Ewigkeit

[Ewigkeit; 5 Seiten]
© Norbert W. Schlinkert 2002/2009 – Alle denkbaren Rechte beim Autor

Das kleine Gesicht war für einen Moment uralt. Hatte ich etwas Falsches gesagt? Ich saß seit einer guten halben Stunde auf dieser Bank, gegenüber dem mehr oder weniger imposanten Gebäude der Kirche, einem weißgekalkten Bau aus dem frühen 19. Jahrhundert. Der Junge, sieben, acht Jahre alt, wie sollte ich das wissen?, war allein aus der Kirche herausgekommen, obgleich die Messe noch andauern mußte, so dachte ich, als ich hochblickte von meinem Buch, aufgeschreckt durch das schwere Ins-Schloß-Fallen der Türe. Wie nur, dachte ich weiter, den Daumen ins Buch legend und es halb zuklappend, kann ein Kind solch eine schwere Eichentür aufbekommen?

Das Dorf war wie ausgestorben. Der Himmel über den nahen, mit Nadelbäumen bestandenen Bergen wirkte mehr als stahlblau, war stahlblau, ebenso wie das Grün der Wiesen als sattgrün durchgehen konnte. Die Kirche kalkweiß, so weiß, daß das Licht dieses Sonntagmorgens, auch wenn die Sonne erst die oberen Hänge beschien, mich blendete, wenn ich aufsah.

Die gesamte Einwohnerschaft des Dorfes muß wohl, so mein Eindruck, in die Kirche getrottet sein, trotz des schönen Morgens und natürlich eigentlich wegen des ohrenbetäubenden Lärms der Glocken. Oder umgekehrt; ich wußte es nicht. Ob ich denn wirklich nicht mitkommen wolle, hatte sie mich gefragt, es würde sicher sehr schön werden. Ich hatte nein gesagt in einem Ton, der die Absurdität der Frage hätte unterstreichen sollen. Sie aber lächelte, gab mir einen Kuß und steuerte zielsicher auf die Kirche zu. Zum Glück hatte ich das Buch bei mir.

Ich wartete also, bis das Geläut endlich aufgehört hatte und setzte mich auf eine Bank. Vor mir lag der Kirchplatz mit seinen gepflegten Blumenrabatten am Rande und dem Holzkreuz in seiner Mitte, das, von Blumen und drei oder vier Bänken umgeben, hoch aufragte. Die Bänke waren sicher auch, ebenso wie diejenige, auf der ich nun saß, von der hiesigen Sparkasse gespendet worden. Ein Messingschild deutete das dezent an. Ich nahm das Buch zur Hand und schlug es auf. „Meine Schöne betend in der Kirche“, sagte ich einige Male halblaut vor mich hin, bevor ich mich endlich auf das Buch konzentrieren konnte.

Der Junge trug ein weißes Sommerhemd, eine blaue Stoffhose und weiße Socken in braunen Ledersandalen. Die glatten blonden Haare waren ordentlich gescheitelt. Da er sicher nicht allein in die Kirche gegangen war, muß er also entwischt sein, dachte ich; vielleicht hat er die Ergriffenheit der Eltern oder Großeltern für seine Flucht genutzt. Er stand also dort vor der schweren Eichentür. Sicher würde ihm der Nachtisch gestrichen werden. Er sah sich um. Ob er mit einem Spielkameraden verabredet war, der jeden Augenblick hinter einer Ecke auftauchen konnte? Ein zotteliger, ebenfalls blonder Junge, so etwa stellte ich ihn mir vor. Doch nichts geschah. Kein Rufen, kein Pfeifen. Sicher würde die Türe hinter ihm bald abermals aufgehen und eine mißmutige Mutter würde ihn unter geflüsterten Drohungen zurück in die Kirche ziehen.

Warum tat er nichts? Er schien mich noch nicht entdeckt zu haben; einen Moment lang sah ich wieder in mein Buch, wenn auch an ein Weiterlesen nicht zu denken war. Dann stand der Junge plötzlich und unvermittelt vor mir. „Weißt Du“, sagte er leise, nachdem er mich zunächst stumm gemustert hatte, „was das ist, die Ewigkeit?“ Ich muß wohl ein wenig erschrocken ausgesehen haben. Er wiederholte die Frage. Ein kleiner Junge, der sich soeben aus der Kirche gestohlen hatte, fragt mich also, was die Ewigkeit ist, dachte ich, in einem Dorf, in dem meine Freundin unbedingt zur Kirche hat gehen wollen, nachdem wir die Nacht ungemütlich im Auto verbracht hatten. Ich legte das Buch auf die Bank und sah den Jungen an. […]

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