Gestern, oder war es vorgestern, nein gestern, gestern war’s, gestern habe ich einen Text beendet. Die ältesten Teile des knapp 150 Seiten langen Werkes sind zehn Jahre alt. Das ist nicht weiter verwunderlich, solch eine zeitliche Spreizung entspricht meiner Arbeitsweise, denn ein Text muss wachsen und schwinden und wachsen und schwinden, pulsieren muss er und am Ende absolut ausgewachsen sein, nicht stur inhaltlich, sondern sowohl dies als auch in ästhetischer und gleichsam musikalischer Hinsicht, wie eine Symphonie. Zum Gelingen des besagten Textes hat zudem wesentlich beigetragen, dass ich Teile davon handschriftlich schrieb, wenn auch die finale Bearbeitung immer am Rechner stattfindet, und dies dann so lange, bis der Text perfekt ist. Mittelmäßige, nicht zur Perfektion getriebene Texte mögen da draußen in der Literaturszene- und branche preiswürdig sein und Umsatz und Gewinn generieren, Rücksicht auf das zahlende Publikum zahlt sich nicht selten aus, doch solche Texte kann nunmal jeder Angelernte schreiben. Schließlich, so ein Ferdinand von Schirach, der ja das Glück hat, aus einer literaturstoffreichen Hardcore-Nazifamilie zu stammen, bestehe das literarische Schreiben zu 90 % aus Handwerk, das man sich also durchaus beibringen lassen kann – statt es, füge ich mal en passant hinzu, sich selbst beizubringen, weil man es kann. Sicher, die Zeiten, in denen Oberschichtskinder sich von ihrer Familie vollkommen lösten, lösen mussten, um Kunst zu betreiben, sind vorbei. Heutigentags studiert man irgendwas Gängiges, BWL oder Jura, um sich dann mit Erfolg dem Schreibhandwerk hinzugeben. Meinen Segen haben die Leute, keine Frage, und gegen handwerklich gut Gemachtes habe ich nichts, aber auch gar nichts einzuwenden, wenngleich ich darauf bestehen muss, dass das literarische Schreiben zu 100 % aus Handwerk besteht, während alles andere weder bezifferbar ist noch sonst irgendwie greifbar, weswegen ja schließlich das eine durchaus offensichtlich gelehrt werden kann und das andere eben nicht. Die Antwort auf alle Fragen gibt ohnehin nur der Text, ob es sich nun um einen Zweizeiler handeln mag oder einen dickleibigen Roman, man also getrost alles beiseite lassen kann, könnte, was nicht im Text ist. Wenn aber nun besagter Ferdinand von Schirach, gegen den ich ja gar nichts habe, da soll mir mal kein falscher Eindruck entstehen, mittels einer Agentur für eine Lesung (laut eines Berichtes auf tageschau.de) 25.000 bis 50.000 Euro verlangt, also das doppelte bis vierfache meines Brotjobbruttojahreseinkommens, dann liegt ihm solch Tun sicher einerseits einfach im Blut, Erfolg ist eben sexy und macht sexy, während er andererseits aber auch der Sache der Literatur durchaus nicht schadet, denn solch Beträge beziffern ziemlich genau, was Literatur wert sein sollte, allein schon bezüglich eines adäquaten Stundenlohnes für uns Schriftsteller und Schriftstellerinnen. Schon James Joyce verlangte seinerzeit von Großbritannien (vor der teilweisen Befreiung Irlands) ein Gehalt für sich als Schriftsteller, ohne Erfolg, was aber nicht heißen soll, dass solch ein Herstellen gemeinnütziger Texte nicht tatsächlich vom Gemeinwesen bezahlt werden sollte, zumindest dann, wenn der „Markt“ dies nicht zu leisten vermag. Bis es soweit ist, müssen wir aber natürlich kriegen, was wir bekommen können, beziehungsweise bekommen, was wir kriegen können, müssen Brot zu kaufen Brotjobs verrichten oder uns durchzuschlagen durchschlagen, und das alles ja nur, um nicht Messbares mittels unserer handwerklichen Befähigungen in unseren Texten unterzubringen, es in sie einzuschreiben, einzuflechten, ja in sie einzuhauchen, auf dass der dann entstandene Text lebendig und flügge in die Welt hinaus drängt, diese mit sich und aus sich zu bereichern. Ja, zu bereichern! [So. Und Schluss]

Norbert W. Schlinkert: Ohne Titel, ohne Jahr, kein Brot