Träschsch – Fortlaufende Miniaturen um Anna, auch Emma.

Träschsch ist ein alter Text, ein Extrakt aus Der Bildermacher, begonnen 1996 und seitdem in Arbeit, in progress. Ganz anders etwa als Stadt, Angst, Schweigen ist Träschsch aber kein „Fließtext“ wie eben jener, sondern ein gleichsam atemloser, ein in unruhigem Wechsel rhythmisierter Text, ein Gebilde mit Brüchen und Rissen, ein Ich, das schreibt.

Der Gesamttext von Der Bildermacher umfasst etwa 235 Seiten und ist nun aufgrund der Extrahierung eines Teils, Träschsch nämlich, in der jetzigen Form nicht mehr funktionsfähig, einiger Umarbeitungen wegen, die bei der Umsetzung in den vierzehnteiligen Blog-Beitrag unumgänglich waren. Man könnte somit sagen, Der Bildermacher sei tot, er habe sich selbst aus sich selbst heraus zerstört, doch so weit würde ich nicht gehen – sagen wir einfach, er liegt in Agonie.

Träschsch (Auszug)

Ich ging also in den Keller, den Wein zu holen. Beim Hinausgehen, die Türklinke in der Hand, das Licht bereits gelöscht, fiel mir das grüne Lämpchen an der Kühltruhe auf. Neben dem gelben, das leuchtet, wenn die Truhe im Runterkühlen begriffen, und dem roten, das anzeigt, dass etwas nicht in Ordnung ist, gibt es das grüne, das folgerichtig bedeutet, dass alles so ist wie gewünscht. Jedoch, die Truhe war leer, sie ist nur selten in Betrieb. Ich hatte sie nach Annas Fest selbst abgeschaltet. Oder sollte sie etwas eingefroren haben, das oben in den Gefrierschrank nicht mehr hineingepasst hatte? Aber was sollte das sein? Wir haben meist nur frische Lebensmittel im Haus. Wir kaufen auf dem Markt. Ich arbeite zuhause und sehe es als Erholung an, zwei-, dreimal die Woche zum Markt zu fahren und einzukaufen. Oder plant Anna eine Feier und will mich überraschen? Ich schalte also das Licht an, stelle die Weinflasche zwischen meine Füße auf den Boden, packe den Deckel links und rechts und hebe ihn an, ein quappendes Geräusch, dann die Kälte, die mir entgegenschlägt. Was habe ich erwarte? Eine einsame Hammelkeule am Grund der Truhe, Gefriertüten mit Obst oder Gemüse? Und wie lange habe ich gebraucht zu erkennen, dass nichts Erwartetes, Erwartbares, zu sehen ist. Ich werde eines Kopfes, eines Gesichts gewahr, mit Rauhreif überzogen, ein Mann, ja, langsam begreife ich, halb liegend, halb sitzend, die Knie auf Höhe des Kopfes, mit weit geöffneten, matten, toten Augen. Blond. Rauhreifblond. Sein Mund mit den hellbläulichen Lippen einen spaltbreit geöffnet, so als setze er eben an, etwas zu sagen, zu sprechen. Ich lasse den Deckel los, der sogleich damit beginnt, sich festzusaugen, pflichtschuldig, so als hätte er mir gegenüber etwas zu begleichen. Dachte ich das tatsächlich in diesem Augenblick? Frage ich mich jetzt. Ich atmete tief durch. Also ein toter Mann in meiner Kühltruhe. Das stand fest und tut es noch. In meinem Haus. Er ist unten. Denke ich jetzt. Ich starrte noch einen kleinen Moment den mattweißen Deckel an, packte dann mich bückend mit schnellem Griff die Weinflasche brutal am Hals, ging zur Tür, öffnete sie, schaltete das Licht aus, schloss die Tür, Treppe hinauf, im Wohnzimmer dann auf und ab, die Flasche noch in der Hand – von der Terrassentür zur Küchentür, von der Küchentür zur Korridortür, von der Korridortür zum Kamin, vom Kamin zur Küchentür, von der Küchentür zum Tisch und so weiter und so weiter, man kennt das. Endlich öffnete ich den Wein, eine roten, einen Rioja, und trank. Der Wein war sein Geld wert. Keine Frage. Also ein Toter in meiner Kühltruhe! Tote sind allgegenwärtig, dachte ich. Als Vorstellung. Jeder Film, jedes Buch. Mord und Waffen, allgegenwärtig. Das Leben aber sieht anders aus. Tote in Kühltruhen kommen darin gemeinhin nicht vor. Ich hatte noch nie einen Toten gesehen. Bis ich den Deckel der Kühltruhe hob. Ich trank noch ein Glas. Ich sollte Anna einen Schluck übrig lassen. Sie musste ja bald kommen. Blond ist der Mann, bekleidet und tot. Graublaue Augen. Matt und tot. Rauhreif, ja das auch, der Mann ist mit Rauhreif überzogen, wie die Wiese im Winter, wenn es kalt und feucht ist, aber kein Schnee fällt.

*

Mein Spiegelbild in der Fensterfront zur Terrasse macht mich nervös. Es sieht mich an. Mir zu. Ich ihm. Ich stehe auf und gehe hin und her. Es folgt mir. Im Keller gewesen, zweite Flasche geholt. Ich öffne den Wein. Ich lösche das Deckenlicht, eine flache, gelbe Schale. Über die Stehlampe lege ich das gelbe Tuch mit dem braunen Brandfleck und dem kleinen Loch darin. Ich entzünde eine Kerze auf dem Kaminsims. Das erscheint mir zu feierlich und ich entzünde eine weitere auf dem Tisch. Ich sollte anrufen. Erreiche ich Anna tatsächlich, so wird sie mich fragen, ob etwas passiert sei. Ist etwas passiert? Ja, es ist etwas passiert! Nur wann? Und wie? Ich rufe nicht an. Die Nacht draußen kann nur schlagartig enden, denke ich. Mein Spiegelbild geht immer noch auf und ab, vom Kamin zur Terrassentür, von der Terrassentür zur Korridortür, von der Korridortür zum Kamin, vom Kamin zum Tisch und so weiter und so weiter. Lassen wir das. Ich trinke ein Glas, starre eine Weile zum Fenster hinaus und setze mich schließlich. Was also tun, denke ich. Ich sitze in meinem Sessel. Auch mein Spiegelbild ruht. Ich sehe nicht hin. Ich rekapituliere: Ich hatte eine Flasche Wein aus dem Keller holen wollen und die Kühltruhe geöffnet, weil sie in Betrieb war. Um herauszufinden, was in ihr ist. Eingefroren, tiefgefroren. Dort fand ich einen Toten. Den Toten. Meinen Toten. Nun bin ich in meinem Wohnzimmer, trinke Wein und gehe auf und ab. Kurz gezögert, als ich die zweite Flasche holte. Aber ich schlich vorbei und öffnete sie nicht, die Kühltruhe. Das ist alles. Jetzt sitze ich. Ich stehe auf. Auf der Terrasse mein Spiegelbild. Ich gieße mir ein weiteres Glas ein, öffnete die Terrassentür und trete hinaus an meine Stelle. Es ist kalt, ich aber glühe. Womöglich habe ich Fieber. Ich sehe in das menschenleere Wohnzimmer. Ich habe den Anfang der Geschichte nicht mitbekommen, denke ich. Ich bin nicht im Bilde. Wie kam der Tote in unsere Kühltruhe? Hat ihn wer getötet? Hat er sich selbst eingefroren? Selbstmord, indem er sich betrunken in die Kühltruhe setzte. Deckel zu, Mann tot? Denkbar ist alles.

*

Ich fühle mich nicht wohl mit diesem Toten im Haus. Ich werde ihn verschwinden lassen müssen. Es ist Winter, ich kann ihn in einen Graben legen, wo er gefunden wird, bevor er auftaut. Es ist makaber. Es war auch Winter, ich erinnere mich gut, da stand ich als kleiner Junge am Sterbebett meines Großvaters. Er hatte gelbe Gesichtshaut und er wusste, dass er sterben wird. Auch ich wusste es. Meine Augen haben es ihm gesagt und ich habe seinen Händedruck nur zögerlich erwidert. All diese Lügen! Warum sagte jeder diesem alten, uralten Mann, dass er schon bald wieder gesund sei? Menschen, die halb so alt waren. Ich konnte diese Lüge nicht aussprechen. Ich saß auf dem Fensterbrett und blickte hinunter in den Hof. Es begann zu schneien. Ich hörte meine Mutter, wie sie mit ihm sprach. Mein Großvater fragte mich, ob ich die Schneeflocken zählen würde, ich sagte leise Ja, aber eigentlich beobachtete ich die Zeit, wie sie verrann. Es war ein kleines Zimmer im ersten Stock eines kleinen Hauses, mir jedoch schien es ein riesiges Zimmer weit oben zu sein in einem riesigen Haus. Einen Tag später sagte man mir, mein Großvater sei gestorben. Ich wusste es bereits. Ich war in den Sog der Zeit geraten. Vom Bergfriedhof aus konnte ich dann bei der Beerdigung das in Nebel getauchte Dorf sehen. Der Ton der Trompete hallte kurz wieder und verschwand. Ich weinte nicht. Ich hatte meinen Großvater sehr geliebt, aber ich weinte nicht. Die Zeit war zu mir gekommen. Doch jetzt, plötzlich, Unzeiten später, weinte ich, angestarrt von den Eiskugeln eines Fremden, der tot in meiner Kühltruhe liegt. Im Tränenschleier verschwimmt der Körper vor mir, ich schließe den Deckel. Das Haus ist leer ohne Anna. Ich gehe in mein Arbeitszimmer und sitze nun wieder vor dem grauen Waldrand. Ich versuche, mich zu fassen, einen Gedanken zu fassen. Ich warte auf das Geräusch. Das Geräusch wird all mein Wissen löschen, Anna wird wieder hier sein und die Zeit wird neu anlaufen. Sie erzählte mir ein wenig über Schweden. Sie hatte ein Jahr dort studiert. Da entdeckte ich auch ihre Beine. Sie wusste das. Sie wusste, dass ich bereits in sie verliebt war. Ich wusste nur, dass ich mit dieser Frau schlafen wollte. Auf ein entferntes Hupen hin sagte sie, sie werde abgeholt, die Arbeit. Sie heiße Anna. Arthur, sagte ich. Sie tauchte wochenlang nicht wieder auf, jedenfalls nicht dort in diesem Café. Diese Frau von damals ist nicht die, auf die ich jetzt warte. In ihrem Tagebuch lese ich mich immer nur als A. Hemmungslosen Sex gehabt mit A, den letzten Tropfen rausgeholt. Ich kann mich nicht erinnern. Ein anderer A? Doch in den ersten Monaten hatten wir viel Sex. Ich muss mich beherrschen, nicht die letzten Seiten zu lesen. Gestern morgen bin ich im Wohnzimmer aufgewacht. Ich hatte die Nacht über fast zwei Flaschen geleert. Ich nahm das Tagebuch zu Hand. Mir war schlecht. Ich schlug es auf. Auf einer Seite weit hinten stand groß: Die Sau fickt mich nicht. Ich riss mir die Kleider vom Leib und onanierte. Danach duschte ich. Jeden Tag eine Seite lesen. Das ist genug. Ich trinke zuviel. Ich arbeite nicht. Ich kann nicht mehr klar denken. Ich denke an ihre wunderbaren Beine, an ihren Arsch, an ihren Geruch und an ihre schlechten Angewohnheiten. Sie fehlt. Sie ist ja noch nicht einmal gegangen, sie ist einfach nicht wiedergekommen. Hat sie den Finnen in die Truhe gelegt? Sie ist nicht schwächlich, es wäre ihr zuzutrauen. Vielleicht war er auf ihrer Feier, die Hälfte der Leute war mir unbekannt, viele sprachen Finnisch oder Schwedisch. Aber dann läge der Tote bereits ein halbes Jahr dort in der Tiefkühltruhe! Unvorstellbar. Oder?

*

Der Tote kommt mir bekannt vor. Sicher war er auf der Party. Die sommerliche Kleidung. Ein toter Mann. Tot. Ein toter Mensch. Auch das Geschlecht tiefgefroren. Ich kann nicht einschlafen in Annas Zimmer. In der unbequemsten Position im Sessel, dort schlafe ich ein. Ich stehe auf und gehe zurück ins Wohnzimmer, es ist tiefe Nacht, ich werde ein wenig gehen. Ich gehe also vom Kamin zur Terrassentür, von der Terrassentür zum Tisch, vom Tisch zum Kamin und so weiter und so weiter. Ich liege wieder in Annas Bett. Ich kann nicht einschlafen. Es ist heiß. Mir dröhnen die Ohren. Ich stehe auf und öffne ihren Kleiderschrank. Höschen, BHs, Söckchen, Strumpfhosen, halterlose Strümpfe, Bodys, Parfümproben. Nuttenkostüme, Nuttenschuhe. Rot und blau. Mit den Nuttenkostümen könnten wir eine Menge Geld verdienen, sagte ich. Sauf einfach weniger, sagte sie und warf mich hinaus. Ich liebe Anna, natürlich, aber sie hat ihre schlechten Seiten. Manchmal nehme ich ihre Unterwäsche aus dem Schrank und lege sie auf das Bett, so dass sie nur noch hineinschlüpfen müsste. Heute nicht. Doch sie wird zurückkommen. Selbstverständlich. Ich erwarte sie, und wenn morgen wieder der graue Waldrand hinter dem Monitor auftaucht, dann werde ich die dumme Frage des Computers, ob ich die Datei wirklich löschen will, mit Ja beantworten. Ja. Ich will. Ja. Dann wird sie wieder hier sein. Wird sie eine andere sein als vorher? Nein. Sie wird wieder die meine sein. Erst dann lösche ich diese Datei. Diesen Text.

*

Die Nacht ist dunkel. Mondlos. Ich trinke noch ein Glas. Es ist heiß. Einige Gäste sind im Garten und zertrampeln meine Beete. Ein Mädchen liegt nackt auf der Terrasse. Sie hat kleine Brüste. Wie Spatzen ohne Federn, denke ich. Ich sehe hin. Sie hat einen roten Kopf. Sie singt. Einer der Finnen spielt Gitarre. Auch er singt. Ich erinnere mich. Annas Feier. Doch alles begann später damit, dass Anna nicht zurückkam. Wann später? Wir hatten nichts ausgemacht. Vielleicht schlief sie in ihrer Wohnung in der Stadt. Ich wollte in jedem Fall warten. Ich ging in den Keller, eine Flasche Wein zu holen. Ein guter Wein. Rioja. Beim Hinausgehen fiel mir auf, dass die Kühltruhe in Betrieb ist. Ich öffnete sie. Sie war leer. Ich stellte sie aus. Ich ging hinauf und öffnete den Wein. Ich wartete auf Anna. Ich begann einen Text zu schreiben, den ich sofort löschen würde, hörte ich das Geräusch in der Diele. Der Text ist gelöscht. Anna ist wieder hier. Sie ist warm und weich. Sie sitzt mit mir am Kamin. Wir trinken Wein. Rioja. Wir reden nicht. Warum reden? Ich öffne ihre Bluse. Anna ist weich und warm und lebendig. Ich streife ihren Rock nach oben. Ich schaue ihr in die rehbraunen Augen. Ich lege meine Hand auf ihr Geschlecht. Ich ziehe ihr den Slip aus. Ihre Augen sind geschlossen. Ihre Zunge spielt in der Zahnlücke. Ich lege mir den Slip auf das Gesicht. Jetzt. Ich rieche sie. Noch. Der Geruch lässt nach. Er lässt sich nicht konservieren. Ich liege auf ihrem Bett. Ich schlafe nicht. Ich gehe nach oben. Die unendlichen Weiten. Anna kommt. Sie ist betrunken. Ihr Atem riecht nach Erbrochenem. Sie schläft ein. Sie ist wunderschön. Ich betrachte sie. Ich suche sie. Sucht sie mich? Sie ist Anna. Ihre Tagebuchblätter liegen in meinem Wohnzimmer. Ich habe ein Haus. Ich habe Glück gehabt. Im Studium und noch lange Jahre auf nur einem Zimmer gelebt. Warum auf? In! Frauen. Ja. Im Bett. Manchmal auch im Leben. Ich war gern allein. Erinnern. Vaginal. Anal. Oral. Braune, blaue und grüne Augen. Jede Form von Brüsten. Kleine Fehlerchen haben sie alle. Das macht es aus. Anna ist perfekt. Sie hat eine Zahnlücke und manchmal scheint es, als schiele sie. Ich kann mich täuschen. Das Haus liegt abseits. Niemand kommt auf einen Sprung vorbei. Wir haben Platz genug. Kaum jemand kommt, kaum jemand bleibt. Seit Anna hier wohnt, fehlt das Gästezimmer. Es wurde nie benutzt. Ihr nächster Geburtstag. Ihre nächste Feier. Wie lange warte ich bereits. Wie lange hält der Geruch einer schönen Frau? Erst das Geräusch und dann ihr Bild. Dann ihr Körper und dann ihr Geruch. Der Waldrand erscheint. Es ist still. Mein Spiegelbild ist verschwunden. Der Tag erscheint. Ich gehe ins Wohnzimmer. Die Tagebuchblätter liegen in Reih und Glied. Ich nehme eines in die Hand. Noch ist Finnland nicht verloren, lese ich. Ich lächle. Wie lange habe ich nicht mehr? A ist wunderbar. Ich lege das Blatt zurück. Ich gehe in ihr Zimmer. Ich liege auf ihrem Bett. Ich bin müde. Ich warte. Ich schlafe ein. In ihrem Zimmer? Unmöglich! Wie lange schlafe ich? Ich schrecke auf. Ist Anna oben und liest den Text? Diesen Text? Ich stehe auf und gehe in mein Zimmer hinauf. Das Fenster steht offen. Der Waldrand ist rosa und grau. Ich schaue hinaus in den Garten. Niemand zu sehen. Ich schreibe. (…)

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