Schwarzer Zug

[Schwarzer Zug; 5 Seiten]
© Norbert W. Schlinkert 2009 – Alle denkbaren Rechte beim Autor

Er hätte dem jungen Mann, der ihm gegenübersaß, gerne seine Geschichte erzählt, die so gut passen würde zu einer nächtlichen Zugfahrt, auch wenn dieser Zug hier nicht ratterte, nicht ständig anhielt, nicht immer wieder von neuem sich quälte, in Fahrt zu kommen. Aber er sprach kein Deutsch, oder doch nur sehr wenig. In keinem Falle würde es ausreichen, seine Geschichte auf eine angemessene Weise zu erzählen. Der junge Mann war sehr zuvorkommend gewesen, hatte den Koffer auf das Gepäcknetz gehoben und ihm sogar aus dem Mantel geholfen. Und jetzt raste der Zug durch die Dunkelheit. Sie hatten sich noch einmal freundlich zugenickt, gleichsam als Einverständnis, die nächtliche Fahrt zusammen in diesem Abteil zu verbringen, aber auch als unausgesprochene Versicherung, sich nicht über Gebühr zu belästigen.
(…)
Das Land lag im Dunkeln. In Deutschland wurde es nach und nach dunkel, nicht so abrupt wie im Süden. Gelegentlich erkannte er in der Welt dort draußen eine leere Straße, beleuchtet, oder eine Lagerhalle, manchmal auch einen kleinen Bahnhof mit toten Bahnsteigen. Der Junge gegenüber las. Gelegentlich nahm er einen gelben Marker zu Hand, steckt ihn in den Mund, drehte ihn, so daß die Verschlußkappe zwischen seinen Zähnen steckenblieb, und markierte dann etwas in seinem Buch. Sehr gewissenhaft, dachte der ältere Herr aus Italien, sehr gewissenhaft. Es schien ein Fachbuch zu sein. Er konnte den Titel nicht recht entziffern. Womöglich etwas Philosophisches, dachte er. Das würde gut passen in einem deutschen Zug. Er selber hatte nichts dabei, denn lesen wollte er nicht, auf keinen Fall, er war es müde geworden. Er hatte so viel in seinem Leben gelesen, und es ist doch ohnehin immer das Gleiche. Seine Schwägerin hatte ihm zwar etwas in die kleine Tasche gesteckt, neben die Orangen und Bananen, doch er hatte den Papierkram rechtzeitig entdeckt und im Taxi unter seinen Sitz fallen lassen. Der Taxifahrer war wohl ein Grieche gewesen, er würde es sicher an einen italienischen Kollegen weitergeben. Ein Band mit irgendwelchen Kurzgeschichten, die er sich, wenn er sie lesen wollte, ja auch in Italien hätte kaufen können, und ein paar Zeitungen. Früher hatte er gerne Romane gelesen, Italo Svevo zum Beispiel. Aber Kurzgeschichten! Na ja.

Von der Welt dort draußen war also kaum etwas zu erkennen. Auf der Hinfahrt hatte er allerdings dieses saftige, dunkle Grün genossen, das so anders war als in Italien, zumindest was den Süden anging. Er schloß die Augen. Er dachte an seine Geschichte, die er nicht erzählen würde. Die Welt kann sehr dunkel sein.
War es nicht, überlegte er, so etwas wie eine eingeschlossene Schwärze gewesen, die damals durch schwarzes Land ratterte und die diese Sache, seine kleine Geschichte, erst ermöglichte? Wer weiß, dachte er, vielleicht würden viele Menschen ganz Ähnliches zu erzählen haben! Wissen sie, junger Mann, so jedenfalls würde er beginnen, spräche er Deutsch, ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen, eine Geschichte, die mir in einem Zug geschehen ist, während des Krieges. Ich war etwa in Ihrem Alter. Der Bursche ihm gegenüber würde aufschauen, höflich distanziert sein Buch halb zuklappen, den Daumen zwischen den Seiten. Gibt es denn nicht genug Geschichten, heutigentags, würde er denken, hat denn nicht jeder seine eigenen? Bitte, würde er dann aber sagen, aus Höflichkeit, hoffend, sie würde weder zu lang noch zu rührselig werden. Bitte! Erzählen sie doch. […]

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