Träschsch – Fortlaufende Miniaturen um Anna, auch Emma.

Träschsch ist ein alter Text, ein Extrakt aus Der Bildermacher, begonnen 1996 und seitdem in Arbeit, in progress. Ganz anders etwa als Stadt, Angst, Schweigen ist Träschsch aber kein „Fließtext“ wie eben jener, sondern ein gleichsam atemloser, ein in unruhigem Wechsel rhythmisierter Text, ein Gebilde mit Brüchen und Rissen, ein Ich, das schreibt.

Der Gesamttext von Der Bildermacher umfasst etwa 235 Seiten und ist nun aufgrund der Extrahierung eines Teils, Träschsch nämlich, in der jetzigen Form nicht mehr funktionsfähig, einiger Umarbeitungen wegen, die bei der Umsetzung in den vierzehnteiligen Blog-Beitrag unumgänglich waren. Man könnte somit sagen, Der Bildermacher sei tot, er habe sich selbst aus sich selbst heraus zerstört, doch so weit würde ich nicht gehen – sagen wir einfach, er liegt in Agonie.

Ich ging also in den Keller, den Wein zu holen. Beim Hinausgehen, die Türklinke in der Hand, das Licht bereits gelöscht, fiel mir das grüne Lämpchen an der Kühltruhe auf. Neben dem gelben, das leuchtet, wenn die Truhe im Runterkühlen begriffen, und dem roten, das anzeigt, dass etwas nicht in Ordnung ist, gibt es das grüne, das folgerichtig bedeutet, dass alles so ist wie gewünscht. Jedoch, die Truhe war leer, sie ist nur selten in Betrieb. Ich hatte sie nach Annas Fest selbst abgeschaltet. Oder sollte sie etwas eingefroren haben, das oben in den Gefrierschrank nicht mehr hineingepasst hatte? Aber was sollte das sein? Wir haben meist nur frische Lebensmittel im Haus. Wir kaufen auf dem Markt. Ich arbeite zuhause und sehe es als Erholung an, zwei-, dreimal die Woche zum Markt zu fahren und einzukaufen. Oder plant Anna eine Feier und will mich überraschen? Ich schalte also das Licht an, stelle die Weinflasche zwischen meine Füße auf den Boden, packe den Deckel links und rechts und hebe ihn an, ein quappendes Geräusch, dann die Kälte, die mir entgegenschlägt. Was habe ich erwarte? Eine einsame Hammelkeule am Grund der Truhe, Gefriertüten mit Obst oder Gemüse? Und wie lange habe ich gebraucht zu erkennen, dass nichts Erwartetes, Erwartbares, zu sehen ist. Ich werde eines Kopfes, eines Gesichts gewahr, mit Rauhreif überzogen, ein Mann, ja, langsam begreife ich, halb liegend, halb sitzend, die Knie auf Höhe des Kopfes, mit weit geöffneten, matten, toten Augen. Blond. Rauhreifblond. Sein Mund mit den hellbläulichen Lippen einen spaltbreit geöffnet, so als setze er eben an, etwas zu sagen, zu sprechen. Ich lasse den Deckel los, der sogleich damit beginnt, sich festzusaugen, pflichtschuldig, so als hätte er mir gegenüber etwas zu begleichen. Dachte ich das tatsächlich in diesem Augenblick? Frage ich mich jetzt. Ich atmete tief durch. Also ein toter Mann in meiner Kühltruhe. Das stand fest und tut es noch. In meinem Haus. Er ist unten. Denke ich jetzt. Ich starrte noch einen kleinen Moment den mattweißen Deckel an, packte dann mich bückend mit schnellem Griff die Weinflasche brutal am Hals, ging zur Tür, öffnete sie, schaltete das Licht aus, schloss die Tür, Treppe hinauf, im Wohnzimmer dann auf und ab, die Flasche noch in der Hand – von der Terrassentür zur Küchentür, von der Küchentür zur Korridortür, von der Korridortür zum Kamin, vom Kamin zur Küchentür, von der Küchentür zum Tisch und so weiter und so weiter, man kennt das. Endlich öffnete ich den Wein, eine roten, einen Rioja, und trank. Der Wein war sein Geld wert. Keine Frage. Also ein Toter in meiner Kühltruhe! Tote sind allgegenwärtig, dachte ich. Als Vorstellung. Jeder Film, jedes Buch. Mord und Waffen, allgegenwärtig. Das Leben aber sieht anders aus. Tote in Kühltruhen kommen darin gemeinhin nicht vor. Ich hatte noch nie einen Toten gesehen. Bis ich den Deckel der Kühltruhe hob. Ich trank noch ein Glas. Ich sollte Anna einen Schluck übrig lassen. Sie musste ja bald kommen. Blond ist der Mann, bekleidet und tot. Graublaue Augen. Matt und tot. Rauhreif, ja das auch, der Mann ist mit Rauhreif überzogen, wie die Wiese im Winter, wenn es kalt und feucht ist, aber kein Schnee fällt.

*

Mein Spiegelbild in der Fensterfront zur Terrasse macht mich nervös. Es sieht mich an. Mir zu. Ich ihm. Ich stehe auf und gehe hin und her. Es folgt mir. Im Keller gewesen, zweite Flasche geholt. Ich öffne den Wein. Ich lösche das Deckenlicht, eine flache, gelbe Schale. Über die Stehlampe lege ich das gelbe Tuch mit dem braunen Brandfleck und dem kleinen Loch darin. Ich entzünde eine Kerze auf dem Kaminsims. Das erscheint mir zu feierlich und ich entzünde eine weitere auf dem Tisch. Ich sollte anrufen. Erreiche ich Anna tatsächlich, so wird sie mich fragen, ob etwas passiert sei. Ist etwas passiert? Ja, es ist etwas passiert! Nur wann? Und wie? Ich rufe nicht an. Die Nacht draußen kann nur schlagartig enden, denke ich. Mein Spiegelbild geht immer noch auf und ab, vom Kamin zur Terrassentür, von der Terrassentür zur Korridortür, von der Korridortür zum Kamin, vom Kamin zum Tisch und so weiter und so weiter. Lassen wir das. Ich trinke ein Glas, starre eine Weile zum Fenster hinaus und setze mich schließlich. Was also tun, denke ich. Ich sitze in meinem Sessel. Auch mein Spiegelbild ruht. Ich sehe nicht hin. Ich rekapituliere: Ich hatte eine Flasche Wein aus dem Keller holen wollen und die Kühltruhe geöffnet, weil sie in Betrieb war. Um herauszufinden, was in ihr ist. Eingefroren, tiefgefroren. Dort fand ich einen Toten. Den Toten. Meinen Toten. Nun bin ich in meinem Wohnzimmer, trinke Wein und gehe auf und ab. Kurz gezögert, als ich die zweite Flasche holte. Aber ich schlich vorbei und öffnete sie nicht, die Kühltruhe. Das ist alles. Jetzt sitze ich. Ich stehe auf. Auf der Terrasse mein Spiegelbild. Ich gieße mir ein weiteres Glas ein, öffnete die Terrassentür und trete hinaus an meine Stelle. Es ist kalt, ich aber glühe. Womöglich habe ich Fieber. Ich sehe in das menschenleere Wohnzimmer. Ich habe den Anfang der Geschichte nicht mitbekommen, denke ich. Ich bin nicht im Bilde. Wie kam der Tote in unsere Kühltruhe? Hat ihn wer getötet? Hat er sich selbst eingefroren? Selbstmord, indem er sich betrunken in die Kühltruhe setzte. Deckel zu, Mann tot? Denkbar ist alles.

*

Ich fühle mich nicht wohl mit diesem Toten im Haus. Ich werde ihn verschwinden lassen müssen. Es ist Winter, ich kann ihn in einen Graben legen, wo er gefunden wird, bevor er auftaut. Es ist makaber. Es war auch Winter, ich erinnere mich gut, da stand ich als kleiner Junge am Sterbebett meines Großvaters. Er hatte gelbe Gesichtshaut und er wusste, dass er sterben wird. Auch ich wusste es. Meine Augen haben es ihm gesagt und ich habe seinen Händedruck nur zögerlich erwidert. All diese Lügen! Warum sagte jeder diesem alten, uralten Mann, dass er schon bald wieder gesund sei? Menschen, die halb so alt waren. Ich konnte diese Lüge nicht aussprechen. Ich saß auf dem Fensterbrett und blickte hinunter in den Hof. Es begann zu schneien. Ich hörte meine Mutter, wie sie mit ihm sprach. Mein Großvater fragte mich, ob ich die Schneeflocken zählen würde, ich sagte leise Ja, aber eigentlich beobachtete ich die Zeit, wie sie verrann. Es war ein kleines Zimmer im ersten Stock eines kleinen Hauses, mir jedoch schien es ein riesiges Zimmer weit oben zu sein in einem riesigen Haus. Einen Tag später sagte man mir, mein Großvater sei gestorben. Ich wusste es bereits. Ich war in den Sog der Zeit geraten. Vom Bergfriedhof aus konnte ich dann bei der Beerdigung das in Nebel getauchte Dorf sehen. Der Ton der Trompete hallte kurz wieder und verschwand. Ich weinte nicht. Ich hatte meinen Großvater sehr geliebt, aber ich weinte nicht. Die Zeit war zu mir gekommen. Doch jetzt, plötzlich, Unzeiten später, weinte ich, angestarrt von den Eiskugeln eines Fremden, der tot in meiner Kühltruhe liegt. Im Tränenschleier verschwimmt der Körper vor mir, ich schließe den Deckel. Das Haus ist leer ohne Anna. Ich gehe in mein Arbeitszimmer und sitze nun wieder vor dem grauen Waldrand. Ich versuche, mich zu fassen, einen Gedanken zu fassen. Ich warte auf das Geräusch. Das Geräusch wird all mein Wissen löschen, Anna wird wieder hier sein und die Zeit wird neu anlaufen. Sie erzählte mir ein wenig über Schweden. Sie hatte ein Jahr dort studiert. Da entdeckte ich auch ihre Beine. Sie wusste das. Sie wusste, dass ich bereits in sie verliebt war. Ich wusste nur, dass ich mit dieser Frau schlafen wollte. Auf ein entferntes Hupen hin sagte sie, sie werde abgeholt, die Arbeit. Sie heiße Anna. Arthur, sagte ich. Sie tauchte wochenlang nicht wieder auf, jedenfalls nicht dort in diesem Café. Diese Frau von damals ist nicht die, auf die ich jetzt warte. In ihrem Tagebuch lese ich mich immer nur als A. Hemmungslosen Sex gehabt mit A, den letzten Tropfen rausgeholt. Ich kann mich nicht erinnern. Ein anderer A? Doch in den ersten Monaten hatten wir viel Sex. Ich muss mich beherrschen, nicht die letzten Seiten zu lesen. Gestern morgen bin ich im Wohnzimmer aufgewacht. Ich hatte die Nacht über fast zwei Flaschen geleert. Ich nahm das Tagebuch zu Hand. Mir war schlecht. Ich schlug es auf. Auf einer Seite weit hinten stand groß: Die Sau fickt mich nicht. Ich riss mir die Kleider vom Leib und onanierte. Danach duschte ich. Jeden Tag eine Seite lesen. Das ist genug. Ich trinke zuviel. Ich arbeite nicht. Ich kann nicht mehr klar denken. Ich denke an ihre wunderbaren Beine, an ihren Arsch, an ihren Geruch und an ihre schlechten Angewohnheiten. Sie fehlt. Sie ist ja noch nicht einmal gegangen, sie ist einfach nicht wiedergekommen. Hat sie den Finnen in die Truhe gelegt? Sie ist nicht schwächlich, es wäre ihr zuzutrauen. Vielleicht war er auf ihrer Feier, die Hälfte der Leute war mir unbekannt, viele sprachen Finnisch oder Schwedisch. Aber dann läge der Tote bereits ein halbes Jahr dort in der Tiefkühltruhe! Unvorstellbar. Oder?

*

Der Tote kommt mir bekannt vor. Sicher war er auf der Party. Die sommerliche Kleidung. Ein toter Mann. Tot. Ein toter Mensch. Auch das Geschlecht tiefgefroren. Ich kann nicht einschlafen in Annas Zimmer. In der unbequemsten Position im Sessel, dort schlafe ich ein. Ich stehe auf und gehe zurück ins Wohnzimmer, es ist tiefe Nacht, ich werde ein wenig gehen. Ich gehe also vom Kamin zur Terrassentür, von der Terrassentür zum Tisch, vom Tisch zum Kamin und so weiter und so weiter. Ich liege wieder in Annas Bett. Ich kann nicht einschlafen. Es ist heiß. Mir dröhnen die Ohren. Ich stehe auf und öffne ihren Kleiderschrank. Höschen, BHs, Söckchen, Strumpfhosen, halterlose Strümpfe, Bodys, Parfümproben. Nuttenkostüme, Nuttenschuhe. Rot und blau. Mit den Nuttenkostümen könnten wir eine Menge Geld verdienen, sagte ich. Sauf einfach weniger, sagte sie und warf mich hinaus. Ich liebe Anna, natürlich, aber sie hat ihre schlechten Seiten. Manchmal nehme ich ihre Unterwäsche aus dem Schrank und lege sie auf das Bett, so dass sie nur noch hineinschlüpfen müsste. Heute nicht. Doch sie wird zurückkommen. Selbstverständlich. Ich erwarte sie, und wenn morgen wieder der graue Waldrand hinter dem Monitor auftaucht, dann werde ich die dumme Frage des Computers, ob ich die Datei wirklich löschen will, mit Ja beantworten. Ja. Ich will. Ja. Dann wird sie wieder hier sein. Wird sie eine andere sein als vorher? Nein. Sie wird wieder die meine sein. Erst dann lösche ich diese Datei. Diesen Text.

*

Die Nacht ist dunkel. Mondlos. Ich trinke noch ein Glas. Es ist heiß. Einige Gäste sind im Garten und zertrampeln meine Beete. Ein Mädchen liegt nackt auf der Terrasse. Sie hat kleine Brüste. Wie Spatzen ohne Federn, denke ich. Ich sehe hin. Sie hat einen roten Kopf. Sie singt. Einer der Finnen spielt Gitarre. Auch er singt. Ich erinnere mich. Annas Feier. Doch alles begann später damit, dass Anna nicht zurückkam. Wann später? Wir hatten nichts ausgemacht. Vielleicht schlief sie in ihrer Wohnung in der Stadt. Ich wollte in jedem Fall warten. Ich ging in den Keller, eine Flasche Wein zu holen. Ein guter Wein. Rioja. Beim Hinausgehen fiel mir auf, dass die Kühltruhe in Betrieb ist. Ich öffnete sie. Sie war leer. Ich stellte sie aus. Ich ging hinauf und öffnete den Wein. Ich wartete auf Anna. Ich begann einen Text zu schreiben, den ich sofort löschen würde, hörte ich das Geräusch in der Diele. Der Text ist gelöscht. Anna ist wieder hier. Sie ist warm und weich. Sie sitzt mit mir am Kamin. Wir trinken Wein. Rioja. Wir reden nicht. Warum reden? Ich öffne ihre Bluse. Anna ist weich und warm und lebendig. Ich streife ihren Rock nach oben. Ich schaue ihr in die rehbraunen Augen. Ich lege meine Hand auf ihr Geschlecht. Ich ziehe ihr den Slip aus. Ihre Augen sind geschlossen. Ihre Zunge spielt in der Zahnlücke. Ich lege mir den Slip auf das Gesicht. Jetzt. Ich rieche sie. Noch. Der Geruch lässt nach. Er lässt sich nicht konservieren. Ich liege auf ihrem Bett. Ich schlafe nicht. Ich gehe nach oben. Die unendlichen Weiten. Anna kommt. Sie ist betrunken. Ihr Atem riecht nach Erbrochenem. Sie schläft ein. Sie ist wunderschön. Ich betrachte sie. Ich suche sie. Sucht sie mich? Sie ist Anna. Ihre Tagebuchblätter liegen in meinem Wohnzimmer. Ich habe ein Haus. Ich habe Glück gehabt. Im Studium und noch lange Jahre auf nur einem Zimmer gelebt. Warum auf? In! Frauen. Ja. Im Bett. Manchmal auch im Leben. Ich war gern allein. Erinnern. Vaginal. Anal. Oral. Braune, blaue und grüne Augen. Jede Form von Brüsten. Kleine Fehlerchen haben sie alle. Das macht es aus. Anna ist perfekt. Sie hat eine Zahnlücke und manchmal scheint es, als schiele sie. Ich kann mich täuschen. Das Haus liegt abseits. Niemand kommt auf einen Sprung vorbei. Wir haben Platz genug. Kaum jemand kommt, kaum jemand bleibt. Seit Anna hier wohnt, fehlt das Gästezimmer. Es wurde nie benutzt. Ihr nächster Geburtstag. Ihre nächste Feier. Wie lange warte ich bereits. Wie lange hält der Geruch einer schönen Frau? Erst das Geräusch und dann ihr Bild. Dann ihr Körper und dann ihr Geruch. Der Waldrand erscheint. Es ist still. Mein Spiegelbild ist verschwunden. Der Tag erscheint. Ich gehe ins Wohnzimmer. Die Tagebuchblätter liegen in Reih und Glied. Ich nehme eines in die Hand. Noch ist Finnland nicht verloren, lese ich. Ich lächle. Wie lange habe ich nicht mehr? A ist wunderbar. Ich lege das Blatt zurück. Ich gehe in ihr Zimmer. Ich liege auf ihrem Bett. Ich bin müde. Ich warte. Ich schlafe ein. In ihrem Zimmer? Unmöglich! Wie lange schlafe ich? Ich schrecke auf. Ist Anna oben und liest den Text? Diesen Text? Ich stehe auf und gehe in mein Zimmer hinauf. Das Fenster steht offen. Der Waldrand ist rosa und grau. Ich schaue hinaus in den Garten. Niemand zu sehen. Ich schreibe.

*

Es regnet. Ich lösche das Licht. Der Wald erscheint. Grau in grau. Undeutlich. Verschwommen. Wie oft, sagte ich, treffe ich Anna, die falsche Anna, die am Ende nur imaginierte? Es ruiniert mich. Anna wird es bemerken. Ihre Haut ist wie Seide. Ich nehme eine Flasche Wein und öffne sie. Die Etiketten habe ich abgelöst. Das war viel Arbeit. Sie sind rot, alle Weine in unserem Keller sind rot, das reicht. Sagte ich, es regnet? Habe ich das Licht gelöscht? Mein Wagen springt nicht an, wenn es regnet. Bei Regen, ausgerechnet bei Regen muss ich mit dem Rad zur Straßenbahnendhaltestelle. Bei Anna, der falschen Anna, die, die ich Anna nur nenne, wozu das noch betonen, bade ich dann. Ich bezahle die ganze Nacht. Sie ist umgezogen, privat umgezogen. Sie sagt, wir könnten uns also immer bei ihr in der Wohnung treffen. Die Konstellation sei im Augenblick günstig, wer weiß, wie lange noch. Ob ich das begreifen würde? Ich verstand durchaus. In dieser Nacht erstarrte sie kurz vor dem Höhepunkt, meinem Höhepunkt, der Glanz ihrer Augen verlor sich, sie glitt ab von mir, kniete neben mir und schrie mich an, sie wolle mein Geld nicht, sie wolle mit mir eine Vereinigung, eine Vereinigung? sagte ich, ja, eine Vereinigung! sagte sie, sie wisse, dass ich mein letztes Geld ausgäbe für sie, das sei nicht nötig, sie bräuchte mich, ob ich das verstünde? Aber nein, die alte Geschichte, sagte ich, ich bräuchte sie, sie wisse das, nicht umgekehrt, worauf sie sagte, ich verstünde nichts! Ihre Wohnung – mit viel Geschmack eingerichtet und, wie ich sah, mit viel Geld. Fühl dich wie zuhause, sagte sie. Ich sagte, das sei doch alles nur die alte Geschichte. Sie sagte nichts und sah mich an. Mein rechtes Hosenbein von Kettenfett beschmutzt. Seitdem treffen wir uns in ihrer Wohnung. Die Tage legt sie fest. Strikt. Dadurch gerät meine Suche nach Anna aus der Bahn. Einmal wöchentlich gehe ich zu ihr. Sie nimmt kein Geld. Sie ist falsch.

Ich schließe das Fenster und sehe mich wieder an im Fensterglas. Ich bin im Bild. Auf dem Bildschirm davor die unendlichen Weiten. Ich setze mich. Ich beginne zu schreiben. Es ist Echtzeit. Im Grunde ist es langweilig. Ich gehe nach unten. Ich betrachte die Reihen der Tagebuchblätter. Ich bin wütend. Ich schreite sie ab: Korridortür zum Kamin, Kamin zur Terrassentür, Terrassentür zum Tisch, Tisch zur Korridortür usw. usw. usw. Lassen! Ich hebe ein Blatt auf. A ist ein unglaublicher Spinner und er beendet nichts richtig, vom Vögeln einmal abgesehen. Der Finne hat recht. Ich setze mich. Oben wartet eine Arbeit, die ich beenden werde. Beenden durch Finden. Beenden durch Löschen. Nein, ich habe die beiden Finnen nicht umgebracht. Wieso denn zwei Finnen, plötzlich, jetzt? Ich habe sie in meiner Kühltruhe gefunden. Das ist eine ernste Sache. Die Kriminalpolizei einschalten, das könnte ich tun. Heute gefunden, sofort angerufen. Keine Fragen zu Anna beantworten. Von Anna nicht reden. Ich gehe in den Keller. Die Truhe ist abgeschaltet. Ich öffne sie. Sie ist bis zum Rand vollgestopft mit Büchern. Hast du das etwa vergessen, fragt mich eine Stimme. Es ist Anna. Wir wollten sie doch verkaufen. Es ist Anna. Wo bist du gewesen? Im Bad, sagt sie. Ich stürme an ihr vorbei, halte ein, gehe zurück, küsse sie, berühre mit beiden Händen ihre Brüste, greife sie. Sie schaut mich an. Ihr spöttischer Blick. Die Brustwarzen werden hart, die linke über dem Herzen eine Nanosekunde früher. Sie trägt einen Rock. Meine linke Hand löst sich und schiebt sich zwischen ihre Beine. Sie sagt nichts. Warm und weich, heiß und hart. Wir schauen uns an. Der Text! Der Text muss gelöscht sein! Bin gleich wieder da, murmele ich. Ich steige nach oben. Mit großen Schritten, zwei Stufen auf einmal. Ich gehe in mein Zimmer. Auf dem Bildschirm der Bildschirmschoner der unendlichen Weite. Ich drücke eine Taste. – A – Der Text erscheint. Anna! rufe ich, Anna. Keine Antwort. Ich laufe in den Keller. Anna. Sie ist nicht da. Ich suche das Haus ab. Anna. Die Kühltruhe ist in Betrieb. Ich öffne sie nicht. Sie bleibt geschlossen. Es ist Mitternacht, fürchte ich. Ich steige wieder hinauf. Nichts ist zu hören, nur das leise Plätschern des Regens, draußen in der Nacht. Ich trinke ein Glas. Rotwein. Ich verlasse das Haus. Ich starte den Wagen. Der Wagen springt an. Sagte ich nicht, er spränge nicht an, wenn es regnet? Ich fahre zum Waldrand. Ich nehme den Feldstecher zur Hand und betrachte mein Haus. Anna betritt mein Zimmer. Sie erscheint im Rechteck. Sie blickt zum Waldrand. Es ist dunkel. Sie sieht nichts. Sie verlässt das Rechteck, das Bild ist leer. Ich weiß, sie macht eine Kopie des Textes. Einen Ausdruck. Tu das nicht, Anna! Ich steige in den Wagen. Es regnet nicht. Der Wagen springt nicht an. Ich steige aus und gehe am Waldrand entlang. Ich muss Anna finden. Auch die Kopie muss gelöscht werden, es reicht nicht, den Text zu löschen. Ich lösche den Text, sie vernichtet die Kopie. Vernichte diese Kopie, Anna! Hörst du! Liest du es, das hier!? Anna!

*

Ich erinnere mich an unsere Spaziergänge. Wenn die Dämmerung sich ankündigte, machten wir uns auf den Weg. Wir blickten zum Haus und sahen das erleuchtete Rechteck. Niemand war dort. Anna und ich standen am Waldrand, Hand in Hand. Jetzt, wo Anna verschwunden ist, sehe ich sie in mein Zimmer treten und zum Waldrand blicken. Sie kopiert den Text. Wäre es nur möglich, sie verließe das Haus und käme zum Waldrand. So träfen wir uns. Ich schreibe diesen Bericht nicht freiwillig, er reißt mich aus der Welt. Er bindet meine Kräfte. Wie nur, Anna, finden wir wieder zusammen? Sehr oft nahmen wir auf unserem nächtlichen Spaziergang einen Weg durch den Wald, eine Art Rundweg, den wir gut kennen. Hand in Hand schritten wir in den Wald hinein. Bei Vollmond lag ein silbriggraues Licht im Wald, die Buchenstämme schimmerten wie die Säulen von Kathedralen. Schweigend gingen wir in den Wald. Unvorstellbar, ihn jemals wieder zu verlassen. Wir gingen hinein, wir wurden silbriggrau wie der Wald selbst. Leben pulsiert. Wir schritten hinein. Vom Fenster aus gesehen verschwinden zwei Menschen im unteren schwarzen Rand eines Bildes, des Bildes. Atmen im Gleichklang, Schreiten im Gleichklang. Eine Stille der Geräusche, keine der Lautlosigkeit. Ganz und gar aufgehoben. In lauen Sommernächten entkleideten wir uns und lagen an dem kleinen Bachlauf. Unvorstellbar, jemals wieder diesen Wald zu verlassen.

Oft auch gingen wir den Rundweg bei völliger Finsternis, Hand in Hand. Je tiefer wir vordrangen, desto schwärzer das Bild, lauter die Stille. Wären wir blind geworden inmitten des Waldes, so hätten wir es nicht zu bemerken vermocht. Niemals liefen wir gegen ein Hindernis. Obgleich wir nicht zögerlich gingen. Der Weg ist tatsächlich ein Rundweg, wir liefen nie geradeaus, obgleich wir genau dies taten. Das Heraustreten dann aus dem Wald war das Eintreten in eine andere Welt. Das erleuchtete Rechteck blendet das nun wieder zur Tätigkeit gezwungene Auge. Sprachen wir, so war es Flüstern. Ich blicke zum Haus und sehe Anna im Fensterrahmen erscheinen. Ich flüstere ihren Namen. Sicher werde ich beobachtet. Es ist niemand zu sehen. Die Nacht ist dunkel. Der Wald hinter mir ist schwarz. Nichts ist mir nachzuweisen. Auch Anna ist nichts nachzuweisen. Der Eintritt in den Wald ist kaum zu erkennen. Der Weg ist kaum breiter als ein Trampelpfad, eben genug, um eng nebeneinander gehen zu können. Ginge ihn nie jemand, er würde binnen kürzester Frist verschwunden sein.

*

Mein Beobachter wird mich beobachten. Ja, es gibt ihn, ich bin sicher. Ich hätte ihn längst erwähnen, ihn vor mir selbst zugeben müssen. Sicher wird er mit einem Nachtsichtgerät arbeiten. Er wird meine Bewegungen filmen. Er wird ein Protokoll anfertigen und seinem Vorgesetzten aushändigen. Dieser wird dann eine Entscheidung treffen. Diese Entscheidung wird mich betreffen. In allerhöchstem Maße. Ich sehe Anna im Zimmer auf und ab gehen. Täusche ich mich, so ist die Täuschung doch vorhanden. Mein Beobachter, ein junger und engagierter Mensch wahrscheinlich, beobachtet mich, Anna beobachtend. Wäre nur ein Funken Verstand, ein Funken visueller Intelligenz in diesem Menschen, er würde in die Richtung blicken, in die ich blicke. Es ist ja schließlich kaum anzunehmen, dass ich mich in Luft auflöse. Warum nur richtet er seine Aufnahmegerätschaften nicht in die Richtung meines Hauses? Er tut es nicht, ich spüre es. Ich wäre ihm dankbar, täte er es. Er arbeitet gut, rein technisch gesehen, jedoch ohne Verstand. Ich sehe ihn nicht, ich rieche ihn nicht, ich höre ihn nicht. Ich spüre ihn. Eine hochentwickelte Kamera, sehr, sehr klein und handlich, ohne Probleme als Nachtsichtgerät einsetzbar, das einzige derartige Gerät in seiner Abteilung. Je länger er sich dieses Auges bedient, desto mehr vertraut er ihm. Er ermahnt sich, nur relevante Handlungen zu filmen. Ich gehe in den Wald hinein. Er ist aufmerksam. Ich trete wieder hinaus. Er ist aufmerksam. Ich wiederhole das Hinein- und Hinaustreten im Minutenrhythmus. Es wird sicher gegen mich verwandt werden. Nun bin ich einige Meter in den Wald hineingegangen. Ich blicke zum Haus. Noch kann ich es sehen. Anna sehe ich nicht. Ich gehe einige Schritte tiefer hinein. Mein Beobachter erwartet mein Hinaustreten. Ich gehe noch einige Schritte. Er wird sich entscheiden müssen. Er ist jung und erfolgshungrig. Seine erste Observation. Er muss etwas abliefern. Er hat sich zu sehr auf sein elektronisches Auge verlassen. Er hat nicht gehört, wie tief ich in den Wald hineingegangen bin. Er muss mir folgen. Er weiß ob der Gefahr, entdeckt, gehört, gerochen zu werden. Er geht einige Schritte. Er steht zwischen mir und dem erleuchteten Rechteck. Ein Fehler, doch ich muss ihn nicht sehen, um zu wissen, dass er dort ist. Er sieht mich nicht. Er benutzt sein elektronisches Auge. Er ist nicht sicher. Ich stehe in völliger Dunkelheit. Er selber ist es, der das Licht von mir nimmt. Er ist jung und unerfahren. Er geht einige weitere Schritte in den Wald hinein. Ich blicke mich um, sehe ihn aber nicht. Das Licht in meinem Haus ist gelöscht! Ich höre das Schlagen seines Herzens. Ich fühle ihn denken. Ich rieche seinen Schweiß. Er weiß, er muss zurück, er darf mir nicht folgen. Er ist allein. Doch ich höre, rieche und spüre ihn näherkommen. Das Schlagen seines Herzens überdeckt sein flaches und schnelles Atmen. Er muss zurückgehen. Er weiß, dass ich hier bin. Er weiß es, aber er spürt es nicht. Sein Auge sieht nicht mehr. Ich bin ruhig. Er steht jetzt fast neben mir. Das Wummern seines Herzens füllt mein Hören aus. Er geht einen weiteren kleinen Schritt. Er steht neben mir. Seine Sinne sind totgestellt. Die Ohren dröhnen ihm. Noch ist ein wenig Licht zu erkennen am Waldrand. Eine Spur Licht. Hinter ihm. Er geht einen weiteren Schritt. Ich rieche ihn deutlich. Das kleinste Wort, käme es über meine Lippen, gleich welcher Lautstärke, es müsste ihn umbringen. Es brächte ihn um. Sein Körper geht einen Schritt. Er blickt sinnlos in den Wald. Er geht Schritt um Schritt, langsam. Noch rieche ich ihn, noch höre ich ihn, noch spüre ich ihn. Er ist da. Ich höre seine Gelenke, seine Augenlider, das Rauschen seines Magens. Ich höre den ganzen Menschen, der mein Beobachter ist. Seine Sinne aber sind totgestellt. Er dreht sich um. Ich spüre die Feuchtigkeit seiner Augäpfel. Er sieht nichts. Er zweifelt. Er geht einen Schritt. Er bleibt stehen. Er vollzieht eine leichte Drehung, geht noch einen Schritt. Der Waldrand ist ihm unsichtbar. Ich stehe und sehe den Hauch von Licht. Er ist hilflos. Niemand kann ihm helfen. Jede Hilfe brächte ihn um. Jedes Geräusch, jede Berührung. Er geht einen mutigen Schritt vorwärts. Ich höre die Hoffnung in seinem schlagenden Herzen. Die Hoffnung, die richtige Richtung gewählt zu haben in völliger Finsternis. Er führt die Kamera zum Auge. Er betätigt sie. Sie arbeitet laut und heulend. Sein Herzschlag setzt einen Augenblick aus. Sein Auge sieht nichts. Das Heulen erstirbt. Er geht einen lauten und schnellen Schritt. Er schluckt gurgelnd. Ich stehe weiter regungslos. Niemals war es leichter, einen Menschen zu töten. Ich brächte ihn um. Es wäre Mord. Niemand fände eine Spur der Gewalt. Wieder das Heulen der Kamera. Das Rauschen von Blättern hoch oben. Er verlässt den Pfad. Er spricht lautlos mit sich selbst. Ich spüre es. Er macht sich Vorwürfe. Keine Lampe mitgenommen zu haben. Sich auf die Kamera verlassen zu haben. In den Wald hineingegangen zu sein. Mich verloren zu haben. Aber er beruhigt sich, ich höre es. Er sagt sich, ich werde den Weg finden. Er sagt sich, die Nacht dauert nur wenige Stunden. Er wiederholt das Gedachte. Er geht einen Schritt. Er hat Mut gefasst. Er geht einen weiteren Schritt. Er hat den Pfad verlassen. Noch spüre ich ihn. Ich spüre die Brüchigkeit seines Verstandes. Er spricht mit sich selbst. Es ist nicht einmal ein Flüstern. Ich stehe regungslos. Ich höre ihn stürzen. Aufstehen. Abermals stürzen. Er muss sich verletzt haben. Ich höre das Rinnen seines Blutes. Ich höre ein Schleifen, ein Keuchen. Es entfernt sich. Es entfernt sich. Ein Schaben und Kriechen in weiter Ferne bleibt, als ich dem Haus zustrebe. Das Licht ist gelöscht. Ich gehe dorthin. Ich finde den Weg. Er ist mir vertraut. Ich öffne die Tür. Es ist dunkel. Kein Licht. Ich gehe in Annas Zimmer. Ich liege auf ihrem Bett. Schlafe ich?

*

Ich schlafe nicht gut. Ich liege in meiner Dachstube. Hebe ich den Kopf ein wenig, so sehe ich den Waldrand. Manchmal sehe ich dort Rehe, mit bloßem Auge. Selbst nach zwei Flaschen Wein kann ich nicht in Schlaf kommen. Mein Kopf arbeitet. Meine Gedanken versuchen zu entkommen. Sie gehen im Kreis.

Ich setze mich ins Wohnzimmer, öffne den Wein und denke nach. Wir hatten eine Anzeige aufgegeben. Anna und ich sind Stadtmenschen. Wir brauchen einen Gärtner. Leo war der einzige, der sich gemeldet hat. Anna sagte, er sähe dem Finnen ähnlich. Das sei ihr aber egal. Welcher Finne, dachte ich. Ich trinke ein Glas. Ich kann nicht stillsitzen. Ich gehe vom Kamin zur Terrassentür, von der Terrassentür zum Tisch, vom Tisch zur Korridortür, von der Korridortür zur Terrassentür, von der Terrassentür zum Kamin, vom Kamin zum Tisch, vom Tisch zur Terrassentür und so weiter und so weiter. Ich hole mir eine zweite Flasche. Ein guter Wein. Anna müsste längst wieder hier sein. Vielleicht war sie in die Redaktion gefahren. Ein überraschender Auftrag. Oder sie schläft in ihrer Stadtwohnung. Ich nehme den Telefonhörer zur Hand. Nein, ich durfte sie jetzt nicht anrufen. Auch die Polizei durfte ich nicht verständigen. Und Leo? Vielleicht. Er war Polizist gewesen, bevor er Gärtner wurde. Er wüsste am besten, was zu tun ist. Ich trinke ein weiteres Glas.

Wo bleibt Anna nur? Mein Kopf schmerzt. Was war passiert? Ich hatte schlecht geschlafen letzte Nacht. Schlecht geträumt. Oder träumte ich jetzt? Tagebuchblätter? Nein. Blätter an einem Zaun? Seiten, die ich geschrieben habe. Von mir dort angeheftet? Ein Bretterquadrat, von innen mit Annas Tagebuchblättern ausgekleidet, oder mein Geschreibsel, das ich löschen werde, ist Anna erst wieder da? Ein Stuhl, eine Leiter. Es ist kalt. Ich bin nackt und friere. Ich bin in einer Zelle, denke ich. Ich spüre meine Füße nicht mehr. Mein Hirn glüht. Ich bin festgebunden. Mit drei Schals. Ich kann sie nicht lösen. Ich spüre meine Hände nicht. Der Boden ist gefroren. Alles ist gefroren. Ich schreie nicht. Über mir der blassblaue Himmel. Keine Zelle also. Ich denke, ja, ich träume, aber ich spreche nicht mehr. Ich denke es nur aus. Wie ich es innen in mir höre, so denke ich es aus. Mein Hirn glüht. Mit Mühe erkenne ich meine Füße. Meine Augäpfel sind kalt. Selbst die kleinste Blickänderung schmerzt. Mein Hirn glüht. Ich höre. Ich höre die Rehe am Waldrand. Ich höre ein Knacken, ein Knistern. Es wird lauter und lauter. Die Füße schmerzen. Die Hände. Der Körper. Ein Knistern und Knacken. Ich weiß, ich sitze vor dem Bildschirm. Ich stehe auf und blicke hinunter in den Garten. Dichter Rauch steigt herauf. Das Bretterquadrat brennt, ich weiß es. Ich habe es angezündet. Ich selbst war es. Es brennt. Innen und Außen. Es brennt. Später ist der Waldrand wieder zu erkennen. Rehe.

Habe ich geschlafen? Ich schlafe wenig und schlecht, seit Anna verschwunden ist. Das heißt, sie ist nicht verschwunden. Sie ist nicht zurückgekommen! Ich warte. Ich gehe hinunter. Ich gehe vor das Haus. Mein Fahrrad ist angeschlossen. Ich denke, ich drehe mich im Kreis, seit Anna verschwunden ist. Vielleicht ein Auftrag, der streng geheim ist. Niemand darf verständigt werden. Unter keinen Umständen! Alle werden beobachtet. Es ist menschenleer. Im weiten Umkreis kaum Häuser. Meist Ferienhäuser. Die Straße endet hier. Oder sie beginnt hier. Zum Wald ein Feldweg. Manchesmal, wenn ich an Anna denke, verliere ich ihr Gesicht. Ich muss es rekonstruieren. Ich habe Fotografien von ihr. Im Schuhkarton. Er bleibt wo er ist. Anna ist in meinem Kopf. Ich denke, ist sie in meinem Kopf, so verliere ich sie nicht. Ich sehe aus dem Fenster. Keine Rehe.

*

Ich gehe in den Wald, jetzt wirklich. Niemand folgt mir. Sagte ich denn, dass mir jemand folgen wird? Ich glaube, ich sagte es. Ich hatte vorgegriffen. Ich erinnere mich. Ich würde, schritte ich das Bauzaunquadrat in meinem Garten nur gewissenhaft genug ab, die Seite, auf der dies beschrieben ist, sicher finden. Ich ginge innen im Eingefassten hin und her und kreuz und quer. Und fände sie. Wenn sie nicht gelöscht wurde! Ich gehe nun in den Wald. Es ist dunkel, finster, aber nicht kalt. Im Gegenteil, es ist warm. Schwül. Oft gingen wir gemeinsam hinein. Wir nahmen diesen Pfad, den ich nun gehe. Wir gingen Hand in Hand. Ich gehe nun allein. Ich gehe ohne Anna. Ich gehe langsam, der Boden ist eben. Solange der Boden eben ist, habe ich den Pfad nicht verlassen. Es ist ein Rundweg. Ich glaube, ich erwähnte das bereits. Ich gehe geradeaus. Ich gehe in Wirklichkeit nicht geradeaus, doch alles in mir spricht für ein Geradeausgehen. Ich erwarte keinerlei Hindernisse. Ich bin jedoch vorsichtig. Ein Baum könnte quer über den Pfad gestürzt sein. Oder der Kadaver eines Rehs könnte auf ihm liegen. Ich gehe also langsam, vorsichtig und zielstrebig. Ich habe weder Angst noch Furcht. Die Austrittsöffnung ist einige hundert Meter entfernt von der Eintrittsöffnung. Sie liegen in einer Linie an der zu meinem Haus gewandten Seite des Waldes. Der Wald ist akurat quadratisch, wie mein Bauzaunquadrat in meinem Garten, in das ich von oben hineinsehen kann. Der Wald wird von Feldern begrenzt. Der Rest eines Waldes, der einst ganz Europa bedeckte. Ich gehe langsam, vorsichtig und zielstrebig. Ich bleibe stehen. Es ist still. Ich denke nach. Anna und ich sagten immer, es sei ein Rundweg. Es ist ein Halbrundweg. Der Waldrand durchschneidet den Kreis. Ich gehe einige Schritte. Ginge ich zurück, ich fände den Pfad nicht. Möglicherweise. Immer sind wir dem Pfad von der Eintrittsöffnung links vom Haus aus gesehen zur Austrittsöffnung rechts vom Haus aus gesehen gefolgt. Nur wenn wir zum Bach wollten, so sind wir, glaube ich, zur Eintrittsöffnung hinein und auch wieder hinaus gegangen. Das aber ist dann etwas anderes.

Ich gehe einige weitere Schritte. Ich bleibe stehen. Hier ist der Abzweig zum Bachlauf hin. Es ist kühler hier. Ich spüre meine Hand in der ihren. Ich spreche nicht. Auch sie spicht nicht. Wortlos schreiten wir den Pfad zum Bach hinunter. Der Wald ist lichtlos, nur ein Brausen von Wind und ein Plätschern von Wasser erfüllt ihn. Wir entkleiden uns. Ich spüre den warmen und feuchten Schlamm zwischen meinen Zehen hindurchquellen. Ich berühre ihren Körper, sie den meinen. Das Brausen des Waldes ist um uns. Die Zeit ist auf die kleinstmögliche Einheit verdichtet. Ich höre Anna den Bachlauf durchschreiten. Die Welt ist finster, doch ich kann Anna hinfortschreiten hören. Ich erinnere mich.

Im Morgengrauen erwachte ich mit einem Frösteln. Ich kleidete mich an und verließ den Wald. Dort drüben im Schattenriss meines Hauses das erleuchtete Rechteck des Fensters. In ihm Anna. Sicher hat sie in meinem Text geschrieben, während ich im Wald gewesen war. Ihr Geruch ist noch ganz an mir. Bald schon betrete ich das Haus und rufe ihren Namen. Niemand ist hier. Ich gehe in mein Arbeitszimmer und finde den Text so vor, wie er nun hier steht. Genau so, nicht anders. Der Waldrand ist ein dunkles Band.

*

Anna lacht, ich weiß nicht warum. Ich erzählte ihr, während sie sich die Fußnägel lackierte, von einem Text zum Straßenbahn- und Laternenwesen, an dem ich schreibe. Ein lautpoetischer Text, sage ich. Sie wisse nicht, was das bedeuten soll, sagt sie, Lautpoesie kenne sie nicht. Lautpoetik, sage ich. Sie schweigt. Es geht um Arthur, Anna und Emma. Emma ist erfunden, das gebe ich zu, sage ich, sie tauchte einfach auf, sie war einfach da, ich musste sie nicht suchen. Wegzumachen war sie dann allerdings auch nicht mehr. Emma. Anna pustet ihre Zehen an. Pfhhhh, pfhhhh, pfhhhh …

Erinnerung friert ein. Ich friere ein. Ich versuche zu rufen. Anna! Emma! Mein Kopf ist schwer. Eisblock im Schädel. Mit Schals auf einem Stuhl festgebunden. Versuche sie zu zählen. Drei oder sieben. Müssten sieben sein. Ich kann sie nicht zählen. Es ist nicht von Belang. Nicht mehr. Wäre ich nicht mehr festgebunden, ich könnte es trotzdem nicht, mich bewegen, meine ich. Ich habe den Mund einen Spalt geöffnet, da ich durch die Nase keine Luft mehr bekomme. Bald lässt sich auch der Unterkiefer nicht mehr bewegen. Wäre der Mund dann geschlossen, so müsste ich ersticken. Tod durch Ersticken. Ich wäre erstickt, bevor ich erfroren wäre. So bleibt mir noch Zeit. Die Luft läuft flach und gleichmäßig wie kochendes Wasser in meine Lunge. Es kostet all meine Kraft, sie wieder auszuatmen. Der Boden ist gefroren. Es bleiben keine Spuren. Nur so ein Gedanke. Keine Spuren von Gewalt. Die Schals hängen locker, glaube ich. Wer immer sie gebunden und gelöst hat, wird keine Spuren hinterlassen. Auch keine Spuren an den Gelenken. Selbstmord durch Auf-dem-Stuhl-Sitzen, wird es heißen. In nacktem Zustand. Bei eisiger Kälte. Die Lebensgefährtin fand ihn. Ich nehme all meine Kraft, die mir noch bleibt zusammen und mache einen Versuch aufzustehen. Die Beinmuskulatur spannt sich schmerzhaft, auch die Lunge schmerzt, die Brust, sonst bin ich taub. Habe ich mich bewegt? Der Stuhl hat sich ein wenig bewegt, glaube ich. Ich sitze. Ich sitze weiterhin auf diesem Stuhl. Die Kräfte, die letzten Kräfte, verlassen mich. Meine Augäpfel werden unbeweglich, nach und nach. Ich blicke auf meine Füße. Der Versuch des Aufstehens hat dazu geführt, sehe ich, dass, bis auf die beiden kleinen, alle Zehen abgebrochen sind. Sie liegen da. Ich starre sie an. Wie Spielfiguren für ein seltsames Spiel. Ich starre auf meine Zehen. Die Augäpfel sind unbeweglich. Ich versuche mir vorzustellen, wie mein Blut unermüdlich durch meinen Körper gepumpt wird. Trotz allem. Mein Gehirn wird noch erreicht. Ich benötige Sauerstoff. Ich atme glühende Luft. Ich sehe mich. Ich stehe vor mir und blicke mich an. Es reicht nicht. Ich starre mich an. Ich versuche tiefer zu atmen. Ein ungeheurer Riss durchzieht meinen Körper. Mein Rumpf scheint nur noch Lunge zu sein. Sieht so das Ende aus, frage ich mich noch – ich stehe vor meiner eigenen Leiche und starre mich an?

*

Ich erinnere mich: Ich fand mich wieder in völliger Dunkelheit, frierend und nackt. Doch ich greife vor. Seltsamer Ausdruck: ich fand mich wieder. Zuvor aber hatte ich mich tatsächlich verloren, im Bewusstlosen, sozusagen. Denke ich. Ich komme also zu Bewusstsein und finde mich, zweifellos, denke ich, also wieder – in neuer Zeit? Später? Früher? Am selben Ort? Ich sammle meine Gedanken. Ich stelle mich darauf ein, zu handeln. Die Zeit der Bewusstlosigkeit verrann ohne mich. Zeit- und Bewusstlosigkeit also. Doch ich greife vor.

Ich gehe auf und ab, ohne das Sprechen zu unterbrechen, aber das ist ja deutlich zu hören, nicht wahr! Ich spreche und betrachtete dabei die Einzelheiten meines Zimmers, die Wände, die Decke, das Fenster, das leere Fensterbrett, noch einmal Tisch, Stühle und Regal, beginne dann im Kreis zu gehen, möglichst nah an der Wand, einmal links, einmal rechts herum. Es hat durchaus kein System, im Kreis, links herum und rechts herum zu gehen, möglichst nah an der Wand. Ich gehe und spreche. Ich gebe präzise meine Gedanken wieder, verschweige nichts, denke gleichzeitig weiter, bin mir also selbst voraus. Bin ich? Ich warte auf Anna. Hier an diesem Ort. Warten. Ich warte also, denke nach, schreibe oder spreche, hier und jetzt. Absurd. Gefährlich.

Ich komme zu mir, abermals, nein: vormals, ich liege mit dem Gesicht nach unten im kalten Dreck. Mein Rückgrat ist eiskalt, wie gefroren. In meinem Mund ist Dreck, in meiner Nase ist Dreck. Ich bekomme kaum Luft. Ich werde gepackt und auf den Rücken gedreht. Eine Frau steht über mir. Es scheint Emma zu sein. Du bist belesen, nicht wahr, sagt sie. So sagt man doch: belesen? Ich versuche den Kopf zu bewegen. Emma kommt näher, betrachtet mich, bückt sich und schiebt mir einen Strohhalm in jedes Nasenloch, ganz vorsichtig, und zwei weitere in den Mund. Ich will schreien, kann aber nicht. Sie greift in den kalten Dreck und beginnt langsam, mein Gesicht damit zu bedecken. Bist auf der Suche, nicht wahr? Ruhig atmen! Ich könnte dich zu einem Stumpf auf Sägemehl machen, doch jetzt liegst du im kalten Dreck. Atme ruhig! Ich bin Emma, du kennst mich. Ich gestatte dir, mich zu benutzen. Ich entkleide mich. Schließe nicht die Augen. Schau zu. Schau auf meinen Unterleib, er ist willig. Schau hin, atme ruhig. Schau auf meine Schamlippen. Schau höher. Schließe nicht die Augen. Sieh nur. Die Brustwarzen werden hart wie Glas, und eine Flüssigkeit tropft aus meiner Vagina auf deinen Bauch und deinen Penis. Er richtet sich auf. Atme so ruhig wie möglich. Beweg dich nicht. Schließe nicht die Augen. Du suchst Anna. Ich helfe dir. Ich bin dabei, dir zu helfen, ich hocke mich auf dich. Ruhig! Atme ruhig. Spürst du deinen Penis in meiner heißen Vagina. Du bist dem Erfrieren nahe. Denkst Du. Ha! Du fragst dich, ob du ersticken oder erfrieren wirst. Ich sehe es deinen Augen an. Es gibt nur eine Stelle deines Körpers, die lebt. Ich spüre sie. Doch du benutzt mich, nicht ich dich. Denk daran. Ich bewege mich rhythmisch. Das ist schön, es gefällt mir. Es gefällt mir auch, dir helfen zu können bei deiner Suche nach Anna. Schließe nicht die Augen, atme ruhig. Auch ich atme ruhig und tief. Ich bewege mich. Jetzt beginnt mein Atem, sich zu beschleunigen. Es tut gut, benutzt zu werden. Mein Unterleib glüht. Denke jetzt nicht an Anna, ich warne dich, schließe nicht die Augen. Spürst du, wie ich komme, langsam, ganz langsam? Auch du wirst kommen, ich spüre es. Atme ruhig, verschluck dich nicht. Ich beiße in deine Brustwarzen. Das gefällt Dir, nicht wahr? Spürst du, wie erregt ich bin? Es fällt mir schwer zu sprechen. Du benutzt mich und ich lasse es zu. Bleib ruhig. Gleich wird es so weit sein. Ich brenne. Ich will dich küssen. Ich suche mit meiner Zunge die deine im Schlamm deines Mundes. Verschluck dich nicht. Atme ruhig. Dein Penis ist dem Bersten nahe, spürst du es? Noch einmal will ich deine Zunge spüren. Schlamm aus deinem Mund. Ich komme gleich. Auch du wirst gleich kommen. Ich habe Dreck im Mund. Ich nehme einen Strohhalm aus einem der Nasenlöcher und schließe es mit dem Schlamm, den ich aus deinem Munde nehme. Ruhig, ganz ruhig, gleich wirst du kommen, wir kommen zugleich. Spürst du meine Hitze? Ich spüre, die Woge schwillt an, auch du kommst, ja, ich spüre es. Ein letztes Mal suche ich deine Zunge, nehme Dreck aus deinem Mund in den meinen, ich komme, dann schließe ich das zweite Nasenloch, ja, das tue ich, bleib ruhig, ich verglühe – mein Mund auf deinem.

In völliger Dunkelheit. Nackt. Frierend. Ich stehe sofort auf und gehe unverzüglich hinunter ins Wohnzimmer. Die Türen der Kommode stehen auf, die Sitzpolster von Sofa und Sesseln aufgeschnitten, die Füllungen quellen heraus. Die Teppiche umgedreht und kreuz und quer. In Annas Zimmer ein ähnliches Bild. Das Badezimmer steht unter Wasser. Ich gehe hoch in mein Zimmer. Der Computer fehlt. Das Fenster steht auf. Ich sehe zum Waldrand, ein tiefdunkler Streifen nur im Dunkel. Eben verschwindet ein Reh in den Wald hinein, stelle ich mir vor. Ich blicke in den Garten hinunter: das Bauzaunquadrat nackt und leer. Der Text an den Wänden: verschwunden. Ich will schreien, kann aber nicht.

*

Sie betraten das Grundstück. Emma, die Waffe in der Hand, voraus. Nichts war zu hören, nicht mal Vögel. „Emma“, flüsterte Arthur, als sie eben dabei waren, in die Ruine zu klettern, „bleiben Sie stehen, dort vorne, im Gras, liegt etwas.“ Etwas Glänzendes, dunkelrot glänzendes. Es blickte sie an, das spürten beide genau. Vorsichtig gingen sie darauf zu. „Ein Reh“, flüsterte Emma, „unglaublich!“ Jetzt auch erkannte Arthur es als Reh. Es lag auf der Seite und atmete schwer. Warum war es nicht geflohen? Rehe sind sehr scheu. Eine Verletzung war nicht auszumachen. Eine ganze Weile standen Arthur und Emma dort, nur wenige Meter entfernt von dem Tier und betrachteten es, das seinerseits sie anblickte, mit dem linken Auge. Dann aber hob es plötzlich ein wenig den Kopf, schüttelte sich, es wirkte wie ein Zittern, und stand auf, mit einer einzigen, gleichmäßigen Bewegung. Doch statt fortzulaufen tat es nun einen Schritt auf sie zu, auf Arthur und Emma. Arthur zog scharf die Luft ein. Emma hob die Pistole ein wenig höher. Das Reh tat noch einen Schritt. Niemand kann Angst vor einem Reh haben, dachte Arthur, schon alleine deswegen nicht, weil Rehe Angst, eine Scheu vor Menschen haben. Doch hier, an der Ruine des Hauses, in dem Arthur mit Anna lange gelebt hatte und in der wahrscheinlich noch diese Leiche lag, die des Finnen, hatte dieses Reh etwas Furchteinflößendes. Arthur spürte, wie Emma leicht zusammenzuckte, als es sich noch einen weiteren Schritt auf sie zu bewegte. Es blickte so, wie Rehe nun einmal blicken, harmlos, doch mit zwei, drei Schritten wird das Tier direkt vor uns stehen, dachte Arthur. Er hatte kurz die Vision eines ihn zerfleischenden Rehs.

Lange Zeit geschah nichts. Sie standen sich gegenüber, Arthur, Emma und das Reh. Es dämmerte bereits. So etwas konnte doch überhaupt nicht sein, dachte Emma, niemals würde jemand auf die Idee kommen, so etwas zu beschreiben, niemals wird es einen Film geben mit einer solchen Szene! Immer noch hielt sie die Waffe schussbereit in der Hand. Arthur schmerzten schon die Augen, so sehr starrte er auf diesen Körper dort, diesen nun mattschwarzen Schatten mit den glänzenden Punkten der scheuen Augen. Dann aber passierte etwas, mit dem sie am allerwenigsten gerechnet hätten. Einige Meter hinter dem Reh, jetzt bereits in tiefer Dunkelheit, glühte ein rotes Pünktchen auf, sie hörten ein Schnalzen, das Reh wandte sich um und lief staksig auf den roten Punkt zu. Es blieb dort stehen, das war deutlich zu spüren, zu sehen aber war nichts mehr. Nur der rotglühende Punkt in der Dunkelheit, mal schwach glühend, mal aufglühend. „Unglaublich, nicht wahr?“, sagte dann plötzlich eine Stimme, eine männliche Stimme, leise und bestimmt. Dann Stille. Stille. Weder Arthur noch Emma wagten, sich zu rühren. Nach einer schier endlos scheinenden Zeitspanne, in der nur dieser Punkt manchmal noch aufglühte, sprach die Stimme weiter. „Wie ich sehe“, sagte sie, „sind Sie auf der richtigen Spur. Sie werden hier aber weder den Ursprungstext noch eine Leiche finden. Dieser Leo glaubt allen Ernstes, er habe einen Menschen umgebracht. Aus Liebe, glaubt er. Er wird fliehen. Er wird zu leiden haben. Doch das gehört zum Plan. Aber das ist von geringer Bedeutung, denn es bringt uns dem Auffinden des verlorenen Textes nicht näher. Suchen Sie ihn weiter! Der letzte Bus fährt in zwanzig Minuten. Sie sollten sich beeilen, er wartet nicht. Oder wollen Sie hier übernachten?“ Der Punkt erlosch. Arthur und Emma fassten sich an den Händen und verließen langsam und vorsichtig das Grundstück. Auf der Straße gingen sie zügiger. Der Bus, der kurz nach ihnen die Haltestelle erreichte, erschien ihnen wie ein riesiges Insekt, das nur darauf wartete, sie zu verschlingen, was es dann auch tat. Nur weg von hier!

*

Ich stand auf und schaltete das Licht an, warum weiß ich eigentlich nicht. Ich blickte zu ihr hin. Sie spreizte leicht die Beine und lächelte. Wie von Geisterhand gepackt fand ich mich auf den Knien wieder, den Kopf zwischen ihren Schenkeln, die Zunge zwischen ihren Lippen. Schon hatte sie mich mit beiden Händen am Hinterkopf gefasst und rutschte mir ein wenig entgegen. Ich war bereits in einen anderen Zustand übergegangen, allein meine Geschmacksnerven mussten dem Rest meines Körpers die Lust nur so einprügeln. Ich hörte sie stöhnen, lauter und lauter, plötzlich aber packte sie mich an den Haaren und riss mich in die Höhe, so dass ich vor Schmerz laut aufschrie. Sie sah mich kalt an und stieß mich auf meinen Stuhl zurück. Zieh dich aus, sagte sie. Sie sah mir zu. Als ich nackt vor ihr stand, begutachtete sie mich von oben bis unten und gab meiner Latte einen Klapps. Naja, schien ihr Blick zu sagen, probieren können wir’s ja mal. Nach einer Weile begann auch sie, sich zu entkleiden, ganz ohne Grazie und so, als sei sie allein und obendrein mürrisch oder gelangweilt. Ich starrte auf ihre Schuhe, wagte jedoch nicht, sie zu bitten, sie nicht auszuziehen. Sie bemerkte meinen Blick und zog sie langsam aus. Mich wieder kalt fixierend ließ sie sie fallen. Dann räumte sie in aller Ruhe den Küchentisch ab und legte sich schließlich breitbeinig darauf. Komm schon, sagte sie. Ich drang in sie ein. Sie stöhnte kurz auf und hielt die Augen geschlossen, bis ich zum Orgasmus kam. Ich glitt aus ihr heraus. Sie setzte sich auf, hockte sich im Schneidersitz auf den Tisch und sah mich an. Mein Sperma lief aus ihr heraus und bildete eine kleine Pfütze. Ich kam wieder zu Sinnen. Mein Glied erschlaffte langsam. Sie lächelte. Es sah aus, als warte sie, bis all die Flüssigkeit aus ihr heraus sei. Zögernd begann ich, mich anzukleiden. Sie aber hockte dort und lächelte. Schließlich setzte ich mich auf den Stuhl und betrachtete ihre Muschi. Ich sah sie an wie ein Wunder der Natur, als ein Wunder der Natur. Sie war rot, feucht und geschwollen, in einem Kranz pechschwarzer Haare. Ich sah zu ihr hoch. Sie lächelte. Schön, sagte sie, nicht wahr? Ja, sagte ich. Vor kurzem noch hatte ich in meinem Arbeitszimmer gesessen und ernsthaft an meinem Text gearbeitet. Jetzt saß ich dieser Frau gegenüber. Ich heiße Emma, sagte sie. Arthur, sagte ich.

Ich warte nun auf Emma. Ja. Bald schon wird sie wieder hier sein. Der Bruch mit Anna scheint mir endgültig. Der Tag, als ich den toten Finnen in der Kühltruhe fand! Ich erinnere mich. Der Tag des Brandes, an dem ich unser Haus in Brand setzte, der Tag, an dem ich beschloss, zu sterben. Ist Schreiben eigentlich ein Wettlauf mit der Zeit?

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