Die Schaffensruine

[Die Schaffensruine; 7 Seiten]
© Norbert W. Schlinkert 2002/2008 – Alle denkbaren Rechte beim Autor

Es war eine schöne Feier gewesen, ja er hätte fast sagen mögen, eine anrührende Feier, doch das wäre zu altmodisch. Er war nicht altmodisch. Natürlich, wäre er einem normalen Beruf nachgegangen, so säße er sicher seit fünf oder zehn Jahren als Rentner in seinem Garten herum und gösse seine Blumen, zöge seinen Kohl, jöte das Unkraut und so weiter. Nein, er war nicht alt und er war nicht altmodisch, zumindest hatte er das angenommen bis zu dem Tage seines siebzigsten Geburtstags, also gestern. Eigentlich waren alle gekommen, oder fast alle, wenn man genau war. Und das, obwohl er nicht eingeladen hatte! Seine Exfrau Sibylle war sogar überraschend aus Ungarn angereist, wo sie als Kuratorin für eine Museumsausstellung tätig ist. Sicher hat sie noch andere Gründe gehabt, nach Deutschland zu reisen, doch er hatte sich trotzdem sehr gefreut.
(…)
Sein letztes Buch, ein Band mit Erzählungen, war vor drei Jahren, zu seinem siebenundsechzigsten Geburtstag, herausgekommen. Zu einer Taschenbuchauflage hatte es nicht gereicht, doch mit seinem neuen Werk, einem Tagebuchroman, würde das anders aussehen. Wahrscheinlich würde zumindest sein Lektor heute noch anrufen. Da ließen sich, nach den Glückwünschen, sicher einige Kleinigkeiten besprechen. In gut zwei Monaten wäre das Manuskript beendet, wenn nichts dazwischen kam; das jedenfalls konnte er ohne weiteres zusagen.
(…)
Zwei, drei Stunden später war das Haus bereits voll und die ersten Tänze waren vollführt. Es wurde geraucht, vorzugsweise, wie bei Schriftstellers üblich, Pfeife und Zigarre, es wurde getrunken, geredet und gescherzt. Seine Exfrau, so mußte er konstatieren, klebte geradezu wie eine Klette an ihm und machte frivole Anspielungen auf sein Schlafzimmer, die er nicht verstand. Sie hatte nicht ein Mal hier übernachtet; die Fertigstellung des Hauses und die Scheidung waren in den gleichen Zeitraum gefallen. Das war jetzt sieben, nein, acht Jahre her. Mit dem Jüngeren jedenfalls war sie nicht besonders glücklich geworden, wie es schien. Schlafzimmer kam trotzdem nicht in Frage. Natürlich nicht. […]

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