Zugegeben: kann ich nicht! Nämlich eine einmal als erfolgreich erkannte Machart immer wieder anwenden. Was in Handwerk, Handel, Gewerbe und in der Unterhaltung einer der Schlüssel zum Erfolg ist, ist mir in meiner Kunst eine Unmöglichkeit. Zu meinem Glück bin ich auch einfach zu faul und verfalle auch viel zu leicht in Langeweile, wenn ich auf welche Weise auch immer seriell arbeite. Aber das ist allein mein Bier und ich bewundere es durchaus in aller Ernsthaftigkeit, wenn etwa ein Schriftsteller beständig auf hohem Niveau Texte liefert, die ein Publikum finden. Manche Band hingegen, die (jahrzehntelang) Kinderpunk spielt oder Rockmusik in Schlagerästhetik, finde ich wegen der schlechten, auf Erfolgsmasche getrimmten Machart unhörbar, abgesehen von ein, zwei Ausreißertiteln, die auf ein eigentlich vorhandenes Potential hinzudeuten scheinen. Dabei ist es ja eben nicht falsch, mit künstlerischer Arbeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wenn man dies denn will und kann, nur die Qualität muss stimmen, handwerklich wie letztlich auch inhaltlich. Ein musikalisch perfekter Song mit menschenverachtendem Inhalt hat in jedem Fall insgesamt keinerlei Qualität, und träte etwa die rassistische und antisemitische Lebenseinstellung eines Louis-Ferdinand Céline in seinen literarischen Werken in irgendeiner Form zutage, und sei es zwischen den Zeilen, so verlören diese Texte nicht nur ihre Strahlkraft, sondern ihre gesamte literarische Qualität. Bei Céline ist keine Masche, keine Methode zu finden, keine Anbiederung an ein Publikum oder die strikte Anwendung einer auf Erfolg ausgerichteten Strategie. Auch einem Gerhard Richter, mit dessen Werk ich nicht viel anfangen kann, ist es (gleichsam trotz seines immensen Erfolgs auf dem Kunstmarkt) über die Jahrzehnte immer wieder gelungen, Inhalt und Form auf höchstem Niveau neu zu bestimmen. Ein Anselm Kiefer, dem ja aus Teilen der Kunstwelt mitunter ein tiefes Misstrauen entgegenschlägt, vermag dieses Niveau hingegen nicht mehr zu halten, mit seinen neuen Bildern („Die Alchemistinnen“, Palazzo Reale in Mailand, 2026) kopiert er offensichtlich sich selbst und stößt mit seinen figürlichen Darstellungen an seine Grenzen, die nicht zu ignorieren ihm zuvor immer gelungen war. Aber natürlich traut sich aus betrieblichen Gründen kein Mensch zu sagen, dass der König nackt ist, zu sagen, dass hier eine Erwartungshaltung bedient wird. Aber selbst Knut Hamsun hat ja einen schlechten, völlig uninspirierten Roman geschrieben, was allerdings bereits mit dem ersten Satz klar ist, aber das ändert nichts an der Qualität der anderen Werke, und so soll es sein. Auch ein Günter Grass konnte ja mit seinen späteren Machwerken die Danziger Trilogie nicht wirklich beschädigen, was selbst ich unumwunden zugebe. Allerdings ist es künstlerisch immer besser, immer besser zu werden, auch wenn es zugleich einen Nachteil bedeutet, denn jünger wird man dabei nicht. Sowohl der Kulturbetrieb als auch der Kulturmarkt wollen schließlich immer nur junges Fleisch, sich größtmöglichst zu begeistern, so dass alte Böcke und Böckinnen zwingend auch mal öffentlich jung gewesen sein müssen. So sieht’s aus, so wird’s bleiben, da beißt die Maus kein‘ Faden ab. Und Schluss.
