Hören & Sagen (Arbeitstitel)

[Hören & Sagen (Arbeitstitel)]
© Norbert W. Schlinkert 2009ff. – Alle denkbaren Rechte beim Autor

(Beginn des Manuskripts)

Johann Bernd der Ältere, Kohlgärtner seines Zeichens, legt das linke Ohr an die Tür seines kleinen armseligen Hauses, nicht mehr als eine Bretterbude in einer der Vorstädte Breslaus, Siebenhuben oder auch Siebenhufen geheißen, mal so und mal anders, je nachdem. Er ist eben aus der Stadt zurück, an diesem letzten Märztag des Jahres 1676. Über Nacht hatte es noch einmal strengen Frost gegeben, so als wolle der Winter einen letzten Gruß senden. Johann mußte dringend pissen, er hatte einiges vertilgt, doch er wollte, wenn er denn schon einmal zurückgekommen war, auch nicht den Moment verpassen, wenn denn der Odem des Lebens dem neuen Menschenkind eingegeben wurde, wenn es also zu plärren begann. Die Hebamme mußte, überlegte Johann, seiner Frau wohl inzwischen Bier oder Branntwein eingeflößt haben, denn jetzt fluchte Elisabeth, die alle Elisa nannten, nur noch leise vor sich hin. Er konnte kaum etwas hören, manchmal klapperte etwas, dann mal ein Jaulen wie von einem Köter, dem man in die Seite tritt, dann wieder nichts oder nur seinen Namen, Johann. Monatelang hat sie mich verflucht, dachte er, nicht Gott oder die Kirche oder Jesus Christus hatte sie stundenlang mit Flüchen belegt, nein, sie verflucht, denkt Johann, immer nur mich, weil ich und kein anderer sie durch meine Wollust in diesen Zustand gebracht habe. Dabei ist es Gottes Wille, Kinder in die Welt zu setzen, denkt er weiter, während er nun doch hinter das Haus geht und in einen Busch pinkelt, denn daß ein Mann auch im fünfzigsten Lebensjahr gelegentlich den Wunsch in den Eingeweiden verspürt, mit seiner noch jungen Frau ein Kind, einen Sohn, zu zeugen, darin konnte er nichts Falsches sehen. So hat Gott uns erschaffen, sagte er lallend halblaut vor sich, die Hosen wieder zubindend und entschlossen zurückstampfend, oder etwa nicht?

Jetzt ist vollkommene Stille eingetreten, es war womöglich noch stiller als zuvor, nichts mehr ist aus dem Innern der Hütte zu hören. Johann legt das Ohr wieder an die Tür, zuckt aber sogleich zurück. Ein Splitter hatte sich in die Ohrmuschel gedrückt. Verflucht sei der Hund von einem Schreiner, der Papistenbock, bölkt Johann los, verdammter Mist! Jammernd, eine Hand gegen das Ohr drückend, läuft er ziellos ein paar Schritte, gerät dabei auf eine große, zugefrorene Pfütze und rutscht aus. Zum Teufel, schreit er und versucht, sich auf den Beinen zu halten, doch vielleicht hatte er doch ein wenig zu viel getrunken in dieser Schenke, die ein junger Kerl aus dem Welschland betreibt, aber wohin hätte er sonst gehen sollen, ich bin nicht vonnöten, hatte er sich gesagt und war losgestiefelt, denn immer wenn es um die Geburt geht, ist der Mann der Gehörnte, nur Jesus steht in der Kammer und hält Händchen, wenn die Frau eine neue Seele in die Welt entläßt, doch daran denkt er jetzt natürlich nicht, wie er so hin- und herschwankend auf den Beinen zu bleiben versucht, fast findet er, die Füße schräg und gerade und vor und zurück führend und die Arme wie kaputte Windmühlenflügel in die Luft werfend, sein Gleichgewicht wieder, doch dann rutscht er doch mit beiden Füßen gleichzeitig aus, wirft die Arme synchron in die Höhe und knallt auf den Hinterkopf. Benommen bleibt er liegen, ein Sausen ist in seinem Schädel und er sieht Sterne, kein Mensch in der Nähe, ihm zu helfen, naja, denkt er also, wenn ich schon nicht wieder auf die Beine komme, müde wie ich bin, warum dann nicht ausruhen, bis die Frau das Balg geboren hat? Konnte nicht jeden Augenblick die Tür aufgehen, die der vermalledeite Schreiner für teuer Geld erst vor einigen Tagen eingesetzt hatte, und dann käme ein würdiger Herr und bloß nicht so eine Schlampampe von Hebamme und brächte ihm seinen Sohn, nicht so eine Schlampampe, begann er laut zu singen, so schmutziges Weib, wohnt in den Winkeln und stiehlt Männern die Zeit, kämmt nicht die Haare, voll Flecken das Kleid, halte dich ferne, sonst tut es dir leid! Ich hätte Dichter werden sollen, dachte er und sah hoch, und tatsächlich stand da plötzlich ein Mann, der etwas in den Armen hielt und da sprach er auch schon. Es ist Dir ein Sohn geboren worden, sagt der Mann, ein prächtiges Kind, wie ich es mir prächtiger nicht zu wünschen vermag, und der fremde Herr legt ihm das Kind, eingewickelt in eine purpurne Decke, in den Arm, ein schönes Kind, ja, das sieht der stolze Vater sofort, es lächelt ihn an, auch der würdige Herr lächelt, nein, er lacht sogar, lacht schallend, seine Augen blitzen, nun sind auch deutlich die Hörner auf seinem Kopf zu sehen, und das Lachen schwillt weiter an, auch das Kind scheint zu lachen, und hat nicht auch das Kind, sein Kind, sein Sohn, Hörner, Teufelshörner, Satanszacken? Es lacht, hell und schrill, der alte Johann will sich die Ohren zuhalten, doch er hat ja das Kind in den Armen. Es ist unerträglich. Endlich aber hält das Balg inne. Es sieht ihn besorgt an, eine ganze Weile lang, dann sagt es laut und deutlich: Vater, Vater, wie ist Dir? Ihm treten die Tränen in die Augen, sein Sohn spricht mit ihm, nennt ihn Vater, liebster Vater. Ich habe einen Sohn, ruft er, ich habe einen Sohn, einen Königssohn!

Endlich gelingt es Elisabeth und Johann, den Vater hochzuheben und, ihn mehr ziehend als tragend, in das Haus eines Nachbarn zu bringen. Die Wunde am Kopf muß versorgt werden, aus der nun, in der warmen Stube, mehr Blut austritt und in einem stetigen Rinnsal Johann, der leise vor sich hinjammert, in den Kragen läuft. Von der anderen Seite der Gasse her ist gedämpft Schreien und eine Art Jaulen zu hören, doch drüben sind genügend Frauen, die helfen. Bleib hier, sagt Johann zu seiner Schwester, der Vater braucht uns, er ist durchfroren und blutet. Elisabeth nickt und murmelt ein Gebet wider den Teufel, der im Vater wütet, und der auch der Mutter zusetzt, wie es aussieht, so als würde er beide bestrafen wollen, in beide hineinfahren und mit Wahnsinn schlagen. Die Geschwister sahen sich über den auf einem Hocker sitzenden Vater wissenden Blickes an, sagten aber nichts. Schließlich finden sich im Haus ein paar Lappen, die sie dem Vater um den Kopf binden. Dann will er wieder hinaus und verlangt Schnaps, den er bekommt. Zum Teufel, schreit er, als er in die Dämmerung hinaustritt, will denn die Brut nicht hinein in die Welt! Will sie nicht? (…)

*

(Beginn des zweiten Kapitels)

Es ist noch sommerlich warm an diesem 24. Oktober des Jahres 1687. Schönwetterwolken ziehen gemächlich ihre Bahn, die Sonne steht hell und strahlend am Himmel, während die Bürger der Stadt S… sich auf dem Markt vor St. Viktor übellaunig um die wenigen Stände mit armseligem Gemüse und grobgewebten Stoffen drängeln. Inmitten des Gewühles hängt der kleine Heinrich mit der einen Hand an der seiner Schwester Cara und mit der anderen am Rockzipfel seiner Mutter. Sie sind notdürftig mit dreckigen und stinkenden Lumpen bekleidet. Heinrich wird hin und her gestoßen, niemand achtet auf ihn, und wenn er aufsieht, ist da immer die rechte Hand der Mutter, die sich bettelnd den Menschen entgegenstreckt. Daumen und Zeigefinger stehen steif von der Handfläche ab, der Mutter fehlen drei Finger der rechten Hand. Warum das so ist, weiß Heinrich nicht, nur daß es, wie seine Schwester sagte, Gottes Wille gewesen sei.

Seine ältere Schwester Cara hatte damals in der offenen Halle des Rathauses gestanden und der Bestrafung der Mutter zugesehen, ihren kleinen Bruder in ein Tuch gehüllt bei sich tragend. Nur der dritte Prediger von St. Viktor, ein kleiner, schmalschultriger Mann mit melancholischen Gesichtszügen und ganz glatten, immer irgendwie naß wirkenden schwarzen Haaren, hatte sich zu ihr gesellt und ihr ein paar tröstende Worte gesagt. Die Mutter hatte mehrere Tage nacheinander stundenlang am Pranger stehen müssen, weil sie zum zweiten Male unsittlich gehandelt und mit einem französischen Soldaten Unzucht getrieben habe. So jedenfalls lautete die ursprüngliche Anklage gegen die Magd Dorothea Holzkötter. Als die Heere Ludwig des XIV. im Jahre 1673 die kleine, nicht einmal tausend Einwohner zählende Stadt brandschatzten, war es ihr noch gelungen, eine Notzucht glaubwürdig zu machen, denn daß die papistischen Teufel zu allem fähig sind, war ausgemachte Sache. Einer der Schichtmeister nahm sie sogar mitsamt ihrer kleinen Tochter als Magd in sein Haus auf. Als dann jedoch wenige Jahre später die Franzosen wiederum plündernd in S… einfielen, wurde Dorothea erneut schwanger. Sie konnte zwar sowohl die Schwangerschaft verheimlichen als auch die Geburt, doch als Ende des Jahres 1680 der Große Komet am Himmel stand, war sie zum ersten Mal mit dem nur wenige Wochen alten Kind auf dem Markt gesehen worden. Das muß kurz vor dem Weihnachtsfest gewesen sein, und es war wohl eine gewisse Trine Wullenweber, eine strenggläubige Jungfer, die ihr statt eines weihnachtlichen Almosens eine Ohrfeige versetzte und sie überdies noch bei der Obrigkeit anzeigte. Am selben Tag wurde Dorothea bei dem Versuch ertappt, ein Brot zu stehlen. Das machte die Sache nicht besser. So nahm der Prozeß seinen Lauf, begleitet von Mutmaßungen aller Art, von denen aber natürlich nichts in den Akten des Richters zu finden ist. Doch wer weiß, darüber dachte der ein oder andere nach, ohne den Kometen, der auch tagsüber deutlich am Himmel zu sehen war und allerlei Ängste auslöste, hätte jene Jungfer womöglich still gebetet statt offen geohrfeigt und angezeigt. Nach einer peinlichen Befragung, die wegen des Gesundheitszustandes der Angeklagten vorzeitig abgebrochen wurde, folgte am nächsten Tag das Geständnis, der Richterspruch dann aber erst im nächsten Frühjahr. Als dann das Urteil kurz darauf höheren Ortes bestätigt worden war, stand der Bestrafung nichts mehr im Wege. Die drohende Verbannung, die wohl Dorotheas sicheren Tod bedeutet hätte, würde allerdings ausgesetzt werden, der zweite Prediger von St. Viktor, ein massiver, schon älterer und wortgewaltiger Mann,  hatte dies erwirkt, so daß es beim Abschneiden dreier Finger der rechten Hand bleiben würde. Dorotheas weinend vorgebrachte Klage, sie könne dann aber doch nie wieder zu Gott beten, wenn drei Finger fehlten, tat er ab, indem er den Zeigefinger seiner rechten Hand vor seine Lippen hob und zugleich die Augen schloß. Dann bete, so lange Du noch zu beten vermagst, sagte er salbungsvoll und verließ die kalte Zelle, um sich zum Mittagstisch zu begeben, es sollte Kutteln geben, er freute sich schon darauf. Das Urteil bestimmte zudem, Dorothea dürfe sich in Zukunft nur während der Tagesstunden in der Stadt aufhalten, ausgenommen alle Feiertage, nächtigen aber müsse sie außerhalb der Stadtmauern. (…)

Norbert W. Schlinkert
Hören & Sagen (Arbeitstitel)
(Romanauszug)

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