„Ankerlichten“ in Zeiten der Corona (I)

Vorgestern, am 29. März des Corona-Jahres 2020, schrieb ich einen Beitrag auf diesem meinem Blog. Auf den Hinweis, ich arbeite nun an der gleichsam finalen Fassung meines historischen Romans Ankerlichten, fragte Alban Nikolai Herbst per Kommentar, ob es denn nicht sinnvoll sei, wie ja auch Die Dschungel stetig tue, immer wieder einzelne Abschnitte nach und nach in die Prenzlauer Berge zu stellen, so dass die Entwicklung des Romans mitgelesen werden könne. Eine gute Idee, der ich folgen werde, nur ist auch hier die Frage zu stellen, in welcher Form und Art und Weise das geschehen soll. Die besonderen Umstände der Corona-Pandemie lassen sich nun sicher nicht vollständig ausblenden, auch nicht bei der Arbeit an einem 2009 begonnenen Romantext, der die Zeit um 1700 behandelt, denn von alltäglicher Routine kann ja kaum die Rede sein, wenn mir schon das Einkaufen von Lebensmitteln mitunter schwere Sorge bereitet angesichts des unsichtbaren Feindes SARS-CoV-2, mal ganz zu schweigen von der Sorge um die Liebsten, die mich umtreibt wie wohl die meisten Menschen auf diesem Planeten Erde.

Nun aber zur Sache: Ich werde Abschnitte des Romans hier einstellen, die gleichsam die vorletzte Version darstellen, da ich am Ende den Roman in einem Rutsch als Ganzes in möglichst kurzer Zeit noch einmal durchsehen werde, um die Version zu erhalten, die einem Lektorat als Grundlage dienen wird, so denn ein Verlag die Lust und den Mut aufbringt, den Roman zu veröffentlichen. Aber soweit sind wir noch nicht, zunächst muss ich die intensivste Arbeit leisten.

Der Roman umfasst zur Zeit 460 Normseiten á 1800 Zeichen, aber da ich eine strikte Verdichtung des Textes anstrebe, rechne ich am Ende mit etwa 400 Normseiten.

Hier also der Beginn des Romans, Erstes Buch, Erstes Kapitel:

SIEBENHUFEN

Johann Bernd der Ältere, Kohlgärtner seines Zeichens, legt das linke Ohr an die Tür seines kleinen armseligen Hauses in Siebenhufen, einer der Vorstädte Breslaus. Er ist eben zurück aus der Stadt an diesem letzten Märztag des Jahres 1676. Über Nacht hatte es noch einmal strengen Frost gegeben, als wolle der Winter einen letzten Gruß senden. So steht er da und friert wie ein Schneider, betrunken wie er ist. Die Hebamme musste wohl, überlegte er, seiner Frau inzwischen Bier oder Branntwein eingeflößt haben, denn Elisabeth, die alle Elisa nennen, fluchte nur noch leise vor sich hin. Manchmal klapperte etwas dort drinnen, ab und an ein Jaulen wie von einem Köter, dem man in die Seite tritt, dann wieder nichts oder nur seinen Namen, Johann. Was hat sie mich nicht verflucht in den letzten Monaten, dachte er. Nicht etwa Gott oder die Kirche oder Jesus Christus hatte sie mit Flüchen belegt, nein, sie verflucht, denkt Johann, immer nur mich. Weil ich sie durch meine Wollust in diesen Zustand gebracht habe. Er lachte bitter auf.

„Dabei ist es doch Gottes Wille, Kinder in die Welt zu setzen“, murmelte er vor sich hin, während er um die Ecke geht zum Pinkeln, denn dass ein Mann auch im fünfzigsten Lebensjahr den Wunsch in den Eingeweiden spürt, mit seiner noch jungen Frau ein Kind, einen Sohn, zu zeugen, darin konnte er beileibe nichts Falsches sehen.

„So hat Gott uns erschaffen“, lallt er, die Hosen wieder zubindend und entschlossen zurückstampfend, „oder etwa nicht!“

Vollkommene Stille ist eingetreten. Nichts mehr ist aus dem Innern zu hören. Er legt das Ohr wieder an die Tür, zuckt aber sogleich zurück.

„Verflucht sei der Hund von einem Schreiner, der Papistenbock“, bölkt Johann los und zieht einen kleinfingerlangen Splitter aus seinem Ohrläppchen. Jammernd läuft er ein paar Schritte, gerät auf eine zugefrorene Pfütze und gleitet aus.

„Zum Teufel“, schreit er und versucht sogleich, wieder auf die Beine zu kommen, schlägt aber wieder hin. Betrunken ist er, in dieser Schenke war er gewesen, die ein junger Kerl aus dem Welschland betreibt. Doch wohin hätte er sonst gehen sollen! Er dreht sich, kommt auf die Knie, auf die Füße, steht, die Arme wie kaputte Windmühlenflügel in die Luft werfend, dann rutscht er mit beiden Füßen gleichzeitig weg und knallt auf den Hinterkopf. Benommen bleibt er liegen. Ein Sausen in seinem Schädel, Sterne sieht er und kein Mensch in der Nähe, ihm zu helfen. Naja, denkt er also, wenn ich schon nicht wieder auf die Beine komme, müde wie ich bin, warum nicht ausruhen, bis die Frau das Balg geboren hat? Ja konnte denn nicht jeden Augenblick die Tür aufgehen und es käme statt einer Schlampampe von Hebamme ein würdiger Herr heraus, ihm seinen Sohn zu bringen!

„Nicht so eine Schlampampe“, begann er laut zu singen, „so schmutzig Weib, wohnt in den Winkeln und stiehlt Männern die Zeit! Kämmt nicht die Haare, voll Flecken das Kleid, halte dich ferne, sonst tut es dir leid! Ha!“

Ich hätte Dichter werden sollen, denkt er und sieht blinzelnd in Richtung Tür, und tatsächlich steht da plötzlich wie aus dem Boden geschossen ein Mann, der etwas in den Armen hält und ihn mit wohltönender Stimme anspricht.

„Es ist dir ein Sohn geboren worden“, sagt der Mann, „ein prächtiges Kind, wie ich es mir prächtiger nicht wünschen kann.“

Und der fremde Herr legt ihm das Kind, eingewickelt in eine golddurchwirkte Decke, in den Arm, ein schönes Kind, ja, das sieht der stolze Vater sofort. Es lächelt ihn an. Auch der würdige Herr lächelt, nein, er lacht sogar, lacht schallend, und seine Augen blitzen geradezu. Und sind da nicht deutlich Hörner auf seinem Kopf zu erkennen! Das Lachen schwillt weiter an, auch das Kind scheint zu lachen. Und hat nicht auch das Kind, sein Kind, sein Sohn, Hörner, Teufelshörner, Satanszacken? Es lacht, hell und schrill, der alte Johann will sich die Ohren zuhalten, doch er hat ja das Kind in den Armen. Endlich aber hält das Balg inne. Besorgt sieht es ihn an.

„Vater, Vater, wie ist dir?“, sagt es schließlich.

Ihm treten Tränen in die Augen. Sein Sohn spricht mit ihm, nennt ihn Vater, liebster Vater.

„Ich habe einen Sohn“, ruft er, „ich habe einen Sohn! Einen Königssohn!“

Endlich gelingt es Elisabeth und Johann, den Vater hochzuheben und ihn in das Haus eines Nachbarn zu bringen. Die Wunde am Kopf muss versorgt werden, aus der nun immer mehr Blut austritt und in einem stetigen Rinnsal dem Vater, der leise vor sich hin jammert, in den Kragen läuft. Von der anderen Seite der Gasse her ist gedämpft ein Schreien zu hören.

„Bleib hier“, sagt Johann zu seiner Schwester, „der Vater braucht uns, er ist durchfroren und blutet.“

Elisabeth nickt und murmelt ein Gebet wider den Teufel, der im Vater wütet und der auch der Mutter zusetzt. Die Geschwister sehen sich wissenden Blickes an, sagen aber nichts. Schließlich finden sich im Haus ein paar saubere Lappen, die sie dem Vater um den Kopf binden. Dann will er wieder hinaus und verlangt Schnaps, den er bekommt.

„Zum Teufel“, schreit er, als er in die dämmerige Gasse tritt, „will denn die Brut nicht hinein in die Welt! Will sie nicht?“

Bereits am gestrigen Tage war mit der Niederkunft gerechnet worden. Die Wehen hatten eingesetzt, ebbten dann jedoch wieder ab. Man legte die Schwangere zu Bett und versuchte sie zu beruhigen, doch je weiter die Nacht voranschritt, desto mehr litt sie Schmerzen. Selbst die Fußfesseln schwollen an und ebenso die Handgelenke, die Ohren, die Augen, der Kiefer, alles tat ihr empfindlich weh, ja der ganze Körper wurde überschwemmt von Wellen des Schmerzes. Sie erbrach das Wenige, was sie zu essen vermochte, selbst das Bier kotzte sie gleich wieder aus. Die Hebamme, eine trotz ihrer jungen Jahre recht erfahrene Frau, die ihren Mann kurz zuvor im Krieg verloren hatte und selbst schwanger war, tat ihr Bestes. Sie fuhrwerkte schwitzend und vor sich hinmurmelnd hin und her, stellte Elisa immer wieder auf und versuchte mit Reiben und Streicheln, mit Heben und Ziehen die Geburt einzuleiten.

„Das Kind lebt“, ruft sie unentwegt, „es bewegt sich!“

Schließlich aber sagt Elisabeth selbst, sie werde sich nicht eher wieder zu Bett legen, bis das Kind heraus sei. Mit vereinten Kräften stellt man die Schwangere aufrecht an einen Pfosten. Die Hebamme befühlt den prallen Bauch, horcht mit dem Rohr, drückt Elisabeth sorgsam in die Hocke und greift mit zusammengeschobenen Fingern tief in die Vulva hinein.

„Hoffen wir auf Gott“, sagt sie.

Da stand Elisa nun an einen Pfosten gelehnt mitten in der Stube, während ihr besoffener Mann in der Dunkelheit vor dem Haus wartete und lauschte, ob denn nicht endlich das Kind heraus sei. Am frühen Morgen schon hatte er bei Eiseskälte, stocknüchtern noch, hier gestanden, sechs oder sieben Nachbarinnen drinnen in seinem Haus, aus dem er selbst ausgesperrt war. Erschöpft und geistesabwesend kamen sie heraus, um Wasser zu holen oder ein wenig Luft zu schnappen. Ein Schwall Wärme quoll aus der Türöffnung, ein scharfer Geruch nach Schweiß und Kotze. Alle sahen ihn böse an und sagten kein Wort. Und da war er eben nach Breslau in eine Schenke gelaufen, statt in der Kälte zu warten. Es ist nicht meine Schuld, hatte er gedacht, dass eine Frau unter Schmerzen gebären muss, es ist der alte Adam, der die Sünde in die Welt gebracht hat. Keine ihrer Geburten aber war so schwer verlaufen. Niemals waren die Schmerzen so stark gewesen. Und je länger eine Geburt andauerte, das wusste er, desto mehr schwoll das Gerede in Siebenhufen an, das Kind sei womöglich vom Teufel besessen, eine Nottaufe nötig, die die Hebamme vornehmen müsse, wenn es tot zur Welt käme oder gar schon, bevor der kleine Leichnam aus der Frau herausgezogen wurde. So redeten die Leute, das hatte er selbst oft gehört. Aber auch seine eigene, innere Stimme war jetzt schrill und böse, denn wie sollte er wissen, was es zu bedeuten hatte, dass seine Frau nicht niederkam.  

Er konnte sich gut an die Nacht erinnern, in der er das Kind zeugte. Tagsüber hatte es Streit gegeben, wie so oft, es ging um Johann, der Kretschmar werden wollte mit seinen bald sechzehn Jahren. Die Mutter sagte, ein Säufer in der Familie sei genug, sie erlaube es nicht, dass ihr Sohn sein Leben im Wirtshaus zubringe. Am Ende hatte man sich wieder vertragen und ein Gebet gesprochen. Als aber alles bereits schlief und schnarchte, nicht nur seine Frau, sondern auch der Sohn und die vier Töchter, da erstanden in ihm Gedanken, die seine Wollust steigerten. Er betete, es möge nicht nur die Schwüle der Luft sein oder eine Versuchung des Teufels, die sein Glied aufrichtete und pulsieren ließ. Aber nachdem er leise noch ein weiteres, langes Gebet wider den Teufel und die Wollust verrichtet hatte, die sich dadurch aber noch zu steigern schien, schlich er im grauen Zwielicht in die Kammer und holte das Beischlaflaken. Seit drei Jahren war es nicht benutzt worden. Sich das Hemd über den Kopf ziehend weckte er seine Frau und bedeutete ihr, sie möge sich bereithalten.

„Glaube mir, liebe Frau“, flüsterte er, „Gott der Herr gab mir einen Fingerzeig.“

Er half ihr das Hemd auszuziehen und legte das Laken über sie, so dass unten die Füße herausragten und oben der Kopf. Dann suchte er die kleine Öffnung, führte sein Glied hindurch und drängte hinein. Doch er bemerkte den Schmerz, den er ihr bereitete, löste sich und schlich wie ein Satyr, nur mit seiner Männlichkeit bewaffnet, durch das wie mit angehaltenem Atem verharrende Haus. Er suchte eine Weile tapsend an der Feuerstelle herum und fand endlich den Krug mit Schmalz, schlich zurück und reichte das Gefäß seiner Frau. Es ist, dachte er des Morgens beim Erwachen, wirklich viel Wollust in mir gewesen, und mochte es am Schmalz gelegen haben oder daran, dass er kein junger Mann mehr ist, es wollte zu keinem Ende kommen. Er fuhr ein und aus, wieder und wieder, er geriet in Schweiß, kaum noch spürte er sein Glied. Er glühte am ganzen Leib. Aber auch Elisabeth geriet in Hitze, strampelte das Laken von sich und starrte ihn im Dämmerlicht an wie ein waidwundes Tier. Schmerzhaft gruben sich ihre Fingernägel in seinen Rücken. Die Geschwister indes lagen lange schon wach und lauschten erregt und ängstlich. Elisa war bald nur noch ein einziges langgezogenes, auf- und abschwellendes leises Jammern, sie vermochte sich nicht zu wehren gegen das Zittern und Wogen in ihrem Leib, gegen das Aufbranden all der Glut, und erst als sie wie besinnungslos auf ihn einschlug, mit den Fäusten auf seinen Hintern und Rücken, entlud er endlich, japsend und kehlig, als täte er seinen letzten Atemzug auf Erden.

(…)

===> (II)

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2 Responses to „Ankerlichten“ in Zeiten der Corona (I)

  1. ANH sagt:

    Klasse!

    (Bitte dran denken, Schlagwörter – tags – zu definieren, auf jeden Fall Autorenname und Titel des Romans. Dann kommt er in Googles Kulturschatz hinein.)

  2. Danke!

    (Das mit den Schlagwörtern vernachlässige ich in der Tat viel zu oft! Ich werd’s ändern.)