In mir ein Fluss

Der Literatur-Nobelpreisträger Jon Fosse schreibt viele seiner Texte zunächst mit dem Füllfederhalter, so las ich. Tue ich auch, phasenweise. In meinen Archivboxen sind einige Texte, die es nur handschriftlich gibt, ohne Recherche oder vorherige Idee in einem Fluss dahingeschrieben, nie überarbeitet, nie wieder gelesen. Heute schrieb ich folgendes in ein Schreibheft (Heft IV):

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Mit dem Aufschrauben des Füllfederhalters, Kaweco BRASS Sport in Messing, öffnet sich zugleich die Kreativabteilung meines Gehirns, lustvoll und schreibtoll fließt es mir in die Finger. Ist das so? Behaupten immerhin lässt es sich, also kann es nicht ganz falsch sein. Dasselbe passiert aber auch beim Öffnen eines Word-Dokuments, wenn die Umstände stimmen. Stimmen sie aber nicht, hier wie da, ist das Löschen am Rechner leicht und rückstandslos, während das Vernichten des Handschriftlichen brutal ist und sich wie eine Niederlage anfühlt, eine Versagen. Hatte ich etwa nichts zu sagen, zu erzählen? Natürlich nicht, denn das Erzählen übernehme ja nicht ich, sondern ein Fluss in mir. Es heißt ja schließlich auch Erzählfluss. Das also wäre geklärt: in mir ein Fluss.

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Norbert W. Schlinkert. Erzählfluss

 

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