Der Bücherfreund

[Der Bücherfreund; 7 Seiten]
© Norbert W. Schlinkert 1990/2002 – Alle denkbaren Rechte beim Autor

In der Buchhandlung herrscht eine Unruhe, die niemand sich so recht eingestehen oder gar öffentlich zugeben wollte. Wie nebenbei schauten die Buchhändlerinnen immer wieder zur Uhr über dem Regal für Psychologie und Lebenskunst. Noch eine gute viertel Stunde bis Geschäftsschluß, noch fünfzehn Minuten Zeit. Otti, Charlotte und Grit hatten sich in den Jahren, seit sie die Buchhandlung besaßen, an einen gewissen Tagesrhythmus und Kundenkreis gewöhnt. Nicht etwa, daß ein Tag wie der andere wäre, nein, schon saisonbedingt war dem nicht so. Immer blieben natürlich auch einige Bestellkarten in dem kleinen Holzkasten links neben der Kasse zurück; das machte nichts, die Kunden würden die bestellten Bücher dann eben am nächsten oder übernächsten Tag abholen. So war auch heute noch ein Kärtchen da für einen Band Thomas Bernhard und für die Taschenbuchausgabe eines Beckett-Romans, dazu Astrid Lindgren, Franz Kafka, Wolfgang Koeppen und so weiter. All diese Bücher würden den Weg zu ihren Lesern finden, das alles war nicht der Rede wert. Der Rede wert aber waren die Bestellkarten, die, durch ein Gummiband zusammengehalten, hinter all den Bernhards, Kafkas und Becketts in einem weiteren kleinen Kasten standen: die Bestellungen für die Goethe-Bücher! Drei gebundene Ausgaben, sechzehn reclam-Heftchen, ein Band mit Goethe-Zeichnungen, eine Gedichtsammlung, dazu ein bibliophiles Büchlein von besonderer Schlichtheit. Die zu den Kärtchen gehörenden Bücher waren pünktlich eingetroffen und lagen an dem gewohnten Platz, ihrer Abholung harrend. Keine der drei Frauen machte sich Gedanken wegen der Bücher an sich; ihr Zwischenhändler nähme sie zurück, würden sie nicht abgeholt. Nein, Sorgen machten sie sich um den Besteller der Bücher, einen Herrn Traugott Kaspar, ein Herr mittleren Alters, also über die Fünfzig hinaus, und einer ihrer besten Kunden.

Vor nicht ganz zwei Jahren war er zum ersten Mal in ihrer Buchhandlung erschienen. Er hatte Die Wahlverwandtschaften gekauft und Faust I bestellt; das allein wäre nichts Besonderes, mitten in Deutschland. Am nächsten Tag war er wieder erschienen, hatte das bestellte Buch abgeholt und war dann eine Weile nicht mehr gesehen worden. Auch die nächsten Besuche des Herrn Kaspar, einige Zeit später, waren nicht ungewöhnlich gewesen. Allerdings kaufte er ausschließlich Goethe. So erwarb er nach und nach alle erhältlichen Einzelausgaben, wobei es durchaus auffiel, daß er somit jedes Werk mindestens doppelt besitzen mußte, wenn diese auch gelegentlich in Interpunktion und Schreibweise leicht voneinander abwichen. Sicher ist Herr Kaspar ein Kenner, dachten sich die drei Buchhändlerinnen, er wird wohl wissenschaftlich arbeiten. Er war also zum Stamm-, ja Hauptkunden geworden. Er kaufte der Reihe nach alle Gesamtausgaben und Gesammelten Werke und bezahlte immer sofort und in bar, selbst wenn es sich um immense Summen handelte, etwa als er die Weimarer Gesamtausgabe in einhundertunddreiundvierzig Bänden erwarb. So wurde er bei den drei Freundinnen immer mehr zum Gesprächsthema, obgleich nie über ihn gespottet wurde: dazu war die Sache zu ernst!

Das alles lief also, an Intensität weiter zunehmend, über Monate. Traugott Kaspar kam mehrmals in der Woche und kaufte Goethe; und natürlich fast immer Bände, die er schon sein Eigen nennen konnte. Das Angebot, jeweils am Ende des Monats per Rechnung zu bezahlen, lehnte er mit der Begründung ab, dann läge das Geld bei ihm zuhause herum; nein, nein, der Tausch Ware gegen Geld von Hand zu Hand, das sei ihm am liebsten. Schließlich kam er täglich zur Abholung seiner Bücher und bestellte ebenso regelmäßig neue hinzu, die in den nächsten Tagen eintreffen würden. Fragen, etwa nach der Größe seiner Wohnung, die ja riesig sein müsse, schon wegen der notwendigen Regale, beantwortete er, da sie ihm offensichtlich als zu persönlich erschienen, nur mit einem Lächeln; er wünschte keinen persönlichen Kontakt mit seinen Buchhändlerinnen, das war nur allzu deutlich. Dies wurde selbstverständlich respektiert. Es machte ihm augenscheinlich nichts aus, daß er folgerichtig weiterhin nur mit höflicher Distanz behandelt wurde. Eine Korrektheit im gesamten Verkehr, von der Begrüßung über Höflichkeitsfloskeln bis zur Verabschiedung, behielt er bei, auch dann noch, als sein Äußeres schließlich nur noch entfernt ahnen ließ, welcher Herr mittleren Alters vor Zeiten bei ihnen Kunde geworden war.

In der Tat kam er seit einigen Wochen jeden Tag ein wenig schmuddeliger und zerrissener zur Abholung seiner Bücher, eines Tages sogar mit aufgesprungener Lippe und einem blauen Auge. Otti, Charlotte und Grit sorgten sich mehr und mehr, bezwangen sich aber, die von ihm offensichtlich gewünschte Distanz weiterhin zu respektieren. Er kam also wie üblich täglich, bezahlte und nahm seine Bücher, nun aber durchaus ohne ein überflüssiges Wort zu verlieren. […]

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