Nebensächliche Nebennotiz

Die autobiographisch angelegte Literatur boomt, jeder will alles sagen, jeder alles wissen. Autoren, die Geschichten ohne Bezug zu sich selbst und ohne Bezug zu ihrer Familie erzählen, haben es schwer. Gleichwohl kommt es immer ausschließlich auf die Qualität eines Textes an, unabhängig von Inhalt und Machart, der dann selbstverständlich insofern erzählenswert ist, wie er den Nerv trifft, ergo eine Allgemeingültigkeit für sich beanspruchen kann. Jede menschliche Erfahrung findet ihren Widerhall in anderen Menschen, wenn auch inhaltlich niemals vollständig, jedoch bestenfalls in hohem Maße. Nur die phantastische Literatur ist geeignet, diesen menschlichen Bannkreis zu durch- und in gleichsam fremde Welten aufzubrechen, man denke nur an Wolpertinger oder Das Blau von Alban Nikolai Herbst. Ich selbst arbeite als Schriftsteller durchaus nicht in diesem Bereich, ich treibe meine Phantasie nicht über Grenzen hinaus, obgleich es manchen Lesern so erscheinen mag, man denke an Kein Mensch scheint ertrunken oder Tauge/Nichts, doch das täuscht. Nichts an meinen Texten ist phantastisch, alles ist selbsterlebt, nämlich im Großen und Ganzen in meiner Wirklichkeit und komprimiert und zugleich gesteigert im Schreibprozess. Wenn der Text seinen Inhalt überlebt, indem er sich an ihm buchstäblich aufrichtet, so hat er seine Berechtigung. Überlebt er es nicht, so ist er eine dumme Leiche und gehört vernichtet. Es kommt vor, dass ich meine Archivboxen aus dem Schrank nehme, um sie nach Textleichen zu durchsuchen. Nur die ausgedruckten Texte meiner Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen! bleiben davon, da ja schließlich schon veröffentlicht, verschont, und es ist eben dieses Bedürfnis nach Vernichtung von schlechten Texten, das mich davon abhält, Teile meines Archivs als Vorlass in ein Archiv zu geben. (Wobei, so wurde mir mitgeteilt, dies so einfach nicht wäre, da das infrage kommende Archiv eher Vorlässe von Schriftstellerinnen annimmt, der Pari-Pari-Gerechtigkeit halber.) Insofern habe ich alle Zeit der Welt, weiter ins Risiko zu gehen, schlechte Texte zu produzieren, ohne dass diese dann zwingend der Nachwelt übergehäuft werden. Skrupellose Autoren wie beispielsweise Peter Handke haben hingegen ganz offensichtlich keine Bedenken, schlechte Texte und schlechtes Material in den Rachen der Archive zu werfen, und auch ich würde das wahrscheinlich tun, wenn man mir dafür buchstäblich ein Vermögen bezahlen würde. So charakterlos muss man schon sein, geschenkt wird einem schließlich nix. Da aber nun das genaue Gegenteil der Fall ist, man will es nicht und bezahlt es nicht, bin ich frei in allem, was ich literarisch tue. Ich kann essayistische Texte mit autobiographischen Elementen bereichern, die Textarten mischen, muss keinerlei Erwartungshaltung erfüllen, niemanden unterhalten, kein Füllmaterial in Geschichten einspeisen, um daraus einen Roman zu machen, und was der Vorteile mehr sind. Das Risiko am Text und im Text zu scheitern ist indes seit jeher groß, doch genau das ist für mich auf jeden Fall besser, als routiniert und der eigenen Norm folgend immer wieder Texte zu liefern. Nicht etwa das letzteres etwas Falsches oder per se schlechte Kunst ist, nur ist es eben nichts für mich, denn es würde mich langweilen und allenfalls zu mittelmäßigen, ergo überflüssigen Ergebnissen führen, für die kein Mensch gelobt werden will, oder jedenfalls ich nicht. Warum das alles aber so ist, frage ich mich seit meiner Jugendzeit, und die einfache Antwort liegt wohl in dem Umstand, mich an Lob für mein Tun ohnehin nie gewöhnt zu haben, weil es Lob für mein Tun sehr lange milieubedingt nicht gegeben hat. Da konnte ich machen, was ich wollte, es wurde geschwiegen oder geschimpft. Inzwischen aber fällt es mir immerhin (im letzten Moment) meist ein, Danke zu sagen, wenn es denn mal geschieht, dass da was gefällt. So, und nun Ende der nebensächlichen Nebennotiz, bevor es an diesem Ende noch langweilig wird.

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