Schneeflocken

[Schneeflocken II; 7 Seiten]
© Norbert W. Schlinkert 2002/2010 – Alle denkbaren Rechte beim Autor

Alles schien so klein, so reduziert. Er war ein Riese, geradezu.

Die lange Abfahrt, am Haus der Großeltern vorbei, auf der er wintertags mit seinem Schlitten herabgesaust war, das steilere obere Stück, das beim Wiederhinaufgehen einer letzten Anstrengung bedurfte, um sich und den Schlitten auf den flacheren Bereich zu retten, das alles war nichts weiter als eine kurze, leicht ansteigende Straße, an der links wie rechts nicht mehr als zwei Häuser mitsamt Gärten Platz hatten. Mit wenigen Schritten war er oben. Er wandte sich nach rechts. Ein großer, aggressiv wirkender Wagen stand dicht an einer Mauer aus Schiefer. Gegenüber ein Garten mit einem kleinen Schuppen, neben dem Brennholz gestapelt war. Es roch nach Wald, nach feuchten Nadeln, nach modrigen Tannenzapfen. Bald mußte linker Hand ein Weg von der Straße abgehen.

Seit mehr als einem viertel Jahrhundert war er nicht mehr an dieser Stelle der Welt gewesen, seit dem Tod des Großvaters. Warum er ausgerechnet heute, an einem mäßig kalten Tag Anfang November, nun hier heraufging, wußte er nicht, nicht wirklich. Seinen Koffer hatte er im Nachbarort in einer Gastwirtschaft untergestellt, da es im Bahnhof keine Schließfächer gab. Die Leute steigen hier meist nur um, hatte der Gastwirt gesagt, ein träge wirkender Mann Mitte fünfzig, ohne direkt Auskunft zu verlangen, warum er, Joseph, dies nicht tue wie all die anderen. Ich werde dort später vielleicht ein Bier trinken und eine Kleinigkeit essen, sagte er sich. Warum nicht!
(…)
Noch war es hell, wenn auch ein wenig trübe. Er ging also dort hinauf, jetzt wo er nunmal hier war, ohne es eigentlich geplant zu haben. Oder belog er sich, hatte er, im Gegenteil, sogar sehr genau geplant, hierher zu kommen? Er konnte es nicht sagen. Auf dem Hauptbahnhof Hannover war jedenfalls durchgesagt worden, ein Oberleitungsschaden habe zu der Verzögerung geführt, zu einem Stillstehen fast des gesamten Ost-West-Verkehrs. Sicher wieder ein Anschlag wegen irgendwelcher Dinge, die schwer zu ändern sind, dachte er. Er hatte eine SMS geschickt, in der er mitteilte, er werde erst morgen kommen, er melde sich. Zugverkehr unterbrochen / komme erst morgen / melde mich / Jo, hatte er geschrieben, fast im Stile eines Telegramms. So würde er die Party verpassen, das war kein Beinbruch. Dann hatte er sein Telefon abgestellt und war in einen Zug Richtung Süden gestiegen. Der Schaffner hatte ihm die Strecke, die natürlich durchaus, wenn auch auf Umwegen, zum Ziel führte, herausgesucht. Er war also am übernächsten Bahnhof wieder aus- und umgestiegen. Es wunderte ihn, daß nicht mehr Reisende diesen Weg wählten, einen Umweg auf eigene Faust, anstatt die Zeit mit Warten zu verbringen.
(…)
Vielleicht bin ich nicht auf dem richtigen Weg, dachte er, ein wenig keuchend. Er hätte etwas zu trinken mitnehmen sollen, trotz der Kälte. Der Weg gabelte sich. Nach rechts führte eine Straße, asphaltiert, um einen Zipfel Wald herum. Er folgte ihr. Nach wenigen hundert Metern traf er auf einen Schotterweg. Sicher war er auf der falschen Fährte. Umso überraschter fand er sich kurz darauf vor einem eisernen Tor wieder, hinter dem, im vagen Schatten von Bäumen, Grabsteine zu sehen waren. Er stand dort einige Zeit, wie lange hätte er im Nachhinein kaum sagen können, nur wenige Schritte vom Tor entfernt. Er war weder enttäuscht noch befriedigt, und er machte zunächst keine Anstalten, das Tor zu öffnen und den Friedhof zu betreten. Da bin ich also, sagte er sich mehrmals. Da bin ich also. Er schaute nicht zurück. Vielleicht, dachte er, ist das Tor verschlossen, obwohl er dann, wie er sich sofort eingestand, selbstverständlich nur über die niedrige Mauer klettern mußte. Natürlich. Noch aber zögerte er, das Areal tatsächlich zu betreten. Wäre es nicht ein Zurücktauchen in die Vergangenheit, etwas, welches er sich nicht gestatten mochte, normalerweise? Andererseits war er hier und heute allein, niemand würde ihn sehen, niemand würde wissen, was er hier tat. Er könnte heulen wie ein Schloßhund, er könnte in höllisches Gelächter ausbrechen, ja er könnte sogar beten, wenn er denn wollte, wenngleich er noch nie gebetet hatte, nicht einmal als Kind. Er hatte sich immer beobachtet gefühlt, wenn er die Hände zu falten und irgendetwas, das er nicht verstand, zu sagen hatte. Er schreckte auf. Waren da nicht Schritte zu hören? […]

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