Septemberbrief 2009

Schon mal in einer Bibliothek geblättert? Schon mal die Briefe berühmter Männer und Frauen in unzensierten Editionen eingesehen? Aber hallo! Menschen wie Du und ich, die kaum einmal davor zurückschrecken, die Dinge beim Namen zu nennen, die im WorldWideWeb wegzensiert werden müssen. Zarte Seelen von Heranwachsenen sind zu schützen, das WWW ab 18 ist eine Illusion, selbst wenn zugleich gewisse Dinge aber sowas von ausgeleuchtet werden, dass man zu kotzen müssen meinte, wäre nur ein Webcam aufnahmebereit. Glaubt einem ja sonst niemand, das Zartbesaitetsein! Etwas verschwurbelt ausgedrückt, zugegeben, und mit Sprache kommt hier ohnehin niemand weiter, am wenigsten der Romantiker. Blablabla.

Das Recht auf Dummheit wird am Ende das letzte Recht sein, für das wir noch kämpfen dürfen – irgendwie. Die Erleuchtung, die Erlöschung, Ende, Aus, Schluss, Vorbei, Paradies. Ha! Geschissen! Vor zwei-, dreihundert Jahren war es noch der ungefallene Adam als Urbild alles Männlichen, zu dem wir, ethisch und moralisch, durch Dick und Dünn und Doof vor und zurück stiefelten, wenngleich das Weib zwar Eva gleich, doch der Schlange abhold werden sollte. Worum es hier geht? Fortschritt, Nachhaltigkeit? Wer sich bis jetzt keine Gedanken gemacht hat, der macht sich keine mehr!

Jetzt aber mal im Ernst. Wir schreiben das Jahr 2009, und das Wirpasst hier ausnehmend gut, denn wir alle schreiben und schreiben und schreiben, als ginge es um unser Seelenheil. Jeder weiß was! Jeder hat was zu berichten! Jeder hat eine Frage! Jeder weiß eine Antwort! Quak, quak, quak.

Ach ja, das Abgehängtsein. Steht uns allen bevor, und damit es niemand missversteht, zuvor ist man nicht etwa aufgehängt, sondern gleichsam angekoppelt, man ist Teil des Güterzugs des Ewigen Fortschritts mit all seinen Waggons und all den Schätzen und Ideen und all dem Müll und überhaupt, ist nicht die ganze Menschheit ein einziges Fortschreiten … Unsinn? Natürlich!

Ich jedenfalls häng‘ noch dran, spiel noch mit, aber in jeder Kurve – auch der Fortschritt mäandert – sehe ich das Ende nah, während die Zuglokomotive weit weg ist, aber sowas von weit! Unsinn? Ich weiß nicht recht.

Ich besitze einen Füllfederhalter, mit dem ich häufig schreibe; das Geschriebene hacke ich dann später in den Rechner, oder auch nicht. Wie man das nennt! Zwischenhandel? Warum nicht.

Warnung vor den Prenzlauer Bergen! Zugleich Warnung vor den Prenzlauer Zwergen, die, zur Freude ihrer Erzeuger oder deren Nachfahren, mit Tretroller und Laufrad und Fahrrad einen jeden schönen Werktag zu bestimmten Uhrzeiten die Gehwege der Prenzlauer Berge in eine Art Kriegsgebiet auf Schienbeinhöhe verwandeln – unterstützende Luftangriffe erfolgen ohne Vorwarnung mittels wimpelbeflaggter Fiberglasstangen. Deutschland, deine°Zukunft als kriegsführende Nation ist gesichert, denn diese Frühgeübten beiderlei Geschlechts sind ausreichend skrupel- und gedankenlos, um Anlass zu den schönsten Hoffnungen zu geben. Ich selber sei als Kind gewiss ebenso gewesen! Nananana! Wir wollen doch nicht zynisch werden.

° Frage: Darf man Deutschland duzen?

Der dritte Weltkrieg ist vielleicht gar kein Krieg, sondern nur ein weltweiter Stromausfall. Dann ist man vielleicht froh, noch einen Füllfederhalter im Haus zu haben. Vielleicht, vielleicht, vielleicht.

Und jetzt mal was Grundsätzliches: es ist alles ausgedacht, auch das. Ausgedacht!

Kürzlich die Meldung, dass weniger als die Hälfte der Bundesbürger in Urlaub fährt. Seltsames Gefühl, mal zur Mehrheit zu gehören, wenngleich es hier in den Prenzlauer Bergen nur wenig Aufwand bedarf, um in Urlaubslaune zu kommen. Im Grunde muss ich nur einen abendlichen Spaziergang unternehmen, um nicht nur einem guten Teil der Weltsprachen zu lauschen und Blicke zu werfen in langweilige Bars und Bars und Bars, heute heißen Cafés und Restaurants und Kneipen eben Bars, sondern mich ganz und gar fremd zu fühlen. Schön, dass die Leute alle hier sind, denk ich mir, da muss ich nicht in fremde Städte reisen, in denen ich ohnehin wahrscheinlich meine Nachbarn treffen würde. Zwischen den Bars und Bars und Bars sind Designerläden, die designten Schmuck und designte Schuhe und designte Klamotten zeigen – tagsüber sollen gelegentlich Menschen darin umgehen, sagt man. Wenn ich dann nach einer großen oder kleinen Runde nach Hause komme, wundere ich mich jedes Mal, wie persönlich die Hotelsuite gestaltet ist, bevor mir dann natürlich einfällt, dass es sich um meine Wohnung handelt. Naja, es ist ja auch nicht die Wirklichkeit, durch die ich unerkannt wie ein Zombie gestiefelt bin, sondern die 2009er-Variante der Prenzlauer Berge. Letztens fragte mich am hellichten Tag ein Tourist in gebrochenem Deutsch, ob ich Deutsch spräche. So einigermaßen, sagte ich, wo wollnse denn hin?

Politik? Europäische Union? Findet sich, Achtung Frage, all das Negative und Gefährliche, was in vielen Ländern Europas längst überwunden ist, in Brüssel? Natürlich, niemand erwartet eine Vorbildfunktion vom Europäischen Parlament, aber warum ist das – Obacht: das ist die eigentliche Frage – natürlich?

Es gibt sie noch, die guten Dinge? Hier nicht! Oder genauer gesagt, wenn im Kaffeehaus Sredzki- Ecke Kollwitzstraße noch der selbe Kellner kellnert wie vor fast zehn Jahren, dann ja. Ansonsten gibt es noch den Kulturpessimismus und die weltweite Angst vor dem Tod. Das wars dann aber auch, denn – wer sagt das heute noch – früher war alles besser! Und wer es noch nicht mitbekommen hat: wir leben in der Zukunft, unwiderruflich, auf immer und ewig, bis ans Ende der Zeiten, bis zum jüngsten Tag und dann wieder von vorn. Hört sich schwer nach Arbeit an.

Es wird Winter, die Frauen frieren bereits. Männer geben sich gelassen. In den Prenzlauer Bergen ist das wichtig, denn Frauen wie Männer sitzen so lange wie nur möglich draußen, egal ob einfach nur cool rum oder im Straßencafé. Frauen also in wattierten Jacken, Männer im Shirt. Straßencafés gibt es hier mehr als Straßen. Also überhaupt kein Problem, knapp über Auspuffhöhe seine Mahlzeit einzunehmen, wer will natürlich auch an sehr lauten Ein- und Ausfallstraßen. (Nein! Jetzt kommt kein Kalauer mit Durchfallstraßen.)

Hier gibt’s alles. Vor zehn Jahren gab es um zehn Uhr morgens kaum noch die Süddeutsche zu kaufen, legendär die Wanderungen an Samstagmorgenden° Richtung Süden, um noch ein Exemplar zu ergattern; heute kann die gar nicht mehr ausverkauft sein, es sei denn, man ist nicht bereit, mal zwei-, dreihundert Meter zu gehen.

° Bei den Berliner Idiotenrundfunksendern und bei Inforadio und wahrscheinlich überall beim RBB sagen sie natürlich Sonnabend statt Samstag – sollnsedoch!

Man ist natürlich immer Teil der Gentrifizierung, selbst wenn man sich, nach zwölf Jahren des Ausharrens, einen Umzug im Kiez nicht leisten könnte. Freunde aus Westdeutschland finden Berlin immer so erstaunlich billig, und sie zahlen dann ja auch für eine gleich große, schlechter ausgestattete Wohnung, die nicht mal in den Prenzlauer Bergen sondern einfach nur in einer Stadt liegt, 30 % mehr Miete. Dass das dann prozentual weniger aufs Budget schlägt, ist ’ne andere Geschichte.

Ein Gedanke: Bisher ist ja wohl jeder Mensch gestorben, bevor er den Sinn des Lebens gefunden hat – dass eben dies der Sinn des Lebens ist, soll nach unbestätigten Gerüchten falsch sein.

In Mitte gibt’s auch was, zum Beispiel die Staatsbibliothek Unter den Linden, und drinnen den Lesesaal Eins, samt seiner DDR-Ästhetik und des unnachahmlichen Geruches – das hilft auch Lüften nichts. Bis vor ein paar Tagen war da heile Welt, man sitzt da so rum um studiert vor sich hin, schlimmstenfalls liest man eigene Texte Korrektur, die böse Welt samt kläffender Köter und schreiender Kinder bleibt draußen. Natürlich, auch da ist seit Jahren Baustelle, und auch Arbeiter machen ja Krach (naturgemäß – würde Thomas Bernhard sagen), immer mal wieder, von Punkt sieben Uhr morgens bis halb acht, dann wieder nach der Frühstückspause so um Mittag rum und manchmal noch gegen Feierabend. Alles halb so wild, vor allem weil die Bibliothek erst um neun Uhr ihre Pforten öffnet. Alles in Ordnung also? Weit gefehlt, denn just heute genügte ein gestreckter Blick gen Decke, die ja ganz toll sein soll, um in einer der drei, genauer der hinteren riesenradgroßen Lampenkonstruktionen mit jeweils mehreren Dutzend Glaszylindern eine Lücke zu entdecken, ein fehlendes Stück! Das ist schlimmer als Lärm und böse Welt, schlimmer als Schuh-Auszieher oder Rotz-in-der-Nase-Hochzieher! Eine nackte Energiesparlampe, man stelle sich vor, eine nackte Energiesparlampe zeigt ihre Blöße, keine Bedeckung, nirgends, möchte man sagen, nun, in jedem Fall ist es eine Wunde, eine kleine nur, ein Kratzer, nicht mehr, und doch genügt ein solcher, um den Haifisch samt seiner Zähne auf den Plan zu rufen. Das ist erst der Anfang, das denke ich, das Ende der DDR ist nur noch eine Frage der Zeit, selbst der Geruch ist vielleicht schon fast verflogen, wer weiß, wie stark er einmal gewesen sein mochte. Zum Unglück der Welt, denke ich, nach oben glotzend, hat der Kommunismus ja sicher seinen Teil beigetragen, doch das muss doch wohl nicht sein, erst der Lampenladen nebenan, jetzt die letzten Lampen? Die Nazibeleuchtung vor der Deutschen Oper ist ja auch noch da, denkt man so vor sich hin, und ist die Materie nicht schuldlos, sündenfallfrei, doch vielleicht ist ja noch Ersatz im Depot und der Hausmeister ist schon auf dem Weg und wird zuversichtlich die nächsten Tage zurück erwartet, mit einer Original-DDR-Zylinderglaslampe, mattweiß. Ich werde die Sache im Auge behalten, doch ich befürchte das Schlimmste, denn Untergang des armen Landes, endgültig.

Der September neigt sich, der Herbst nimmt Gestalt an, säuselnde Schwachmaten sagen allerorten Gedichte auf. Das ist die Lage. Hegel war’s, der hat den Zeitgeist ge- oder erfunden und ihn Geist der Zeit genannt hat. Welcher herrscht heute, das ist die Frage, denn ein Herrscher muss er wohl sein, wenn niemand sich ihm zu entziehen vermag, außer natürlich die Aus-der-Zeit-Gefallenen, die aber mithin nur die Ausnahme sind einer Regel, die ohne diese keine wäre. Punktum. Nun, ich will etwas verraten: der Zeitgeist äußert sich in einem Gequatsche und Geraune und Gerausche und in kakophonischen Gesängen, alles zugleich und alles in größtmöglicher Stärke, mit größtmöglicher Gewalt, aber das ist nicht eigentlich der Zeitgeist, sondern nur die Form desselben; der Zeitgeist selbst ist nicht in ihnen, den Worten und Sätzen und Reden, er ist jetzt immer außen, der Geist hat nicht mehr seinen Platz im Sprechen, er hat sich in ein Exil zurückziehen müssen, das mit dem Wort Nichts nicht beschrieben werden kann. Doch der Zeitgeist ist nicht tot, er hat sich zeitig vom Acker gemacht, denn das mit Gott und Nietzsche und Zarathustra hat er wohl mitbekommen und seine Lehren daraus gezogen. Aber wem sag ich das? Eben!

Jeder Verbrecher will sich äußern, muss sich äußern; ein geschickter Ermittler weiß das, jedenfalls lehrt uns das die Literatur, Kierkegaard, Camus, Dostojewskij und Consorten. Auch im Wahlkampf 2009, der eben jetzt bald seinem natürlichen Ende entgegentaumelt, muss sich geäußert werden, wenn auch von Verbrechern nicht die Rede sein kann – ein Grund der allgemeinen Langeweile. Wenn doch wenigstens einer dabei wäre, möchte man ausrufen, egal ob dick oder dünn, dem man das Böse zutrauen könnte, aber nein, kein Teufelchen weit und breit. Der Wähler aber kann sich nur lebendig fühlen in radikaler Zustimmung oder Ablehnung, nur so bekommt seine Stimme Gewicht, seine Ansicht Wert. Und ich meine ja nicht den Schwerverbrecher, nein, ich meine denjenigen Typ von Gangster, der in einem jeden Bürger schlummert, der ein jeder gerne wäre, traute er es sich nur. In eine Partei gehen oder gar Politiker zu werden, das wollen aber trotzdem nur die wenigsten, aus moralischen Gründen – in solch schmutzige Gefilde will man dann doch nicht geraten.

Die Trennung von Recht und Moral, ein gewisser Christian Thomasius hat daran nicht unerheblichen Anteil, auch wenn das gut und gerne so 300 Jahre her ist, führt gemeinhin zu einer Art Rechtssicherheit, gleichzeitig aber auch zu einer Vervielfachung der Schlachtfelder. So sind die Medien nach und nach das Schlachtfeld (im pluralen Sinne) geworden, das zuvor die Justiz darstellte, als diese noch Prozesse unter Ausschluss der Öffentlichkeit führte, dafür aber den Akt der Bestrafung strikt öffentlich betrieb, man denke nur an den Pranger oder die öffentliche Hinrichtung. Heute ist der Prozess gemeinhin offen zugänglich, die Bestrafung als solche aber findet im Verborgenen statt. Letzteres führte zu einem Vakuum, und man geht sicher nicht fehl in der Annahme, dass in ihm die eigentliche Bestrafung Platz findet, wenn auch auf die unfassbare Art und Weise des schlichten Vergessens. So kommen Recht und Moral dann doch wieder zusammen und empören sich gemeinsam gegen die Ungerechtigkeit der Gleichbehandlung.

Das Individuum gründet sich auf der grundsätzlichen Möglichkeit, sich selbst als isoliert Einzelnes zu denken. Die Praxis ist eine andere, nicht nur in den Prenzlauer Bergen, sondern in allen Gebirgsregionen. Der menschliche Geist als solcher hat vor einiger Zeit, um nur ein Beispiel zu nennen, das Leib-Seele-Problem erfunden, so eine Art Arbeitsbeschaffungsmaßnahme des Geistes, und er wälzt seitdem den immer gleichen Felsbrocken den immer gleichen Berg hinauf. Es gibt natürlich nicht nur einen Felsbrocken und nicht nur einen Berg, so wenig wie es nur einen Geist gibt. Selbst im Flachland wälzt man Felsbrocken die Berge hinauf. Wichtig ist nicht allein, dass ein jeder Jedermensch seinen eigenen Brocken wälzt, sondern vor allem, dass er ihm routiniert ausweicht, wenn er wieder zu Tal rollt, um ihm dann gelassen zu folgen. Dann sieht der Jedermensch, dass die anderen Menschen das Selbe tun wie er selbst und ist glücklich bis zu dem Augenblick, in dem er wieder beginnt, seinen Brocken nach oben zu wälzen, und er bleibt es sogar, wenn er nur nicht vergisst, dass es allen so geht wie ihm, allen Allen.

In ein paar Jahren wird man sich fragen, warum, denn es war einmal eine Bundestagswahl. Zumindest weiß man jetzt ziemlich genau, wie viel Prozent der Wähler bereit sind, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Hier in den Prenzlauer Bergen sind es ein wenig weniger als anderswo, aber was heißt das schon. Noch ist Deutschland nicht verloren, aber wir arbeiten dran. Mehr fällt mir dazu nicht ein, und allein das ist ja wohl traurig genug. Jawoll.

Es wurmt mich doch sehr, so sprachlos zu sein. Natürlich bin ich nicht im eigentlichen, sondern nur im uneigentlichen Sinne sprachlos, was nichts anderes heißen kann, als auch dem Nichtgesagten eine Botschaft mitzugeben. Dennoch verkneife ich es mir nicht anzumerken, dass ich Bürger dieses Landes bin, dennoch aber nicht dem bürgerlichen Lager zuzurechnen wäre, glaubte ich den Selbsternannten und hielte die Selbstbezeichnung für wahr anstatt sie als Propaganda zu erkennen. Mit Lagerdenken kommt niemand aus einer Krise, die als eine allgemeine erkannt ist, es sein denn, man sieht nur die eigene im eigenen Lager. Und überhaupt: Krise? Wer aus den geburtenstarken westdeutschen Jahrgängen stammt, für den ist Krise der Wurmfortsatz des eigenen Seins, soll heißen: übergroße Schulklassen, Lehrstellenmangel, überlaufene Universitäten, hohe Arbeitslosigkeit uswusf.; egal wo man hinkam, man war schon da. Und dass nun nicht alle Gebeutelten, denen man im Höchstfalle ein Leben als Facharbeiter (ein Widerspruch in sich) zubilligte, dem Neoliberalismus sozialdemokratischer Prägung zuneigen, scheint mir nachvollziehbar – da wählt der Massenmensch doch lieber das Original oder zieht sich in sein gallisches Dorf zurück. Oder?

Doch warum so negativ? War ja nur eine Bundestagswahl. Und wo, denke ich, ein Fähnchen ist, wird sich ja wohl auch ein wenig Wind finden! Und vielleicht findet sich dann auch noch das Richtige im Falschen, wäre nicht zum ersten Mal! Doch überhaupt: Ich werde die Dinge weiter beobachten, so als sei nichts gewesen, und bald schon werde ich mich überzeugt haben, dass das altbekannte Spiel einfach weitergeht. Natürlich, ich kann mich einmischen in Dinge, von denen ich keine Ahnung habe, und wenn ich dann gekonnt den Überzeugungstäter spiele, bringt’s mir sicher was. Ob ich mich für die Kröte und ihren Tunnel engagiere oder für den Facharbeiter und seinen Arbeitsplatz, macht nicht den geringsten Unterschied – für mich. Beides geht mich nichts an, ich beobachte, überfahre weder die eine noch den anderen, freue mich aber, wenn Ungerechtigkeiten vorkommen, denn dann kocht die Volksseele, vielleicht nicht über, aber wenigstens vor sich hin. Das Theater geht weiter, und wer mir meine Haltung vorwerfen will, soll sich gefälligst auf die Bühne begeben, denn dort bin ich zu finden, der Teichoskop. Wenn das mal kein ordentlicher Beruf ist!

Aber mal halblang! Von welcher Mauer aus soll ich denn welche Schlachten beschreiben? Oft genug befinde ich mich ja mittendrin, etwa in besagtem Kriegsgebiet auf Schienbeinhöhe, ständig in Gefahr, von den Prenzlauer Zwergen gefällt zu werden. Andere Leute leisten sich zwar keine Zwerge zu ihrem Privatvergnügen, dafür aber teure Autos, mit denen sie Jagd machen, so dass auch ein Ausweichen vom Gehweg auf die Fahrbahn nicht anzuraten ist. Überall Kampfzwerge! Also doch auf die Mauer gehüpft und den Teichoskopen gespielt! Ist sicherer – glaube ich wenigstens.

Bald kommt der goldene Oktober, dann der silberne November, gefolgt vom bleifarbenen Dezember, der wiederum abgelöst wird vom blassweißen Januar, dem der graue Februar folgt. Der März ist nassbraun, der April hellgrün, und dann ist Sommer und es regnet oder es ist zu heiß. Es ist immer das Gleiche! Der September jedenfalls ist für dieses Jahr so gut wie vorbei, die Blätter fallen zu Boden, doch bald schon kommt der unterbezahlte Proletarier mit seinem Laubbläser und pustet sie durch die Gegend, während unterbezahlte Intellektuelle entweder schlafen oder arbeiten wollen. Manchmal kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass manche Dinge, die einen saumäßigen Krach machen, nur erfunden werden, damit der unterbezahlte Proletarier was zum Krachmachen hat. Hier im Hof wird ja auch mehrmals jährlich der kaum vorhandene und sicher nicht wachsende Rasen morgens um sieben mit einem möglichst lauten Rasenmäher gemäht, während rechtschaffende Menschen schlafen oder frühstücken und jedenfalls nicht gestört werden wollen. Warum ich mich so aufrege? Ganz einfach, weil ein krachmachendes Gerät für den modernen, wehrhaften Intellektuellen illegal ist. So einfach ist die Sachlage – und außerdem rege ich mich nicht auf!

Ende September 2009, genau der richtige Zeitpunkt um über das Tabu in seiner kleinen Form als unscheinbares und nur latent vorhandenes Etwas nachzudenken. Wie schön ist es doch gewesen, allein oder in trauter Zweisamkeit ein solches Tabu zu brechen, ohne dass dabei etwas kaputt gegangen wäre, am wenigsten das Tabu selbst! Ein Tabu benötigt Bestätigung durch Zuwiderhandeln wie unsereiner die Luft zum atmen, doch auch wir wurden zu ganzen Menschen durch den Bruch des Tabus, das Trotzdemmachen formte uns. Und nun? Aus und vorbei, die letzten kleinen harmlosen Tabus verenden im Internet und der Wirklichkeit da draußen, vor unseren Augen, denn in einer Zeit, wo jeder Idiot alles tun darf und Idioten massenweise tun, was sie wollen, ist kein Platz mehr für das kleine, unvorstellbare Glück. Übrig bleiben nur die wirklich letzten Tabus und die wirklich schlimmen Dinge, eben das, was nie und nimmer privat sein kann oder zu rechtfertigen sein wird. Alles Zeitgeist? Tun wir was, ihn zu ändern!

Wer zum Selberdenken gezwungen werden muss, der wartet auch, bis ihm jemand die Freiheit schenkt. In den Prenzlauer Bergen ist das Selberdenken eine Möglichkeit, ganz oben anzukommen oder nach ganz unten abzustürzen. Aber selbst wenn man ganz oben ist, denkt man sich unten liegend, man sieht sich geradezu zwanghaft dort unten als Matsche und rückt ein wenig ab vom Abgrund, bleibt aber neugierig. Nur wer unten ist, muss nicht runtergucken. Schön und gut, denkt man so vor sich hin, aber wer ist nur der blöde Typ dort oben, der mich so anglotzt. Kommt mir irgendwie bekannt vor.

© und alle denkbaren Rechte weltweit und darüber hinaus bei Norbert W. Schlinkert 2009

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