Ich geb es ja zu, dass ich mich insofern konservativ verhalte, als dass ich fast ausschließlich Texte höchster Qualität lese, deren Erschaffer längst das Zeitliche gesegnet haben, und zwar lange bevor Texte durch Copy & Paste zu Patchworkgebilden wurden oder gar zu solchen, die die sogenannte Künstliche Intelligenz auf knappe Aufforderung hin in meinem Stil verfasst, ich also guten Gewissens meinen Namen drunter und drüber zu setzen mich berechtigt fühle. Alles klar!? Aber sicher doch, und zwar durchaus an allen digitalen Orten und in einer solchen Überdeutlichkeit, einer Überschärfe, einer gestochenen Schärfe, wie sie etwa in der Digitalfotografie gang und gäbe ist, seit unterbelichtete Pseudokünstler dort ihr Unwesen treiben. Zum Glück gibt es jedoch immer noch Ausnahmen, und es bleibt zu hoffen, dass diese in der zunehmenden digitalen Umweltverschmutzung sichtbar bleiben und erkannt werden. In Bezug auf Texte hingegen ist zu vermelden, dass hier die Eindeutigkeit des Uneindeutigen beziehungsweise die Uneindeutigkeit des Eindeutigen einer ähnlichen Überschärfe zum Opfer zu fallen droht wie dies in der Fotografie der Fall ist und dass die Poesie demzufolge geradezu im Dreck versinken könnte, so man denn nicht gehörig aufpasst. Anleitungen für eindeutiges Schreiben finden sich im Netz zuhauf und behandeln etwa die Frage, „wie du in deinem Roman gendern kannst, ohne Menschen abzuschrecken“, wobei die Frage natürlich Kokolores ist, weil die Menschen natürlich nicht gemeint sind, sondern nur solche, die ohnehin der eigenen Blase angehören, einer Kulturblase nämlich, in der der Herr:innenmenschengestus des Genderns die selbe Funktion innehat wie andernorts Handzeichen oder Tätowierungen. Wer einmal den bösen Blick abbekommen hat, wenn er sich nichtgendernd äußerte, weiß sicher, was ich meine. Ich selbst habe auf meiner Website in vielen Texten, die am ehesten als Glossen zu bezeichnen sind, das Gendern ausprobiert, und hier und da geht das im Textfluss durchaus, auch wenn dadurch kein Mehrwert entsteht, aber eben auch kein Schaden. Poetische Texte hingegen vertragen einiges nicht, da ist das Gendern in der dritten Person nur ein Punkt unter vielen. Wer begrenzen und belehren will, der handelt autoritär und durchwirkt einen vermeintlich erzählenden Text mit eindeutigen Botschaften. Nicht etwa, dass eine handelnde Person in einem Roman nicht gendern dürfte, denn das entscheidet diese Person in einem in sich funktionierenden Text selbst. Wer jedoch mehr will als das, der soll sich gefälligst theoretisch äußern, wenn’s denn angesichts des Allesschongesagten unbedingt sein muss. Nun gut, ich verbleibe hier passgenau an eben dieser Verknüpfung von Inhalten in besagter Eindeutigkeit des Uneindeutigen. Zudem gelobe ich, auch weiterhin keine Hilfe zum Verfassen von Texten in Anspruch, mir aber auch fürderhin herauszunehmen, mich soviel in meinen eigenen Gedanken zu verheddern, wie ich es für angebracht erachte. So! Jetzt aber Schluss und kein Wort mehr.
Unterbelichtete Überschärfe
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