicus und die Wirtin, die gute, immerzu lächelnde Anna Catharina, an seinem Bett. Hinter ihnen, halb versteckt, entdeckte er Johanna Rosina. Alle sehen ihn an, als schwebe er oder als leuchte er von innen heraus, oder so etwas in der Art. Dann sind sie unversehens wieder fort, und er kann weiter seinen Gedanken nachhängen. Was hatte ihn dieser Student, der Adam Bernd gewesen war, damals noch gefragt, als er ihn später wiedertraf an jenem Tag, so wie das in einer Stadt wie Leipzig vorkommen kann, vor allem wenn man einen Auftrag zu erledigen hat? Ja richtig, jetzt fällt es mir wieder ein. Wie könnt Ihr, fragte er mich als erstes, nur solche Portionen verschlingen, ohne daß Euch die Eingeweide zerreißen? Nun, hatte er frech geantwortet, noch immer gereizt wegen der Fopperei Jeans, ich für meinen Teil habe einen prächtigen Stuhlgang. Ja, genau so ist es gewesen, dachte er, aber das ist natürlich nur die halbe Geschichte. Die ganze Geschichte hatte zu tun mit seinen Ohren und der ihm von Gott verliehenen Gabe, damit nicht nur außerordentlich gut, sondern nach beiden Seiten zugleich hören zu können. Warum er das aber jenem seltsamen Menschen kurz darauf in diesem Scheißhaus so offen demonstriert hatte, wußte er selbst nicht. Heute aber wußte er, daß alles anders gelaufen wäre, hätte der andere ihm seinen Namen genannt. Wahrscheinlich wäre ich längst zum Teufel gegangen, überlegte Täubenfüßer, und er mit mir! Gott sei seiner Seele gnädig. Doch zu der Reise nach Breslau war es dann ja nie gekommen, und man stelle sich vor, dort hätte ich erfahren, Adam Bernd studiere in Leipzig. Ich hätte mir vor Wut in die Furt gebissen! Nun ja, als Strafe Gottes steckt ja nun das ganze Leben jenes Menschen in meinem Kopf – ich hörte zu, ich schrieb es auf, auch wenn es jeder Einfaltspinsel nachlesen kann, wenn er sich das Buch verschafft, in dem ich ja nur ein einziges Mal überhaupt Erwähnung finde. Ein einziges Mal! Ein Schreiber ist kein Mensch, er ist ein Automat, und so wird es für immer bleiben auf, dachte er, die Wirtin beobachtend, wie sie ein Tablett balancierend langsam näherkommt. Ich habe Euch ein wenig zubereitet, rief sie ihm zu, und dann redete sie, während er mühsam kaute, wieder einmal auf ihn ein, das Wetter ändere sich, es würde Frost geben, doch er hörte ihr wie immer nur mit einem Ohr zu und nickte, wenn sie Zustimmung erwartete, dachte aber weiter an den seligen Magister, den der Tod damals so plötzlich ereilt hatte. Aber eben diese Plötzlichkeit spricht dafür, davon war Täubenfüßer jedenfalls lange Zeit überzeugt gewesen, daß er keine Manuskripte vernichtet hatte, obwohl ich immer noch denke, daß ich nicht alle gefunden habe, damals. Hätte ich unter den Dielen nachsehen sollen? Doch hätte ich welche gefunden, so würde ich sie doch ebenso vernichtet haben wie die, die die Vergewaltigung Caras beschrieben! Oder nicht? Doch gleichviel, ich selbst werde nicht mehr auf die Suche gehen können nach verschollenen Schriften, weder nach solchen von mir noch von ihm, dachte er, während die Wirtin ihn jetzt mit ihren Pranken packte und auf den Bauch drehte, um ihm mit einem Schaber den Rücken zu säubern. Sie sprach jetzt in ärgerlichem Tonfall von Johanna Rosina, die auf der Gasse mit jedem hergelaufenen Handwerker oder Gehilfen sprach, sich aber ausgerechnet dem Medicus gegenüber schüchtern und zurückhaltend gab. Die arme Frau war ganz außer sich angesichts solcher Dummheit. Ist sie nicht hübsch und klug genug, lamentierte sie, um auch einem gebildeten Herrn zu gefallen, der seine guten Groschen sicher nach Hause bringt? Die Wirtin regte sich mächtig auf, und nur dem Umstand, daß jemand von unten nach ihr rief verhinderte, daß sie dem Täubenfüßer die Haut vom Rücken schabte. Gutes altes Mädchen, dachte er, während sie schon die Stiege hinunterpolterte, ohne ihn wieder in eine bequeme Position zu bringen, Du bist sicher auch mehr als einmal geraubt worden. Deine Tochter schlägt ganz nach Dir, sie treibt es im selben Bett wie du in jungen Jahren mit jedem Hanswurst, der sein Anhängsel zu gebrauchen weiß, und wärst Du nicht jetzt eine alte Schachtel, Du würdest es noch ebenso tun, Kirchgang hin oder her.

Mit einiger Mühe gelang es ihm, er stützte sich mit der linken Hand und dem linken Bein gegen die Wand, sich auf die Seite zu drehen und dann wieder auf den Rücken. Fast wäre er dabei auf den nackten Boden gerutscht. Es soll, hatte er sagen hören, jetzt Mode sein, in aufwendig gebauten Betten zu schlafen, die manchmal sogar in eigens dafür eingerichteten Kammern stehen. Von unten war derweil das Lachen der Wirtin und einer Nachbarin zu hören, unterbrochen schließlich von der voluminösen Stimme des Medicus, der aber keine Anstalten machte, zu Täubenfüßer hinaufzugehen. Stattdessen reizte er die Frauen weiter, und es war nicht schwer zu erraten, daß er ihnen etwa vorführen mußte, denn das Lachen war nicht mehr jenes, daß man hysterisch nannte, sondern ein sonores, ein um die Dinge des Lebens wissendes Lachen. Darüber schlief der alter Täubenfüßer wieder ein, ihm fielen von einem Moment zum anderen die Augen zu, während unter ihm der Pulsschlag der beiden Frauen in ungeahnte Höhen gelangte.

Ein plötzlicher Wintereinbruch brachte über Nacht den ersten Schnee. In der Stube war es empfindlich kalt. Johanna Rosina hatte ihm versprochen, neues Stroh oder wenigstens Spreu zu besorgen, um die Matratze, die ihm als Unterlage diente, neu zu füllen. Noch aber war nichts zu bekommen gewesen, wie sie um Entschuldigung bittend berichtete. Ihm blieb nichts anderes übrig, als wohlwollend zu nicken. Sie war aufgeräumter als noch vor einigen Tagen. Er selber versuchte, sich nicht von seinen schwarzen Gedanken niederdrücken zu lassen, denn noch immer hatte er nur sehr wenig Gefühl im rechten Arm und im Bein gar keines. Wenn er doch wenigstens schreiben könnte, dachte er oft. Sicher würde es ihm gelingen, mit der linken Hand ein paar Zeilen aufzusetzen, vielleicht für die Wirtin, damit sie erfährt, daß ihre Tochter es mit dem Medicus treibt. Am schlimmsten jedoch bedrückte es den alten Täubenfüßer jetzt, da nun seine Tage gezählt waren, das eigene Leben eines Waisenbengels aus Westphalen zwar mühsam aufgeschrieben zu haben, am Ende aber nur zu einem kümmerlichen Fehldruck gelangt zu sein beim guten Johann Samuel Heinsius, der nun auch krank daniederliegt, nach allem, was er hörte. Heinsius hatte damals schließlich Vorauszahlung verlangt, obwohl der Druck doch als Gegenleistung für den ein oder anderen kleinen Dienst gedacht gewesen war. Zu allem Unglück war dann auch noch eben dieser Fehldruck verschwunden, kurz nachdem Adam Bernd unversehens starb. Aber vielleicht gewährt mir Gott doch noch eine Frist und läßt mich wieder gesunden, damit ich noch einmal alles aufschreiben kann, dachte er, während er Johanna Rosina bei ihren Verrichtungen mit den Augen verfolgte. Nicht nur mein eigenes kleines sündiges Leben wäre in einem neuen Versuch zu beschreiben, überlegte er weiter, weiß Gott nicht, denn was wäre das meinige ohne den Magister! Das Mädchen begann derweil ein frommes Lied zu singen, vielleicht um ihm eine Freude zu machen, während sie mit alten Lumpen versuchte, einige Ritzen an den Fenstern zu stopfen. Sie sah ihn immer wieder an, so als wollte sie etwas erzählen. Am Ende aber sagte sie nichts und sang stattdessen alle Strophen des Liedes.

Tage später. Heinrich fieberte stark. Man hatte ihn ausgezogen, er lag nackt auf dem Bett, doch er fror nicht. Der Medicus legte eben seine Gerätschaften auf einen Schemel. Täubenfüßer konnte nur mit Mühe die Dinge voneinander unterscheiden, so dunkel war es in der Kammer. Die Wirtin stand an der Treppe mit frischer Kleidung bereit, Johanna Rosina kam ungelenk mit einer Schüssel Wasser gelaufen. Keiner sprach mit ihm, vielleicht hielten sie ihn für abwesend. Seine Gedanken waren klar. Vor allem schämte er sich, nackt und bloß hier zu liegen. Der Medicus trieb die beiden Frauen zur Eile an, der Patient müsse so schnell wie möglich wieder angekleidet und zugedeckt werden. Das Mädchen war bereits dabei, ihn zu waschen, doch er spürte nichts. Wie sich die Zeiten doch ändern, dachte er. Vor einem halben Jahrhundert saßen manchmal Männer und Weiber noch nebeneinander, wenn sie ihre Notdurft verrichteten, während heutigentags peinlich darauf geachtet wird, Heimlichkeit zu pflegen. Nur nicht bei einem Totkranken. Der Medicus begann, den Bauch des Patienten abzutasten. Mit einem knappen Kopfnicken bat er endlich um die Klistierspritze, die ihm das Mädchen reichte.

Als er wieder zu sich kam, fühlte er sich besser. Die Wirtin stand in fast völliger Dunkelheit am Fenster und betete leise, das Mädchen und der Medicus waren nicht zu sehen. Als Anna Catharina bemerkte, daß er wach war, stieß sie einen katholischen Stoßseufzer aus, so wie sie das manchmal tat, obwohl sie lutherisch ist. Sie fragte ihn, ob er Hunger habe, aber er schüttelte den Kopf. Läutet einfach, wenn Ihr etwas braucht, sagte sie, bevor sie den Raum verließ, und deutete auf eine kleine Schelle, die derweil über ihm an der Wand angebracht worden war. Jetzt habe ich auf meine alten Tage noch eine Kordel zum Dranziehen, wie ein vornehmer Herr, dachte er, aber auch das hilft nicht, wenn ich nicht wieder zu Kräften komme, um meine Lebensgeschichte neu zu verfassen. Herr, betete er still, auch wenn er wußte, daß Gott nicht antworten würde, gib mir die Sprache wieder und schicke einen Schreiber, gib mir die Zeit, im Nachsinnen über mein Leben Buße zu tun und die Wahrheit der Welt mitzuteilen. Laß mich nicht sterben, bevor nicht alles erzählt ist, danach aber verfahre mit mir, wie Du es für Recht empfindest. So betete er, doch statt einer Antwort Gottes, mit der er ja ohnehin nicht gerechnet hatte, vernahm er nur die schlurfenden Schritte seiner Wirtin, die Richtung Peters-Tor ging. Kurz danach schon drang ein deutliches Flüstern und Wispern zu ihm herauf. Er hatte nichts anderes erwartet. Minuten darauf öffnete Johanna Rosina ihren Schoß, es knackte dabei immer ein wenig in ihrer Hüfte, das konnte er deutlich hören, ja er sah alles überdeutlich vor sich – der Medicus drang mit der Zunge in sie ein, er hörte das Schlecken und er hörte das Atmen des Mädchens, er spürte ihre Gier, und dann war sie es, die ihn befriedigte, so wild, daß er sie besänftigte, indem er sie heftig an den Haaren zog, sie schrie auf – alles war über-, überdeutlich zu hören, und wieder schlug das Herz des armen Mädchens wie die Glocken eines gewaltigen Turms. Der Täubenfüßer preßte die linke Hand auf das linke Ohr und das andere gegen die Matratze, um dies nicht hören zu müssen, doch umso deutlicher war all das Keuchen und Würgen und Schmatzen zu vernehmen, es war ihm widerlich wie nie zuvor. Als endlich ein langes Stöhnen des Mädchens zu ihm heraufdrang, war ihm, als durchbohre man ihn mit einem stumpfen Schwert.

Wochen, Monate vergehen, ohne daß eine Besserung oder überhaupt eine Veränderung mit dem Täubenfüßer eintritt. Eines nachts wacht er auf. Sicher ist frischer Schnee gefallen, denkt er erst, denn es ist ungewöhnlich hell. Doch das konnte nicht sein, jetzt nicht mehr. Auch war es nicht kalt, ganz im Gegenteil. Im Haus ist nichts zu hören, nicht mal das Rascheln der Mäuse. Er legt beide Hände wie ein schützendes Dach auf seine Stirn, so hell ist es jetzt. Beide Hände? Er sitzt aufrecht auf seiner Bettstatt und blinzelt mit den Augen, so als müsse er direkt in die Sonne blicken. Er steht auf und geht einige Schritte. Verblüfft sieht er auf seine Beine und bloßen Füße. Er geht weiter. Das ist nicht mehr meine Kammer, denkt er. Legt er den Kopf in den Nacken, so kann er kaum die Decke des Zimmers erkennen. Irgendwo weiter vorne sieht er eine Chaiselongue und einen kleinen Tisch mit einem Stuhl, alles in weiß, es hebt sich kaum ab von den Wänden. Er geht darauf zu, ihm scheint, eine ganze Weile, ohne näher heranzukommen. So hat er Zeit, sich daran zu gewöhnen, daß er wieder gehen kann, barfuß auf einem sonnigen, warmen Boden aus glatten, hellen Steinen. Das weiße Gewand, das er trägt, ist leicht und angenehm. Plötzlich kommt ihm der Gedanke, daß er tot sein muß, ja, daß er im Jenseits ist, im Reich der Seelen, und schon erfüllt dieser eine Gedanke seinen ganzen Leib, ihm wird schwarz vor Augen, neue, aber böse Gedanken prasseln auf ihn ein wie eine Gerölllawine, er taumelt, er stürzt, er wird fallen, hinab und hinab bis zum jüngsten Tag, doch nein, es geschieht wie ein Riß, plötzlich ist es wieder hell wie zuvor, er steht auf beiden Beinen und blinzelt ins Licht.

Ein schöner alter Herr in höfischem, ganz weißem Gewand steht unversehens vor ihm und reicht ihm zur Begrüßung die Hände. Ich habe auf Euch gewartet, sagt er strahlend, wir haben eine Aufgabe zu erfüllen, kommt! Dann gehen sie, wie alte Freunde, ein Stück schweigend durch den Raum. Die Wand, auf die sie zugehen, scheint zu leuchten. Sie gehen eine Weile, dann legt er sich auf die Chaiselongue, während der alte Herr sich an den Tisch setzt und eine Feder zur Hand nimmt. Nun, sagt er, ich bin bereit. Täubenfüßer muß all seine Kräfte zusammennehmen, um zu begreifen, was vor sich geht. Er ist jetzt sehr aufgeregt, sein Herz schlägt wie wild, und er weiß nicht, wie beginnen. So fragt er den alten Herrn, und er ist fast ein wenig befremdet, seine eigene Stimme zu hören, wer er denn sei, und welche Aufgabe denn zu bewältigen ist. Der Andere aber lächelt und tunkt statt einer Antwort die Feder in ein Tintenfaß mit weißer Tinte. Wir sind uns, sagt er, schon häufig begegnet, und nicht immer war ich willkommen, genauer gesagt war es wohl so, daß ich immer zur falschen Gelegenheit in Erscheinung trat. Ein Tropfen Tinte fällt von der Feder auf das Papier und bildet einen schwarzen Fleck, der schnell größer wird und eine Silhouette bildet. Täubenfüßer steht auf und betrachtet den Fleck. Er denkt angestrengt nach, er ist nah dran, etwas zu begreifen, doch er kommt nicht drauf. Schließlich ist er so wütend auf sich, daß ihm die Tränen in die Augen steigen und er mit dem Fuß aufstampft. Der Andere lächelt freundlich. Was diese Aufgabe betrifft, sagt er endlich, als Täubenfüßer sich wieder auf die Chaiselongue gelegt hat, so habt Ihr doch um Hilfe gebeten, auch wenn es mehr ein Selbstgespräch war als sonst irgendetwas. Nun, ich habe es vernommen, und als niemand sich um Eure Bitte zu kümmern schien, bin ich zu euch geeilt, um zu Diensten zu sein. Ihr wollt eine neue Schrift verfassen, in der Euer beider Leben, Eures und jenes des Magisters Adam Bernd, zusammengestimmt ist, nicht wahr? Nun, mein Sohn, ich weiß, Du hast eine Lebensbeschreibung verfaßt, doch Du hast nicht alles aufgeschrieben, und noch dazu ist die Schrift verloren. Ja, sagt Täubenfüßer, und wieder erschrickt er fast ein wenig über seine eigene Stimme, mein Lebensbericht, den der Magister fand, in dem auch jenes Erlebnis in Breslau geschildert ist, so wie ich es mir imaginierte, und all meine Rachegelüste und die Spitzelei für diesen Urian, war plötzlich verschwunden. Manchmal denke ich, ich selbst habe ihn vernichtet, in einem wahnhaften Augenblick. Die Wahrheit begriff ich ja erst, als ich Aufzeichnungen des Magisters fand. Heinrich holte tief Luft. Und dann dieser Fehldruck, fuhr er fort, der mir geblieben war, den mir Heinsius ausgehändigt hatte, wegen unserer alten Vertrautheit, wie er sagte, obwohl er Geld dafür nahm, wenn ich mich recht erinnere. Beides lag in meiner Wohnung an geheimer Stelle, und es ist grausam, diese Schrift nicht mehr zu besitzen. Ich hätte sie ergänzen müssen. Täubenfüßer ist plötzlich sehr erschöpft. Ihm ist mit einem Mal, als habe er Stunde um Stunde gesprochen, einzig um nicht zugeben zu müssen, diese Silhouette nicht erkannt zu haben. Es ist natürlich die Adam Bernds, das ist ihm nun aber endlich klargeworden, und es scheint eine Frage damit verbunden zu sein, auf die er keine Antwort weiß. Er wagt es nicht mehr aufzusehen und schließt die Augen, doch alles bleibt hell und strahlend wie zuvor. Bringt mich nun, sagt er endlich müde, zurück in mein Sterbezimmer, es war ein unrechter und anmaßender Gedanke, mir zu wünschen, all das noch tun zu können. Bringt mich zurück. Ein Schweigen tritt ein, ein langes, langes Schweigen, in dem selbst der eigene Atem verrinnt. Wie versteinert liegt Täubenfüßer und wagt nicht, die Augen zu öffnen, durch deren Lider das Weiß hindurchdringt. Ich kenne, hört er plötzlich den schönen alten Herrn sagen, es müssen Äonen vergangen sein, ich kenne den Beginn all der Geschichten, ja ich kenne sie ganz und gar, bis zu ihrem Ende, so wie sie hier stehen, auch die Eure, die ihr mir diktiert habt, Ihr erinnert Euch, und die ich in Händen halte. Bleibe also bei mir, mein Sohn, damit ich Dir Dein Leben zu Gehör bringen kann, denn hören konntest Du ja schon immer gut.

Täubenfüßer will aufstehen, denn er will die Geschichte nicht hören, sie ist zu Ende erzählt, er will zurück, das hatte er doch deutlich gesagt, aber er kann sich nicht rühren, die Beine versagen ihm den Dienst. Noch einmal nimmt er all seine Kraft zusammen, nein, es will nicht gelingen. Da dringt von unten aus dem Haus ein Schrei an sein Ohr, kehlig, alles durchdringend, und nur einen Augenblick später und fast noch sich vereinigend mit dem erlösenden Schrei der Johanna Rosina, ertönt ein weiterer, ein nur kurzer Schrei ganz anderer Art, eine neue Seele ist der Welt geschenkt, und das ist dann das letzte, das Heinrich Holzkötter, genannt der Täubenfüßer oder auch Herr Daubenfuß, in diesem Leben hört. Möge seine Seele in Frieden ruhen!

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<= Kapitel 26

*Anlässlich meines baldigen zweiten Aufenthaltsstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen, der erste Aufenthalt dort fand 2010 statt, veröffentliche ich meinen damals begonnenen und inzwischen fertiggestellten Roman Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache aus meinem Nachlass zu Lebzeiten heraus online auf dieser meiner Website.

Hinweis: Das Copyright © und alle denkbaren Rechte an „Ankerlichten oder: Des Herrn Daubenfußes Rache“ liegen weltweit und darüber hinaus bei Norbert W. Schlinkert. Das Kopieren des Textes oder einzelner Teile ist ausschließlich für den privaten Gebrauch gestattet, sonstige Be- und Verarbeitung und eine Verbreitung in welcher Form und mittels welcher Medien und Techniken auch immer ist unter keinen Umständen gestattet.

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